Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernest Thompson Seton >

Bingo und andere Tiergeschichten

Ernest Thompson Seton: Bingo und andere Tiergeschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
authorErnest Thompson Seton
titleBingo und andere Tiergeschichten
publisherKosmos, Gesellschaft der Naturfreunde Franckh'sche Verlagshandlung
printrunHunderteinundzwanzigste Auflage
yearo.J.
translatorKarl Ernst Poeschel
illustratorErnest Thompson Seton
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170520
projectid532744ec
Schließen

Navigation:

Zottelohr

Die Geschichte eines Hasen

Zottelohr oder Zottel war der Name eines jungen Häschens. Es verdankte diesen Zunamen einem aufgerissenen Löffel, den es aus seinem ersten Abenteuer davontrug. Zottelohr lebte mit seiner Mutter in Olifants Moor, wo auch ich die Ehre ihrer Bekanntschaft gemacht hatte und hundert kleine Abenteuer und interessante Begebenheiten aus ihrem Leben zusammentrug, die ich schließlich in diesen Blättern niederlegte.

Menschen, die mit dem freien, ungebundenen Leben der Tiere nicht eingehend vertraut sind, werden mir vorwerfen, ich hätte ihnen zu viel Menschliches angedichtet; andere jedoch, die mitten in der Tierwelt leben und infolgedessen mit den Gewohnheiten und dem oft verblüffenden Instinkt vertraut sind, werden mir gewiß Glauben schenken.

Die Hasen besitzen natürlich keine Sprache, die wir Menschen verstehen, aber sie haben eine bestimmte Weise, ihre Gedanken durch ein System von Lauten, Zeichen, Bewegungen der Schnurrhaare und Gebärden kundzugeben und damit das Reden vollkommen zu ersetzen. Obwohl ich diese Geschichte frei aus der Hasensprache ins Menschliche übertrage, wiederhole ich nichts, was ich nicht Gliedern der großen Sippe Hase wirklich abgelauscht hätte.

I

Das rauschende Schilf am Teichesrand neigte sich und verbarg das warme, trauliche Nest, wo Zottelohrs Mutter ihren Einzigen versteckt hielt. Sie deckte ihn mit zarten Grashalmen warm zu, und ihr letzter mütterlicher Rat war wie immer: »Bleib still liegen und halte den Mund, mag kommen, was da will!« Zottelohr, obwohl im warmen Bettchen, dachte natürlich nicht ans Schlafen und musterte mit seinen klugen Äuglein das Stück seiner kleinen, grünen Welt, das sich über ihm auftat. Dort oben schimpften sich eine Elster und ein Eichkätzchen, zwei gar berüchtigte Mausehaken, gegenseitig Diebe, und einmal war Zottelohrs Heimatsbusch sogar der Mittelpunkt einer hitzigen Kampfes. Eine Goldammer erwischte einen blauen Schmetterling kaum eine Ohrlänge vor seiner Nase, und ein purpurrot und schwarz getüpfelter Marienkäfer, der mit seinen kulpigen Fühlern winkte, machte gravitätisch einen langen Spaziergang einen Grashalm hinauf, einen anderen hinab, quer durch das Nest und gerade über Zottels Nase. Jedoch Zottelohr rührte sich nicht und überwand es sogar, zu blinzeln oder zu niesen.

Nach einer Weile hörte er ein fremdartiges Rascheln im Laub des nahen Dickichts, ein eintöniges, ununterbrochenes Rauschen, und obwohl er es bald hier, bald dort vernahm, kam es näher und näher, aber Tritte waren es nicht. Zottel hatte sein ganzes Leben (er war dazumal drei Wochen alt) im Moore zugebracht, und dennoch hatte er niemals etwas Derartiges gehört. Seine Neugierde war natürlich aufs höchste gespannt. Die Mutter hatte ihm zwar befohlen, still liegen zu bleiben, aber nur im Falle einer Gefahr, und dieses fremdartige Geräusch ohne vernehmbare Tritte konnte gewiß nichts Gefährliches bedeuten.

Das leise Rascheln ging dicht an ihm vorüber, dann zur Rechten, dann wieder zurück und schien sich schließlich zu entfernen. Zottel wußte sofort, was zu tun sei; denn er war ja kein Baby. Es war seine Pflicht als Hase, zu erfahren, was es da gab. Er erhob langsam seinen weichen, rundlichen Körper auf den flaumbedeckten, kurzen Beinchen, schob den dicken Kopf über die schützende Wand des Nestes und lugte neugierig hinaus in den Wald. Da er nichts Besonderes entdecken konnte, machte er einen Schritt vorwärts und – befand sich Auge in Auge mit einer ungeheuren, schwarzen Schlange.

»Mama«, kreischte Zottelohr in tödlichem Entsetzen, als das Ungeheuer auf ihn zuschoß.

»Mama,« kreischte Zottelohr in tödlichem Entsetzen, als das Ungeheuer auf ihn zuschoß. Mit aller aufwendbaren Kraft seiner schwachen Beinchen versuchte er zu laufen. Aber wie der Blitz hatte ihn die Schlange am Ohr und wickelte sich voll gieriger Lust um das hilflose kleine Häschen, das sie sich zum Mittagsmahl auserkoren hatte.

»Mama, Mama« keuchte der arme Kleine, als das grausame Ungetüm begann, ihn langsam zu Tode zu würgen. Bald, gar bald würde des Kleinen Schrei verstummt sein, aber da kam Hilfe in der Not; mit langen, atemlosen Sätzen kam durch den Wald – die Mutter. Nicht länger mehr eine scheue, furchtsame Häsin, stets bereit, auch vor einem Schatten davonzulaufen – die Mutterliebe war in ihr erwacht. Der Hilfeschrei ihres Einzigen hatte sie mit der Tapferkeit einer Heldin erfüllt, und – hopp, setzte sie über den ekelhaften Wurm. Beim Sprunge schlug sie mit ihren starken, scharfbewaffneten Hinterläufen kräftig aus und versetzte der Schlange einen solchen Schlag, daß sie sich vor Schmerzen krümmte und vor Wut zischte.

»Mama« wimmerte ganz schwach ihr Kleinod. Und die Mutter wiederholte ihre Sprünge wieder und wieder und schlug heftiger und ungestümer bei jedem Satz, bis das abscheuliche Gewürm Zottels Ohr fahren ließ und nach Atem schnappte, aber alles, was es erwischen konnte, war ein Flöckchen Wolle. Der Häsin sausende Hiebe fingen an, ihre Wirkung zu zeigen; denn lange, blutige Striemen waren in den Schuppenpanzer des schwarzen Ungetüms gerissen.

Die Sache begann der Schlange ungemütlich zu werden, und indem sie sich für den nächsten Angriff vorbereitete, lockerte sich der eiserne Griff, mit dem sie das kleine Häschen umklammerte, das sofort aus der furchtbaren Umschlingung herauskroch und im Niederholz verschwand, außer Atem und zu Tode entsetzt, aber unversehrt bis auf sein linkes Ohr, das vom scharfen Zahn arg zerfetzt war.

Die Mutter hatte damit alles erreicht, was sie wollte. Sie fühlte keine Neigung, um Ruhm oder Rache zu kämpfen; so verschwand auch sie im Wald, und das befreite Häschen folgte ihrer weißen Blume wie einem Leuchtturm, bis sie in einer sicheren Ecke des Moores angelangt war.

II

Alt-Olifants Moor war ein unwirtlicher Waldzug, voll von Dorngestrüpp und jungem Nachwuchs, mit einem morastigen Teich und von einem Flusse durchquert. Ein paar Veteranen des Hochwaldes waren noch stehen geblieben, und einige noch ältere Baumstümpfe lagen im Unterholz umher wie Leichensteine. Die Gegend im Umkreis des Teiches war von der weidenbewachsenen, schilfigen Beschaffenheit, die Katzen und Pferde vermeiden, die jedoch das Rind aufsucht. Die trockeneren Streifen waren überwuchert mit wilden Rosen und jungen Bäumchen, und der äußerste Gürtel des Ganzen, dem sich das freie Feld anschloß, bestand aus schlank gewachsenen, biegsamen, jungen Fichten, deren frische, grüne Nadeln dem einsamen Wanderer einen erfrischenden, balsamischen Duft zusandten. Doch wehe jedem Unkraut, das es wagt, seine Nährkraft aus dem angestammten Boden der Fichte zu ziehen; sicherer Untergang durch das erstickende Leichentuch der absterbenden Nadeln droht ihm gewiß.

Im weiten Umkreis dehnte sich das freie Feld, und die einzigen Wildpfade, die jemals die Waldungen durchkreuzten, waren die eines ganz gewöhnlichen, gewissenlosen Fuchses, dessen festes, unterirdisches Raubschloß nur allzunahe lag.

Die Hauptbewohner des Moores waren Zottelohr und seine Mutter, deren nächste Nachbarn weit entfernt lebten und deren Verwandtschaft schon längst zu den Vätern versammelt war. Das waldbewachsene Marschland war ihre Heimat. Hier lebten sie ihr anspruchsloses Hasenleben, und hier war es, wo Zottelohr die Erziehung genoß, die ihn zu einem tüchtigen Hasen machte, der dem Ernst des Lebens mit Charakter entgegentrat.

Mama Hase war eine treue, kleine Mutter, die ihr Söhnchen erzog, so gut sie es eben konnte. Das erste, was sie ihm beibrachte, war »Stilliegen und Schweigen«. Das Abenteuer mit der Schlange lehrte Zottel die tiefe Weisheit dieses Rates ganz begreifen. Er vergaß die Lehren niemals und handelte in späteren Tagen genau so, wie man es ihm angeraten, was sich in den meisten Fällen auch als das einzig Richtige erwies.

Das zweite, was er lernte, war »Erstarren«. Es ergibt sich ganz von selbst aus dem ersten und wurde Zottel, sobald er ordentlich laufen konnte, in der Praxis beigebracht.

»Erstarren« bedeutet einfach, sich nicht rühren und zur Statue werden. Sobald ein gut erzogener Hase entdeckt, daß ein Feind ihm nachstellt, bleibt er gerade wie und wo er ist und vermeidet ängstlich jede Bewegung. Dies ist ganz natürlich, denn die Bewohner des Waldes, die von der gleichen Farbe wie Erde, Baum und Strauch sind, ziehen nur dann das kluge des Verfolgers auf sich, wenn sie sich rühren. Begegnen sich nun zwei Feinde auf den einsamen Wald- und Wildpfaden, so ist der, der den Gegner zuerst erblickt, im Vorteil, weil er sich durch »Erstarren« unsichtbar machen und dann den richtigen Zeitpunkt für Angriff oder Flucht selbst wählen kann. Nur wer mit dem Leben und Treiben des Waldes innig vertraut ist, ist imstande, die Bedeutung des Erstarrens ganz zu fassen. Jedes Tier im freien, grünen Forst und jeder Jäger muß es erst lernen, und die meisten Tiere bringen es zu einer erstaunlichen Vervollkommnung, doch keines konnte es Mutter Hase gleichtun. Sie lehrte Zottel dieses Kunststück an Beispielen. Wenn das weiße Kissen, das sie als bequemes Sitzpolster immer mit sich trug, durch die Waldung dahinflog, hopste Zottelohr hinterher, so schnell er konnte, um wenigstens annähernd Schritt zu halten, doch wenn die Mutter plötzlich anhielt und »erstarrte«, tat er, veranlaßt vom natürlichsten Nachahmungstrieb, genau das gleiche.

Wenn das weiße Kissen dahinfliegt durch die Waldung.

Die tiefste Weisheit jedoch, die Zottelohr von seiner Mutter mitbekam, war das Geheimnis des wilden Rosenbusches. Es ist eine uralte Geschichte, und um sie ganz zu verstehen, muß man erst erfahren, warum der wilde Rosenstrauch mit den Tieren in Feindschaft geriet.

In alten, alten Zeiten blühten die Rosen aus Sträuchern ohne Dornen. Aber das Eichhörnchen und die Maus kletterten nach ihnen und die Kuh stieß sie mit ihren Hörnern herab. Das Opossum peitschte sie mit seinem langen Schwanz herunter, und das Reh trat sie mit seinen scharfen Hufen nieder. Deshalb bewaffnete sich der Rosenstrauch mit spitzen Stacheln, um seine Rosen beschützen zu können, und erklärte allen Geschöpfen ewige Fehde. Von dieser Kriegserklärung wurde niemand ausgenommen als der Hase; denn er konnte ja nicht klettern, war huflos und hatte weder Hörner noch einen Schwanz, wenigstens keinen, den man als solchen bezeichnen konnte.

Und in der Tat, niemals hat ein Hase einer wilden Rose ein Leid zugefügt, und da sie so viele Widersacher hatte, machte sie den Hasen zu ihrem Busenfreund. Und wenn Gefahr dem armen Lampe droht, flieht er zum nächsten Rosenbusch; denn er weiß ja, daß dieser bereit ist, ihn mit tausend spitzigen Schwertern zu verteidigen.

Das ist die geheimnisvolle Überlieferung von der innigen Freundschaft des Rosenstrauchs mit Meister Lampe. – Die Hasenmutter war klug genug, ihre kostbare Zeit vor allem zu benutzen, um das gelehrige Söhnchen mit der Geographie des Landes, den tausend Irrpfaden zwischen den Brombeer- und Dornensträuchern, vertraut zu machen, und Zottel kannte sie bald so gut, daß er sich auf zwei verschiedenen Wegen durch das Moor nach Hause finden konnte, ohne sich dabei von den stets hilfsbereiten wilden Rosen weiter zu entfernen als höchstens fünf Hopse.

Nicht lange ist's her, da bemerkten die Feinde der Hasen mit gerechtem Unwillen, daß die Menschen eine neue Sorte von Dornenhecken erfunden hatten und diese in langen Reihen durch das ganze Land pflanzten. Diese Hecken waren so stark, daß niemand sie niederbrechen konnte, und so scharf, daß sie das dichteste Fell erbarmungslos zerrissen. Jedes Jahr erschienen mehr und mehr, und jedes Jahr wurde die Sache für die freien Waldbewohner ernsthafter. Nur Mutter Hase hatte von dieser Neuerung nichts zu fürchten, denn nicht umsonst war sie unter den wilden Rosen aufgewachsen; aber Hunde und Füchse, Kühe und Schafe, ja selbst Menschen rissen sich gar jämmerlich an diesen furchtbaren Stacheln, und je weiter sich dieser bisher ungekannte und nun gefürchtete Dornstrauch ausbreitete, desto sicherer wurde das Land für die Hasen und desto ruhiger konnten sie leben unter dem Schutze des – Stacheldrahtzauns.

III

Die Häsin hatte nur diesen einzigen Sprößling, und Zottelohr genoß infolgedessen ihre ungeteilte Liebe und Pflege. Er war ein außergewöhnlich flinker, starker und kluger Junge, das Glück lächelte ihm, und so entwickelte er sich zu einem wahren Prachthasen.

Die Mutter hielt ihren Sohn beständig an, die Geheimnisse der Waldeskunde gründlich kennenzulernen, zu unterscheiden, was gut zu essen und zu trinken und was schädlich sei. Tag für Tag mühte sie sich ab, ihn zu belehren und zu einem tüchtigen Hasen heranzubilden, und trichterte in seinen Kopf Hunderte von Plänen, Kniffen und Schlichen, die ihre eigene Erfahrung und ihre gute Erziehung sie gelehrt. So rüstete sie Zottel mit einer Bildung aus, mit der er als Mann ins Leben treten konnte.

Dicht neben der Alten im Kleeacker oder im Dickicht konnte man ihn würdevoll sitzen sehen und beobachten, wie er sie nachahmte, wenn sie sich die Nase putzte, oder dann und wann ein paar Hälmchen aus ihrem Maule zupfte und an ihren Lippen leckte, um sicher zu gehen, daß er auch das gleiche Futter bekam wie sie. Dann lernte er, wie man die Ohren mit den Pfoten glatt streichen und den Rock ausbürsten müsse, und wie man die Haarflocken aus Weste und Socken entfernt. Auch wußte er bald, daß die Tautropfen der wilden Rosenblätter das einzig anständige Getränk für Hasen sind; denn Wasser, das einmal die Erde berührt, mußte sicherlich irgendeine schädliche Beimischung haben. Das waren die Vorstudien zur Waldeskunde, der ältesten aller Wissenschaften.

Sobald Zottelohr groß genug war, um ohne Begleitung ausgehen zu können, machte ihn seine Mutter mit dem Geheimnis der Telegraphie bekannt. Die Hasen pflegen sich gegenseitig Signale zu geben, indem sie mit den Hinterläufen auf den Erdboden klopfen, und da der Schall auf der Erde bekanntlich sehr weit trägt, kann man einen Schlag, wenn man das Ohr dem Grunde nähert, wenigstens hundert Meter weit vernehmen. Nun haben die Hasen ein ungemein scharfes Gehör und sind imstande, das Klopfen eines der Ihrigen zweihundert Meter weit zu hören, eine Entfernung von einem Ende von Olifants Moor bis zum andern. Ein einmaliges Klopfen bedeutet »Paß auf« oder »Erstarre«. Ein langsames Poch-Poch »Komm«. Ein hastiges Klopfen heißt »Gefahr« und ein rasches dreimaliges Pochen »Lauf ums liebe Leben«.

Der Hund kommt schnüffelnd den Baumstamm entlang.

An einem wunderschönen Morgen, als sich die Eichelhäher in den Zweigen zankten, ein sicheres Zeichen, daß keine Gefahr zu befürchten war, begann Zottel dieses neue Studium. Mutter Hase gab durch Anlegen der Löffel das Zeichen zum Niederlegen, dann lief sie weit hinweg in das Dickicht und telegraphierte »Komm«. Zottel setzte sich in Trab, aber konnte sie nicht finden; er klopfte und wartete vergeblich auf eine Antwort. Aufmerksam umherschnüffelnd, fand er ihre Fußspur, und dieser Führerin folgend, die alle Tiere sicher leitet, den Menschen jedoch unbekannt ist, arbeitete er sich vorwärts und fand die Mutter glücklich in dem Versteck. Das war seine erste Übung im Aufspüren, und dieses Wechselspiel von Suchen und Finden wurde zur Schulung für manch ernsthaften Fall in seinem späteren Leben. Schon ehe man den ersten Lehrkurs beendet hatte, war er Meister aller Kniffe und Winkelzüge, die zum Leben eines Hasen nötig sind, und in vielen bewies er außergewöhnliches Talent, in manchen sogar wirkliches Genie.

Er war Sachverständiger im Unterscheiden der Bäume und Pflanzen, ein wahrer Künstler in Seitensprüngen und im Erstarren; er konnte jedes Hindernis mit Eleganz nehmen, jeden Wind ausnutzen und sich so natürlich tot stellen, daß er kaum noch neuer Kunstgriffe bedurfte. Ohne alle Vorübung wußte er genau, wie man sich die Stacheldrahtzäune zunutze macht; denn dies war ja ein Kniff neuester Erfindung. Seinen Verfolgern Sand in Augen und Nase zu werfen, war sein Lieblingsspiel; er konnte kunstgerecht ausbiegen, über Zäune setzen und Kreise beschreiben und vor allem sich einlochen, ein Kunststück, das wir noch näher beschreiben müssen. Aber bei alledem vergaß er niemals, daß »Erstarren« und »Zusammenducken« der Anfang aller Weisheit ist, und daß der wilde Rosenstrauch den einzigen sicheren Schutz gewährt.

Früh lehrte ihn die Mutter auch alle Feinde der Hasen kennen und unterscheiden und brachte ihm vor allem die Art bei, sie ordentlich an der Nase herumzuführen, denn sie alle, Bussarde, Eulen, Füchse, Hunde, Marder, Wiesel, Katzen, Skunks, Waschbären und Menschen, haben einen besonderen Verfolgungsplan, und für alle diese Übel wußte die kluge Lehrmeisterin eine Abhilfe.

Um die Annäherung des Feindes rechtzeitig zu entdecken, lernte er, sich vor allem auf sich selbst und seine Mutier, dann aber auf den Eichelhäher zu verlassen. »Niemals überhöre des Hähers Warnungsruf,« war der weise Rat der Mutter; »zwar ist er ein Ränkeschmied, ein Unheilstifter und ein Dieb, aber es entgeht ihm nichts. Er würde sich zwar nichts daraus machen, uns Übles zuzufügen, aber dank dem wilden Rosenstrauch kann er es nicht, und da seine Feinde auch die unsern sind, mußt du ihn immer im Auge behalten, wenn du den Warnungsruf des Spechtes hörst, kannst du ihm trauen; denn er ist ein braver, ehrlicher Nachbar. Aber er ist rein nichts gegen den Häher, und obwohl dieser oftmals lügt, um Unheil anzustiften, kannst du ihm immer glauben, wenn er böse Kunde bringt.«

Das Springen durch Stacheldrahtzäune erfordert starke Nerven und behende Läufe, und erst in seinen späteren Jahren versuchte sich Zottelohr an diesem Kunststück; aber als er ausgewachsen war, wurde es sein Lieblingssport.

»Es macht denen, die es wirklich verstehen, viel Spaß,« sagte Mutter Hase; »zuerst läufst du vor deinem Hunde her immer gerade aus und läßt ihn ein bißchen warm werden, indem du dich beinahe fangen läßt; dann, in Sprungweite vor ihm, führst du ihn in weitem Bogen im vollsten Galopp in einen brusthohen Stachelzaun. Oft hab ich's schon mit angesehen, daß ein Hund oder ein Fuchs fürs ganze Leben zum Krüppel wurde, und einmal sah ich einen mächtigen Jagdrüden tot auf dem Platze bleiben, aber noch öfter hat ein braver Hase sein Leben bei diesem Wagestück gelassen.«

Zottelohr wurde beizeiten in das eingeweiht, was mancher Hase niemals lernt, in das »Einlochen«, eine nicht so einfache Sache. Oft ist es eines klugen Hasen letzte Rettung, aber früher oder später eines tölpischen Häschens Tod. Ein junger Hase denkt an diesen Ausweg immer zuerst, ehe er einen anderen versucht, aber ein Ausgelernter wird sich seiner nur im höchsten Notfall bedienen. Es ist ein sicheres Entwischen vor einem Menschen oder einem Hund, vor einem Fuchs oder einem Raubvogel, aber es bringt sicheres Verderben, wenn der Verfolger ein Marder, ein Skunk oder ein Wiesel ist.

Es gab nur zwei Erdlöcher im Moor. Das eine war unter der Sonnenbank, einem trockenen, geschützten Erdhügel auf der Südseite, offen und langsam gegen die Sonnenseite abfallend. Hier war es, wo die Familie Hase an schönen Tagen ihre Sonnenbäder zu nehmen pflegte. Auf einem Bett von Fichtennadeln und Wintergrün streckten und reckten sie sich in katzenartigen Stellungen und drehten sich langsam von einer Seite auf die andere, wie man einen Braten auf dem Roste wendet, damit alle Seiten gut durchbraten. Sie blinzelten, schnauften und krümmten sich wie unter den schrecklichsten Schmerzen und Qualen, aber dabei war es das höchste Wohlbehagen, das sie kannten.

Quer über den Rand des Erdhügels lag ein alter Fichtenstumpf. Seine grotesken Wurzeln schlängelten sich über die gelbe Sandbank wie Drachenarme, und unter ihren schützenden Ausläufern hatte sich vor Zeiten ein altes, bärbeißiges Murmeltier eine Höhle gegraben. Dieser griesgrämige Einsiedler wurde von Tag zu Tag unliebenswürdiger und schlechter gelaunt und ließ sich eines Tages fürwitzig in Handgreiflichkeiten mit Olifants Hund ein, anstatt sich weise zurückzuziehen. Infolgedessen konnte eine Stunde später Mutter Hase von der Höhle Besitz ergreifen.

Einige Zeit darauf ging dieses Erdloch in den Besitz eines selbstgefälligen, jungen Skunks über, der sich gewiß eines langen Lebens erfreut hätte, wäre er weniger tollkühn und eingebildet gewesen; denn er glaubte in seiner Vermessenheit, daß selbst der Mensch mit dem Schießgewehr bewaffnet vor ihm die Flucht ergreifen müsse. Er mußte diese Behausung bald aufgeben; denn seine selbstherrliche Regierung dauerte nur vier Tage.

Die zweite Höhle, das »Farnloch«, lag, wie schon der Name verrät, unter einem Farnstrauch dicht neben dem Kleeacker. Sie war eng, feucht und zu nichts zu gebrauchen, es sei denn im Falle höchster Not als letzter Zufluchtsort. Auch sie war das Werk eines Murmeltiers, eines wohlmeinenden, freundlichen Nachbars, dessen Haut jedoch leider infolge der Feigheit ihres Besitzers in Form einer Peitschenschnur aus Olifants Ackerpferden erhöhte Arbeitskraft heraushieb.

»Geschieht ihm schon recht,« meinte der Alte; »denn diese Peitsche ist bei gestohlenem Futter gewachsen!«

Zottelohr-Sohn und Mutter waren nun die alleinigen Besitzer dieser beiden Höhlen, aber sie suchten sie so selten als möglich auf, damit nichts einem Pfade auch nur annähernd Ähnliches das Bestehen dieser letzten Zufluchtsstätten ihren Feinden und Widersachern verraten sollte.

Auch stand da ein hohler Nußbaum, der, obwohl fast verfallen, dennoch jedes Jahr frisch grünte und unschätzbare Vorteile bot, weil er an beiden Seiten offen war. Diese Höhle war lange die Residenz eines alten, einsiedlerischen Waschbären, der seinen Lebensberuf darin erblickte, Frösche zu jagen, und der sich wie die alten Mönche aller Fleischnahrung enthielt. Man argwöhnte jedoch, daß ihm nur die Gelegenheit fehlte, einmal einen Hasen zum Frühstück zu versuchen. Und so kam es denn, daß ihn eines Nachts ein jäher Tod von Olifants Hand erreichte, als er gerade dabei war, dessen Hühnerhaus gründlich auszuplündern, und die Hasenmutter konnte von seinem traurigen Heim Besitz ergreifen, ohne die geringste Trauer um den Dahingeschiedenen, vielmehr mit dem Gefühl wahrer Erleichterung.

IV

Der goldene Sonnenschein eines Augustmorgens flutete über das Moor, und jedes Blättchen schien sich im warmen Glanze zu baden. Ein kleiner, brauner Sumpfsperling schaukelte auf einer langen Rute über dem Teiche. Unter ihm spiegelte das schmutzige Wasser ein paar Streifen blauen Himmels, und aus ihnen und den grüngelben Wasserlinsen bildete sich das wunderbarste Mosaik mit dem Spiegelbilde des kleinen Vogels in der Mitte. Am Ufer stand ein dichter Wald üppig wuchernder Wasserpflanzen, die tiefe Schatten über das braune Riedgras warfen.

Die Augen des kleinen Sumpfsperlings waren nicht dazu erzogen, all diese Farbenpracht in sich aufzunehmen; aber sie hatten etwas entdeckt, was wir wohl übersehen hätten, nämlich daß zwei der kleinen, braunen Höcker unter den breiten Blättern der Wasserpflanzen Lebewesen waren, deren Nasen sich unaufhörlich auf und ab bewegten, obwohl sie sonst wie tot dalagen.

Es waren Mutter und Sohn, die behaglich ausgestreckt unter den schützenden Blättern lagen. Sie hatten dieses schattige Plätzchen gewählt, weil es den lästigen Pferdefliegen dort zu langweilig war und sie infolgedessen ungestört der Ruhe pflegen konnten.

Die Hasenkinder haben keine fest bestimmte Zeit für ihre Unterrichtsstunden, sie lernen den ganzen Tag; denn die Wahl einer Unterrichtsstunde hängt ganz von den Umständen ab und macht sich oft nötig, bevor man's ahnt. Mutter und Sohn hatten sich zu einer gemütlichen Mittagspause nach diesem stillen Ort begeben, aber sie waren nicht lange dort, als plötzlich des immer wachsamen Eichelhähers Warnruf erscholl und die Hasenmutter veranlaßte, sofort Nase und Ohren aufzurichten. Drüben über dem Moor erschien Olifants großer schwarz- und weißgefleckter Hund und kam gerade auf sie los.

»Duck dich nieder,« rief die Alte, »und ich will den Narren schon Mores lehren.« Davon sauste sie und kreuzte furchtlos des Hundes Weg.

»Wau, wau,« ertönte sein aufgeregtes Gebell, als er hinter Zottelohrs Mutter dahinrannte, doch diese ließ ihn nicht in greifbare Nähe kommen und führte ihn dorthin, wo Millionen von scharfen Stacheln ihn blutig rissen, bis ihm das Fell von den Ohren hing. Zuletzt leitete sie die wilde Jagd im Bogen genau auf einen dichtüberwucherten Stacheldrahtzaun zu, wo sich der hitzige Verfolger eine derartige Wunde zuzog, daß er heulend vor Schmerz heimwärts trottete. Nachdem die Häsin dann noch eine doppelte Schleife und verschiedene andere kunstvolle Windungen im Laufe beschrieben hatte, um ihre Spur möglichst zu verwischen, im Falle der Hund zurückkehren sollte, kam sie zu ihrem Söhnchen zurück und fand es, die großen, neugierigen Augen weit aufgerissen, aufrecht sitzend und sich den Hals verdrehend, um diesen interessanten Sport mitanzusehen.

Dieser Ungehorsam machte die Alte so ungehalten, daß sie ihrem Sprößling eins mit dem Hinterlauf versetzte, daß er kopfüber in den Schlamm purzelte.

Eines Tages, als die Hasen sich gerade zum üppigen Mahle im Kleeacker niedergelassen hatten, kam ein rotgeschwänzter Bussard aus den Lüften herab auf sie zugeschossen. Die Mutter schlug hinten aus, um den Bussard zum besten zu haben, und flüchtete dann unter die Dornen, die längs eines alten Waldpfades standen, wohin der Räuber natürlich nicht folgen konnte. Es war der Hauptverbindungsweg zwischen dem Dickicht am Bache und dem sogenannten »Ofenrohr«-Reisighaufen, und da einige Schlingpflanzen querherüber gewachsen waren, machte sich Mutter Hase, den Bussard natürlich im Auge behaltend, daran, diese Zweige abzubeißen. Zottelohr sah ihr eine Weile zu, dann lief er ein Stückchen voraus und knabberte einige Ranken ab, die weiter unten den Pfad versperrten. »Das ist recht,« sagte die Mutter, »halte die Rennwege offen, nicht zu breit, aber laß sie ja nicht zuwachsen; denn du wirst sie oft genug nötig haben. Beiße alle Ranken sorgfältig ab, dann wirst du eines Tages finden, daß du Fallstricke zerschnitten hast.« »Was bedeutet denn das?« fragte Zottelohr wißbegierig, indem er sich mit dem linken Hinterlauf behaglich am rechten Ohr kratzte.

»Ein Fallstrick oder eine Schlinge,« erklärte ihm die Mutter, dann und wann einen raschen Blick nach dem jetzt weit entfernten Bussard werfend, »eine Schlinge ist ein Ding, das genau so aussieht, wie eine Schlingpflanze, aber es wächst nicht und ist gefährlicher als alle Raubvögel der Welt; denn Tag und Nacht liegt es verborgen im Rennweg, bis es einst die Gelegenheit wahrnimmt, dich zu fangen.

»Du glaubst doch nicht etwa, daß es mich fangen könnte?« fragte Zottelohr mit der ganzen Einbildung seiner jungen Jahre, indem er sich auf die Zehenspitzen stellte, um sich hoch oben an der glatten Rinde eines jungen Bäumchens Kinn und Schnurrbart zu reiben. Zottel wußte nicht, warum er das tat, aber seine Mutter sah und kannte dieses Anzeichen, ähnlich dem Stimmwechsel bei einem Knaben, und wußte, daß ihr Kleiner nun kein Baby mehr war und bald in die Reihen der Erwachsenen eintreten würde.

V

Es liegt ein tiefer Zauber im frischen, dahinrieselnden Wasser. Wer weiß und fühlt das nicht stets von neuem! Eisenbahndämme baut man furchtlos durch weite Sümpfe und Teiche, ja selbst durch Seen, aber die schmalste Rinne laufenden Wassers behandelt man mit größter Achtung und Vorsicht, macht ihre Richtung, Wege und Wünsche ausfindig und gibt ihr freien Lauf. Der durstgequälte Wanderer in der giftdunstenden Salzwüste hält sich fern von schilfbewachsenen Sümpfen, bis er endlich eine Stelle findet, wo sich eine silberklare, dünne Linie durch die Öde schlängelt – lebendiges Wasser – und erlöst beugt er sich nieder, um sich zu erquicken.

Es liegt eine geheimnisvolle Macht im frischen, laufenden Wasser, es bildet ein unüberwindliches, gleichsam bannendes Hindernis für jeden bösen Zauber, in Zeiten der Not gewährt es Hilfe und Rettung, und das freie Geschöpf der Waldes mit dem nicht ermüdenden Todfeind auf seiner Fährte sucht, von seiner Zaubermacht unbewußt angezogen, seinen nie versagenden Schutz. Wenn das gehetzte Tier mit seiner Kraft am Ende ist, wenn jeder erdenkliche Kunstgriff und Ausweg versagt, führt es ein guter Engel zum Wasser, zum lustig dahinspringenden lebendigen Wasser, und es stürzt sich hinein und folgt dem kühlenden Strome, um dann erfrischt und gekräftigt den Weg zum Forste wieder aufzunehmen.

Es liegt ein geheimer Zauber im lebendigen Wasser. Wenn die Hunde auf hitziger Jagd an dieses Hindernis kommen, müssen sie ihren Lauf hemmen und suchen umher, aber sie suchen vergeblich. Die Spur ist verschwunden in dem frischdahineilenden Strom, und das arme, gehetzte Wesen ist frei.

Das war eins der großen Geheimnisse, die Zottelohr von seiner Mutter lernte – »nach dem wilden Rosenstrauch ist das Wasser dein bester Freund«.

Es war in einer gewitterschwülen Nacht im August, als die Mutter ihren Sohn durch die Waldungen führte. Vor ihm blinkte das schneeweiße Kissen, das sie trug, als wegweisende Laterne, die nur erlosch, sobald die Häsin anhielt und sich gemütlich darauf niederließ. In kurzen Unterbrechungen, einmal laufend, dann anhaltend, um zu horchen, kamen sie ungehindert an das Ufer des Teiches. Die Vögel hoch oben in den Zweigen sangen ihr Schlummerlied, und draußen auf einem versunkenen Stamme, im tiefen, dunkeln Wasser, bis zum Knie im kühlenden Bad, quakte ein fetter Frosch einen Lobgesang.

»Mein Sohn, folge mir!« sagte die Mutter in der Hasensprache, und schwapp, sprang sie in den Teich hinein und strich gewaltig aus, um den versunkenen Baumstumpf zu erreichen. Zottel zauderte erst, doch sprang er dann mit einem kleinen »Autsch« in die Flut, luftschnappend und eifrig mit der Nase wackelnd, aber immer die Bewegungen seiner Mutter genau nachahmend. Wie er sich auf dem Land fortbewegte, tat er es auch im Wasser – er schwamm. Vorwärts ging es, bis der Stamm erreicht war, und dort kletterte er hinauf neben seine triefende Mutter auf das erhöhte, trockene Ende, umgeben von einer rauschenden Laubwand und dem Wasser, das nichts ausplaudert. Später in dunklen, warmen Nächten, wenn der alte Fuchs von Springfield plündernd durch das Moor streifte, erinnerte sich Zottel stets der Stelle, wo die Frösche singen; denn im Falle größter Gefahr konnte sie ihm die letzte Rettung bringen, und von diesem Tage an verstand er die Worte, die der Frosch sang: »Komm, komm, wenn in Gefahr, dann komm!«

Dieses war die letzte Belehrung, die Zottelohr von seiner Mutter mitbekam. Sie zeugt von außergewöhnlicher Hasenweisheit, und manches kleine Häschen hat und wird sie nie erhalten.

VI

Gar selten verläßt ein Bewohner des Waldes das Leben aus Altersschwäche; er nimmt wohl immer einmal früher oder später ein tragisches Ende, und es ist nur eine Frage der Zeit und der Klugheit, wie lange er sich den Verfolgungen seiner Feinde entziehen kann. Zottels Leben bewies jedoch, daß ein Hase, der einmal glücklich ins Mannesalter eingetreten ist, meistens erst im letzten Drittel seines Daseins, wenn es bergab geht, seinen Verfolgern zum Opfer fällt.

Die Hasenfamilie hatte überall Feinde, und ihr tägliches Leben war eine Kette von Ängstigungen, Nachstellungen und Verfolgungen, denen sie nur um Haaresbreite entrannen; denn Hunde, Füchse, Katzen, Skunks, Waschbären, Wiesel, Schlangen, Raubvögel und Menschen, ja selbst giftige Insekten, schmiedeten fortwährend Anschläge gegen ihr Leben. Sie waren in Hunderte von Abenteuern verwickelt, und wenigstens einmal am Tage waren sie gezwungen, ums liebe Leben zu rennen und es durch die Schnelligkeit ihrer Läufe und ihre Schlauheit zu retten.

Mehr als zweimal zwang sie der böse Fuchs von Springfield, Zuflucht unter den Ruinen eines verfallenen, mit Stacheldraht überspannten Schweinekofens nahe an der Quelle zu nehmen; doch wenn sie einmal dort geborgen waren, durften sie ihm ruhig zusehen, wie er sich die Beine in vergeblichen Versuchen, die Hasen zu erreichen, blutig riß.

Einige Male lenkte Zottel auch die Aufmerksamkeit eines ihn verfolgenden Hundes von sich ab und auf einen Skunk, der fast ebenso gefährlich war, wie der Rüde.

Einmal wurde Zottel sogar von einem Jäger, dem ein guter Hund und ein Frettchen helfend zur Seite standen, eingefangen, aber er hatte das Glück, am nächsten Tage zu entwischen, und von da war er vom tiefsten Mißtrauen gegen die Sicherheit der Erdlöcher erfüllt. Verschiedene Male wurde er von einer Katze ins Wasser gejagt, und oft stellten ihm Bussarde und Eulen nach, jedoch für jede noch so große Gefahr gab es einen rettenden Ausweg. Die Mutter lehrte ihn all die Winkelzüge und Kniffe, die ihr bekannt waren, und Zottelohr verbesserte sie und erfand sogar neue, als er älter wurde. Je gesetzter und weiser er wurde, desto weniger verließ er sich auf seine Läufe, aber mehr und mehr auf seinen Witz und seine Erfahrung.

»Ranger« hieß ein junger Hund aus der Nachbarschaft, den sein Meister zu seiner Ausbildung und Erziehung des öfteren auf die Fährte eines Hasen brachte. Fast in jedem Falle war es Zottelohr, dem die Jagd galt, und er ergötzte sich bei diesen Hetzen mindestens ebenso sehr wie seine Verfolger; denn der Beigeschmack von Gefahr gab der Sache den nötigen Reiz. Gewöhnlich pflegte er zu sagen:

»O Mutter, da ist dieser Hund schon wieder, jetzt muß ich mich einmal ordentlich auslaufen!«

»Du bist zu frech, Zottel, mein Sohn,« erwiderte die Mutter, »und mir ahnt, daß du noch einmal in dein Verderben rennen wirst.«

»Aber, Mutter, das ist doch solch ein herrlicher Spaß, diesen dummen Hund zu necken, und dabei ist's eine gesunde Übung. Wenn er mir zu hart zusetzen sollte, werde ich schon klopfen, und dann kannst du kommen und ihn etwas auf Seitenwege führen, während ich für ein neues Rennen Luft schnappe.«

Dann hopste er hervor und mitten in Rangers Weg, der sofort die Verfolgung aufnahm und Zottelohr nachsetzte, bis dieser müde wurde und der Mutter ein Klopftelegramm um Hilfe sandte, das sie veranlaßte, sofort zum Entsatz herbeizueilen. Oft wußte er sich den Hund auch durch irgendeinen anderen schlauen Winkelzug vom Halse zu halten. Die Beschreibung eines solchen wird den Beweis liefern, wie gründlich Zottel mit den Lehren der Waldeskunde und der Geographie vertraut war.

Er wußte genau, daß der Hund seiner Fährte am leichtesten folgen konnte, wenn sie direkt auf dem Waldesboden hinführt und wenn er sich warm gelaufen hatte. Konnte Zottel es nun ermöglichen, einen erhöhten Punkt zu erreichen, wo er sich eine halbe Stunde ungestört abkühlen durfte, und hatte die Fährte Zeit, den Geruch zu verlieren, so wußte er, daß er dann in Sicherheit war.

Wurde er der Jagd müde, so wendete er sich einer wilden Rosenhecke am Talabhang zu und beschrieb einen Zickzackweg, bis er eine so verzwickte Spur hinter sich ließ, daß sie dem Hund aus eine gute Weile zu tun gab. Dann lief er in gerader Linie mitten in den Wald auf D zu und passierte mit einem Sprunge südlich den Baumstumpf E. Bei D umwendend, verfolgte er den gleichen Weg bis F, sprang hier seitlich und lief nach G, von dort zurück nach H und wartete hier, bis der Hund bei I vorüberkam. Dann begab er sich gemächlich auf seinem alten Weg zurück nach E, wo er mit einem mächtigen Satze den hohen Baumstumpf erreichte, um dort, zur Bildsäule erstarrt, ruhig das Weitere abzuwarten.

Ranger verlor viel Zeit in dem unwegsamen Dornendickicht, und es wurde ihm unendlich schwer, die unregelmäßige und beinahe schon verwischte Fährte zu finden; jedoch nach vielen Mühen langte er bei D an. Hier begann er Kreise zu beschreiben, um auf diese Weise die Spur zu kreuzen, und nachdem er wieder viel kostbare Zeit beim Suchen vergeudet, kam er auf den richtigen Weg. der aber plötzlich bei G ein Ende fand. Zum zweitenmal stand er vor einem Rätsel und war gezwungen, wie vorher geschäftig hin und her zu laufen, um auf den richtigen Pfad zu kommen. Größer und größer wurden seine Kreise, bis er schließlich gerade unter dem Baumstumpf vorbeikam, auf dem Zottelohr sich niedergelassen hatte. Aber da war keine Gefahr; denn an einem kalten, windstillen Tage wird die Witterung kaum nach unten getrieben, und da Zottel sich nicht muckste und mit keiner Wimper zuckte, lief der Hund arglos vorüber.

Wieder näherte sich der Verfolger dem Baumstumpf, und zwar diesmal dem tieferen Ende. Er hielt an, beschnüffelte es und dachte bei sich: »Wahrhaftig, das riecht nach Hase!« Die Witterung war schon kalt und halb verweht, aber nichtsdestoweniger bestieg er den Stamm.

Es war eine harte Probe für Zottelohr, den mächtigen Hund schnüffelnd den Baumstamm entlang kommen zu sehen, aber seine starken Nerven ließen ihn nicht im Stich. Der Wind war günstig, und er hatte den festen Vorsatz gefaßt, mit einem kühnen Satz das Weite zu suchen, sobald Ranger den halben Weg nach oben zurückgelegt haben würde. Aber so weit kam es nicht. Ein gewöhnlicher, schmutziger Dorfköter würde den Hasen sofort entdeckt haben, doch nicht der edle Jagdhund; er sprang vom Baumstumpf herab, und Zottel war Sieger.

VII

Zottelohr hatte außer seiner Mutter niemals einen anderen Hasen gesehen, ja er hatte kaum an die Möglichkeit gedacht, daß noch andere Wesen wie er in der Umgegend leben könnten. Seine Geschäfte hielten ihn mehr und mehr von Hause fern, jedoch fühlte er sich niemals einsam; denn Hasen tragen kein großes Verlangen nach Gesellschaft. Eines Tages im Dezember, als er eben im Dickicht damit beschäftigt war, einen neuen Pfad nach dem Tale anzulegen, erblickte er plötzlich oben den Schattenriß der Löffel eines fremden Hasen. Der Eindringling trat wie ein unternehmender Entdecker auf und kam bald in langen Sprüngen herab auf Zottelohrs Pfad, mitten in Zottelohrs Revier. Ein neues fremdes Gefühl überkam plötzlich unser Häschen, jene kochende Mischung von Ärger und Haß, die als Eifersucht wohlbekannt ist.

Der Fremdling machte halt vor einem von Zottels Bäumen, an dem sich dieser behaglich das Kinn zu reiben pflegte, einfach, weil es ihm Spaß machte, und ohne zu wissen, daß alle männlichen Hasen das gleiche tun. Dies gibt einem solchen Baum einen Hasengeruch, und Neuankömmlinge können daraus sofort erkennen, daß die Umgegend bereits von einer Hasenfamilie bewohnt ist und einem Bevölkerungszuwachs nicht erschlossen ist. Auch kann der Fremde durch seinen Geruchssinn leicht herausfinden, ob der letzte Besucher seiner Bekanntschaft angehörte, und die Höhe der abgeriebenen Stelle an der Baumrinde gibt ihm die genaue Größe seines Vorgängers an.

Zu seinem höchsten Mißfallen bemerkte Zottelohr, daß der Eindringling einen Kopf größer war, als er selbst, und ein kräftiger, starker Bursche dazu. Das war etwas ganz Neues für Zottel und erfüllte ihn mit einem bis dahin ungekannten Gefühl. Mordlust nahm Besitz von seinem unschuldigen Herzen, er kaute eifrig mit nichts zwischen den Zähnen, erreichte mit einigen Sätzen vorwärts einen freien Rasenplatz und klopfte feierlich:

»Klopf – klopf – klopf!« was so viel bedeuten sollte wie: »Mach', daß du aus meinem Revier kommst, oder es setzt Hiebe!«

Der Fremde machte ein großes V mit seinen Ohren, saß einige Sekunden aufrecht wie ein Stock und gab dann, seine Vorderläufe senkend, das weit vernehmliche Signal: »Klopf – klopf – klopf!«

Und der Krieg war erklärt.

In kurzen Sprüngen liefen sie umeinander herum. Jeder versuchte, dem Gegner den Wind abzuschneiden, und lauerte auf eine Gelegenheit zum Angriff. Der Fremde war ein starker, schwerer Hase mit wohlausgebildeten Muskeln, doch durch einige ungeschickte Wendungen bewies er seine Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit und zeigte klar, daß er seine Schlachten nur durch seine Schwere und nicht durch Behendigkeit zu gewinnen pflegte. Schließlich eröffnete er den Kampf, und Zottelohr begegnete ihm wie eine kleine Furie. Beim Zusammenstoß sprangen sie in die Höhe, schlugen mit ihren Hinterläufen gewaltig aus, und der arme kleine Zottel fiel zu Boden. Der Gegner saß im Augenblick auf ihm, um ihn mit den Zähnen zu bearbeiten, und der kleine Hase mußte verschiedene Flöckchen Wolle lassen, bevor er wieder auf die Füße kommen konnte. Jedoch er war flink auf den Beinen und gelangte schnell aus greifbarer Nähe. Wieder griff er an, und wieder wurde er zu Boden geschleudert und ganz erbärmlich zugerichtet; denn er war seinem Gegner auch nicht annähernd gewachsen. Bald wurde ihm klar, daß er sein teures Leben nur durch Schnelligkeit seiner Läufe und seinen überlegenen Witz retten könne.

Verwundet, wie er war, entfloh er in voller Hetze mit dem Fremdling hinter sich, der fest entschlossen schien, ihn nicht nur zu morden, sondern auch Alleinherrscher des Moores zu werden, wo Zottel geboren war. Der kleine Hase hatte kräftige, gewandte Läufe und vorzügliche Lungen, und sein Verfolger, der fett und schwer war, mußte bald die vergebliche Jagd aufgeben. Es war aber auch die höchste Zeit für den armen Zottel; denn er fing an, infolge der Verwundung müde und steif zu werden.

Mit diesem Tage begann eine Schreckensherrschaft. Zottelohr wußte genau, was er zu tun hatte, wenn er von Eulen, Hunden, Wieseln oder Menschen und anderen gefährlichen Räubern verfolgt wurde, aber wie er sich verhalten sollte, wenn ein anderer Hase ihm nachstellte, das wußte er nicht; denn seine ganze Kenntnis bestand im »Erstarren«, bis er aufgespürt war, und darin, sich dann aus seine gewandten Läufe zu verlassen.

Die arme, kleine Mutter war vor Angst und Entsetzen fast gelähmt; denn sie konnte ihrem Sohne nicht helfen und mußte sich darauf beschränken, im sicheren Versteck zu bleiben; doch der fette Eindringling fand auch sie. Sie suchte ihm zu entfliehen, aber sie war jetzt nicht mehr so behend, wie ihr Sprößling. Der Fremde machte keinen Versuch, sie zu morden, er machte ihr vielmehr Liebesanträge, und weil sie ihn haßte und ihm zu entschlüpfen versuchte, behandelte er sie geradezu schamlos. Tag für Tag ängstigte er sie durch seine Nachstellungen, und oft, wütend gemacht durch ihre andauernde Abneigung und ihren Haß, schlug er sie nieder und zauste die Wolle aus ihrem weichen Fell, bis seine Wut gekühlt war und er sie eine Zeitlang in Ruhe ließ. Seine feste Absicht war, Zottelohr aus dem Leben zu schaffen, und ein Entweichen schien beinahe nicht möglich. Es gab ja kein anderes Moor, wo Zottel sich hätte hinwenden können, und wenn er einmal ein Schläfchen machte, mußte er jeden Augenblick bereit sein, fürs liebe Leben zu rennen. Ein dutzendmal am Tage kam der dicke Wüterich zu der Stelle geschlichen, wo Zottel der verdienten Ruhe pflegte, aber jedesmal erwachte das Häschen zur rechten Zeit, um zu entfliehen. Es rettete zwar das Leben, aber was für ein elendes Dasein war das doch jetzt! Seine Hilflosigkeit und die Verfolgungen, denen seine arme, kleine Mutter täglich ausgesetzt war, erbosten ihn aufs höchste, und dabei mußte er ruhig mit ansehen, wie ihre liebsten Futterplätze, die traulichen Eckchen und die Pfade, die sie mit so viel Mühe angelegt, von diesem gehässigen, rohen Patron in Besitz genommen wurden. Der unglückliche Zottel wußte gut genug, daß er eines Tages dem Stärkeren das Feld zu räumen hatte, und er haßte ihn darum mehr als Fuchs oder Wiesel.

Zu welchem Ende sollte das führen? Zottelohr quälte sich ab mit endlosem Rennen, Wachen und schlechtem Futter, und der kleinen Mutter geistige und körperliche Kräfte brachen zusammen bei der fortwährenden Verfolgung und grausamen Behandlung. Der Fremdling hatte sich nun einmal zum Ziel gesetzt, Zottel aus der Welt zu schaffen, und griff zuletzt zu einem Mittel, das unter den Hasen für das schwerste aller Verbrechen gilt. Glieder dieser großen Familie mögen sich noch so sehr hassen, sie vergessen aber stets ihre Feindschaft, sobald ein gemeinsamer Feind auf der Bildfläche erscheint. Eines Tages nun, als ein großer Hühnerhabicht über dem Moor seine Kreise zog, versuchte der Gewissenlose, der sich selbst stets unter Deckung hielt, Zottel mit allen Mitteln ins Freie zu treiben.

Ein- oder zweimal hatte ihn der Habicht beinahe im Genick, aber jedesmal boten ihm die wilden Rosensträucher sichere Deckung, und da der alte Hase beinahe selbst bei diesem frevelhaften Spiel erwischt worden wäre, gab er es auf, und wieder einmal war Zottelohr frei, doch ohne irgendwelche Besserung seiner traurigen Lebenslage. Ganz verzweifelt faßte er schließlich den Entschluß, wenn irgend möglich, mit seiner Mutter in der nächsten Nacht seine Heimat zu verlassen und auf der Suche nach einer neuen Heimstätte in die weite Welt hinauszuwandern. Da kam ein unvorhergesehener Zwischenfall. Zottelohr entdeckte den alten Donner, einen Hund seiner Bekanntschaft, wie er sich schnüffelnd und suchend im Grenzgebiet des Moores herumtrieb, und er beschloß, ein letztes, verzweifeltes Spiel zu wagen. Tollkühn kreuzte er des Hundes Weg, und die Jagd, die nun begann, war wild und aufregend. Dreimal um das Moor herum ging es, bis Zottel sicher war, daß seine Mutter im unauffindbaren Versteck saß, und der gehaßte Feind im bekannten Neste. In gerader Linie auf diesen Platz zu lenkte er seinen Verfolger und sprang in kühnem Satz über den Erzfeind hinweg, ihm dabei mit seinen Hinterläufen einen kräftigen Hieb versetzend.

»Du Lümmel, du,« schrie dieser, »jetzt erwische ich dich aber!« Auf sprang er, um mit Entsetzen zu entdecken, daß er sich zwischen Zottel und dem Hunde befand und nun das Ziel der Verfolgung war.

Geradeswegs auf ihn zu kam der Hund mit wütendem Gebell. Des alten Hasen Gewicht und Größe gereichten ihm zu großem Vorteil im Kampfe mit seinesgleichen, aber diesmal sollten sie ihm verderblich werden. Nur einiger ganz plumper Kunstgriffe, der einfachsten Wendungen und Quersprünge, die jedes Hasenbaby in seiner frühesten Jugend lernt, wußte er sich zu bedienen, aber der Verfolger war in zu gefährlicher Nähe für die Anwendung derartiger Regeln, und die schützenden Höhlen im Moore waren dem Eindringling unbekannt.

Es war eine Hetzjagd in schnurgerader Linie. Der Rosenbusch, der Freund aller Hasen, tat sein Bestes, aber es war zwecklos. Das heisere Bellen des Hundes kam schnell näher und näher, und wenn auch die Dornen bei jedem seiner Sprünge durch die knackenden Zweige in seine zarten Ohren rissen, so kam er doch bald zu der Stelle, wo der Alte sich angstzitternd und vollkommen außer Atem zusammengekauert hatte. Plötzlich war es totenstill, dann ein kurzes Handgemenge, ein durchdringendes, markerschütterndes Geschrei, und alles war vorüber.

Zottelohr wußte, was das bedeutete, und ein kalter Schauer kroch ihm den Rücken herab; doch bald war alles vergessen, und er war von neuem alleiniger und unumschränkter Herr in der alten, lieben Heimat.

VIII

Alt-Olifant hatte zweifellos ein gutes Recht, die Haufen dürrer Reiser, die im Osten und Süden des Moores herumlagen, wegzubrennen und damit den alten Stacheldrahtzaun unterhalb der Quelle freizulegen. Aber es war nichtsdestoweniger ein harter Schlag für Zottelohr und seine Mutter. Die Reisighaufen waren lange Zeit ihre sicheren Wohnstätten und Festungen gewesen und der Stachelzaun ihre Ringmauer.

Sie waren eben schon so lange Bewohner des Moores und fühlten sich so sehr als dessen Besitzer bis in jede Ecke und das entfernteste Winkelchen – Olifants Haus und Anwesen eingeschlossen, daß sie gegen das Auftauchen eines fremden Hasen selbst im anschließenden Wirtschaftshof entrüstet ihr Veto eingelegt haben würden. Ihr Rechtsanspruch auf das Moor war die natürliche Folge langen und glücklichen Besitzes und hatte genau die gleiche Begründung wie bei den meisten Völkern unserer Erde.

Als der Schnee im Januar schon etwas zu schmelzen begann, hatte sich Olifant daran gemacht, die letzten Veteranen des Hochwaldes, die um den Teich herumstanden, zu fällen, und hatte damit das Besitztum der Hasen auf allen Seiten beschnitten und eingeschränkt. Aber immer noch hielten sie fest an dem langsam schwindenden Revier; denn es war ja ihre Heimat, und sie waren nicht geneigt, aufs ungewisse in die Fremde auszuwandern. Ihr Leben mit seinen täglichen Aufregungen und Gefahren floß in altgewohnter Weise dahin; aber immer noch waren sie flinkfüßig, starklungig und gewitzt, wie zuvor. Seit einiger Zeit wurden sie etwas in Unruhe versetzt durch einen Otter, der stromaufwärts gekommen war und es sich in dem stillen Tal wohl sein ließ; aber ein kleiner, ganz gerechtfertigter Kniff hatte den unwillkommenen Besuch bald aus Olifants Hühnerhaus aufmerksam gemacht. Sie waren allerdings nicht ganz darüber beruhigt, ob der Otter einen bleibenden Wohnsitz dort aufgeschlagen habe. So gaben sie lieber eine Zeitlang die Benützung der Erdhöhlen auf, denn sie waren zu gefährliche Fallen, und hielten sich zu den Rosensträuchern und Reisighaufen, die übrig geblieben waren.

Der Winterschnee war ganz geschmolzen und das Wetter sonnig und warm. Mutter Hase fühlte einen leichten Anflug von Rheumatismus und war irgendwo im Unterholz beschäftigt, ein Heilkraut zu suchen, während Zottelohr sich auf einer Böschung an der Ostseite sonnte. Der Rauch des allbekannten Schornsteins von Olifants Haus kam in phantastischen Formen durch das Holz gezogen und hob sich als ein düsteres Braun gegen den klaren Himmel ab. Am sonnengoldenen Giebel hinauf schlangen sich Ranken von wilden Rosen, die im purpurtiefen Schatten feurigrot und gleich Gold im Lichte schimmerten. Der Stall hinterm Haus mit goldübergossenem Giebel und Dach hob sich vom heiteren Himmel ab wie Noahs Arche.

Das geschäftige Geräusch, das der Wind herübertrug, und mehr noch der liebliche Duft, der mit dem Rauch herüberzog, gab Zottelohr kund, daß Olifants Vieh gerade mit Kohlblättern gefüttert wurde. Der Mund wässerte ihm beim Gedanken an dieses Göttermahl, und er blinzelte neidisch hinüber, als diese vielverheißenden Gerüche ihm in die Nase zogen; denn Kohl war sein Leibgericht. Aber er war gerade in der vorhergehenden Nacht im Hofe gewesen, um einige Mundvoll Klee zu holen, und kein kluger Hase kehrt zwei Nächte hintereinander nach dem gleichen Futterplatz zurück.

Deshalb tat er das Klügste, was er tun konnte: er lief so weit, bis er den verführerischen Duft des Kohls nicht mehr riechen konnte, und wählte sich ein Bündel Heu zum Abendbrot, das der Wind von einem Schober heruntergeblasen hatte. Später, als er sich zur Ruhe begeben wollte, gesellte sich auch die Mutter zu ihm, die erst ihre Arznei und dann ein kleines Mahl von süßen Birkenreisern an der Sonnenbank eingenommen hatte.

Mittlerweile hatte sich die Sonne davongemacht, um anderswo ihren Geschäften nachzugehen, und all ihr strahlendes Gold hatte sie mit sich genommen. Drüben im Osten schob sich ein dicker, schwarzer Vorhang empor und verdunkelte, langsam höher und höher steigend, den ganzen Himmel, verbarg sorgfältig alles Licht und ließ die Welt in trauriger Dunkelheit und Öde zurück. Dann erschien, die Abwesenheit der Sonne schlau benützend, ein Unheilstifter auf der Szene und begann Unruhe und Aufruhr zu brauen – der Wind. Die Luft wurde kälter und kälter, und es war unbehaglicher, als wenn die Erde noch mit Schnee bedeckt gewesen wäre.

»Es ist aber ungemütlich kalt heute abend,« sagte Zottel, »wenn wir doch unseren alten Reisighaufen noch hätten.« »Ja, ja,« erwiderte die Mutter, »das wäre eine Nacht für unsere Höhle unter der Fichtenwurzel, aber da wir nicht wissen, ob der Otter sich noch in der Gegend herumtreibt, ist es nicht sicher dort.«

Der ausgehöhlte Walnußbaum war verschwunden – tatsächlich beherbergte er zur Zeit, von der wir reden, auf einem Holzhaufen in der Ecke des Wirtschaftshofes liegend den Otter, den unsere Hasen deshalb nicht ohne Grund fürchteten. Zottel und seine Mutier begaben sich schließlich nach der Südseite des Teiches, wählten hier einen Reisighaufen zum Nachtquartier, krochen darunter und ließen sich für die Nacht häuslich nieder. Ihre Nasen richteten sich gegen den Wind, jedoch in verschiedenen Richtungen, so daß sie im Falle einer nächtlichen Störung nach entgegengesetzten Seiten entfliehen konnten. Der Sturm blies mit jeder Stunde schärfer und kälter und um Mitternacht begann ein feiner, eisiger Schnee in den dürren Blättern zu rasseln und sich durch die kahlen Zweige einen Weg zu bahnen. Es schien eine ungünstige Nacht für Jagdabenteuer, aber der alte Fuchs von Springfield war los. Gerade mit dem Winde kam er im Schutze des Dickichts daher, und das Unglück wollte, daß er die Richtung auf den Reisighaufen zu nahm, wo er sofort die schlafenden Hasen witterte. Einen Augenblick blieb er stehen, dann kam er langsam und kriechend auf den Haufen zu, unter dem er Mutter und Sohn nun sicher zu haben glaubte. Das Geräusch des Windes ermöglichte es ihm, ganz dicht heranzukommen, bis die Mutter vom leisen Rascheln eines trockenen Blattes unter seinem tastenden Tritte erwachte. Sofort berührte sie Zottelohrs Schnurrhaare, und beide waren wach und munter, gerade als der Feind sich zum Sprunge anschickte. Der alte Schlaukopf hatte nicht berechnet, daß die Hasen immer auf ihren Läufen zum Sprung bereit schlafen; denn sofort flogen sie hinaus in den wütenden Sturm. Der Fuchs verfehlte die Mutter bei seinem Sprunge, aber er nahm die Hetze hinter ihr her gleich mit dem Eifer eines ehrgeizigen Rennpferdes auf, während Zottel nach der entgegengesetzten Seite entfloh.

Es gab nur einen Weg für die Häsin, die gegen den Wind und ums Leben galoppierte. Sie gewann einen kleinen Vorsprung, indem sie den Sumpf kreuzte, der den Fuchs nicht trug, bis sie am Ufer des Teiches stand. Da gab es keine Wahl mehr, vorwärts mußte sie.

Da gab es keine Wahl mehr, vorwärts mußte sie.

Plitsch, platsch, ging es durch das hohe Schilf und dann mit einem Satze ins tiefe Wasser.

Hinterdrein sprang auch der Fuchs, aber das Wasser war doch etwas zu frisch für Reineke, und er wendete wieder um. Die Häsin, der nur ein Weg frei blieb, arbeitete sich durch das Schilf ins offene Wasser und strich kräftig aus, um das andere Ufer zu erreichen, aber sie hatte einen starken Gegenwind zu bekämpfen, die kurzen Wellen schlugen eisigkalt über ihrem Kopf zusammen, und das Wasser war voll Schnee, der ihr den Weg versperrte, wie Treibeis. Die dunkle Linie des rettenden Ufers schien sich weiter und weiter zu entfernen, und wer konnte es wissen, möglicherweise lag der gierige Fuchs dort drüben auf der Lauer.

Sie legte die Ohren flach an, um dem Winde möglichst wenig Widerstand zu bieten, und schwamm rascher vorwärts, gegen Sturm und Flut. Nach einer langen, mühseligen Reise durch das kalte Wasser hatte sie beinahe das Schilf des anderen Ufers erreicht, als eine feste Masse treibenden Schnees ihr den Weg versperrte. Der Wind auf der nahen Uferbank machte ein unheimliches Geräusch, das dem Heulen des hungrigen Fuchses ähnlich klang. Das raubte ihr allen Mut und alle Kraft, und sie wurde weit zurückgetrieben, ehe sie sich von dem dahinflutenden Hindernis freimachen konnte.

Wieder strich sie aus, doch langsamer – immer langsamer, und als sie schließlich den Schutz des hohen Schilfs erreichte, waren ihre Glieder erstarrt, ihre letzte Kraft verbraucht, ihr tapferes kleines Herz begann langsamer zu pochen, und es war ihr ganz gleich, ob der Fuchs ihrer wartete oder nicht. Durch das Schilf kam sie noch glücklich hindurch, aber mitten zwischen den tückischen Ranken der Schlinggewächse fing sie an, unsicher zu werden, ihre schwachen Stöße brachten sie nicht länger landwärts, und das Eis, das sich um sie herum austürmte, machte ihr ein Vorwärtskommen ganz unmöglich. Die erstarrten Glieder versagten den Dienst, die kleine, flaumbedeckte Nase wackelte nicht mehr nervös hin und her, und die treuen braunen Augen schlossen sich zum ewigen Schlafe. Aber kein Fuchs wartete, um sie mit gierigen Zähnen zu zerreißen. –

Zottelohr war dem ersten Ansprung des Verfolgers entflohen, und als er sich wieder etwas vom Schreck erholt hatte kam er zurückgelaufen, um den Erzfeind irrezuleiten und damit der armen Mutter zu helfen. Er traf den alten Fuchs auf dem Wege nach der anderen Seite des Teiches, lockte ihn weit hinweg und entließ ihn mit einer blutenden Wunde von einem Stacheldrahtzaun am Kopfe, Dann kam er zum Ufer, suchte und schnüffelte umher und klopfte, aber all sein Suchen war vergeblich, die kleine Mutter war nirgends zu finden. Er sah sie niemals wieder, und niemand konnte ihm Auskunft geben, wohin sie gegangen; denn sie schlief den letzten Schlaf in den eisigen Armen ihres Freundes, des Wassers, das nichts ausplaudert.

Arme kleine Mutter! Eine wahre Heldin war sie gewesen, doch nur eine von den ungezählten Tausenden, die ohne einen Anspruch auf Heldentum dahinleben und ihr Bestes in ihrer kleinen Welt wirken und ohne Ruhm davongehen. Sie war eine tapfere Streiterin im Kampf ums Dasein, und von dem Schlag, der niemals ausstirbt; denn Fleisch von ihrem Fleisch und Geist von ihrem Geist war Zottelohr, sie lebte in ihm, und durch ihn veredelte sie ihre Rasse.

Zottel haust noch im Moor. Olifant starb im gleichen Winter, und seine ungeratenen Nachkommen ließen das Moor mit seinen Stachelzäunen verwildern. In einem einzigen Jahr verwandelte es sich in eine undurchdringliche Wildnis, neue Bäumchen und Dornensträucher wuchsen, und zerrissene Stacheldrähte bildeten zahllose Zwingburgen und Schlupfwinkel, die Hunde und Füchse nicht zu stürmen wagten. Und dort lebt Zottelohr noch heute, er ist ein großer und starker Hase geworden und fürchtet keinen Nebenbuhler. Eine zahlreiche Familie nennt er sein eigen und ein hübsches, braunes Weibchen, das er sich holte, ich weiß nicht woher. Dort werden er und seine Kindeskinder gewiß noch viele Jahre hausen und dort kann man sie an sonnigen Abenden beobachten, wenn man ihre Signale kennt und sie richtig anzuwenden weiß.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.