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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 54
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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Meine frühesten Erinnerungen fallen in den Herbst des Jahres 1776, als ich zweiundeinhalb Jahr alt war. Wir fuhren auf das Familiengut, ich saß auf meiner Mutter Schoß, und die sanfte Röte, die ihr Gesicht überzog, gefiel mir so wohl. Ich freute mich der Bäume, wie sie so schnell bei dem Wagen vorbeiliefen. Noch jetzt – dieselben Bäume stehen noch jenseits der Brücke – noch jetzt weht mich bei ihrem Anblick diese Erinnerung aus der Unschuldswelt an.

Schon vierunddreißig Jahre deckt die Gruft deinen heiligen Staub, Vollendete, uns so früh Entrissene! Sanft wie dein freundliches Gesicht mußte deine Seele sein! – Ich kannte dich nicht. – Nur leise heilige Erinnerung ist mir geblieben, kein Gemälde von dir, kein Schattenriß, »nicht ein süß erinnernd Pfand«. Doch stand ich kurz vorher, ehe man mich, den noch nicht Siebenjährigen, nach Leipzig sandte, an der heiligen Stätte, die deine Asche birgt und gelobte dir schluchzend, gut zu sein!

Wohl entsinne ich mich des Sonntagmorgens, an welchem meine Schwester Riekchen geboren ward. Eilenden Laufes – ich war eher aufgestanden als mein Bruder und ungebeten in der Mutter Stube gelaufen – verkündete ich's jedem, den ich fand. Einige Tage nachher sah ich, daß alles um mich her weinte: »Die Mama geht weg«, rief händeringend unsere alte Pflegerin. Weg? wohin denn? so fragte ich staunend. »In den Himmel!« war die Antwort, die ich nicht verstand.

Meine Mutter hatte uns Kinder noch einmal um sich versammelt, zum letztenmal uns zu küssen und zu segnen. Meine Stiefschwester Jettchen, damals fast zehn Jahre alt, und mein vierjähriger Bruder Ernst hatten geweint: ich – so erzählte man mir oft zu meinem Gram – hatte den Kuß kaum abgewartet und mich schäkernd hinter meine Geschwister versteckt. »Fritz, Fritz«, hatte meine Mutter lächelnd gesprochen, »du bist und bleibst ein loser Junge! Nun, lauf nur, lauf!«

Was ich vom Himmel und von der Auferstehung gehört, gab mir verworrene Gedanken, als werde die Mutter wohl bald erwachen und wieder bei uns sein. Einige Zeit nachher sagte mir mein sehr viel verständigerer Bruder, als wir auf einem Stuhl kniend dem abendlichen Zug der Wolken nachsahen und von der Mutter sprachen: »Nein! die Auferstehung ist etwas ganz anderes!« Aber bald nach ihrem Begräbnistag – es war Sonntags – spielte ich abends vor der Hintertür des Hauses, und ein Bettler sprach mich an. »Die Mama ist gestorben', rief ich, und entlief der Wärterin durch beide Höfe, um meinen Vater aufzusuchen, den ich traurig in seiner Stube sitzend fand. Er nahm mich und meinen Bruder bei der Hand und weinte. Das war mir fremd. »Also auch der Vater kann weinen, der doch so alt ist.« – Überhaupt kam mir mein Vater, der doch damals kaum siebenundvierzig Jahre alt war, immer alt vor, weit älter als z. B. ich in jetzt fast gleichem Alter auszusehen glaube. Aber in dem frühen Alter sehen Kinderaugen das meiste anders, und überdem hatte mein Vater finstere Augenbrauen, wie mir denn auch etwas Ähnliches zuteil worden ist.

Sechs Monate nach meiner Mutter Tod nahm mein Vater seine Schwester zu sich, und hierdurch änderte sich manches in unserm Tun und Treiben. Es war nicht mehr so still bei uns als vorher. Süß ist mir noch jetzt die Erinnerung an die Erzählungen, mit welchen unsere Tante – von uns und aller Welt »Frau Muhme« genannt – uns in den Abendstunden unterhielt. Sobald es dämmerte, zerrten wir sie mit Gewalt in ihren Stuhl, ringsum auf Stühlchen saßen wir Kinder und horchten auf. Von der Heimat unseres Vaters, von Leipzig, von unseren Groß- und Urgroßeltern ward hundertmal erzählt, und damals schon sehnte ich mich Leipzig zu sehen, dessen Messen ich mir, sonderbar genug, wie eine Treppe mit Papier behangen vorstellte.

Unbeschreibliches Vergnügen genossen wir, wenn wir abends bei Mondschein den Zug der Wolken betrachteten. Ein Fenster hatte die Aussicht auf den Berg und Gehölz. In jeder Wolkenform erblickten wir Menschen- oder Tiergestalten. Das Halbschauerliche erhöhte den Reiz-, und als ich im sechzehnten Jahre zum ersten Male Ossian las und seine düstere Welt mit ihren Geistern, Nebeln und Gebilden vor mir vorüberging, da war ich wieder im Geist an jenem Fenster. So auch, wenn ich das Gedicht las: Jetzt ziehn die Wolken, Lotte, Lotte! usw.«

Oft wurden auch von Besuchenden, wie ehedem fast in jeder Kinderstube, Geister- und Gespenstergeschichten erzählt, an denen wir uns nicht satt hören konnten. Dennoch und ungeachtet mancher Erzählende selbst daran glaubte, ist zu keiner Zeit meinem Bruder und mir ein Gedanke auch nur von Wahrscheinlichkeit des Erzählten beigegangen. Nie glaubten wir an Außernatürliches, schon als fünfjährige Knaben stritten wir gegen Aberglauben. Dies verdankten wir unserer Stiefschwester Jettchen, einem Mädchen von seltenen Geistesgaben. Sie stellte uns in einfachen Worten die lächerliche Seite der Märchen dar. Nichtsdestoweniger hatte das Schauerliche große Macht über uns, und wir waren oft in Angst, wenn wir genötigt wurden, im Finstern den langen Gang auf dem Vordersaal zu durchwandern.

Dreiundeinhalbes Jahr alt erhielt ich den ersten Unterricht. Mein Bruder konnte fast schon lesen, indes brachte ich es bald so weit, mit ihm ziemlich gleichen Schritt zu halten.

Ich wüßte nicht zu sagen, daß wir M. Kretzschmar, unsern ersten Lehrer geliebt hätten, denn er war zum Teil bizarr und teilte reichlich Kopfstücke aus. Es ist kaum glaublich, aber ich beteure es, daß ich im fünften Jahre schon mechanisch las und dabei an etwas ganz anderes dachte: z. B. an die Blumen in unserm Garten, an unsern kleinen Hund usw. Meine eigenen Worte hallten mir wie fremd in meinen Ohren. Daher war ich auch oft im Traum, wenn eine Frage an mich erging. Nun folgte das Kopfstück, aber dann dachte ich wieder über das Kopfstück nach usw. Woran lag es also? Daran unstreitig, daß unser Lehrer die jugendliche Seele nicht für den Gegenstand zu gewinnen wußte. Mein Bruder war eine höchst seltene Ausnahme stillen Ernstes, und wer weiß, wie oft er dennoch, wenn ich auf die Schraube gebracht ward, ebenfalls zerstreut gewesen sein mag? –

Im fünften Jahre fingen wir auch an das Lateinische zu lernen. Jettchen übersetzte schon flink den Cornelius und Phädrus, auch aus dem französischen Neuen Testament. Wir Jungen lernten frischweg nach Langens und Raussendorfs Grammatik, und längst schon machte ich, so nannten wir's, »kleine Exerzitia«, ehe ich klar wußte, was ich trieb. Deutlich erinnere ich mich, daß es mir wie Schuppen von den Augen fiel, als ich, bald sechs Jahre alt, erfuhr, »es sei die Sprache der alten Römer, die wir erlernten«. So war damals der Unterricht fast allgemein beschaffen. 

Dennoch bin ich auch diesem Lehrer in mehrfacher Hinsicht Dank schuldig. Er lehrte uns richtig und gut lesen, und durch öfteres Rezitieren schöner Verse – er dichtete selbst nicht übel – flößte er uns frühzeitig Geschmack an Wohlklang und Harmonie ein. Viel, sehr viel Lieder, Fabeln usw. lernten wir auswendig. Auswendiglernen! ein jetzt veraltetes Wort, stand damals häufig in den Lektionsplänen, und hierdurch ist mein Gedächtnis so stark geworden. Wir wurden geübt, in einer Viertelstunde ganze Seiten zu memorieren, und oft lernte ich später beim Anziehen acht, zehn, auch zwölf Strophen. Kurz, im ganzen genommen nach damaligem Standpunkt der Pädagogik, war bei allen Mängeln nicht übel für uns gesorgt. – Auch das Herz blieb nicht unbedacht. Feddersens Leben Jesu war eine unserer Lieblingslektionen: dem Religionsunterricht lag Feders Lehrbuch zum Grunde, welches noch heute unter die guten gehört. – Unser Gefühl für das Anmutige und Schöne ward noch auf andere Weise erweckt und erzogen. Damals machten die Weißeschen Operetten mit Millers Komposition großes Aufsehen. Kretzschmar spielte fertig das Klavier und noch fertiger Violine. Meine Schwester Jettchen spielte ganz leidlich vom Blatt. So wurden nach und nach fast alle Weißeschen Opern durchgespielt und durchgesungen, in die leichteren Arien stimmten wir Jüngeren nach dem Gehör ein. Mein Vater selbst hörte, bisweilen einstimmend, mit Vergnügen zu.

So verging mancher Herbst- und Winterabend. Traute Szenen der Häuslichkeit, wo seid ihr geblieben in den meisten Familien? Jammerlektüre, Ressource, Spiel tauschte man gegen euch ein!

Was wir von Gedichten lernten, deklamierten wir abends dem Vater, der Muhme, ja im Notfall den Mägden vor: Stellen, die man uns erklärt hatte, erklärten wir dann wieder. Dies alles vereint erregte in mir die ersten Gedanken, mich den Studien zu weihen und anfangs den Wunsch, Prediger zu werden.

Der Gespielen hatten wir mehrere. Es war allgemeine Sitte, daß Kinder zu Kindern Sonntags gebeten wurden oder sich anmelden ließen. Man blieb abends zu Tisch und gewöhnte sich an Artigkeit gegen Erwachsene. Mich, als den Kleinsten unter allen, nahmen gewöhnlich die Hausväter und Mütter an ihre Seite. Überall herzliche Freundlichkeit. Auch diese Sitte ist – wenigstens in dieser Form – fast verschwunden. Den Alten mochten wir bisweilen nicht ganz gelegen erscheinen, aber gewiß selten! Auch mein Vater sah es gern, wenn Kinder, oft sechs bis acht an der Zahl, zu uns kamen. Und damals blühte überall die Handlung. Gern gaben die Alten dem fröhlichen Völkchen ein Abendbrot, sie spielten auch wohl selbst mit. So freuten wir uns Montags sehr auf den nächsten Sonntag. Ist es ein Wunder, wenn ich noch jetzt mit Wonne an jene Tage denke, deren Erinnerung mich anweht wie ein labender Blumenduft!

Bei aller jugendlichen Fröhlichkeit war ich doch oft sehr ernst gestimmt. Von unsrer Mutter, die damals drei Jahre tot war, ward oft gesprochen. Sterbelieder hatten wir in Menge gelernt, und ich dachte sechs Jahre alt gewiß öfter an Tod und Unsterblichkeit als mancher Jüngling, mancher Mann. Was aus dem Tier nach dem Tod werde, daran hatte ich bis zu meinem fünften Jahre nicht gedacht. Da sah ich einen kleinen toten Hund im Stadtgraben und fragte unsern Lehrer. »Mit den Tieren ist's aus«, erwiderte er, welches mich unbeschreiblich traurig machte. Es war ein Sonntagabend, ich erzählte es unserer Pflegerin und weinte bitterlich.

Zu Ostern 1780 kam unser neuer Lehrer. Er besaß gute Kenntnisse und lebte sehr still und eingezogen, da er sich im geheimen zu den Herrnhutern zählte. Wir hingen mit inniger Liebe an ihm, denn er widmete sich uns ganz. Mit keinem Menschen gingen wir lieber spazieren, und alle seine Gespräche waren belehrend, meist religiös. Das Streben, uns seinen Hang zu jener Sekte, die mein Vater haßte, zu verbergen, gab seinen Worten etwas Geheimnisvolles. Unsre Sitten gewannen viel durch ihn. So entwöhnte er uns, leichtsinnig Gott oder Jesum zu nennen, und bei seinem Abgang nach zwei Jahren waren wir hierin so fest begründet, daß wohl Monate vergingen, ehe uns jener Mißbrauch einmal entschlüpfte. Geschah es dennoch, so büßten wir es im stillen durch bittere Reue ab. Das fröhlichste Spiel verließen wir und beteten recht herzlich. – Freilich neigten wir uns endlich selbst zur Frömmelei hin; denn alle Weltlust ward verdammt, oder man sah schädliche Zerstreuung. Sogenannte Lesebücher, die an Romane auch nur angrenzten, taugten nichts. Selbst Gellert wurden seine Schauspiele als Jugendsünde angerechnet. Spiel – Bälle – weltliche Konzerte – Werkstätten des Teufels! Nur Oratorien passierten. Komödien waren nun vollends die Sünde wider den Heiligen Geist. Mein Bruder, ohnehin zur Schwermut geneigt, ward weit stärker von diesen Meinungen ergriffen, er weinte oft im stillen um seine Sünden, wie er sagte. Ich beneidete ihn deshalb, hielt mich für einen Unwürdigen, ihn für ein Kind Gottes; aber mit allen Anstrengungen wollte es mir nicht gelingen, »so korrekt zu sein!« – Stets freute ich mich schon wehmütiger Rührungen, die mein weiches Herz oft ergriffen.

Dennoch, dennoch bleibt dir mein Dank geweiht, du guter, redlicher Lehrer! Du warst der treueste Hirte deiner kleinen Herde! Er lebt noch, den Achtzigen nahe. Seit dreißig Jahren sah ich ihn nur einmal, er schrieb mir aber im vorigen Jahr, als mein Bruder entschlafen war, voll Treue und Frömmigkeit. Ein Traum – auf Träume hielt er viel – hatte ihn am Sterbetag meines Bruders, »seines Ernsts«, in unser Haus geführt. Rührend ist es zu lesen, wie er mir versichert, seine Überzeugungen seien dieselben noch wie vor vierzig Jahren. –

Noch erinnere ich mich einer seligen Stunde. Er ging mit uns um die Stadt spazieren, und der Abendstern blinkte freundlich. »Was mögen die Leute dort oben wohl machen?« sagte der Lehrer. Das war uns neu! Wir staunten freudig bewegt, als er uns sagte: es sei möglich, wahrscheinlich sogar, daß Gottes Güte auch andere Sterne lebenden, denkenden, ihn anbetenden Geschöpfen zum Wohnplatz angewiesen habe. Erfreut, erhoben, getröstet kehrten wir zurück. Es war das Gegenstück zu jener Traurigkeit, die mich befiel, als ich hörte, mit den Tieren sei's aus! 

Am Weihnachtsabend 1780 starb unsere geliebte Schwester Jettchen im vierzehnten Jahre. Neun Tage vorher spielten wir fröhlich, als sie plötzlich über Leibschmerzen klagte. Der Arzt nahm es leicht, und wahrscheinlich ward die wahre Ursache verkannt. Nach sieben Tagen verfiel sie sichtlich und ward totenbleich und matt. Sie verließ zum letztenmal ihr Lager, um uns unsere Schreibbücher zuzureichen. Dennoch schien man ihren Tod nicht zu ahnen. Ach! er erfolgte am Weihnachtsabend früh um vier Uhr. Man weckte uns, sie noch einmal zu sehen. Laut weinend stürzten wir auf sie zu. Sie kannte uns nicht. »Gute Nacht! Jettchen!« riefen wir, und mein Vater betete weinend. Unser Lehrer stand neben der Sterbenden und betete: »Nun nimm mein Herz und alles, was ich bin, von mir zu dir, du liebster Jesu hin!« (Aus dem Kottbuser Gesangbuch.)

Sie verschied unter diesem Flehen und lag da in himmlischer Heiterkeit. Meine kleine dreiundeinhalbjährige Schwester Riekchen kam hinzu und sagte zur Leichenfrau: »Wenn ich sterbe, so lege sie mich auch in solch ein weißes Tuch wie meine Jettel.« Und siebzehn Jahre nachher tat es dieselbe Frau! –

Abends sollten wir nun die Weihnachtswünsche sagen. Jettchens Wunsch übergab mein Bruder, wie sie ihn – sehr schön – geschrieben. »Euer Vordermann fehlt«, sagte weinend mein Vater. Am dritten Feiertag ward sie begraben. Sie lag im weißen Gewand mit blaßroten Schleifen, einen Kranz im braunen Haar, ein kleines Kruzifix in der Hand. »Schlaf wohl«, rief unsere alte Pflegerin, »bis dein Heiland dich weckt!« Wir konnten nicht sprechen, wir schluchzten nur. Oft erschien mir mein heißgeliebtes Jettchen im Traum, immer geschmückt, still und ernst. Einst bot sie mir einen Kranz. Dies nahm man als Zeichen, daß ich sterben würde, als ich bald nachher ernsthaft krank ward. Aber seit meinen Kinderjahren ist mir's nur einmal so gut geworden, von ihr zu träumen! Sie liebte mich zärtlich! Vorzugsweise sogar!

Unsern Schmerz milderte die Zerstreuung, die uns ein neuer Bau meines Vaters gewährte. Ein neues Gartenhaus, Erweiterung und gänzliche Umgestaltung des Gartens, hatte mein Vater schon längst gewünscht. In weniger als zwei Jahren war alles vollendet, und nun wurden die meisten Sommerabende dort zugebracht. Der Garten war früher schon unser Tummelplatz, und nun ward er vergrößert. Welche Lust, als wir beim Heben des neuen Gebäudes zum erstenmal im Freien das Abendbrot aßen! Und wenn wir vollends bis zehn Uhr draußen blieben und unter dem Sternenhimmel umherzogen, oder mein Vater kleine Feuerwerke abbrannte! –

Im Mai 1782 verließ uns unser guter Lehrer, der das Rektorat in Seidenberg erhalten hatte. Unser Schmerz war groß, sehr groß! Er segnete uns: »Haltet ernst an der Lehre, die ich euch gegeben habe! Fürchtet Gott, und es wird euch wohl gehen!« Dies waren seine letzten Worte. Ich warf mich aufs Bett und weinte ins Kissen.

Mein Vater war ein streng rechtlicher Ehrenmann. Aus bitterer Armut hatte er sich durch eigene Anstrengung zum Wohlstand erhoben. Rastlos tätig dachte er nur darauf, seine Handlung zu behaupten, zu erweitern, vielen hundert Fabrikanten Erwerb zu verschaffen und uns, seinen Kindern, ein unabhängiges Leben zu sichern. Er arbeitete täglich zehn, oft wohl auch elf Stunden, nur seine Baue zogen ihn bisweilen auf einzelne Stunden ab, sonst nichts in der Welt. Er war zum Kaufmann geboren, aber in einem bessern Sinn: kleinliche Nebenvorteile verschmähte er, und ich glaube, es wäre ihm unmöglich gewesen, Detailhändler zu sein. Nie benutzte er die häufige Gelegenheit, durch Konkursvermittlung reicher zu werden; er wandelte stets auf gerader Bahn und konnte zürnen, wenn seine Diener auf den Messen in seiner Abwesenheit die Käufer überteuerten. – Einfach, wie die Grundsätze seines Lebens, war sein Äußeres. Die Mobilien blieben fast unverändert: das ererbte Silberzeug behielt seine Form: nur auf feines Tuch hielt er und auf guten Rheinwein. Frugal war sein Tisch; die hohen Festtage abgerechnet, stets nur ein Gericht; abends oft nur Kartoffeln oder Rettich. Wein nur Sonntags, außer im Sommer abends in dem Garten. Traktamente etwa jährlich eins, dann ließ sich aber Vater Haupt nicht schimpfen. Champagner konnte er nicht leiden, dieser kam sehr selten. Dagegen alter Rheinwein, Ungar und Bischof von Burgunder. Sonntägliche Spaziergänge ins Feld, dann und wann eine Spazierfahrt unterbrachen die sich immer gleiche Lebensweise. Übrigens war er gastfrei; sehr oft kamen auswärtige Handelsfreunde, und die Lieblingsfaktoren nahm er von der Schreibstube nicht selten zum Mittagsmahl mit. Er sah es gern, wenn Bekannte ihn abends in dem Garten besuchten. Er politisierte gern und hatte oft einen richtigen Blick in die Zukunft. So ernst er war, konnte er doch sehr leicht sein und scherzte oft mit uns. Er war freigebig in hohem Grade, gab auch den Armen viel und unterstützte gern tätige Leute. Bisweilen überraschte ihn eine große Abneigung gegen den Gelehrtenstand, daher er nicht selten gegen das Stammbuchtragen der Schüler eiferte; dennoch gab er nie unter 1 Tlr. 8 Ngr., oft das Doppelte, ja Drei- und Vierfache. Alles Großtun war ihm fremd, verhaßt jede Prahlerei mit Reichtum. Hörte er, daß seine Zunftgenossen eine solche Ostentation zeigten, so lächelte er höchstens satirisch; und nur selten, wenn es die Prahler allzu toll machten, konnte er sagen: »Es ist noch nicht aller Tage Abend«, oder: »Was der Mann nicht alles hat!« allenfalls höchstens: »Nun, so ganz klein bin ich doch auch nicht!« – Er war streng religiös, doch ohne Aberglauben, gegen den er, sowie gegen Pfaffentum, Priesterstolz und Gleisnerei laut eifern konnte. Er dachte über die wichtigsten Dinge heller, als er selbst wußte, ja er erschrak gleichsam, wenn er sich selbst auf zu freien Ansichten, wie er meinte, ertappte. Rührend war mir's, als er einst in Leipzig während meiner Studienzeit über das Beichtwesen sich freimütig äußerte und einlenkend mit großer Bescheidenheit sagte: »Doch, ich rede wohl zuviel, Fritz? Ich weiß, daß ich kein tiefdenkender Mann bin.« Er hatte als Jüngling selbst in Wolffs philosophischen Schriften gelesen, aber ihre Trockenheit nicht überwinden können. In seinen Urteilen über Menschen traf er, wie man sagt, den Nagel auf den Kopf; doch war er, wie alle rechtlichen Seelen, oft kaustisch, oft scharf und bitter. Hatte er einmal gesagt: »Der Kerl taugt nichts!« so blieb es auch hierbei.

Bei seinen übergroßen Geschäften, wobei ihm kein Intelligenter, sondern nur Maschinenmenschen assistierten, sahen wir ihn freilich wenig. Er mußte uns dem Hauslehrer und dem weiblichen Personal anvertrauen. Daher kam es auch, daß wir mehr Ehrfurcht für ihn empfanden als trauliche Zärtlichkeit. Doch liebten wir ihn von Grund der Seele, und seine Grundsätze, seine Lehren, sein einfaches Leben wirkten wohltätig auf uns.

Unsere Tante hatte zwar ihre guten Stunden, doch gelang es ihr nie, sich unsere volle Liebe zu erwerben. Die Zänkerei mit den Mägden widerte uns um so mehr an, je mehr die abwechselnde Vertraulichkeit dagegen abstach; sie war Meisterin darin, die verdrießlichen Augenblicke des Vaters zu ihren Zwecken zu benutzen. Aber alles dieses wandte ihr unser Herz doch nicht ab, da sie uns eigentlich kein Leid antat, oft sogar sich unser gegen Mißhandlung des neuen Lehrers annahm. – Es lag nur daran, daß sie nicht geeignet war, kindliche Herzen zu fesseln. Hierzu kam ihr Haß gegen unsere Pflegerin, an der wir mit voller Seele hingen, da sie uns vier mutterlosen Waisen ohne irgendeinen Beistand auferzog. Aus einem bessern Stand – ihr Mann hatte große Rittergüter bei Wernigerode in Pacht gehabt – war diese durch Krieg, Plünderung und eine Kette von Unfällen verarmt, ihr Mann war gestorben und ihre Kinder waren teils in die Welt gegangen, teils bei Verwandten untergebracht. Sie war ein vorzüglicher Weiberkopf, hatte klaren Verstand, unendliche Gutmütigkeit, Heiterkeit und treffenden Witz. Wenn es wahr sein sollte, daß auch ich bisweilen launige Einfalle habe, so gebührt ihr an der Ausbildung der Anlage bestimmter Anteil. Wohl erinnere ich mich, daß ich halbe Stunden lang mit ihr bonmotisierte, ganze Allegorien wurden durchgeführt. »Mit dir kann man doch spaßen«, mit dieser Zensur war ich oft belohnt. Dabei war sie anstellig zu tausenderlei Dingen und wußte stets Rat. Sie war den Stillen im Land ebenfalls nicht abgeneigt, welches durch ihre großen Leiden, deren Kelch sie in vollem Maß leeren mußte, erklärbar ward. Aber ihr Herz war rein und fromm, und sie erhielt in uns noch den Eindruck von unseres früheren Lehrers Ermahnungen, als sein Nachfolger durch Lehre und Wandel sie fast ausgerottet hätte. Mehrere ihrer Verwandten, auch ein Schwiegersohn, waren Wundärzte gewesen, und sie hatte als Mädchen schon hierin Beistand geleistet. Daher besaß sie mehr als gewöhnliche Kenntnisse, und ein Chirurg erstaunte, als sie meines Bruders Fuß, den er sich ausgefallen, geschickt wieder einrichtete. Die Osteologie verstand sie vollständig. Freilich mochte sie sich bisweilen zuviel zutrauen; indes heilten doch ihre Mittel sehr bald, und als die Chirurgen vier Monate an einer Quetschung, die meines Bruders Fuß bei jenem Unfall erlitten, vergeblich kurierten und vom Knochenfraß sprachen, schüttelte sie den Kopf. Jene wurden fortgeschickt, und in vier Wochen war der Fuß geheilt.

Das Publikum traute ihr sogar Schwarzkünstelei zu; aber wir wußten, woran wir waren. »Ich hab' es meiner Frau geschworen (unserer Mutter), für euch mein Leben zu lassen, wenn ich euch nützen kann, und ich werde halten, was ich an ihrem Sterbebett gelobte!« Friede sei mit ihrer Asche! Ihr Wunsch, unfern ihrer Frau zu ruhen, ist erfüllt worden! »Kinder! wenn ich sterbe, nur eine Bitte! Legt mich in die Nähe eurer Mutter; ach, wenn ich unter die Dachtraufe der Gruft komme, bin ich zufrieden!«

So sah es aus in unserm Hause, als der neue Lehrer auftrat – in allem des früheren Gegenbild. Dieser einfach, schlicht und recht, das Böse meidend, jener ein leichter, lustiger Zierbengel, der – damals ein Wichtiges – mit der Lorgnette spielte und steife Glanzstiefeln trug, selbst wenn er predigte. Im Wissen unter dem früheren, im Glauben selbst nicht wissend, was er wollte. Jener wog die Worte, dieser suchte sogar je und je ein wenig, und bald folgten seine Eleven ihm nach. Er tanzte, ritt, spielte in der Karte usw. Summa ein ganz gewöhnlicher Magister! Aufbrausend, hart, tyrannisch bei unsern Fehlern, oder vielmehr – denn in der Sittlichkeit arbeitete er nicht sonderlich – tyrannisch bei kleinen Versehen in der Schule. Und wir lernten alle sehr gut, wußten mehr als alle unsere Gespielen, des bin ich gewiß!

Viel fehlte nicht, daß er mir – den er vorzüglich hart behandelte, weil er meinen feurigen Sinn nicht verstand – die Wissenschaft verleidet hätte; indes aus jener Härte sog meine Natur Honig. Ich hatte oft Unrecht erlitten, hieraus schied sich das Gefühl für Recht in meiner Seele. »Besser Unrecht leiden als Unrecht tun!« dies rief mir unsere Pflegerin oft zu. Und hieraus erblühte mein Eifer gegen Bedrückung, Gewalttaten und Unrecht aller Art. Früh schon empörte es alle Tiefen meiner Seele, wenn ich Schuldlose mißhandeln, Leidende noch tiefer kränken sah von gefühllosem Übermut! Selbst der Schuldige war mir und meinem Bruder heilig, wenn er bereute. Also war es heilsam, unverschuldet Härte zu erfahren! Und dennoch – so versöhnlich ist die reine Seele des Kindes – haßten wir den Mann nur auf Augenblicke. Ein freundliches Wort von ihm, ein Lob und alles war vergessen! –

Da mein Vater das stille Wesen nicht ganz billigte, so galt der neue Lehrer anfangs mehr bei ihm. Aber bald lernte er seinen Mann kennen, und Gott mag wissen, wie mein Vater selbst sich von diesem wertlosen Menschen fünf Jahre lang mißhandeln lassen konnte; denn er schrieb ihm grobe Briefe, wenn etwa der Vater sich beigehen ließ, etwas zu tadeln! Zu klagen wagten wir nicht, und der Vater stand doch nicht in eigentlich traulichem Verhältnis mit uns. Wir litten also im stillen und oft nicht wenig! Oft hab' ich, im eigentlichsten Sinne, mein Brot mit Tränen im bittersten Genuß gegessen!

Nachholen muß ich, daß mein erster Entschluß Prediger zu werden, durch diesen Lehrer ausgerottet ward. »Jura! Jura!« rief er oft. Was das heiße, schwebte mir nur dunkel vor. Endlich auf einmal kam mir der Gedanke, als ich hörte, daß es auch juristische Professoren gebe. Nun blieb es dabei; mich zog also doch nur das Lehramt oder der Wunsch öffentlich zu sprechen an. Gibt es einen Beruf, so hätte ich also diesen gehabt! – Gehabt!

So flossen die Jahre 1782–1786 hin. Im Anfang des Jahres 1787 ward mein Bruder, noch nicht vierzehn Jahre alt, nach Chemnitz auf ein Kontor gebracht. Unaussprechlich schmerzlich war die Trennung. Wir liebten uns als Brüder, und sooft wir auch kleine Fehden hatten, woran ich mehr die Schuld trug als er, so ging doch nie die Sonne vor der Versöhnung unter. Nun folgt aber ein Hauptabschnitt meines Knabenalters.

Wohl ist es schön, das Bild eines vollendeten Hauslehrers! Mehr als Vater und Mutter leisten können, bewirkt ein edler, frommer, einfach lebender Lehrer voll Einsicht und sittlicher Kraft; nur daß unter Hunderten kaum einer ein solches Ideal darstellt.

Eine Last sank von meiner Brust, als ich mich frei fühlte von dieses Lehrers Zuchtzwang! Ein nie empfundenes Gefühl klopfte in mir! Ich ward halb schon zum Jüngling! War es Drang nach aussichtslosem Herumtreiben? Zerstreuungssucht? oder jugendliche Überklugheit, die des Führers nicht zu bedürfen wähnt? Wahrlich, von allem diesem kam kein Gedanke in meine Seele! Es war das reine Bewußtsein erlittenen Unrechts, es war das treue Selbstgefühl, daß ich so schlecht nicht sei, als er in toller Laune mir oft vorgesagt hatte, es war die frohe Aussicht, selbsttätig anstreben zu können, es war die Begierde, zu zeigen, daß ich eines beengenden Gängelbandes nicht bedürfe. Noch erinnere ich mich des Abends vom 5. April 1787 – am Grünen Donnerstag – wie so schön die Sonne unterging und ich mit einem Gespielen aus freier Brust von dem neuen Leben sprach, das mir aufging. Mein Vater übergab mich dem Unterricht des Konrektors Müller und seines alten Hausfreundes, des Subrektors Jary, und er tat wohl daran.

Dem Konrektor Müller danke ich das meiste! – Aus tyrannischem Zwang trat ich in seine liberale Geistespflege. Seine Freundlichkeit, sein offenes, edles Auge, aus dem reine Herzensgüte sprach, zog mich beim ersten Gespräch an. Er verstand es, den Sinn für das Wissenschaftliche zu erhöhen. Gründlich war sein Wissen. Der römischen Sprache war er mächtig, in dem Griechischen nicht unerfahren, deutsche Kriegsgeschichte, Staatengeschichte – und vor allem Literaturgeschichte waren nebst der Geographie seine Lieblingsstudien. Er hatte wohl nicht einen Feind.

Jary war nicht zum Schulmann geboren – aber nicht ohne Kenntnisse. Er hatte durch Fleiß errungen, was er besaß. Seine Methode war fehlerhaft, aber er meinte es treu mit seinen Schülern und sorgte für sie. Seine religiöse Ansicht war streng orthodox; ich weinte, als er sich über Sokrates und Ciceros Seligkeit zweifelhaft ausließ! – Dennoch bin ich auch ihm Dank schuldig; er behandelte mich mit ernster Güte, und als er mich 1791 entließ, sagte der alte Mann weinend, im Vorgefühl, daß seine Laufbahn bald vollendet sei: »Leben Sie wohl! Ich werde Sie nicht wiedersehen, leben Sie wohl, Sie der einzige fast, der mich nicht gekränkt hat!«

Im August 1788 nahm ich zum erstenmal an der Abendmahlsfeier Anteil. Ernst blickte ich in die Höhe und sagte mir wiederholt Kretzschmars Ode: »Laßt uns des Tempels heiliges Gewölbe jubelnd mit Hymnen unseres Dankes erfüllen! Unsichtbar schwebt hier Gottes Wohlgefallen, aber uns fühlbar!« Freudig, den Himmel im Herzen, trat ich zum Altar! – Dennoch, als ich nachmittags auf einem einsamen Spaziergang mich prüfte, war ich unzufrieden mit mir. Was man mir vom Verdienst Christi vordoziert hatte, blieb mir undeutlich, das Grübeln hierüber schwächte also den Eindruck jenes Tages. Ich plagte mich mit dem Begriff des Versöhnungstodes, und kein Lichtstrahl fiel in meine Seele. Dabei liebte ich die alten Heiden Cicero, Plinius, Sokrates usw. mehr wie manchen Christen zusamt den Aposteln, mehr als alle Juden des Alten Testaments, da mir das Volk Gottes nie sonderlich gefiel. Und doch sollte es zweifelhaft sein, ob Gott den Sokrates zum Erben des Lichtes annehme? Was in aller Welt, dachte ich, konnte mein armer Cicero dafür, daß er nicht später, nicht in Judäa lebte?

So mühete ich mich ab – und war mehr traurig als heiter.

Zur Michaelismesse 1788 nahm mich mein Vater mit nach Leipzig, wohin auch mein Bruder kommen sollte. Freuden des Wiedersehens! Kein Ausdruck vermag sie zu schildern! Meines Bruders Prinzipal gestattete ihm alle Nachmittage, auch manchen Vormittag. Wir konnten uns daher satt sprechen. Bald nahm ich wahr, daß mein Bruder viele freigedachte Schriften über Religion gelesen hatte, vornehmlich auch manches von Bahrdt. Sein eignes Forschen führte ihn noch weiter. Mir machte dies Kummer, denn Jarys strenge Orthodoxie hielt mich gefangen. Doch war ich der Glücklichere. Denn bald nachher gelangte ich auf wissenschaftlichem Weg zu hellerem Denken, mein Bruder, sich selbst überlassen, schwankte hin und her, welches noch in seinem reifen Alter wahrzunehmen war. Die Frage: warum die Vernunft die Vernunft sei? die unlösbare, hat meinem armen Bruder unsägliche Leiden bereitet. – Freilich half mir mein leichterer Sinn, meine Phantasie, die mich zu den Dichtern hinzog, auch überhaupt mein Gemüt über die dornenvollen Stellen der Grübelei hinweg. Bei meinem Bruder war der Verstand überwiegend.

Drei selige Wochen verschwanden uns. Mir selbst ward ein Vorgenuß der Akademie zuteil, da studierende Zittauer sich bemühten mir den Aufenthalt angenehm zu machen. Das Theater ward fleißig besucht; wir liebten Schauspiele leidenschaftlich und hatten, wenn Schauspieler in Zittau waren, unter Leitung des letzten Lehrers einen gewissen kritischen Blick üben gelernt. »Don Carlos« ward gegeben – »Agnes Bernauer« – »Kaspar der Thorringer«; tief blieben die Eindrücke in mir zurück, und ich gestand mir nur leise, daß ich mich als Schauspieler gar nicht übel befinden würde. Auch hier übte das öffentliche Sprechen seinen Zauberreiz an mir aus. Wohl hundertmal haben wir in jenen Jahren Komödie gespielt, oft aus dem Stegreif. Sonderbar, daß mich die alten Rollen, wie wir sie nannten, vornehmlich ansprachen. Nur mit komischen mochte ich nichts zu schaffen haben, die sich, sonderbar genug, mein Bruder nicht selten wählte, obwohl er zu ernsten Rollen mehr Anlage hatte und ihm, nach meinem Urteil, die komischen sogar oft mißlangen. Ein Freund spielte Soldatenrollen, an denen ich einen Greuel hatte.

Heil dem öffentlichen Unterricht! Auch er hat bisweilen Mängel, und leider sind oft Schulen Werkstätten der Verführung! Aber wie wahr ist das Wort Quintilians, daß die Kinder die Fehler in die Schule aus dem Hause hineintragen! Groß ist wenigstens der Vorzug, daß öffentliche Anstalten unter Aufsicht stehen und daß Geistesfreiheit in ihnen mehr gedeiht als bei Privatbildung, des durch Wetteifer geweckten und genährten Aufstrebens eigener Kraft nicht zu gedenken.

Die Wonnestunde schlug. Montags nach Okuli 1789 ward ich nach wohlüberstandener Prüfung durch den Direktor Sintenis eingeführt. Ich wurde sogleich Oberprimaner – Superior – an der dritten Tafel. Das erregte gewaltigen Neid und bereitete mir viel bittere Stunden. Ich, der ohne Falsch und Arges mit jedem es wohlmeinte, verstand nicht, was viele Primaner wollten. Endlich siegte mein gutes Benehmen, ich blieb mir immer gleich und verschmerzte viel. Überhaupt, lange währte es, ehe ich fassen konnte, was Neid sei, da kein Anflug davon in meine Seele kam. Mein klügerer Bruder, dem ich mein Leid klagte, schrieb mir: »Lies Gustav Lindau, oder der Mann, der keinen Neid vertragen will, von Meißner.« Er hatte recht, und dennoch war ich fünfunddreißig Jahre alt, ehe mir das wahre Licht aufging.

Als jene Neidperiode überwunden war – und Müller sagte: »Sie sitzen, wo Sie hingehören, aber behaupten Sie auch Ihren Platz« –, öffnete sich eine Reihe glücklicher Tage. –

Ostern rückte heran, ich prüfte mich und fand, daß ich fleißig gewesen war. Besonders bei Müller hatte ich in dem letzten Jahr viel getan. Nur im Griechischen war ich, wie fast alle, zurückgeblieben, indes konnt' ich mir doch forthelfen. In der Reichs- und sächsischen Geschichte war ich fest, in der Literaturkenntnis für einen noch nicht Siebzehnjährigen stark; dagegen in Naturwissenschaften schwach, Physik ward nicht gelesen seit Jahren. In der außereuropäischen Geographie hatte ich Lücken. Am meisten wußte ich Lateinisch. Bogenlange Extemporalien schrieben die Fertigeren von uns fehlerlos nach, in zwei, drei Minuten ward hier und da an der Zierlichkeit gebessert, dann ward sofort vorgelesen. Diesen Übungen verdankte ich die Fertigkeit im Lateinsprechen, die ich mir auf der Akademie sogleich aneignen mußte.

Die Zeit meines Abganges auf die Akademie war gekommen.

Bei aller Fröhlichkeit hatte ich doch auch viel ernste, fast melancholische Stunden. Schon die Trennung von meinen Geschwistern, die ich alle mit inniger Liebe umfaßte, stimmte mich oft traurig. Besonders liebte ich die jüngste Schwester Friederike, so wie sie an mir hing. Zumal im letzten Winter waren wir unzertrennlich, es war, als ahnte ihr, daß wir frühzeitig getrennt werden würden für immer!

Mein Herz war rein, unangetastet von Lockungen, denen, wie ich wohl wußte, mehrere Mitschüler sich hingaben. Schon damals beschloß ich auf gleiche Weise auszudauern, dies darf ich jetzt nach dreißig Jahren wohl sagen. Mein Hauptfehler war Jähzorn bis zur Schlagfertigkeit. Und aufbrausende Hitze ist ja noch die Kehrseite an mir! – Dabei war ich schon damals bitter in der Rüge fremder Fehler! Alles dieses und noch mehr sagte mir treue Selbstprüfung. Versöhnlich war ich immer, und mich zu rächen wäre mir unmöglich gewesen.

Mein Herz glühte für Freundschaft, Undank schien mir, wie noch heute, ein schwarzes Laster. – Um endlich auch ein Wort von Jünglingsgefühlen zu sagen – für Mädchenanmut war ich sehr empfänglich, aber nie überschritt ein verräterisches Wort meine Lippen. Die Liebeleien der Schüler waren mir widerlich, wohl aber konnte ich mich im stillen dem Wunsch überlassen, daß weibliche Herzen mir hold sein möchten. Blaß und hager wie ich war, zweifelte ich zwar oft ernstlich an der Möglichkeit.

Die stille Schwermut, die aus dem Auge L. v. D's. blickte, zog mich früher schon an; am liebsten sprach ich mit ihr, führte von den Gespielen meiner Schwester nur sie, wenn wir im Garten herumgingen. Aber sie verließ Zittau bald, und nie ist ein Wort meinen Lippen entflohen – und wie sollt' es auch? Im Jahre 1788 sah ich sie noch einmal, seitdem nie wieder.

Die ernsten Schulbeschäftigungen verdrängten jeden ähnlichen Gedanken, obwohl man mich so gut als andere vexierte, wenn ich mit einem Mädchen mehr als mit andern auf den Schulbällen getanzt hatte. Manchmal gab es freilich Augenblicke, wo ich aus Großtuerei mich stellte, als läge mir etwas an der Sache, wo doch ganz gewiß nichts war.

Aber bald vor meinem Abgang – auf einem Schulball – kam ich mit Lorchen L., die mir mein Stern zur Begleiterin meines Lebens bestimmte, zum erstenmal ins Gespräch. Schon damals gefiel sie mir so wohl! Mit keinem Mädchen tanzte ich lieber und öfter. Es ward mir unheimlich, daß ich in einigen Monaten fort sollte! Auch der Klasse blieb der Eindruck nicht verborgen; man neckte mich. Ich sah finster vor mich hin. Selbst während mehr als sechsjähriger Abwesenheit trat ihr Bild oft vor meine Seele. Gibt es innere Stimmen – so sprach hier eine!

Der Tag brach an, wo ich von Zittau Abschied nehmen sollte. Meine Geschwister sollten mich bis Leipzig begleiten. Mit Tränen schied ich von Müller, gerührt von allen Lehrern. Abends ging ich noch einsam ins Freie, der Abendhimmel glänzte, der Widerschein fiel auf die Gruft meiner Mutter. Tränen entstürzten mir: »Ja, Mutter! ich gelobe dir, gut zu sein!« – Schnellen Schrittes ging ich nach Hause. »Nun werden wir«, sagte mein Bruder»nicht mehr« – miteinander wandern, wollte er sagen, aber Tränen erstickten seine Stimme.

Wir schliefen wenig, sprachen fast die Nacht hindurch – und früh um vier Uhr rollten unsere Reisewagen aus Zittau.

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