Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Freytag >

Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 47
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

XXVIII
Es wird Licht

Fixieren der Eindrücke. – Mathematische Disziplinen und Naturwissenschaften. – Das Recht. – Die Philosophie und ihre Stellung zur Theologie. – Die Führer. – Umwandlung der Literatur durch die Wolffianer. – Bewegung der Geister. – Schilderung einer deutschen Stadt um 1750. – Aussehen der Stadt; Häuser. Polizei. Handwerker. Die Honoratioren. Kaufleute und ihr Handel. Geistliche. Lehrer und Schule. Die Aufklärer. Gottsched. Lektüre. Stadtgelehrte. Buch- und Antiquarhandel. Honorare. Apotheke. Post. Reisen. Haushaltung und Hauseinrichtung. Kleidung. Zucht. – Freunde und Gönner. Weichheit. Tränen. – Selbstbeobachtung. Armut des Ausdrucks. Künstlichkeit des Benehmens. – Ehe als Geschäft. Frauen und Pflicht des Hauses. Erzählung von Johann Salomo Semler

Seit dem Dreißigjährigen Krieg beginnt bei den großen Kulturvölkern die systematische Darstellung der Überzeugungen, welche die Wissenschaft nach ihrem damaligen Standpunkt über Gott, die Schöpfung und Regierung der Welt geben konnte. Der Franzose Descartes, der Engländer Locke, der Holländer Spinoza, unter starkem Einfluß der Nachbarvölker die Deutschen Leibniz, Thomasius, Wolff.

Sie alle, mit Ausnahme des freieren Spinoza, waren sorglich bemüht, ihre Systeme von der göttlichen Ordnung in der Natur und dem Menschengeist mit den Lehren der christlichen Theologie in Einklang zu erhalten. Allerdings brach der innere Gegensatz bei jedem von ihnen hervor.

Denn seit Descartes den Satz aufgestellt, nichts dürfe dem forschenden Menschengeist wahr und fest sein, als was ihm unwiderleglich bewiesen worden, seitdem war es mit dem Autoritätsglauben vorbei. Freudig trat die Wissenschaft ihre neue Herrschaft an, indem sie Gott und die Welt, Seele und Leib, aber auch Pflichten und Rechte des Menschen zu erweisen suchten, als existierend, als vernünftig und notwendig. Die sichtbare Welt wurde von großen Mathematikern in unendlich viele Einheiten zerlegt, aus deren Verbindung alles Leben hervorgehe, und das Göttliche aus dem Leben des Geistes wie der Körperwelt als Ureinheit, als Weltseele begriffen. Der Gottesgelehrte aber, einst der strenge Herr der Wissenschaft – auch Luther hatte noch das Wort der Heiligen Schrift über alle Vernunft hinausgestellt – erfand jetzt eine »natürliche« Theologie als Bundesgenossin zu der »offenbarten«. Eifrig suchten junge Theologen in der Weltweisheit neue Stützen ihres Glaubens. Aus der Bewegung der Sterne, aus dem vulkanischen Feuer, ja aus den Windungen der Schneckengehäuse wurde Notwendigkeit und Weisheit des Schöpfers mit vielem Behagen demonstriert. Und schon fehlten solche nicht, welche den persönlichen Gott, seinen Aktus der Schöpfung und die Unsterblichkeit der Seele leugneten. Gegen solche einzelne Deisten und Atheisten erhob sich aber noch die Mehrzahl der Philosophen und die christliche Frömmigkeit des gesamten Volkes.

Die großen deutschen Gelehrten, welche um den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts Führer dieser Bewegung wurden, trugen das heilige Feuer in die verschiedenen Kreise des deutschen Lebens. Leibniz, die große schöpferische Kraft seiner Zeit, eine wundervolle Mischung von elastischer Schmiegsamkeit und fester Ruhe, von souveräner Sicherheit und tolerantem, verbindlichem Wesen, wirkte durch seine zahlreichen Monographien und seinen unendlichen Briefwechsel vorzugsweise auf die Führer der Nation und das Ausland, auf Fürsten, Staatsmänner, Gelehrte, nach allen Seiten bahnbrechend, vorauseilend, die weitesten Aussichten eröffnend. Und wieder Thomasius, geistvoll, leichtbewegt, kampflustig, beifallsbedürftig, regte auch die Gleichgültigen und Kleinen durch seine geräuschvolle Tätigkeit zu Parteien auf. Er kämpfte als der erste deutsche Journalist in der Presse mit Spott und Ernst, bald Verbündeter der Pietisten gegen die intolerante Orthodoxie, bald Gegner der schwärmerischen Wiedererweckten, für Toleranz, reinere Moral, gegen jede Art Aberglauben und Fanatismus. Endlich der jüngere Christian Wolff, der große Professor, wurde ein regelrechter, klarer, nüchterner Lehrer, welcher in langjähriger, segensvoller Wirksamkeit das System zusammenschloß und die Schule gründete.

Solche Zeit, in welcher das Große, was der einzelne Mann gefunden, zahlreiche Schüler begeistert, ist eine glückliche Periode für Millionen, welche an dem neuen Erwerb vielleicht gar keinen unmittelbaren Teil haben. Immer liegt auf der ersten Tätigkeit einer Schule etwas von der apostolischen Weihe. Was in der Seele des Lehrers sich mühsam unter innern Kämpfen herausgebildet hat, das wirkt auf die jungen Seelen als etwas Großes, Festes, Erhebendes. Mit der Begeisterung und der Pietät verbindet sich der Drang, selbstschöpferisch den neuen Erwerb fortzubilden. Schnell erfüllen die Lehrsätze das gesamte Leben des Volkes, sie wirken nicht nur in den einzelnen Wissenschaften, auch in allen Richtungen des praktischen Geistes, auf Gesetzgebung und Staatsverwaltung, auf Hausordnung und Familienzucht, in der Werkstätte des Künstlers und Handwerkers.

Zuerst flammt das neue Licht seit 1700 in allen Wissenschaften auf. Akademien, gelehrte Zeitschriften, Preisaufgaben werden gestiftet. Durch die Führer wird die deutsche Sprache als Sprache der Wissenschaft gleichberechtigt, bald siegreich neben die lateinische gestellt, und diese glorreiche Tat wird der erste Schritt, die gesamte Nation in eine ganz neue Verbindung zu den Gelehrten zu setzen.

Aber das neue Leben dringt auch kurz nach 1700 mit unwiderstehlicher Gewalt in die Häuser, in Schreibstube und Werkstatt des Bürgers. Jeder Kreis menschlicher Tätigkeit wird prüfend durchforscht. Landwirtschaft, Handel, die Technik der Gewerbe werden in handlichen Lehrbüchern zugänglich gemacht, welche noch heute die Grundlagen unserer technologischen Literatur sind. Über Rohstoffe und ihre Verarbeitung, über Mineralien, Farben, Maschinen wird geschrieben, an vielen Orten schießen populäre Zeitschriften auf, welche die neuen Entdeckungen der Naturwissenschaften für den Handwerker und Fabrikanten zu verwerten suchen. Selbst in die Hütte des armen Bauern fallen einzelne Strahlen des hellen Lichtes, auch für ihn entsteht eine kleine menschenfreundliche Literatur. Aber auch die sittliche Wirkung jedes irdischen Berufes wird dargestellt, über die Tüchtigkeit und Bedeutung des Arbeiters, des Beamten wird Erhebendes gesagt, der innige Zusammenhang der materiellen und geistigen Interessen der Nation wird verkündet, unablässig wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, den Schlendrian alter Bräuche zu verlassen, sich um das vorgeschrittene Ausland zu kümmern, Bedürfnisse desselben und fremdes Wesen kennenzulernen. Und wieder über Tracht und Sitten wird in ganz neuer Weise geschrieben, launig, spöttisch, tadelnd, immer mit dem Wunsch zu bilden, zu bessern. Sogar die besonderen Fehler der Stände und Berufsklassen, die Schwäche der Frauen, die Roheit und Unredlichkeit der Männer werden unablässig beurteilt und gezüchtigt. Noch ungeschickt, zuweilen pedantisch und kleinlich, aber doch mit eifrigem Sinn und mit Redlichkeit.

So gerät das gesamte Privatleben der Deutschen in eine unruhige Bewegung, überall ringen neue Ideen mit alten Vorurteilen, überall sieht der Bürger um sich und in sich eine Wandlung, der er nur schwer widerstehen kann. Noch ist die Zeit arm an einzelnen großen Erscheinungen, aber überall ist in den kleinen eine treibende Kraft erkennbar. Nur wenige Jahrzehnte, und die neue Aufklärung sollte aller Welt zur Freude ihre Blüten tragen. Immer noch ist die Weltweisheit und die populäre Bildung des Volkes vorzugsweise abhängig von Mathematik und Naturwissenschaft, aber schon beginnt seit Johann Matthias Gesner die Altertumskunde, der zweite Pol aller wissenschaftlichen Bildung, die geschichtliche Entwicklung der Völkerseelen zu begreifen. Wenige Jahre nach 1750 reist Winckelmann nach Italien.

Und wie lebten die Bürger, aus deren Häusern der größte Teil unserer Denker und Erfinder, der Gelehrten und Dichter hervorging, welche die neue Bildung weiterführen sollten, kühner, schöner, freier?

Es ist eine mäßig große Stadt um 1750. Noch stehen die alten Ziegelmauern, Türme nicht nur über den Toren, auch hie und da über den Mauern. Manchem ist ein hölzernes Notdach aufgesetzt, in den stärksten sind Gefängnisse eingerichtet, andere baufällige, die vielleicht im großen Krieg zerschossen wurden, sind abgetragen. Auch die Stadtmauer ist geflickt, vorspringende Winkel und Basteien liegen noch in Trümmern, blühender Flieder und Gartenblumen sind dahinter gepflanzt und ragen über die Steine; der Stadtgraben auf der Außenseite liegt zum Teil trocken, dann weiden wohl noch Kühe einzelner Bürger darin, oder die Tuchmacher haben ihre Rahmen mit Reihen eiserner Häkchen aufgestellt und spannen friedlich die Tücher daran auf; die gewöhnlichste Farbe ist seit den Pietisten »Pfeffer und Salz«, wie man schon damals sagte, und die alte Lieblingsfarbe der Deutschen, Blau, das nicht mehr aus deutschem Waid, sondern aus dem fremden Indigo bereitet wird. Noch haben die engen Toröffnungen hölzerne Bohlentore, oft zwei hintereinander; sie werden zur Nachtzeit von der Stadtwache geschlossen, welche dort auf Posten steht, aber erst durch Klopfer und Glocke geweckt werden muß, wenn jemand von außen Einlaß begehrt. Auf der innern Seite der Stadtmauer sind zuweilen noch Bruchstücke der Holzgalerien zu sehen, in denen einst die Bogen- und Hakenschützen standen, aber nicht überall ist der Weg längs der Mauer frei, schon sind dürftige Häuser und Schuppen angeleimt.

Im Innern der Stadt stehen die schmucklosen Häuser noch nicht so zahlreich als in früheren Jahrhunderten, noch liegen einzelne wüste Stellen dazwischen, die meisten aber sind von Honoratioren gekauft und in Gärten verwandelt. Vielleicht ist schon ein Kaffeegarten nach dem Muster des berühmten Leipziger angelegt, dann stehen einige Baumreihen und Bänke darin, und in der Gaststube lehnen am Verschlag des Wirts die Gipspfeifen der Stammgäste, aber seit kurzem ist neben dem Gips der Maserkopf und der teure Meerschaum aufgekommen. In der Nähe des Hauptmarktes werden die Häuser stattlicher, nicht überall sind die alten Lauben erhalten, bedeckte Gänge, welche einst in einem großen Teil Deutschlands durch das Unterstock der Markthäuser führten, die Gehenden in der Regenzeit schützten und das Leben des Hauses mit der Straße verbanden. An dem massiven Bau des Rathauses sind die alten Pfeiler und Gewölbe durch rohen Kalkanwurf und durch Zwischenmauern verklebt, in den düstern, lichtarmen Räumen des Innern hängen Spinnengewebe, erheben sich graue Mauern von Akten, lagert unendlicher Staub; in der Ratsstube stehen die steifen Polsterstühle mit grünem Tuch und Messingnägeln beschlagen im erhöhten Raum, dessen Schranke die Ratsherren von den Bürgern trennt; alles schmucklos und lange nicht getüncht, alles dürftig und unschön, wie eine unfertige Einrichtung; denn in dem neuen Staat fehlt Geld und Freude, die öffentlichen Gebäude zu schmücken, sie werden vom Bürger als ein notwendiges Übel betrachtet, ohne Teilnahme, ohne jedes Selbstgefühl. Noch sehen die Häuser des Marktes zum großen Teil mit spitzem Giebel auf die Straße, und zwischen den Häusern gießen weitvorspringende Dachrinnen ihr Wasser auf das schlechte Pflaster, das aus Feldsteinen kunstlos zusammengesetzt ist. Viele Giebel haben die schöne Gliederung des germanischen Stils verloren, wer verschönern will, läßt die Dachlinie in Rokokoschnörkeln, am liebsten gradlinig bis zur Spitze laufen. Unter den Häusern stehen einzelne Kirchen oder verlassene Klostergebäude mit Strebepfeilern und Spitzbögen. Gleichgültig sieht das Volk auf diese Überreste einer Vergangenheit, mit welcher es kaum durch eine teure Erinnerung verbunden ist; für die alte Kunst ist ihm das Verständnis ganz verschwunden; wie Friedrich von Preußen das Marienburger Schloß, so zerstört überall der nüchterne, verständige, lichtfordernde Sinn die Bauten alter Zeit. Vorsorglich hat der Magistrat die leeren Räume des Klosters zu einem Pfarrhaus oder zu Schulstuben eingerichtet, Fenster ausgeschlagen, Gipsdecken gezogen; dann schauen die Knaben von ihrer lateinischen Grammatik verwundert auf die Steinrosetten und die zierliche Arbeit des Meißels aus einer Zeit, wo dergleichen Unnötiges noch gebaut wurde, und in dem verfallenen Kreuzgang, durch welchen einst Mönche ernsthaft schritten, werfen sie jetzt aus hölzernem Schlüssel ihren Brummkreisel; denn der Circitor susurrans oder Mönch ist ein Lieblingsspiel dieser Zeit, das auch vornehme Herren in verkleinerter Form zuweilen in der Tasche führen.

Es ist bereits Ordnung in der Stadt, die Straßen müssen gekehrt werden; Düngerhaufen, welche fünfzig Jahre früher in ansehnlichen Mittelstädten vor den Häusern lagen, seit im Krieg die alte Sauberkeit verschwunden war, sind wieder durch Verordnungen beseitigt, welche die Räte des Landesherrn den Oberamtleuten, die Oberamtleute dem Ratskollegium zugeschickt haben. Auch der Viehstand der Stadt hat sich sehr verringert, die Schweine und Rinder, welche noch kurz vor 1700 zwischen den spielenden Kindern im Straßenschmutz sich belustigten, werden streng in Höfen und Hinterhäusern bewahrt, die Landesregierung sieht nicht gern, daß die Städter in den Ringmauern Vieh halten, denn sie hat die Torakzise eingeführt, und ein abgedankter Unteroffizier treibt sich, den Rohrstock in der Hand, in der Nähe des Tores umher, um die Karren und Körbe der Landleute zu untersuchen. So hat sich die Viehzucht in die dürftigen Vorstädte und die Vorwerke gezogen, nur in den kleinen Landstädten hilft die Ackernahrung das Leben der Bürger erhalten. Auch die Sicherheitspolizei tut ihre Pflicht, auf Bettler und Vagabunden wird stark vigiliert, der Passeport ist dem anspruchslosen Reisenden unentbehrlich; Ratsdiener sind in den Straßen sichtbar und spähen in die Wirtshäuser; zur Nacht wird wohl auch eine Brandwache in die Nähe des Rathauses postiert, und der Türmer gibt mit Fahne und großem Sprachrohr das Notzeichen. Auch das Spritzenhaus wird in Ordnung gehalten, plumpe Feuertonnen stehen an der Seite des Rathauses unter offenem Schuppen, über ihnen hängen die eisenbeschlagenen Feuerleitern. Sogar die Nachtwächter sind ziemlich wachsam und modest, sie sangen nach dem großen Krieg hier und da anzügliche Reime, sooft sie die Stunden abriefen, jetzt hat ein frommer Pfarrer darauf bestanden, daß ihnen Text und Melodie geistlich sei.

Der Handwerker arbeitet in der alten Weise fort, fast jeder steht fest in seiner Zunft, sogar die Maler sind zünftig und fertigen als Meisterstück eine Kreuzigung mit einer Anzahl vorgeschriebenen Figuren. In den katholischen Landschaften leben sie von massenhafter Anfertigung der Heiligenbilder, in den protestantischen malen sie Schilder und Scheiben und die Wappen der Landesherren, welche zahlreich an öffentlichen Gebäuden, sogar über den Türen einzelner Handwerker zu sehen sind. Streng wird von der Mehrzahl der Handwerker auf alte Bräuche, am strengsten auf die Rechte der Zunft gehalten; wer nicht nach Handwerksrecht in die Zunft aufgenommen ist, der wird als Pfuscher oder Bönhase mit einem Hasse verfolgt, der ihn von der bürgerlichen Gesellschaft auszuschließen sucht. Noch wird ernsthaft vor der geöffneten Lade gehandelt, Lehrlinge angenommen, Gesellen freigesprochen, Händel geschlichtet, und die Formel »Mit Gunst«, welche jede Rede einleitet, schallt endlos bei allen Zusammenkünften der Meister und der Gesellen; aber die alten Wechselreden und Sprüche des Mittelalters sind halb unverständlich geworden; rohe Scherze haben sich eingedrängt, und die Besseren beginnen bereits, nicht viel darauf zu geben. Ja, es fehlt nicht mehr an solchen, welche die alte Zunftverfassung für eine Last halten, weil sie ihrem Bestreben, sich zur Fabriktätigkeit zu erweitern, hartnäckig widersteht, so die großen Tuchmacher und Eisenarbeiter. Und die lustigen Jahresfeste, welche einst Freude und Stolz fast jedes einzelnen Handwerks waren, sie sind fast alle abgelebt. Die Aufzüge in Masken, eigentümliche alte Tänze vertragen sich nicht mit der Bildung einer Zeit, in welcher der einzelne keine größere Furcht hat, als seiner Würde zu vergeben, in der von der Kanzel gepredigt wird, daß geräuschvolle weltliche Ergötzlichkeit sündhaft sei, in welcher endlich auch die gelehrten Männer der Stadt keinen zureichenden Grund für dergleichen Straßenlärm finden.

Geschieden durch Kleidung, Haartracht und Titel, stehen die Studierten und Beamten als Honoratioren der Stadt über den Bürgern. Wie der Adel auf sie, blicken sie auf den Handwerker, dieser auf den Bauern herab. Auch der Kaufmann, zumal wenn er ein Stadtamt bekleidet oder Vermögen besitzt, hat unter den Honoratioren eine Stellung. In den Familien der »vornehmen« Kaufleute, wie die ersten Häuser »ins Große« genannt werden, und der »ansehnlichen«, wie die Besitzer großer Verkaufsläden heißen, ist eine erfreuliche Änderung des Lebens bemerkbar. Der rohe Luxus einer früheren Generation ist gebändigt, bessere Zucht im Hause und größere Redlichkeit im Geschäft sind überall zu erkennen. Schon wird gerühmt, daß es nicht die alten und soliden Häuser sind, deren Inhaber sich noch um Adelsbriefe bewerben, ja daß solche eitle Neugeadelte von den besten ihrer Geschäftsgenossen verachtet werden. Und der vorurteilsfreie Kavalier fühlt sich zu der Erklärung veranlaßt, daß in der Tat kein Unterschied sei zwischen der Frau eines Gutsbesitzers, welche mit Ehren in den Kuhstall geht und das Abrahmen der Milch beaufsichtigt, und zwischen der Frau eines ansehnlichen Kaufmanns zu Frankfurt, die während der Messe im Gewölbe sitzt, »sie ist wohl und prächtig gekleidet, sie befiehlt ihren Leuten wie eine Fürstin, sie weiß den Vornehmen, den Gemeinen und dem Pöbel, jedem nach Stand und Würden zu begegnen, sie liest und versteht mehrere Sprachen, sie urteilt vernünftig, weiß zu leben und erzieht ihre Kinder wohl.« – Zu dieser Kräftigung des deutschen Kaufmanns hatte außer den geistigen Gewalten der Zeit, welche auch die Seele regierten, noch einiges Besondere beigetragen. Nicht nach jeder Richtung war der Einzug der vertriebenen Hugenotten unserer deutschen Art günstig gewesen, der Einfluß, den sie auf den deutschen Handel geübt, ist doch sehr hoch anzuschlagen. Ihre Familien saßen um 1750 in fast allen größeren Handelsstädten, sie bildeten dort kleine aristokratische Gemeinden, schlossen sich gesellig immer noch ab und unterhielten sorgfältig ihre Beziehungen zu den verwandten Häusern in Frankreich, welche noch heute eine ernste, sittenstrenge, eine wenig altfränkische Aristokratie des französischen Großhandels bilden. Gerade bei diesen deutschen Hugenotten hatte das puritanische Wesen der Genfer und niederländischen Separatisten großen Anhang gefunden, ihre gemessene Haltung hatte in Frankfurt wie längs dem Rhein auch andere Häuser beeinflußt. Aber auch der deutsche Handel war zu neuem Leben gekommen, und die gesündere Arbeit hatte auch die Redlichkeit gesteigert. Wieder nahm das arme Land ehrenwerten Anteil am Welthandel, schon führten Deutsche ihre Eisen- und Stahlwaren aus der Grafschaft Mark, aus Solingen und Suhl, Tuche aus allen Landschaften, auch feine Tuche von portugiesischer und spanischer Wolle aus Aachen, Damastgewebe aus Westfalen, Leinwand und Schleier aus Schlesien nach Frankreich, England, Spanien, Portugal und in die Kolonien über See, deren Produkte wieder in Deutschland den größten Markt hatten, weil das Binnenland des östlichen Europas bis zur türkischen Grenze und den Steppen Asiens durch deutsche Kaufleute versorgt wurde. Gerade die Armut des Volkes, d. h. der niedrige Tagelohn machte die Anlage mancher Fabriken lohnend und leicht. Und wie in Hamburg und in den Städten des Rheins von Frankfurt bis Aachen der Großhandel aufblühte, ebenso in den Grenzländern gegen Polen, dort aber in den einfachsten Formen, als ein großartiger Tauschverkehr. Noch fuhren Waren und Reisende auf der Donau stromab in rohen Holzkähnen, die für die einzelne Reise gezimmert und am Ende der Fahrt auseinandergeschlagen und als Bretter verkauft wurden. Und in Breslau werden ebenso auf dem Salzring die Karren und Steppenpferde verkauft, auf denen bärtige Händler von Warschau und Nowgorod ihre Waren in langem Karawanenzug zum Tausch gegen die Kostbarkeiten abendländischer Kultur herzugefahren haben. Und schon beginnt die Klage der schlesischen Kaufleute, daß die Karawanen seltener kommen und die Fremden unzufrieden werden, weil sie sich mit der neuen preußischen Schreiberei und den Deklarationsschemen einer genauen Regierung nicht befreunden wollen. Schon hat sich um 1750 in den Familien der großen Kaufleute etwas von dem Weltbürgertum entwickelt, welches mit Verachtung auf die beschränkenden Verhältnisse von Lennep und Burtscheid mit ihren Probekästen, mit Messerklingen und Nadeln, bis zur Seine und Themse zogen, so trafen auch die jüngeren Söhne dieser großen Fabrikanten mit den Hamburgern in Paris, London, Lissabon, Cadiz, Porto zusammen und gründeten dort zahlreiche Firmen als gewandte, oft kühne Spekulanten. Und von dem unternehmenden und sicheren Wesen dieser Männer ging einiges auf ihre Geschäftsfreunde im Binnenland über. Ein männlicher, fester, unabhängiger Sinn ist um 1750 außer bei den Besten vom Adel und bei wenigen Gelehrten zuweilen bei den größten Kaufleuten zu finden.

Die Mehrzahl der Honoratioren aber gehörte in jeder Stadt dem Gelehrtenstande an: Theologen, Juristen, Ärzte. Sie repräsentierten wahrscheinlich alle Schattierungen der Zeitbildung, und die stärksten Gegensätze lagen innerhalb jeder größeren Stadtmauer in stillem Krieg. Noch waren die Geistlichen Orthodoxe oder Pietisten. Die ersteren, in der Regel bequem zum geselligen Verkehr, nicht selten Lebemänner, dauerhaft vor einer ehrbaren Flasche Wein und tolerant gegen die weltlichen Scherze ihrer Bekannten, hatten viel von ihrer alten Streitsucht und dem Inquisitorwesen verloren, sie ließen sich herab, zuweilen eine Stelle aus dem Horatius zu zitieren, kümmerten sich um die Kirchen- und Schulgeschichte ihres Ortes und fingen bereits an, die Schriften des gefährlichen Wolff mit heimlichem Wohlwollen zu betrachten, weil er in so auffälligem Gegensatz zu ihren pietistischen Gegnern getreten war. Waren pietistische Geistliche angestellt, so standen diese wahrscheinlich in besserem Verhältnis zu anderen Konfessionen und wurden von den Frauen, den Juden und von den Armen der Stadt besonders verehrt. Auch ihre Gläubigkeit war milder geworden, sie waren zum großen Teil würdige, sittenreine Männer, treue Seelsorger mit einem weichen, herzgewinnenden Wesen, ihre Predigten waren allerdings sehr pathetisch und bilderreich, sie warnten gern vor der kalten Subtilität und rieten zu dem, was sie Saft und Kraft nannten, was aber die Gegner gezierte Tautologie schalten. Ihr Bestreben, sich und ihre Gemeinde von dem Geräusch der Welt zu isolieren, wurde bereits von einer großen Mehrzahl der Bürger mit Mißtrauen betrachtet; auf der Bierbank war ein gewöhnlicher Spott, daß die Frommen ächzend über Schurzfell, Leisten und Bügeleisen saßen und auf Erweckung lauerten.

Die Lehrer der Stadtschulen waren studierte Theologen, größtenteils arme Kandidaten, der Rektor vielleicht aus der großen Schule des Hallischen Waisenhauses berufen. Ein rührendes Geschlecht, an Entsagungen gewöhnt, häufig mit einem kränklichen Körper behaftet, Folge des harten entbehrungsvollen Lebens, durch welches sie sich heraufgearbeitet hatten. Es waren Originale jeder Art, verschrobene und widerwärtige Gesellen fehlten nicht, auch die bessere Mehrzahl war ohne umfangreiches Wissen. Aber in sehr vielen von ihnen lebte vielleicht hinter wunderlichen Formen etwas von der Freiheit, Größe und Unbefangenheit der antiken Welt, sie waren seit der Reformation die natürlichen Gegner aller frommen Zeloten gewesen, selbst die aus dem großen Waisenhause, aus der Zucht der beiden Francke und des Joachim Lange kamen, waren in der Regel gemäßigter, als den pietistischen Pfarrern lieb sein mochte. Die Blätter ihres Cornelius Nepos waren durch den vieljährigen Gebrauch zum Erschrecken schwarz geworden, ihr Schicksal war, vom Sextus oder Quintus langsam aufzusteigen, etwa bis zur Würde eines Konrektors, mit einer geringen Steigerung ihrer spärlichen Einnahmen; die größte Freude ihres Lebens war, zuweilen einen fähigen Schüler zu finden, dem sie neben den Feinheiten lateinischer Satzbildung und Prosodie auch eine und die andere freie Lieblingsidee, eine heidnische Ansicht von Männergröße in die Seele pflanzen konnten, Einwirkungen, auf welche doch der Schüler in seinen Männerjahren mit Lächeln zurücksah. Aber in dieser Tätigkeit, arm an Dank und Anerkennung, haben sie rastlos gearbeitet, die Empfänglichkeit für Schönheit des Altertums und die Fähigkeit, andere Menschenart zu begreifen, in den Deutschen herauszubilden. Und der unablässige Einfluß, den Tausende derselben auf das lebende Geschlecht ausübten, war gerade jetzt gesteigert, seit Gesner die griechische Sprache in den Schulen heimisch gemacht und für den Unterricht der Schüler einen ganz neuen, revolutionären Grundsatz aufgestellt hatte, welcher von den Lehrern mit Begeisterung verbreitet wurde: der Geist des Altertums, das Verständnis des Schriftstellers, nicht der grammatische Kram sei die Hauptsache.

Denn die Schule einer ansehnlichen Stadt war eine lateinische Schule. Reichte sie so hoch, daß ihre oberen Klassen für die Universität vorbereiteten, dann schieden aus der Quarta die Knaben, welche ein Handwerk lernen sollten. Diese Einrichtung half dazu, auch den Bürgersmann in einer Abhängigkeit von der gelehrten Bildung zu erhalten, welche wir jetzt zuweilen vermissen. Es war allerdings an sich kein großer Gewinn, wenn der Zunftmeister noch in spätem Jahren einige angenehme Kenntnisse von Mavors, von Kupido mit dem Taubenpaar der Venus hatte, deren Gestalten aus allen Gedichten der Gebildeten herausguckten und sogar die Kalender und Pfefferkuchen verschönerten: aber mit diesen Vorstellungen aus alter Vergangenheit fielen auch einzelne Samenkörner der neuen Zeitideen in seine Seele. Daß die Aufklärung von intelligenten Bürgern so schnell aufgenommen wurde, ist dieser Art von Schulbildung zu verdanken.

Streng war die Schulzucht; eine gewöhnliche Ermunterung, welche die armen Schüler einander damals in die Stammbücher schrieben, war das Symbolum: »Geduldig, fröhlich immerdar.« Aber die Strenge war nötig, denn in den unteren Klassen saßen neben den Kindern fast erwachsene Jünglinge, und die Unarten von zwei verschiedenen Lebensaltern waren nebeneinander zu bekämpfen. In einem großen Teil Deutschlands bestand der Brauch, der sich hier und da bis zur Gegenwart erhalten hat, daß die Knaben, welche Benefizien der Anstalt genossen, unter Anführung eines Lehrers als Kurrendeschüler singen mußten. Wenn sie in ihren blauen Mänteln nicht nur bei »ganzen«, auch bei »halben« und »Viertelleichen« hinter dem Kreuz daherzogen, so war das eine arge Versäumnis, welche die Schulzucht sehr störte und schon 1750 als ein Übelstand beklagt wurde.

Überall standen unter den Honoratioren die Wolffianer, die Schüler der neuen Weltweisheit als Verbreiter der Aufklärung, Wächter der Toleranz, Freunde jedes wissenschaftlichen Fortschritts. Gerade in diesem Jahr waren sie in angelegentlicher Erörterung einiger alter Streitpunkte, denn soeben hatte der Leipziger Crusius seine »Anleitung über natürliche Begebenheiten vernünftig nachzudenken« ans Licht treten lassen, und mit diesem Werk, einem Kosmos des Jahres 1740 in der Hand, überlegten sie wieder einmal, ob man einen vollen oder leeren Raum anzunehmen habe, und ob die letzte Ursache der Bewegung in der tätigen Kraft elastischer Körper zu suchen sei. Finster sahen diese Fortschrittsmänner auf die theologische Fakultät zu Rostok, welche gerade jetzt einen jungen Herrn Kosegarten zu sehr auffälligem Widerruf gezwungen hatte, weil er die Behauptung gewagt, die menschliche Natur des Erlösers auf Erden sei von seiner göttlichen nur bis zu einem gewissen Grad unterstützt worden, er habe gelernt wie andere und gar nicht alles vorausgesehen. Dagegen gönnten sie aber ein wohlwollendes Lächeln den physiko-theologischen Betrachtungen wackerer Theologen, wenn einer die Möglichkeit der Auferstehung nachwies, trotz dem fortwährenden Stoffwechsel oder – wie man damals sagen mußte – trotz dem Wechsel der Partikeln seines Körpers, oder wenn ein anderer die Weisheit der Vorsehung aus dem weißen Fell der Hasen in Livland zu erkennen bemüht war.

Auch die deutsche Dichtkunst und Beredsamkeit wußten sie wohl zu schätzen. Da war zu Leipzig Herr Professor Gottsched und seine Frau. Die Leute hatten ihre Schwächen, aber es war doch ein großartiges Wesen in ihnen, Anstand, Würde und Wissenschaft, sie gehörten zuletzt auch zur Schule, und sie wollten durch die deutsche Dichtkunst feinere Bildung und einen besseren Geschmack in das Land bringen. Schon wurden sie sehr angefeindet, aber ihre Zeitschrift, den »Neuen Büchersaal«, konnte schwerlich entbehren, wer dem poetischen Treiben der Belletristen nachkommen wollte. Neben den Älteren, welche so sprachen, hatte sich in der Stadt aber bereits ein jüngeres Geschlecht eingefunden, welches die schönen Künste nicht mehr als eine angenehme Zierat betrachtete, sondern Aufregungen, edle Gefühle und eine freiere Sittlichkeit von ihrem Einfluß hoffte, worüber die gelehrte Partei mißbilligend den Kopf schüttelte. Und diese Jüngern – es war eine kleine Zahl – trieben es seit zwei Jahren mit einer Aufregung, die sie zu Überspanntheiten hinriß; sie trugen Bücher in der Tasche, sie steckten sie den Frauen ihrer Bekanntschaft zu, sie deklamierten laut und drückten einander die Hände. Es war die erste Morgenröte eines neuen Lebens, welche mit so herzinniger Freude begrüßt wurde. In der Monatsschrift »Bremer Beiträge« waren die ersten Gesänge des »Messias« von Herrn Klopstock erschienen; der Betroffenheit, mit der man anfänglich auf die fremde Form sah, war jetzt in einem kleinen Kreise rückhaltlose Bewunderung gefolgt. Und im vergangenen Jahr war ein anderes Gedicht eines Unbekannten, »Der Frühling«, gedruckt worden, man wußte nicht, wer es gemacht, aber es sollte derselbe anmutige Poet sein, welcher unter dem Wappenbild des Breitkopfischen Bären in der Monatsschrift »Belustigungen des Verstandes und Witzes« Mitarbeiter gewesen war, zugleich mit Kästner, Gellert, Mylius. Und wieder gerade jetzt hatte durch Weidmann ein anderer Unbekannter den Anfang eines andern Heldengedichtes »Noah« edieren lassen; die Mutmaßung ging allerdings auf einen Schweizer, weil der Name Sipha darin vorkam, den Bodmer früher angewendet hatte. Alle diese Gedichte waren in dem Silbenmaß der Römer gebildet, und diese neue Art bewerkstelligte eine ganz eigene Aufregung des Gemüts, welche man früher nicht gekannt hatte. Bereits schien sich eine förmliche Rebellion unter den Schöngeistern anzuzetteln. – Es sollte in kurzem noch wilder zugehen.

Noch entbehrte die Stadt solche Theatervorstellungen, welche einen Denker befriedigen konnten. Wer aber auf einer Reise die Schönemannsche Truppe in Norddeutschland gesehen hatte, der erinnerte sich um 1750, sicher einige Jahre darauf, an einen jungen Mann von unvorteilhafter Gestalt mit einem kurzen Hals und dem Namen Eckhof, welcher der feinste und kunstvollste Schauspieler Deutschlands wurde. Und gerade in diesen Wochen war von der Messe ein neues Buch angekommen. »Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters«, welches zwei junge Leipziger Gelehrte verfaßt hatten, von denen der eine Lessing hieß. – In demselben Bücherballen lag der Roman Richardsons »Pamela«, wie das Jahr vorher die »Clarissa« desselben Autors.

Was aber damals in den Häusern der Bürger gelesen wurde, war von ganz anderer Beschaffenheit. Noch gab es keine Leihbibliotheken, nur die kleinen Antiquare verliehen zuweilen an zuverlässige Bekannte. Aber es wucherte doch eine bändereiche Literatur von Romanen, welche von den Anspruchslosen eifrig gekauft wurden. Es waren flüchtig zusammengeschleuderte Erzählungen, in denen abenteuerliche Schicksale berichtet wurden.

Diese Abenteuer waren im 17. Jahrhundert in verschiedener Methode dargestellt worden, entweder in geistloser Nachahmung der alten Ritter- und Schäferromane, auf phantastischem Hintergrund, ohne den Vorzug detaillierter Schilderungen, oder wieder mit einem derben Realismus, ein rohes Abbild des wirklichen Lebens, ohne Schönheit, oft gemein und schmutzig. Es war ein abgelebtes Wesen und ein Beginnen der neuen Zeit, die damals nebeneinander liefen. Schon seit 1700 ist die realistische Richtung die herrschende. Aus den Amadisromanen werden schlüpfrige Hof- und Touristenabenteuer, dem Simplizissimus folgen eine große Zahl von Kriegsromanen, Robinsonaden und Aventuriergeschichten. Die große Mehrzahl ist sehr liederlich verfertigt, und deutsche Klatschgeschichten oder Zeitungsnachrichten von außerordentlichen Ereignissen in der Fremde, zum Teil Tagebücher, sind darin verarbeitet. Auch Faßmanns »Gespräche aus dem Reiche der Toten« sind in ähnlicher Weise zusammengeschrieben aus fliegenden Blättern und Geschichtsbüchern, die der unordentliche Mann, der damals in Franken saß, sich von den Pfarrern der Gegend zusammenborgte. Die so schrieben wurden von den Gebildeten gründlich verachtet, aber sie übten doch eine sehr große, schwer zu schätzende Wirkung auf das Gemüt des Volkes. Es waren zwei getrennte Welten, die nebeneinander kreisten. Und dieser Gegensatz zwischen der Lektüre des Volkes und der Gebildeten hat – wenn auch zuweilen versöhnt – zu sehr bis in die neueste Zeit bestanden.

Unter den Honoratioren der Stadt gab es aber im Jahre 1750 auch andere Gelehrte. Wohl keiner mäßigen Stadt fehlte ein patriotischer Mann, welcher die alten Chroniken, die Kirchenbücher und Urkunden des Ratsarchivs durchsucht hatte und zu einer Geschichte des Ortes und der Landschaft schätzenswerte Beiträge zu geben wußte. Noch war das Verständnis der monumentalen Altertümer gering, aber auch sie wurden mit alten Inschriften und unechten Götzen unserer Urahnen als Kuriositäten fleißig abgebildet. Und gegen die unkritischen Märchen und das nackte Verzeichnen von Einzelheiten wurde ein siegreicher Kampf geführt. Auch auf die einseitigen Werke der letzten Jahrzehnte, die schwerfälligen »Kirch- und Schulstaaten«, sah das jüngere Geschlecht herab. Schon galt es, mit gewissenhafter Benutzung der Dokumente eine zusammenhängende, Ursache und Wirkung deutlich auseinandersetzende Geschichtserzählung hervorzubringen. Allerdings gehört das Beste, was in diesen Jahren geschrieben wurde, nur der Lokalhistorie an.

Größer war das Interesse, welches die Naturwissenschaften in Anspruch nahmen; sie sind in dem Kleinleben der Stadt die populärste Wissenschaft. Nicht gering ist die Zahl ehrenwerter Zeitschriften, welche die neuen Entdeckungen der Wissenschaft berichten. Mit Achtung haben wir auf sie zurückzusehen; Darstellung und Stil sind zuweilen, z. B. in Kästners »Hamburgischem Magazin«, musterhaft; und unermüdlich sind sie bemüht, die gelehrten Entdeckungen für Handel, Gewerbe, Ackerbau, jeden Kreis praktischer Interessen auszubeuten. Freilich ihre »vernünftige« Einwirkung hatte nicht alles Unhaltbare beseitigt. Die alte Neigung zur Alchimie war nicht besiegt. Noch immer wurde von verständigen und redlichen Leuten laboriert, ernsthaft wurde das große Geheimnis gesucht, immer kam ihnen etwas dazwischen, was den letzten Erfolg hinderte. Geheimnisvoll wurde solche Arbeit betrieben, aber die Stadt wußte recht gut, daß der Herr Rat oder Sekretarius den »faulen Heinz bediene« – den Ofen heize – um Gold zu machen. Die Freude an chemischen Prozessen, an den Destillationen in der Retorte und den Solutionen auf kaltem Wege war vielen gemein; kräftige Tinkturen wurden an Bekannte verteilt, die Hausfrauen liebten allerlei künstliche Wasser zu destillieren, und in den Frage- und Anzeigeblättern wurden häufig Medikamente angepriesen, Pillen gegen Podagra, Pulver gegen Kröpfe, blaues Wasser gegen Viehsterben, die Scharlatanerie ist verhältnismäßig größer als jetzt, die Lügen ebenso dreist. Der Eifer für die Wissenschaft zu sammeln war allgemein geworden, die Knaben begannen Schmetterlinge aufzuspannen, Käfer zusammenzutragen, Dendriten und Erzstufen mit dem Brennglas des Vaters zu betrachten, die Wohlhabenden freuten sich über »Rösels Insektenbelustigungen« und das erste Heft von »Frischens Vorstellung (Abbildung) der Vögel«.

Eine Bibliothek zusammenzubringen wurde der Stolz des Gebildeten, auch in bescheidener Lage. Zweimal im Jahre, zu Ostern und Michaelis, brachte der Buchhändler von der Leipziger Messe die »Novitäten«, welche er dort für sein Geld erkauft oder gegen Werke seines Verlags eingetauscht hatte. Diese neuen Bücher legte er in seinem Laden zur Ansicht aus, wie jetzt ein Händler mit Schnittwaren tut. Das war eine wichtige Zeit für die Liebhaber, der Laden wurde ein Mittelpunkt für literarische Unterhaltung, auf Stühlen saßen die Hauptkunden, begutachteten, wählten und verwarfen; sie erhielten die Pränumerationsbogen der neuen Werke, z. B. der Firma Breitkopf »Eröffnete Akademie der Kaufleute«, und ließen sich Neuigkeiten aus der gelehrten Welt erzählen: daß in Göttingen eine neue Sozietät der Wissenschaften gestiftet werden solle; daß Professor Gottsched von Wien zurückgekehrt sei, und daß die Kochsche Schauspielertruppe auf der Messe großen Zulauf gehabt; daß Herr Klopstock vom König von Dänemark eine Pension von vierhundert Talern erhalten habe ohne jede Gegenverpflichtung; daß Herr von Voltaire in Berlin zum Kammerherrn ernannt sei, und daß die Bibliothek des seligen Herrn Superintendenten Löscher zu Dresden, fünfzigtausend Bände stark, jetzt wirklich versteigert worden sei. In den Bücherballen wanderten um diese Zeit auch andere begehrenswerte Einkäufe durch das Leben.

 << Kapitel 46  Kapitel 48 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.