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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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Aber nicht nur die Zurückgebliebenen bedachten prüfend den Wert der Kreuzfahrt, auch viele Kreuzfahrer, welche heimkehrten, brachten ernüchtert ein anderes Urteil über den Papst und das Drängen der Kirche mit. Als der Papst im Vollgefühl seiner Macht bewaffnete Laienscharen nach dem Morgenland sandte, lockerte er zugleich die Bande, an denen seine Kirche die Seelen der Laien festhielt. Denn jetzt waren nicht mehr der Kirchenfürst und nicht mehr der einsame Büßer die bevorzugten Vertrauten des Himmels, der bewaffnete Laie war der begünstigte Diener des Herrn geworden. Wer die Heiden erschlug, wer selbst an dem Grabe Christi kniete, das er mit seinen Genossen erobert hatte, der fragte wenig nach dem römischen Ablaß, er wußte den Herrn allein zu finden, er war an der Stätte, wo das Gebet am wirksamsten war, und er selbst durfte sich rühmen, Wunder zu erleben. Nicht die Fürsten und nicht die Legaten und Bischöfe begnadigte der Herr auf dem Heerzug durch Offenbarungen und Gesichte, der kleine Mann, das gläubigste Herz empfing diese Ehre. Ganz nichtig erschien die Größe der Edeln, ja selbst der Wille des Papstes gegen den Willen des Himmelsfürsten. Seit die Provenzalen im Besitz der Heiligen Lanze waren, wurde ihr Gehorsam gegen ihren Führer, den Grafen Raimund von Toulouse, unsicher. Sie trugen den Speer Gottes in ihrer Mitte, er verhieß ihnen Sieg, was kümmerte sie noch ihr eigennütziger Gebieter.

Anders wirkte das massenhafte Eindringen der Offenbarungen auf die Gescheiten. Sie wurden ungläubiger gegen Wundererscheinungen. Niemand hätte die Möglichkeit der Wunder, die Himmelskraft der Reliquien bezweifelt, aber vor dem einzelnen Fall war man geneigt, Betrug und weltliche Motive anzunehmen. Die Franken fanden zu Jerusalem einen Kopf Johannes des Täufers, und die Mönche zu Angers rühmten sich, denselben Kopf zu haben. Und die Franken fragten: »Der Apostel hatte doch nicht zwei Köpfe?« Und sie zogen sich die Lehre daraus: »Das kommt daher, wenn man die Gebeine der Heiligen nicht in Ruhe läßt; es nützt wenig, sie in Silber und Gold zu fassen, wenn man sie durch die Länder schleppt und den Leuten vorzeigt, um sich Geld mit ihnen zu machen.«

Zu keiner Zeit hatte der Deutsche sich des Urteils über die Kirche ganz begeben. Die Verschwendung und Unwissenheit der Bischöfe, der weltliche Sinn der Äbte und die schlechte Zucht der Klostergeistlichen waren seit dem sechsten Jahrhundert unablässig Gegenstand frommer Kritik gewesen. Dem Papst war es zuweilen nicht besser gegangen. Aber solches Urteil war mit vorsichtigen Worten in Klosterannalen eingebunden worden; jetzt tönte es laut auf allen Straßen, denn die Schäden der Kirche, die Geldgier und Herrschsucht der Päpste, Versprechen, die sie nicht hielten, Summen, die sie erhoben und dem Kreuzheer nicht zugehen ließen. Gehässigkeit, die sie gegen kreuzfahrende Fürsten übten, wurden in der gefährdeten Fremde, wo jeder genötigt war, sich um das Wohl des ganzen zu kümmern, viel und bitter besprochen.

Aber der Kreuzfahrer, der zur Heimat kehrte, brachte auch eine freiere Ansicht über Menschenwert zurück. Im ersten Kreuzzug schnitten Christen und Türken einander um die Wette die Köpfe ab, in den späteren Fahrten hatte die Achtung, die der Krieger seinem tapferen Feind nicht versagen kann, zwischen Christen und Heiden mildern Kriegsgebrauch und ritterlichen Verkehr geschaffen. Beide Teile hatten Gelegenheit gehabt, einander zuweilen großen Sinn und Edelmut zu beweisen. Sie lernten sich in einer Sprache, die aus romanischen und arabischen Wörtern gemischt war, verständigen, sie stritten in Stunden der Waffenruhe miteinander über Glaubenslehren; und sie fanden, daß ihnen manches gemeinsam war. Freilich vor der Jungfrau Maria und der wunderbaren Empfängnis des Herrn kam der unsühnbare Gegensatz auffällig zutage. Denn was dem Abendländer gerade dies Dogma so vertraulich machte, war im Grunde die altheimische Scheu vor jungfräulicher Ehre, und dafür hatte der Orientale kein Verständnis. Doch wenn der fromme Christ sich bei solchem Streit auch überzeugte, daß der ungläubige Kamerad dem Höllenfeuer verfallen sei, die schlechten Aussichten des Tapferen mußten ihm leid tun. War nun gar einmal der Heidenkrieger sein Verbündeter gegen Ungläubige oder eine Fraktion der Christen, so konnte ihm die üble Zukunft des Kampfgesellen sogar zweifelhaft werden. In vielen war die Folge solchen Zusammenlebens mit Ungläubigen eine Toleranz, die gar nicht nach dem Geschmack der alten Kirche war, zuletzt Gleichgültigkeit gegen manche Dogmen der Kirche. Und zwar am meisten in den geistlichen Ritterorden.

In dieser Weise entstand bei den Zurückbleibenden und Fahrenden eine größere Selbständigkeit des Urteils über die Fürsten und Diener der Kirche. Sie wird unter den vielen unermeßlichen Fortschritten, welche durch die Kreuzzüge den Deutschen gewonnen wurden, am frühesten bemerkbar. Es ist lehrreich, diese Frucht blutiger Kämpfe aus den Ansichten einzelner Zeitgenossen zu erkennen.

Gerhoh, Propst des Klosters Reichersberg im Bistum Salzburg (geb. zu Polling in Oberbayern 1093, gest. 1169), ist die sehr charakteristische Gestalt eines deutschen Gelehrten aus der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts. Sein äußeres Leben formte sich wie Tausenden vor ihm und nach ihm. Dem Jüngling wurden durch ein Körperleiden, das ihm als göttliche Heimsuchung erschien, die Freuden dieser Welt vergällt, er suchte Genesung, indem er seinen Frieden mit dem Herrn machte und Entsagung gelobte. Als junger Kleriker lernte er in den lateinischen Schulen zu Freising, Moosburg, Hildesheim, wurde dann selbst Lehrer an der Domschule und Kanonikus zu Augsburg. Er war in dieser Zeit ein eifriger Anhänger der kaiserlichen Partei und lebte, wie die meisten Weltgeistlichen seiner Zeit, frisch darauf los, ohne Tonsur und Priestergewand sonderlich zu beachten. Er scheint damals durch die Händel der kaiserlichen Partei mit Rom – auch sein Bischof war vom Papst gebannt – in unsichere Stellung gekommen zu sein, die ihm, wie deutsche Art ist, Gewissensangst erregte. Das weichliche Leben, welches ihn umgab, wurde ihm wieder verleidet, er zweifelte, ob dem Weltgeistlichen, der nicht auf irdische Schätze verzichtet habe, die Seligkeit vorbehalten sei, und er, der Gelehrte, fragte endlich einen einsamen Büßer um Rat. Das harte Urteil des Eremiten empörte zuerst seinen Stolz, aber es trieb ihn doch zum Entschluß und in ein Kloster. In der Mönchskutte fand er innere Ruhe, von da wurde er ein eifriger und berühmter Lehrer der Jugend, Vertrauter und Ratgeber frommer Männer. Er war ein herber und strenger Geist. Zwar sein Wissen kann im Vergleich zu guter französischer Bildung jener Jahre nicht umfangreich genannt werden. Aber er suchte ehrlich die Wahrheit und grübelte schwermütig über die großen Probleme des Erdenlebens. Als Greis von 72 Jahren schrieb er ein Werk in mehreren Büchern: »Aufspürung des Antichrists«, in welchem er die Nähe des großen Versuchers, welcher vor dem Jüngsten Gericht Unheil verbreiten sollte, aus der Zeitlage scharfsinnig bewies. Die orientalische Vorstellung, daß dem letzten Siege des guten Prinzips am Ende irdischer Dinge ein Reich des Bösen vorausgehen sollte, war sehr früh in die christliche Kirche gedrungen und hatte unter den christlichen Germanen eine reichliche mythische Ausbildung erhalten, weil sie sich mit einer festgewurzelten Vorstellung des deutschen Heidenglaubens verband. Denn nach heimischer Annahme sollten die Menschengötter und die Geister der gefallenen Helden am Ende der Tage einen Todeskampf mit den finstern Dämonen der Zerstörung bestehen, dann sollte die Menschenerde, Sonne und Mond verderben, endlich – wenn die nordische Überlieferung als gemeingültig für alle Germanen anzunehmen ist – sollte auf den Untergang die glückliche Herrschaft eines neuen Lichtreichs und Wiederbelebung der guten Götter folgen. Auch der Volksglaube deutscher Christen nahm an: vor dem Weltbrand wird ein böses Gegenbild von Christus als mächtiger Herrscher auf der Menschenerde erstehen und auf Sünde und Unrecht sein Reich gründen; endlich wird er im Kampf gegen Christus und seine Heiligen erliegen, dann wird Erde und Menschenleben vergehen, der Herr Jüngstes Gericht halten und das Reich der Seligen beginnen. In diesem Glauben prüften seit dem achten Jahrhundert fromme Gläubige, geängstet durch das große Rätsel des Lebens, während jeder schweren Zeit die Zustände ihres Volkes. So Gerhoh. Sein Herz wurde bedrückt von der unleugbaren Tatsache, daß das Heiligste auf Erden, die Kirche Christi, verdorben werde durch untüchtige Päpste, frevelhafte Bischöfe, durch Stellenkauf, Geldreiz, Wucher und Gier nach irdischer Herrschaft, daß die Kreuzfahrten, in so heiliger Absicht begonnen, zum Verderb für zahllose Christen ausschlugen. Er grübelte über den Träumen und Gesichten der Zeitgenossen und bemühte sich, die Fälschungen des Antichrists in ihnen zu beweisen. Bedenklich erschienen ihm die Kometen und Himmelszeichen; er sah das Wirken des Feindes in dem weltlichen Sinn vieler Zeitgenossen und den herrschenden Lastern, vor anderem dünkte ihm bedeutungsvoll, daß man sogar im Chor der Kirchen den Antichrist leibhaftig im dramatischen und geistlichen Spiel vorzustellen wagte. In dem Werk des Gerhoh ist aber neben vieler Deutelei und großer mönchischer Härte überall, wo er über Zeitgenossen und Zustände seiner Gegenwart urteilt, eine merkwürdige Selbständigkeit und die Redlichkeit eines warmherzigen Deutschen zu achten. Diese Sicherheit eigener Überzeugung galt damals mit Recht für etwas Großes und Ehrenwertes, auch wir bewahren ihr ein Andenken, weil Gerhoh als einer der ersten, von denen Kunde überliefert ist, mit deutschem Gewissen gegen die Schäden seiner Kirche Zeugnis abgelegt.

Aus dem erwähnten Werk Gerhohs werden hier einige Kapitel in wortgetreuer Übersetzung mitgeteilt. Sie enthalten einen kurzen Bericht über den Kreuzzug König Konrads III. vom Jahre 1147. Zur Ergänzung desselben wird eine gleichzeitige Stelle aus den Würzburger Annalen vorangesetzt, weil ihre Auffassung des Kreuzzuges so genau zu der des Propstes Gerhoh stimmt, daß ein Zusammenhang zwischen diesem und dem Schreiber des annalistischen Berichts wahrscheinlich wird. Die Annalen von Würzburg und Gerhoh erzählen folgendes:

Im Jahre des Herrn 1147 ließ Gott die Kirche des Abendlandes ihrer Sünden wegen Leid erfahren. Denn es kamen in das Land falsche Propheten, Söhne Belials, Eideshelfer des Antichrist, welche durch nichtige Worte die Christen verführten und durch eitle Predigt alles Volk der Menschen antrieben, zur Befreiung Jerusalems gegen die Sarazenen zu ziehen. Ihre Predigt hatte so seltsame Wirkung, daß fast alle Bewohner der Landschaft mit einmütigem Gelöbnis sich freiwillig zum gemeinsamen Verderben darboten. Und nicht nur gemeine Leute, sondern auch Könige, Herzöge, Markgrafen und die übrigen Würden dieser Welt waren in dem Wahn, daß sie dadurch Gott dem Herrn Folge leisteten; in demselben Irrtum gesellten sich Bischöfe, Erzbischöfe, Äbte und die übrigen Diener und Prälaten der Kirche, alle begierig, sich in unermeßliche Gefahr der Seelen und Leiber zu stürzen.

Und das war nicht zu verwundern. Denn aus irgendeinem geheimen Beweggrunde und angetrieben durch Bernhard, Abt von Clairvaux, hatte Herr Eugenius, der römische Papst, dem frommen römischen Kaiser Chunrad und dem ganzen Reich, auch dem König von Frankreich, dem König von England, endlich allen Königen, allen Großen und Untertanen der Könige, welche Christenglauben und Religion haben, einen Brief geschrieben und durch den Brief ermahnt, daß sie sich zu dieser Fahrt rüsten sollten. Und kraft des Apostelamtes, das ihm Gott übertragen, hatte er allen insgemein, die sich freiwillig dieser Arbeit unterziehen würden, Vergebung der Sünden gewährt und verheißen. Zeugnis für diese päpstliche Ermahnung sind die Briefe, welche hier und da durch das Gebiet verschiedener Landschaften und Provinzen geschickt und an sehr vielen Kirchen zur Erinnerung an den genannten Zug sorgfältig aufbewahrt wurden.

Es lief also untereinander Volk von beiderlei Geschlecht, Männer und Weiber, Arme und Reiche, Fürsten und Große der Krone mit ihren Königen, Weltgeistliche und Mönche mit ihren Bischöfen und Äbten. Der eine hatte dies, der andere das Begehren. Denn manche waren gierig nach Neuem und zogen, um das neue Land zu beschauen, andere zwang die Armut und dürftiges Hauswesen, diese waren bereit, nicht nur gegen die Feinde des Kreuzes Christi zu kämpfen, sondern auch gegen jeden guten Freund des Christentums, wenn es sich tun ließ, um ihrer Armut abzuhelfen. Andere wieder wurden durch Schulden bedrängt, oder gedachten die Dienste zu verlassen, die sie ihrem Herrn zu leisten hatten, oder sie erwarteten die verdiente Strafe für ihre Missetaten; diese alle heuchelten Gotteseifer, aber sie waren nur eifrig, die Last ihrer großen Bedrängnis abzuwerfen. Kaum daß man wenige fand, die ihre Knie nicht vor Baal beugten, die durch fromme und heilbringende Absicht geleitet wurden, und durch die Liebe der Majestät Gottes so weit entzündet, daß sie für das Allerheiligste ihr Blut vergießen wollten. Aber nähere Erörterung dieser Sache überlassen wir dem Herrn, der die Herzen durchschaut, nur die Bemerkung fügen wir hinzu: Gott kennt die Seinen am besten.

Was soll ich sagen, der ganze Schwarm eilt der Stätte zu, wo die Füße Jesu Christi gestanden haben; mit dem Zeichen des Kreuzes bezeichnen sie ihre Röcke gar nicht schlecht, sondern sehr auffällig, und wo sie durchziehen und Juden finden, zwingen sie diese zur Taufe, die Widerstrebenden bringen sie ohne Zaudern um. So kam es, daß manche Juden in der Not durch den Quell der Taufe abgewaschen wurden; einige von diesen blieben bei dem angenommenen Glauben, andere kehrten, als es Friede wurde, ebenso zu ihrer argen alten Gewohnheit zurück, wie Hündlein zu ihrem Gespei. Nur ein Beispiel will ich aus vielen Berichten anführen, den Judenmord, der zu Würzburg geschah, damit ich durch die genaue Angabe eines Falles den übrigen besseren Glauben verschaffe. Als im Monat Februar die Fremden, wie erwähnt wurde, in der Stadt zusammenströmten, fand man durch wunderlichen Zufall am 24. Februar den Leib eines Menschen auf, der in viele Stücke zerschnitten war, zwei größere Stücke im Mainfluß, eines zwischen den Mühlen bei der Vorstadt Bleicha, andere bei dem Dorfe Thunegersheim; die übrigen Stücke fanden sich außer der Mauer auf dem Wall gegenüber dem Turm, welcher insgemein Katzenwighaus genannt wird. Und als man alle Teile des zerstreuten Leibes gesammelt hatte, wurde der Leib zu dem Hospital getragen, das unterhalb der Stadt ist, und dort auf dem Kirchhof begraben. Darauf wurden sowohl Bürger als Fremde von plötzlicher Wut ergriffen, als wenn sie aus diesem Vorfall eine gerechte Veranlassung gegen die Juden erhalten hätten, sie brachen in die Häuser der Juden ein, stürmten auf sie und töteten Greise und Jünglinge, Frauen und Kinder ohne Unterschied, ohne Zaudern, ohne Erbarmen. Wenige retteten sich durch die Flucht, noch wenigere ließen sich Rettung hoffend taufen, die wenigsten aber beharrten, als später der Friede wiederkam beim Glauben. Auch geschahen, wie man behauptete, bei der Bestattung des obenerwähnten Leibes Wunderzeichen. Stumme sollten gesprochen haben, Blinde gesehen, Lahme gelaufen und andere Zeichen dieser Art. Deshalb verehrten die Fremden jenen Menschen, als ob er ein Märtyrer wäre, trugen Reliquien des Körpers einher, nannten ihn Theoderich und verlangten, daß man ihn heiligspreche. Und da Sifried, der fromme Bischof der Stadt, mit der Geistlichkeit ihrem Toben und ihrem Irrtum widerstand, so erregten sie gegen den Bischof und die Geistlichkeit eine solche Verfolgung, daß sie den Bischof steinigen wollten und in die schützenden Mauern der Türme drängten, die Kanoniker aber wagten in der allerheiligsten Nacht des Abendmahls aus Furcht vor den Verfolgern weder zum Chor hinaufzugehen noch die Mette zu singen. –

Als nun die Woche der Auferstehung des Herrn kam, machten sich die Fremden auf die beschlossene Fahrt; da wurde endlich die Aufregung in der Stadt unterdrückt, und alles kam zur Ruhe. Dies ereignete sich, wie gesagt, in Würzburg. Was aber die Haufen in anderen Städten getan haben, wird, ohne daß wir davon reden, aus diesem angeführten Beispiel erkannt werden.« [...]

»Die Könige – Chunrad und Ludwig – nahmen mit einem zahllosen Heer, das aus allen Christenländern zu ihnen strömte, den Landweg, die ausgenommen, welche zu Schiff durch das Meer ihren Pfad suchten. Es gab keine Stadt, die nicht zahlreiche Fahrer, kein Dorf und keine Ansiedlung, die nicht wenigstens einige entsendeten. Bischöfe mit der Herde ihres Sprengels, auch Herzöge, Grafen und andere Große und Herren zogen jeder mit seiner Schar; sie führten Schilde, Schwerter, Harnische und anderes Kriegsgerät mit sich und reichlichen Vorrat von Gepäck und Zelten, die sie auf Wagen und zahllosen Pferden fortschafften. Kaum faßte die Landstraße und die angrenzende Flur die Heerscharen, kaum das Bett der Donau die Menge der Schiffe. So unermeßlich war das Heer, daß nach meiner Meinung noch nie, seit es überhaupt Völker gibt, solche Menschenmenge, Reiter und Fußvolk, zusammengekommen ist. Kein Markt war groß genug für ihren Bedarf an Waren, kaum ein Feld weit genug für ihre Lager. Deshalb fing zahlloses Volk, das keine Wagen und Rosse zum Fortschaffen der Lebensmittel hatte, nach kurzem zu hungern an. Denn eine Menge von Landleuten und Hörigen verließ Pflugschar und Dienst ihrer Herren, zum Teil ohne Wissen und Wollen derselben, und begann unüberlegt mit wenig oder gar keinem Golde oder Silber den weiten Zug, weil sie hofften, daß ihnen bei so heiligem Werk wie einst dem alten Volk der Israeliten, entweder etwas vom Himmel herabregnen oder durch himmlische und göttliche Fügung irgendwoher Nahrung werden müßte. Aber es kam weit anders als sie hofften. Denn die größte Widerwärtigkeit betraf das Heer auf einer Fahrt, die nach ihrer Meinung heilig war. Und das erste erwähnenswerte Unglück desselben Heeres war folgendes. Als sie in Griechenland längs dem Meere zogen, schlugen sie eines Tages ihr Lager am Ufer eines mäßigen Flusses auf, der sich ins Meer ergoß. Siehe, da schwoll plötzlich dieser Fluß gewaltig an, ohne daß ein sichtbarer Regen vorausging, entweder von einem Wolkenbruch oberwärts oder von einem Wasserschwall, den menschliche List ihnen zu Verderben und Hinterhalt durch eine Wehr gestaut hatte. Der Strom stürzte jählings über das Lager dahin, mächtig, weit und heftig und riß einen großen Teil des Heeres, zugleich Zelte und Wagen mit sich in das Meer, so daß manche sich an Wagen und Gerät hingen und lebendig in die Tiefe sanken.

Darauf kam die große Menge mühsam genug nach Konstantinopel. Dort wurde der römische König von den Griechen listig umsponnen und mehrere Fürsten durch Gold und Silber verlockt, so daß der König den Weg gegen Iconium durch eine Wüste nahm; er war in der Meinung, Gottes Willen zu tun, wenn er gewisse Völkerschaften, die den Christen feind waren, dem Herrn unterjochen oder demütigen und schwächen könnte. Aber er handelte nur auf Betrieb der Griechen, welche ihre Feinde unterwerfen, aber nicht den christlichen Glauben ausbreiten wollten. Der römische König teilte also die Scharen in zwei Heere und nahm mit seinem Heer unter griechischen Führern die Richtung nach Iconium durch eine Wüste. Der König von Frankreich aber behielt mit seinem Heer die Richtung auf Antiochien und Jerusalem, die er eingeschlagen hatte, und zog teils zu Wasser, teils zu Lande. Es ist unmöglich, alle Leiden aufzuzählen, welche die beiden Heere erduldeten, nur das wichtigste wollen wir kurz anführen, das Heer, welches auf Iconium marschierte, wurde durch Anstrengung, Hunger und Durst in der Wüste erschöpft, außerdem durch sehr heftigen und fast allgemeinen Durchfall geplagt, denn diesem Leiden ist körperliche Anstrengung gar sehr schädlich. Da wurde der große Haufe durch Schwäche, Mühsal des Weges und zugleich durch Mangel gepeinigt, und es begann ein solches Sterben, daß täglich große Haufen, durch Hunger, Krankheit und Mühsal aufgerieben, hinstürzten. Endlich war die todbringende und mühselige Wüste durchschritten, und man kam in das Land der Feinde. Diese traten den Kreuzfahrern in Überfällen und Angriffen entgegen, doch nicht so, daß sie ihnen Gelegenheit zum Nahkampf gaben, denn sie beschossen das Heer bei Tag und Nacht mit Pfeilen und flohen beim Angriff und ermatteten das Heer so, daß weder Gelegenheit zum Kampf noch zum Siege war und doch kein Augenblick frei von feindlichem Anlauf. Denn wenn unsere Reiter gegen die Feinde ansprengen wollten, konnten die Unsern die Fliehenden nicht erreichen, weil die Pferde der Unsern durch Mühe und Hunger ermattet, die Pferde der Feinde aber wohlgenährt und ausgeruht waren. Bei unserm Heer waren aber nur wenig Bogenschützen, und die ganze Masse der Gegner war mit Bogen bewaffnet und kämpfte nur auf diese Art. Daher faßte unser König endlich den Entschluß, das Heer von ihnen wegzuführen und denselben Weg durch die Wüste zurückzugehen, den er gekommen war, nicht weil die Unsern den Kampf und Sieg aufgaben, sondern weil Kampf und Sieg vor ihnen flohen. Denn wenn sie kämpfen wollten und die Schar zum Treffen gerüstet hatten, geschah von den Feinden kein Anfall; wenn sie sich aber in das Lager zurückgezogen hatten, so wurde ihnen keine Ruhe gewährt, weil die Bogenschützen sie ringsherum bei Tag und Nacht belästigten. Deshalb wiesen ihnen die Unsern den gepanzerten Rücken, wie man zu sagen pflegt, und zogen durch dieselbe Wüste, weil es keinen andern Weg zur Rückkehr gab. Aber auch auf dem Abzug durch Wald und Sumpf und dann durch spärliches Gebüsch folgten von hier und da die Feinde und beunruhigten die lange Reihe der Abziehenden von rechts und links durch ihre Pfeile. Wurden sie von den Unsern verjagt, so flohen sie behend und flogen ebenso wieder herzu. Es traf sich aber einmal, daß ein großer Teil der Unsern sich zur Nacht auf einen Felsen gezogen hatte, in der Meinung, hier vor den Pfeilen der Feinde sicher zu sein. Aber die Feinde umringten und stürmten diesen Felsen, und der ganze Haufe wurde entweder mit dem Schwert getötet oder gefangen fortgeführt. Unser König aber wußte gar nichts von diesem Verlauf, denn er selbst war ein Stück vorwärtsgezogen und hatte mit dem Kern des Heeres an der bezeichneten Stelle sein Lager aufgeschlagen. Als man die Wüste hinter sich ließ, war der ganze Weg mit toten Menschen und Tieren bestreut. Der König kam mit den Überresten des Heeres nach Konstantinopel, dort schlug er mit einigen Fürsten und andern Großen, denen Mut und Geld nicht ausgegangen war, den Seeweg nach Jerusalem ein.

Aber auch das Heer des Königs von Frankreich und viele Deutsche, welche auf dem Landwege gen Jerusalem zogen, wurden durch unendliches und zahlloses Unglück ergriffen. Denn als sie in die Gebirgsengen kamen, hatten die Türken daselbst ihre Scharen verteilt, griffen einen Teil des Heeres in offenem Kampf an, drängten zugleich von vorn, von hinten und von der Felshöhe und töteten eine sehr große Zahl. Dort erlag auch Bernhard, Herzog von Kärnten. In der Bedrängnis des Engpasses und bewaffneter Scharen, ohne die Möglichkeit zu fechten, verließen viele ihre ganze Habe, dachten nur darauf, das Leben zu retten, und suchten die Flucht über die hohen und steilen Berge. Unter ihnen war auch Otto, Bischof von Freising, Bruder des römischen Königs, er kam mit zerrissenen Stiefeln und Füßen, von Hunger und Kälte erschöpft, an einen Ort der Küste, dort wurde er durch das Mitleid der Bürger erquickt und mit einem Darlehn versehen und fuhr zur See nach Jerusalem. Auch der König von Frankreich erlebte ein ähnliches großes Unglück; denn als er nach Antiochien gekommen war und dort unter Landsleuten kein Übles argwohnte, wurde er durch List und Gewalt vom Fürsten der Stadt seiner eigenen Frau, die er mit sich führte, beraubt. Diese wurde später in Freiheit gesetzt und wollte zu ihm zurückkehren, wie in dem Bewußtsein, daß sie ihre Frauentreue bewahrt habe; aber sie wurde nicht zugelassen, und zwischen beiden dauert bis heute die Trennung, diese ist auch von der Kirche bestätigt, aber aus andern Gründen. Denn er heiratete eine andere Frau und lebte mit ihr in Ehe, und sie ist dem König von England vermählt.

Endlich aber kamen beide Könige mit geringen Resten ihrer Heere nach Jerusalem. Denn das Heer des römischen Königs, welches der Mühsal und den Feindesgeschossen jener Wüste entgangen war, hatte sich zum größten Teil nach der Heimat zurückbegeben; aber auch das andere Heer, welches dem König von Frankreich folgte, war zum Teil in jenem Gebirge umgekommen. Doch, wie gesagt, endlich kam man nach Jerusalem. Und man fand die Stadt ganz frei von Feindesgefahr, wie der römische König mit eigenem Munde gezeugt hat, so daß sie niemals einen bessern Frieden sich gewärtigen konnte; nur solche Ausfälle und Beutezüge fanden statt, welche überall an der Grenzmark verschiedener Völker verübt werden und wie sie an jeder Grenze stattfinden. Und solche Belästigung haben sie stets gehabt und werden sie stets haben, und ebenso ist die Umgegend vor den Streifzügen, welche sie machten, nicht sicher und wird es nicht werden.

Sie hatten die ganze Welt in Bewegung gesetzt, indem sie Furcht vor Feinden logen, welche die heilige Stätte erobern wollten, und sie lebten doch in dem herkömmlichen und fast sichern Frieden. Endlich unternahm man einen Zug und eine Belagerung gegen Damaskus, damit die große Bewegung nicht ganz umsonst gemacht wäre. Zu dieser Belagerung warb der römische König Chunrad ein neues Heer durch große Summen Geldes, die von allen Seiten nach Jerusalem gekommen waren. So schritt man zur Belagerung, und zwar die Könige von Rom und Frankreich und ihre Heere und dazu der König von Jerusalem und alle Reisigen aus dieser Stadt. Und unser König war in dem Glauben, daß alles ehrlich und redlich zugehe, er brach in die Gärten der Stadt ein und schlug das Lager außerhalb der Mauer, denn er war ein tüchtiger Mann und wollte das Werk durchführen. Die andern aber errichteten ihr Lager anderswo an Stellen, die bequemer und weiter entfernt waren. Bei dieser Belagerung wurde endlich offenbar, in welcher Absicht die von Jerusalem die ganze Welt zu dem Zuge aufgeregt hatten, und daß sie in der ganzen kummervollen Bewegung der ganzen Welt, in so vielem Christentod durch Schwert und Pfeil der Heiden, durch Hunger und Kälte, durch Krankheiten, durch Überschwemmung der Flüsse und Meeressturm nicht Frieden für sich gesucht hatten, den sie ohnedies zur Genüge hatten, sondern Mehrung ihrer Schätze von Gold und Silber. Denn sobald die Stadt durch die Belagerer eingeschlossen war, fingen die Bürger innerhalb der Mauern an, mit denen von Jerusalem über Frieden und Ende der Belagerung zu unterhandeln. Bald boten sie diesen auch viel Geld und erreichten ihren Willen. Die von Jerusalem schlossen also heimlichen Vertrag, nahmen große Geldsummen und traten von der Belagerung zurück, überredeten auch den König von Frankreich dazu. So ließen sie den römischen König mit den Seinen allein bei der Belagerung. Als dieser sah, daß mit ihm betrügerisch gespielt worden sei, gab er auch die Belagerung auf, weil ihm nichts anderes übrigblieb. – Und das ist kläglich und zugleich wunderlich und erbärmlich, daß von einem Heere, welches auf 700 000 geschätzt wurde, kaum wenige Reste zurückkehrten und durch so große Anstrengung kein Sieg erreicht wurde.

Das also war das Ende, die Frucht, die Folge so großer Anstrengungen. – Aber wie Gott zuweilen auch hier gerecht richtet, so hatten die von Jerusalem nicht Ursache, sich über die unrechtmäßige Annahme so großer Summen zu freuen; denn die viele getäuscht hatten, wurden selbst bei diesem Gelde getäuscht, statt des Goldes empfingen sie zum größten Teil vergoldetes Kupfer, und zu spät reute sie, daß sie so vieles Christenblut um so schnöden Preis verkauft hatten. Jerusalem, Jerusalem, einst hast du die Propheten gesteinigt, welche zu dir gesandt waren, was fiel dir ein, daß du neuen Mord der Christen zu dem alten häuftest! Wolltest du das Maß, das deine Väter zur Hälfte gefüllt haben, durch Christenblut voll machen! Dies waren die Früchte, die aus der verruchten Wurzel der Habsucht von Jerusalem sproßten. Dies war das vergossene Blut, dessen die Habsucht, das schnöde Tier, schuldig ward. Aber auch ein anderes Ungetüm, der Hochmut des Hauses der Hospitaliter, brachte vielen Seelen Verderben wie der Geiz den Leibern. Mit diesem Ungetüm trat die römische Kirche, die hierin und in ähnlichen Dingen mehr eine Markthalle als eine Kirche ist, durch Geben und Nehmen in Gemeinschaft, sie nahm Gold und Silber von diesem Ungetüm und gab ihm bei seiner Empörung gegen Gott Beistimmung und Bestätigung.

Aber wenn wir die Habsucht der Leute von Jerusalem anklagen, können wir auch die Unsern nicht ganz rechtfertigen. Denn oft und vielmal hatten sie die evangelische Lehre vernommen, welche ihnen befahl, mäßig, gerecht und treu zu leben; sie aber hatten den Weg der Wahrheit, die ihnen Heil bringen konnte, nicht begriffen, deshalb sandte ihnen Gott Werke des Irrtums, auf daß alle ihre Lüge glaubten und verurteilt würden, weil sie nicht der Wahrheit geglaubt, sondern der Ungerechtigkeit beigestimmt hatten. Denn auch lügenhafte Zeichen und Vorbedeutungen fehlten in dieser Zeit nicht, ja sie wurden durch einige Männer jener Notzeit auch durch einige Genossen jener ganz verlornen Fahrt in solcher Menge gemacht, daß diese Wundermänner vor den Haufen, welche auf sie einstürmten und Zeichen oder Genesung heischten, kaum Zeit behielten, ihr Brot zu essen.

Das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Wem ich aber die Erdichtung der Wunder zuschreiben soll, weiß ich nicht. Ich bin nämlich nicht sicher, ob sie denen zur Last fällt, welche, wie man vorgab, die Wunder verrichteten, oder denen, welche dieselben für sich begehrten. Der Betrug aber ist sicher und an vielen erwiesen. Denn es wurden Blinde oder Halbblinde und Lahme herzugeführt, und von gewissen Leuten wurden die Hände auf sie gelegt und über ihnen gebetet. Wenn nun die Kranken während der Worte des Segnenden von den heftigen Drängern nach Wundertat ausgeforscht wurden, ob sie sich etwas besser befänden, und die Kranken in der Begierde, gesund zu werden, unsicher etwas antworteten, so wurden sie gleich mit Geschrei hoch in die Höhe gehoben und, als wenn sie geheilt wären, durch die Hände der Fahrenden fortgetragen. Wenn sie jedoch sich selbst überlassen waren, konnten sie nicht lange ihre Genesung vorgeben, sondern sie faßten wieder nach den alten Stützen ihres Siechtums, nämlich die Lahmen nach den Krücken und die Blinden nach ihren Führern. Ich habe auch von einigen gehört, daß nach wirklicher Heilung zwei oder drei Tage darauf das frühere Siechtum sie wieder ergriffen habe. [...]

Dies kritische Urteil übt der fromme Mann auch an andern Stellen seines Werkes als ein Sittenrichter, der zürnend das Ideal seiner Kirche, wie sie sein sollte, gegen schlechtere Wirklichkeit hält. In dieser Auffassung aber steht Gerhoh nicht allein. Dieselbe Verurteilung der Kirchenschäden, nur entschlossener und kriegerischer, klingt aus der edlen Poesie Walthers von der Vogelweide und eifert immer wieder aus Bußpredigten und moralischen Gedichten ehrlicher Mönche. Seit es im dreizehnten Jahrhundert gewöhnlich wird, die Stände und Berufsklassen tadelnd zu mustern, steht das freie Urteil über den Papst und vornehme Geistliche obenan. Endlos klingt aus lateinischen und deutschen Gedichten Klage, Spott und Zorn. – So z. B. bei einem deutschen Predigermönch, der um 1277 den Papst anredet: »Du hast eine böse Sitte, Vater Johann, daß dir der Pfennig mehr gilt als Zucht und Adel, den Reichen nimmst du in dein Haus, den Armen stößt du vor die Tür. Achte auf dein Gewissen! Ihr Kardinäle seid weltlich, habgierig, hochmütig, unkeusch; ihr Bischöfe brennt, raubt, entehrt Weiber und Jungfrauen, fechtet mit eigener Hand, kauft und verkauft Ämter; ihr Prälaten seid hart gegen die niedere Geistlichkeit und kümmert euch mehr um weltliche Dinge und großer Herren Rat als um den Glauben, nichts kann geschehen, wo ihr euch nicht einmischet.« Und es blieb nicht bei der Klage, die Unzufriedenheit führte zum Abfall; hier und da lösten sich stille Gemeinden von der Kirche, die Albigenser in der Provence, die Katharer am Rhein, die Stedinger an der Weser, die Waldenser in den Alpen und in Böhmen, und es bedurfte blutiger Feldzüge und ebenso blutiger Ketzergerichte, um die gefährlichen Beispiele aus der Christenheit zu tilgen.

Als die Päpste alles Volk der Christenheit zum Kriegsdienst für die Kirche aufriefen, machten sie auch alles Volk zu Beurteilern ihrer Lehre und ihrer Taten. Und sie selbst wandelten dadurch allmählich Urteil, Geschmack und Neigungen der Nationen. Das Papsttum hatte sich zuerst auf die weltlichen Großen gestützt, dann dieselben benutzt und unterworfen. Jetzt zog die Kirche eine Demokratie der Geistlichen und Laien auf, und unermeßlich waren die Folgen.

Neben den reichen und aristokratischen Benediktinern wurden die geistlichen Bettelorden gestiftet. Sie breiteten sich mit wunderbarer Schnelle über die Länder und wurden sogleich höchst populäre Orden des kleinen Mannes, leidenschaftliche Kämpf er für die Kirche, oft gefügige Werkzeuge des Papstes. Durch sie erhielt die Kirche unendlich größeren Einfluß, das Christentum ein neues volkstümliches Gepräge. In Stadt und Land drängte sich Kloster an Kloster, die Mönche traten in jede Hütte und banden durch unzählige Fäden die Seelen der Kleinen an die Altäre ihrer Heiligen. Der Gott aber, dem zu Ehren sie barhäuptig mit ungewaschenem Fuß einherliefen, war der Gott der armen Leute. Ihr Christus hatte nicht mehr die Hoheit jenes großen Gefolgeherrn aus der alten Zeit, er war der arme gedrückte Kreuzträger, das demütige Vorbild der bedrängten Menschheit. Wie er selbst und seine Heiligen, werden auch die Menschen hier in der Vorhölle gebunden, gegeißelt und gemartert, damit sie im Jenseits die Fülle der Freuden genießen. Und wie der kleine Mann auf Erden gar nicht bis zu seinem König durchdrang, wenn er in Nöten war, sondern froh sein mußte, wenn er bei dem nächsten Vornehmen Schutz fand, so wurde auch der Himmelsherr allmählich fast vergessen über den Heiligen der einzelnen Klöster, deren jedes seinen Patron als den mächtigsten empfahl. Sinnlicher und vielgestaltiger wurde der Heiligendienst, massenhafter der Aberglaube, welcher sich daran legte, roher das Werben um die Gunst der Himmlischen und plumper die Werkheiligkeit. Die Mönche waren zum großen Teil einfältige, ungelehrte Gesellen von zynischem Wesen, schwer in Regel und Zucht des Klosters zu erhalten. Schon im dreizehnten Jahrhundert waren die fahrenden Mönche übelberüchtigt als böse Zungen und üppige Droher, Verleumder und Bauchfüller, und man verwünschte sie: »Der Teufel soll ihr Roß sein, damit sie darauf zur Hölle fahren.« Auch ihre Frömmigkeit war wilder und fanatischer, ihre Verfolgungssucht zügelloser, sie wurden grausame Ketzerrichter und unwissende Kämpfer für den Buchstaben des Dogmas. Kein Wunder, daß sie den Unwillen der Besseren und Freieren wachriefen und daß ihre Schwächen der Kirche zur Last geschrieben wurden.

Aber die Bettelklöster vertraten nicht nur die Beschränktheit des Volkes, auch seine Sehnsucht und sein Gewissen. Es ist deshalb nicht genau, wenn man sie die treuesten Stützen des Papsttums genannt hat, weil sie die demütigen Getreuen der Kirche waren. Denn zu keiner Zeit fehlten unter ihnen warme und ehrliche Herzen; schon unter den Hohenstaufen verfochten ihre Volksprediger und Schriftsteller die treuherzige Empfindung des Volkes gegen die Vornehmen der Kirche. In den Bettelklöstern wurden die dogmatischen Streitigkeiten mit der größten Erbitterung durchgefochten, dort regte sich am unruhigsten der reformatorische Geist. Gerade sie haben die Macht der alten Kirche gebrochen, denn in ihnen rang das Gewissen Taulers und Luthers nach Erleuchtung. Durch die geistliche Demokratie, welche in den Kreuzzügen heraufkam, wurde der stolze romanische Kirchenbau Gregors VI. und Gregors VII. solange mit schnörkelhaftem Ausputz und neuer Zutat überdeckt, bis das Herzensbedürfnis des Volkes zuletzt das alte Kirchendach sprengte.

Aber auch auf jedem andern Gebiet des deutschen Lebens erweckte die Teilnahme des Volkes an den heiligen Kriegen ein neues Leben, überall erhoben sich die unteren Klassen zu höherer Bedeutung und eigener Kultur; die Kaufleute, die Handwerker, am schnellsten die reisigen Dienstmannen der Edeln. In den Städten Italiens, bald auch Deutschlands, entwickelte der gesteigerte Verkehr mit dem Osten und das einströmende Geld der Fahrenden Blüte des Handels, Kraft des Bürgertums und eine höhere Geldwirtschaft, welche mit den Kanonischen Gesetzen gegen Zins und Kapitalsnutzung gänzlich unvereinbar blieb. Im engen Lagerverkehr der abendländischen Krieger drang Sitte, Brauch, kluge Erfindung aus einer Nation in die andere, der Gesichtskreis wurde größer, auch Griechen und Araber gaben von ihrer fremdartigen Kunst den Franzosen und Deutschen ab. Seit der ritterliche Dienstmann durch die Kirche zum bevorzugten Kämpfer Christi geweiht war, erhob fast plötzlich die Demokratie der edlen Knechte und Ministerialen eine neue weltliche Zucht und höfische Bildung, welche nicht mehr in der gelehrten Kirchensprache Ausdruck suchen konnte. Die Geistlichen hörten auf, ausschließliche Bewahrer der geistigen Habe des Volkes zu sein, die Landessprachen wurden zu Schriftsprachen und erhielten eine Laienliteratur. Die Fahrten in das Morgenland bereiteten neue nationale Grundlagen für die Bildung des Abendlandes. [...]

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