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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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III
Aus den Kreuzzügen

Verbindungen mit dem Morgenlande. – Die Pilgerfahrten. – Beweglichkeit der Völker. – Verbreitung der Neuigkeiten. – Wirkung der Rede. – Die Gerüchte vom ersten Kreuzzug. – Wachsende Aufregung im Volke. – Volksmäßige Auffassung der Kreuzfahrten. – Vorzeichen und Wunder. – Heidnische Erinnerungen. – Der Sturm im Volke, die Judenhetzen. – Das erste Kreuzheer. Leiden, Begeisterung, Demokratie in den Heeren. – Rückwirkung auf Deutschland. – Deutsche Bedenken gegen die Kreuzfahrten. – Zunahme freier Kritik und weltlichen Sinnes. – Gerhoh von Reichersberg. – Schilderung des Kreuzzuges von 1147 nach den Würzburger Annalen von Gerhoh. – Neue Demokratie der Geistlichen und ritterlichen Laien. – Einfluß derselben auf die Kirche des Mittelalters

Dem westlichen Europa war das Morgenland seit der Völkerwanderung nicht fremd geworden. Noch immer waren Byzanz, die Inseln und Kleinasien die ersten Stationen des Welthandels, den teuersten Schmuck, die kostbarsten Genüsse holte dort der Pisaner und Genuese; die heiligsten Reliquien stammten aus Palästina oder sollten dort verborgen sein, alljährlich knieten Pilgerscharen aus dem Abendland auf dem Ölberg und Golgatha, viele Legenden und weltliche Sagen, märchenhafte Berichte von Pracht und Reichtum Konstantinopels und der asiatischen Küstenländer wurden durch den fahrenden Spielmann umhergetragen. Das griechische Kaiserreich war dem Abendlande verhältnismäßig weit enger verbunden als jetzt das türkische Reich den Völkern des westlichen Europas; noch immer kämpften die Ansprüche Ostroms in Italien gegen deutsche Kaiser und Heere, und griechische Prinzessinnen hatten in den deutschen Kaiserfamilien mehr als einmal verhängnisvolle Bedeutung gewonnen. War das Kaisertum von Byzanz auch in seiner Herrschaft unablässig eingeengt worden durch Ungarn, Bulgaren, Slawen, Araber und durch asiatische Völker des Altaistammes, die Achtung vor der alten Größe war dem Abendländer doch geblieben. Wer von seinem Sitz im deutschen Dorfe oder aus den Holzhäusern einer ummauerten Stadt nach Konstantinopel kam, der staunte vor riesigen Gewölbbogen und steinernen Palästen, vor den ungeheuren Märkten und der Menge von Waren und Gold, wie vor der Zahl des Volkes in der Rennbahn; er sah die orientalischen Gewänder, den bunten Schmuck der Beamten, er fügte sich vielleicht ehrfurchtsvoll dem Zeremoniell des vornehmen Hofes und fand unter den germanischen Söldnerscharen der »gebannten Wölfe«, der Waräger, vielleicht deutsche Bekannte, welche dort das Glück eines Landsknechts gefunden hatten, eine schwere Goldkette, heißen Wein, Rauferei mit vielen Völkern und gefällige Frauen.

Denn noch immer seit der Wanderzeit stützten sich die Kaiser von Byzanz zumeist auf geworbene Söldner aus deutschem Stamm. Die den Namen Waräger führten, waren ursprünglich Normannen und Dänen gewesen, sie hatten sich aber aus zugelaufenen Söldnern der verschiedensten Germanenvölker ergänzt. Neben ihnen dienten Franken, Angelsachsen, italienische Normannen in der Regel unter eigenen Häuptlingen, wie zur Zeit des Theodosius und Justinian; und wie damals wurden fremde Heerhaufen aus allerlei Volk des Orients neben die Germanen gestellt und jeder Abteilung ihre Kampfweise und Nationalität sorglich geschont, um die eine durch die andere zu bändigen.

Neben dem fahrenden Kriegsmann zog nach dem Osten, wer irdische Weisheit und seine Kunst suchte. Noch lag das Abendrot hellenischer Bildung auf Griechenland, den Ländern zwischen Mittelmeer und Euphrat und am Delta des Nil. In den Werkstätten der Goldschmiede und Erzarbeiter von Antiochien lernten auch Abendländer zierliche Arbeit verfertigen, Baukünstler aus Alexandrien wurden nach Italien verschrieben, und die gelehrten Schulen von Athen galten bis in das dreizehnte Jahrhundert für Bewahrer vieles geheimen Wissens, welches den Lateinern unbekannt war, und wurden von lernbegierigen Franken, Angelsachsen und Normannen besucht. Nicht nur aus den römischen Städten Italiens und Frankreichs, auch aus alten Kolonien der Hellenen kam in die neuen Werkstuben der deutschen Stadtbürger Erfindung des Handwerks, der bildenden Kunst und Wissenschaft.

Doch den lebhaftesten Verkehr mit dem Morgenland vermittelte der Glaube. Die Landschaft, wo der himmlische König der Christen gelehrt und gelitten hatte, hieß den Abendländern das »Heilige Land«, wer dorthin fuhr mit seinen Sünden in bitterer Herzensangst, der hatte sichere Hoffnung, Vergebung zu finden und ein begünstigter Mann im Reich des himmlischen Königs zu werden. Seit der Völkerwanderung sammelten sich die Pilger alljährlich an den italienischen Küsten, nachdem sie zu Rom die Gräber der Apostel besucht hatten, und fuhren auf den Galeeren von Pisa und Genua nach Konstantinopel, von da zu dem Lande der Verheißung. Dort suchten sie die großen Erinnerungen und wurden von den Christen, Juden und Mohammedanern des Landes geradeso ausgebeutet wie noch jetzt die Wallfahrer. Sie beteten an dem Stein, auf welchem Christus gesessen, und tranken aus der Quelle, deren Wasser einst seine Lippe berührte, ihr höchstes Glück war während der Osterzeit in Jerusalem zu knien, auf den Bergen seines Leidens und an der Stätte, wo sein Leib bestattet worden war. Hatten sie betend und büßend sich ihrer Gelübde entledigt, dann tauchten sie, der Vergebung ihrer Sünden froh, den Leib in die Wasser des Jordans und pflückten Palmenzweige aus dem Garten Abrahams bei Jericho. Diese Pilgerfahrten des Abendlandes wurden allerdings zuweilen gestört. Längst war Jerusalem in den Händen der Ungläubigen, und Raubflotten mohammedanischer Fürsten machten das Mittelmeer unsicher. Aber es scheint, daß die Pilgerzüge von dem Reiche der ägyptischen Kalifen im ganzen begünstigt wurden wie von den Griechen.

Nur zufällig wird von den Zeitgenossen berichtet, daß ein vornehmer Geistlicher oder Laie nach dem Heiligen Lande gefahren sei. Aber es ist ersichtlich, daß seit den Sachsenkaisern fast jeder, der von gesteigerter Frömmigkeit war oder der ungewöhnlichen Druck seiner Sünden fühlte, mit diesem Entschlusse rang. Und die jährliche Zahl der Pilger muß sehr bedeutend gewesen sein, auch der Nutzen, welchen sie brachten, sehr groß. Denn auch die wilden Seldschuken hielten seit ihrem Einbruch in Palästina das Land und die Grabkirche in Jerusalem »des Gewinnes wegen« dem Abendlande geöffnet.

Es ist wahr, die Fahrt nach dem Heiligen Land war trotz aller Schonung, welche dem Pilger zuteil wurde, kein gefahrloses Unternehmen. Aber der Pilger unterzog sich der Gefahr für einen Zweck, welcher seinem Gott am wohlgefälligsten war; traf ihn dabei ein Unglück für dieses Leben, so wurde es ihm reichlich vergolten im Jenseits, seine Rechnung blieb gut, sein Vorteil sicher. [...]

Die Kunde aus fremdem Lande verbreitete sich um 1096 in Deutschland schneller als man meint. Es ist wahr, der Mann stand festumgrenzt in seinem Kreise: der Dorfflur, der Stadtmauer, dem Kloster; aber zwischen den Angesessenen zog damals viel abenteuerndes Volk durch die Lande, verachtet, gefürchtet und oft begehrt. Außer Räubern und Bettlern, wandernden Händlern und Gaunern, welche ein Gewerbe daraus machten, von den Heiligen großer Kirchen geheilt zu werden, auch das rechtlose Geschlecht der fahrenden Leute.

Die weltklugen Sänger, welche einst in der Methalle des Häuptlings ihre Lieder gesungen hatten, waren in die Ungnade der Kirche gefallen, zumeist deshalb, weil ihre Gesänge so voll Heidentum waren, daß die Kirche allerdings Ursache hatte, in Synodalbeschlüssen dagegen zu eifern. Trotzdem klang noch der alte Gesang kräftig im Volk. Auch an die Klostermauer lehnte der wandernde Sänger das Saitenspiel und bat, den Hut in der Hand, um Einlaß, und fröhlich verzog sich das Antlitz der frommen Brüder, wenn der bunte Vogel, den vielleicht ein Weiblein begleitete, an der heiligen Pforte in die Saiten griff.

Die Einwirkung dieser Fahrenden auf das Volk war nicht gering; jedes neue Ereignis verkündeten sie in Liedern, alle Neuigkeit, nach dem Geschmack der Hörer aufgefaßt und umgewandelt, trugen sie durch die Länder. In einer Zeit, wo keine regelmäßige Verbindung durch Boten und Schrift zwischen Stadt und Land lief, regte jede große Nachricht, die aus der Fremde kam, die Menschen unverhältnismäßig auf. Zog in unruhiger Zeit ein Reiter, ein fremder Wanderer die Straße, so eilten die Leute von der Burg oder aus dem Felde herzu, hielten das Pferd an und forschten, was er Neues bringe; in den Städten sammelten sich die Bürger um ihn, und er mußte wohl gar der Obrigkeit berichten, was er Neues wußte. [...]

Als Papst Urban im Jahre 1095 die Christenheit zur Befreiung des heiligen Grabes aufrief, ersann er nichts Neues; schon hundert Jahre vorher hatte Papst Sylvester II. einen Kriegszug gegen die Heiden im Heiligen Land empfohlen, schon Gregor VII. wollte sein irdisches Papstreich über den Orient ausdehnen, er hatte Truppen gesammelt und gedachte sie nach Griechenland und Kleinasien zu entsenden, als seine Händel mit Heinrich IV. den Plan hinderten. Jetzt aber hatte sich Kaiser Alexius in Konstantinopel, von den Seldschuken hart bedrängt, an den Papst gewandt und die Hilfe des Abendlandes erfleht; auch an edle Laien hatte er geschrieben, die er von ihren Pilgerfahrten kannte; in einem Brief an Graf Robert von Flandern hatte er die Scheußlichkeit der heidnischen Wirtschaft in Palästina lebhaft geschildert, wie die Heiden arge Frevel gegen christliche Töchter üben, wozu die Mütter singen müssen, und wieder gegen die Mütter, wobei den Töchtern schnöde Lieder zugemutet werden; er hatte auch nicht verschmäht zu erinnern, daß von den Heiden großer Goldschatz zu holen sei, und daß die Weiber des Orients unvergleichlich schöner wären als die des Abendlandes.

In den deutschen Klöstern und den Sälen der edlen Herren wußte man damals sehr wohl, daß die Christenheit in dem Lande Schmach erlitt, wo ihre Entehrung dem frommem Gemüt das meiste Leid bereiten mußte. Jerusalem war unter der Herrschaft »machumetischen« Volkes, die prächtige Christkirche zu Jerusalem, das schönste Bauwerk der Christenheit, war zu einer Moschee gemacht, kein Christ durfte über die Schwelle, ja die »Heiden« selbst zogen die Schuhe aus und wuschen die Füße, ehe sie den heiligen Raum betraten. Nur in der Grabkirche des Herrn durften die Pilger beten, aber auch dort wurde der Gottesdienst durch die Ungläubigen geschändet, großes Geld wurde den Wallfahrern und ihren christlichen Gastwirten im Heiligen Lande ausgepreßt. Seit wenig Jahren (1078), seit die türkischen Seldschuken sich in Vorderasien ausgebreitet hatten, waren die Bedrückungen der Christen unleidlich geworden; wer nach Jerusalem pilgerte, der fand überall zerstörte Mauern der Kirchen und Kapellen, und er sah die heiligen Bilder des Heilands an Nase und Ohr, an Arm und Bein verstümmelt, als stumme Kläger standen sie in den Ruinen. – Aber die Deutschen waren damals untereinander verfeindet, die kaiserliche Partei in verbittertem Kampf gegen die päpstliche, und die Meinung vieler Laien war von Rom abgewandt, zumal in den Städten.

Deshalb waren es wohl nur wenige deutsche Geistliche und edle Laien, welche im November des Jahres 1059 zu Clermont die Rede des Papstes an die versammelten Vertreter der Christenheit hörten und nach der Heimkehr von dem großen Tag erzählen konnten, wo alles Volk bei den Worten des Papstes in Schluchzen ausbrach und das Himmelsgewölbe vom Klageruf der Menge erdröhnte. Sie hatten gehört, wie der Papst Erlaß aller Sünden jedem Christen versprach, welcher den Gütern der Heimat entsagen und das Kreuz Christi auf sich nehmen würde, und sie selbst hatten das heilige Feuer gefühlt, welches bei dem Versprechen in unzähligen Herzen aufflammte. Hunderttausend aus allen Völkern Frankreichs, aus Angelsachsen, Schotten und Iren wurden auf der Stelle zum Dienst des Herrn gezeichnet. Ein Kreuz heftete die Schar als Zeichen auf die Kleider, die Zeit des Aufbruches wurde festgesetzt und die Reise von allen beschworen. Im Winter durchflog die wundergleiche Kunde alle Welt bis zu den fernsten Gestaden des Ozeans. Und im Frühjahr verkündeten die deutschen Küstenbewohner, daß in allen Nordmeeren große Bewegung sei. Weit entlegene Völker rüsteten und kamen über das Meer angezogen, deren Tracht, Sitte und Sprache kein Strandbewohner und kein Seefahrer kannte. Man hörte von fremden Scharen, die nichts zu genießen pflegten als Wasser und Brot, und von andern, die kein Eisen kannten und deren ganzer Hausrat von Silber war. Die ganze Christenheit, sagte man, sei erschüttert und umgewandelt, am meisten die Westfranken, ohnedies aufgeregt durch Zwietracht, Hungersnot und Seuchen in ihrem Land.

Aber auch diese Nachrichten zogen durch das Volk des deutschen Binnenlandes nur wie ein dunkles Gerücht, sie waren noch nicht im Lied der Fahrenden lebendig geworden. Unter Ostfranken, Thüringern, Bayern und Alemannen wußten die Leute in den Städten und auf dem Land in den ersten Monaten des Jahres 1096 wenig von der großen Bewegung, viele erfuhren erst davon, als sie die Fremden an ihren Grenzen sahen: Scharen von Reitern, Haufen von Fußvolk, Schwärme von Bauern mit Weib und Kind, und die Deutschen nannten einfältige Toren, die das Eigene verließen, um Fremdes zu begehren. Aber allmählich wurden sie von den Durchziehenden belehrt, und die Aufregung kam auch in ihre Seelen.

Sie waren ein kriegerisches und ein frommes Volk. Was ihnen in dieser Welt Trost gab und gute Hoffnung, das war der Glaube an ihren himmlischen Oberherrn, der gütig war und voll Erbarmen, und der seinen Treuen in jenem Leben alles vergalt, was Schlechtigkeit und Unglück dieser Welt dem Menschen schädigte und raubte. Oft litt der kleine Mann durch die Gewalttat der reisigen Dienstmannen seines irdischen Gebieters. Geschwunden war von der Erde das edle Recht des freien Landbauers, viele große Herren saßen über ihm, einer dem andern verfeindet, die Kirche verfeindet dem Kaiser, der Bischof dem Grafen, der Herzog im Aufruhr gegen seinen König, jeder riß seine Hintersassen und die Freien seiner Landschaft in seinen Kampf. Aber sie alle, die stolzen Könige und Herzöge, ja auch die Großen der Kirche, sie waren doch auch nichts höheres als Dienstmannen des himmlischen Königs, geradeso wie der geringe Mann, der nichts hatte als sein Ochsengespann und das schartige Messer an seiner Seite. Auch die Kirche war hochmütig geworden, und ihre Äbte und Weltgeistlichen prunkten in kostbarem Gewand, tranken aus goldenem Becher und trugen den Falken auf dem Fausthandschuh. Aber diese irdische Pracht half ihnen wenig, vornehm zu sein im Kriegsheer des himmlischen Heerführers; jeder Einsiedler, der in seiner Waldklause Wurzeln aß, sich geißelte und die Herrlichkeit dieser Welt verachtete, war ein besserer Fürsprecher bei Christus, wenn er für den armen Bauer betete, und hatte selbst besseres Heil im Himmelreich zu hoffen. Ja, auch der Bettler und der fahrende Sünder konnte das Ohr des großen Herrn gewinnen und ihm demütig sein Leid klagen, wenn er zu Heiligtümern zog, wo der Herr am liebsten hörte; dort fand er Gnade ohne die vornehmen Geistlichen der Kirche. Der alte demokratische Bauernstolz der Germanen, welcher den Mann nur ehren und lohnen wollte nach seiner Tüchtigkeit im Kampf und keinem ein besseres Los gönnen an Land und Beute aus dem andern, war in dem Staat des Mittelalters sehr verringert, aber er lebte fort im Glauben trotz dem aristokratischen Bau der katholischen Kirche; Christus und die Großen des Himmels, seine Heiligen, wurden im Volksglauben die edleren Gegenbilder einer schlechten Geistlichkeit, die Zustände des Gottesreiches ein ideales Gegenbild gegen das Kirchenregiment dieser Welt.

Und ebenso lebendig war die alte Vorstellung, daß jeder Christ im kriegerischen Gefolge des Herrn Christus stehe, auch der hörige Bauer und sein Knecht, welcher hier auf Erden nicht Schwert und Reiterspieß führen sollte. In der Urzeit war dem Gefolgemann eines Chattenhäuptlings höchste Pflicht und Ehre gewesen, sein Leben für den Herrn hinzugeben und ihm auf dem Todespfad zu folgen, und der Hagestalde, der sich durch Schwur und Eisenring den Kriegsgott zu seinem Häuptling gewählt hatte, verzichtete schon damals auf irdisches Gut, auf Weib und Kind, froh der Zukunft im Jenseits, wo er als auserwählter Krieger in der Methalle des Himmels sitzen und im Gefolge des Schlachtengottes durch die Lüfte fahren werde. Die alten Volksherren sanken dahin, und der alte Glaube verdämmerte, in neuen Königreichen trat der Christengott an die Stelle des wilden Sturmfahrers Wodan. Aber das alte Bedürfnis der Germanen, sich einem Herrn in Opfermut, Treue und Selbstentäußerung hinzugeben, war Grundlage des Verhältnisses geblieben, in welchem der Christ zu seinem Gott stand.

Christi Reich aber umfaßte alle, die den Christeneid abgelegt hatte, und seine Feinde waren alle, die einem anderen Glauben anhingen, die geldleihenden Juden und die fremden Völker im Kriegsdienst des Machumet.

Allerdings, die alte Idee der Diensttreue war vergeistigter, in ihrer gemütlichen Wirkung hoch gesteigert. Es war sehr schwer, den Forderungen des neuen Herrn zu genügen, aber er tat auch unendlich mehr für den getreuen Mann als einst der Häuptling oder der Heidengott. Die guten Werke, welche er von den Gläubigen forderte, Entsagung und Opferung irdischen Genusses erfüllten das ganze Leben, auch der Starke mußte unsicher sein, ob er in jeder Stunde ein treuer Mann gewesen war, wenige wußten genau, daß der Fürst des Heils ihnen freundlich zulächelte. Jetzt aber rief der Gott selbst zum Krieg, er begehrte für sich dieselbe Arbeit, die dem Deutschen immer noch die preiswürdigste war: irdisches Heldentum, Krieg und Schlachtenmut, und allen Völkern aus Germanenblut schwoll das Herz in Entzücken, in Begeisterung und Erhebung.

Denn was hatte der Landmann am Herdfeuer, der Handwerker in seiner Werkstatt am liebsten gehört? Wie Siegfried den giftigen Drachen tötete, Herr Dietrich die Riesen schlug, wie Hagene den heidnischen Hunnen auf die Füße trat. Was war hinter der Mauer eines Herrenhofes das liebste Gespräch der Knechte? Wie man Goldschatz erwerben könnte und samtenes Gewand durch verwegene Kriegstat. Das höchste Manneswerk auf Erden war Waffentat, welche der Sänger im Land umhertrug. Auch für den kleinen Mann, der nimmer zu Roß saß und ausgeschlossen war von dem Spiel der Speere bei reisigen Festen, war das Zuschauen und Hören ein teurer Genuß. Jetzt forderte sein Gott statt Buße und Spenden von ihm kräftige Hiebe, der große König des Himmels ließ selbst ihn laden zum Streit, wenn er seine Gnade erwerben wolle. Das war Hunderttausenden ein unwiderstehlicher Ruf. Alle Poesie und Sehnsucht dieser Welt und alle Poesie und Sehnsucht des Glaubens heischten genau dasselbe. Jetzt wurde Erfüllung, was lange verheißen war, jetzt erst wurde das Volk seines Glaubens froh, jetzt erst war das Christentum völlig germanisiert. Der Christengott war ein Schlachtengott geworden wie einst der deutsche Heidengott, er fuhr vor den wandernden Scharen daher, er blendet mit seinem Lichtglanz die Augen der Feinde und führte durch seine Engel die gefallenen Krieger hinauf in seine strahlende Himmelsburg.

Die Deutschen sahen und hörten in der Natur, was sie im Herzen empfanden.

Sie schauten den Kometen am Himmel, feurige Wolken stiegen von Abend und Morgen auf und kämpften miteinander, Feuerschein erglühte gegen Norden, und brennende Fackeln flogen durch die Nacht. Sie erblickten Reiter in der Luft, welche gegeneinander stritten, ein ungeheures Schwert erhob sich von der Erde zum Himmel unter krachendem Donner, die Roßhirten kamen vom Feld gelaufen und verkündeten, daß sie das Bild einer Stadt in der Luft gesehen hätten und viele Scharen zu Fuß und Roß, die von verschiedenen Seiten auf die Stadt zueilten. Auch ungeheuerliche Geburten fehlten nicht, Lämmer mit zwei Köpfen, Kinder mit doppelten Gliedern und zwei Köpfen, Füllen mit den Zähnen dreijähriger Rosse. In die Haufen, die auf dem Marktplatz und unter der Dorflinde berieten, drängten sich die Leute, welche auf ein Kreuzzeichen wiesen, das ihnen in die Stirn oder den Leib oder in das Gewand durch ein Wunder eingedrückt sei, und sie riefen, daß dies Zeichen sie an den Dienst des Herrn binde. Im Schlaf hatten die Menschen Träume und heilige Gesichte; der Einsiedler stieg aus seiner Bergklause herab, der fahrende Mönch sprang auf die Steine des Kirchhofs, sie verkündeten, daß ihnen ihr Heiliger erschienen war und zur Kreuzfahrt gemahnt hatte, sie hoben die nackten Arme zum Himmel und riefen über die Menge: »Fahret in Gottes Namen«. Und die Hörer wiederholten den Kriegsruf der Fahrenden »Gott will es«, sie liefen scharenweise zu den Kirchen, und die Priester verteilten und weihten Schwerter, Pilgerstab und Tasche. Bauern und Bürger verkauften Gut und Habe, wie einst in der Völkerwanderung spannten sie das Jochvieh vor ihre Karren, setzten Weib und Kind darauf und sammelten sich in bewaffneten Haufen, um mit ihrer Wagenburg gen Osten zu ziehen.

Und mit dem alten Wandertrieb, der plötzlich in dem Volk lebendig wurde, erwachten auch alte verdämmerte Bilder aus der Heidenzeit. Der alte König, der im Berge saß und dort harrte, bis der dürre Baum grünen werde, war aufgewacht aus dem langen Schlaf, und sein Kriegszug ging durch die Lüfte; die Leute sagten, es sei Karl der Große, aber sie nannten auch einen andern Namen, von dem ein guter Christ nichts wissen wollte. Und es gab Haufen, die zu der Fahrt in das unbekannte Morgenland sich nach heidnischer Sitte weisende Tiere vorsetzten, den Ganser und die Geiß: den heiligen Vogel, der in der Heidenzeit vor der großen Erdenmutter Berchta hergeflogen war, die Geiß vielleicht deshalb, weil sie einst den Wagen des Donnergottes gezogen hatte.

Aber nicht der Glaube allein lud in die dämmrige Ferne, auch die alte Sehnsucht nach Abenteuer und Goldschatz wurde übermächtig wie einst in der Wanderzeit. Die Edelsteine und Goldketten, welche der Kaufmann von Osten brachte, alte Sagen von Pracht und Üppigkeit des südlichen Lebens, von märchenhaften Völkern, von Zauberei und geheimer Kunst lockten gen Morgen; jetzt konnte unendlichen Reichtum erwerben, wer in Christi Namen dahinfuhr; dem armen Dienstmann bot sich dort Land und Volk, er hoffte Herrschaft zu erlangen über Griechen und Ungläubige und selbst ein edler Herr zu werden, der Scharen von Bewaffneten unterhielt und reiche Spenden und die Güter der Fremden unter seine Getreuen verteilte.

Dieselbe Beutelust brachte alles Gesindel in Aufregung. Falsche Propheten, die ein Gewerbe daraus machten, Gesichte zu haben, sammelten gläubige Haufen um sich, die Räuber kamen aus ihren Waldnestern, die Spielleute und Gaukler drängten sich begehrlich in die Menge, fahrende Krämer boten ihre Waren, Heilmittel, schützende Reliquien; auch die hübschen Frauen, welche singend durch das Land zogen oder an der Stadtmauer hausten, liefen scharenweise unter die wilden »Fremden«. Ohne Plan und ohne kundige Führer wälzte sich die aufgewühlte Masse vorwärts. Viele ohne Reisegeld und ohne Karren mit Vorrat, weil sie entweder der Hilfe des Herrn vertrauten oder der Beute, die sie auf dem Wege greifen würden. Unzählbar nennt ein Berichterstatter die Menge der Waffenlosen, der Kinder und Frauen, welche mit den Haufen in die Weite fuhren.

Aber auch im Abendland saß unter den Christen ein »ungläubiges« Volk. Die Juden hatten den Herrn gekreuzigt, und sie waren es, welche jetzt den frommen Kreuzfahrer drückten, wenn er ihnen seine Habe verkaufen mußte, und welche »reich werden durch den Schaden fahrender Gotteskinder«. So richtete sich die Wut der Volkshaufen zuerst gegen die Juden. Mit Mord und Plünderung begann in den Städten des Rheins und der Donau das Gesindel die heilige Fahrt. Zu Mainz hatten die Juden dem Erzbischof Rothardt ihren Schatz und ihre Leiber anvertraut, er hatte sie schützend im Oberstock seines festen Hauses geborgen. Aber ein übelberüchtigter Graf Emicho aus dem Rheingau warf sich mit einem Schwarm der zusammengelaufenen Kreuzfahrer gegen das feste Haus, mit Pfeil und Speer schossen die Fahrenden zu den Juden hinauf, brachen Riegel und Tür und schlachteten im Hause des Bischofs siebenhundert Männer, Weiber und Kinder. Als die Juden keine Rettung vor den Mördern fanden, eilten sie ihnen zuvorzukommen, die Frauen töteten in Verzweiflung selbst ihre Kinder, die Männer ihre Weiber und sich. Ähnlich ging es in andern Städten, und die Judenverfolgungen, allerdings nicht die ersten, welche den Deutschen zur Last fallen, wiederholten sich von da ab mit einer fürchterlichen Regelmäßigkeit fast jedesmal, wenn die Volksmenge durch geistlichen Eifer oder ein plötzliches Landesunglück aufgewühlt wurde. Durch Jahrhunderte waren diese Hetzen eine Schmach für unsere Nation, erst der Protestantismus bändigte sie; noch heute regt sich der Drang danach, wo Zustände des Mittelalters in die Gegenwart dauern.

Auf verschiedenen Straßen, in vier großen Heerhaufen fuhren die verlorenen Kinder des Kreuzes durch deutsches Land nach Ungarn, geführt von einem Einsiedler oder einem alten Kriegsmann oder einem verdorbenen Edlen. Die ersten Haufen plünderten in Ungarn und übten arge Missetat – leider werden Bayern und Schwaben als die rohesten Frevler genannt –; sie wurden von dem tüchtigen König der Ungarn, Kaloman, geschlagen und aufgerieben. Aber auch die, welche bessere Zucht hielten, bis Konstantinopel drangen und über den St.-Georgs-Kanal setzten, unterlagen in Kleinasien den Türken beim ersten Zusammenstoß.

Ihnen folgte das große Kreuzheer der edlen Herren, die Hauptmasse Normannen, Lothringer, Provenzalen, denen sich Deutsche und andere Scharen aus allen Ländern der Christenheit anschlossen. Die Herren ritten unter wehenden Bannern und kostbarer Rüstung, mit großem Gefolge und schönen Frauen, hinter ihnen wohl das größte Kriegsheer des Mittelalters, nach niedrigster Angabe dreihunderttausend Bewaffnete, dazu ein großer Troß von Geistlichen und Spielleuten, Weibern und Buben. Sie zogen fast alle zu Lande auf verschiedenen Straßen nach Konstantinopel. Nach ärgerlichen Händeln mit dem Griechenkaiser wurden sie über die Meerenge gesetzt und eröffneten in Kleinasien den großen Krieg gegen die Völker des Islam, welcher durch zwei Jahrhunderte das Abendland in fieberhafter Bewegung erhalten sollte. Drei Jahre währte der Kampf, bevor sie sich über Nizäa und Antiochien bis in die heiligen Mauern von Jerusalem hineinkämpften. Der Bericht von ihren unerhörten Taten und Leiden und von den Wundern, welche der Herr an ihnen getan, füllte alle Länder; ihre Heldentaten sang der fahrende Spielmann, und der heimkehrende Krieger berichtete, wenn er ein ehrlicher Erzähler war, getreulich, was er selbst erlebt, alles übrige sagenhaft, wie es beim Lagerfeuer zugerichtet wurde.

Wohl aber war es ein wundergleicher Kampf. Ein ungeheures Heer von wildbegeisterten und zuchtlosen Kriegern, ohne einheitliche Führung, unter Fürsten und Bannerherren von hochfahrendem Sinn, die in der Mehrzahl Gold und eigene Herrschaft nicht weniger begehrten als die Gnade ihres obersten Heerführers Christus; so locker der militärische Zusammenhang, daß sich bei jeder Gelegenheit Scharen ablösten und Krieg auf eigene Hand trieben oder des Streites überdrüssig, zur Heimat kehrten; auch die einzelnen Fahrer, nach germanischer Weise höchst selbstwillig, kaum durch ein Band der Landsmannschaft unter dem Banner ihrer Häuptlinge festgehalten: – und dennoch trotz unaufhörlicher Reibungen und blutigem Hader ein unablässiges Wirken der treibenden Kraft. Jahrelang wurde die Selbstsucht der Führer, gegenseitiger Haß der Landsmannschaften durch die frommen Zwecke des Krieges, das ritterliche Gefühl der gemeinsamen Verpflichtung und den Enthusiasmus der Menge überwunden. Der hochgesteigerte Tatendrang trieb die Fahrenden von Stadt zu Stadt, von einem Sieg zum andern. Wenn sie unter heißer Sonne, in öder Landschaft, bei schlecht geordneter Verpflegung, durch den Kampf gegen leichtbewaffnete Feinde in arge Bedrängnis kamen, dann lief das Kriegsvolk unter den Pfeilen der anstürmenden Türken haufenweise zu den Heiligtümern des Heeres, es beichtete und büßte, sang Kyrie eleison, weinte und rang die Hände gen Himmel und warf sich dann wieder auf den siegreichen Feind, mit unwiderstehlicher Gewalt vorwärtsstürmend. Auf dem Zuge sanken die Menschen, durch Hunger und Krankheit aufgerieben, längs der Straße dahin, die Kriegsrosse und Troßpferde fielen, und ansehnliche Krieger banden ihre Bündel auf Widder, Ziegen, Schweine, Hunde und setzten sich mit ihrer Rüstung auf Rinder; aber in solcher Not hielt einer treulich zum andern, auch fremde Landsleute, die sich nicht durch Worte verständigen konnten, halfen einander mit Speise und Trank aus und bewahrten die gefundene Habe, bis der Eigentümer sich meldete. Es war ein erbarmungsloser Krieg. Dem milden Christengott zu Ehren wurden die Köpfe der erschlagenen Türken in Haufen geschichtet, in den eroberten Städten wurde unmenschlich gewütet, nicht Alter, nicht Geschlecht geschont, Leichen und Blut der Erschlagenen reichten bis an die Steigbügel der stampfenden Rosse; es wurde habgierig geplündert, und wenige der Fürsten widerstanden der Versuchung, Geldsummen vom Feind zu nehmen, auch wenn es zum Schaden des Heeres war, und dann dem Ungläubigen vielleicht die gekaufte Treue zu brechen; viele Kreuzfahrer stürzten sich in arge Ausschweifungen und erschöpften ihren Leib durch die Laster des Orients; aber die unwiderstehliche Tapferkeit blieb dem Heer, ein Heldenmut, der das kühnste wagte und in gefährlichen Lagen eine fast übermenschliche Dauer bewährte. Wenn die Fürsten uneinig wurden und nicht Rat fanden, zog die Begeisterung der Menge sie fort. Sooft das Heer in Not war, standen Propheten auf, welche durch Erscheinungen erweckt wurden, sie trieben zum Kampf und verkündeten Sieg; gemeine Krieger, Mönche, Einsiedler drängten sich in den Rat der Fürsten, flehten und drohten, meldeten die Gesichte, mit denen sie begnadigt waren, und erboten sich zum Zeugnis für die Wahrheit ihrer Botschaft jede Todesprobe zu bestehen; ihr Geschrei und der Aufruhr der Menge hinter ihnen bändigten die Herrschergelüste und die ausbrechende Feindschaft der Großen. Gegen die aristokratische Führung rang siegreich die wilde Demokratie des Heeres, die Führer mußten sie benutzen und sich ihr fügen. Auf Grund eines Gesichtes fanden Provenzalen zu Antiochien tief in der Erde die Heilige Lanze, mit welcher die Seite des Herrn durchstochen war; die Lanze wurde dem Heer vorausgetragen, gerade wie den deutschen Bauerhaufen die Gans, und sie führte zum Sieg, obgleich die Normannen das Wunder höhnten und einen Betrug nannten.

Nach drei Jahren wurde Jerusalem erobert, auf den Trümmern der türkischen Herrschaft wurden christliche Staaten gegründet. Freilich vermochten die gelichteten Haufen der Christen das weite Land, welches sie eroberten, nicht allein zu behaupten, immer wieder klang der Notruf durch das christliche Abendland: »Wo nur zwei Männer in einem Hause sind, komme einer zum heiligen Grabe.«

Seitdem strömte durch zweihundert Jahre bewaffnete Kraft aus dem Abendland nach dem Morgen. Jede der großen Heerfahrten, welche von Fürsten und Herren unternommen wurden, hatte einen besonderen Charakter und ihr eigenes Schicksal. Die Deutschen nahmen in reisigem Kriegszug noch dreimal teil an Kreuzfahrten ihrer Könige. Der letzte Kreuzzug freilich, den Kaiser Friedrich II. im Jahre 1227 unternahm, war bereits das politische Wagnis eines sehr unkirchlichen Eroberers, der im Trotz gegen den Papst sich selbst die Herrschaft über das Mittelmeer sichern wollte und durch eine Landeshoheit im Heiligen Land die Herrschaft über die Herzen der Christenheit.

Aber außer diesen großen Zügen gingen, selten unterbrochen, die Fahrten einzelner und kleiner Gesellschaften, und die Verbindung mit dem Orient wurde durch Jahrhunderte den Abendländern so innig wie jetzt die zwischen Europa und Amerika. Und in dieser Zeit fuhr während jeder Generation einmal die Begeisterung wie ein zündender Blitzstrahl durch die Seelen der Menge. Dieselben Himmelserscheinungen, dieselben Gesichte und Wunder, derselbe wilde Taumel, Massenaufbruch und Judenhetze. Der Wandermut erfaßte sogar die Kinder. Aus dem Kölnischen zog z. B. im Jahre 1212 ein Knabe Nikolaus mit einem großen Schwarm Knaben in die Weite, er behauptete, ihm sei Macht gegeben, mit trockenem Fuß durch das Meer zu gehen und seinen Genossen unterwegs Kost zu schaffen. Die Kunde davon flog durch Stadt und Land, Knaben und Mädchen verließen ihre Eltern und hefteten sich das Kreuzzeichen an, um durch die wilde Woge zu pilgern. Den Rhein hinauf und durch Frankreich zog der unendliche Schwarm von Kindern, Lehrjungen und Mägden dem Mittelmeer zu; an der Rhone wurde ein Teil auf Schiffe gesetzt und von Seeräubern an die Sarazenen verkauft, viele verhungerten auf dem Rückweg; die Mädchen, welche den Rückzug fanden, kamen in jämmerlichem Zustand zur Heimat. Da wurde den Leuten klar, daß der böse Feind zu dem Zuge verleitet hatte.

Aber trotz dem unablässigen Zufluß neuer Volkskraft aus dem Abendland siechten die christlichen Staaten im dem fremden Land dahin. Die Eroberer wollten herrschen und handeln, nicht in der heißen Sonne das Land bauen, Sitte und Familienleben gediehen nicht zwischen griechischer Verderbnis und den Lehren des Korans, die Uneinigkeit der christlichen Parteien tat das letzte. Kräftige Häuptlinge der Kurden vereinigten die Streitkräfte des Islams, das Heer Mohammeds, durch die Kriege eines ganzen Jahrhunderts zurückgedrängt, überzog wieder Palästina und Kleinasien, stürzte die Staaten der Abendländer in Asien und Griechenland, zuletzt die große Stadt Konstantins. Die Türken besetzten die Hauptstadt Osteuropas 39 Jahre bevor auf der pyrenäischen Halbinsel die Alhambra in die Hände der Christen fiel.

Die Deutschen wurden ein wenig später als andere Völker des Abendlandes von dem Kreuzeseifer ergriffen; an dem ersten Feldzug hatten außer den verlorenen Haufen, welche kopflos voranstürmten, auch eine Anzahl Edler teilgenommen, keiner von den großen Fürsten deutscher Zunge. Und bei den Deutschen verging die Begeisterung am frühesten. Das fiel schon den Zeitgenossen auf, wir erkennen deutlich die Ursache. Es ist wahr, was die Kreuzzüge möglich machte, war ein uralter Grundzug des germanischen Wesens. Aber gegen das Wilde und Abenteuerliche der Kreuzfahrten erhob sich eine andere Richtung des deutschen Gemüts. Das Treuegefühl des Deutschen wurde durch feste Sitte und ruhige Bedächtigkeit gerichtet, seine Hingabe war von einer milden, dauerhaften Wärme. Ihn riß wohl einmal das heftig wallende Blut fort, aber er war gar nicht gemacht, sich widerstandslos auf die Länge großen Eindrücken hinzugeben. [...]

Es ist darum charakteristisch, wie die deutschen Zeitgenossen, welche von den Kreuzfahrten melden, darüber urteilen. Sie sind erfüllt von der Größe der Idee, aber sie sind in der Mehrzahl unbefangene Beurteiler der mangelhaften Ausführung und der widerwärtigen Erscheinungen, welche dabei zutage kamen. Ja sie sind mißtrauisch gegen die Motive der Kreuzfahrer und untersuchen mit verständiger Kritik die Sünden der Geistlichen und Laien, welche den Erfolg der großen Anstrengungen immer wieder verdarben. Diese Schreibenden aber sind bis zum letzten Drittel des zwölften Jahrhunderts noch sämtlich Geistliche, und es ist aus ihrem Bericht zu erkennen, daß ein großer Teil der Laien die Kriegszüge in das Morgenland noch kälter ansah.

Das tat nicht nur die kaiserliche Partei, wenn diese unter Franken und Hohenstaufen dem Papst gerade verfeindet war.

Es gab schon um das Jahr 1096 viele konservative Leute, die über die neue wilde Wirtschaft den Kopf schüttelten. Der Landmann, welcher seine Hufe baute, ehrbar unter den drei Eichen oder Linden zu Gericht saß und pünktlich sein Zinshuhn auf dem Fronhof ablieferte, sah unwillig zu, wenn sein Nachbar Haus, Hof und Habe verschleuderte und mit dem wüsten Haufen nach unsicherer Beute auszog. Alle Ehre, die der Landmann hatte, und aller würdige Brauch hing an seiner Stellung in der Heimat; der Bau, Bauernarbeit, sagte er, ist reine Arbeit, welche alle Welt erhält, wer in Gottesfurcht fest dabei bleibt, böse Leute flieht, gegen Arme barmherzig ist, dem wird der Himmel auch in der Heimat nicht fehlen. Unser Tagewerk hier ist uns wohlbekannt, wir halten den Pflug in der Faust, wir ziehen Zäune, wir ackern und säen, schneiden und dreschen nach der Väter Art, und sie waren gute Männer. Der Rat: bleibe im Lande und nähre dich redlich, muß damals aufgekommen sein.

Daß ähnliche Gesinnung unter den Stadtbürgern häufig war, beweist schon die zornige Beurteilung der Judenverfolger, welche den Frieden der Stadt störten. Gerade die Städte waren in der Mehrzahl am eifrigsten kaiserlich gesinnt, sie waren sich ihrer jungen Kraft bewußt, in ihnen hatte höhere Entwicklung eines friedlichen Verkehrs begonnen, sie waren die Orte, wo die überschießende Volkskraft sich lohnend verwertete, ihre Bürger trugen die Waffen mit Selbstgefühl, aber zur Sicherheit der Stadt oder einmal im Dienst des Kaisers, ungern für weite Kriegszüge. Aber auch der alte Reitersmann, der als Vasall seines Edelherrn im Stegreif ritt und auf der Bank seines Hoftores den Hochmut der Kaufleute in der Stadt, die Habsucht der Pfaffen und das vornehme Treiben an dem Hof seines Herzogs begutachtete, sah mißtrauisch auf die neue Reiterfahrt und die Gesellschaft fremder Reisigen, zu denen sich unruhige Genossen aus seiner Freundschaft schlugen. Denn die Fremden, welche durch das Land zogen, und seine Landsleute, welche aus der Fremde zurückkehrten, brachten neuen Brauch in Reiterwerk und Trinkhalle. Sie führten Schnabelschuhe mit langen Spitzen und bunte zerschnittene Narrenkleider. Er hatte Stahlkappe und Eisenhut rund und glatt getragen, wie sie gegen Hieb und Waldesdickicht nütze waren, jetzt begann das junge Geschlecht hohe Hörner und wunderliche Tierbilder auf den Helm zu setzen; er pflegte seinen Jungen ein »tumbes« Knäblein zu nennen, jetzt sollte er ihn als beas garzun behandeln; seine Rede sollte er mit welschen Wörtern verbrämen, statt der guten alten Tanzlieder fremde Weisen singen, wenn er zum Edelhofe ritt, fand er Bewaffnung, Kampfspiele, Zeremoniell geändert. Das störte ihm sein Behagen und dünkte ihm gegen die gute alte Zucht. [...]

Dazu kam ferner, daß der redliche Sinn des Deutschen durch das Gebaren der Kreuzfahrer immer wieder gekränkt wurde. Es war zum Teil ein wüstes Volk ohne Gottseligkeit, zuchtlos und frevelhaft gegen die Mitchristen, und Raubmörder gegen die Juden. Das konnte doch nicht Gottes Wille sein, was solche Gesellen trieben! Und wenn man vollends vernahm, daß die Kreuzfahrt erfolglos gewesen sei, und die Heimkehrenden ansah, arme zerschlagene Leute, gealtert in kurzer Zeit, vielleicht verdorben an Leib und Seele, dann wurde in vielen der Zweifel also laut: »Wenn unserm Herrn Christus so großes Leidwesen wäre, daß die Sarazenen an seiner Grabstätte herrschen, so hätte er ja allein die Macht, das heidnische Volk zu demütigen, und er bedürfte nicht unserer Hände.«

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