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Bilderbuch

Hermann Kaulbach: Bilderbuch - Kapitel 15
Quellenangabe
typecomic
authorAdelheid Stier
illustratorHermann Kaulbach
titleBilderbuch
publisher
printrun79. bis 88. Tausend
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150614
projectid8a736086
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Auf dem Rückzug

Es war einmal ein Rabe, der Jakob hieß und ein schwarzes Röcklein trug, wie alle seinesgleichen. Weil er aber dies Röcklein seit Jahren täglich auf dem Leib hatte und wenig in acht nahm, war es ruppig und struppig geworden, und unser Jakob sah darin aus wie ein richtiger Strolch. Wie ein solcher trieb er sich denn auch gern auf der Straße herum, obgleich er sein Zuhause bei dem Schuster in der Obergasse hatte, der dem struppigen Gesellen sehr zugetan war, und dem dieser seine ganze Bildung verdankte. Denn der Schuster unterhielt sich gern mit ihm bei der Arbeit, hatte ihm allerlei Kunststücke beigebracht und ihn ein paar Worte sprechen gelehrt.

Die Bildung aber hatte ihm nicht den bösen Erbfehler seines Geschlechts austreiben können: er stahl eben »wie ein Rabe«. Von Menschen, die sich an fremdem Eigentum vergreifen, sagt man, sie machten »lange Finger«; unser Jakob machte in solchem Fall einen langen Schnabel, packte zu und schleppte das Gestohlene in irgend ein Versteck. Und weil der aufgesperrte krumme Schnabel immer so drohend aussah, fürchteten ihn die Kinder, besonders die kleinen. Die großen wurden schon mit dem Raufbold fertig, ja, sie hatten den klugen Vogel sogar zeitweise recht gern. Er hütete sich auch wohl, mit den großen Buben anzubinden; nur wo er sich gefürchtet sah, tat er sich gern groß.

Einmal hockte er Nachmittags neben seinem Meister auf dem Fensterbrett und sah zu, wie dieser Nägel in den Absatz eines Stiefels klopfte. Bald aber langweilte ihn die Sache und er blinzelte auf die Straße hinaus nach Zeitvertreib. Saßen da drüben auf der Haustreppe die beiden jüngsten vom Bäcker Knusperling und ließen sich's wohl sein beim Vesperbrot. Luisle hatte ihr Püppchen zwischen sich und das Brüderchen gesetzt und hielt ein großes Butterbrot, während Franzl herzhaft in einen roten, saftigen Sommerapfel biß. Jakobs Augen wurden immer größer, – solch Apfel war auch für seinen Schnabel ein feiner Leckerbissen! Hopp! war er auf der Straße, – hopp, hopp! – mit ein paar Sätzen drüben vor den erschreckten Kindern. Luisles Butterbrot fiel zu Boden, ihr Puppenkind an sich reißend, ergriff sie die Flucht; Franzl ließ den angebissenen Apfel davonrollen und machte sich auf allen vieren treppauf davon, nur den zweiten Apfel rettend.

Jakob fühlte sich als siegreicher Eroberer; mit einem Fuß ergriff er Besitz vom Butterbrot, der Apfel am Boden war ihm sicher, so hackte er, kreischend, nach dem andern, – seine Unersättlichkeit wollte alles haben.

Da ereilte ihn die Strafe. Max, des Bäckers Ältester, kam herzu, sah den Räuber und warf schnell einen Stein nach ihm. Aufkreischend entfloh er, doch ein wohlgezielter Hieb traf ihn noch, ehe er in die Werkstatt schlüpfte. Der schmerzte arg, so daß unser Jakob tagelang scheu und still im Winkel saß und für einige Zeit die Lust am Stehlen verlor.

Bild: Hermann Kaulbach

Auf dem Rückzug.

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