Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Freytag >

Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

II
Aus dem Volke

Um 1100

Sinnigkeit des deutschen Gemütes. Liebe zu den Tieren. – Höflichkeit. – Traditionelle Ordnung und Mangel an geschriebenem Gesetz. – Der Deutsche im Staate. – Aussehen der Landschaft um 1100. – Alte und neue Städte. – Die Stadtbürger. – Schnelles Wachstum der Städte. – Bericht des Marquard, Abt des Klosters Fulda von 1150 bis 1165, über seine Bauten und seinen Kampf mit habgierigen Laien

Es erfreut, die bunten Striche zu betrachten, durch welche der fleißige Mönch in der Sachsen- und Frankenzeit die Anfangsbuchstaben seiner Kapitel umrankt. Denn man sieht, wie groß sein Behagen war, als er die Linien schwang und die Zwischenräume mit bunter Farbe und sauberen kleinen Mustern ausfüllte. Dasselbe Behagen erwies der Deutsche bei jeder rühmlichen Arbeit, wenn er grüßte und sprach, wenn er festsetzte, was Recht sein sollte, wenn er träumte und dichtete. Für schwere Kämpfe, die das Volk um sein Leben zu bestehen hatte, und für große Wandlungen, die unter bitteren Schmerzen ihm zuteil wurden, war ihm von der Macht, die seines Schicksals waltete, überreich eine Gabe zugeteilt worden, was ihn umgab, beschäftigte, bewegte, nach dem Bedürfnis seines Herzens einzubilden und umzuformen. Bei allem, was der Deutsche wahrnahm, fragte er, was es bedeute, hinter jeder Erscheinung fand er ein geistiges Leben, alles, was sich lebend regte, suchte er sich vertraulich zu machen, indem er ihm etwas von dem eigenen Gemüt andichtete. Es ist wahr, jedes junge Volk übt diese Poesie, durch welche es sich die reale Wirklichkeit verständlich macht und die ungeheure Arbeit der Naturgewalten in das menschlich Erträgliche umformt; es ist wahr, kein Volk kann das Leben ertragen, wenn es diese Kunst nicht zu üben versteht, denn Glaube und Sitte, alles Selbstgefühl des Wissens und Könnens beruhen im letzten Grunde nur darauf. Aber kein Geschlecht der Menschen, von dem uns Kenntnis geblieben ist, hat diese Poesie des Deutens und Umbildens so warmherzig, so emsig und dabei so kindlich geübt als die Deutschen. Wenn die Sonne warm schien, war sie unseren Ahnen froh, das Brot hieß das liebe Brot, und es tat ihnen weh, wenn ein Stückchen davon in den Schmutz fiel; sogar beim Apfelbrechen ließen sie einen Apfel am Baum zurück, damit der Baum die Ernte nicht übelnehme. Wenn der Landmann die Blumen betrachtete, welche durch die Mönche auch in seinen Garten gesetzt waren, so empfand er in ihnen ein geheimnisvolles Leben, welches er mit dem des Weibes verglich, und er begrüßte sie bewundernd »Frau Rose« und »Frau Lilie«. Vollends wo ihm leicht wurde, ein menschenähnliches Leben anzunehmen, behandelt er dies fremde Dasein achtungsvoll; auch der Ameise weigerte er nicht den Ehrentitel Frau, und wenn er von einem Wettlauf zwischen zwei Tieren erzählte, so nannten die Fremden einander »Herr Krebs« und »Herr Fuchs«. Er hatte die Tiere herzlich lieb, schon in der Heidenzeit gab man den gestorbenen Helden auf den Scheiterhaufen mit, was ihnen auf Erden am vertrautesten gewesen war, Roß, Hund, Habicht; wenn in der Römerzeit ein Rheinländer, der gute Rosse zog, sein Besitztum unter die Kinder teilte, vermachte er seine Zuchtpferde nicht den Hauserben, sondern dem kriegstüchtigsten Sohn. Als der Angle Caedmon seinem Volke die Geschichten der Bibel poetisch bearbeitete, ließ er von der Sündflut den Herrn sagen, Noah solle seine Tiere in der Arche hübsch reichlich füttern, bis er, der Herr, wieder selbst für sie sorgen könne. Vor anderen wert waren dem Volk die Vögel, zur Winterzeit wurden ihnen Halme aufs Feld gelegt oder bei der Ernte eine Garbe für sie zurückgelassen. Als die verwitwete Königin Mathilde, die Mutter Kaiser Ottos I., auf ihrem Witwensitz durch gute Werke die Gunst des Himmels für ihren toten Gemahl suchte und die Armen speiste und kleidete, da ließ sie dem Gatten zu Ehren auch die Vögel im Felde füttern. Den höchsten Beifall hatte aber damals von heimischen Vögeln keineswegs die Nachtigall oder unser Bauernliebling, der Fink, sondern der Star, weil er so klug war, daß er Menschenworte sprechen lernte. Er war Günstling in den Häusern, und wenn er gut sprach, eine wertvolle Gabe, die auch ein König aus dargebotenem Kriegsgut wählte, um sie seiner Tochter zu schenken. Andere Vögel, der Storch, der Kuckuck, der Specht hatten großes Ansehen, weil sie im alten Glauben den Göttern heilig gewesen waren; die Taube wurde als christlicher Vogel von Klöstern und später von Stadtgemeinden uneigennützig erhalten, und dem Raben vermochte selbst die Abneigung des Christentums sein Ansehen nicht zu rauben, obgleich er einst der Bote Wodans gewesen war. Wenn einem kleinen armen Spielmann jener Zeit in seinen Versen kein anderer Ausdruck warmer Empfindung gelingt, weiß er wenigstens die Neigung zu einem vertrauten Tier treuherzig darzustellen. Der Held sendet in märchenhafter Legende einen Raben als Boten an die Geliebte, er vergoldet ihm den Schnabel, setzt ihm ein goldenes Krönchen auf, streichelt ihm sein Gefieder und drückt ihn an sein Herz. Ja, der Vogel wird dem Dichter unter der Hand die Hauptperson, er nimmt ganz das Wesen eines treuen Spielmanns an, der um gute Behandlung dient. Er hat seinem Herrn die Liebe einer heidnischen Prinzessin gewonnen, der Held setzt sich mit seinen Mannen zu Schiff, sie abzuholen und vergißt seinen Raben. Nach dem Aufbruch rief er: »Hat keiner von euch den Raben, ihr Herren?« – »Nein«, sprachen alle. Da sagte er: »Säumt euch nicht, zieht euer vier oder achte zurück und bringt ihn mir eilig her.« Die Herren fuhren zurück, da fanden sie den Raben einhergehen wie einen armen Mann, der schnöde behandelt worden. Sie sagten zu ihm: »Du sollst mit uns ins ferne Land.« Der Rabe antwortete gekränkt: »Ich will daheim bleiben. Mein Herr hat mich vergessen; mit den Säuen mußte ich essen, sie haben mir mein Gefieder zerstoßen, ich bin nackt und ruppig. Will mich mein Herr haben, so soll er selber nach mir kommen.« Und es half nichts, der Held mußte selbst seinen Vogel erbitten. Diese achtungsvolle Laune, mit welcher der Deutsche das Tierleben betrachtete, machte ihm auch wilde Tiere wert, zumal wenn sie ein wenig gezähmt waren; der Tanzbär erfreute im Mittelalter große Könige und Würdenträger der Kirche. Auf die Abrichtung wurde viel Mühe gewandt. Meister Braun hatte die Kunst gelernt, mit Spielweibern zusammen zu tanzen, und es steht zu besorgen, daß diese Tänze den Forderungen geistlicher Kritik nicht entsprachen, denn die Kirche zürnte ihnen und verbot ihren Angehörigen das Zusehen. Auch den wilden Tieren des deutschen Landes erfand das Volk Charakter und Schicksal, auch von ihnen wußte der Sänger zu erzählen. Wahrscheinlich hatte der Germane schon von seiner ältesten Wanderung aus Asien Tiersagen mitgebracht, während aber bei den Griechen die Anekdoten, in welchen Tiere mit menschlicher Sprache reden und ihrer Natur gemäß handeln, nur benutzt wurden, um eine gute Lehre daran zu knüpfen, stellte der Deutsche das Waldleben seiner geheimnisvollen Nachbarn durch behagliche Geschichten dar, in denen Bär, Wolf, Fuchs, Kater und andere wohlbekannte Charaktere gesellt werden, diese Sagen waren den Mönchen so reizvoll, daß sie dieselben in größere lateinische Gedichte umformten, deren Inhalt seit dem zwölften Jahrhundert zu umfangreichen deutschen Dichtungen erweitert wurde.

Mit derselben Herzlichkeit betrachtete der Deutsche sein Verhältnis zu anderen Menschen. Er war von je in ruhigem Zustande ein höflicher Mann gewesen und sehr empfindlich gegen Kränkung seines Selbstgefühls. Sich würdig darzustellen, jedem seine Ehre zu erweisen, das Gebührende zu geben und zu empfangen, war ihm eine wichtige Sache. Ein hübsches Beispiel dafür, wie leicht auch geistliche Herren gekränkt wurden, ist uns überliefert. Als um 885 Petrus, Bischof von Verona (?), bei der Heimkehr vom Königsschloß unvermutet in das Kloster St. Gallen kam, nahmen ihn die Brüder gastfrei auf und gaben ihm als Gastgeschenk, was sie Gutes hatten, nämlich ein Evangelienbuch. Er aber hielt sich für verachtet, weil der Ruf des Klosters sehr groß war, und grollte, weil das Buch nicht schön genug gemalt und gebunden sei. Als er die Messe feierte, wurde ihm ein silberner Kelch aufgestellt, der für ein gutes Stück des Kirchenschatzes galt. Er beging die Messe und ärgerte sich auch über den Kelch. Man rüstete ihm ein reiches Mahl, und als er vom Tisch der Brüder aufstand, verlangte er, sie anzureden. Sie wurden versammelt – der Abt war abwesend –, und er sprach: »Gut habt ihr mich in Abwesenheit eures Abtes, meines Herrn, aufgenommen, aber daß ihr mir in dem Evangelium und Kelch so Gewöhnliches dargeboten habt, kränkt mich etwas. Denn obgleich ich selbst gering und unwert bin, so bin ich doch Bischof an einem gar nicht geringen Orte.« Erst als die Mönche ihm angelegentlich vorstellten, daß der heilige Gallus bessere Stücke nicht besitze, legte sich der Eifer des Mannes.

In dem Bedürfnis, sich zu seiner Umgebung vertraulich zu stellen, hob der Deutsche gern auch entfernte verwandtschaftliche Beziehungen hervor, der ältere Edle nannte den jüngern Neffen, wie später die Rittersleute einander Schwager, und Nachbar, guter Freund; Vater, Mutter waren unter Bekannten und Fremden gewöhnliche Anreden; vornehme Geistliche nannten jüngere Kleriker und Laien, auch wenn diese von königlichem Stamm waren, Söhne und Töchter. Bis zur Gegenwart ist die deutsche Rede reich geblieben an vertraulichen Benennungen bei der Ansprache. Schön und verbindlich sind die Grüße bei Ankunft und Abschied; dem Deutschen war nicht genug, einmal zu grüßen, er tat das tausendmal, wie im Jahre 1020 Froumund, Mönch von Tegernsee, Verfasser des lateinischen Epos Ruotlieb, einem Freunde schreibt: »Tausend Grüße sende ich dir, soviel Blümlein auf der Erde sprießen«, oder wie im Jahre 797 ein Dichter Karls des Großen scherzend dem andern – Theodulf dem Angilbert –: »Soviel Grüße, als ich graue Haare auf meinem Schädel habe.«

Für die angenommene Gabe wurde schon damals dem Geber des Himmels Segen erfleht und Berücksichtigung im Gebet versprochen. Auch wenn man Gaben ausschlägt, ziemt es, sie achtungsvoll zu segnen und zu preisen; einer Königstochter werden im epischen Gedicht Mäntel und Ringe angeboten, sie lehnt die Gabe ab, indem sie sagt: »Gott lasse euch eure Mäntel und Ringe selig sein.« Eine Bäuerin überrascht nach einer Sage ihren Mann bei einer wilden Frau mit langen Haaren. Selbst in diesem Augenblick vergißt sie die Sitte nicht und ruft die Fremde an: »O behüte Gott deine schönen Haare, was tut ihr da miteinander?« Und dies artige Mahnen rührt die Fremde. Wer mit einer Leistung vor andere trat, und wer von andern erhoben werden sollte, dem ziemte, wie auch seine Ansprüche waren, die größte Bescheidenheit in Wort und Gebärde. Da der Sachsenherzog Lothar als Kandidat für die deutsche Königswürde aufgestellt wird, fällt er vor der Fürstenversammlung weinend auf die Knie; daß der Hohenstaufe Friedrich nicht ähnliche Bescheidenheit zeigt, wird ihm höchlich verdacht. Dem Autor, welcher eine Schrift beginnt, ziemt, in der Einleitung seine Unwürdigkeit für so großes Unternehmen kräftig hervorzuheben; diese demütigen Versicherungen bilden die stehende Einleitung fast jeder Mönchsarbeit, ja die christliche Demut veranlaßt den plauderhaften Bischof Thietmar von Merseburg in der Mitte seines Werkes zu schweren Selbstanklagen, und er unterbricht seine Erzählung durch die befremdliche Versicherung, daß er selbst nicht nur ein kleines Männchen sei, durch eine Fistel entstellt an der linken Wange, lächerlich durch einen gebrochenen Nasenknorpel, sondern auch ein ganz erbärmlicher Gesell, jähzornig, neidisch, ein Schlemmer, Heuchler und Geizhals, kurz schlechter als sich sagen lasse. Durch diese Versicherungen wollte der vornehme Mann aber nur seinen Herrenstolz vor dem Leser christlich demütigen [...].

Dieselbe Demut wurde von dem Unglücklichen und dem besiegten Feinde erwartet. Der Bettler mußte rühren durch klägliches Aussehen und traurige Gebärde; von dem besiegten Feinde wurde gefordert, daß er im Büßergewand und barbeinig sich zu den Füßen des königlichen Siegers niedersenkte. Zuweilen war dies der Preis, um welchen dem aufsässigen Vasallen Verzeihung gewährt wurde. [...]

Ebenso waren die gesprochenen Worte ein wesentlicher Teil jeder rechtlichen Handlung, alles geselligen Verkehrs. Noch immer vernahm der Deutsche die wohlgefügte Rede mit einer Ehrfurcht, in welcher alter Aberglaube war, denn noch hatte feierlich gesetztes Wort und guter Wunsch geheimnisvolle Kraft. Wenn der Spieler eine Schachpartie begann, bei welcher er hohen Einsatz gewagt hatte, so versprach er heimlich den Umstehenden, ihnen einen Teil des Gewinns für schöne Kleider abzugeben, wenn sie ihm allein Heil wünschen wollten, und diese kluge Bitte hatte Erfolg. Auch gute Lehren, Weisheiten wurden noch als persönlicher Erwerb betrachtet, den man kaufen konnte. Ein fahrender Händler verkaufte einem Herrscher drei kluge Lehren, jede um dreihundert Gulden. Der Herr fragte: »Wie? Frommt mir deine Weisheit nicht, so verliere ich mein Geld«, und der Kaufmann antwortete: »Herr, ich bleibe in Eurem Reich; nützt Euch meine Weisheit nicht, so gebt sie mir zurück, und ich erstatte Euch Euer Geld.« Und der Herr kaufte die guten Lehren, die erste: Was du tust, das tue weislich und bedenke das Ende; die andere: Weiche nie von offener Straße um eines heimlichen Pfades willen; die dritte: Nimm nie späte Herberge, wo der Wirt alt ist und die Hausfrau jung; und die Befolgung dieser Geheimlehren rettete den Käufer aus drei großen Gefahren. [...]

In der einzelnen Erscheinung ahnt der Deutsche das Lebensgesetz, aber nur im individuellen Leben vermag er das Gemeingültige zu fassen. Was dem Römer in sehr früher Zeit gegeben war, kurz, scharf, bestimmt den allgemeinen Rechtsgrundsatz hinzustellen, mit unbeugsamer Logik und Willenskraft alle Konsequenzen desselben zu ziehen, das war dem Deutschen ganz unheimisch, ja unmöglich. Es gab in dieser ganzen Zeit des Mittelalters keine Verfassung des Reiches, d. h. keine schriftliche Aufzeichnung über Rechte des Königs, der Fürsten, der Dienstmannen, der Freien und Unfreien, über Pflichten und Rechte des Herrschers und der Untertanen, und es gab solche Regeln nicht, weil im wirklichen Leben das Gemeingültige gar nicht in seiner Berechtigung empfunden und überall durch persönliche Verhältnisse überwuchert wurde. Auch das Verhältnis zum Staat faßte der Deutsche ganz individuell. Allerdings gab es Erlasse der Könige und Synoden, bei bestimmten Gelegenheiten gegeben, welche für kürzere oder längere Zeit befahlen und verboten, und aus solchen Bestimmungen und aus altem Herkommen hatte sich überall ein Gewohnheitsrecht gebildet, das von erfahrenen Männern im Gedächtnis bewahrt und auf den einzelnen Fall angewandt wurde. Aber diese lokalen Rechte waren sehr verschieden, sie waren in beständiger stiller Umbildung, die Ausnahme konnte in der nächsten Generation zur Regel werden, längst veralteter Brauch wieder hervorgesucht. Unendlich ist z. B. die Mannigfaltigkeit der Rechte und Pflichten der Unfreien, der ritterlichen Dienstmannen, der Bürger in den einzelnen Städten, überall wird eingerichtet nach dem Bedürfnis des Augenblicks und daher an Gleichmäßigkeit selten gedacht. So flüssig und schwankend sind die politischen Verhältnisse, daß unsere Wissenschaft vor den wichtigsten Fragen des alten Staatsrechts unsicher steht. War Deutschland bis nach den Hohenstaufen in Wahrheit ein Wahlreich oder nicht? Ohne Zweifel war es ein Wahlreich nach alter Volkserinnerung, und zuweilen wird die Königswahl höchst feierlich wie nach feststehender Methode vollzogen. Aber wieder durch Jahrhunderte folgt der Sohn auf den Vater, der Verwandte auf das Familienhaupt, ohne daß die Wahlhandlung etwas anderes ist als leere Form. Stand der reisige Dienstmann eines Grafen um das Jahr 1100 über oder unter dem freien Bauern? Unzweifelhaft war sein Recht schlechter, er diente nach strengem Hofrecht und konnte von seinem Herrn als unfrei danach gestraft werden, über den freien Bauern durften nur seinesgleichen nach Volksrecht den Spruch finden; aber tatsächlich war derselbe Ministeriale der mächtige Mann des Dorfes, der auf einem Ritterpferd zu Felde zog, der mit seinen Knechten den Bauer beim Tanz und Trinkkrug hochmütig behandelte, und um dessen Gunst oder Frieden das Landvolk zu sorgen hatte, weil er bei jedem Streithandel gewalttätig in die Dorfherden fiel, ja einen verhaßten Gegner packte, in sein steinernes Haus schleppte und quälte. Ähnliche Gegensätze füllen das gesamte deutsche Leben; sie machen es sehr schwer, die sozialen Verhältnisse dieser unsystematischen und gesetzarmen Zeit zu verstehen, in welcher die grünende Volkskraft sich überall eigene Formen, Rechte, Freiheiten suchte. [...]

Noch war der Reichsordnung nicht gelungen, die alte Neigung der Deutschen zur Selbsthilfe auszurotten, im Gegenteil, je mehr sich die Interessen schieden und je mannigfaltiger die Kreise wurden, in denen der Mann stand, durch Schwur gebunden an seine Kirche, an den König, an seinen Lehnsherrn, an den Vasallen eines Vasallen, desto mehr verengte sich dem einzelnen der Bezirk, in welchem nach volksmäßiger Empfindung für ihn Friede und Recht zu finden war. In der ältesten Ordnung der Gemeinden und Gaue war waglustigem Manne, der sich mit Genossen verband, Raub und Gewalttat jenseit der Volksgrenzen gestattet gewesen; jetzt hatte die Trennung der kleinen Völker aufgehört, aber in jeder Landschaft hatten sich geschiedene Genossenschaften gebildet, Klosterleute, Stadtleute, Burgleute, welche argwöhnisch nebeneinander saßen; in demselben Dorf mochten die feindlichen Parteien wohnen.

Und es war ebenso volkstümliche Anschauung, daß jeder Geschädigte, wenn er gegen seinen Feind nicht Spruch fand, der ihm genügte, sein Recht durch Selbsthilfe holen konnte, entweder allein oder in Verbindung mit seinen Schwurgenossen. So empfanden die Großen, so jeder im Volk. Deshalb erhob sich in Zeiten, wo nicht gerade die eherne Hand eines starken Fürsten den trotzigen Anspruch der einzelnen niederzuhalten wußte, vollends wenn der Frieden des Reiches gestört, die ohnedies schwache Handhabung des Rechtes gehemmt war, überall Faust gegen Faust. Auch in verhältnismäß ruhigen Jahren waren Gewalttat und Totschlag so häufig, daß einem Menschen unserer Zeit die Unsicherheit des Lebens und Eigentums unerträglich sein müßte.

Es scheint, daß um das Jahr 1100 jedermann, die Geistlichkeit in der Regel ausgenommen, Waffen trug; auch die Unfreien, wenigstens die mit besserem Recht, sogar bei der Feldarbeit. In den Dörfern war der Brauch trotz allem Zorn der ritterlichen Insassen nicht abzuschaffen, er dauerte bis nach dem Bauernkrieg des sechzehnten Jahrhunderts; in den Städten mögen die Verbote gegenüber den Unfreien wirksamer gewesen sein, aber seit dort die Luft frei machte, wurde dies unvertilgbare Recht der Freien immer wieder Mode, wenigstens trug man an der Seite ein Kurzgewehr oder ein großes Messer. Da war natürlich, daß zufälliger Zwist auf der Straße und beim Trinkkruge häufig mit Blutvergießen endete.

Man darf deshalb vor den geistlichen Klagen über Totschlag, Räuberei und Gewalttat, zwar die Zeit wild, die Menschen aber nicht roh nennen. War die relative Sicherheit des Lebens geringer und die Gewöhnung, um kleine Veranlassung das Leben zu wagen, größer, so formten solche Verhältnisse im Charakter der Deutschen auch manche Tugenden. Es war ein kühnes, waglustiges Geschlecht, welches unbedenklich für alles eintrat, was ihm groß und begehrenswert erschien; auch der kleine Mann bewahrte ein Gefühl der Kraft, und wenn er sich zum Schutz des eigenen Lebens mit Genossen verband, so war er erfinderisch, sich eine Ordnung zu setzen, und hielt mit feierlicher Würde darauf, daß er in seinem Kreise ziemlich und billig, ehrlich und höflich tat und empfing, was ihm zukam.

Der wackere Landmann, welcher um das Jahr 1100 von einer Höhe seiner Dorfflur ausschaute, sah im Morgenlicht eine andere Landschaft als seine Ahnen gekannt hatten. Noch war der Rand des Horizontes von dunklem Waldessaum umzogen, es war damals viel Wald auch in der Ebene, überall Laubgehölz, Weiher und Wasserspiegel auf niedrigen Stellen zwischen dem Ackerboden; aber das Land war in den Ebenen reich bevölkert, die Zahl der Dörfer und der Einzelhöfe wahrscheinlich nicht viel geringer als jetzt, die meisten nicht so menschenreich.

In gerodetem Wald waren neue Hufen ausgemessen und mit Ansiedlern besetzt, in der eigenen Dorfflur war altes Weideland in Ackerboden verwandelt; zwischen Saat und Holz stand am Waldessaum oder auf einem Bergesvorsprung die Kapelle eines Heiligen, in den Dörfern ragten die hölzernen Glockentürme hoch über die Häuser und Ställe, und am Sonntagmorgen läuteten die Glocken über das ganze Land, aus einer Flur über die andere, und zu dem hohen Klang der kleinen Dorfglocken gab in der Ferne das mächtige Summen einer großen Glocke den Grundton.

Denn unten in der Flußniederung ragten Kuppeln und Türme eines Domes inmitten vieler Häuser, die mit starker Mauer umgeben waren. Eine Stadt war gebaut, wo einst der Reiher über das Wiesenland geflogen oder der Hirsch auf dem Wildpfad zur Tränke gelaufen war. Und wieder auf der andern Seite stand gegen das Dorf auf steilem Berggipfel ein gemauerter Turm und ein hohes Haus mit kleinen Fenstern, Eigentum des Grafen und Wohnsitz eines reisigen Dienstmannes, der mit seinen Genossen dort oben wirtschaftete nicht zur Freude des Bauern. Umschanzte Städte und befestigte Häuser der Reisigen erhoben sich jetzt überall auf deutschem Boden, nicht nur an Rhein und Donau, in Schwaben, Franken und Bayern, auch im alten Sachsenland und in den Ostmarken gegen Slawen und Ungarn.

Und die Städte waren in den letzten Jahrhunderten wie über Nacht entstanden, daß man bei vielen nicht zu sagen wußte, wann sie begonnen hatten; der größte Kulturfortschritt vollzog sich leise, im Zwang der Stunde, und die Zeitgenossen, welche daran arbeiteten, wußten wenig, wie unermeßlich der Segen war, den sie dadurch ihren Enkeln bereiteten.

Und wer von der Erscheinung zurückblickt auf ihren Grund, der vermag gerade hier die geheimnisvolle Arbeit schöpferischer Kraft wie in einer Werkstätte zu belauschen und ehrfürchtig zu erkennen, wie dem Menschengeschlecht Unglück in Glück und Verderb in den edelsten Fortschritt umgewandelt wird. Es war ein Unglück für die Deutschen, daß die Zahl der freien Landleute sich seit der Völkerwanderung mit reißender Schnelligkeit verringerte, die Zahl der Dienstpflichtigen und Unfreien sich unaufhörlich vermehrte; es war traurig, daß alle Gewalten, welche das Leben der Deutschen regierten, um die Wette dazu beitrugen: die Könige und ihre Beamten, welche zu vornehmen Gebietern des Volkes geworden waren, die christliche Kirche und ihre Bildung, welche den Vornehmen stärker vom Volk schied, nicht weniger endlich das geprägte Silber und Gold, welches Reiche erhob und Arme niederdrückte.

Aber durch dieselben Gewalten wurde auch der Fortschritt gewonnen, auf einem Umweg, doch darum nicht minder glorreich. Zuerst half eine alte Vorschrift der Kirche, aus romanischen Ländern nach Deutschland gebracht, daß Bistümer nur in den Städten angelegt werden sollten. Wo der Dom eines Bistums sich auf deutschem Grunde erhob, da mußte die Umgebung mit Menschen gefüllt und gegen die Landschaft abgeschlossen werden. Der Bischof oder Reichsabt zog an seinen Herrensitz seine große Familie von kunstfertigen Unfreien; der Heilige, dessen Gebeine in der Kirche Wunder taten, sammelte an seinen Festtagen große Mengen Volkes in dem Stadtraum; auf den freien Plätzen erhoben sich die Buden der Kaufleute; sehr früh erwarben die geistlichen Herren für die Waren, die zu der großen Messe geführt wurden, auf der Straße des Königs Schutz- und Zollfreiheit. Die Landschaft gewöhnte sich, nach des Bischofs oder Abtes Stadt zu pilgern, in regem Marktgewühl zu handeln. Zumal wo Deutsche gegen Slawen, Awaren und Ungarn kämpften, auf dem eroberten Grenzgebiet an der Elbe und Donau, erwiesen sich die Kirche des Heiligen und die Stadtmauer als das einzige Mittel, die Umgegend dauernd zu behaupten. So wurden Bremen, Hamburg, Lübeck, Naumburg, Zeitz, Quedlinburg, Halberstadt, Hildesheim, Fulda, Bamberg, Salzburg und viele andere Städte heraufgebracht.

Dasselbe geschah, wo ein König oder großer Landesherr auf seinem Wirtschaftshof einen Palast, »die Pfalz«, oder auf gefährdetem Boden eine größere Burg gebaut hatte; auch solche Orte erhielten schnell weiten Umfang, denn dorthin forderte der Gebieter sein Heer und die Gewaltigen seines Reichs. Herren und Mannschaften kamen mit großem Troß und suchten außer dem Obdach auch die Genüsse, welche die Zeit bot, sie kauften Waren, sahen Neuigkeiten, welche ausgestellt wurden, und lachten über die Possen des wandernden Spielmanns, der mit seiner Harfe und seiner Bande herzugeeilt war. An solchen Plätzen entstanden Aachen, Frankfurt, Ulm, Nürnberg, Goslar, Braunschweig, Magdeburg, Merseburg, Meißen.

Seitdem im neunten und zehnten Jahrhundert die Normannen von der See, die Ungarn im Süden räuberisch das offene Land durchzogen, vergaßen die Deutschen in der Not der Stunde überall die alte Abneigung gegen ummauerte Wohnsitze. Herrenhöfe und Häuser der Dienstmannen, Abteien und größere Dörfer wurden befestigt, in vielen erwuchs das städtische Leben. Was von neuen Städten um 1100 zwischen Rhein und Elbe, zwischen Nordsee und Donau lag, war freilich einer modernen Hauptstadt sehr unähnlich. Noch schloß der umfriedete Raum Ackerbeete und Gärten ein, die Mehrzahl der Einwohner waren Landbauern, welche ihre Gespanne aus der Stadt auf die Außenäcker führten, das Ganze zunächst eine große Dorfanlage um Kirche, Bischofshaus oder Palast. Wie auf dem Dorf galt dort das Hofrecht des Bischofs oder Königs, denn die Bürger waren Dienstpflichtige und Unfreie, unfrei vor andern fast alle Handwerker. Dazwischen saßen aber auch Freie einzeln oder in größerer Zahl, Kaufleute, Landbesitzer der Umgegend oder fromme Anhänger der Kirche, außerdem reisige Dienstmannen ihres Herrn. Aber Freie und Unfreie waren von fremder Gewalttat gesichert, sie standen im Schutze eines mächtigen Herrn, der mild über ihnen waltete und unter den eng Zusammenlebenden bessere Ordnung zu halten vermochte. Und sie hatten Gelegenheit zu Verdienst, wie ihnen das offene Land nicht bot. Tagesverkehr und gemeinsamer Vorteil milderte sehr bald den Gegensatz zwischen Freien und Unfreien. Denn der freie Kaufmann entnahm von dem hörigen Handwerker die Waren, Metallarbeit und wollene Gewebe und vertrieb sie mit seinen bewaffneten Knappen im Lande. Handwerk, Handel und Geldverkehr traten in enge Verbindung und gewannen dadurch einen plötzlichen Aufschwung. Der Segen der Arbeit und ihre lebenschaffende Kraft wurden dem Volke deutlich.

Wer um 1100 von Köln nach Hamburg, von Augsburg nach Nürnberg reiste, der kümmerte sich gar nicht darum, daß die eine Stadt um ein Jahrtausend älter war als die andere, daß in Köln die Gemahlin des Germanicus am Tor geharrt und die Legionen begrüßt hatte, den Knaben Caligula an der Hand, und daß in Augsburg ein Sohn des Augustus, von Liktoren umgeben, auf dem Marktplatz gesessen hatte, während über dem Grund von Hamburg und Nürnberg noch das Baumlaub rauschte und die gefallene Eichel einen Sproß trieb, welcher als alter Urbaum bei der Stadtgründung gefällt werden sollte. Aber man merkte damals doch einen Unterschied in Aussehen, Kraft und Wohlstand zwischen den alten Römerstädten auf deutschem Boden und den neu gewordenen. Utrecht, Mainz, Köln, Trier, Regensburg, Worms, Speyer und Augsburg waren die altberühmten Städte des Reichs, Sitze großer Bischöfe und alter Kaiserpfalzen; zwischen den großen Kirchen und geschwärzten Römertürmen und neben den Dienstleuten der Bischöfe hatte sich dort eine größere Anzahl Freier angesiedelt; Köln war um 1100 bereits eine große Handelsstadt, Utrecht ein Mittelpunkt der flamländischen Wollenindustrie; die Zahl der steinernen Gebäude war größer, die Stadtmauer wahrscheinlich höher und besser mit Türmen und Außenwerken geschützt, das Selbstgefühl der Bürger kecker, auch ihre Freiheiten besser und ihre Vornehmen stolz. Aber obgleich sie noch im Vordergrund deutschen Städtelebens standen, zu groß darf man sich den Abstand der alten und neuen Städte nicht denken, gerade bei mehreren neuen ging die Entwicklung wunderbar schnell und kräftig vonstatten.

Denn groß wurde der Zudrang vom Lande nach der Stadt. Der alte Wandertrieb regte sich wieder kräftig. Dieselben Zustände der Dorfflur, welche in der Urzeit die Auswandererscharen nach dem Süden getrieben hatten, dauerten fort, jene alte beengende Einfügung des einzelnen in das Wirtschaftssystem seines Dorfes. Und dazu war neues größeres Leiden gekommen, die Dienstbarkeit unter einem Herrn. Kaum waren die Sachsenkriege beendet und die wüste Unordnung der letzten Karolingerzeit überstanden, so wurde in den Dörfern wieder die Überfüllung fühlbar. Neue Rodungen und Verminderung des Weidegrundes halfen nur auf kurze Zeit. Wer nicht aussichtslos fortleben wollte in der alten Hütte und nicht einen Teil seiner Erträge an andere abgeben, der blickte jetzt sehnsüchtig nach den Baumstämmen oder den Steinen, welche die nächste Stadt einschlossen. Im zehnten und elften Jahrhundert begann durch ganz Deutschland eine neue Kolonisation im Inlande, mächtig und unwiderstehlich, das Landvolk zog in die Städte. Mit märchenhafter Schnelligkeit füllten sich die neugegründeten Orte, bei manchen mußte wenige Jahre nach der Anlage die Stadtmauer erweitert werden, an viele schloß sich von außen Neustadt und Vorstadt. Der Grundherr hatte dabei den größten Vorteil: sein Ackerland wurde in Baustellen verwertet, wenn er die Häuser baute, und wenn er die Plätze gegen Zins den Einwanderern überließ, wurde seine Bodenrente hochgesteigert. Und der Arbeiter fand für jede Art von Tätigkeit, zu der er geschickt war, höheren Lohn, besseres Leben und größere Freiheit. Auch der unfreie Landmann, der anderem Herrn gehörte, suchte Gelegenheit, sich loszukaufen oder dem Bischof verkauft zu werden, oder er entfloh in die Mauern, wo er gebraucht und gern aufgenommen wurde. Je teurer der Stadtgrund wurde, desto enger schlossen sich die Häuser in der Mauer zusammen; groß war unter den Einwohnern der Eifer für den Vorteil ihrer Stadt; die Mauern zu verteidigen gegen den drohenden Feind, oder für den Vorteil des Stadtherrn ins Feld zu ziehen, wurde auch dem Unfreien Pflicht und Ehre, ein männlicher kriegerischer Geist und schönes Freiheitsgefühl lebten in der neuen Gemeinde auf.

Nicht lange, und den Bürgern wurde das Herrenrecht ihres Bischofs oder Herzogs lästig und der Vogt feindselig, den der Grundherr ihnen gesetzt. Als unter Kaiser Heinrich IV. die Mehrzahl der Bischöfe und des hohen Adels gegen die kaiserliche Gewalt in Waffen trat, da fuhr es wie ein Wetterschlag durch die deutschen Städte, überall erhoben sich die Bürger gegen ihren Grundherrn und stellten sich auf die Seite ihres Kaisers und des Reiches. Bereits zweihundert, ja hundert Jahre nachdem die Städte des innern Deutschlands gegründet waren, rührten sie sich als starke politische Macht, sie bildeten ein neues Fußvolk, welches gegen die Vasallenreiterei der Edeln kämpfte. Und die Frankenkaiser wußten wohl den Wert dieses neuen Bundesgenossen zu schätzen, sie minderten den Druck der Grundherrschaft, gaben den Unfreien in einzelnen Städten das Recht, ihr Einkommen auf die Kinder zu vererben, sie wehrten dem Grundherrn, dem sein Höriger in die Stadt entwichen war, die schonungslose Rückforderung. Endlich im zwölften Jahrhundert wurde Stadtrecht, daß kein Unfreier, der Jahr und Tag ohne Forderung des Herrn in der Stadt gelebt habe, zurückgeboten werden dürfe, und in das deutsche Leben kam der große Satz, daß die Luft der Stadt frei mache.

So vollzog sich die gewaltige Wandlung. Aus dem lockern Zusammenhang freier Landgemeinden war das deutsche Königtum aufgestiegen: Der Heerkönig hatte eine Aristokratie seiner Beamten, der Herzöge, Grafen und der Bischöfe geschaffen, durch die weltlichen Würden waren die äußern Feinde abgewehrt, durch die geistlichen Würden war Christentum und neue Lehre dem Volk verkündet. Beide, Bischöfe und weltliche Beamte, waren zu großen Vasallen geworden und hatten den Stamm der Freien herabgedrückt, die Volkskraft vermindert. Als nun die geistlichen Herren ihre weltliche Macht im Dienste des römischen Bischofs gegen den gemeinen Nutzen verwandten, und als die herrschlustigen Fürsten ihr Hausinteresse über das des Reiches stellten, als so die Bildungen der ersten Königszeit, die einst das Reich gegründet hatten, dasselbe in Gefahr setzten, zu zerfallen: da brachte ein neuer Teil der Volkskraft, der in dieser Zeit herauf gewachsen war, dem Reich Hilfe und Rettung, die Städte und ihre Bürger.

Und die Männer, denen die Wiedergeburt deutschen Lebens zu danken ist, waren in der großen Mehrzahl gerade die Unfreien, die Gedrückten und Gequälten der alten Königszeit. Die Freiheit, welche sie auf der Ackerscholle zur Zeit der Merowinger und Karls des Großen verloren hatten, gewannen sie unter den Frankenkaisern und Hohenstaufen in den Städten wieder, eine bessere Freiheit, sie selbst als die Vorkämpfer einer neuen Kultur.

Zur Erläuterung des Gesagten wird im folgenden ein kleines Schriftstück mitgeteilt, welchem zwar der Reiz fesselnder Schilderung entgeht, das aber mit wenigen Worten in die gesellschaftlichen Zustände jener Periode einführt. Der Kampf der Geistlichen gegen die Übergriffe des raublustigen Adels, Bau von Burgen, Befestigungen von Städten, die Anstrengungen eines entschlossenen Mannes zur Rettung seines Eigentums werden daraus deutlich. Es ist ein Bericht, welchen Marquard, Abt des Klosters Fulda (von 1150–1165), hinterlassen hat. Er war ein tatkräftiger Mann von tüchtigem Selbstgefühl, dem nicht beschieden war, bis an das Lebensende seinem fürstlichen Stift vorzustehen, denn er dankte ab, weil er in dem Kirchenstreit den Papst der Kaiserpartei nicht anerkennen wollte und starb 1168 im Michaeliskloster zu Bamberg. Seine Schrift fällt zwar in die Zeit der ersten Hohenstaufen, aber die Zustände, welche er schildert, waren damals nicht neu, es sind genau dieselben Kämpfe und Leiden, welche schon unter den fränkischen Kaisern beklagt werden. Er beginnt in seinem Latein folgendermaßen:

Im Namen der Heiligen Dreieinigkeit, ich Marquard, durch Gottes Gnaden demütiger Diener der heiligen Kirche von Fulda, wünsche allen, welche Christo und mir getreu sind, Gnade und ewiges Heil in Christo.

Ich weiß, daß es nicht meine Sache ist, die eigene Person zu empfehlen, da geschrieben steht: »Dich lobe fremder Mund, nicht der deine.« Aber weil ich nach Gottes Befehl und Willen mit reinem Gewissen rede, möge man anhören, was ich vorbringe, mir nicht nur zur Empfehlung, sondern auch zur Verteidigung, damit nicht etwa die Neider meiner Werke nachteilig auslegen, was ich in guter Absicht getan habe, und damit sie mir nicht als Vergeudung zur Last legen, was ich aus ehrlichem Herzen zur Verteidigung der mir anvertrauten Kirche ausgeführt. Also seit ich durch Gottes Gnade auf Befehl des Königs Konrad und durch mahnende Wahl der Brüder und dieser ganzen Gemeinde zuerst in mein Amt trat, fing ich an zu überlegen, wie ich mit Gottes Hilfe wohl diese verödete und fast auf nichts heruntergebrachte Kirche von der Plünderung und Beraubung durch gewisse Leute erlösen könnte. Denn es war wirklich traurig zu sehen, wie eine so edle Stätte, allen Frommen lieb und ersehnt, zu solcher Vernachlässigung heruntergekommen war, daß in den ganzen Vorräten der Brüder oder des Abtes nichts war, wovon man den Brüdern einer so ehrwürdigen Genossenschaft täglichen Lebensunterhalt geben konnte. Und das war nicht wunderbar, denn die Laien hatten alle Güter dieses Klosters hinter sich, und was sie wollten, gaben sie, und was sie wollten, behielten sie für sich.

Zum ersten ist dadurch dem Kloster großer Schaden geschehen; denn wer von den Laien einige Zeit ein Gut dieser Abtei in seiner Hand hatte, nahm sich die besten Hufen heraus und vererbte diese nach Benefizialrecht auf seine Söhne, so daß manches Gut mehr Hufen verlor als es übrigbehielt, und ein Gut, welches dem Kloster vierzehn Tage arbeiten mußte, arbeitete kaum sieben, und was sieben Tage hatte, arbeitete den Brüdern kaum drei oder gar nicht.

Und wieder war ein anderes Leiden noch viel unerträglicher. Die Fürsten verschiedener Landschaften nahmen sich von den naheliegenden Kirchengütern, soviel ihnen gut schien und behielten dies, als wäre es ihr Benefizium, ohne daß ihnen jemand steuerte oder dagegen sprach. Die Kleineren aber machten sich Rodungen und Dörfer in den Wäldern und Gehegen des heiligen Bonifazius. Gar nicht zu reden von den Hörigen der Kirche, welche überall dem Raub preisgegeben waren, da sie jeder an sich riß und sagte: »Mein bist du, mein bist du, ich habe dich als Benefizium erworben.« Diese und ähnliche und viel größere und schwerere Übel zwangen unsere Vorgänger, Gefäße und Geräte des Gotteshauses zu verkaufen und zu verzetteln, und die Schmucksachen der Kirche zu zerreißen und zu zerstreuen, wenn sie der königlichen und der römischen Kurie dienen mußten, weil die Einnahmen der ganzen Abtei in die Hände der Laien gekommen waren. Und wenn ein Abt ihnen widersprechen wollte und in richterlicher Entscheidung Recht gegen sie suchte, so schlüpften sie durch listige und kluge Gründe ihres Rechtes, welches sie Lehnrecht nannten, wie eine Schlange aus seinen Händen und entkamen durch gewundene Rede ohne Schaden.

Diese ganze Gefahr und Verwüstung der anvertrauten Kirche hatte ich vor Hand und Auge und begann bei mir zu überlegen, was zu tun sei, zumal da mir viele Widerwärtigkeiten und Widersprüche erwuchsen, wenn ich einen von diesen Leuten anders stellen oder verhindern wollte. Zuerst also suchte ich Hilfe bei Gott und übergab mich ganz ihm, der in Gefahr zu helfen pflegt, und ich hielt einen Rat mit Autorität des Herrn Papst Eugenius und auf Befehl meines Herrn Königs Konrad, und habe keinem meiner Leute oder Dienstmannen irgend etwas als Benefizium gewährt als was sein war; wenn er sonst etwas von den Gütern der Kirche in der Hand hatte durch Aneignung oder Raub, hab' ich es ihm verboten. Meine Güter habe ich den Laien untersagt und habe dieselben sogleich mit meinen Brüdern und mit Landleuten, wie es mir recht und genehm schien, besetzt. Deshalb habe ich sofort, weil der erste Zusammenstoß der schärfste ist, von der Feindseligkeit einiger Gegner großen Widerspruch erfahren, auch Totschlag der Meinigen, Augenausstechen und Blutvergießen. Aber um kurz zu sein, der allmächtige Gott, dem ich mich und all mein Eigen vertraute, hat den Meinen einen wunderbaren und unglaublichen Sieg über Gegner und Feinde der Kirche geschenkt, und vielen erschien es als etwas Großes, daß ein Mensch ohne Hilfe seines Geschlechts, ein Ankömmling und Fremder in diesem Lande soviel durchsetzen konnte. Aber das ist nicht wunderbar. Denn wir Geistlichen und Mönche würden die unersättliche Habsucht, welche Verwandte haben, nicht sättigen können, wenn wir auch außer der Abtei das größte Bistum hätten, und doch würden sie uns vielleicht nur lau helfen und nur zum eigenen Vorteil. Doch genug davon.

Ich, Marquard, begann den Bau der Burg Bieberstein. Allerdings ziemt den Mönchen, nur im Kloster zu wohnen und geistliche Kämpfe zu fechten, aber die Welt liegt im Argen und enthält sich des Schlechten nicht, wenn ihr nicht mit Gewalt widerstanden wird. Denn ich dachte in meinem Gemüt: Hier ist eine Stelle für eine Burg. Wenn sie von einem Feind der Kirche besetzt würde, könnte dieser uns alles Leid antun und nur mit großer Einbuße an Habe und Gefahr der Menschen herausgeworfen werden. Darauf begann ich, die Burg zu bewohnen und zum Nutzen der Kirche zu verwenden und mit treuen Kriegern zu besetzen, welche die Ehre des Klosters vertraten. Diese beschworen mit einem Eide, sich niemalen zu ergeben, selbst bei Todesgefahr nicht, außer zur Ehre des Klosters und Abtes.

Darauf habe ich die daranliegende Burg, Haselstein genannt, mit großer eigener Gefahr und Aufwand der Kirche eingenommen, weil sie ein Schlupfwinkel von Dieben und Räubern war, welche sich daselbst mit ihrem Herrn Gerlach in sicherem Versteck befanden, und habe sie zur Verteidigung des Kirchengutes mit treuen Männern besetzt und habe rund herum Befestigungen errichtet und ein Dorf und einen Markt unter der Burg angelegt. Ferner habe ich an dem königlichen Schloß Baumenburg Mauern errichtet und starke Befestigungen erbaut, und auf diesen Bau zur Ehre und Verteidigung unserer Kirche viel Mühe verwandt in der Absicht, um mit dem Kaiser und mit den Dienstmannen des Reiches engere Genossenschaft zu haben, und damit wir zu ihnen fliehen könnten, wenn ein Krieg hereinbräche.

Und damit nicht in der Umgegend unseres Ortes, nämlich der Stadt Fulda, von nichtswürdigen Männern ein Tumult aufgeregt würde, wie oft von solchen geschieht, welche darum in die Burgen fliehen und sich gesellen, um Beute aus der Gegend zu holen, so habe ich mannhafte und tapfere Männer angenommen und habe sie als Besatzung in die Burg gelegt. Und um dem Ort und unserem Volk sicheres Wohnen in aller Kriegsgefahr zu schaffen, habe ich den ganzen Ort Fulda mit sehr starken Mauern umgeben, mit Pfahlwerk und Damm befestigt, habe Wighäuser erbaut, Tore mit Eisenbeschlag und Riegel eingehängt und das Volk selbst durch Bau und Bewaffnung wehrhaft gemacht und der ungerechten Unterdrückung durch die Vögte enthoben.

Aber ich habe nicht nur auf die Außengebäude Sorge gewandt und mir damit um Gottes Willen zur Ehre des Ortes und zur Verteidigung der Seelen und Leiber nach Kräften Mühe gegeben, ich habe auch im Innern, nämlich zur Wiederherstellung des Klosters, viel Arbeit aufgewandt, wie jedem, der es sieht, wohl bekannt sein wird. Das Dach des Klosters war früher von Blei, aber vor Alter zusammengefallen, ich habe es wiederhergestellt und verbessert und habe einen Glockenturm aus den besten Werkstücken errichtet. Ich sah auch, daß der Quell der Wasserleitung wegen Alter und Verfall versagte, er gab unsern Brüdern zum Waschen der Hände langsam und wenig Wasser, ja manchmal gar keines; da habe ich ordentliche Kanäle eingerichtet und durch bleierne Röhren den Wasserlauf ganz dauerhaft wiederherstellen lassen, auf daß von jetzt ab niemals rinnendes Wasser fehle, welches von selbst auf die Hände der einzelnen Brüder läuft. Aus dieser Wasserleitung habe ich auch eine Ader des Quelles auf den Markt geleitet und einen großen Stein mit vieler Mühe durch die Stadtmauer hereingebracht und mit Wasser angefüllt. Soviel über die Bauten und Befestigungen.

Aber ich kehre zu dem ersten Gegenstand meiner Vorsorge zurück. Seit ich nach Gottes Willen der Kirche von Fulda vorstand, habe ich immer gedacht und gesorgt, wie ich die Güter unserer Kirche von denen, die sie geraubt hatten, zurückfordern könnte. Und mit Gottes Willen habe ich darin durchgesetzt, was ich konnte, denn ich ging durch alle Dörfer und forschte angelegentlich und fand endlich nach Angabe getreuer Männer, wieviel überall weggenommen war. Dann ging ich allmählich die einzelnen in dieser Sache an und forderte wenig von vielen zurück. Denn alle Entwendungen konnte ich gar nicht zurückverlangen, weil alle Ministerialen der Kirche ihren Vorteil, nicht den des Herrn suchten und einander beistanden. Jedoch erhielt ich in jedem Dorfe etwas, in einigen aber mehr, in andern weniger; doch so, daß wenige Dörfer sind, in denen ich nicht einen Hof oder zwei oder drei oder mehr für die Kirche behauptete. Darauf aber trat ich in Beratung mit dem ältesten Volk von den treuesten Hörigen der Kirche, umging und betrachtete die Grenzmarken der Wälder und Äcker, der Wiesen und Triften. So habe ich ermittelt und zurückgefordert durch den Umgang der Gemeinden, welcher Landleite genannt wird, viele Hufen, Äcker und Wiesen, Waldmarken, Triften und Grenzzeichen, die in alter Zeit widerrechtlich genommen waren; auch die Mühlen und Mühlstellen, die widerrechtlich vorenthalten wurden, auch Fischteiche und Gewässer und den Wasserlauf, der widerrechtlich von dem alten Bett abgeleitet war, habe ich zurückgefordert.

Als ich das alles zurückgefordert und der Kirche von Fulda mit vieler Mühe und Gefahr erlangt hatte, begann ich lange bei mir sorglich zu bedenken, wie ich aus diesen erworbenen Gütern dem Herrn und St. Bonifazius den besten Dienst und meinen Brüdern nützlichen und notwendigen Trost verschaffen könnte. Nun sandte mir Gott in meinen Sinn, daß ich an das Leiden der Brüder dachte, nämlich wie unsere Brüder das ganze Jahr an ihrer Mahlzeit Mangel leiden, und ich sagte meinem Herzen: Weil ich mit Gottes Hilfe einiges von vielem Besitz, der dem Kloster entzogen war, zurückerworben habe, so will ich dies mit Gott zum Bedarf der Brüder anwenden; vielleicht wird durch Gottes Fügung dafür mehr und Größeres in meine Hände kommen. –

Und damit kein Leser meine, dies sei zur Verkleinerung oder zum Ärgernis geschrieben, möge er bedenken, daß ich die Wahrheit sage. Haben nicht der Landgraf und der Sohn des Königs Konrad die Lehen sehr vieler Fürsten an sich gezogen und dürsten noch danach? In ähnlicher Weise züngeln auch viele andere krank vor Begehrlichkeit immer, ihre Gierigkeit zu befriedigen. Und doch werden sie bei ihrem Tode alles hier zurücklassen, sie mögen wollen oder nicht. [...]

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.