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Bingo und andere Tiergeschichten

Ernest Thompson Seton: Bingo und andere Tiergeschichten - Kapitel 2
Quellenangabe
authorErnest Thompson Seton
titleBingo und andere Tiergeschichten
publisherKosmos, Gesellschaft der Naturfreunde Franckh'sche Verlagshandlung
printrunHunderteinundzwanzigste Auflage
yearo.J.
translatorKarl Ernst Poeschel
illustratorErnest Thompson Seton
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170520
projectid532744ec
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Bingo

Die Geschichte meines Hundes

I

Im Anfang November des Jahres 1882 war es, und ein richtiger Manitoba-Winter setzte gerade mit aller Härte ein. Ich hatte mich nach dem Frühstück auf einige Minuten behaglich in meinem Armstuhl ausgestreckt und vertrieb mir die Zeit damit, durch ein kleines Fenster zu schauen, das die Aussicht auf ein Stück Prärie und das Ende unseres Kuhstalles gefällig einrahmte. Dann fiel mein Blick wieder auf den alten Reim vom »Franzosenhund Bingo«, der auf den Wandbalken neben mir aufgeklebt war. Da wurde das träumerische Anschauen von Reim und Aussicht plötzlich durch den Anblick eines großen grauen Tieres gestört, das über die Prärie herüber und gerade in unseren Kuhstall hineinraste, hitzig verfolgt von einem kleineren schwarzweißen Wesen.

»Ein Wolf,« rief ich, ergriff meine Büchse und sprang hinaus, um dem Hunde beizustehen. Aber ehe ich zum Stall gelangen konnte, waren Wolf und Hund wieder auf und davon. Nach einer kurzen Strecke Laufs über den Schnee beschrieb der Wolf einen Bogen, und der Hund, unseres Nachbars Collie, umkreiste ihn, auf eine günstige Gelegenheit zum Zufahren lauernd.

Ich feuerte einige Schüsse aus beträchtlicher Entfernung ab, die aber nur bezweckten, sie zu erneuter Hetze über die Prärie anzustacheln. Nach kurzer Zeit hatte der Hund den Wolf eingeholt und packte ihn am Schenkel, zog sich aber wieder zurück, um dem Ansprung des wütenden Wolfes zu entgehen. Dann begann von neuem ein kurzes Scharmützel, das in einer wilden Jagd endete, und diese Szene wiederholte sich beinahe alle hundert Meter. Der Hund versuchte, den Wolf bei jedem frischen Ansturm nach der Ansiedlung zu treiben, während dieser sich vergeblich abmühte, nach dem dunklen Streifen des Waldes im fernen Osten zu entweichen. Zuletzt, nach einer Meile hitzigen Laufes, die sie kämpfend und rennend zurücklegten, überholte ich sie, und der Hund, der nun wußte, daß er im Rücken gedeckt war, griff zum Entscheidungskampf an.

Nach einigen Sekunden löste sich das rollende Knäuel der zappelnden Tiere auf, und man konnte einen Wolf erkennen, auf dessen Rücken sich ein blutender Collie fest in den Nacken verbissen hatte. Es war mir nun leicht, heranzutreten und dem Kampf durch einen wohlgezielten Büchsenschuß in den Kopf des Wolfes ein Ende zu machen.

Als dieser Hund mit den beneidenswerten Lungen dann sah, daß sein Gegner nicht mehr zuckte, würdigte er ihn keines Blickes, sondern machte sich auf den Weg nach einer Farm, vier Meilen über der Prärie, wo er wahrscheinlich seinen Gebieter verlassen hatte, als er den Wolf aufspürte. Es war ein wunderbares Tier, das zweifellos dem Wolf auch den Garaus gemacht hätte, wenn ich nicht dazu gekommen wäre, denn ich erfuhr später, daß er das bereits vorher noch mit anderen dieses Gesindels getan hatte, obwohl die Wölfe, trotzdem sie der kleineren Prärierasse angehörten, beträchtlich größer waren als er selbst.

Bewunderung für den Heldenmut dieses Hundes erfüllte mich, und ich versuchte sofort, ihn um jeden Preis zu erwerben. Jedoch bei meiner Anfrage erhielt ich von seinem Besitzer nur die spöttische Antwort: »Warum kauft Ihr nicht einen seiner Nachkommen?«

Als ich so erfuhr, daß Frank, dies war der Name des Collies, nicht feil war, mußte ich mich notgedrungen mit dem Nächstbesten, d. h. einem seiner Sprößlinge oder besser einem Sohne seiner Gattin, begnügen. Dieser nachgewiesene Abkomme einer edlen Familie war ein kleiner rundlicher Ball, bedeckt mit schwarzem, weichem Fell, und sah mehr wie ein langschwänziges Bärenjunges aus, als wie ein junger Hund. Dabei trug er aber einige braune Abzeichen wie sein Vater und einen höchst charakteristischen, weißen Ring, der wie ein Maulkorb um die Schnauze lag. Diese einzige Ähnlichkeit mit seinem großen Erzeuger ließ mich von künftigen Heldentaten träumen.

Nachdem ich ihn glücklich hatte, zerbrach ich mir den Kopf, wie ich ihn nennen sollte. Die Frage war aber schnell gelöst, denn der Reim von dem »Franzosenhund Bingo« war so eng mit unserer Bekanntschaft verknüpft, daß wir ihn mit der nötigen Feierlichkeit »Bingo« tauften.

Frank entzieht sich dem Ansturm des wütenden Wolfes Ansprung.

II.

Den Rest des Winters verbrachte Bingo in unserem Schuppen. Er lebte hier wie ein spieliger, fetter, wohlmeinender, aber stets verkannter junger Hund, der sich gewöhnlich überfrißt, dabei aber von Tag zu Tag größer und schwerer wird. Neugierig war er über alle Maßen, und selbst eine höchst traurige Erfahrung vermochte es nicht, ihn zu überzeugen, daß man die Nase nicht in eine Rattenfalle hineinstecken dürfe. Seine Versuche, mit der Katze freundschaftlich anzubändeln, wurden von dieser vollkommen mißverstanden und hatten nach einigen Scharmützeln zwar einen Waffenstillstand zur Folge, der aber gar oft schnell gebrochen wurde. Nach einigen Monaten zeigte Bingo, der schon früh seinen Kopf für sich hatte, Neigung, im Pferdestall zu übernachten und mied schließlich die Scheune ganz und gar.

Als das Frühjahr kam, befaßte ich mich ernstlich mit seiner Erziehung, und nach mancher traurigen Erfahrung meiner- und seinerseits brachte ich ihn so weit, daß er auf mein Geheiß auf die Suche nach unserer alten gelben Kuh ging, die frei auf einer uneingezäunten Wiese weidete.

Nachdem er dieses Geschäft einmal verstand, konnte man ihm mit nichts eine größere Freude bereiten, als mit dem Befehl, hinauszulaufen und die Kuh heranzutreiben. Dann sauste er davon, bellte vor Vergnügen und machte hohe Sprünge, um die weite Fläche auf der Suche nach seinem Opfer besser übersehen zu können. Kurz darauf kehrte er zurück, jagte die Kuh in tollem Galopp vor sich her, und gab ihr keine Ruhe, bis sie pustend und völlig außer Atem in den äußersten Winkel ihres Stalles getrieben war.

Etwas weniger Eifer von seiten Bingos würde gewiß befriedigender gewesen sein, aber wir ließen ihn gewähren, bis die Sache anfing, ihm zu viel Spaß zu machen und er die alte Kuh nach Hause brachte, ohne daß es ihm geheißen war. Schließlich geschah es nicht nur ein- oder zweimal des Tages, sondern wenigstens ein dutzendmal, daß dieser übereifrige Kuhhirt davonlief und auf seine eigene Verantwortung hin das arme Geschöpf heimjagte.

Zum Schluß artete Bingos Liebhaberei derartig aus, daß er, wenn er sich nach etwas Körperbewegung sehnte oder einige Minuten Zeit finden konnte, oder auch nur zufällig daran dachte, in vollster Karriere über die Wiesen davonraste und wenige Minuten später zurückkehrte, dabei die unglückliche gelbe Kuh im Kavalleriegalopp vor sich herjagend.

Zuerst maßen wir dieser Liebhaberei Bingos keinerlei Bedeutung bei, da sie die Kuh hinderte, sich zu weit von der Ansiedelung zu entfernen, aber bald kam es so, daß sie nicht mehr genügend fressen konnte; sie wurde mager und elend und gab von Tag zu Tag weniger Milch. Sogar auf ihr Gemüt schien die Hetze verderblichen Einfluß zu haben; denn fortwährend beobachtete sie nervös und argwöhnisch den gehaßten Hund, und am Morgen hielt sie sich ängstlich in der Nähe des Stalles, als ob sie nicht wagte, sich davon zu machen und damit sofort das Opfer einer hitzigen Jagd zu werden.

Das ging nun doch zu weit! Alle Versuche, Bingos Eifer zu mäßigen, waren umsonst, und da nichts half, wurde er gezwungen, dieses Spiel ganz aufzugeben. Auch dann noch fuhr er fort, sein Interesse an der Kuh zu bezeigen, indem er stets vor der Stalltür lag, wenn sie gemolken wurde, obschon er nicht mehr wagte, sie heimzubringen.

Der Sommer kam und brachte eine furchtbare Plage mit sich – die Moskitos. Doch beinahe noch unerträglicher als die Quälgeister waren die fortwährenden Pendelbewegungen des Kuhschwanzes beim Melken.

Mein Bruder Fred, der das Melken zu besorgen pflegte, war ebenso unduldsam als erfinderisch und hatte eine höchst originelle und einfache Idee, die Kuh am Peitschen mit dem Schwanze zu hindern. Er befestigte einfach am Ende einen Ziegelstein und begann befriedigt und mit erlöstem Behagen seine Arbeit, während wir anderen der Sache mit zweifelhaften Blicken zusahen.

Plötzlich ertönte aus einer Wolke von Moskitos heraus ein dumpfer Schlag und ein Ausbruch wenig salonfähiger, aber höchst angebrachter Kraftausdrücke. Die Kuh fuhr ruhig fort, wiederzukäuen, bis Fred wieder auf den Beinen war und sie wütend mit dem Melkschemel angriff. Es ist gewiß schon schlimm genug, von einer dummen Kuh mit einem Ziegelstein eine Kopfnuß zu bekommen, aber die schadenfrohe Freude und das Gelächter der Zuschauer machte es einfach unerträglich.

Als Bingo den Aufruhr im Stall vernahm und natürlich glaubte, daß man seiner dabei benötigte, kam er hereingesaust und griff die Kuh von der anderen Seite an. Nachdem zum Schluß alles wieder in Ordnung und jedermann beruhigt war, war die Milch verschüttet, der Eimer und der Schemel zerbrochen und der Hund und die Kuh jämmerlich geprügelt.

Dem armen Bingo war die ganze Sache vollständig unklar. Schon lange hatte er die Kuh verachtet, aber jetzt beschloß er im höchsten Unwillen, auch die Stalltür zu meiden, und hielt sich von diesem Tag an ausschließlich zu den Pferden und deren Behausung.

Die Kühe auf unserer Farm gehörten mir, und die Pferde waren meines Bruders Eigentum. Als nun Bingo seine Zuneigung und seinen Wohnsitz vom Kuh- nach dem Pferdestall verlegte, schien er auch mich aufzugeben, und mit unserer alten Kameradschaft hatte es ein Ende. Aber im Falle der Not hielt er doch stets zu mir und ich zu ihm, und wir beide fühlten, daß eine einmal gefaßte und tief gewurzelte Zuneigung zwischen Mensch und Hund lebenslänglich ist.

Nur einmal noch war Bingo als Kuhhirt tätig, im Herbste des gleichen Jahres auf dem Jahrmarkt von Carberry. Unter den Zugnummern befand sich außer einer Viehschau auch die lockende Aussicht auf eine hohe Ehrenauszeichnung und einen Barpreis von zwei Dollars für den bestgezogenen Collie.

Durch einen falschen Freund überredet, ließ ich Bingo mit auf die Liste setzen, und früh am festgesetzten Tage wurde die Kuh auf eine Wiese außerhalb des Dorfes getrieben. Als der Zeitpunkt kam, an dem Bingo seine Künste zeigen sollte, wurde ihm die in der Ferne friedlich weidende Kuh gezeigt und ihm der Befehl erteilt, sie zu bringen, natürlich in der Meinung, daß er sie nach dem Stande der Preisrichter treiben sollte.

Aber die beiden Tiere wußten es besser, und nicht umsonst hatten sie den ganzen Sommer über geprobt. Als die Kuh Bingo in Karriere auf sich zukommen sah, wußte sie, daß ihre einzige Rettung war, sofort in den Stall zu gelangen, und der Hund war ebenso überzeugt, daß seine einzige Aufgabe darin bestände, ihr Tempo in dieser Richtung möglichst zu beschleunigen. So rasten sie über die Prärie wie der Wolf hinter dem Reh, und entschwanden in der Richtung nach der zwei Meilen entfernten Farm unseren Blicken.

Es war das letztemal, daß Preisgericht und Richter jemals Hund und Kuh zu sehen bekamen, und der Preis wurde gerechtermaßen der einzigen anderen Anmeldung zugesprochen.

III

Bingo besaß, wie ich schon sagte, eine sehr starke Anhänglichkeit an unsere Pferde. Am Tage trottete er neben ihnen her, und des Nachts schlief er vor der Stalltür. Wo das Gespann hinging, dahin ging auch Bingo, und durch nichts war er von ihm fernzuhalten. Aus diesem Grunde erscheint die folgende Begebenheit höchst rätselhaft.

Ich war gewiß nicht abergläubisch und hatte niemals an Vorzeichen geglaubt, doch machte eines Tages ein eigenartiger Zwischenfall, bei dem Bingo die Hauptrolle spielte, auf mich einen tiefen Eindruck. Wir zwei, d. h. mein Bruder und ich, lebten zu jener Zeit auf der De-Winton-Farm. Eines Morgens fuhr mein Bruder hinaus nach dem Boggybache, um eine Fuhre Heu einzuholen, und da es hin und zurück eine gute Tagereise war, brach er schon beim Morgengrauen auf. Da geschah das Sonderbare: Bingo war zum erstenmal in seinem Leben nicht zu bewegen, dem Wagen zu folgen. Mein Bruder rief ihn wiederholt, aber er hielt sich in sicherer Entfernung und weigerte sich, ängstlich nach den Pferden hinüberschielend, zu folgen. Dann plötzlich hob er seine Nase in die Luft und begann ein langes, melancholisches Geheul. Er verfolgte den Wagen mit den Augen, bis er außer Sicht war, lief auch noch ein Stückchen hinaus, aber nur um immer und immer wieder sein jammervolles Geheul zu erheben. Den ganzen Tag hielt er sich nahe dem Stalle, zum erstenmal freiwillig getrennt von den Pferden, und heulte mit kurzen Pausen einen wahren Totengesang. Ich war ganz allein, und des Hundes sonderbares Gebaren flößte mir eine schreckliche Vorahnung von nahendem Unglück ein, die schwerer und schwerer auf mir lastete, je weiter der Tag vorrückte.

Ungefähr um sechs Uhr wurde mir Bingos anhaltendes Geheul unerträglich, so daß ich wütend das nächste beste nach ihm warf und ihn hinwegjagte. Aber die furchtbarsten Vorahnungen konnte ich nicht loswerden. Warum hatte ich auch meinen Bruder allein ziehen lassen? Würde ich ihn je lebend wiedersehen? Nach dem Benehmen des Hundes zu urteilen, mußte etwas Entsetzliches passiert sein.

Die Stunde der Rückkehr nahte heran, und da erschien Fred mit seiner Fuhre. Vom lähmenden Banne erlöst, machte ich mich mit den Pferden zu schaffen und fragte ganz nebenbei: »Ist alles in Ordnung?«

»Gewiß,« war die lakonische Antwort.

Wer kann nun noch an Vorbedeutungen glauben?

Viel später erzählte ich einem in geheimer Wissenschaft Erfahrenen die ganze Geschichte; er machte ein ernstes Gesicht und fragte: »Bingo hielt sich in Not und Gefahr immer zu dir?«

»Jawohl.«

»Dann lächle nicht. Denn du warst in Gefahr an jenem Tage; der Hund blieb und rettete dein Leben, obwohl wir nicht wissen konnten, von welcher Gefahr.«

IV

Im Frühjahr hatte ich Bingos Erziehung begonnen. Kurz darauf begann er die meine.

Mitten auf dem zwei Meilen langen Stück Prärie zwischen unserem Häuschen und Carberry stand der Grenzpfahl der Farm, ein starker Pfosten, eingerammt in einen Erdhügel und weithin sichtbar.

Ich bemerkte, daß Bingo niemals an diesem geheimnisvollen Pfahl vorüberlief, ohne ihn sorgfältig zu untersuchen. Dann sah ich, daß die Präriewölfe ebenso wie auch alle Hunde der Nachbarschaft dieses Merkmal besuchten, und schließlich halfen mir Beobachtungen mit dem Fernrohr, das Dunkel aufzuklären und mir einen Einblick in Bingos Privatleben zu verschaffen.

Der Pfahl war nach Übereinkommen ein Signalpfosten für die Glieder der großen Hundefamilie der Umgegend, und der ausgezeichnete Geruchssinn der Hunde machte es ihnen möglich, zu erkennen, welcher ihrer Genossen zuletzt auf diesem Platze gewesen war. Als der Schnee kam, enthüllte sich noch mehr. Ich entdeckte nämlich, daß dieser Pfahl nur ein Punkt war, der zu einem ganzen System gehörte, das sich weit über das Land verbreitete. Kurzum, die Gegend war nach Bedarf in Signalstationen eingeteilt. Diese waren durch irgendeinen unauffälligen Gegenstand, durch einen Pfahl, einen Stein oder einen Büffelschädel, der zufällig auf dem gewünschten Platz lag, gekennzeichnet, und ausgedehnte Untersuchungen bewiesen, daß es eine sinnreiche Einrichtung war, um Nachrichten zu verbreiten und zu erhalten.

Jeder Hund oder Wolf hält es für seine Pflicht, alle Stationen, die in der Nähe seines Reiseweges liegen, zu besuchen, um zu erfahren, wer kürzlich vorübergekommen ist.

Ich beobachtete, daß Bingo sich dem Pfahle näherte, schnüffelte, den Erdboden rundherum genau untersuchte, dann knurrte und mit zu Berge stehender Mähne und glühenden Augen wütend zu kratzen begann. Zum Schluß ging er steifbeinig davon, sah sich dabei aber von Zeit zu Zeit um. Alles dies bedeutete übertragen:

»Grrh! wuf! das war dieser dreckige Köter von Mc Carthys. Wuf! dem werde ich schon heute abend heimleuchten. Wuf! wuf!«

Ein andermal wieder vertiefte er sich in die Spur eines Präriewolfs, die herüber- und hinüberführte, und murmelte dabei:

»Die Spur eines Präriewolfs, von Norden kommend und nach einer toten Kuh riechend. Das ist höchst interessant! Da muß Pollworths alte Blesse doch verendet sein. Das ist wert, näher untersucht zu werden.«

Bei anderen Gelegenheiten wedelte er mit dem Schwanze, lief in der Nachbarschaft umher und kreuz und quer um den Pfahl herum, um seinen Besuch möglichst deutlich erkennbar zu machen, wahrscheinlich zur Benachrichtigung seines Bruders Bill, der in Brandon lebte. Deshalb war es auch gewiß kein Zufall, daß Bill eines Nachts bei uns auftauchte und von Bingo mit in die Hügel genommen wurde, wo ein höchst wohlschmeckendes, totes Pferd einen feinen Braten zur Verherrlichung des Besuches abgab.

Zuweilen wurde Bingo plötzlich durch die erhaltenen Neuigkeiten so aufgeregt, daß er die Spur aufnahm und im Galopp nach der nächsten Station lief, um nähere Erkundigungen einzuziehen.

Oft rief die Untersuchung auch nur ein würdevolles Kopfschütteln hervor, das sich ungefähr aussprach wie: »O du meine Güte, wer zum Kuckuck war denn das?« Oder: »Ich glaube fast, ich machte die Bekanntschaft dieses Herrn schon im vorigen Sommer.«

Als Bingo sich eines Morgens dem Grenzpfahl näherte, sträubten sich seine Haare, er kniff den Schwanz ein, zitterte am ganzen Leibe, und man konnte erkennen, daß ihm plötzlich übel wurde, alles sichere Zeichen von Angst und Schrecken. Auch schien er keine Lust zu fühlen, der Spur zu folgen, sondern kehrte nach dem Hause zurück, und noch eine halbe Stunde danach standen seine Haare zu Berge, und sein Gesichtsausdruck zeigte Haß und Furcht.

Bei näherer Untersuchung der gemiedenen Fährte entdeckte ich, daß das entsetzte, tief gegurgelte »Grrhwuf« »Waldwolf« bedeutete.

Dies ist einiges von dem, was Bingo mich lehrte. Wenn ich ihn dann später sah, wie er sich von seinem kalten, ungemütlichen Lager vor der Stalltür erhob und sich streckte, den Schnee aus seinem zottigen Fell schüttelte und in einem steten Trott in der Dämmerung verschwand, dann pflegte ich zu denken:

»Aha, du alter Schwede, ich weiß schon, wo du hin willst, und warum du den Schutz des Stalles verschmähst. Ich weiß auch, warum deine nächtlichen Streifzüge so genau an bestimmte Zeiten gebunden sind und woher du es weißt, wohin dich zu wenden, um den zu finden, den du suchst.«

V

Im Herbst des Jahres 1884 verließen wir die De-Winton-Farm, und Bingo war genötigt, sein altes Quartier mit einem neuen, dem Stall unseres Nachbars Gordon Wright, zu vertauschen.

Seit den ersten Tagen seiner Jugend hatte er sich geweigert, ein Haus zu betreten, ausgenommen während eines Gewitters. Vor Donner und Feuerwaffen hatte er eine tiefeingewurzelte Angst, und die Furcht vor dem Grollen der Elemente hatte zweifellos ihren Ursprung in einem unangenehmen Abenteuer mit einem Gewehr. Sein Nachtlager war, selbst während des kältesten Wetters, außerhalb des Stalles. So konnte er sich seiner nächtlichen Freiheit ungehindert erfreuen und sie nach Kräften ausnutzen. Bingos mitternächtliche Wanderungen dehnten sich meilenweit über die Ebene aus. Dafür hatten wir genügende Beweise. Einige Farmer aus weitentfernten Gegenden ließen Gordon sagen, daß sie von ihren Gewehren Gebrauch machen würden, wenn er seinen Hund des Nachts nicht zu Hause hielte, und Bingos Furcht vor Feuerwaffen bewies, daß dies keine leeren Drohungen waren. Ein Mann, der weit, weit entfernt in der Nähe von Petrel lebte, erzählte, er habe an einem Winterabend einen großen schwarzen Wolf gesehen, der einem Präriewolf den Garaus machte. Später aber änderte er seine Ansicht und meinte, es müsse Wrights Hund gewesen sein.

So oft der Körper eines erfrorenen Rindes oder eines Pferdes sich irgendwo fand, war Bingo auf geheimnisvolle Weise sofort benachrichtigt, begab sich stehenden Fußes nach der Stelle und stillte, die Präriewölfe hinwegtreibend, seinen Hunger bis zum Platzen.

Zuweilen war der Grund zu seinen nächtlichen Wanderungen auch die Liebe zu irgendeines Nachbars Hündin, und es war nicht zu befürchten, daß Bingos Geschlecht je aussterben würde. Einer behauptete sogar, er habe eine Wölfin mit drei Jungen gesehen, die der Mutter zwar ähnelten, jedoch größer und schwarz waren und um das Maul einen weißen Ring trugen.

Ob das wahr ist oder nicht, weiß ich nicht; ich erinnere mich, daß wir spät im März mit Bingo, der hinter uns hertrottete, im Schlitten über Land fuhren und aus einer Höhle einen Präriewolf aufstöberten. Er sauste davon, und Bingo in voller Karriere hinterdrein, aber der Wolf schien sich nicht besonders anzustrengen, um zu entfliehen. Nach einigen Sekunden hatte der Hund ihn eingeholt und, so sonderbar es auch klingen mag, es entspann sich kein hitziger Kampf, keine blutige Balgerei!

Bingo lief liebenswürdig neben dem Wolf her und leckte ihm die Nase.

Wir waren sehr erstaunt und hetzten Bingo gegen den Graurock auf, aber unser Schreien und Rufen hatte nur zur Folge, daß der Wolf davonrannte und der Hund hinterher, bis er ihn wieder überholt hatte. Seine Liebenswürdigkeit war zu auffällig, und es begann in meinem Kopfe zu dämmern: das war eine Wölfin, und Bingo wollte ihr kein Leid tun. Wir riefen unsern ungeratenen Hund und fuhren heim.

Nach diesem Tag wurden wir wochenlang durch die Räubereien einer Wölfin belästigt, die unsere Hühner mordete, Stücke Fleisch aus dem Hause stahl und verschiedene Male die Kinder in Schrecken setzte, indem sie frech zum Fenster hereinschaute, wenn die Männer fort waren.

Schließlich wurde die Wölfin erschossen, und Bingos bittere Feindschaft gegen Oliver, der den glücklichen Schuß getan, bewies seine Zuneigung zu der Dahingeschiedenen zur Genüge.

VI

Es ist wunderbar, wie Mensch und Hund zusammenhalten und wie sie sich in Not und Gefahr nie verlassen. Butler erzählte von einem alten Indianerstamm im fernen Norden, der sich in blutiger Familienfehde aufrieb, und zwar einzig und allein um eines treuen Hundes willen, der einem Krieger des Stammes gehörte und von einem Nachbarn getötet wurde. Ja selbst unter uns hört man oft genug von Gerichtsverhandlungen, ernsten Streitigkeiten und Fehden, die alle von dem alten Satze ausgingen: »Sei meines Hundes Freund, und du bist auch der meine!«

Einer unserer Nachbarn besaß eine kostbare Rüde, die er für die beste und wertvollste auf der Welt hielt. Der Mann war mein Freund, und folglich war ich auch seinem Hunde zugetan. Als daher eines Tages der arme Tan furchtbar verstümmelt heimgekrochen kam, vor der Tür liegen blieb und verendete, schwor ich im Verein mit seinem Herrn furchtbare Rache, und ließ nichts unversucht, den Mörder zu entdecken.

Ich setzte Belohnungen aus und suchte eifrig nach Beweismaterial zur Überführung des Verbrechers. Schließlich kam es zutage, daß wohl drei Männer, die südlich von uns wohnten, bei dieser blutigen Affäre ihre Hand im Spiel gehabt haben mußten. Die Beweise häuften sich, und beinahe waren wir so weit, die Angelegenheit der Gerechtigkeit zu übergeben, die das Urteil über die Mörder des armen Tan sprechen sollte.

Da ereignete sich etwas, was meine Ansicht sofort änderte und mich glauben machte, daß die Verstümmelung des alten Köters doch kein so unentschuldbares Verbrechen gewesen sei; jedoch mußte ich mir diese Sinnesänderung ziemlich gewaltsam aufdrängen.

Gordon Wrights Farm lag südlich von der unseren, und als ich jene eines Tages besuchte, nahm mich Gordon jun., der wußte, daß ich Tans Mörder nachspürte, beiseite und wisperte, sich ängstlich dabei umsehend:

»Bingo war der Mörder.«

Von diesem Augenblick an ließ ich die Angelegenheit fallen, und ich bekenne, daß ich mit dem gleichen Eifer nun die Nachforschungen irrezuleiten suchte, mit dem ich vorher zur Aufdeckung des Verbrechens angestachelt hatte.

Schon lange vor dieser Begebenheit hatte ich Bingo weggeschickt; aber noch fühlte ich mich im Herzen als sein Besitzer, und diese unlösliche Kameradschaft zwischen Bingo und mir sollte sich bald bei einer anderen Gelegenheit überraschend beweisen.

Gordon und Oliver waren nahe Nachbarn und gute Freunde. Sie hatten zusammen einen Kontrakt übernommen, Holz zu schlagen, und arbeiteten einträchtig miteinander bis spät in den Winter. Da verendete Olivers alte Mähre, und um noch möglichst viel Nutzen aus diesem Verlust herauszuschlagen, schleifte er den Kadaver hinaus in die Prärie und streute vergiftete Köder für die Wölfe daneben aus. Der arme Bingo! Er konnte von seinen wölfischen Gewohnheiten nicht lassen, obwohl sie ihn schon oft ins Unglück gestürzt hatten.

Bingo hält die Wölfe fern, während Curley sich vollfrißt.

Er war ein großer Freund von Pferdefleisch, wie alle Angehörigen dieser wilden Rasse, und noch in der gleichen Nacht stattete er dem Kadaver in Begleitung von Wrights Hund Curley einen Besuch ab. Es schien, als ob Bingo in der Hauptsache nur die Wölfe ferngehalten und Curley sich vollgefressen hätte. An den Spuren im Schnee konnte man die ganze Geschichte des Festmahles ablesen, von der Störung, als das Gift zu wirken begann, und von dem rasenden Laufe Curleys heimwärts, der, von wütenden Schmerzen gepeinigt, zu Gordons Füßen in Krämpfe verfiel und dann vollkommen gelähmt verendete.

Bingo und die Wölfin.

»Sei meines Hundes Freund, und du bist auch der meine!« Keinerlei Aufklärungen und Entschuldigungen wurden angenommen. Es war nutzlos, zu behaupten, die ganze Sache sei zufällig; die langvergessene Feindschaft zwischen Bingo und Oliver warf ein starkes Licht auf die Begebenheit. Der Holzkontrakt wurde gebrochen, alle freundschaftlichen Verbindungen gelöst, und noch bis heute besteht die bittere Feindschaft, die durch Curleys Todesschrei ins Leben gerufen wurde.

Es währte Monate, bis Bingo sich vom Genuß des Giftes erholte, und wir glaubten sicher, daß er niemals wieder der starke, lustige Bingo von früher werden würde. Doch als der Frühling kam, fing sein Zustand an, sich merklich zu bessern, und als das Gras wuchs, war er wieder bei vollster Gesundheit und Kraft, der Stolz seiner Freunde und der Quälgeist der Nachbarn.

VII

Pflichten riefen mich weit hinweg von Manitoba, und bei meiner Rückkehr im Jahre 1886 war Bingo noch ein Mitglied von Wrights Haushalt. Ich glaubte, er würde mich nach den zwei Jahren der Abwesenheit vergessen haben, aber dem war nicht so. Eines Tages im Winter, nachdem er achtundvierzig Stunden verloren gewesen war, kam er heimgekrochen mit einer Wolfsfalle und einem Holzklotz am Hinterlauf und den Fuß zu Stein gefroren. Niemand konnte sich ihm nähern, um ihm zu helfen, und als ich, für ihn jetzt ein Fremder, mich niederbeugte, mit einer Hand die Falle erfaßte und mit der andern sein Bein, packte er mich wütend am Gelenk.

Noch waren seine spitzen Zähne nicht durch die Haut gedrungen, und, ohne mich zu bewegen, sagte ich: »Aber, Bingo, kennst du mich denn nicht mehr?« Sofort ließ er meine Hand fahren und leistete keinen weiteren Widerstand, obwohl er während der Entfernung der Falle vor Schmerz heulte und winselte. Trotz des Wechsels seiner Heimat und trotz meiner langen Abwesenheit erkannte er mich als seinen Herrn und Gebieter an, und auch ich fühlte trotz des Aufgebens aller Anrechte auf ihn, daß er immer noch mein Hund war.

Bingo wurde – zwar ganz gegen seinen Willen – ins Haus getragen, um den erfrorenen Fuß aufzutauen. Den ganzen Winter hindurch lief er lahm, und zwei Zehen des verletzten Fußes fielen ab. Jedoch vor dem Wiedereinsetzen der warmen Witterung hatte er seine volle Gesundheit wiedererlangt, und für einen Uneingeweihten trug er keine Merkmale seiner furchtbaren Erfahrung in der Stahlfalle.

VIII

Im gleichen Winter fing ich eine große Anzahl Wölfe und Füchse, die nicht so viel Glück hatten wie Bingo und den unbarmherzigen Fallen nicht zu entrinnen vermochten. Ich ließ die Fallen draußen bis spät ins Frühjahr; denn die Fangprämien sind hoch, auch wenn das Pelzwerk minderwertig ist.

Kennedys Wiesen waren stets ein ergiebiger Jagdgrund, weil sie nicht von Menschen besucht wurden und zwischen dem Forst und der Ansiedlung lagen; hier hatte ich das meiste Glück.

Die Wolfsfallen sind von schwerem Stahl und haben zwei Federn, jede mit einer Schlagkraft von hundert Pfund. Vier werden zusammen ausgesetzt rund um einen vergrabenen Köder. Nachdem sie an verborgenen Holzklötzen stark befestigt sind, bedeckt man sie sorgfältig mit Laub und Sand, um sie vollkommen unsichtbar zu machen.

In einer solchen Falle hatte ich einen Präriewolf gefangen. Ich schlug ihn mit einem Knüppel tot und warf ihn beiseite. Dann begann ich die Falle wieder zu spannen, wie ich es hundertmal vorher getan. Alles war schnell geschehen, und da ich ein Häufchen feinen Sand nahebei erblickte, griff ich hinüber, um mit einer Handvoll die Falle gut zu bedecken.

O welch ein unglückseliger Gedanke, welche Unvorsichtigkeit! Der Sand lag auf der nächsten Wolfsfalle, und im Augenblick war ich ein Gefangener. Zwar war ich unverletzt, denn die Fallen hatten keine Zähne, und mein dicker Handschuh schwächte den Schlag, aber ich war oberhalb des Knöchels fest erfaßt. Trotz des Schreckens trachtete ich möglichst kühl zu bleiben und versuchte, den Schlüssel zum Öffnen der Fallen mit meinem rechten Fuße zu erreichen. Mich in voller Länge ausstreckend, arbeitete ich mich, mit dem Gesicht nach unten gekehrt, langsam darauf zu und machte meinen gefangenen Arm so lang und so gerade als möglich. Ich konnte mich nicht zur gleichen Zeit umsehen und nach dem Schlüssel langen; aber ich rechnete auf das Gefühl in meinen Zehen und hoffte, sofort zu bemerken, wenn ich das kleine eiserne Werkzeug berühren würde. Mein erster Versuch mißlang. So stark ich auch an der Kette ziehen mochte, mein Fuß traf auf kein Metall. Dann versuchte ich es zum zweitenmal, indem ich mich immer um meinen gefangenen Arm drehte, doch war alles umsonst. Ich entdeckte, daß ich viel zu weit nach Westen geraten war, und so begann ich von neuem blindlings herumzutappen, in der Hoffnung, mit meinen Zehen auf den Schlüssel zu stoßen. Bei dem wilden Umherfahren mit meinem rechten Fuß vergaß ich vollkommen den linken, bis sich die eisernen Klauen von Falle Nr. 3 mit einem scharfen »Klink« über meinem linken Knöchel schlossen.

Zuerst machte die entsetzliche Lage, in der ich mich befand, keinen sonderlichen Eindruck auf mich; aber bald wurde mir schrecklich klar, daß all mein Arbeiten, loszukommen, vergeblich sein mußte. Ich konnte mich von keiner der Fallen ohne Hilfe befreien, konnte sie auch nicht bewegen, und so lag ich denn ausgestreckt, fest und sicher an den Erdboden gekettet.

Was sollte nun aus mir werden? Es war zwar keine Gefahr, zu erfrieren; denn das kalte Wetter war vorüber, aber Kennedys Plan wurde von keinem Menschen besucht, außer von den Holzfällern im Winter. Zu Haus wußte niemand, wohin ich gegangen war, und wenn ich mich nicht selbst befreien konnte, hatte ich keine andere Aussicht, als von den Wölfen zerrissen zu werden oder vor Kälte und Hunger elend zu sterben.

Als ich so dalag, ging die Sonne blutigrot im Westen hinter dem Buschmoor unter, und eine Heidelerche sang im nahen Busch ihr Abendlied, genau wie am Abend zuvor vor der Tür unseres Häuschens. Obwohl dumpfe Schmerzen in meinem Arm in die Höhe krochen und ein eisiger Schüttelfrost mich erfaßte, bemerkte ich doch noch, wie lang die kleinen Federbüschel über den Ohren der Lerche waren. Dann wanderten meine Gedanken zum behaglichen Abendtische in Wrights Haus, und ich dachte, jetzt wird gebraten und gekocht, und jetzt setzen sie sich nieder. Mein Pferd stand dort, wo ich es verlassen, mit den Zügeln auf dem Erdboden, und wartete geduldig, um mich heimzutragen. Es verstand die lange Verzögerung nicht, und als ich es rief, hörte es auf zu weiden und sah mich hilflos fragend an. Wenn es doch heim liefe! Der leere Sattel würde genug erzählen und sicher Hilfe herbeirufen. Jedoch die große Pflichttreue des Tieres hielt es wartend Stunde für Stunde bei mir zurück, während ich vor Kälte und Hunger beinahe verging.

Dann erinnerte ich mich, wie der alte Trapper Girou sich im Walde verlaufen hatte und wie seine Kameraden im folgenden Frühjahr das Skelett fanden, mit den Knochen des Beines in einer Bärenfalle eingeklemmt. Ich zerbrach mir den Kopf, welcher Teil meiner Kleidung mich wohl erkennbar machen würde. Dann kam mir ein neuer Gedanke. Das gleiche Gefühl hatte doch auch der Wolf, wenn er sich in einer Falle fing. O für welches Elend war ich schon verantwortlich! Nun mußte ich dafür büßen.

Die Nacht sank langsam hernieder. Ein Präriewolf heulte. Das Pferd spitzte die Ohren und kam näher an mich heran, schnaufend und den Kopf tief am Boden. Dann heulte ein zweiter Wolf und noch einer, und ich konnte vernehmen, wie sie sich in der Nähe zusammenscharten. Da lag ich nun hilflos, mit dem Gesicht am Boden, und wunderte mich nur, daß die gierigen Bestien nicht gleich auf mich losstürzten und mich in Stücke zerrissen. Lange hörte ich sie heulen, bevor ich gewahr wurde, daß undeutliche, schattenhafte Gestalten um mich herumhuschten. Das Pferd bemerkte sie, und sein entsetztes Schnaufen trieb sie erst zurück, aber das nächstemal kamen sie schon näher, saßen um mich herum und gafften mich an. Bald wurden sie frecher, krochen heran und rissen an dem Kadaver ihres toten Genossen. Ich schrie, und die Wölfe zogen sich knurrend zurück, während das Pferd entsetzt davonlief.

Wieder kamen sie heran, und nach zwei oder drei derartigen Rückzügen und Angriffen zerrten sie den Leichnam davon und verschlangen ihn in wenigen Minuten.

Danach kamen sie wieder näher, umringten mich und starrten mich frech an. Der Unverschämteste von ihnen beroch mein Gewehr und bewarf es mit Schmutz. Zwar zog er sich zurück, als ich mit meinem freien Fuße nach ihm stieß und ihn anschrie, aber je schwächer ich wurde, desto frecher wurden die Bestien, und ihr Führer kam ganz nahe und fauchte mir direkt ins Gesicht. Dann heulten auch die übrigen und scharten sich dicht um mich, und ich glaubte schon, daß das verhaßte Pack mich zerreißen und verschlingen würde, als plötzlich aus dem Dunkel mit heiserem Geheul ein großes, schwarzes Tier heraussprang. Die Scheusäler zerstoben wie Spreu vor dem Winde, nur ihr Führer blieb, der von dem Ankömmling gepackt wurde und in einigen Minuten als verstümmelter Leichnam dalag. Und dann – Entsetzen packte mich – das mächtige Ungetüm sprang auf mich los und – Bingo, mein treuer Bingo rieb atemlos seinen zottigen Kopf an meiner Schulter und leckte mein eiskaltes Gesicht.

»Bingo – Bingo, alter Junge, hol mir den Fallenschlüssel!«

Davon sprang er und kam zurück, aber er zerrte mein Gewehr hinter sich her; denn er wußte nur, daß ich irgend etwas haben wollte.

»Nein, Bingo, den Fallenschlüssel!« Diesmal brachte er meine Säge, aber schließlich kam er mit dem Schlüssel und wedelte freudig mit dem Schwanze, als er sah, daß er diesmal das Richtige getroffen. Mit meiner freien Hand öffnete ich mühselig die Schrauben, die Falle fiel auseinander, meine Hand war frei, und eine Minute später war ich ganz erlöst. Bingo brachte das Pferd, und nachdem ich einige Male langsam auf und ab gegangen, um das erstarrte Blut in Umlauf zu bringen, war ich fähig, aufzusteigen. Dann ging es heimwärts, langsam zuerst, schließlich im Galopp, und Bingo sprang wie ein Herold bellend vor mir her. Als wir die Ansiedelung erreichten, erfuhr ich, daß der treue Hund sich am Abend ganz auffällig benommen hatte; winselnd und heulend war er die Straße auf und ab gelaufen, und als schließlich die Dunkelheit kam, hatte er sich, allen Versuchen, ihn zurückzuhalten, zum Trotz, davongemacht und war, geleitet von einem Instinkt, den wir nicht erklären können, gerade im rechten Moment bei mir angelangt, um mich zu rächen und zu befreien.

Treuer, alter Bingo – du warst ein rätselhafter Hund. Obwohl er mich liebte, lief er am nächsten Tage an mir vorüber, ohne mir nur einen Blick zu schenken, folgte aber mit Feuereifer Wrights kleinem Sohn, der ihn zur Jagd mitrief. So blieb er bis ans Ende, und bis ans Ende führte er auch sein geliebtes wölfisches Leben und konnte es nicht lassen, auf die Suche nach gefallenen Pferden zu gehen. So fand er einmal auch eins mit einem vergifteten Köder und verschlang diesen wie ein Wolf. Als er die furchtbare Wirkung fühlte, machte er sich auf, nicht nach Haus, sondern um mich zu suchen, und erreichte die Tür der kleinen Hütte, in der er mich vermutete. Als ich am andern Tag nach Hause kam, fand ich ihn tot im Schnee, mit dem Kopf auf der Schwelle der Tür – der Tür, vor der er seine Jugendtage verlebt. Er war verendet – mein Hund bis zum letzten Atemzug – und es war meine Hilfe, die er gesucht hatte, vergeblich gesucht in der Stunde bitterer Todesschmerzen und tiefer Verzweiflung.

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