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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 49
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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Sehr auffallend ist das Verhalten aller Beteiligten beim Abschluß einer Ehe. Hatte der Mann die Aussicht auf ein Amt, welches eine Familie zu nähren vermochte, so waren seine Bekannten, Männer und Frauen, sofort bemüht, ihm eine Frau auszudenken, vorzuschlagen, zu vermitteln. Ehen stiften galt für eine Menschenpflicht, der sich nicht leicht jemand entzog. Strenge Gelehrte, vornehme Beamte, Regenten und Fürstinnen des Landes betrieben emsig dergleichen uneigennützige Geschäfte. Ein heiratslustiger Mann in ansehnlicher Stellung hatte zuverlässig viel von den Mahnungen seiner Freunde, von schalkhaften Anspielungen und von zahlreichen Projekten zu leiden, welche ihm seine Bekannten in das Haus trugen. Als Gellert mit Demoiselle Karoline Lucius erst wenige Briefe gewechselt hat – er hat sie noch nie gesehen – fragt er in dem ersten längern Brief, den er ihr gönnt, ob sie nicht einen Bekannten von ihm, den Kantor an der Thomasschule, heiraten wolle. Als Herr von Ebner, Kurator der Universität Altdorf, den jungen Professor Semler zum erstenmal spricht, macht er ihm wohlwollend das Anerbieten, durch eine reiche Heirat für ihn zu sorgen. Dem jungen Professor Pütter, der als Reisender in Wien ist, bietet gar ein fremder Graf, sein Tischnachbar, eine wohlhabende Kaufmannstochter als eine gute Partie an. Allerdings wird dieser Vorschlag abgelehnt. Und kühl wie das Angebot, ist der Entschluß der Beteiligten. Mann und Frau entscheiden sich füreinander oft nach flüchtigem Ansehen, nachdem sie nur wenige Worte gewechselt, niemals auch nur ein herzliches Gespräch miteinander geführt. Beiderseitige gute Rekommandation ist die Hauptsache. Ein Beispiel solcher Brautwerbung, welche den Beteiligten den Eindruck einer besonders stürmischen und leidenschaftlichen machte: Der Assessor des Kammergerichts von Summermann lernt (1754) in Bad Schwalbach ein Fräulein von Bachellé, liebenswürdig, Hofdame einer unangenehmen Landgräfin, kennen, er sieht sie öfters bei Landpartien, zu welchen beide von einem verheirateten Bekannten eingeladen werden. Einige Wochen später entdeckt er in Wetzlar dem Bekannten seinen Wunsch, das Fräulein zu heiraten, nachdem er vorsichtig Erkundigungen über den Charakter der jungen Dame eingezogen hat. Der Vertraute – es ist Pütter – besucht die arglose Hofdame; »nach einigen kurz abgetanen allgemeinen Unterredungen sagte ich gleich: ich hätte dem Fräulein noch einen Antrag zu tun, worauf ich mir ihre Erklärung ausbitten müßte. Sie sagte ganz kurz: »Was denn für einen Antrag?« Ich ebenso kurz und freimütig: »Ob sie sich wohl entschließen möchte, den Herrn von Summermann zu heiraten!« – »Ach, Sie scherzen!« war ihre Antwort. – Ich: »Nein, ohne allen Scherz, es ist voller Ernst; hier habe ich schon einen Ring und noch etwas zum Angebinde (einen seidenen Beutel mit hundert Karolinen), womit ich meinen Auftrag rechtfertigen kann.« – »Nun, wenn das Ihr Ernst ist und Sie den Auftrag vom Herrn von Summermann haben, so bedenke ich mich keinen Augenblick.« – Sie nahm also den Ring, verbat nur noch die Annahme der hundert Karolinen »und bevollmächtigte uns, ihr Jawort zu überbringen.« – Auch der weitere Verlauf dieses aufregenden Geschäftes war außerordentlich und dramatisch. Der glücklich Liebende hatte ausgemacht, daß sein Freiwerber ihm sichere Nachricht zugehen lassen sollte. Nun wäre zwar eine geschriebene Zeile in jenem tintenklecksenden Säkulum möglich gewesen, aber es scheint, daß man die schriftliche Benachrichtigung für zu weitläufig hielt, und allerdings war damals schwer, dergleichen ohne Titulaturen und Glückwünsche in eine Zeile zusammenzuziehen; es wurde also beschlossen, wie in Tristan und Isolde durch ein schwarzes oder weißes Segel der Ausgang der Unternehmung telegraphiert wird, so auch hier durch Übersendung eines gewissen Bandes des geschätzten juristischen Werkes, der »Staatskanzlei«, anzudeuten, daß der Antrag angenommen sei, ein anderer Band desselben Werkes hätte das Gegenteil insinuiert. Und der Unterschied der neuern gewissenhaften Zeit gegen jene alte der Königin Isolde bestand nur darin, daß kein falsches Signal gegeben wurde.

Aber wenn bei dieser Verbindung das Herz allerdings gewissermaßen stürmisch seine Rechte forderte, so war dies bei gebildeten und tüchtigen Menschen oft weniger der Fall. Der Professor Achenwall in Göttingen, ein angesehener Rechtslehrer, hielt um eine Tochter von Johann Jakob Moser an, ohne sie nur einmal gesehen zu haben, und sie gab ihm ebenso ihr Jawort; er heiratete nach ihrem Tode eine Demoiselle Jäger aus Gotha, der er seinen Antrag machte, nachdem er die Durchreisende zufällig einige Tage im Hause eines Bekannten gesehen hatte. So war es in der Regel die Stellung, der Haushalt, welche eine Frau suchten, wie jetzt noch in manchen Kreisen des Volkes. Die stillen Träume der Heiratskandidaten waren häufig genauso, wie sie der nüchterne Pütter schildert: das Mittag- und Abendessen der Speisewirte entspricht nicht ihren Wünschen, einsam zu essen ist nicht nach ihrem Sinn, auf Tischgenossen nicht zu rechnen, häusliche Besorgung von Wäsche, Bier, Kaffee, Zucker sind unangenehme Beschäftigungen, und abends müde von der Arbeit andere zu besuchen, wo man nicht wissen kann, ob man gelegen kommt, oder von andern Besuche zu erwarten, die einem selbst vielleicht nicht gelegen sind: – »das alles werden Gegenstände von Überlegungen, Erfahrungen, Beobachtungen, welche zu überzeugen scheinen, daß man auf die Dauer in der bisherigen Lage nicht glücklich bleiben werde.« Allerdings wird auch die Wichtigkeit dieses Schrittes durchaus nicht verkannt, die stillen Erwägungen dauern lange, ein heimliches Schwanken zwischen mehreren annehmbaren Partien ist häufig. Und eben deshalb wird in der Regel die Sache einer wohlwollenden Vorsehung anheim gestellt, und ein zufälliges Begegnen, eindringliche Rekommandation einer gewissen Person immer noch als ein Wink von oben betrachtet.

Und die so dachten waren damals die geistigen Führer des Volkes, die Schüler und Nachfolger von Leibniz, Thomasius, Wolff, ehrenwerte, gute, vielleicht sehr gelehrte Männer, und wieder Mädchen und Frauen aus den besten Familien des Volkes. Freilich ist es eine uralte deutsche Sitte, welche den einzelnen in dieser wichtigen Angelegenheit des Lebens dem Urteil und Interesse seiner Familie unterordnet, denn die Ehe wurde von dem Deutschen als das große Amt des Lebens aufgefaßt, das mit Pflichttreue zu verwalten und nicht nach den Einfällen gaukelnder Phantasie mit einer Gehilfin zu besetzen sei.

Aber diese strenge und verständige Auffassung lag schon um 1750 im Kampf mit größeren Anforderungen, welche einzelne Persönlichkeiten machten. Bereits war man geneigt, einem reicheren Gemütsleben und größerer Selbständigkeit, wo sie einmal auftrat, nachzugeben. Als Karoline Lucius den angebotenen Kantor der Thomaskirche bescheiden aber fest zurückweist, empfindet Gellert eine kleine Beschämung, daß er seine Korrespondentin mit dem landesüblichen Maßstab gemessen, und in seinen Briefen ist seitdem eine wirkliche Hochachtung zu erkennen.

Wie häufig aber auch einer Bewerbung der Zauber der schönsten irdischen Leidenschaft fehlte, welche wir in dem Leben anderer so gern voraussetzen, so waren doch die Ehen, soweit wir urteilen können, deshalb nicht weniger glücklich. Daß man sich ins Leben schicken müsse, war eine sehr populäre Weisheitsregel. Der Mann, welcher eine angesehene Stellung, ein sicheres Einkommen mit der Erwählten teilen wollte, bot ihr nach der Auffassung jener Zeit sehr viel; ihr Dank mußte sein, durch unablässigen treuen Dienst seine mühsamen, arbeitsvollen Tage gemächlicher zu machen. Ja, bereits war in den Seelen der Frauen etwas Höheres lebendig geworden, welches wir wohl die Poesie des Hauses nennen dürfen. Die Kenntnisse, welche eine deutsche Frau erwarb, waren im ganzen gering. Wenn Vornehme nicht orthographisch schreiben, so erklärt sich das aus dem Schwanken der Erziehung zwischen Französisch und Deutsch, aus einer Zwitterbildung, welche auch Männern den Stil verdarb, nicht nur Friedrich II. und andern Regenten, selbst hohen Beamten, wie jenem kaiserlichen Gesandten, der an Gellert schrieb und ihn bat, seine Briefe mit Korrekturen zurückzusenden, damit er hinter die Geheimnisse der Rechtschreibung komme. Aber auch der deutsch erzogenen Tochter eines gebildeten Bürgerhauses fehlte es in der Regel an korrekter Schrift und eigenem Stil. Etwas Französisch lernten aber viele Frauen, auch Italienisch wurde im protestantischen Deutschland wohl häufiger getrieben als jetzt; ließen doch Studenten in Halle unter Anleitung ihres Sprachlehrers sogar italienische Abhandlungen drucken. Sonst scheint die Schule für die Frauen wenig getan zu haben, der Musikunterricht bestand im Einüben leichter Lieder und Tanzweisen am Klavier.

Desto mehr tat die Pflicht des Hauses. Für Wohl und Behagen ihrer Umgebung zu sorgen, der Eltern, Brüder, später des Gatten und der Kinder, das war die Aufgabe der heranwachsenden Töchter. Daß darin ihr Leben beruhe, wurde ihnen unaufhörlich gesagt, es verstand sich nach jedermanns Ansicht von selbst. Und diese Sorge beschränkte sich doch nicht, wie im 16. Jahrhundert, auf den Befehl in der Küche, das Einkochen von Latwergen und das Ordnen der Wäsche; unverkennbar war die Frau durch die letzten hundert Jahre in eine würdigere Stellung zum Gatten gebracht, sie war seine Freundin und Vertraute geworden, bei vielleicht dürftigem Wissen ist ein fester Sinn, ein klares Urteil, feine innige Empfindung an sehr vielen zu rühmen, von denen uns zufällige Kunde geblieben ist. Auch an Frauen einfacher Handwerker. Wenn die Männer durch den Staat und die Pietät weicher, zaghafter, unselbständiger geworden sind, die Frauen sind durch dieselbe Zeit offenbar gehoben. Der Vergleich mit früherer Vergangenheit liegt nahe. Man denke an Käthe Bora, welche den arbeitenden Luther bittet, sie neben sich zu dulden. Dann sitzt sie stundenlang schweigend, hält ihm seine Schreibfedern und starrt aus ihren großen Augen auf das geheimnisvolle Haupt des Gatten; unterdes sucht sie unruhig in der eigenen Seele all ihr armes Wissen zusammen und bricht endlich in eine Frage aus, welche, in die Verhältnisse von 1750 umgesetzt, ungefähr so lauten würde: »Ist der Kurfürst von Brandenburg ein Bruder des Königs von Preußen?« Und wenn Luther ihr lachend erwidert: »Es ist derselbe Mann«, so ist seine Empfindung bei aller Zuneigung doch: »arme Einfalt«.

Dagegen um 1723 sitzt Elisabeth Gesner ihrem Mann in der Wohnstube des Konrektorats zu Weimar gegenüber, er arbeitet an seiner Chrestomathie des Cicero, schreibt mit der einen Hand und bewegt mit der andern die Wiege; unterdes bessert Elisabeth fleißig an den Kleidern ihrer Kinder und verhandelt launig mit den Kleinen, welche sich gegen die aufgesetzten Flecke sträuben, bis ihnen die Mutter vorschlägt, die neuen Stücke als Sonne, Mond und Sterne auszuschneiden und in dieser prächtigen Gestalt aufzunähen. Das helle Licht, welches damals aus dem Herzen der Hausfrau in die dürftige Wohnung strahlte, und das fröhliche Lächeln, welches über das Antlitz des Gatten flog, ist aus seinem Bericht noch für uns zu erkennen. Als sie starb nach langer, glücklicher Ehe, sprach der greise Gelehrte: »Eins mußte allein bleiben: da will ich lieber der Verlassene sein, als daß sie es wäre«; er folgte ihr wenige Monate später. Und wieder kurz nach 1750 sitzet die Frau Professorin Semlerin zu Halle neben ihrem arbeitenden Mann, eine weibliche Arbeit in der Hand, beide freuen sich so sehr, einander in der Nähe zu haben, daß er seine Studierstube nur als Aufenthalt für die Bücher benutzt, und daß sie jede Gesellschaft als eine Trennung von ihrem Gatten betrachtet. Er hat sich so gewöhnt in ihrer Gegenwart zu arbeiten, daß ihn Spiel und Lachen seiner Kinder, selbst ein lautes Geräusch nicht mehr stört. Vor der Umsicht und dem Urteil seiner Frau empfindet er eine unbegrenzte Hochachtung, im Haushalt herrscht sie uneingeschränkt; wenn den erregbaren Mann ein widriger Fall beunruhigt, weiß sie schnell in ihrer sanften Weise die rechte Abwehr zu finden; sie ist treue Freundin und die beste Ratgeberin in seinen Universitätsbeziehungen, seine feste Stütze, immer voll Liebe und Geduld; und sie hatte doch sehr wenig gelernt, und auch ihre Briefe litten an Schreibfehlern. Es wird noch später von ihr die Rede sein.

Dergleichen Frauen, einfach, innig, fromm, klar, fest, dabei kurz entschlossen, zuweilen von außerordentlicher Frische und Heiterkeit, sind in dieser Zeit so häufig, daß wir sie wohl zu den charakteristischen Gestalten rechnen dürfen. Es sind die Mütter und Ahnfrauen, auf deren Tüchtigkeit fast alle Familien der Gelehrten, Dichter, Künstler, welche in den nächsten Generationen bis zur Gegenwart heraufkamen, einen Teil ihres Gedeihens zurückzuführen haben. Nicht starke Männer zog uns die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, aber gute Hausfrauen, nicht die Poesie der Leidenschaft, aber ein innigeres Leben der Familie.

Und wenn wir, Enkel und Urenkel der Zeit, in welcher Goethe und Schiller zu Männern wuchsen, über die innere Unfreiheit lächeln, welche bei Bewerbung und Brautstand um 1750 zutage kam, über den Mangel an echter Zärtlichkeit trotz der allgemeinen Sehnsucht nach zarten, rührenden Empfindungen, über die Unfähigkeit, der schönsten Leidenschaft in Sprache und Wesen vollen Ausdruck zu geben, so mögen wir auch gedenken, daß gerade damals die Nation an den Pforten einer neuen Zeit stand, welche diesen Mangel in Reichtum verwandeln sollte. Die Periode der Frömmigkeit hatte eine milde Weichheit in das Volk gebracht, die Philosophie der Mathematiker hatte über Sprache und Leben eine ruhige Klarheit verbreitet, die folgenden fünfzig Jahre einer intensiven poetischen Tätigkeit und kräftigen Produktion in jedem Reich der Wissenschaft sollten der Nation eine reichere Entfaltung des Gemütslebens bringen. Nachdem dies geschehen, war der Deutsche von den guten Geistern seines Hauses nach grauser Verwüstung und Untergang wieder so weit heraufgebildet, daß seine Seele über die Interessen des Privatlebens hinaus für größere Aufgaben und die männlichste Arbeit gestärkt war. Nach Spener, Wolff, Goethe kamen die Freiwilligen des Jahres 1813.

Hier aber soll durch die Aufzeichnung eines Zeitgenossen bestätigt werden, was oben über Zustände, Charakter und Brautwerbung der Deutschen vom Jahre 1750 gesagt wurde. Der hier sprechen soll, ward auf den vorhergehenden Blättern bereits einigemal genannt, es ist ein Mann, welchem die Wissenschaft für immer wohlwollende Erinnerung bewahrt. Johann Salomo Semler (1725–1791), Professor der Theologie zu Halle, war einer der ersten, welche sich von dem Autoritätsglauben der protestantischen Kirche losrangen und dem Bedürfnisse nach eigener Forschung folgend mit der wissenschaftlichen Bildung ihrer Zeit ein Urteil über Ursprung und Wandlung der kirchlichen Dogmen wagten. Seine Jugend war im Kampf mit dem Pietismus, aber auch unter der Herrschaft desselben vergangen. Sein warmes Herz hielt, solange es schlug, wie Luther und die Pietisten das kindliche Verhältnis zu seinem Gott und Vater fest, als Gelehrter aber war derselbe Mann, den die Ereignisse des Tages so oft weich, unsicher und abhängig von seiner Umgebung fanden, kühn, entschieden, zuweilen radikal. Mit ihm begann die Kritik der heiligen Traditionen, er war der erste, welcher planvoll die geschichtliche Entwicklung und Umwandlung des Christentums zu begreifen wagte und die Theologie als einen historischen Prozeß und als ein Moment in der allmählichen Entwicklung des Menschengeistes darstellte, nicht konsequent, mit sehr mangelhaftem Verständnis alter Zeiten, aber doch nach den Gesetzen der Wissenschaft. Den inneren Gegensatz zwischen seinem Glauben und Forschen verhüllte er sich noch dadurch, daß er wie die Pietisten strenge zwischen Religion und Theologie unterschied, zwischen dem ewigen Bedürfnis des Gemütes, welches ihm befriedigt wurde durch die alten ehrwürdigen Gestalten des überlieferten Glaubens, und zwischen dem ewigen Drang des Geistes, jede irdische Erscheinung zu verstehen. Man hat ihn deshalb den Vater des Rationalismus genannt, in Wahrheit ist er ein aufgeklärter Pietist, eine der bedeutsamen Gestalten, welche dazu berufen sind, durch die Vereinigung entgegengesetzter Bildungen ein neues Leben vorzubereiten. In Saalfeld geboren, Sohn eines Geistlichen, in Halle Schüler des gelehrten Baumgarten, dann ein Jahr in Coburg Redakteur der dortigen Zeitung, ein Jahr Professor der Geschichte und Poesie auf der Nürnberger Universität Altdorf, wurde er durch Baumgarten nach Halle berufen, wo er fast vierzig Jahre siegreich gegen die alten Pietisten kämpfte und als eines der würdigsten Häupter der großen Universität starb. Das Folgende enthält den Bericht, welchen er selbst über seine Liebe und Brautwerbung gibt. Er kann hier nicht ohne kleine sprachliche Änderungen mitgeteilt werden, denn Semler hat, was für ihn charakteristisch ist, in seinem Stil nicht nur lateinische Satzbildung, auch viel von der undeutlichen Redeweise der alten Pietisten. Er liebt wie sie ein geheimnisvolles Umschreiben, Andeuten und halbes Verhüllen, das zuweilen den Sinn unverständlich macht und zu langsamem Lesen nötigt. Und noch eine Erinnerung ist nicht unnütz, damit das Folgende nicht die Erwartung täusche: der hier erzählen soll, ist in der Tat ein feinfühlender Mann gewesen, der die volle Achtung seiner Mitlebenden genoß.

Semler hat die Trennung von der Familie Baumgarten durchgemacht, ist als Magister von Halle in sein Vaterhaus nach Saalfeld zurückgekehrt, und hat dort die Bekanntschaft mit einer Jugendfreundin erneuert. Er erzählt also:

Mein Aufenthalt in Saalfeld dauerte nicht eben lange, ganz vergnügt war er mir auch nicht. Ich sah zwar jene würdige Freundin sehr oft, und wir vergnügten uns aneinander, so sehr wir in unserer tugendhaften Ernsthaftigkeit konnten; es war aber dabei nichts von der Wonne oder großen Freude, welche unsere neueren ZeitgenossenDie hier erwähnte Freundin ist nicht genannt, sie scheint von Adel oder aus dem höheren Beamtenstande gewesen zu sein. in so viel Romanen als übermenschlich beschreiben, oder vielmehr poetisch malen und gar gefühlvoll darstellen. Es war wirklich, als ob uns schon ahndete, daß diese seltene Harmonie zweier Seelen und Charaktere etwas zu Großes war, als daß ihr eine Verbindung hätte zuteil werden können. Die Unwahrscheinlichkeit fand ich in ihrer, sie in meiner Lage, aus sehr verschiedenen Gründen. Mit mir sah es sehr weitläufig aus, da ich das große Glück nicht erreichen konnte, Konrektor zu werden, zu welcher Stelle sie sich sogar erniedrigen wollte; auch sah ich die Anlage zu einigen Schulden wieder ganz nahe vor mir, die ich einer so schätzbaren Person nicht ankündigen konnte. Ich fand mich also jeder zufälligen Aussicht gleichsam unvermeidlich unterworfen. Sie aber hatte ziemlich alte Eltern, auch noch lauter unversorgte Geschwister; wie war ihr zu raten, daß sie aufs Ungewisse sich mit mir verbinden und das bekanntmachen solle und sich dadurch für glücklichere Verehrer ganz unzugänglich machen? Wir versprachen indes mit zärtlicher Wehmut alles was möglich sein würde und waren von unserer Rechtschaffenheit überzeugt, aber auch entschlossen, nichts zu ertrotzen, was dem einen Teil sichtlichen Nachteil breiten konnte.

Mein Vater hatte an einen alten Freund, Kammerrat Fick in Coburg, geschrieben und den ersucht, für mein Unterkommen einige freundschaftliche Spekulation zu machen. Der tat es, ehrlich und gutmeinend.

(Semler reist nach Coburg, erhält dort den Titel Professor, aber kein Gehalt, wird »Verfasser« der Coburgischen Staats- und Gelehrten-Zeitung und mietet sich bei einer verwitweten Doktorin Döbnerin ein, einer munteren Frau, welche wohlhabend ist, sich gern mit ihm unterhält und der er auf manche theologische und historische Frage antworten muß. Sonst war es ein stiller, ehrbarer Haushalt; eine Tochter, die Demoiselle Döbnerin, war noch im Hause, um welche sich der Professor, der sehr viel Arbeit, aber geringe Einnahme findet, wenig kümmert. So lebt er ein Jahr, da erhält er durch einen Bekannten die Nachricht, daß an der Universität Altdorf eine Professur erledigt sei, die er wohl erhalten könne, er müsse sich aber selbst vorstellen. Diese Kunde regt ihn sehr auf, es zieht ihn mächtig nach einer Universität, er hat bis dahin keine Möglichkeit gesehen, jetzt öffnet sich eine Aussicht, aber ihm fehlt das Geld zur Reise, ja er ist seiner Hauswirtin noch Miete und Kostgeld schuldig, er zergrämt sich lange in der Stille.)

Die Frau Doktorin, meine Tischwirtin, bemerkte selbst, daß ich seit etlichen Tagen gar nicht die Munterkeit zum Sprechen äußerte, die ihr sonst so wohl gefiel, weil sie dadurch Gelegenheit zu ihren gewöhnlichen Klagen und alten Erzählungen erhielt; dazu schien ich jetzt nicht mehr die Hand zu bieten, vielmehr mich immer zu bald zu entfernen. Sie fragte mich also, was die Ursache wäre? Ich war so betroffen, daß ich gestand, ich hätte einen Vorschlag zur Professur in Altdorf; es erfordere geschwinde Resolution, und ich hätte gar ernstliche Überlegungen zu machen. Diese Anzeige, daß ich bald wegkommen könnte, schien Mutter und Tochter in Aufregung zu bringen, und ich beobachtete nun schärfer als ich sonst zu tun pflegte. Bis hierher hatte ich an die Tochter, die ohnehin alles im Hause besorgte und nur selten zugegen blieb, wenn wir abgegessen hatten, weiter gar nicht gedacht, als es gerade die Gesetze der Höflichkeit mit sich brachten; zu dieser Höflichkeit rechnete ich aber weder Handküssen noch gefällige Plaudereien. Die Mutter hatte bei aller lustigen Lebhaftigkeit eine sehr strenge Ordnung für ihre Tochter eingeführt, weil sie mit der freiem Lebensart ihres Geschlechts, die schon damals ziemlich in Coburg herrschte, durchaus nicht zufrieden war. Sie behielt die alten Grundsätze, wonach sie selbst in Saalfeld erzogen worden war, und es gab also wenig Visiten in ihrem Hause; wozu sie auch wirklich nicht viel Zeit übrig hatten: so sehr ordentlich wurde diese Haushaltung von ihnen geführt. Man nannte es freilich Geiz und Genauigkeit; aber für eine Stadt sind solche Haushaltungen gewiß sehr nötig; und jene andern, die so gern Geld vertun, das sie borgen müssen, sollten wenigstens nicht ihre unentbehrlichen Wohltäter, von denen sie leihen, so übel beurteilen. Ich kannte das ungestörte tägliche Vergnügen, das in diesem Hause herrschte, und fand dann gewiß viel mehr glückliches menschliches Leben als bei den vielen andern, wo Glanz und Geräusch war.

Nun erneuerte sich in mir jede Erinnerung, daß Personen in Coburg mich schon zuweilen gewarnt hatten vor dieser Bekanntschaft, die ich doch so gleichförmig untadelhaft fand. Meine Beobachtungen wurden zusammenhängender, mir schien, als ob ich gern gesehen wäre; nur wenn der Schluß herauskommen sollte: ich will mir durch diese so stille, so tugendhafte Tochter zu helfen suchen, dann entfiel mir das Herz. Wo sollte auf einmal die Wahrscheinlichkeit dieses zu hoffen herkommen, da ich fast ein Jahr lang bedächtige Unaufmerksamkeit mir hatte zuschulden kommen lassen. Sie hatte schon einen Professor ausgeschlagen, und ich kannte noch andere Proben ihres selbständigen, gar nicht übereilten Nachdenkens, wo manche andere durch den Hang zur Eitelkeit sich leicht würde haben bestimmen lassen. Um so weniger war es wahrscheinlich, daß sie mich nehmen würde, da ich außer mir selbst gar nichts von äußerlichen Vorteilen zeigen oder versprechen konnte. Ich nahm jedoch eine größere Aufmerksamkeit gegen Mutter und Tochter an als bisher, ich kann sagen, immer noch in einer sehr großen Unentschlossenheit.

In dieser Zeit schrieb ich an meine Schwester nach Saalfeld; kläglich genug war der Inhalt dieses Briefes, der um einiger doch nicht sehr großen Schulden willen, bloß weil ich kein Geld mir schaffen konnte, mich auf einmal von meiner dortigen Freundin lossagen sollte, die ich noch jetzt mit Grund verehre. Ich war freilich nicht imstande, durch warme Wünsche meine Lage in eine bessere zu verwandeln. Sollte ich in Saalfeld Geld borgen, so hinderte es gewiß mein Vater; wie ich ohnehin nicht undeutlich gemerkt hatte, daß er immer meine Pläne mir auszureden suchte und mich ermahnte, ja der Vorsehung durch keine Übereilungen entgegenzutreten. Sehr viele trübe Stunden hatte ich, ehe ich von Saalfeld Antwort erhielt, und noch mehrere, als ich sie bekam, und diese Trennung jetzt ganz richtig und abgemacht war. Ein sehr ernstliches Nachdenken über viele ähnliche Fälle, die meiner Lage entsprachen, beruhigte mich nach und nach, obgleich die Hochachtung gegen jene würdige Person unauslöschlich blieb.

Desto mehr fühlte ich aber meine sehr geringe Stellung; ich geriet also in ein wirkliches Gefühl von Niedrigkeit und machte mir einen Vorwurf nach dem andern. Deshalb also sollte diese so folgsame, tugendhafte Tochter den Vorzug haben, damit sie so oder so viel Geld für mich ausgeben könnte, woran sie gewiß sowenig als ihre Mutter dachte; denn in dieser Absicht hatten sie mir gewiß die vielen Gefälligkeiten nicht erwiesen; sie sahen mich schon lange dafür an, daß ich meine Neigung für jemand bestimmt hätte; sie erinnerten mich oft so freundlich an Halle, von wo ich den unvergleichlichen Charakter Dr. Baumgartens so oft, so sichtbar, mit ganzer Empfindung ihnen gepriesen hatte; und gerade, weil ich ihnen gegenüber Bescheidenheit und ein lebendiges Gefühl für Halle gezeigt, hatten sie vorteilhaft von mir gedacht und ein dortiges Verhältnis als ausgemacht angenommen. Wie sollte ich sie nun auf einmal von etwas anderem überreden, ohne ihnen selbst offenes Feld für vielerlei mir nachteilige Gedanken und Betrachtungen zu bereiten? Ich allein weiß es, wie mein Gemüt in dieser Zeit ganz daniederlag, wie ganz ohne Mut und Ruhe ich Tage und Nächte zubrachte, bis ich mich unter das allgemeine Gesetz der einzigen höchsten Regierung Gottes bequemen lernte. Mehr als einmal verwirrte mich wieder der starke Zweifel, ob ich auch so wichtig wäre, daß die göttliche Providenz sich auf mich erstreckte, ob nicht alle meine Sorge Folge meiner Fehler und meines unüberlegten Verhaltens sei. Kurz, ich konnte diesen drückenden Zustand ebensowenig länger aushalten, als ich in Klagen Zeit zu verlieren hatte. Ich mußte nach Nürnberg melden, daß ich so und so viel Tage vor Petri Pauli gewiß eintreffen würde.

Und nun schrieb ich zwei Briefe: einen an die Mutter, und an die Tochter den andern, in jenem eingeschlossen, worin ich meine Absicht, aber auch ebenso deutlich meine jetzige Lage entdeckte, mich auf ihre eigene Kenntnis und Beurteilung meiner Grundsätze berief und verließ. Mündlich konnte ich unmöglich so überlegt und klar vortragen, was zusammengehörte. Diesen Brief nahm ich mit mir, da ich abends zu Tisch ging, und legte ihn in das gewöhnliche Gebetbuch der Mutter, das immer an seinem Ort lag, so daß der Brief ganz unfehlbar noch diesen Abend in ihre Hände kommen mußte. Ich ließ mir sonst nichts merken, ging aber doch etwas eher weg, als ich zeither immer tat, damit desto mehr Zeit zu dieser Entdeckung und ihrer Beurteilung übrigbleiben möchte. In dem Brief an die Mutter hatte ich gebeten, wenn es ihr geradehin mißfällig wäre, was ich vortrüge, so möchte sie den Brief an die Tochter gar nicht aufbrechen lassen, sondern mir beide wieder zuschicken und alsdann die Sache meinem zu großem Zutrauen in ihre gute Denkungsart gefällig anrechnen. – Je einsamer ich mich zeither zu halten pflegte, desto tiefere Eindrücke hatten meine ängstlichen, ganz unsteten Wünsche in meiner Seele gemacht; mein Gemüt fing nun an, sich ernstlicher zu Gott zu erheben, in einer tiefen, gänzlichen Unterwerfung, um der Unruhe, die aus einzelnen Dingen und ihrem uns unkenntlichen Zusammenhang entsteht, mehr und mehr durch Vorstellung des Unendlichen los zu werden. Ich empfand das Wachstum meiner Gelassenheit und einer zufriedenen Einwilligung in alle Schickungen, die ich lange Zeit mir selbst zu verschaffen so vergeblich unternommen hatte.

Es vergingen drei Tage, in denen wir Hausgenossen einander ebenso begegneten, als wenn gar nichts unter uns vorgekommen wäre, worüber Antwort erwartet würde; und ich überredete mich schon, es sei eine gütige Schonung meiner Empfindlichkeit, daß mein Antrag geradezu in Stillschweigen begraben werden sollte, weil man mich der unangenehmen Aufklärung überheben wollte. Wie ich mir auch sonst den Vorwurf machen kann, immer gar zu wenig Gutes für mich gehofft zu haben. Den nächsten Sonntag, es war der 15. Junius des Jahres 1751, wie ich mittags von Tisch gehen wollte, bat mich die Frau Doktorin, diesen Nachmittag eine Tasse Kaffee bei ihr zu trinken. Noch hielt sie alle Mienen so richtig in Ordnung, daß ich nicht viel Vorteilhaftes auch von dieser Einladung mir versprechen konnte. Die nächsten zwei Stunden brachte ich in freier Luft mit Spazierengehen zu, in einer sehr gefaßten Stellung meines Gemüts, in Wiederholung vieler schon vorübergeschwundener Vorstellungen und Wünsche und in ziemlich großer Betrübnis über meine zunächst schon bevorstehende Reise, die mich nun weit genug von Saalfeld und Halle bringen mußteEr sucht Fassung dadurch, daß er wieder an die beiden Demoisellen in Halle und Saalfeld denkt.. Ich kam also nicht eben zu bald wieder zurück und ging gerade in ihr Zimmer. Sogleich entdeckte ich eine so natürlich ausgedrückte beifallvolle Freundlichkeit in den Augen der Mutter, die mir entgegenkam, daß ich nun gar nicht mehr an dem Erfolg meines Antrags zweifelte, daß aber auch meine ehrerbietige Empfindung sich ebenso sichtbar an den Tag legte, als ich zu reden anfing. Die Gleichheit der Empfindungen, worin wir drei jetzt uns befanden, legte sich gleich kenntlich in unsere Augen, eine Art von Feierlichkeit entstand, alle drei wandten wir uns sogleich dankend zu Gott. Die Mutter legte mir nun die zwei Briefe vor und fragte: »Gestehen Sie, daß Sie dies geschrieben haben?« »O ja«, sagte ich, und küßte ihr die Hand. Sie küßte mich lebhaft und versicherte mich der zufriedensten Genehmhaltung.

Ihre Tochter verlor sehr bald die bisherige Schüchternheit und schlug jetzt die Augen angenehm auf, weil sie wußte, daß es der Mutter nicht mißfiel und sie ein Recht hatte, sich zu empfehlen. Wir hatten beide keine Romananleitung gehabt, sie hätte sonst nicht auf mich und die Erlaubnis der Mutter gewartet. Eine für mich so schwere und so wichtige Sache fand also ihren leichten Gang, ohne daß ich irgendeinen anderen Menschen oder die Künste oder Ränke, womit viele eine Braut berücken, zu Hilfe genommen hätte.

Es ist nicht nötig, daß ich es erzähle, was mein Gemüt für den heiligen schamvollen Dank gegen Gott einschloß, wie sehr ich mich bemühte, diese innere Stille und Ruhe zu behalten bei dem nun entstehenden Gerede über diesen meinen Entschluß.

Der Charakter meiner Braut war für mich gleichsam ausgesucht. Sie hatte eine angenehme Bildung, obgleich die Pocken, die sie schon sehr erwachsen ausgestanden hatte, das übrige Lob der Haut merklich zerstört hatten. Ihre Erziehung war teils unter den Augen der Großmutter und einer vortrefflichen Tante, teils von der Mutter neben ihrem Bruder durch gehaltene Hauslehrer besorgt worden. Nach dem Tode des Vaters hatte die Mutter sich und diese Tochter wohl etwas zu sehr in Eingezogenheit gehalten. Sie hatte aber desto mehr in jeder Geschicklichkeit, die ihrem Geschlecht wahre Vorzüge gibt, zugenommen; ihr Urteil war so richtig, daß es die Mutter gemeiniglich in häuslichen Einrichtungen ihrem eignen vorzog. Sie schrieb einen gut ausgedrückten Brief, meist schön und gleich in Zügen und mit sehr wenigen Fehlern gegen die Orthographie. Hierin übertraf sie alle ihre vielen Verwandten. Geldrechnung verstand sie viel besser als ihre Mutter und hatte, da sie kaum fünfzehn Jahr alt war, bei langer Abwesenheit der Mutter einzelne Einnahmen von mehr als achtzehnhundert Gulden so richtig berechnet, daß auch gar nichts daran fehlte. Über ihr bisheriges Eigentum aus der Erbschaft eines Onkels in Coburg, das über viertausend Gulden und mehr betrug, führte sie schon einige Jahre her ihre eigene Rechnung. Sie hatte tanzen gelernt und trug sich sehr gut, liebte es aber nicht sonderlich; ihren Putz machte sie sich selbst, sogar vieles von der Kleidung, und stets im Geschmack. Nur wurde diese Belustigung an eigener Hände Arbeit von andern ihres Alters, die daran kein Vergnügen fanden, für eine Folge zu großer Genauigkeit angesehen. Sie war es gewiß nicht, wie ich bald erzählen werde.

Wir gingen nun freilich mehr miteinander um, auch die wenigen Tage, die ich noch übrig hatte, oft spazieren, zumal in ihrem großen Garten auf der Lossau. Da saßen wir zuweilen unter einem Baum und übersahen die vor uns liegende Stadt. Sie war so aufrichtig, daß sie mir von selbst sagte: »Nun wenden Sie ja einige Bemühungen und Aufsicht auf mich, mir Mängel abzugewöhnen, die ich in der langen Einsamkeit mir zugezogen habe. Ich werde durch meine Ergebenheit vielleicht Ihnen mich empfehlen und durch mein ganz reines, gutes Herz; da wir aber unter viele Leute, zum Teil von der sogenannten großen Welt kommen, so helfen Sie mir auf, daß ich Ihnen alsdann nicht zum Nachteil gereiche, bis ich selbst richtiger über das Äußerliche urteilen lerne. Denn Sie übertreffen mich an Verstand, an Artigkeit des Sprechens und des Umgangs.« – Mir wurden die Augen naß über diese Redlichkeit. Sie weinte mit mir; ob es mich nun reue? ob ich nicht schon lange diese ihre Mängel erkannt hätte?

Ich hatte hier die beste Gelegenheit, sie von einer andern Seite zu erheben, indem ich antwortete: »Mit mehr Recht drückt mich die Sorge, daß es Sie selbst reuen möchte, einem Professor Ihre Hand und Herz gegeben zu haben, den Sie bald äußerlich ganz dürftig finden werden, ob er gleich arbeitsam sein wird. Und nun will ich auch Ihnen meine Sorge ganz ohne Rückhalt vorlegen. Sie wissen zwar, daß mein Vater mir nichts geben kann; Sie wissen aber wohl nicht, daß ich Ihnen Haus- und Tischschuld jetzt nicht bezahlen kann, daß ich auch noch manche kleine Schulden am Ende abmachen muß, wenn wir mit Ehren von Coburg wegkommen sollen.«

Sie sah mir zärtlich in die Augen und sagte: »Wenn Sie wirklich keine andern Ursachen haben betrübt zu sein, so bin ich freilich sehr glücklich zu sagen, daß ich Ihnen gleich zu helfen imstande bin. Denken Sie also an nichts weiter, als mich Ihrer immer wert zu machen, damit ich in Gesellschaft Ihnen keinen Nachteil bringe. Ich bin Herr über mein eigenes Vermögen, wozu ich bisher den Dr. Berger als meinen Kurator zuweilen um Rat frage. Der hält Sie selbst zu hoch, als daß er mir das Geringste in den Weg legen wird, wenn ich Ihnen gern dienen will.«

Und diese uneigennützige, ehrliche Denkungsart hat auch diese würdige Person stets behalten und mich aller Beschämung oder Betrübnis über meine Lage überhoben.

Nun dachte ich auf meine Reise, um nicht zu spät nach Nürnberg zu kommen. –

Zu Nürnberg gibt es noch sehr viele Merkmale eines hohen Altertums, die einen großen Eindruck auf mich machten. Der Prediger Birkmann bei der Ägidienkirche hatte mir gütig angeboten, bei ihm Quartier zu nehmen; ich wurde überaus liebreich aufgenommen und bekam eine Stube ganz oben, worin seine Bücher stunden; welche Nachbarschaft mir sehr nützlich war, indem ich des Abends einige Nachrichten von Nürnberg selbst aufsuchte, um nicht in allen Dingen so gar fremd zu sein. Sobald als möglich ließ ich mich den Herren des Rates auf dem ansehnlichen Saal des Rathauses vorstellen, zu einer Stunde, da sie eben auf einige Minuten aus ihren besonderen Zimmern auf den Saal traten. Der große Eindruck dieses sehr ansehnlichen Gebäudes und viele mir ganz ungewohnte Umstände taten eine gute Wirkung auf mich, daß ich mit Rührung und Modestie zum erstenmal eine Parrhesie zu meiner angelegentlichen Empfehlung anwendete, welche mir den gnädigen Beifall dieser sehr verehrungswürdigen Personen erwarb. Herr von Ebner, dessen eigene Gelehrsamkeit und große, edle Denkungsart jedermann mit Hochachtung erfüllte, ließ mir nachher noch sagen, daß er mich des Nachmittags in seinem Hause erwarten würde. Ich suchte die Stille meines Gemüts wieder zu gewinnen, um durch das viele Unerwartete so wenig als möglich zerstreut zu sein und diese Aufwartung desto mehr zu meinem Vorteil zu benutzen. Da dieser Herr fast gar nicht sehen konnte, so entging mir schon viel Beistand, indem ich durch eine ungekünstelte modeste Stellung, die ich stets liebte, mir sonst manchen Eingang verschafft hatte, sogar bei Personen, die vorher wider mich eingenommen gewesen waren. Nachdem ich einige Minuten gestanden und meine wahre dankvolle Empfindung in den besten Sätzen meiner Rede ausgedrückt hatte, die wenigstens den Schwulst ebensosehr als das Alltägliche vermied, so sagte er: »Herr Professor, Ihre Stimme und Rede gefällt mir so wohl, daß ich es sehr bedaure, Sie nicht mit meinen Augen genauer anschauen zu können. Setzen Sie sich her zu mir; ich muß doch allerlei mit Ihnen reden. Der große Mann, den wir verloren haben, Professor Schwarz, hat Sie insbesondere an mich recht vertraulich empfohlen, während es freilich an vielen Kompetenten der Stellen nicht fehlet, die durch ihn erledigt worden sind.« Nun kam er auf meine Miscellaneas lectiones, davon er sich hatte vorlesen lassen, und fragte so viel einzelnes, daß die Unterredung einem Examen sehr ähnlich war. Endlich sagte er mit kenntlicher Freude: »Sie sind gerade mein Mann; wo ich hin will, da sind Sie schon. Ich wünsche herzlich viel Glück für Sie und für Altdorf.« Darauf ließ er Tridentiner Wein bringen, und der Diener mußte das Glas nicht leer stehen lassen. Nun wurde er so gnädig, da ich aufstand, daß er sagte: »Kann ich für Sie sorgen durch eine reiche Heirat, so sagen Sie es jetzt geradeheraus.« Ich küßte ihm die Hand sehr ehrerbietig, legte die Augen darauf und sagte mit großer Empfindung geradehin: »Ich danke.« – »Um desto lieber ist es mir«, sagte er, »wenn Sie gar keine Unruhe des äußerlichen Lebens mehr haben.« Er befahl mir, wenn ich von Altdorf zurückkäme, nochmals bei ihm anzufragen, indem er mich in seinen Garten mitnehmen und noch mehr mit mir verabreden wollte; was auch nachher geschehen ist. Ich muß sagen, eine so edle Herablassung und tätige Wertschätzung, als die Herren von Nürnberg ihren Gelehrten stets erweisen, habe ich sonst nicht oft wieder angetroffen.

Der Prediger Birkmann reiste mit mir nach Altdorf. Unterwegs fand ich für sehr gut, dem rechtschaffenen Mann zu erkennen zu geben, daß Herr von Ebner für meine gute Verheiratung habe sorgen wollen, daß ich aber schon in Coburg nötig gehabt hätte, mich dieser und anderer Sorgen zu entledigen, daß also alle andere gutmeinende Anstalten unnötig wären. Indes hatte ich doch eine Menge neuer Gedanken zur Begleitung.

Glücklich kam ich wieder nach Coburg und brachte die Vokation mit. Den 26. August des Jahres 1751 wurde mir die liebenswürdige Döbnerin in der Sakristei angetraut.

So weit der Bericht des Gatten, der im weiteren Verlauf seiner Lebensbeschreibung bei jeder Gelegenheit seine Liebe und Bewunderung für die Frau seiner Wahl ausspricht, der Gestorbenen eine besondere Lobschrift verfaßte. Leider ist kein Brief erhalten, welchen die Frau Professorin als Braut an ihren künftigen Herrn richtete, und dessen Stil von dem Professor so gelobt wird. [...]

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