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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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IV
Aus der Hohenstaufenzeit

Heraufkommen der ritterlichen Dienstmannen und schnelles Erblühen einer Laienbildung. – Weltliches und Unkirchliches darin. – Die deutsche Poesie der Laien. – Minnedienst: Zwiegeteiltes Leben des Ritters. – Die vornehme Frau und ihre Stellung zu dem Geliebten. – Beispiel gelehrter Frauenbildung: Briefwechsel zwischen der Frau und dem Geliebten um 1170 aus der Sammlung Wernhers von Tegernsee. – Elegische Empfindung in Minneliedern: Poetische Gedanken Albrechts von Johansdorf um 1190. Die Kehrseite der ritterlichen Bewerbung: Bericht aus dem »Frauendienst« Ulrichs von Liechtenstein, in der Zeit von 1220–1230

Als Friedrich I. Barbarossa Römischer König wurde, hatten die Kreuzfahrten seit fünfzig Jahren gearbeitet, die realen Verhältnisse Deutschlands umzuformen und den Seelen einen neuen Inhalt zu geben. Hunderttausende waren ausgezogen und nicht wiedergekehrt, darunter viel Gesindel und loses Volk; in den geschlossenen Dorffluren war das Gefühl der Übervölkerung nicht mehr vorhanden, der dienstpflichtige Bauer, welcher arbeitsam auf der Scholle saß, fühlte seine Bedeutung, seine Arbeit war dem Herrn wertvoller geworden; auch er hatte allerlei fremde Mode und Reiterbrauch in sein Leben aufgenommen. Der Wechsel des Besitzes war groß gewesen, neue Leute waren heraufgekommen. Schneller rollte das Geld aus einer Hand in die andere und brachte die Empfindung größeren Wohlstandes. Jede bewaffnete Pilgerfahrt brachte dem Bürger reichen Verdienst, die Heere begleitete ein ungeheurer Kramverkehr, und der Großhandel dehnte sich auf allen Straßen, wo die Heere gezogen waren. Die Bekanntschaft mit der Fremde hatte nicht nur größere Kunstfertigkeit, auch unvergleichlich höhern Luxus in dem Land verbreitet. Fürsten und Edle freuten sich glänzender Feste und Spiele, und die Verschwendung des ritterlichen Lebens entwickelte alle Handwerke, welche reisige Arbeit verfertigten, durch massenhafte Produktion, die Weber, Gewandschneider, Kaufleute sammelten leicht Vermögen, die Anhäufung des Geldes in den Städten wurde bemerklich.

Aber die größte Wandlung war mit den Reisigen vorgegangen, welche als Lehnsleute und Hofgenossen der Edlen überall im Land saßen. Sie waren durch Jahrhunderte die Drohnen im Bienenstock gewesen, Friedensstörer ihrer Landschaft, die am liebsten in den Burgen lungerten und im Wald auf den reichen Bürger paßten, bei Städtern und Geistlichen übel beleumdet; aber rüstige Waffenträger, Kern der schweren Landesreiterei, beste Hilfe für die Macht der edlen Grundherren, die Stärke des Zuges, welchen der König in fremdes Land führte. Längst waren diese gepanzerten Reiter nach germanischer Weise in fester Ordnung untereinander verbunden, durch Stolz und eigenes Zeremoniell vom Fußvolk der Bürger und Bauern geschieden. Vor den Kreuzzügen hatten sie sich wenig um Schriftlehre und Kunst bekümmert, in den Klöstern der Edlen hatten auch sie geistlichen Trost und ein Asyl für Töchter und kränkliche Söhne gefunden, zwischen den Herrenhöfen und den Bauern des Dorfes hatten sie dahingelebt, bei allem Selbstgefühl in der Hauptsache dörfische Gesellen. – Im Morgenland aber lagen sie in ungeheurem Heer neben Fürsten und Edlen, allen Völkern des Abendlandes gesellt, als bevorzugte Krieger des Himmels; der Waffentüchtigste erhielt Ruhm unter Hunderttausenden, jeder seinen Teil an der Lebensklugheit und Sitte, welche der großartige Verkehr ausbildete. Die feinere Hofbildung der Provenzalen und Normannen, ihre Reiterspiele und Kampfgebräuche gingen schnell zu den Deutschen über; aus Kampf und Lagersitte des Morgenlandes erwuchs ein europäisches Rittertum. Durch gleichen Kriegsdienst und die Ehre des Schildamtes wurden die Ritter mit der europäischen Aristokratie zu einer großen Körperschaft verbunden mit gleichen Waffen, Privilegien und Pflichten. In ihr fühlten sich alle bewaffneten Reiter des Abendlandes, welche die richtige Lehrzeit bestanden und die Ehren ausgelernter Reiter erhalten hatten, als Bundesbrüder.

Den Römerfahrten Kaiser Friedrichs wurde der Ritterstand die beste Hilfe. An den ehernen Haufen brach sich der Zorn der lombardischen Städter, sie wurden den normannischen Rittern ebenbürtige Gegner. Zwanzig Jahre führte der Kaiser diese mutigen Kampfgesellen nach Italien, auch den Jüngern ward Sprache, Sitte, Bildung des Südens vertraut. Durch diese ungewöhnlichen Verhältnisse wurde ein neuer Teil der deutschen Volkskraft hoch heraufgehoben, und der alten lateinischen, kirchlichen, gelehrten Bildung, welche bis dahin der Geistliche vertreten hatte, trat eine neue weltliche, ritterliche, höfische des Laien gegenüber.

Die neue Bildung war aber nicht nur weltlich, sie war in manchem nicht einmal christlich. Im Abschluß einer großen Periode zeigte die waltende Kraft unseres Volkes eine Reihe von Empfindungen und Gedanken, durch welche sie Sinn und Herz der Deutschen in der Urzeit gerichtet hatte, noch einmal in heiterem Spiel und phantastischer Umbildung. Schon der Grundton aller Lebensweisheit, welche jetzt verkündet wurde, war dem asketischen Ernst der Kirche fremd. Der Mensch soll froh sein und hochgemut, stolzer Mut, d. h. rechter Frohsinn, ist sittig. »In Züchten froh« wurde bestes Lob, die Fülle der Lebenskraft, welche aus Antlitz und Worten leuchtete, galt für edlen Vorzug bei Mann und Weib. Das Auge hing leidenschaftlich an schönen Zügen und innigem Ausdruck; ebenso an stattlicher Erscheinung, an guten Gewändern und kunstvollem Schmuck, an zierlichen Bewegungen und Tanz, an bunten und prächtigen Aufzügen. Nicht nur das materielle Behagen, auch Grazie und Schönheit der Empfindung wurde gesucht und sorgfältig vermieden, was für gemein galt, für tölpelhaft oder lächerlich. Die Zucht des Menschen, d. h. die Fähigkeit, sich schicklich und wohltuend darzustellen, wurde sehr wichtig und durch Vorschriften und Beispiel in die jungen Seelen geprägt. Keine Zeit des deutschen Lebens zeigt so viel heitere Sinnlichkeit, so eifrigen Kultus der gesellschaftlichen Vorzüge und so unbefangene Hingabe an die Eindrücke, welche irdische Schönheit erregte; und darum ist die gesamte Bildung jener Zeit antiker Bildung so verwandt; Walther ist zuweilen einem hellenischen Lyriker zum Verwechseln ähnlich, und der ausgelassene Nithart an Grazie dem Theokrit ebenbürtig, an frischer Heiterkeit ihm weit überlegen. Und erstaunt fragen wir: wie war dergleichen naive schöne Heidensinnlichkeit bei guten Christen möglich?

Aber diese Freude an schmuckvollem und lachendem Dasein wurde in altgermanischer Weise als abhängig empfunden von dem Leben der Natur. Wenn der Mai den Baum mit Blättern schmückte und die Heide mit Blumen, wenn die kleinen Vögel sangen und das Wasser befreit von Eis und Schnee durch die Auen floß, hatte einst das Gemüt der Deutschen den Sieg der Menschengötter über die feindlichen Riesengewalten gefeiert. Die alten Feste bestanden im zwölften Jahrhundert überall, aus den Städten ritt der Maigraf mit seiner reisigen Schar zum Speerkampf gegen den Winter und führte als Sieger den Reigen mit der blumengeschmückten Maigräfin; in jedem Dorf kämpfte der laubumwundene Sommer mit dem vermummten Dämon des Winters; die Kinder und Erwachsenen zogen jubelnd aus, die ersten Veilchen zu suchen, sie warfen festlich geschmückt den Ball und sprangen auf der Wiese den Reigen. Auch dem höfischen Mann begann im Mai die sonnige Freudenzeit. Dann setzte er sein Waffengerät instand, dachte an Schmuck und schöne Kleider und zog aus zum Liebeswerben, zu Gastereien, zu Hochzeit und Turnier oder auch einmal zu ernsterem Kampf, um Ehre zu erlangen oder seiner erwählten Frau zu dienen oder Gut zu gewinnen. Wenn aber der Winter nahte, die kleinen Vögel wegzogen, die Wiese fahl wurde, die Blätter von den Bäumen sanken und der Reif die Äste umzog, dann endete das fröhliche Treiben in der Landschaft, der Deutsche zog sich in das Innere des Hauses zurück, lebte ehrbar mit Weib und Kind und träumte goldene Träume in der Hoffnung auf das nächste Erwachen des Lebens. Die Auffassung von einer Zweiteiligkeit des Menschenlebens, einer heiteren Sonnenseite und kalter Dämmerungszeit, durchzieht die gesamte ritterliche Poesie; alles Empfinden der Stunde, jede lyrische Stimmung wird am liebsten dem Grundton angepaßt, welchen die Landschaft im Sommer- und Winterkleid der Menschenseele gibt.

Es ist wahr, das Christentum hatte das gesamte Leben des Deutschen so sehr mit Lehre und heiligen Gestalten erfüllt und war so eifrig bemüht, jede große Funktion seiner Tage durch Weihen an sich zu fesseln, daß sich der Laie vom Morgen bis Abend als treuer Christ fühlen mußte. Aber trotz der Legion der Heiligen, trotz allen guten Werken und den asketischen Übungen, denen sich auch der weltliche Mann nicht entzog, wenn ihn gerade seine Sünden drückten, war doch die fromme Ehrfurcht vor dem Heiligsten sehr vermindert. Zwar der Jungfrau Maria werden kunstvolle Leiche gedichtet, auch zur Befreiung des Heiligen Grabes wird noch in Kreuzliedern aufgefordert; aber in dieser Poesie ist oft mehr Kunst als Empfindung, es sind würdige Themata, welche der Schaffende ähnlich behandelt wie die italienischen Maler im sechzehnten Jahrhundert die heilige Geschichte. Denn häufiger als die Gestalten des christlichen Glaubens werden in den Poesien der Minnesänger andere Gewalten angerufen von befremdlichen Namen: »Frau Sälde«, »Frau Zucht«, »Frau Ehre«, »Frau Minne«, nicht mehr wie in der Heidenzeit als wirkliche Göttinnen des Volkes, aber noch in lebendiger Erinnerung an das Walten geheimer Mächte, welche das Gemüt der Menschen regieren. Die Beschäftigung mit diesen Gestalten ist allerdings ein Spiel geworden, aber der Unterschied zwischen realer Wirklichkeit und poetischer Erfindung ist den Schaffenden keineswegs so deutlich wie unserer Zeit. Der Kirchenglaube aber stand dem Kreis idealer Empfindungen, welche jetzt die Menschen erhoben: dem stolzen Mannesmut, der Kriegerehre, dem Liebesglück, dem wagefrohen Werben um Gunst und Gut, innerlich fremd und zur Zeit hilflos gegenüber. Sogar in die geistlichen Handlungen wagen sich unchristliche Gestalten. Der steinsche Ritter Ulrich von Liechtenstein besucht im Jahre 1227 als Königin Venus, den unteren Teil des Hauptes nach damaliger Sitte mit einem Schleier umhüllt, unterwegs die Messe, geht als Venus trippelnd zum Opfer, die Kirchendiener bringen ihm »das Pace«, das Kreuzesbild, welches bei der Messe der vornehmsten Frau zum Küssen angeboten wurde und von dieser mit einem Kuß der Nachbarin zu übergeben war; Frau Venus will das Kruzifix zuerst mit der Binde vor dem Mund küssen, um Heiterkeit zu erregen, dann gibt sie es einer fremden Gräfin, welche neben ihr sitzt, nimmt die Binde ab, und der Mann wird unter herzlichem Gelächter von der eleganten Dame geküßt. Dies seltsame Eintragen profaner Mummerei in das Heiligste des Gottesdienstes gilt für einen anmutigen Scherz.

Aber auch die sittlichen Forderungen, welche in der Urzeit dem Deutschen sein Schicksal geformt hatten, werden in der Bildung des zwölften Jahrhunderts noch einmal in neuen Verhältnissen maßgebend. Die Idee der Gleichheit aller Krieger drückte sich in dem neuen Rittertum aus: eine große Genossenschaft, welche viele Hunderttausende umfaßt, macht jedem, der daran teil hat, Ehre und Recht der Waffen gleich. Der Bauernsohn, welcher Ritter geworden ist, kann – in dieser Zeit – auch dem Fürsten und Gebieter deutschen Landes bei Tjost und Turnier, im Einzelkampf und im Haufenspiel gegenübertreten: der Dienstmann und sein Landesgebieter haben gleiches Recht, um die Liebe einer edlen Frau zu werben, und die Strafen für nicht rittermäßige Haltung sollen gegen beide dieselben sein. Und wieder die frei gewählte Hingabe an andere Menschen, das altheimische Bedürfnis des treuen Dienstes gewinnt noch einmal hohe Bedeutung in dem Dienst, den der Ritter seiner erwählten edlen Frau widmet. Es ist in neuen, wunderlichen Formen und bei auffallender Verrenkung des Gefühls im Grunde genau der alte Drang der Selbstentäußerung. Allerdings nur noch ein Traum der Phantasie und Laune.

Denn poetisch gehoben war das Empfinden jener Zeit, und eine reiche Poesie in deutscher Sprache legte Zeugnis dafür ab.

Emsig suchen wir bei jedem großen Fortschritt unserer Nation die Wege, auf denen er angebahnt wurde, hier und da vermögen wir die geheimen Quellen bloßzulegen, deren befruchtende Kraft ödes Heideland in blühende Auen verwandelt. Aber die Erklärerkunst vermag doch nie das Geheimnis neuen Lebens ganz zu enthüllen. Auch das Aufblühen einer originalen deutschen Poesie am Ende des zwölften Jahrhunderts erscheint uns einem Wunder gleich. Denn fast plötzlich wird etwa seit dem Jahre 1170 das deutsche Land mit einer ritterlichen Dichtkunst und Literatur gefüllt, von welcher wir in den Jahrzehnten zuvor aus überlieferter Schrift kaum die ersten Spuren entdecken. Schnell ist die deutsche Sprache eine andere geworden, der schwäbische Dialekt, der dem Hofe des großen Hohenstaufen heimisch war, gestaltet sich zur gebildeten Schriftsprache; die neue Dichtung, welche aus tausend Seelen ihre Lieder durch das Land sendet, formt mit graziösem Geschmack und sehr feiner Sprachempfindung die Weisen des alten Volksliedes zu vornehmer Kunst aus und weiß die Töne und Maße der Südfranzosen prachtvoll ins Deutsche umzuarbeiten. Noch im Anfang des zwölften Jahrhunderts ist die deutsche Sprache ungeschickt, die Arbeit des denkenden Geistes und seine Empfindung schriftmäßig auszudrücken. Sie hängt noch ganz in Dialekten, die schweren Vokale der silbenreichen Flexionsendungen sind nur zum Teil verdünnt und abgeschliffen, immer noch schwerfällig; der logische Zusammenschluß der einzelnen Satzteile durch Partikeln ist noch wenig entwickelt, die Perioden suchen gegen den Geist der Sprache lateinische Satzbildungen nachzuahmen. Das wird fast plötzlich anders. Ein Gefühl für sprachlichen Wohllaut, wie es die Neuzeit gar nicht kennt, lebt in hundert Schaffenden, der Ausdruck der Gedanken ist höchst graziös, oft energisch und von epigrammatischer Kürze und Energie.

Offenbar hat das aufblühende Rittertum diese große Veränderung nur deshalb zutage gebracht, weil sie im Volk längst vorgebildet war. Wir wissen, daß der deutsche Versbau in seinen Grundgesetzen uralt ist, wir erkennen wohl, daß die Mönche, welche in der Karolinger- und Sachsenzeit einmal deutsch dichteten, dieselbe Klangempfindung hatten; aber von den Volksliedern der Staufenzeit, die in den Dorfreigen der Wiese und bei den Wintertänzen im Saal gesungen wurden, ist uns nichts erhalten und sehr wenig von den Liedern der fahrenden Leute, welche jedes Ereignis dem Volk episch zurichteten. Und selbst wenn wir von solchen Texten und Melodien Kenntnis hätten, würde uns nicht geringeres Wunder sein, daß sich in dem Kreise weltgebildeter Laien der alte Volksgesang so schnell verfeinerte und in so einziger Weise Klang- und Sprachgefühl ausbildete während der letzten zwanzig Jahre Friedrich Barbarossas.

Freilich hat die neue Poesie der Edlen und Dienstmannen auch alle Schwächen einer Kunstpoesie, die sich des Gegensatzes zu der volksmäßigen Habe freut. Nicht nur in der Form wird die Kunst zur Künstelei, auch im Inhalt ist die Einseitigkeit auffällig, welche allem anhängt, was in rittermäßiger Weise geschaffen wird. Aber während die höfische Bildung den Volksgesang in ihre Bahnen zog und ihm einiges von ihrem Wesen verlieh, half sie auch durch die Schrift fixieren, was das Volk geschaffen, und belehrte das Sprachgefühl des kleinen wandernden Sängers. Kurze Zeit nachdem die Gedichte der Ritter aufgeschrieben wurden, begann auch die Literatur volksmäßiger Dichtkunst.

Den Kreisen, welche jetzt in den Vordergrund des deutschen Lebens traten, lagen Abenteuer und ritterliche Tat vor allem am Herzen. Schmuck und Pracht des Orients, Freude am Unerhörten, gewagte Verhältnisse zu schönen Frauen, Märchenhaftes und Ungeheures lockte die Phantasie. Die nüchterne Auffassung der Tatsachen, welche in früheren Jahrhunderten die lateinische Geschichtschreibung gelehrter Mönche oft zuverlässig gemacht hatte, ging dieser Zeit fast verloren. Die persönlichen Erlebnisse und was schnell umbildendes Gerücht von den Taten anderer meldete, wurde sorglos zugerichtet und niedergeschrieben. Wie den Ritter sein Herz trieb, rastlos in Einzelkämpfen seine Kraft zu erweisen, in fremde Länder zu fahren und vor allem Gefahren zu bestehen, die er um des Ruhmes willen suchte: so schuf er auch da, wo er Gedichtetes erzählte, oft zwecklose Abenteuer und eine Willkür für Ritterfahrten ohne innere Notwendigkeit. Der preiswürdige Inhalt seiner Dichtungen war immer ein Spiel mit dem Leben, ein verwegenes, launisches, zuweilen tiefsinniges, oft wunderliches und unnützes Spiel, dem die ethischen Motive aller großen volkstümlichen Gedichte unwiderstehlicher Zwang der Verhältnisse, dämonische Größe der Leidenschaften fast immer fehlten.

Auch die Liebe des Ritters war nicht eine große Leidenschaft, sondern ein phantastisches Spiel, welches ihn wohl in poetische Träumerei hob, selten sein wirkliches Leben mit ernstem Inhalt füllte. Es war charakteristisch für die gesamte Zeit, daß er diesen Kreis von idealen Empfindungen nicht bei der verlobten Braut und seiner Hausfrau suchte, sondern bei fremden Frauen.

Als Gregor VII. auch der niederen Weltgeistlichkeit die Ehe verbot, da tat er nur, was durch die asketische Richtung seiner Zeit gefordert wurde, und der Widerstand der Geistlichen ward hier und da durch den kirchlichen Eifer ihrer eigenen Gemeinden gebrochen. Dennoch hat die alte Kirche durch nichts dem deutschen Volkstum so wehe getan, als durch die Aufnötigung dieser hierarchischen Maßregel. Der Schaden, welchen sie der gesunden Entwicklung unserer Volkskraft bereitete, wurde für einen Teil Deutschlands erst mehrere Jahrhunderte später gut gemacht, als Luther sich dem Tadel wohlmeinender Zeitgenossen aussetzte, weil er Käte Bora zur Frau nahm. Noch heute leiden Zucht und Schule der katholischen Landschaften unter dem Nachteil, daß der Priester nicht als Hausherr, Gatte und Vater im Volk steht.

Seit im elften Jahrhundert die Kirche diese neuen dunklen Schatten auf die schönste Leidenschaft und das geweihte Verhältnis zwischen Mann und Frau warf, zog das untilgbare Bedürfnis des Herzens die Menschen auf abenteuerliche Bahnen. In den Nonnenklöstern war Christus längst zum himmlischen Bräutigam geworden, der die entsagende Büßerin im Jenseits zu seinem Lager erhob; jetzt wurde frommen Geistlichen und Laien ebenso die jungfräuliche Gottesmutter zu einem verklärten Abbild edler Weiblichkeit, und die Herrlichkeit der reinen Magd ward in kunstvollen lateinischen und deutschen Versen gefeiert. Ihre gehobene Stellung im Christenglauben galt den Pilgern im Morgenland für das charakteristische Wahrzeichen des Christen gegenüber dem Mohammedaner, und die süße, milde, liebevolle Frau wurde Patronin der wilden Kreuzheere.

Aber während ihre helle Gestalt den Kriegern helfen mußte, die Ungläubigen zu erschlagen, vermochte sie nicht der verheirateten Frau, die in der deutschen Heimat zurückgeblieben war, die Würde ihrer Stellung zu behüten. Der ganze Stand der Geistlichen, die Gelehrten und Gebildeten, die Ratgeber und Vertrauten der Laienschaft wandelten begehrlich im Volk, die Zahl der Ehelosen war durch die Bettelorden ins Ungeheure vermehrt, sie saßen überall im Dorf und Stadt und hatten Zutritt in Schloß und Hütte. – Nicht weniger schadete den Ehen die Bekanntschaft mit romanischer Gewohnheit. Überall wo altrömisches Volksleben sich mit germanischem Wesen versetzt hatte, in Italien, Frankreich, Spanien, scheint durch alle Jahrhunderte die Innigkeit der Ehe geringer und die Hingabe der Frauen an erwählte Geliebte häufiger gewesen zu sein. Seit Ende des elften Jahrhunderts kamen die eleganten Damen der Provenzalen und Normannen mit ihren vertrauten Sängern nach dem Morgenland, ihre Liebesabenteuer waren dort ein großes Interesse der Heere, und romantische Verbindungen aus freier Wahl bei Geistlichen und Laien an der Tagesordnung. Arg war die Sittenlosigkeit und noch ärger das Geklatsch unter den Kreuzfahrern und in den neuen Christenstaaten des Orients; jahrelang tat eine »Patriarchin« von Jerusalem, eine frühere Gastwirtin, die der höchste geistliche Herr der heiligen Stadt sich angeeignet hatte, den Edelfrauen schweren Tort durch schöne Kleider und anmaßenden Hofstaat.

Dort lernten die Deutschen, daß es dem Ritter zieme, sich eine edle Dame zur Herrin zu wählen, in ihrem Dienst Gefahren zu bestehen durch Rittertat und Liebeslied um ihre Gunst zu werben, um Ring, Band oder Schleier, den man an die Rüstung heftete, um Liebesblick und Erhörung. Verschwiegen sollte der Ritter sein, den Namen seiner Herrin niemand bekennen, für sie Gut und Leben dahingeben. Dagegen ziemte der Frau, den Mann, der sich in ihrem Dienst treu bewährte und den Ruhm seiner namenlosen Dame im Land verbreitete, nicht ohne Erhörung zu lassen.

Wie das hochmutige und sinnlich-frohe Geschlecht diese Erhörung verstand, hätte in unserer Zeit nie für zweifelhaft gelten sollen, auch die edelsten der ritterlichen Sänger sprechen mit großer Unbefangenheit von dem Ziel ihres Wunsches. Zu jeder Zeit war die Entäußerung des eigenen Lebens für den erwählten Menschen oder Gott nicht ohne sehr praktischen Hintergrund gewesen, Leistung und Gegenleistung, um Dienst Gemach, das hieß in den verschiedenen Jahrhunderten: Freuden auf der Metbank, in der Himmelsburg, zuletzt in den Armen der Herrin. Aber es war mißlich, daß der Ritterdienst des Mannes bei so willkürlich gesetztem Verhältnis selten Gelegenheit fand, sich in ernster Männerarbeit zu betätigen. Das Lied des ritterlichen Sängers war doch nur ein heiteres Spiel der Phantasie. Freilich galt es strengen Charakteren, wie Wolfram von Eschenbach, nicht für das beste Werben. Aber worin bestand das Ritterwerk, welches mehr gelten sollte? Nur selten konnte es Wunsch der Frauen sein, ihrem erwählten Ritter einen Kriegszug zu befehlen; dergleichen Expeditionen geschahen unter dem Zwang sehr realer Verhältnisse, welche mit dem Minnedienst nur wenig zu tun hatten. Auch auf die Kreuzfahrt konnte die Frau ihren Dienstmann nur dann senden, wenn sie geneigt war, ihn zu entbehren oder aus ihrem Dienst zu entlassen. Selbst phantastische Wagnisse und Abenteuer waren auf der deutschen Heerstraße nicht alltäglich, denn die Fehden und Zänkereien der Edlen tobten um Burg und Stadt, nicht weil Liebe, sondern Haß und Eigennutz aufstachelte. Da blieb wenig anderes als die Gefahren, welche die Laune der Herrin selbst erdachte – und die deutschen Frauen pflegten ihre Ritter wenigstens nicht in die Löwenzwinger hinabzusenden, wie jene spanische Schönheit – oder die gewöhnlichen Kampfspiele der Ritter. Aber wenn auch der kräftige Mann in solchem Speerkampf mit unübertrefflicher Ausdauer Roß und gesunde Glieder auf das Spiel setzte und sich täglich Gefahren unterzog, welche etwa denen unserer gewöhnlichen Studentenduelle vergleichbar sind, es war doch nicht die heilsamste Arbeit, mit einem Ringlein am Finger oder einer Bandschleife am Helm allwöchentlich Volte zu reiten und in einem Monat dreihundert Speere an den Rüstungen guter Kameraden zu verstoßen. Und darauf lief es in der Regel hinaus.

Wohin war der Deutsche gekommen seit jener Urzeit, wo die Tränen und Beschwörungen der Siguruna den getöteten Gemahl aus der Götterhalle an ihr Herz herabgezogen hatten, wo die dämonische Gewalt weiblicher Leidenschaft den geliebten Gemahl vom Himmel forderte, oder wo sich das Weib, um seinen Tod zu rächen, selbst zur Teufelin machte! Dürftig sind dagegen die zierlichen Leiden des ritterlichen Geschlechts, abgeschmackt sein Werben und kindisch seine Sentimentalität. Es war eine arge Verbildung, das soll man nicht beschönigen. Aber die unverwüstliche Tüchtigkeit deutscher Natur ließ sich nicht lange beirren. Wenn bei den Romanen die Liebe des Ritters zu seiner erwählten Frau in einzelnen überlieferten Anekdoten eine Gewalt und Stärke zeigt, welche beiden das Leben verbrannte: von deutschen Werbern um ritterliche Frauengunst ist uns nichts dergleichen überliefert. Hier wurde durch die größte Innigkeit des Gefühls das ruhige, abwägende Urteil nicht ganz vernichtet. Das nahm der Poesie einige tragische Stoffe, in der Wirklichkeit forderte es die Befreiung. Und es stimmt heiter, Spuren dieser untilgbaren deutschen Bedächtigkeit auch da zu finden, wo man sie am wenigsten erwarten sollte. Wenn Ulrich von Liechtenstein die konventionellen Wächterlieder tadelt, weil es in Wirklichkeit nicht vorkomme, daß Ritter und Frau einen einfältigen und unsicheren Turmwächter zum Vertrauten geheimer Besuche machen, dafür sei eine zuverlässige Dienerin weit besser, und wenn er selbst in seinem Lied eine Dienerin den nahenden Morgen verkünden läßt, so ist dieses realistische Eintragen der Wirklichkeit kein Vorteil für die Poesie, aber sehr wohl Zeugnis für eine Gemütsrichtung, welcher untilgbares Bedürfnis ist, das wirkliche Leben zu idealisieren. In der Tat wird zuletzt selbst diesem Ritter, welcher nach Zeitgeschmack der treueste aller Frauendiener war, die Hohlheit seiner liebevollen Hingabe bemerklich, weil die Erhörung gar zu lange ausbleibt.

Aber durch fast sechzig Jahre liefen die Herzensneigungen eines deutschen Ritters zeitweilig nebeneinander, in Sommerzeit und Winterzeit. Er sehnte sich nach Landbesitz und Lehn, wenn ihm das fehlte, und er dankte erfreut in artigem Lied seinem Herrn, welcher ihm spät zum Lohn für Dienst und Lobgesang solche Wohltat gönnte. Hatte er eigenen Haushalt, dann war er wahrscheinlich verheiratet mit der Tochter eines benachbarten Vasallen oder auch eines wohlhabenden Landmannes. Seine Hausfrau erzog die Kinder und leitete sparsam die Wirtschaft; im Sommer, wenn der Mann auf poetischen Fahrten umherzog, mußte sie Hausstand und Dienstleute fest zusammenhalten, auch wohl einmal mit harter Hand den Bolzen auf die Armbrust legen, wenn ein feindseliger Nachbar ihr Haus bedräute; sie war ihrem Wirt Beschließerin, Arzt und zuverlässiger Freund. Aber diese Ehe des Ritters, sein Hauswesen, seine Kinder, seine Familiengefühle, alles holde Behagen der Heimat stand ganz außerhalb der idealen Welt, in welcher er am liebsten lebte. Unter tausenden erhaltener Lieder des höfischen Sanges ist kaum eins, welches die Freuden einer glücklichen Ehe, das Glück des Hauses feiert; endlos schweift Wunsch, Sehnen, Klage, Freude aus der Natur zu den Höfen der Edlen, bei den stärkeren Männern um die politischen und kirchlichen Wirren des Landes. Man würde dem höfischen Sänger sehr Unrecht tun, wenn man ihm Empfindung für die beste Habe eines Menschenherzens abspräche; nicht das Gefühl fehlt, aber die Fähigkeit des kunstmäßigen Ausdrucks. Der Burgherr war nicht gerade ein treuer, aber doch wahrscheinlich ein warmherziger Gatte und liebevoller Vater. Das war die Prosa seines Lebens. Und sie galt ihm für gemein und kunstlos.

Die vornehme Frau dagegen, welche höfisch gebildet war, fühlte sich damals leicht dem Mann überlegen. Sie konnte lesen und schreiben, was der edle und reisige Dienstmann selten vermochte, sogar viele Sänger nicht; der Ritter mußte wohl ihr Brieflein wochenlang ungelesen bei sich tragen, wenn er gerade seinen vertrauten Kaplan nicht in der Nähe hatte. Sie verstand häufig Latein und hielt nicht nur ihr Gebetbüchlein, auch den Virgil und vielleicht den Ovid in Händen. Sie war auch strenge Richterin über Hofbrauch und entschied, ob das Stück schwere Arbeit gediehen war, welches der Mann aufgewandt hatte, um sich Sitte und höfische Zucht anzueignen. Bei den Romanen war schon vor den Kreuzfahrten das Tagesleben der Edelfrau unter Aufsicht gestellt, sie lebte umgeben von weiblichem Gefolge und Hütern, welche der Vater oder Gemahl gesetzt hatte; ihr war unpassend, mit einem fremden Mann allein zu sprechen. Nach 1100 wurde diese orientalische Hut auch in Deutschland strenger. Edle Frauen verhüllten sogar auf Reisen und wenn sie unter dem Volk erschienen, mit einem Kinntuch das Antlitz. Natürlich hatte alles dies keine andere Folge, als den geheimnisvollen Reiz eines Liebesabenteuers zu vermehren und die Erfindungskraft der Bewerber zu schärfen. Denn dieselbe Sitte, welche das adlige Weib solchem Zwang unterwarf, machte ihr ruhmvoll, viele Bewerber zu haben, vor andern solche, die in süßen Versen ihr Lob im Lande zu verkünden wußten. War auch der Ritter verschwiegen, man ahnte und raunte doch, wem sein Lied galt, und je größer die Zahl der Nebenbuhler, desto eifriger war ihr Dienst, desto größer der Ruhm des Siegers.

Der deutsche Ritter forderte von seiner Frau vor allem Zucht und Sitte, das heißt: die Haltung guter Gesellschaft in jeder Lage des Lebens. Seine Verehrung gab ihr gern das Prädikat »rein«, ebenso wie der Jungfrau Maria; der wohlerzogene Mann feierte, wie dringend auch sein eigenes Werben war, ihre Keuschheit und würdige Haltung gegen fremde Männer. Denn begehrlich umherspähende Augen, zuvorkommendes Lachen für jeden ziemten der deutschen Herrin nicht. Ehrbar in Haltung und Gebärde sollte sie erscheinen, von bescheidener und gehaltener Freundlichkeit, ihr holdes Lächeln war eine Belohnung des Treuen. Aber auch der Worte sollte sie mächtig sein, sinnvoll dem Anredenden Bescheid geben, den Dreisten fest zurückweisen, dem Freunde in kurzer Rede bedeutsamen Gruß spenden. Ihre äußere Erscheinung mußte fesseln, und sehr viel galt elegante und nach Stunden passend gewählte Kleidung. [...]

Deshalb war die tägliche Arbeit einer Frau, sich sorgfältig zu hüten, sooft sie unter Männer kam; sie war von Werbenden, von Aufsehern und der größeren Menge der gleichgültigen und verleumdungssüchtigen »Merker« argwöhnisch beobachtet in Miene, Gebärde und Wort, wie sie einherschritt, wie sie grüßte, wem sie lächelte. Dies alles höfisch zu machen, sich nie eine Blöße zu geben, immer anzulocken und zu versagen, war die Aufgabe derer, welche sich als gefeierte Schönheiten in sicherer Stellung erhalten wollten. Daher die endlosen Klagen der ritterlichen Sänger über die Fruchtlosigkeit ihres Dienstes, die helle Freude, wenn die Herrin ihnen einmal freundlichen Blick, Gruß und teilnehmende Rede gönnte. Bei der vornehmen Koketterie, welche diese Stellung der Frauen ausbildete, waren zuverlässig die Charaktere am besten dran, denen ein kaltes Herz und stete Gefallsucht das Spiel um ein Nichts zur Lieblingsbeschäftigung machten. Es scheint damals in Deutschland an solchen Damen kein Mangel gewesen zu sein.

Größeren Anteil beansprucht die hochsinnige Frau von reichem Gemüt und starker Leidenschaft, ihr brachte das Ritterspiel ernste Gefahr. Sie stand in einem Kreise, in welchem die Regel der Sitte zu unheimlicher Feinheit ausgebildet, die Sittlichkeit sehr gering war. Die große Mehrzahl der Männer gehörte einem Beruf an, der fast ausschließlich Körperkraft und Reiterkunststücke übte, trotz allen Lehren des Anstandes und guter Haltung war die Unwissenheit groß, die Zudringlichkeit schwer zu bändigen. Traf das Weib unter den Wilden einmal auf wirkliche Leidenschaft, auf einen Geist, der größer war als die Mehrzahl der andern, eigener kluger Gedanken mächtig und süßer Weisen kundig, und hörte sie das Lob ihrer Tugenden von seinen Lippen, empfand sie den Ruhm, den sie durch seine Lieder gewann, oder sah sie, daß der werte Mann um ihretwillen sich Demütigungen und Gefahren aussetzte, dann entstand wohl zwischen ihr und ihm ein Verhältnis, dessen heimliche Innigkeit und Zartheit ihr als das höchste Glück ihres Lebens erscheinen mußte. Ihr blieb der innere Kampf zwischen Ehre und Liebe nicht erspart; denn wie frei die deutsche Sitte um 1200 auch den Mann stellte, so weit ging die höfische Verbildung nicht, der hingebenden Frau das Gefühl zu nehmen, daß sie für den Geliebten andere Pflichten verletzte. Immer stellt in den ritterlichen Liedern die Geliebte dem Drängen des Bewerbers die Rücksicht auf ihre Ehre gegenüber. Und doch ist uns von diesen inneren Kämpfen der Frau verhältnismäßig wenig überliefert, nur ahnen können wir, daß sie zuweilen tief und leidvoll waren. Dann wird auch das Urteil mild, wenn aus einem erhaltenen Liede einmal die selige Freude des erhörten Geliebten hervorbricht.

Für diese innigen Beziehungen zwischen Mann und Weib werden hier aus dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert einige charakteristische Belege zusammengestellt. – Da bis in das letzte Drittel des zwölften Jahrhunderts alle Lehre, welche der Frau zuteil wurde, und fast alles, was sie las und schrieb, lateinisch war, so mußte damals auch der Herzensfreund, welcher diese idealen Interessen unterhielt, der fremden Sprachen kundig sein. In der Kirche hatten sich die ersten Anfänge einer Philosophie geregt, welche die Dogmen der Heiligen Schrift vorsichtig prüfte und durch logische Schlußreihen zu begründen suchte. Die Frau las also damals mit dem geliebten Mann nicht nur Bücher des Cicero und Verse der römischen Dichter; auch Betrachtungen über Sein und Nichtsein, Wollen und Können wurden angestellt, und durch Definition der Tugenden und Laster tieferes Verständnis des Lebens gesucht.

Aus dieser Zeit, wo die geistliche Bildung in die Laienbildung überging, sind uns, etwa vom Jahre 1170, einige vertrauliche Briefe eines Weibes an den Geliebten erhalten, wohl wert, daß unser Blick mit Anteil darauf ruhe. Wir wissen leider nicht, wer die Schreiberin und wer der Mann war. Sie sind erhalten in einer Briefsammlung des Mönches Wernher von Tegernsee und werden in Übersetzung mitgeteilt.

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