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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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Das Weib an den Geliebten.

Ihrem (Hartmuot) der schönsten Blume,
strahlend in der Sitten Ruhme,
Der Tugenden Abbilde,
der Tugenden Urbilde,
Wünscht (Imtrut) die Honigträgerin, die Turtel mit sanftem Sinn:
Alles was fröhlich ist, alles was selig ist
In der Erde Gewimmel und was lieblich ist im Himmel,
Und was dem Pyramus Thisbe begehrt. Und zuletzt sei ihm gewährt
Sie selbst, noch einmal sie, und was ihm lieber ist als sie.

Du Liebster unter allen Lieben! Wäre ich erfüllt vom Geist des Maro und strömte aus mir die Redekunst des Cicero oder eines anderen großen Redners, oder etwa eines rühmlichen Reimers, ich müßte mich doch zu schwach bekennen, deiner schön gefeilten Rede ebenso zu antworten. Lache mich darum nicht aus, wenn ich für mein Teil etwas vorbringe, weniger zierlich als ich möchte. Du fühlst doch innig mit mir, was ich in meinem Gemüt trage. Es ist guten Sinnen eigen, Vertraulichkeit mit Gleichgesinnten zu begehren, und mir liegt am Herzen, deinen Vorschriften bei allem Wollen zu gehorchen, und darum wollte ich durch gegenwärtiges Schreiben deinem süßen Brief doch mit einer Antwort entgegnen, wenn sie ihm auch ungleich ist. Immer war Anfang, Mitte und Ende unserer Unterredung die Freundschaft. Da ist es in der Ordnung, daß ich von der wahren Freundschaft, dem besten, fröhlichsten und lieblichsten aller Dinge spreche. Wahre Freundschaft ist nach dem Zeugnis des Tullius Cicero Einklang in allem Göttlichen und Menschlichen mit Herzlichkeit und zugeneigtem Sinn. Sie ist auch, wie ich von dir gelernt habe, das Trefflichste aller Dinge auf Erden und besser als alle anderen Tugenden; denn sie gesellt, was getrennt war, sie bewahrt, was sie gesellt, und was sie bewahrt, hebt sie höher und höher. Nichts ist wahrer als diese Beschreibung oder Erklärung, wer sich danach richtet, der hat einen Grund von fester Bewährung.

Für sie wollen wir leben, denn durch sie wird fester unser Streben,
Sie ist ein mächtig Ding, tröstet vornehm und gering;
Sie richtet auf die Wankenden und erquickt die Krankenden,
Sie läßt nicht Unrecht üben, und fordert frei zu lieben.
Und kurz zu werden, sie ordnet jedes ohn' Beschwerden.
Sie waltet mächtig und regieret prächtig.

Doch um davon abzukommen, ohne davon zu lassen, an dich richte ich meine Zeilen, an dich, den ich in meiner Herzenskammer eingeschlossen trage, der jedes menschenmöglichen Loses würdig ist. Denn von dem Tage, wo ich dich zuerst sah, fing ich an dich zu lieben. Du bist kühn in die Tiefen meines Herzens eingedrungen, dort hast du dir, wunderbar zu sagen, durch den Reiz deines lieblichen Gespräches einen Sitz bereitet, und daß er nicht bei einem Anstoß umgeworfen werde, hast du durch die Rede deiner Briefe dir deinen Schemel, ja einen Thron fest gegründet. So ist es gekommen, daß dich aus meinem Gedächtnis kein Vergessen tilgen kann, keine Dämmerung verhüllen und kein starkes Stürmen von Wind und Wetter aufstören. Doch wie kann man von Beständigkeit reden, wo immer neue Dinge aufeinander folgen? Ich würde es wohl für ein wahres Sein halten, wenn ich immer in deiner Nähe sein könnte; aber da mir solches Sein versagt ist, wird alles Sein, das mich umgibt, von mir für unwahr erachtet. Mache du also, daß ich mein Sein für wahr zu halten vermag, und das ist nicht anders möglich, als wenn etwas von dir mit mir ist.

Auch der Glaube wird die Königin aller Tugenden genannt, und das bezeugt nicht nur die Heilige Schrift, auch die unverwerfliche Lehre weltlicher Lehrer. Diesen Glauben willst du, und ich will ihn, du suchst ihn bei mir, ich wieder bei dir, ihn hefte ich durch Wort und Tat eifrig in dein Herz; scheidest du dich von ihm, so sinkst du zum Abgrund; lösest du dich von ihm, so fährst du niederwärts vom Pfade der Tugend. Vermählst du dich ihm, so leuchtest du wie ein Sonnenstrahl; dienst du ihm, so eroberst du die Burg der Tugenden; folgst du ihm, erwirbst du ein seliges Leben; hältst du ihn fest, so fassest du den Anker deiner Hoffnung. Warum? Er bindet in Hoffnung, er verneint in Liebe; durch seine Fesseln sind wir zusammengestellt; daß wir ihn fühlen, darum wünschen wir uns Glück. Was soll ich mehr sagen?

Alles Gute gewinnt, wer durch Gott in Treue brinnt.

Du allein bist mir aus Tausenden erlesen, du allein bist in das Heiligtum meines Geistes aufgenommen, du allein bist mir Genüge statt allem, wenn du dich nämlich von meiner Liebe, wie ich hoffe, nimmer abwendest. Wie du getan hast, habe ich auch getan, aller Lust habe ich aus Liebe zu dir entsagt, an dir allein hange ich, auf dich habe ich alle meine Hoffnung und mein Vertrauen gesetzt.

Ferner wenn du mir rätst, ich soll mich vor den Rittern wie vor gewissen Ungetümen hüten, so hast du recht. Auch ich weiß, wie ich mich wahre, damit ich nicht sinke auf die Bahre. Aber ohne die Treue gegen dich zu verletzen, verschmähe ich sie nicht ganz, wenn ich nur nicht dem Fehler unterliege, den du ihnen schuld gibst. Denn sie sind es doch, durch welche die Vorschriften höfischer Sitte geübt werden, sie sind Quelle und Ursprung aller Ehre. Soviel über die Herren, bleiben sie nur unserer Minne fern.

Meines Gelöbnisses eingedenk, habe ich dich immer und überall in Gedanken, denn dadurch wird die Glorie meines Hauptes völlig und mein Ruhm erneut. Beständigkeit des Geistes und der Treue bewahre ich dir allein, weil ich dadurch Gold und Silber der Seele, das ist Anmut, mir erwerbe, die ich höher zu schätzen habe als Gold und Silber. Was dir am wertesten sein mag,

Daran hange ich, und das für alle Zeit verlange ich,
Dabei zu beharren in Stetigkeit, befiehlt mir mein Sinn in Wahrhaftigkeit.
Ich bin sicher dir, niemand folgt in mir
Jetzt und jemals dir von allen, du allein sollst mir gefallen.
Ich hätte mehr gesendet, doch tut's nicht not, drum sei geendet.
Du bist mein, ich bin dein,
Des sollst du gewiß sein.
Du bist beschlossen
In meinem Herzen,
Verloren ist das Schlüsselein,
Du mußt immer drinnen sein.

Der Mann an die Geliebte

Sehr eifrig habe ich dein vertrauliches Schreiben durchlesen, habe mich an deinem vielfältigen Lob der Treue und Freundschaft ergötzt und wie die Aue, wenn der Winter vergangen ist, durch die Blüten deiner Lieblichkeit verjüngt. Wenn alle Glieder meines Leibes in Zungen verwandelt würden, vermöchte ich so großem Lob nicht zu antworten, und wenn ich ganz wie ein löcheriger Schwamm würde, könnte ich soviel Herrlichkeit nicht in mich aufsaugen. Aber du hast, nach dem Bilde des Horaz, an das Menschenhaupt einen Pferdehals gefügt, und der schöne Frauenleib läuft unten in einen häßlichen Fisch aus. Denn du hast eine sehr seltsame Chimäre mir vor Augen gestellt und hast aus einem Quell zugleich süßes und bitteres Wasser gegossen. Meines Herzens Aue durch dich getränkt, fing an, Blumen und Früchte der Treue und Freundschaft zu gewinnen, da strömte plötzlich die salzige Flut herüber und dörrte ihr alle holde Anmut. Denn du hast die Zweige deiner Worte, die zierlich mit Blättern geschmückten, nach mir ausgestreckt und mein Herz angezogen; aber du hast mich wieder zurückgestoßen, da ich keine Frucht deines Baumes zum Kosten pflücken kann. Fürwahr, das ist jene Feige im Evangelium ohne Frucht, und das ist poetische Sorgfalt ohne Ernst. Was liegt dir im Sinn? Glauben ohne Werke ist tot, und erst die Leistung des Werkes ist Erfüllung der Liebe. Du aber hast dich sehr im Widerspruch mit dir selbst gezeigt, denn du hast guten Grundsätzen und den süßen Lobreden, die du vorausgeschickt, nicht den entsprechenden Schluß gemacht oder angedeutet, sondern gegen das Gesetz der Freundschaft meinem Wollen dein Nichtwollen gegenübergestellt. Denn der erste Teil deines Briefes forderte, daß du jenen rauhen Nachsatz, der gegen die Freundschaft ist, gänzlich ableugnest, und daß du durch freundschaftliche Taten bewährst, was du in Worten so herrlich ausgeführt hast. Wenn du nicht änderst, was du zuletzt schreibst, stimmen die vorgesetzten Worte nicht. Wen willst du kränken? – Das äußerste Übel hast du mit sanften Worten ausgesprochen. – Es gesellen sich alle M. – Warum nicht a. w. – Natürlich ist Hym. – Was entgegnest du? – gesellt sich zu den Bösen. – Dem Br. . . . ich nicht vertr. – Wenn du mir la., werde ich kommen . . .

Antwort der Geliebten

Ihm sie, dem Ihren die seine. – Zwar sagt jemand unter dem Namen Ovids von der Liebe: ›Hoffend meint' ich geborgen mich selbst vor künftigen Sorgen‹ – aber dieser Verszeile möchte ich eine andere Wendung zuteilen: Hoffend meint' ich mich geborgen vor künftiger Schreiberei. Da tönt der Ruf: zu den Waffen, und ich ›Muß jetzt singen ein Lied, zu dem mich nimmer das Herz zieht, – Doch wer zwänge zurück die einmal begonnene Weise!‹ – Ich will aber nicht, daß du mir zürnst, wenn ich den Eifer stille, der deine Seele ergriffen hat. Ich habe dir, die Wahrheit zu gestehen, so vertraulich geschrieben, wie es vor dir kein Mann jemals von mir zu erreichen vermochte. Aber ihr listigen oder, besser gesagt, erfahrenen Männer pflegt uns einfältige Mädchen mit Worten zu fangen. Weil wir insgemein in Einfalt des Herzens mit euch auf das Schlachtfeld der Worte vorgehen, trefft ihr uns mit den Speeren eurer, wie ihr meint, richtigen Schlüsse. So ist es gekommen, daß du den Brief, der neulich von mir an dich gerichtet war, mit ungetümen Tieren verglichen hast, die zwar nicht irdisch, aber doch sinnvoll sind. Und darauf hast du dasselbe getan, dessen du ohne Scheu deine Freundin beschuldigt hast. Denn zu schamlos und dreist hast du das Maß überschritten und die Zügel der laufenden Rede unvorsichtig gelockert, weil du Worte, welche nach meiner Meinung gut und ehrlich waren und aus gutem Gewissen und wahrhaftiger Treue kamen, mit einer Chimäre und Sirene verglichen hast. Das kommt nirgends anders her, wie ich fest glaube, als weil bei euch das Sprichwort gilt: ›was der Bock –‹, und weil ihr glaubt, daß ihr nach jedem freundlichen Wort von uns tätlich werden dürft. So ist es nicht, und so soll es nicht sein. Ich würde dir schlecht gefallen, wenn ich mich allen hingeben wollte, denen ich gütlich zuspreche. Weil du mir meine Worte verkehrt hast, bist du mir tadelnswert geworden. Das sollst du tun nimmermehre, Freund, folge meiner Lehre, die wird dir schaden nicht. Denn wärest du mir nicht lieb, so ließe ich dich in den Abgrund der Unwissenheit und Blindheit rennen. Du bist aber eines bessern wert, denn in dir sind sichtbar die Früchte der Ehre und Zucht. Ich hätte dir wohl mehr in dem Briefe gesandt, aber du bist sowohl gewandt, daß du vieles aus wenigem zu nehmen weißt. Beständig und glücklich sollst du immer sein.

Soweit die erhaltenen Briefe. Der stille Kampf zwischen den Liebenden läßt sich erraten. Und der Mann, an welchen ein liebenswertes Weib schreibt, war vermutlich ein Geistlicher.

Aber seit dem Jahre 1170 siegten die deutschen Verse der ritterlichen Bewerber in den Frauenherzen über die schönen lateinischen Perioden, worin der gelehrte Geistliche die Seelenfreundin beschwor. Überall an den Höfen der deutschen Edlen tönte der Minnegesang, und die Frauen sammelten die Lieder ihrer Sänger und hefteten die kleinen Pergamentstreifen, welche ihnen zugesteckt wurden, sorglich zusammen. Aus diesen fliegenden Blättern wurden die ersten Gedichtbüchlein in deutscher Sprache, sie wurden umhergetragen, mit neuen Liedern vermehrt, endlich zu Sammlungen vereinigt, welche uns noch erhalten sind. Was uns diese Minnelieder von dem Verhältnis des Sängers zu seiner Herrin künden, sind immer dieselben Stimmungen: Lob der Schönheit und Tugend, Klage über Dienst ohne Erhörung, Freude über den stattlichen Aufzug und einen Gruß der Geliebten, zuweilen ein verstohlenes und sinnvolles Wechselgespräch, endlich die Klage der Frau, wenn der Geliebte am Morgen von ihr scheidet. Aber nicht häufig bieten sie individuelle Züge, welche uns die Liebenden menschlich nahestellen. Und die Variation stehender Gedanken, Prädikate und Situationen ermüdet. Wir geben auch bei Walther manches Minnelied, welches vornehme Frauen feiert, für das reizende Lied, worin seine Jugendgeliebte, ein Dorfmädchen, den Ort ausplaudert, wo sie mit ihm in den Blumen geruht habe: »Wenn einer wandert da vorbei, an den Rosen er wohl mag, tandaradei, merken, wo das Haupt mir lag«. Nicht immer sind es die berühmtesten Sänger ihrer Zeit, z. B. nicht Reinmar der Alte, welche uns lieb werden; zuweilen erfreut bei kleinen Talenten oder in Liedern, deren Verfasser ungewiß sind, eine herzliche Innigkeit und interessante Beziehung zwischen Mann und Frau. In diesem Sinne wird hier in kurzer Prosa, ohne jeden poetischen Schmuck, der Inhalt einiger Lieder angegeben, welche der Ritter Albrecht von Johansdorf etwa um 1190 gedichtet hat. Noch klingen mehrere in der einfachen Weise des Volksliedes, auch in den kunstvolleren hat die Zierlichkeit des höfischen Ausdrucks nicht der Energie des Gefühls Eintrag getan [...]:

Meine erste Liebe soll auch meine letzte sein. Das bringt oft Schaden meiner Lust, jedoch mein Herz rät mir so. Sollte ich mehr als eine lieben, wie mancher tut, dann liebte ich keine.

Ich habe um Gott das Kreuz an mich genommen und fahre dahin wegen meiner Missetat. Gott helfe mir, wenn ich zur Heimat kehre, daß ich sie in ihrer Ehre wiederfinde, das Weib, das durch mich großen Kummer hat. Dann ist mein bester Wunsch erfüllt. Wenn aber sie ihr Leben verkehrt, dann gebe Gott, daß ich auf der Fahrt vergehe.

Der Tod kann mich von ihrer Liebe scheiden, sonst niemand. Das habe ich gelobt; der ist mein Freund nicht, der sie mir verleiden will, denn ich habe sie mir zur einzigen Freude erkoren. Wenn ich durch meine Schuld ihren Zorn verdiene, so bin ich vor Gott verflucht wie ein Heide. Sie ist gut und schön; heiliger Gott, sei gnädig uns beiden! – Als sie an meinem Kleid das Kreuz sah, sprach die Gute, da ich ging: ›Wie willst du jetzt zwei Pflichten erfüllen, fahren übers Meer und doch hier sein? Wie kannst du dich in der Fremde halten gegen mich und wie bewahren deine Eide?‹ Oft fühlte ich Weh, doch nie so großes Leid. – Ach, meine Herzensfrau, traure nicht so schmerzlich. Das werde ich immer als Trostspruch festhalten; wir sollen gern fahren um des reichen Gottes willen zu Hilfe dem Heiligen Grabe; wer dabei strauchelt, kann ohne Schaden wanken. Denn dort kann niemand zu Schaden fallen, ihm wird doch die Seele froh, wenn sie mit Freudensang sich zum Himmel wendet.

Ich und ein Weib, wir haben lange Zeit gestritten. Ich habe viel Zorn von ihr erfahren, noch droht sie mit dem Streit. Sie wähnt, weil ich mit dem Kreuz fahre, daß ich mein Gelübde gegen sie löse. Gott bewahre mich nicht vor der Hölle, wenn das mein Wille ist! Wie sehr das Meer und die starken Wellen toben, ich will keinen Tag meinen Schwur gegen sie vergessen. Und viele Donnerschläge werden nötig sein, bevor auch sie mich aufgibt. Was also habe ich vor ihr voraus? – Ob ich sie jemals wiedersehe, das weiß ich nicht. Doch was ich ihr gelobe, es kommt mir vom Herzen. Sooft ich erwache, ist mein erster Segen, daß Gott um ihre Ehre sorge und ihr Leben löblich erhalte. Danach gib ihr, Herr, ewige Freude in deinem Reich. Was ihr geschieht, das soll auch mir zuteil werden.

Die von hinnen fahren, die sagen um Gott, daß der reinen Stadt Jerusalem und dem Lande noch nie Hilfe nötiger war. Die Klage wird Spott der Toren, sie sprechen alle: wäre es unserm Herrn ein Ärger, er könnte es rächen ohne irgendeine Kreuzfahrt. Oh, möchten sie bedenken, daß auch er den grimmigen Tod litt, auch er hatte die große Marter nicht nötig, aber ihn erbarmte unser Sündenfall. Wen jetzt sein Kreuz und sein Grab nicht erbarmen will, der wird arm werden an seiner Seligkeit. – Auf diese Gedanken hat mich trüber Sinn gebracht, gern will ich meine Mutlosigkeit bannen; davon war mein Herz bisher nicht frei. Ich denke manche Nacht: wenn ich hier bleibe, was kann ich tun, Gott zu gewinnen, daß er mir gnädig sei? Ich weiß nicht gerade große Schuld, die ich habe als eine, davon werde ich nimmer frei; alle Sünden ließe ich wohl, nur die eine nicht: ich liebe ein Weib über alle Welt in meinem Sinn; Gott, Herr, das halte mir zugute!

Weiße und rote Rosen, blaue Blumen und grünes Gras, braun, gelb und wieder rot, dazu Kleeblätter, das stand in wundervollen Farben unter einer Linde, worauf Vögel sangen. Es war ein schöner Ort, dichtgedrängt beieinander wuchs es da. Ich aber harre, ob dies es mir lohne, der ich lange gedient habe. – Es ist eine gute Weile her, daß ich nicht von Freude sang, ich weiß auch wahrlich nicht, worüber ich mich freuen sollte. Es dünkt mich lange, seit ich die Gute nicht sah, doch fürchte ich, ihr machte der Gedanke an mich noch nie einen langen Tag. Ich werde wenig lachen, bis ich ihre Gnade erkenne. Wie ich's dort befinde, danach will ich alsdann lachen.

Wie die Liebe anfängt, das weiß ich wohl, wie sie endet, das weiß ich nicht. Sollte ich inne werden, wie dem Herzen Gegenliebe wird, dann bewahre mich, o Gott, vor dem Scheiden, denn der Gedanke daran ist bitter. – Fände ich jemand, der sagt, er sei von ihr gekommen, und wäre es mein Feind, ich wollte ihn grüßen; hätte er mir alles genommen, er würde das durch seine Botschaft sühnen. Wer sie vor mir nennt, der hat mich zum Freund ein ganzes Jahr, und hätte er mir mein Haus niedergebrannt.

O Königin Sälde (Glück, Seligkeit), du hast mich gekrönt in meiner süßen Liebe, darum will ich dich immer ehren. Wenn ich die Schöne besitze, dann kann mir's nimmer übel gehen, sie ist ein Juwel von Güte. Bestätigt hat ihr roter Mund, daß ich allezeit glücklich sein kann, wohin ich auch ziehe. So hat sie gelohnet mir, vereint hat mich mit ihrer Frau Zucht durch süße Lehre.

Laß mich, Minne, frei, du sollst mich eine Weile ohne Freude lassen. Du hast mir ganz den Sinn benommen. Kommst du wieder zu mir, wenn ich die reine Gottesfahrt vollendet habe, so sei mir wiederum willkommen. Willst du aber aus meinem Herzen nicht scheiden, und mir scheint sehr, du wirst dich nicht hinausbegeben, so führ' ich dich mit mir in Gottes Land und bitte ihn, den halben Lohn meiner Fahrt der Guten hier zu gönnen. – O weh, sprach ein Weib, viel Leid ist mir durch Liebe beschert! Freudloses Leben, wie wirst du dich gebaren, wenn er von hinnen zieht, der mir die Kraft des Lebens gab? Wie soll ich der Welt und meiner Klage leben? Dazu bedarf ich Rat, wie kann ich mich jetzt vor beiden bewahren? Nie war mir darum so angst wie jetzt, es naht die Zeit, er fährt von hinnen.

Selig seist du, Weib, deren Frauengüte gemacht hast, daß man ihr Bild mit sich führt übers Meer. Ihr aber in der Heimat kommt das Weh, wenn sie stille denkt an seine Not, und sie spricht: Lebt mein Herzlieb oder ist er tot? Oh, möge der um ihn sorgen, für den sein süßes Leben dieser Welt entsagt hat.

Wir wissen sonst wenig von dem Dienstmann des Bischofs von Passau, der um 1190 so empfand, und gar nichts von seiner Geliebten, aber seine Klage tönt über sieben Jahrhunderte hinweg vertraulich in unser Herz.

In heiterem Gegensatz zu diesem elegischen Verhältnis eines Ritters und seiner edlen Frau steht anderer Minnedienst, bei welchem die vornehme Herrin ihren getreuen Dienstmann abweisend und mit mutwilliger Laune behandelt. Wer sich den Gegenstand seiner Verehrung zu hoch wählte, wer nicht gefiel oder in seinen Huldigungen das Zartgefühl der Frau verletzte, der mochte noch Ärgeres erfahren als Nichtachtung. Aus der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts hat uns der steirische Reiter Ulrich von Liechtenstein geschwätzig in langgesponnenen Strophen die ergötzlichen Schicksale seiner höfischen Neigung überliefert. Er hat allerdings einige Ähnlichkeit mit Don Quichote; ehrbar und ernsthaft mit größter Selbstentäußerung gibt sich sein pedantischer und ziemlich hausbackener Geist dem phantastischen Spiel hin, keine Enttäuschung macht ihn wankend, keine Verhöhnung irre, jahrelang bringt er vergebens seine Huldigungen dar, und seine letzte Freude ist, die Niederlagen zu erzählen. Nur darf man nicht meinen, daß die Weise seines ritterlichen Dienstes und das Vertrödeln seines Vermögens und seines Lebens in gefahrvollem Spiel eine Ausnahme gewesen sei, welche seinen Zeitgenossen auffiel. Er tat nur, was danach höfischer Brauch des Rittertums war. Wenn er im Frauenkleid als Venus von Venedig bis über Wien hinausgezogen kam und unterwegs bei jedem Nachtquartier in seiner Verkleidung Speere brach und zum Ritterspiel aufforderte, oder wenn er später ebenso als König Artus die österreichischen Ritter herausforderte und mit den Namen der Tafelrunde schmückte, so entsprachen diese poetischen Fahrten genau der Mode, und Männer und Frauen spielten bei der Maskerade lustig mit, zuweilen in ähnlicher Verkleidung. Anderes freilich, was er für seine Herrin tat, war auffälliger. Er selbst soll davon erzählen; doch müssen aus seinem bekannten und vielbesprochenen Gedicht »Frauendienst« die betreffenden Stellen in einem Auszug mit tunlicher Benutzung seiner Worte wiedergegeben werden. Ulrich von Liechtenstein berichtet folgendes:

Als ich ein kleines Kindel war, hörte ich oft lesen und sagen, niemand könne Ansehen erwerben, als wer guten Frauen treu diene. Als ich zwölf Jahre alt war, schlich ich jedem schmeichelnd nach, der Frauen pries und fragte überall umher nach ihren Sitten und Tugenden. Dann kam ich in Dienst als Knabe zu einer hochgebornen, schönen und guten Frau, die in ihren Tugenden ganz vollkommen war, und beschloß in meinem Herzen, ihr meinen Dienst zu weihen. Wenn ich im Sommer schöne Blumen brach, trug ich sie zu ihr hin; hielt sie den Strauß in ihrer weißen Hand, so war ich freudenvoll und dachte: wo du sie anfassest, hielt ich auch meine Hand. Wenn ihr das Wasser über die weißen Händchen gegossen wurde, trug ich das Wasser heimlich davon und trank es aus. Das war mein kindischer Dienst.

Darauf kam ich zu Markgraf Heinrich von Istrien, der mir Zucht und Ritterdienst beibrachte; er lehrte mich, wie man mit Frauen sprechen soll und süße Worte für Briefe dichten. Nach vier Jahren starb mein Vater, da mußte ich heim in das Steierland, dort übte ich mich mit edlen Knechten im Reiten und Lanzenbrechen. Im Jahre 1222 wurde ich vom Fürsten Leopold von Österreich zum Ritter gemacht, bei einer Hochzeit, als er seine Tochter einem Fürsten von Sachsen gab. Dort sah ich meine reine süße Frau, ich konnte sie nicht sprechen; aber mir wurde berichtet, daß sie zu einem meiner Freunde sagte: ›Ich freue mich, daß Herr Ulrich hier Ritter geworden ist; er war als Kind mein Knecht.‹ Darüber war mein Herz erfreut, ich dachte, ob sie mich zum Ritter annehmen möchte. Ich zog seitdem den Sommer zu allen Turnieren und ließ es um meiner Frau willen nirgend an mir fehlen.

Im Winter kam ich mit meiner heimlichen Trauer und Sehnsucht auf die Burg eines Verwandten, dessen Frau mein Niftel war. Diese nahm mich beiseite, fragte, wie es mir gehe und erzählte mir, die edle Frau, in deren Dienst sie stand, hätte mich gelobt, weil die Rede gehe, daß ich mich einer Herrin zum Dienst gewidmet habe. Und mein Niftel wollte wissen, wer meine Herrin sei. Ich antwortete ihr: ›Sie bleibt von mir ungesagt, wenn du mir nicht einen Eid schwörst, daß du den Namen verschweigst.‹ Da schwor mein Niftel, und ich sagte ihr: ›Dieselbe Frau ist's, bei der du neulich warst. Willst du mich vor dem Tode bewahren, so mußt du ihr in meinem Namen schwören, daß sie meinem Herzen die liebste ist.‹ Und als mich mein Niftel nicht bereden konnte, von dem Dienst abzulassen, verhieß sie mir endlich, meiner Frau alles zu offenbaren, und ich sagte ihr: ›Ein gutes, neues Lied habe ich von ihr gesungen, das mußt du ihr zu Ohren bringen und mir wiedersagen, ob es ihr gefällt.‹

Das Lied sandte ich und fuhr wieder zu meinem Niftel. Sie empfing mich freundlich und sprach: ›Ich habe ihr alles gesagt und dein neues Lied vorgelesen; da aber entgegnete sie: Das Lied ist gut, doch ich nehme es nicht an, sein Dienst will mir nicht geziemen, sprich mir nicht mehr von ihm; ich gönne deinem Neffen, daß er ein biederer Mann wird, denn er war einst mein Knabe, aber was er in solcher Torheit fordert, wird ihm nie gewährt. Es ginge mir an die Ehre und wäre für ihn der Ehre zuviel. Wäre er aber auch vollkommen, was ich von ihm noch nicht gehört habe, er ist einem Weibe doch verleidet, denn sein Mund steht ihm ungefüge im Angesicht; der Mund sieht, mit Erlaub zu sagen, häßlich aus, das weißt du wohl.‹

Ich antwortete: ›Mein Mund soll ihr besser oder noch schlechter gefallen; ich behalte nicht, was mir daran übel steht, sondern lasse mir's abschneiden. Und du rede mir nicht drein, es ist beschlossen.‹ Darauf ritt ich zu dem besten Meister in Graz und tat ihm meinen Willen kund, und er versetzte: ›Ich schneide Euch nicht vor dem Mai, dann kommt her; ich mache Euren Mund, daß Ihr Euch freuen sollt.‹ Als ich die Vöglein singen hörte, dachte ich: jetzt wird dazu Zeit sein. Auf dem Wege nach Graz fand ich einen Knecht meiner Frau, dem vertraute ich meine Absicht: ich habe drei Lefzen und will mir um meiner Frau willen eine abschneiden lassen. Er schalt mich unsinnig, aber begleitete mich, um die Sache mit anzusehen. Der Meister wollte mich binden, ich aber litt es nicht, ich saß vor ihm auf einer Bank, und er griff mit seinem Messer meisterlich an. Ich lag sechsthalb Wochen als ein wunder Mann und litt großes Ungemach. Der Meister rieb mir den Mund mit kleegrüner Salbe ein, sie roch so häßlich, daß ich nichts essen und trinken konnte. Endlich ritt ich geheilt von dannen zu meinem Niftel, die mir sagte: ›Deinen Mund soll dir jetzt niemand mehr vorwerfen, er steht dir gut; davon schreibe ich deiner Frau, sie soll alles wissen.‹ Und ich bat sie, ein Lied beizulegen – es war eine Tanzweise, die ich während meiner Krankheit zu Graz gedichtet hatte.

Darauf erhielt mein Niftel diesen Brief von der Frau: ›Meine Huld und meinen Dienst entbiete ich dir willig und tue dir kund, daß ich am nächsten Montag von dem Haus, wo ich verweile, aufbreche und nach dem Hause reise, das du kennst. Über Nacht bin ich in dem Marktflecken, der dabei liegt. Ich bitte dich also, daß du nicht unterlassest, zu mir zu kommen, ich will dir auf alles antworten, was du mir entboten hast. Will auch dein Neffe dorthin kommen, den sehe ich gern wegen seinem Mund, wie der ihm steht, und aus keinem andern Grund.‹

Als mir der Brief vorgelesen war, machte ich mich freudig auf und ritt dorthin, wo ich die Gute treffen sollte. Da war sie leider so behütet, daß ich sie vor Abend nicht sah. In der Nacht schlief ich nicht, am Morgen, da die Sonne aufging, eilte ich zu ihrem Gesinde und grüßte Ritter und Knecht. Als der Kaplan eine Messe sang, wurde mir die Freude, daß ich meine Frau erblickte. Mit großer Furcht ging ich hin, wo mich die Tugendreiche empfing, sie neigte sich mir, aber grüßte mich nicht mit Worten. Die Messe war mir zu kurz, was man las oder sang, vernahm ich alles nicht, ich sah nur sie an. Nach der Messe hieß man uns Männer hinausgehen, die Frau brach auf, ich aber ging zu meinem Niftel, die mich freundlich anlachte: ›Du bist ein seliger Mann, meine Frau hat erlaubt, daß du sie heute auf dem Wege anreden darfst, wenn es sich fügen mag; sie denkt gut von dir, rede mit ihr, was du willst, mache es jedoch nicht zu lang.‹

So ritt ich kühnlich zu ihr hin. Als sie mich in ihrer Nähe gewahr wurde, wandte sie sich ab. Davon wurde mein Sinn so zaghaft, daß mir zur Stunde Mund und Zunge verstummte und das Haupt niedersank. Ein anderer Ritter sprengte neben sie, da war ich ganz verzagt und ritt in Furcht hinten nach, und mein Herz schalt mich: ›Feiger Mann, was fürchtest du ein so gutes Weib? Sie hat dir, weiß Gott, nichts getan, weh über dich, daß du nicht zu reden vermagst!‹ So ermannte ich mich und ritt wieder zu ihr, und die Reine, Süße sah mich an. Darüber erschrak ich wieder, die Kraft der Liebe band mir meinen Mund zusammen. Ihr könnt mir fürwahr glauben, ich wußte nicht, wo ich saß. Meine Angst wurde größer, das Herz sprang und stieß an meine Brust und mahnte: ›Sprich! Sprich! es stört dich niemand.‹ Durch fünf Stunden tat ich den Mund auf, um zu reden, aber die Zunge lag mir fest und konnte kein Wort finden. Ich will davon nichts mehr sagen. Da die Tagereise ein Ende nahm, war ich so weit als im Anfang.

Da man zur Nachtrast die Frauen von den Rossen hob, bat ich, mir das Hebeeisen zu geben und hub die Frauen ab. Noch hielt sie dort auf ihrem Pferde, bei ihr standen viele Ritter und Knappen, mit denen sie scherzte. Ich trug das Hebeeisen zu ihr, da sprach sie: ›Ihr seid nicht stark genug und könnt mich nicht abheben.‹ Darüber wurde gelacht; sie trat auf das Eisen, und als sie aus dem Sattel glitt, griff sie mir verhohlen in das Haar, ohne daß es jemand sah, und riß mir eine Locke aus: ›Dies nehmt zur Strafe, weil Ihr so verzagt seid; man hat mir über Euch nicht wahr berichtet.‹ So ging die Gute zu ihren Frauen, und ich stand in tiefer Trauer da und dachte: ›Wie schlecht habe ich mich gegen sie gehalten; sie wird mir nimmer hold, ich hab's bei ihr verscherzt.‹ Ich ritt zur Herberge in die Stadt und bat Gott fleißig, er möchte mir das Leben nehmen. Ich verbarg mich in einer Kammer und schwor den Leuten, ich wäre siech, und das war auch die Wahrheit. Der ganze Leib schmerzte mich, mein Herz tat mir weh, ich meinte, verrückt zu werden und rief: ›O weh, o weh, o weh, daß ich geboren wurde!‹ Bald lag ich, bald saß ich, bald stand ich auf, wandte mich hin und her und rang oft meine Hände die ganze Nacht. Am Morgen kam einer meiner Magen zu mir und wollte mir einen Arzt holen. Ich aber forderte ein Pferd und einen Knecht, saß auf und sprengte wie ein tobender Mann dahin, wo ich die Gute den Tag vorher gelassen hatte. Da traf ich, ihr könnt mir's glauben, meine Frau auf dem Pferd sitzend, wie sie auf der Straße mir entgegenkam, in eine Reisekappe gehüllt. Als sie mich sah, neigte sie sich, und ich schwieg jetzt auch nicht mehr. Ich sprach: ›Gnade, meine Herrin, seid mir um Gott gnädig und um Eurer Tugend willen; Ihr seid es, an der mein Leben hängt, glaubt mir, ich habe Euch gedient seit der süßen Stunde, wo ich Euch zuerst sah; in Treue bin ich Euch untertan, lauter und beständig ist mein Dienst. Laßt mich Euern Ritter sein und gestattet mir, Euch zu dienen. Nichts Lieberes kann ich nimmermehr gewinnen als Euch, reine, süße, selige Frau. Gern will ich Leib und Leben in ritterlicher Arbeit wagen, in allem Ritterdienst will ich für Euch beharren bis an das Ende meines Lebens.‹

›Schweigt‹, sprach sie, ›Ihr seid zu sehr Kind und unwissend in so großen Dingen. Wenn Euch meine Huld lieb ist, enthaltet Euch solcher Rede und entfernt Euch von meiner Seite. Euer Sinn ist töricht.‹

›Liebe Frau, nur darin bin ich töricht, daß ich mit Euch nicht reden kann, wie ich möchte. In ritterlichem Dienst bin ich so weise wie einer der besten; um als treuer Mann zu dienen, bin ich nicht zu schwach.‹

›Ich rate Euch, weicht von mir, wenn Ihr irgend bei Sinnen seid, und laßt Euer Raunen sein. Ihr wißt wohl, man hütet mich; hat jemand Eure Rede mit mir vernommen, das bringt Schaden. Ihr sollt mich in Ruhe lassen, fürwahr, Ihr seid ein lästiger Mann.‹ – Die Gute sah sich um und sprach zu einem Ritter: ›Reitet auch an meiner Seite, es steht euch allen übel an, wenn mich nur einer begleitet.‹

Ich rief: ›Sie hat recht, es ist fürwahr eine Unschicklichkeit.‹ Da kamen mehr als sechs herzugeritten, und mein Gespräch mußte ein Ende haben. Ich nahm Urlaub und ritt von dannen, frohen Mut im Herzen; mir deuchte, es war mir gut gelungen, ich hatte zu ihr von meinem Willen gesprochen. – Ich fuhr also den Sommer umher in Ritterschaft; als der Winter ein Ende machte, setzte ich mich hin, dichtete ihr ein Lied und Büchlein und sandte es ihr durch mein Niftel.

So berichtet Ulrich von Liechtenstein den Beginn seines Werbens. Er fuhr weiter in den Sommern zu Turnieren und reisigem Spiel und dichtete im Winter Lieder zu Ehren seiner Herrin, welche die Base, die als verheiratete Frau das Verhältnis ganz in der Ordnung fand, eine Zeitlang besorgte. Als er seiner Herrin einst die Nachricht zukommen ließ, daß er in ihrem Dienst einen Finger verloren habe, und diese dem Boten zur Antwort gab, das sei nicht wahr, und sie wisse wohl, daß er den Finger noch habe, da ließ er sich den beschädigten Finger durch einen Freund abschlagen und sandte ihr das Zeugnis. Endlich machte er ihr zu Ehren die große Ritterfahrt von Venedig bis an die böhmische Grenze; als Liebesgöttin gekleidet, brach er gegen die Ritter, welche sich ihm auf dem Wege zum Kampfspiel stellten, über dreihundert Speere, und wir erfahren bei Schilderung dieses Zuges gelegentlich, daß auch er verheiratet war und während der vergnügten Fahrt seine Burg und Hausfrau auf einige Tage besuchte. Diese Ehe hätte ihm sein Verhältnis zu der Herrin nicht gestört; wohl aber kam er gerade während dieser glänzenden Ritterfahrt in Verdacht, auch anderen Frauen Minnedienst geboten zu haben, die Herrin sandte ihm eine sehr unfreundliche Botschaft und forderte den Ring zurück, den sie ihm einmal gegönnt hatte. Wie Ulrich diese Trauerkunde aufnahm, ist sehr bezeichnend für die Sentimentalität jener höfischen Zucht. [...]

Ich klagte: was soll mir jetzt Gut und Leben? Ich will zu Fuß wie ein armer Mann mich aus dem Lande schleichen, daß niemand wisse, wer ich sei. Ich saß und weinte wie ein Kind, rang die Hände, und die Glieder krachten mir vor Schmerzen. Da kam der Domvogt durch die Tür – ein Freiherr von Lengenbach, tüchtiger Ritter und Speerbrecher, der während dieser Fahrt sich erboten hatte, als Marschall der Frau Venus mitzuspielen; er sprach: ›Wie nun? Was soll das sein?‹ Er schloß die Tür und trat zu mir: ›Sagt an, wer hat Euch etwas getan, daß ich Euch in solcher Klage finde? Ich will es rächen.‹ Da er mir so freundlich zusprach, brach der Jammer von neuem meine Kraft, und ich weinte wieder und sagte ihm: ›Mein Leid ist so, daß ich es niemand klagen kann.‹ Als der treue Mann mein Elend sah, wurde auch er bewegt und beweinte mit mir meinen Jammer so herzlich, als wäre ihm sein Vater gestorben. Und das war seltsam, denn er wußte nicht, warum er weinte. Als ich nun gar seine Tränen sah, fing ich in meinem Schmerz laut an zu schreien. Während wir beide so jämmerlich saßen, trat Herr Heinrich von Wasserberg, mein Schwager, herein und rief zornig: ›Seht hier, was soll das sein? Fürwahr, das ist ein schwächliches Ritterklagen, ihr weint ja wie arme Waisenkinder und schwache Weiber: schämt euch beide.‹

Da sagte der Domvogt: ›Herr Heinrich, hier klagt Herr Ulrich so jämmerlich, wie ich in meinem Leben nicht gehört habe, und er will mir nicht sagen, was es ist.‹ Von Wasserberg, der biderbe Mann, versetzte: ›Herr Domvogt, mein Rat ist, Ihr geht hinaus; er soll mir fürwahr gestehen, was er auf dem Herzen hat.‹ Der Domvogt ging, und Herr Heinrich sperrte die Tür und trat zornig vor mich hin: ›Wie nun, schwacher Mann? Pfui, Herr, pfui, wie gebärdet Ihr Euch! Wir alle sollten froh sein über den Ruhm, den Ihr gewonnen habt. Erfahren so etwas die Frauen von Euch, sie werden Euch stets wegen Eurer Schwäche hassen. Seht zu, daß Ihr dies nicht wieder tut.‹ Ich sah ihn an und sprach: ›Ich werde nimmer froh, und sollte ich tausend Jahre leben. Was mir aber fehlt, das sage ich nicht.‹ Er versetzte: ›Wenn Ihr mir Eure Herzensklage auch nicht gesteht, ich weiß doch, was Euch freudenarm macht. Wollt Ihr mir's sagen, wenn ich's errate?‹ Ich schwieg; da fuhr er fort: ›Merkt, was ich Euch sage. Die Frau, der Ihr in Minne gedient habt, hat Euch ihre Huld aufgekündigt, daher die Seufzer und das Leid; nicht wahr, ich hab's erraten?‹

Da er so sprach, brach mir das Blut aus Mund und Nase, und ich stand mit Blut beschüttet. Als er mich so bluten sah, rief der höfische Mann: ›Süßer Gott, ich preise dich, daß du mich noch vor meinem Tod den Mann sehen ließest, der ein Weib so ohne Wandel liebt.‹ Er kniete nieder und hob seine Hände in die Höhe: ›Wohl mir, daß ich diese Herzensfreude erlebte!‹ Darauf stand er auf und umarmte mich: ›Sei ruhig, ich will dein reines Herz trösten; bei meiner Treue, in wenig Tagen schließt dich deine Frau in ihre Arme; ich kenne die Art der Frauen besser als du, lieber Freund; sie will damit nur deine Beständigkeit versuchen. Hüte dich, daß du kein Wanken zeigst, und alles wird gut. Sei stolz und froh; wer den Lohn von Frauen begehrt, der muß frischen Mut zeigen, dann rührt er ihr Herz, weiches Trauern halten sie nicht für guten Dienst. Ich rate dir, waffne dich. Es ist dir große Unehre, daß so mancher wackere Mann, der deinetwegen hergekommen ist, auf dich warten soll. Schon harren sie vor der Herberge, waffne dich.‹ Mich aber erschütterte wieder das Weinen, und ich sprach kläglich: ›Ich will nicht turnieren, ich habe keinen frischen Mut, Ritterwerk in Trauer gedeiht nicht.‹ Er aber lachte: ›Ich habe meinen Willen darauf gesetzt, du mußt den Harnisch anlegen, es sei dir lieb oder leid. Du sollst in deinen Waffenrock.‹ Da rüstete mich der wackere Mann, ich aber wußte ihm keinen Dank.

So erzählt Ulrich von Liechtenstein, und wir Modernen staunen über eine Sentimentalität in der Staufenzeit, die fast genau so aussieht, als hätte sie einer schönen Seele des 18. Jahrhunderts die Stimmung getrübt. Aber auch diese träumerische Beschaulichkeit, welche über dem eigenen Leiden genußvoll verweilt, war ein altnationaler Zug, etwas davon hatte schon der Vandalenkönig Gelimer gezeigt. Sie ist jetzt unwahrer und kindischer geworden. Denn man beachte wohl, der Liechtensteiner hat die Frau seines Herzens seit seinen Knabenjahren nur selten auf Augenblicke gesehen, nur wenige Worte mit ihr gewechselt; er ist verheiratet und ein Lebemann, der unruhig umhertreibt. Die phantastische Neigung hat denn auch ein Ende, welches ganz der innern Unwahrheit des Verhältnisses entspricht. Als aussätziger Bettler verkleidet, muß Ulrich vor das Schloß seiner Herrin kommen, dort leidet er tagelang Not und Schmach; endlich wird er in der Nacht mit Tüchern an der Mauer heraufgezogen. Die Herrin empfängt ihn im Fürstenschmuck, auf ihrem Lager sitzend, von vielen Frauen umgeben, beim Glanz von hundert Lichtern, und sagt: daß sie ihn in solcher Art heimlich sehe, sei die höchste Gnade, die sie ihm erweisen könne; andere Gunst dürfe er von ihr nicht fordern. Sein Stolz wird dadurch tödlich gekränkt, vergebens verhandelt er in der Nacht mit seiner anwesenden Base, um sein Ritterrecht an der Herrin geltend zu machen, und sehr fremdartig für unser Empfinden ist der Inhalt dieser Verhandlungen. Da er sich weigert, das Schloß zu verlassen, wird er endlich durch eine List der Frauen wieder aus der Burg entfernt und fühlt die Schmach, die ihm dadurch widerfahren, so tief, daß er Lust hat, sich ins Wasser zu stürzen. Man erkennt deutlich, daß seitdem das Verhältnis seinen Zauber verliert, obgleich die Eitelkeit des Ritters sich nicht versagen kann, einige schwache Andeutungen zu machen, daß er doch noch bei seiner Herrin Gnade gefunden habe. Denn gleich darauf singt er Klagelieder gegen sie [...], und aus der ungesunden Neigung wird ein dauerhafter Haß. [...]

Der höfische Frauendienst verlor seine Bedeutung in der eisernen Zeit, welche etwa seit 1220 über Deutschland kam. Doch ganz verschwand er nicht aus den deutschen Burgen; noch im 15. Jahrhundert, kurz bevor Götz von Berlichingen im Wald auf die Nürnberger lauerte, werden wir ähnlichen abenteuerlichen Huldigungen begegnen. Bald auch hörten die Dienstmannen und Ritter auf, Träger der nationalen Poesie zu sein, aber der deutsche Gesang, welcher bei ihnen begonnen, klang fort in den Stuben der Bürger, am Studiertisch der Mönche, auf den Kreuzwegen, wo fahrende Leute hielten. Der unermeßliche Segen blieb der Nation, den Versen folgte die deutsche Prosa; Urkunden, Rechtsbücher, Chroniken wurden jetzt deutsch geschrieben, zwei Jahrhunderte nach dem Tode Kaiser Friedrichs II. wurde das erste Buch gedruckt.

Die Trumme gesplitterter Speere lagen in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts auf allen Spielplätzen großer Edelhöfe, die Minnelieder Walthers sang der Bote, der auf der Straße ritt, und leiser die Edelfrau in ihrem Zimmer und die Nonne in ihrer Zelle. Mit Speerkrachen und zierlichem Versklang endete die erste Periode deutscher Geschichte. [...]

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