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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 51
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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Nicht weniger merkwürdig war das Verhältnis, in welchem König Friedrich Wilhelm I. zu seinen Offizieren stand. Er haßte und fürchtete von Herzen die schlaue Klugheit der Diplomaten und der höheren Beamten: dem einfachen, derben, geraden Wesen seiner Offiziere – das zuweilen eine Maske war – vertraute er leicht seine geheimsten Gedanken. Es war seine Lieblingsstimmung sich als ihren Kameraden zu betrachten. Wer die Schärpe trug, den hielt er in vielen Stunden für seinesgleichen. Alle Oberoffiziere bis zum Major herab, die er längere Zeit nicht gesehen hatte, pflegte er bei der Begrüßung zu küssen. Einst schimpfte er den Major von Jürgaß mit dem Schmähwort, womit der Offizier damals einen studierten Mann bezeichnete; der trunkene Major erwiderte: »Das sagt ein Hundsfott«, stand auf und verließ die Gesellschaft. Da erklärte der König, er könne das nicht auf sich sitzen lassen und sei bereit, für die Beleidigung mit Schwert oder Pistolen Revanche zu nehmen. Als die Anwesenden protestierten, fragte der König zornig, wie er denn sonst Genugtuung für seine beleidigte Ehre erhalten könne. Man fand das Auskunftsmittel, daß sich Oberstleutnant von Einsiedel, der des Königs Stelle beim Bataillon zu vertreten hatte, statt seiner duellieren müsse. Das Duell ging vor sich, Einsiedel wurde am Arm verwundet, der König füllte ihm dafür einen Tornister mit Talern und befahl ihm, die Last nach Hause zu tragen. – Und der König vergaß sein Leben nicht, daß er als Kronprinz im Dienst nur bis zum Obersten avanciert worden, und daß ein Feldmarschall eigentlich mehr war als er selbst. Deshalb bedauerte er in dem Tabakskollegium, daß er nicht bei König Wilhelm von England hatte bleiben können: »er hätte gewiß einen großen Mann aus mir gemacht; selbst zum Statthalter von Holland hätte er mich machen können.« Und als ihm entgegengehalten wurde, daß er ja selbst ein großer König sei, erwiderte er: »Ihr redet, wie ihr es versteht; er hätte mich das Handwerk gelehrt, die Armeen von ganz Europa zu kommandieren. Wißt ihr etwas Größeres?« So sehr fühlte der wunderliche Herr, daß er kein Feldherr geworden war. Und als er sterbend in seinem Holzstuhl saß, alle Erdensorgen hinter sich geworfen hatte und neugierig an sich selbst den Prozeß des Sterbens beobachtete, da ließ er noch das Totenpferd aus dem Stall holen, wie es nach altem Brauch von der Hinterlassenschaft eines Obersten dem kommandierenden General übersandt wurde; er befahl, das Roß von seinetwegen zu Leopold von Dessau zu führen und die Stallknechte zu prügeln, weil sie nicht die rechte Schabracke darauf gelegt hattenNicht die schlechte Zusammenstellung der Farben: blauer Samtsattel und gelbe Schabracke, ärgerte den sterbenden König, das waren die Farben seines Leibregiments, er wollte wahrscheinlich die Regimentsfarben des Dessauers darauf sehen: blau, rot und weiß..

Ein solcher Fürst zog fast den gesamten Adel seines Landes nach seinem Bild und in sein Heer. Roh und unwissend wie er selbst war der größte Teil seiner Offiziere. Schon unter dem Großen Kurfürsten war in dem Heer eine souveräne Verachtung gegen alle Bildung nur zu häufig gewesen, schon damals war bei dem früh verstorbenen Kurprinzen Karl Emil, dem ältern Bruder des ersten Königs von Preußen, durch die Offiziere seiner Umgebung ein solcher Widerwille gegen alles Lernen großgezogen worden, daß der Prinz behauptete: wer studiere und Lateinisch lerne, sei ein Bärenhäuter. Im Tabakskollegium des Königs Friedrich Wilhelm waren im Anfang noch ärgere Bezeichnungen dieser Menschenklasse gewöhnlich; beim König selbst wurde das allerdings in den letzten Jahren seines Lebens anders, aber der Mehrzahl der preußischen Offiziere blieb der rauhe Ton, die Gleichgültigkeit gegen alles Wissen, das nicht zum Handwerk gehörte, trotz der Bemühungen Friedrichs des Großen, bis in das 19. Jahrhundert. Noch um 1790 bezeichnete das Volk durch das Wort: Friedrich-Wilhelm-Offizier einen großen hageren Mann in kurzem blauen Rock mit langem Degen und zugeschnürtem Hals, der all seine Handlungen steif und ernst wie im Dienst verrichtete und wenig gelernt hatte. Und aus derselben Zeit klagt Lafontaine, Feldprediger im Regiment von Thadden zu Halle, wie gering die Bildung der Offiziere sei. Nach einer geschichtlichen Vorlesung, die er ihnen gehalten, nahm ihn ein wackerer Kapitän beiseite: »Sie erzählen Dinge, die vor vielen tausend Jahren geschehen sind, Gott weiß wo. Machen Sie uns auch nicht etwas weis? Woher wissen Sie das?« Und als der Feldprediger ihm eine Erklärung gab, versetzte der Offizier: »Kurios, ich habe gedacht, es sei immer so gewesen wie im Preußischen.« Derselbe Kapitän konnte nichts Geschriebenes lesen, aber war sonst ein braver zuverlässiger Mann.

Aber König Friedrich Wilhelm I. wollte doch nicht, daß seine Offiziere ganz unbehilflich bleiben sollten. Er ließ die Söhne armer Edelleute auf seine Kosten in der großen Kadettenanstalt zu Berlin unterrichten und unter Aufsicht tüchtiger Offiziere an den Dienst gewöhnen; die gewandteren brauchte er als Pagen zu kleinen Dienstleistungen, zu Wachen im Schloß. Es fiel auf, daß in Preußen kein armer Edelmann um das Fortkommen seiner Söhne sorgen durfte, der König tat es für ihn; der Adel Preußens, sagte man, sei die Pflanzschule für den Sponton. Schon der Knabe von vierzehn Jahren trug ganz denselben Rock von blauem Tuch wie der König und seine Prinzen. Denn Epauletten und Unterschiede in der Stickerei gab es damals noch nicht, nur die Regimenter wurden durch Abzeichen unterschieden. Jeder Prinz des preußischen Hauses mußte dienen und Offizier werden wie der Sohn des armen Edelmannes. Daß in der Schlacht bei Mollwitz zehn Prinzen des preußischen Königshauses beim Heer gewesen waren, wurde von den Zeitgenossen wohl bemerkt. Das war noch nirgend und zu keiner Zeit dagewesen, daß die Könige sich als Offiziere und den Offizier als einen Fürsten und als ihresgleichen betrachteten.

Durch diese kameradschaftliche Zucht wurde ein Offizierstand geschaffen, wie ihn bis dahin kein Volk gehabt hatte. Es ist wahr, alle Fehler eines bevorzugten Standes wurden sehr auffallend an ihm sichtbar. Außer seiner Roheit, Trunkliebe und Völlerei war auch die Duellwut, das alte Leiden deutscher Heere, nicht auszurotten, obwohl derselbe Hohenzoller, der sich selbst mit seinem Major schlagen wollte, unerbittlich jeden Offizier mit dem Tode strafte, der im Duell einen andern getötet hatte. Rettete sich aber ein solcher »braver Kerl« durch die Flucht, dann freute sich wohl der König, wenn ihn andere Regenten beförderten. – Das Duell der Preußen hatte damals noch fast ganz die Gebräuche des Dreißigjährigen Krieges: mehrere Sekundanten, die Zahl der Gänge bestimmt, man kämpfte zu Pferd auf ein Paar Pistolen, zu Fuß mit dem Degen; vor dem Gefecht gaben die Gegner einander die Hand, ja sie umarmten sich und verziehen im voraus ihren Tod; wer fromm war, ging vorher zu Beichte und Abendmahl; kein Stoß durfte geschehen, bevor der Gegner imstande war, den Degen zu gebrauchen, wenn der Gegner zu Boden stürzte oder entwaffnet wurde, war Großmut Pflicht; noch kam vor, daß, wer tödlichen Ausgang wollte, seinen Mantel ausbreitete, oder wenn er – wie die Offiziere seit 1701 – keinen Mantel trug, vielleicht mit dem Degen ein viereckiges Grab auf den Boden zeichnete. Der Versöhnung folgte sicher ein Gelage. Häufig und unbestraft war dem Offizier Anmaßung gegen Beamte von Zivil, brutale Gewalttat gegen Schwächere. Auch die lebhafte Empfindung für Offiziersehre, welche sich damals beim preußischen Heer ausbildete, hatte nicht gerade hohe sittliche Berechtigung; sie war ein sehr unvollkommenes Surrogat für männliche Tugend, denn sie verzieh große Laster, sie privilegierte auch Gemeinheiten. Aber sie war doch für tausend verwilderte und zuchtlose Männer ein wichtiger Fortschritt.

Denn durch sie wurde zuerst in dem preußischen Heer eine wenn auch einseitige Hingebung des Adels an die Idee des Staates hervorgebracht. Zuerst in der Armee der Hohenzollern wurde der Gedanke, daß der Mann sein Leben dem Vaterland schuldig sei, in die harten Seelen der Offiziere und der Gemeinen hineingeschlagen. Keinem Teil von Deutschland haben brave Soldaten gefehlt, welche für die Fahne zu sterben wußten, welcher sie dienten. Aber das Verdienst der Hohenzollern, der rauhen rücksichtslosen Führer eines wilden Heeres, war, daß, weil sie selbst mit einer unbegrenzten Hingebung für ihren Staat lebten, arbeiteten, Gutes und Böses taten, sie auch ihrem Heer zu der Fahnenehre ein patriotisches Pflichtgefühl zu geben wußten. Aus der Schule Friedrich Wilhelms I. wuchs die Armee, mit welcher Friedrich II. seine Schlachten gewann, die den Preußischen Staat des 18. Jahrhunderts zu der gefürchtetsten Macht Europas machte, die durch ihr Blut und ihre Siege der ganzen Nation das begeisternde Gefühl verschaffte, daß auch in den deutschen Grenzen ein Vaterland sei, auf das der einzelne stolz sein dürfe, für dessen Vorteil zu kämpfen und zu sterben jedem braven Landeskind die höchste Ehre und den höchsten Ruhm bereite.

Und zu diesem Fortschritt deutscher Bildung halfen nicht nur die Begünstigten, welche mit Ringkragen und Schärpe als Kameraden des Obersten Friedrich Wilhelm auf den Schemeln seines Kollegiums saßen, auch die vielgeplagten Soldaten, die durch Zwang und Schläge genötigt wurden, für denselben Staat ihres Königs die Muskete abzufeuern. Zunächst aber, bevor von dem Segen der Regierung eines großen Königs die Rede ist, soll hier [...] ein preußischer Rekrut und Deserteur von den Leiden des alten Heerwesens erzählen.

Der Erzählende ist der Schweizer Ulrich Bräker, der Mann von Toggenburg, dessen Selbstbiographie öfter gedruckt und einer der lehrreichsten Berichte aus dem Leben des Volkes ist, welche wir besitzen. Die Lebensbeschreibung enthält in ihrem ersten Teil eine Fülle von charakteristischen und liebenswürdigen Zügen: die Schilderung einer armen Familie im entlegenen Tal, den bittern Kampf mit der Not des Lebens, das Treiben der Hirten, die erste Liebe des jungen Mannes, seine hinterlistige Entführung durch preußische Werber, den gezwungenen Kriegsdienst bis zur Schlacht bei Lowositz, die Flucht nach der Heimat und seit der Zeit einen mühsamen Kampf um die Existenz, die Beschreibung seines Haushaltes, zuletzt die Resignation einer weichen, enthusiastischen Natur, welche nicht ohne eigene Schuld durch Neigung zur Träumerei und durch leidenschaftliche Wallungen in der soliden Einrichtung des eigenen Lebens gestört wurde. Überall verrät der arme Mann von Toggenburg in seiner ausführlichen Darstellung ein poetisches Gemüt von oft rührender Kindlichkeit, einen leidenschaftlichen Trieb zu lesen, nachzudenken und sich zu bilden, eine reizbare Organisation, welche durch Phantasien und Stimmungen beherrscht wird.

Ulrich Bräker war in Toggenburg, seiner Heimat, mit dem Vater beim Holzfällen beschäftigt, als ein Bekannter der Familie, ein umherziehender Müller, zu den Arbeitenden trat und der ehrlichen Einfalt Bräkers den Rat gab, aus dem Tal in die Städte zu ziehen, um dort sein Glück zu machen. Unter den Segenswünschen der Eltern und Geschwister wandert der ehrliche Junge mit dem Hausfreund nach Schaffhausen; dort wird er in ein Wirtshaus gebracht, wo er einen fremden Offizier kennenlernt. Als sein Begleiter sich zufällig auf kurze Zeit entfernt, wird er mit dem Offizier handelseinig, als Bedienter bei ihm zu bleiben. Der Hausfreund kommt in das Zimmer zurück und ist aufs höchste entrüstet, nicht darüber, daß Ulrich in den Dienst getreten ist, sondern daß er dies ohne seine Vermittlung getan hat, und daß ihm das Mäklergeld dadurch verkürzt wird. Es ergab sich später, daß er selbst den Sohn seines Landsmannes fortgeführt hatte, um ihn zu verkaufen, und daß er zwanzig Friedrichsdor für ihn hatte fordern wollen. Ulrich lebte eine Zeitlang lustig als Bedienter bei seinem lockern Herrn, dem Italiener Marconi, in neuer Livree, ohne sich sonderlich um die geheime Diensttätigkeit desselben zu kümmern. Er fühlt sich in seinen neuen Verhältnissen sehr wohl und schreibt einen freudigen Brief nach dem andern an seine Eltern und seine Geliebte. Endlich wird er mit einer Lüge von seinem Herrn tiefer in das Reich und zuletzt bis Berlin geschickt, und erst dort erkennt er mit Schrecken, daß seine schöne Livree und sein ganzes lustiges Leben nichts als ein Betrug war, der mit ihm gespielt worden ist. Sein Herr ist ein Werbeoffizier, er selbst ein preußischer Rekrut. Von hier an soll er selbst seine Schicksale erzählen:

Es war den 8. April, da wir zu Berlin einmarschierten und ich vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwärts erfuhr, schon acht Tage vor uns dort angelangt war – als Labrot mich in die Krausenstraße in Friedrichstadt transportierte, mir ein Quartier anwies und mich dann kurz mit den Worten verließ: »Da Mußier, bleib' er, bis auf fernere Order!« Der Henker! dachte ich, was soll das? Ist ja nicht einmal ein Wirtshaus. Wie ich so staunte, kam ein Soldat, Christian Zittemann, und nahm mich mit sich auf seine Stube, wo sich schon zwei andere Martissöhne befanden. Nun ging's an ein Wundern und Ausfragen: wer ich sei, woher ich komme und dergleichen. Noch konnt' ich ihre Sprache nit recht verstehen. Ich antwortete kurz: Ich komme aus der Schweiz und sei Sr. Exzellenz, des Herrn Leutnant Marconi, Lakai; die Sergeanten hätten mich hierher gewiesen, ich möchte aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sei und wo er wohne. Hier fingen die Kerls ein Gelächter an, dazu hätte ich weinen mögen, und keiner wollte das geringste von einer solchen Exzellenz wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke Erbsenkost auf. Ich aß mit wenigem Appetit davon.

Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemeiner sein müsse. Es war ein Feldwebel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm, die er über den Tisch ausbreitete, ein Sechsgroschenstück dazu legte und sagte: »Das ist vor dich, mein Sohn! Gleich werd' ich dir noch ein Kommißbrot bringen.« – »Was? vor mich?« versetzte ich, »von wem? wozu?« – »Ei! deine Montierung und Traktament, Bursche! Was gilt's da Fragens? bist ja ein Rekrute.« – »Wie, was? Rekrute?« erwiderte ich. »Behüte Gott, da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein! in meinem Leben nicht. Marconis Bedienter bin ich. So hab' ich gedungen und anders nicht. Da wird mir kein Mensch anders sagen können!« – »Und ich sag dir, du bist Soldat, Kerl! Ich steh' dir dafür. Da hilft itzt alles nicht.« Ich: »Ach, wenn nur mein Herr Marconi da wäre.« Er: »Den wirst du sobald nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener sein als seines Leuntnants?« – Damit ging er weg. »Um Gottes willen, Herr Zittemann«, fuhr ich fort, »was soll das werden?« – »Nichts, Herr!« antwortete dieser, »als daß Er, wie ich und die andern Herren da, Soldat, und wir folglich alle Brüder sind; und daß Ihm alles Widersetzen nichts hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brot nach der Hauptwache führt, kreuzweis schließt und ihn fuchtelt, daß Ihm die Rippen krachen, bis Er kontent ist!« Ich: »Das wär' beim Sacker unverschämt, gottlos!« Er: »Glaub' Er mir's auf mein Wort, anderst ist's nicht und geht's nicht.« Ich: »So will ich's dem Herrn König klagen.« – Hier lachten alle hoch auf. – Er: »Da kömmt Er sein Tag nicht hin.« Ich: »Oder wo muß ich mich sonst denn melden?« Er: »Bei unserm Major, wenn Er will. Aber das ist alles umsonst.« Ich: »Nun, so will ich's doch probieren, ob's so gelte!« – Die Burschen lachten wieder – (Der Major prügelt ihn zur Tür hinaus.) –

Des Nachmittags brachte mir der Feldwebel mein Kommißbrot nebst Unter- und Übergewehr und so fort und fragte: ob ich mich nun eines Bessern bedacht? »Warum nicht?« antwortete Zittemann für mich, »er ist der beste Bursch von der Welt.« Itzt führte man mich in die Montierungskammer und paßte mir Hosen, Schuhe und Stiefeletten an, gab mir einen Hut, Halsbinde, Strümpfe und so fort. Dann mußte ich mit noch etwa zwanzig anderen Rekruten zum Herrn Oberst Latorf. Man führte uns in ein Gemach, so groß wie eine Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbei und befahl jedem, einen Zipfel anzufassen. Ein Adjutant, oder wer er war, las uns einen ganzen Sack voll Kriegsartikel her und sprach uns einige Worte vor, welche die mehrsten nachmurmelten; ich regte mein Maul nicht – dachte dafür, was ich gern wollte – ich glaube, an Ännchen; er schwang dann die Fahne über unsre Köpfe und entließ uns. Hierauf ging ich in eine Garküche und ließ mir ein Mittagessen nebst einem Krug Bier geben. Dafür mußt' ich zwei Groschen zahlen. Nun bleiben mir von jenen sechsen noch viere übrig; mit diesen sollt' ich auf vier Tage wirtschaften, und sie reichten doch bloß für zweene hin. Bei dieser Überraschung fing ich gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentieren an. Allein Cran, einer derselben, sagte mir mit Lachen: »Es wird dich schon lehren. Itzt tut es nichts; hast ja noch allerlei zu verkaufen! per Exempel deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar itzt doppelt armiert; das läßt sich alles versilbern. Und dann der Menage wegen, nur fein aufmerksam zugesehen, wie's die andern machen. Da heben's drei, vier bis fünf miteinander an, kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirn und dergleichen und kochen selbst. Des Morgens um en Dreier Fusel und en Stück Kommißbrot; Mittags holen sie in der Garküche um en andern Dreier Suppe und nehmen wieder en Stück Kommiß; des Abends um zwei Pfennig Kovent oder Dünnbier und abermals Kommiß.« – »Aber das ist beim Strehl ein verdammtes Leben«, versetzt' ich; und er: Ja! So kommt man aus, und anderst nicht. Ein Soldat muß das lernen; denn er braucht noch viel andre War: Kreide, Puder, Schuhwar, Öl, Schmirgel, Seife und was der hundert Siebensachen mehr sind.« – Ich: »Und das muß einer alles aus den sechs Groschen bezahlen?« Er: Ja, und wohl noch viel mehr; wie z. B. den Lohn für die Wäsche, für das Gewehrputzen und so fort, wenn er solche Dinge nicht selber kann.« – Damit gingen wir in unser Quartier, und ich machte alles so gut ich konnte und mochte.

Die erste Woche indessen hatt' ich noch Vakanz, ging in der Stadt herum auf alle Exerzierplätze, sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir schon zum voraus der Angstschweiß von der Stirn troff. Ich bat daher Zittemann, mir bei Haus die Handgriffe zu zeigen. »Die wirst du wohl lernen!« sagte er, »aber auf die Geschwindigkeit kömmt's an. Da geht's dir wie en Blitz!« Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu weisen, wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf Soldatenmanier frisieren sollte und so fort. Nach Crans Rat verkaufte ich meine Stiefel und kaufte dafür ein hölzernes Kästchen für meine Wäsche. Im Quartier übte ich mich stets im Exerzieren, las im Hallischen Gesangbuch oder betete. Dann spaziert' ich etwa an die Spree und sah da hundert Soldatenhände sich mit Aus- und Einladen der Kaufmannswaren beschäftigen; oder auf die Zimmerplätze; da steckte wieder alles voll arbeitender Kriegsmänner; ein andermal in die Kasernen und so fort. Da fand ich überall auch dergleichen, die hunderterlei Hantierungen trieben, von Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Hauptwache, so gab's da deren, die spielten, soffen und haselierten, andre, welche ruhig ihr Pfeifchen schmauchten und diskurierten, etwa auch einen, der in einem erbaulichen Buch las und's den andern erklärte. In den Garküchen und Bierbrauereien ging's ebenso her. Kurz, in Berlin hat's unter dem Militär – wie, denk' ich freilich, in großen Staaten überall – Leute aus allen vier Weltteilen, von allen Nationen und Religionen, von allen Charakteren und von jedem Beruf, womit einer noch nebenzu sein Stücklein Brot gewinnen kann.

Die zweite Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann und Gästli, fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regiment (Itzenplitz), die beiden ersten vollends unter der nämlichen Kampanie (Lüderitz) befanden. Da sollt' ich vor allen Dingen unter einem mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase (Mengke mit Namen) marschieren lernen. Den Kerl nun mocht' ich vor den Tod nicht vertragen; wenn er mich gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den Gipfel. Unter seinen Händen hätt' ich mein' Tage nichts begreifen können. Dies bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuten auf dem gleichen Platz manöverierte, tauschte mich gegen einen andern aus und nahm mich unter sein Plouton. Das war mir eine Herzensfreude. Itzt kapiert' ich in einer Stunde mehr als in zehn Tagen.

Schärer war ebenso arm als ich; allein er bekam ein paar Groschen Zulage und doppelte Portion Brot, der Major hielt ein gut Stück mehr auf ihn als auf mir. Indessen waren wir Herzensbrüder; solange einer etwas zu brechen hatte, konnte der andere mitbeißen. Bachmann hingegen, der ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl und harmonierte nie recht mit uns; und doch schien immer die Stunde ein Tag lang, wo wir nicht beisammen sein konnten. G. mußten wir in liederlichen Häusern suchen, wenn wir ihn haben wollten; er kam bald hiernach ins Lazarett. Ich und Schärer waren auch darin völlig gleichgesinnt, daß uns das Berliner Weibsvolk ekelhaft und abscheulich vorkam, und wollt' ich für ihn so gut wie für mich einen Eid schwören, daß wir keine mit einem Finger berührt. Sondern sobald das Exerzieren vorbei war, flogen wir miteinander in Schottmanns Keller, tranken unsern Krug Ruppiner- oder Kottbusser Bier, schmauchten ein Pfeifchen und trillerten ein Schweizerlied. Immer horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner mit Lust zu. Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine Garküche rufen, ihnen den Kuhreihen zu singen. Meist bestand der Spielerlohn bloß in einer schmutzigen Suppe; aber in einer solchen Lage nimmt man mit noch weniger vorlieb.

Oft erzählen wir einander unsere Lebensart bei Hause, wie wohl's uns war, wie frei wir gewesen, was es hingegen hier vor ein verwünschtes Leben sei u. dergl. Dann machten wir Pläne zu unserer Erledigung. Bald hatten wir Hoffnung, daß uns heute oder morgens einer derselben gelingen möchte; bald hingegen sahen wir vor jedem einen unübersteiglichen Berg, und noch am meisten schreckte uns die Vorstellung der Folgen eines allenfalls fehlschlagenden Versuches. Bald alle Wochen hörten wir nämlich neue ängstigende Geschichten von eingebrachten Deserteurs, die, wenn sie noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und andere Handwerksleute oder gar in Weibskleider verkleidet, in Tonnen und Fässern versteckt u. dergl., dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen, wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken – und des folgenden Tages aufs neue dran mußten, die Kleider ihnen vom zerhackten Rücken heruntergerissen und wieder frisch drauflos gehauen wurde, bis Fetzen geronnenen Blutes ihnen über ihre Hosen hinabhingen. Dann sahen Schärer und ich einander zittern und todblaß an und flüsterten einander in die Ohren: »Die verdammten Barbaren!« Was hiernächst auch auf dem Exerzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen Anlaß. Auch da war des Fluchens und Karbatschens von prügelsichtigen Jünkerlins und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und tummelten uns wacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und uns selber so jahrein, jahraus kujoniert zu sehen, oft ganzer fünf Stunden lang in unsrer Montur eingeschnürt wie geschraubt stehen, in die Kreuz und Quere pfahlgerad marschieren und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe machen zu müssen; und alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit einem furiosen Gesicht und aufgehobenem Stock vor uns stund und alle Augenblicke wie unter Kohlköpfe drein zu hauen drohte. Bei einem solchen Traktament mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm, und der geduldigste rasend werden. Und kamen wir dann todmüde ins Quartier, so ging's schon wieder über Hals und Kopf unsre Wäsche zurechtzumachen und jedes Fleckchen auszumustern; denn bis auf den blauen Rock war unsere ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an einem dieser Stücke die geringste Untat oder stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so war, wenn er auf den Platz kam, die erste Begrüßung eine derbe Tracht Prügel. – Wahr ist's, unsere Offiziere erhielten damals die gemessenste Order, uns über Kopf und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten den Henker davon und dachten halt, das sei sonst so Kriegsmanier.

Endlich kam der Zeitpunkt, wo es hieß: Allons, ins Feld! Itzt wurde Marsch geschlagen; Tränen von Bürgern, Soldatenweibern und dergleichen flossen zu Haufen. Auch die Kriegsleute selber, die Landeskinder nämlich, welche Weiber und Kinder zurückließen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmut und Kummers; die Fremden hingegen jauchzten heimlich vor Freuden und riefen: Endlich Gottlob ist unsere Erlösung da! Jeder war bebündelt wie ein Esel, erst mit einem Degengurt umschnallt; dann die Patronentasche über die Schulter, mit einem fünf Zoll langen Riemen; über die andre Achsel den Tornister mit Wäsche usf. gepackt; item, der Habersack mit Brot und anderer Fourage gestopft. Hiernächst mußte jeder noch ein Stück Feldgerät tragen: Flasche, Kessel, Hacke oder so was, alles an Riemen; dann erst noch eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmal übereinander kreuzweis über die Brust geschlossen, daß anfangs jeder glaubte, unter solcher Last ersticken zu müssen. Dazu kam die enge gepreßte Montur und eine solche Hundstagshitze, daß mir's manchmal deuchte, ich geh' auf glühenden Kohlen, und wenn ich meiner Brust ein wenig Luft machte, ein Dampf herauskam wie von einem siedenden Kessel. Oft hatt' ich keinen trockenen Faden mehr am Leib und verschmachtete bald vor Durst.

So marschierten wir den ersten Tag (22. August) zum Köpenicker Tor aus und machten noch vier Stunden bis zum Städtchen Köpenick, wo wir zu dreißig bis fünfzig zu Bürgern einquartiert waren, die uns vor einen Groschen traktieren mußten. Potz Plunder, wie ging's da her! Ha! da wurde gegessen. Aber denk' man sich nur so viele große hungrige Kerls! Immer hieß es da: Schaff her, Canaille, was d' im hintersten Winkel hast. Des Nachts wurde die Stube mit Stroh gefüllt; da lagen wir alle in Reihen, den Wänden nach. Wahrlich eine kuriose Wirtschaft! In jedem Haus befand sich ein Offizier, welcher auf gute Manneszucht halten sollte; sie waren aber oft die Fäulsten. – –

Bis hierher hat der Herr geholfen! Diese Worte waren der erste Text unsers Feldpredigers bei Pirna. O ja! dacht' ich, das hat er und wird ferner helfen – und zwar hoffentlich mir in mein Vaterland – denn was gehen mich eure Kriege an?

Mittlerweile hatten wir alle Morgen die gemessene Order erhalten scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den ältern Soldaten immer ein Gerede: »Heute gibt's was! Heute setzt's gewiß was ab!« Dann schwitzten wir jungen freilich an allen Fingern, wenn wir irgend bei einem Gebüsch oder Gehölz vorbeimarschierten und uns verfaßt halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die Ohren, erwartete einen feurigen Hagel und seinen Tod und sah, sobald man wieder ins Freie kam, sich rechts und links um, wie er am schicklichsten entwischen konnte; denn wir hatten immer feindliche Kürassiers, Dragoner und Soldaten zu beiden Seiten. –

Endlich den 22. September war Alarm geschlagen, und erhielten wir Order aufzubrechen. Augenblicklich war alles in Bewegung, in etlichen Minuten ein stundenweites Lager – wie die allergrößte Stadt – zerstört, aufgepackt, und Allons, Marsch! Itzt zogen wir ins Tal hinab, schlugen bei Pirna eine Schiffbrücke und formierten oberhalb dem Städtchen, dem sächsischen Lager in Front, eine Gasse wie zum Spießrutenlaufen, deren eines End' bis zum Pirnaer Tor ging, und durch welche nun die ganze sächsische Armee zu vieren hoch spazieren, vorher aber das Gewehr ablegen, und – man kann sich's einbilden – die ganze lange Straße durch Schimpf- und Stichelreden genug anhören mußte. Einige gingen traurig mit gesenktem Gesicht daher, andere trotzig und wild, und noch andere mit einem Lächeln, das den preußischen Spottvögeln gern nichts schuldig bleiben wollte. Weiter wußten ich und so viele tausend andere nichts von den Umständen der eigentlichen Übergabe dieses großen Heeres. An dem nämlichen Tage marschierten wir noch ein Stück Wegs fort und schlugen jetzt unser Lager bei Lilienstein auf.

Bei diesen Anlässen wurden wir oft von den kaiserlichen Panduren attackiert, oder es kam sonst aus einem Gebüsch ein Karabinerhagel auf uns los, so daß mancher tot auf der Stelle blieb und noch mehrere blessiert wurden. Wenn denn aber unsere Artilleristen nur etliche Kanonen gegen das Gebüsch richteten, so flog der Feind über Hals und Kopf davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt; ich wäre sein bald gewohnt worden, und dacht' ich oft: Pah! wenn's nur den Weg hergeht, ist's so übel nicht.

Frühmorgens am 1. Oktober mußten wir uns rangieren und durch ein enges Tälchen gegen dem großen Tal hinuntermarschieren. Vor dem dicken Nebel konnten wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plaine hinunterkamen und zur großen Armee stießen, rückten wir in drei Treffen weiter vor und erblickten von fern durch den Nebel, wie durch einen Flor, feindliche Truppen auf einer Ebene, oberhalb dem böhmischen Städtchen Lowositz. Es war kaiserliche Kavallerie; denn die Infanterie bekamen wir nie zu Gesicht, da sich dieselbe bei gedachtem Städtchen verschanzt hatte. Um sechs Uhr ging schon das Donnern der Artillerie sowohl aus unserm Vordertreffen als aus den kaiserlichen Batterien so gewaltig an, daß die Kanonenkugeln bis zu unserm Regiment (das im mittlern Treffen stund) durchschnurrten. Bisher hatt' ich immer noch Hoffnung vor einer Bataille zu entwischen; jetzt sah ich keine Ausflucht mehr, weder vor noch hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken. Wir rückten inzwischen immer vorwärts. Da fiel mir vollends aller Mut in die Hosen, in den Bauch der Erde hält' ich mich verkriechen mögen, und eine ähnliche Angst, ja Todesblässe las man bald auf allen Gesichtern, selbst deren, die sonst noch soviel Herzhaftigkeit gleißneten. Die geleerten Branzfläschchen (wie jeder Soldat eines hat) flogen unter den Kugeln durch die Lüfte; die meisten soffen ihren kleinen Vorrat bis auf den Grund aus, denn da hieß es: Heute braucht es Courage und morgen vielleicht keinen Fusel mehr! Itzt avancierten wir bis unter die Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen abwechseln mußten. Potz Himmel! wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen hinweg – fuhren bald vor, bald hinter uns in die Erde, daß Stein und Rasen hoch in die Luft sprang – bald mitten ein und spickten uns die Leute aus den Gliedern weg, als wenn's Strohhalme wären. Dicht vor uns sahen wir nichts als feindliche Kavallerie, die allerhand Bewegungen machte, sich bald in die Länge ausdehnte, bald in einen halben Mond, dann in ein Drei- und Viereck sich wieder zusammenzog. Nun rückte auch unsere Kavallerie an; wir machten Lücke und ließen sie vor auf die feindliche losgaloppieren. Das war ein Gehagel, das knarrte und bunkerte, als sie nun einhieben. Allein kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reiterei, von der österreichischen geschlagen und bis nahe unter unsere Kanonen verfolgt, zurück. Da hätte man das Spektakeln sehen sollen, Pferde, die ihren Mann im Stegreif hängend, andere, die ihr Gedärm an der Erde nachschleppten. Inzwischen stunden wir noch immer im feindlichen Kanonenfeuer bis gegen elf Uhr, ohne daß unser linker Flügel mit dem kleinen Gewehr zusammentraf, obschon es auf dem rechten sehr hitzig zuging. Viele meinten, wir müßten noch auf die kaiserlichen Schanzen Sturm laufen. Mir war's schon nicht mehr so bange wie anfangs, obgleich die Feldschlangen Mannschaft zu beiden Seiten neben mir wegrafften, und der Walplatz bereits mit Toten und Verwundeten übersäet war – als miteins ungefähr um zwölf Uhr die Order kam, unser Regiment nebst zwei andern (ich glaube Bevern und Kalkstein) müßten zurückmarschieren. Nun dachten wir, es gehe dem Lager zu und alle Gefahr sei vorbei. Wir eilten darum mit muntern Schritten die jähen Weinberge hinauf, brachen unsere Hüte voll schöne rote Trauben, aßen vor uns her nach Herzenslust; und mir und denen, welche neben mir stunden, kam nichts Arges in den Sinn, obgleich wir von der Höhe herunter unsere Brüder noch in Feuer und Rauch stehen sahen, ein fürchterlich donnerndes Gelärm hörten und nicht entscheiden konnten, auf welcher Seite der Sieg war. Mittlerweile trieben unsere Anführer uns immer höher den Berg hinan, auf dessen Gipfel ein enger Paß zwischen Felsen durchging, der auf der andern Seite wieder hinunterführte. Sobald nun unsere Avantgarde den erwähnten Gipfel erreicht hatte, ging ein entsetzlicher Musketenhagel an, und nun merkten wir erst, wo der Hase im Stroh lag. Etliche tausend kaiserliche Panduren waren nämlich auf der andern Seite den Berg hinauf beordert, um unserer Armee in den Rücken zu fallen; dies muß unseren Anführern verraten worden sein, und wir mußten ihnen darum zuvorkommen. Nur etliche Minuten später, so hatten sie uns die Höhe abgewonnen und wir wahrscheinlich den kürzeren gezogen. Nun setzte es ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe man die Panduren aus jenem Gehölz vertreiben konnte. Unsere Vordertruppen litten stark, allein die hinteren drangen ebenfalls über Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Höhe gewonnen hatten.

Da mußten wir über Hügel von Toten und Verwundeten hinstolpern. Alsdann ging's hudri, hudri! mit den Panduren die Weinberge hinunter, sprungweise über eine Mauer nach der andern herab in die Ebene. Unsere geborenen Preußen und Brandenburger packten die Panduren wie Furien. Ich selber war in Jast und Hitze wie vertaumelt, und mir weder Furcht noch Schreckens bewußt, schoß ich eines Schießens fast alle meine sechzig Patronen los, bis meine Flinte halb glühend war und ich sie am Riemen nachschleppen mußte; indessen glaub' ich nicht, daß ich eine lebendige Seele traf, sondern alles ging in die freie Luft. Auf der Ebene am Wasser vor dem Städtchen Lowositz postierten sich die Panduren wieder und pulverten tapfer in die Weinberge hinauf, daß noch mancher vor und neben mir ins Gras biß. Preußen und Panduren lagen überall durcheinander; und wo sich einer von diesen letztern noch regte, wurde er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen oder ihm ein Bajonett durch den Leib gestoßen. Und nun ging in der Ebene das Gefecht von neuem an. Aber wer wird das beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von Lowositz ausging; wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde hätten zergehen wollen; wo das unaufhörliche Rumpeln vieler hundert Trommeln, das herzzerschneidende und herzerhebende Ertönen aller Art Feldmusik, das Rufen so vieler Kommandeurs und das Brüllen ihrer Adjutanten, das Zeter- und Mordiogeheul so vieler tausend elenden, zerquetschten, halbtoten Opfer dieses Tages alle Sinne betäubte! Um diese Zeit – es mochte etwa drei Uhr sein – da Lowositz schon im Feuer stand, viele hundert Panduren, auf welche unsere Vordertruppen wieder wie wilde Löwen einbrachen, ins Wasser sprangen, wo es dann auf das Städtchen selber losging – um diese Zeit war ich freilich nicht der vorderste, sondern unter dem Nachtrab noch etwas im Weinberg droben, von denen indessen mancher, wie gesagt, weit behender als ich von einer Mauer über die andere hinuntersprang, um seinen Brüdern zu Hilf' zu eilen. Da ich also noch ein wenig erhöht stand und auf die Ebene wie in ein finsteres Donner- und Hagelwetter hineinsah – in diesem Augenblick deucht' es mich Zeit, oder vielmehr mahnte mich mein Schutzengel, mich mit der Flucht zu retten. Ich sah mich deswegen nach allen Seiten um. Vor mir war alles Feuer, Rauch und Dampf, hinter mir noch viele nachkommende auf die Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwei Hauptarmeen in voller Schlachtordnung. Zur Linken endlich sah ich Weinberge, Büsche, Wäldchen, nur hier und da einzelne Menschen, Preußen, Panduren, Husaren, und von diesen mehr Tote und Verwundete als Lebende. Da; da, auf dieser Seite, dacht' ich; sonst ist's pur lautere Unmöglichkeit!

Ich schlich also zuerst mit langsamem Marsch ein wenig auf diese linke Seite, die Reben durch. Noch eilten etliche Preußen bei mir vorbei. »Komm, komm, Bruder!« sagten sie, »Viktoria!« Ich rispostierte kein Wort, tat nur ein wenig blessiert und ging immer noch allgemach fort, freilich mit Furcht und Zittern. Sobald ich mich indessen so weit entfernt hatte, daß mich niemand mehr sehen mochte, verdoppelte, verdrei-, vier-, fünf-, sechsfachte ich meine Schritte, blickte rechts und links wie ein Jäger, sah noch von weitem – zum letzten Male in meinem Leben – Morden und Totschlagen; strich dann in vollem Galopp ein Gehölz vorbei, das voll toter Husaren, Panduren und Pferde lag; rannte eines Rennens gerade dem Flusse nach herunter und stand jetzt an einem Tobel. Jenseits desselben kamen soeben auch etliche kaiserliche Soldaten angestochen, die sich gleichfalls aus der Schlacht weggestohlen hatten, und schlugen, als sie mich so daherlaufen sahen, zum drittenmal auf mich an, ungeachtet ich immer das Gewehr streckte und ihnen mit dem Hut den gewohnten Wink gab. Doch brannten sie niemals los. Ich faßte also den Entschluß, gerad' auf sie zuzulaufen. Hätt' ich einen andern Weg genommen, würden sie, wie ich nachwärts erfuhr, unfehlbar auf mich gefeuert haben. Ihr H . . .! dacht' ich, hättet ihr eure Courage bei Lowositz gezeigt! Als ich nun zu ihnen kam und mich als Deserteur angab, nahmen sie mir das Gewehr ab, unterm Versprechen, mir's nachwärts schon wieder zuzustellen. Aber der, welcher sich dessen impatroniert hatte, verlor sich bald darauf und nahm das Füsil mit sich. Nun so sei's! Alsdann führten sie mich ins nächste Dorf, Scheniseck (es mochte eine starke Stunde unter Lowositz sein). Hier war eine Fahrt über das Wasser, aber ein einziger Kahn zum Transport. Da gab's ein Zetermordiogeschrei von Männern, Weibern und Kindern. Jedes wollte zuerst in dem Teich sein, aus Furcht vor den Preußen; denn alles glaubte sie schon auf der Haube zu haben. Auch ich war keiner von den letzten, der mitten unter eine Schar von Weibern hineinsprang. Wo nicht der Fährmann etliche derselben hinausgeworfen, hätten wir alle ersaufen müssen. Jenseits des Flusses stand eine Pandurenhauptwache. Meine Begleiter führten mich auf dieselbe zu, und diese roten Schnurrbärte begegneten mir aufs manierlichste, gaben mir, ungeachtet ich sie und sie mich kein Wort verstanden, noch Tabak und Branntwein und Geleit bis auf Leutmeritz, glaub' ich, wo ich unter lauter Stockböhmen übernachtete und freilich nicht wußte, ob ich da mein Haupt sicher zur Ruhe legen konnte, – aber – und dies war das Beste – von dem Tumult des Tages noch einen so vertaumelten Kopf hatte, daß dieser Kapitalpunkt mir am allermindesten betrug. Morgens darauf (2. Oktober) ging ich mit einem Transport ins kaiserliche Hauptlager nach Budin ab. Hier traf ich bei zweihundert andrer preußischer Deserteure an, von denen, so zu reden, jeder seinen eigenen Weg und sein Tempo in Obacht genommen hatte. –

Wir hatten die Erlaubnis, alles im Lager zu besichtigen. Offiziere und Soldaten standen dann bei Haufen um uns her, denen wir mehr erzählen sollten, als uns bekannt war. Etliche indessen wußten Winds genug zu machen und, ihren diesmaligen Wirten zu schmeicheln, zur Verkleinerung der Preußen hundert Lügen auszuhecken. Da gab's denn auch unter den Kaiserlichen manchen Erzprahler, und der kleinste Zwerg rühmte sich, wer weiß wie manchen langbeinigen Brandenburger – auf seiner eigenen Flucht in die Flucht geschlagen zu haben. Darauf führte man uns zu etwa fünfzig Mann Gefangener von der preußischen Kavallerie; ein erbärmlich Spektakel! Da war kaum einer von Wunden und Beulen leer ausgegangen, etliche übers ganze Gesicht herunter gehauen, andere ins Genick, andere über die Ohren, über die Schultern, die Schenkel usw. Da war alles ein Ächzen und Wehklagen! Wie priesen uns diese armen Wichte selig, einem ähnlichen Schicksal so glücklich entronnen zu sein, und wie dankten wir selber Gott dafür! Wir mußten im Lager übernachten und bekamen jeder seinen Dukaten Reisegeld. Dann schickte man uns mit einem Kavallerietransport, es waren unser an die zweihundert, auf ein böhmisches Dorf, wo wir, nach einem kurzen Schlummer, folgenden Tags auf Prag abgingen. Dort verteilten wir uns und bekamen Pässe, je zu sechs, zehn bis zwölf hoch, welche einen Weg gingen; denn wir waren ein wunderseltsames Gemengsel von Schweizern, Schwaben, Sachsen, Bayern, Tirolern, Welschen, Franzosen, Polacken und Türken. Einen solchen Paß bekamen unser sechs zusammen bis Regensburg.

Soweit Ulrich Bräker. Er kam glücklich in der Heimat an, aber den schnauzbärtigen Soldaten in seiner Uniform erkannte niemand wieder. Seine Geschwister verkrochen sich, seine Geliebte war ihm untreu geworden und hatte einen andern geheiratet, nur das Mutterherz fand aus der verwilderten Gestalt den Sohn heraus. Aber auch sein späteres Leben in dem einsamen Tal wurde durch die Abenteuer dieser Zeit gestört. Es war ein fremdes, unheimliches Element in ihn gekommen, reizbare Unruhe, Begehrlichkeit und Entwöhnung stetiger Arbeit.

Friedrich II. aber schrieb nach der Schlacht bei Lowositz an Schwerin: »Nie haben meine Truppen solche Wunder der Tapferkeit getan, seit ich die Ehre habe, sie zu kommandieren.« –

Der hier erzählt hat, war auch einer davon.

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