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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 38
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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Der Verlauf der Erzählung ist sehr einfach. Ein reicher junger Holländer – die Holländer nahmen damals in deutscher Gesellschaft ungefähr dieselbe Stellung ein, welche noch vor kurzem auch an deutschen Höfen den Engländern gegönnt wurde, die Bedeutung ihrer Nation galt fast so viel als ein Adelsbrief – kommt nach Breslau (Belissa), wird Zeuge eines Duells zwischen einem Neugeadelten und einem Landjunker, läßt sich von seinem Gastwirt das Landleben schildern, besucht das Haus eines verschwenderischen Pfeffersackes, wird von einem jungen Herrn v. K., einem Bekannten aus früherer Zeit, auf ein Landgut geladen, lernt nahe dabei die Krippenreiter aus eigener Anschauung kennen, hört einen Bericht der Abenteuer, welche ein Schlesier als englischer Offizier durchgemacht, und verbringt die übrige Zeit seines Landbesuches mit würdigen, aber sehr breiten Gesprächen, in welche der Verfasser viel von seinen Ansichten und seiner Gelehrsamkeit eingepackt hat: über die Bildung des Soldaten, über Berufs- und Geburtsadel, über die politische Situation, über die Kultur der Alten im Vergleich zur Gegenwart usw. Bei der Rückkehr nach Breslau erfährt der Holländer, daß jener reiche Kaufmann, der ihn im Anfang zur Tafel geladen, Bankrott gemacht und sich heimlich entfernt habe, das Leben desselben wird erzählt, der Held verläßt Breslau. – So enthält die ganze lange Erzählung nur etwa fünf Schilderungen, welche hier interessieren, zwei derselben werden mitgeteilt. Einzelne rohe Ausdrücke sind gemildert, weniges gekürzt, die Sprache nur so viel, als unumgänglich nötig schien, unserm Deutsch genähert. Zuerst erzählt der Gastwirt, wie er als Sohn eines Schneiders studiert, dann eine wohlhabende Kretschmerin – Schenkwirtin – geheiratet und nach ihrem Tode, in dem unglücklichen Bestreben großzutun, einen Adelsbrief gekauft habe, um sich auf dem Lande niederzulassen. Dann fährt er also fort:

Ein nicht gar zu getreuer Freund gab mir einen Anschlag auf die Landecke, wo zwar die adligen Rittersitze in niedrigem Preise, dabei aber auch von geringem Einkommen sind; zwar widerriet mir dies ein anderer guter Freund und wies mir nach, was ich für Überlast und Widerwärtigkeit von den benachbarten Krippenreitern haben würde, ich ließ mich das aber nicht anfechten, weil ich mich ihnen mit dem Degen genugsam gewachsen wußte, und schlug die gute Warnung leicht aus dem Sinn. Kurz ich kaufte ein Gut für 6000 Taler, ward aber bald gewahr, daß ich unter den Blitz geraten, als ich dem Donner entwichen, und daß mein guter Freund mit seiner Prophezeiung sehr nahe ans Ziel geschossen hatte. Denn als ich mich kaum halb und halb eingerichtet, war ein Junker Vogelbach der erste, der mich nebst ein paar seinesgleichen »umstieß«, wie sie es nannten. Er war auf etwa eine halbe Meile mein Nachbar; nicht daß er damals oder jetzt ein eigenes Gut gehabt hätte, sondern er saß nur auf einer Bauernwirtschaft zur Miete, die etwa einige hundert Reichstaler wert war, und brachte, wie andere seinesgleichen, das Leben mit Krippenreiterei zu. Wie er sein Weib und Kind aushält, weiß ich nicht, nur daß ich die Frau öfter mit einem Karren und ein paar abgerissenen Kindern bei den vermögenden Edelleuten auf der Garte gesehen habe, wie sie Getreide, Brot, Käse, Butter und dergleichen einsammelte. Solche Bettelschatzungen forderte sie denn auch insgemein monatlich einmal bei mir ein. Dieser Vogelbach nun war, wie gedacht, der erste, der mir nebst ein paar seinesgleichen »den Tisch zu rücken« einsprach. Sie verhielten sich das erste und zweitemal noch ziemlich bescheiden, wohingegen auch ich ihnen vorsetzte, was das Haus vermochte. Dies aber wurde ihrer Meinung nach durch die Ehre der adligen Brüderschaft, welche sie mit mir schlossen, überflüssig ausgeglichen, bis endlich die Stänkerei in ihrem groben Gehirn unmöglich eingesperrt länger bleiben konnte. »Es gilt dir, Bruder Kretschmer«, fing er einmal an, als er sich den ganzen Tag über die Nase mit Bier und Branntwein begossen hatte. Doch aber gesegnete ich ihm diese Worte mit einer unversehenen Ohrfeige dergestalt, daß der gute Kerl mit dem Sessel bis mitten in die Stube über den Haufen flog. Mein Reitknecht, ein baumstarker Mensch, der vormals Soldat gewesen, und den ich zumeist als Schutzgeist in dergleichen Nöten aufgenommen hatte, kriegte, als er dies sah, den andern Junker W. bei dem Kragen, daß er sich nicht rühren konnte. »Was«, sagte er, »ihr Halunken, ist es nicht genug, daß man euch, sooft ihr kommt, den hungrigen Leib füllt und eure magern Mähren ausfüttert? Wollt ihr meinem Herrn dieses Deo gratias geben? Dieser und jener hole mich, wo sich einer regt, so will ich ihm den Junkerrock so verbrämen, daß man die blauen Posamenten sechs Wochen auf dem bloßen Rücken sehen soll.« – »Wir haben nichts mit diesen Händeln zu tun«, antworteten die zwei, »hat Bruder Vogelbach etwas angefangen, so wird er solches als ein rechtschaffener Kavalier auch auszuführen wissen.« Dieser hat sich unterdes wieder aufgerafft und wollte zum Degen greifen. »Laß deine elende Blutpeitsche stecken«, sagte ich, »oder ich will dir, sofern du noch nicht völliges Maß hast, mit dem abgebrochenen Schemelbein dies gewiß dazusetzen.« Damit hielt er den Mund und ging mit blaugefärbten Augen nebst seinen ritterlichen Kumpanen auf und davon. Sie setzten sich zu Pferde und ritten zum Tor hinaus. Sobald sich aber diese drei für sicher hielten, ging erst recht das Schmähen an; hundertmal schalten sie mich einen Kretschmerknecht, der eine bemühte sich die Pistolen loszubrennen, konnte es aber nicht dazu bringen, ohne Zweifel weil weder Hahn noch Rad am Schlosse war. Endlich merkten sie, daß ich ihnen mit einem halben Dutzend Bauern auf den Hals kommen wollte. Deshalb machten sie sich eilends auf und davon und schickten mir etwa vierzehn Tage danach alle drei zugleich ein Schlagkartell zu, in der Meinung, ich würde nimmermehr das Herz haben, mich mit ihnen im freien Feld herumzuhauen, worin sie sich aber sehr betrogen fanden.

Da ich jedoch mich besorgte, es möchte mir der ganze Schwarm der herumwohnenden Krippenreiter über den Hals kommen und gemeinsam Kopfnüsse geben, so nahm ich ein halbes Dutzend von den Reitern, die damals im Lande lagen, zu mir und gab dem Vogelbach im ersten Gang eine so tüchtige Schmarre über die Achsel, daß er den Degen fallen ließ und die Faust nicht mehr gebrauchen konnte. Darüber verlor W. alsbald den Mut so weit, daß er im zweiten Gang Frieden machte. Keiner hielt sich besser als Junker Michael v. S., den ich vorher für den verzagtesten angesehen hatte. Er hieb gut genug um sich, bis endlich dieser dreifache Zweikampf so endete, daß sich die beiden andern mit uns verglichen, Vogelbach sich aber noch ein paar Gänge zu Pferde vorbehielt, sobald ihm der Arm geheilt sein würde, was er jedoch bis zum heutigen Tage unausgeführt gelassen hat.

So bekam ich Ruhe, zwar nicht vor dem Zulauf der Krippenreiter, an denen es niemals mangelte, wohl aber vor ihren Händeln; doch bald wurde mir eine viel größere und kostbarere Ungelegenheit. Mein Verkäufer hatte mich nicht nur beim Verkauf selbst ziemlich geschnellt, sondern mir auch einen bedeutenden wiederverkäuflichen Zins verschwiegen, außerdem bei weitem nicht alles gewährt, was in dem Inventarienzettel aufgesetzt war. So mußte ich ihn notwendig vor der Landesregierung verklagen und mich dazu eines Advokaten bedienen. Hier dauerte es nun sehr lange, bevor ich meinen Gegner, der eine Ausflucht nach der anderen ersann, festhalten konnte, und mir schien auch, als wenn man bei der Regierung wenig Lust hätte mir zu helfen. Mein Advokat, der am besten wußte, wo es fehlte, gab mir den Rat, den Herrn Kanzler zu gewinnen. Ich merkte leicht, wohin er zielte, und schickte diesem anfangs ein in Polen erkauftes Wildschwein nebst ein paar Tonnen Butter in die Küche, welche auch das Rad der Gerechtigkeit so weit aus dem Sumpf hoben, daß ein Befehl an meinen Gegner abging, seine Einwendungen in einer festgesetzten Frist beizubringen. Damit mußte ich vorerst zufrieden sein, ich ward aber bald inne, daß noch vor Ablauf der Frist das Wildbret mit der Butter verzehrt war, ich hörte von keiner Vorladung und von keinem Gegenbericht. Daher verdoppelte ich meinen Einsatz, und weil die Frau Kanzlerin erinnerte, die Butter habe ihrem Herrn so wohl geschmeckt, daß er seit der Zeit keine andere genießen wollte, mußte ich wieder ein paar Tonnen nebst einem Malter Hafer und einem schönen Rehbock denselben Weg gehen lassen. Darauf kam zwar bald ein neuer Befehl, mein Gegenpart war aber so lange nicht zu sehen, bis endlich noch ein Malter Korn nachflog. Dieser brachte es zwar zum Termin, förderte die Sache aber nur so weit, daß dem Gegner das Klagelibell vorgetragen und anbefohlen wurde, innerhalb einer doppelten sächsischen Frist zu exzipieren. Diese Frist zog sich mit der Replik und Duplik, und bevor man in der Sache zum Schluß kam, bis über zwei Jahre hinaus. Weil aber unterdes dem Herrn Kanzler alles Geschenkte besser schmeckte, als was er kaufte, mußte ihm bald dies, bald jenes zugeschickt werden. So wußte er ein Paar schöngezogene Stutzen bei mir, die er sich auf folgende Art herausbrachte. Er kam unvermutet selbst zu mir und tat, als ob er genötigt wäre, um ein freundliches Nachtlager anzusprechen. Ich mußte mir dies für eine besondere Ehre schätzen und bewirtete ihn, so gut ich konnte. Unterdes besah er meine Gewehre, lobte die Stutzen und gab vor, daß er ein besonders großer Freund von dergleichen Sachen wäre; ich möchte sie ihm entweder gegen bare Zahlung überlassen, wenn sie mir feil wären, oder ihm ein Paar von derselben Arbeit bestellen. Daraus konnte ich bald merken, wohin er zielte, und mußte in den sauren Apfel beißen und nicht nur dieses Paar Stutzen, sondern etliche Monate darauf noch ein schönes silbernes Uhrlein, das er zufällig an der Wand gesehen hatte, in Hoffnung eines guten Bescheides hingeben. »Das ist ein schöner Groschen, womit man einen Taler gewinnen kann«, sagte mein Advokat; »selten fällt in einen offenen Beutel ein schlimmes Urteil; der Beutel eines Prozessierenden muß mit Spinneweben zugeschnürt sein, gerade wie bei den Verliebten. Und da man mit einer goldenen Lanze auch den Stärksten aus dem Sattel heben kann, wird wohl alles gut werden, wenn sich der Herr noch zuletzt einmal überwinden kann zu geben.« Kurz auch eine vier Mark schwere vergoldete silberne Flasche ging dem andern nach. Und doch fand ich zuletzt dort einen Esel, wo ich eine Krone gesucht hatte. Das Ende war die Sentenz, nächstens solle eine Kommission niedergesetzt werden, um zu versuchen, ob wir in Güte miteinander verglichen und die hochlöbliche Regierung fortan dieses langen, verdrießlichen Prozesses überhoben werden könne. Wie sehr mir dies zu Herzen ging, ist leicht zu erachten; ich verfluchte die Stunde, in der ich an das Landleben gedacht hatte, und verglich mich mit meinem Gegner, ehe noch die Kommission angesetzt war. Für 1600 Taler, die ich mit allem Recht von ihm zu fordern hatte, nahm ich 500 und bekam damit kaum die aufgewandten Unkosten zurück. Dabei bekannte er mir denn aufrichtig, daß ihm an dergleichen Bestechung auch nicht weniger als 300 Taler daraufgegangen wären. So wäre der beste Weg gewesen, wenn man sich gleich anfangs vertragen hätte.

Unterdes hatte ich mich mit einem Hauskreuz belästigt, das mir viel mehr in die Seele schnitt als dieser Prozeß. Bald nach dem Kauf des Gutes hatte ich mich in ein alt-adliges Geschlecht der Nachbarschaft verheiratet, und das bekam mir so wohl wie dem Esel der Eistanz. Im Anfang zwar hatte ich geringe Neigung dazu, ich war gewillt, guter Leute Kind aus der Stadt mit etlichen tausend Talern zu nehmen und dadurch meine Wirtschaft um ein bedeutendes zu verbessern. Aber der falsche Freund, der mich zu dem Kauf überredet, riet mir keine andere als von gutem, altem Adel, und zwar aus der Nachbarschaft zu nehmen. »Zunächst«, sprach er, »ist sehr ungewiß, ob der Herr in Breslau eine reiche Partie antrifft, obgleich er sich darauf hat adeln lassen. Ferner haben dergleichen Stadtdamen so viel Kenntnis von der Landwirtschaft, daß sie nicht einmal wissen, was Kuh oder Ochse, was Käse oder Quark sei. Die Wirtschaft des Herrn aber erfordert eine Wirtin, die von Jugend auf dabei gewesen ist; auch ist solche Heirat das einzige Mittel, seine Kinder mit der Zeit zu rechtschaffenen Landedelleuten zu machen.« Zu diesem Ende schlug er mir eine Dame der Nachbarschaft vor und erbot sich, selbst den Freiwerber abzugeben. »Sie ist schön, eine gute Wirtin, von guten Mitteln und altem Hause, das alles wird der Herr unmöglich in der Stadt beisammen finden.« Als ich ihn hierauf fragte, wie hoch sich ihre Mittel beliefen, schnitt er von 2000 Talern auf. Zwar zweifelte ich schon damals daran, weil dies auf dem Lande ein so großes Heiratsgut ist, daß wohl auch Freiherren danach schnappen; doch ließ ich mich endlich bereden, weil die Dame nicht übel gebildet war und der neue Adel mir alle gesunde Vernunft aus dem Hirn geschafft hatte. Bald fand ich, daß die vorgegebenen 2000 Taler bis auf 400 schwanden, die noch dazu in einem zweifelhaften Prozeß schwebten, der kaum so viel austragen konnte, als die daraufzuwendenden Unkosten betrugen, oder als mich ein standesgemäßes Beilager kosten würde. Demungeachtet hatte ich im Anfang Liebe zu ihrer guten Gestalt und schlug mir alles aus dem Sinn. Da sie mir aber so gar nichts an Schmuck, Kleidern und anderem Frauengeschmeide zugebracht, fragte ich einst meine Frau Schwiegermutter, wo denn die Kettchen, Ringe und paar taftnen Röcklein wären, mit denen ich doch meine Liebste bekleidet gefunden hätte, als ich um sie warb. Sie aber gab mir mit höhnischem Gelächter zur Antwort, wenn ich sie auch nur im bloßen Hemd bekommen hätte, sollte ich dennoch damit zufrieden sein und mich begnügen, daß sie so weit von ihrem adligen Geschlecht herabgestiegen sei und mir ihr Kind gegeben hätte; sie werde noch Ungelegenheit genug haben, diesen Schimpf bei ihrer Freundschaft abzuwischen, welche die Heirat durchaus nicht hätte zugeben wollen. Was aber Kleider und Schmuck anbelange, so müßte ich wissen, daß sie noch mit mehr Töchtern versehen sei und auch diese zu bedenken hätte. Auch sei es in der Gegend Gebrauch, mit einem Kleid und Aufputz zwei bis drei Töchter zugleich zu versorgen; wenn eine von ihnen geputzt wäre, müßte die andere unterdes der Wirtschaft obliegen, oder wenn Gäste kämen, sich krank stellen und im Bett gedulden, bis die Woche oder Reihe auch an sie käme. Damit mußte ich zufrieden sein und meine Liebste, wollte ich sie nicht mir zum Schimpf gehen lassen, mit vollständiger adliger Kleidung und Schmuck von Kopf zu Fuß aus eigenen Mitteln versehen. Darüber ging denn mein bares Geld vollends darauf, zumal mich die Hochzeit sehr viel gekostet hatte, denn fast die ganze Landschaft lag mir mit Weibern, Kindern, Gesinde und Pferden länger als vierzehn Tage auf dem Halse und war nicht wegzubringen, solange sie in Küche und Keller noch etwas für sich fand. Aber auch was ich für meine Gemahlin machen ließ, war ihr und ihrer Mutter niemals reichlich und kostbar genug, immer wußten sie daran Mängel zu finden und wollten alles vollständiger haben.

Gleichwohl überwand ich mich und würde keine Unkosten angesehen haben, wenn ich damit nur den geringsten Dank verdient hätte; aber ich mußte, was mich am allermeisten schmerzte, empfinden, daß mich weder mein Weib noch ihre ganze Freundschaft im geringsten achteten. Besonders meine liebe Schwiegermutter war ein grundböses, hoffärtiges, falsches Weib, und weil insgemein die Blätter wie die Wurzel des Baumes sind, so nahm auch ihre Tochter bald ihr Wesen an. Und weil ich ihr deswegen nicht mehr hold sein konnte, bekam öfters mein Reitknecht freundlichere Blicke als ich. – Übrigens durfte ich gar nicht klagen, daß ihre Freundschaft nicht mehr mein Haus besucht hätte, als mir lieb war, sie half redlich aufzehren, was sie nur fand. Sie hätten aber geglaubt, der Böse würde sie sofort holen, wenn sie mich Schwager oder Oheim genannt hätten, die Brüderschaft mußte alles verblümen, und meine eigene Schwiegermutter gab wohl Achtung, daß ihr nicht das Wort »Sohn« entfuhr, besonders wenn etwa ein Fremder dabei war. Niemals aber waren sie lieber beisammen, als wenn ich in Breslau oder sonstwo abwesend war; dann hatte die Schwägerschaft die beste Gelegenheit, sich recht auf meine Unkosten lustig zu machen, wozu ihnen ein guter Trunk Wein, den ich in meinem Flaschenfutter von drei bis vier Töpfen für mich und meine Gemahlin hielt, so wohl anstand, daß ich es gänzlich geleert fand, wenn ich nach Hause kam. Doch wäre auch das noch hingegangen, wenn man mir nur nicht auch das Getreide vom Boden, ja selbst Kühe und Kälber ohne mein Vorwissen genommen und der adligen Freundschaft zugesteckt hätte. Wer aber vier Taler einnimmt und sechs wieder ausgeben muß, hat nicht Ursache für einen Beutel zu sorgen. So konnte ich mir leicht die Rechnung machen, daß ich in kurzem ein so guter Krippenreiter wie meine Nachbarn werden würde.

Da gefiel es Gott, mich durch den Tod meiner Liebsten, welche im Kindbett starb, von dieser Gefahr zu erlösen. Auch bei diesem Ereignis hatte ich einen harten Sturm mit meiner verdrießlichen Frau Schwiegermutter auszustehen. Diese erfüllte mit ihrem Geschrei über der Tochter Ableben Himmel und Erde und wollte alle Welt überreden, die gute Frau hätte sich zu Tode gegrämt, weil sie nicht ihrem Stand gemäß verheiratet war, und sie, die Schwiegermutter, wäre schuld an alledem gewesen. Ich hörte eine Weile ihre Narrheit mit an und ertrug sie in der Hoffnung, daß das Spiel einmal ein Ende haben würde, bis sie endlich noch weiter herausbrach und allen Schmuck, den ich gekauft, nebst der Kleidung und was die Tochter sonst unter ihrem Verschluß gehabt, für ihre andern Töchter haben wollte unter dem Vorwand der Niftelgerade. Ich warf ihr ein paar mitgebrachte Lappen vor die Füße und ließ die Leiche in einem ehrlichen Sarg in die Geschlechtsgruft setzen, ohne die Schwiegermutter oder einen andern Verwandten dazu zu bitten. Und ich setzte mir vor, das Gut an den ersten besten zu verkaufen und mich wieder nach der Stadt zu begeben.

So saß ich einst eines Abends voller Gedanken am Fenster und sah, wie das Gesinde seine Arbeit tat, als ich von ungefähr gewahr wurde, daß sich jemand mit bloßem Degen am Tor gegen die anlaufenden Hunde verteidigte. Ich schrie dem Gesinde zu, die Hunde abzuhalten, worauf ein wohlbekleideter Mann damit großen Komplimenten auf mich zutrat. »Mein Herr Oheim«, sprach er, »wird nicht ungeneigt aufnehmen, daß ich mir nach Ritterart die Ehre gebe, auf ein Nachtlager einzusprechen, um dabei die Ehre seiner Bekanntschaft zu genießen.« – »Nicht im geringsten«, versetzte ich darauf, »wenn nur mein Herr beliebt vorliebzunehmen.« Ich nötigte ihn deshalb herein, und da der Kavalier so freigebig mit der Vetterschaft war, konnte ich leicht erkennen, daß er nicht aus der Nachbarschaft sei. Er kam auch bald damit heraus, daß er ein freier Reichsritter aus dem Elsaß und durch die Franzosen so verdorben worden sei, daß er lieber seine abgebrannten Güter mit dem Rücken angesehen, als sich ihrer Botmäßigkeit unterwerfen wolle; jetzt begäbe er sich nach dem Kaiserhof, dort Kriegsdienste zu suchen. Die Nichtigkeit dieser Aufschneiderei konnte ich schon daran erkennen, weil er keine von den adligen Familien kannte, mit denen ich bei früherer Anwesenheit im Elsaß bekannt worden war. Deshalb ging ich auch behutsam mit dem Kerl um, und der gute reichsadlige Herr und Bruder mußte mit einer Streu und Matratze nebst einem Kopfpolster vorlieb nehmen. Als ich am andern Morgen aufstand, fand ich weder Junker noch Bettgewand vor und vermißte dazu meinen Degen und Pistolen, die ich in der Stube gelassen hatte. Geschwind befahl ich meinen Knechten, sich mit Prügeln auf die Pferde zu werfen, und wenn sie den Halunken anträfen, ihn kräftig durchzuhauen und danach laufen zu lassen, meine Sachen aber wieder abzunehmen. Denn ich konnte mir leicht einbilden, daß der Mensch ein Beutelschneider wäre, daß er mehr auf dem Kerbholz haben würde, und daß ich durch seine Verhaftung den Vorteil erlangen könnte, noch einen kostspieligen peinlichen Prozeß, zuletzt sein Hängen zu bezahlen. Die Knechte trafen ihn mit seiner Beute im nächsten Holz und kamen dem Befehl redlich nach. Sie brachten mir zwar meine Sachen wieder zurück, diese kamen mir aber sehr teuer zu stehen. Denn kaum vier Tage darauf wurde mir ohne Zweifel von diesem Schelm des Nachts mein Gut über dem Kopf angezündet, so daß ich kaum das Wohngebäude retten konnte, im übrigen aber zusehen mußte, daß Scheuern und Ställe mit Getreide und Vieh bis auf den Grund abbrannten. – Dies Unglück nun verleidete mir das Landleben so sehr, daß ich nur ein paar Ställe für das noch übrige Vieh aufbaute und kurze Zeit darauf das Gut, welches ich für 6000 Taler erkauft hatte, um 4000 wieder weggab. Darauf begab ich mich nach der Stadt zurück.

So erzählte der bekehrte Landwirt dem jungen Holländer. Wenige Tage darauf hatte der Fremde Gelegenheit, aus eigener Anschauung das schlesische Leben des verarmten Landadels in derselben Gegend selbst zu beobachten. Ein junger Herr v. K., ein gebildeter und gereister Kavalier, lud ihn auf das Gut seiner honetten Eltern ein und forderte ihn auf, von dort einen Spazierritt auf ein Nachbargut zu machen, wo eine Taufe gefeiert wurde. Der v. K. bat unsern Helden, er möchte sich's gefallen lassen, für einen Oberstwachtmeister in holländischen Diensten ausgegeben zu werden; »denn ich weiß«, sagte er, »daß sonst diese adligen Bauern kein Bedenken haben werden, dem Herrn die letzte Stelle zu geben und ihn nicht im geringsten zu beachten, trotz seiner Bildung und obgleich er, ohne arm zu werden, leicht ihre sämtlichen Güter bezahlen könnte.« Was der Holländer dort beobachtete, erzählt er folgendermaßen:

Das Traktament war so beschaffen, daß die Tafel nicht in Gefahr war, unter den schweren Schüsseln zu brechen, ein gutes Gericht Speisefische in einer gelben Zwiebelsauce, alle Regalien eines Kalbes, der ganze Inhalt eines Schweines, soviel Glieder, soviel Speisen, ein paar Gänse und ein paar Hasen, dazu ein rohes wässeriges Bier, so daß man beizeiten den nicht viel besseren Branntwein zu Hilfe rufen mußte. Dabei aber war diese Gesellschaft, die aus etlichen zwanzig Personen bestand, rechtschaffen lustig und das Frauenzimmer viel aufgeweckter als die gezierten Kaufmannsfrauen des Stadtadels. Als die Tafel aufgehoben war und ein Teil der Kavaliere nach ein paar Fideln lustig umhersprang, ein Teil das Zimmer mit Tabak voll rauchte, fing die Frau v. R. an: »Ich sehe meine Lust an diesem ausländischen Kavalier und bin der Hoffnung, daß mein Sohn, der auch Offizier ist, an anderen Orten ebenso lieb und wert gehalten wird.« – »Ich, liebste Frau Schwester«, versetzte die Frau Ilse von der B., »bin ganz anderer Meinung. Ich könnte nimmermehr so tyrannisch gegen die Meinigen sein, sie unter diese Kriegsgurgeln zu verstoßen, denn ich höre, daß sie bisweilen schlecht genug zu essen haben, viele Nächte in kein warmes Bett kommen und noch dazu niemand haben, der ihnen ein Warmbier machte oder ein Glas Branntwein brächte. Sollte ich hören, daß meinen Sohn ein langhalsiger Tatar, wie ich ihn neulich im Kretschem abgemalt gesehen, gar gefressen hätte, so würde mich der Kummer auf der Stelle ersticken. Deswegen erachte ich besser, meinen Junker Hans Christoph daheim auf dem Gütlein zu erhalten, so gut ich kann. Zwar muß ich bekennen, daß er mich schon genug gekostet hat, als ich ihn rittermäßig ausstaffierte, meine zwei besten Kühe gingen damals drauf, und ich konnte den Abgang noch nicht ersetzen. Nun was hilft's, sehe ich doch auch meine Lust, wie er sich in allem so rittermännisch anzustellen weiß. Sehe sie nur, liebe Frau Schwester, kann er nicht so hurtig tanzen wie ein anderer und die Damen herumdrehen, daß es eine Art hat? Er wird keinem ein Glas Bier oder Branntwein abschlagen, der Tabak ist sein einziges Leben, bei allen Gesellschaften ist er so angenehm, daß er bisweilen kaum in drei Wochen nach Hause kommt, womöglich mit einem blauen Auge. Daraus kann ich mir leicht die Rechnung machen, daß er sich nach Reiterart herumschlagen und wacker wehren muß. So wird auch hier mein Junker Martin Andres werden.« – Der Junker stand da und legte den Kopf in den Schoß der lieben Mutter. – »Der lose Kerl weiß auch schon, daß er ein Junker ist, darum begehrt er nichts zu lernen; er darf wohl schon auf den Gedanken kommen, einen Degen zu haben. Das macht mir neuen Kummer, denn ich kann mir leicht denken, daß es zuletzt auch noch ein Pferd kosten wird, und wenn Gott nicht sonderlich hilft, werden mir ein paar Kühe draufgehen. Doch ich werde ihm auch wohl endlich ein Abc kaufen müssen, denn sein Herr Vater hat immer gewollt, daß er ein recht scharfer Gelehrter werden sollte, wie er selber einer war. Ja, wenn es nichts kostete und die gelehrten Kerls nicht so viele teure Bücher haben müßten! Sonst sieht man wohl seine Lust an ihnen, und mir gehen die Augen noch immer über, wenn ich daran denke, wie sein Herr Vater so schön die Dankreden nach der Bewirtung hielt und es wohl so gut als der Pfarrer machen konnte, wie er auch einmal eine ganze halbe Stunde lauter Latein, ich weiß nicht was, vor dem Fürsten hersagen mußte. – Eins gefällt mir sehr wohl an meinem Martin Andres, daß er einen so verschlagenen nachdenklichen Kopf hat. Er hat mir selber an die Hand gegeben, ihm zuweilen zu etwas Geld zu verhelfen, indem ich ihm nämlich vergönne, das Lösegeld für das fremde Vieh zu behalten, das auf meinem Acker gepfändet wird. Darauf ist er nun so erpicht, daß er den ganzen Tag im Getreide auflauert, ein paar Schweine oder dergleichen zu erhaschen, womit er sich auch schon bis zu einem halben Taler erworben. – Dessenungeachtet aber, und wenn ich nur gewiß wüßte, daß meinem Junker Hans Christoph der Handel im Krieg auch so glücken würde wie Ihrem Herrn Sohn, liebe Frau Schwester, ich wollte ja ein Jahr nicht ansehen und wollte versuchen, wie ich ihn dazu beredete; wenn er nur auch gewiß Oberster und ein Freiherr würde und eine reiche Dame kriegte. Die aber müßte mir bei meiner Seele vom rechten Adel sein; denn sonst schwöre ich, daß sie mir nicht unter die Augen kommen dürfte, wenn sie gleich im Gold steckte bis über die Ohren. Und wer weiß es, liebe Frau Schwester, ich habe mein Lebtag gehört, daß es in andern Ländern nicht so gute Edelleute gibt als bei uns, und daß man in Holland, wo dieser Offizier her ist, die Weiber nackt und bloß, wie sie der liebe Gott geschaffen, nicht anders als Kühe zu Markt treibt. Denn meiner seligen Frau Mutter Schwester, die liebe Frau Grete v. T., mußte damals auch erleben, daß ihren Sohn der Teufel ritt und daß er ein solches wildes Weib mit nach Hause führte. Da hat sie sich so sehr gegrämt, daß sie es nicht lange mehr gemacht hat, und sie ist durchaus nicht zu bereden gewesen, daß sie dieses wilde Weib nur einmal angesehen hätte. Aber um wieder auf meinen Sohn Junker Hans Christoph zu kommen, wenn es sich mit ihm machte, daß er nicht dahin käme, wo die Tataren sind, auch nicht Schildwacht stehen dürfte, so wollte ich wohl meine alte Magd, die ihn ganz aufgezogen und beflohet hat, schon überreden, daß sie auf ein Jahr mitzöge und Achtung auf ihn hätte, bisweilen den Kopf wüsche und die Hemden bereinigte, ich wollte ihr auch noch eine halbe Metze Lein aussäen.«

Die Frau v. R. würde wahrscheinlich dieser Einfalt genugsam geantwortet haben, wäre sie nicht durch den Herrn v. K. zum Tanz aufgeführt worden. So ließ sie die Alte allein, zu welcher sich der anwesende Junker Vogelbach mit einer fingerlangen Tabakspfeife im Mund verfügte und so Unterhaltung machte: »Wie geht's? wie steht's noch um ein gut Leben, meine liebe Frau Muhme? Ich merke, sie sieht ihre Freude an ihrem Junker Hans Christoph, daß er es so lustig mitmachen kann. Hol' mich dieser und jener, er ist auch ein rechtschaffener Kerl, ich wollte wünschen, daß er vor etlichen Tagen dabei gewesen wäre, als ich mich mit einem Pfeffersack von Breslau herumschlug; er sollte sein Wunder gesehen haben, wie ich den Kerl drillte; er mußte das Leben von mir erbitten und nachher mir und meinen Sekundanten einen stattlichen Schmaus zum besten geben; wobei wir uns so lustig machten, daß der beste Wein in der Stube herumschwamm.« Aber die alte Frau von der B. antwortete darauf: »Es ist Euch eine schöne Ehre, daß Ihr Euch wegen eines Trunkes Wein mit den Bürgern so gemein macht. Und vor allen Ihr, Junker Martin Heinrich, dem der Mund nur immer nach Wein hängt; wenn Ihr nur ein paar Gläser davon erschnappen könnt, trinkt Ihr mit allen Leuten Brüderschaft, sie mögen Bürger oder Edelleute sein. Ja, Ihr nennt wohl gar, wie ich mir habe sagen lassen, die Pfeffersäcke Oheim und Vetter. Sollte ich das wissen, so schwöre ich, daß ich Euch mein Lebtag nicht Vetter nenne. Sagt mir, was habt Ihr wieder für eine Schmarre auf der Stirn? Ohne Zweifel habt Ihr Euch wieder gekatzbalgt und eins bekommen; das ginge wohl noch hin, wenn's Euch nur nicht die Bürger versetzt hätten.«

»Seht Ihr mich für einen Narren an«, sagte Junker Vogelbach, »daß ich diese Kerle Oheim oder Vetter nennen sollte? Hätte ihnen der Kaiser auch einen noch so großen Brief gegeben? Bruder geht noch an, solange sie lustig Wein hergeben, hernach aber heißt es: laßt den Bärenhäuter gehen.«

Unterdes machten sich die Gäste mit Tabak, Trinken und allerhand Gesprächen ziemlich lustig, wobei der Holländer bemerkte, daß von den beiden nicht übel gebildeten Töchtern des Wirtes allemal nur eine im Reigen zu sehen war, und jede vom Haupt bis zu den Füßen wie die andere gekleidet; daraus konnte er leicht schließen, daß sich auch diese guten Mädchen mit ein und derselben Kleidung behelfen mußten, und daß, während die eine im Zimmer tanzte, die andere, welche abgelegt hatte, unterdes draußen so lange in Geduld warten mußte, bis die Reihe wieder an sie kam. »Sind das nicht liebe Kinder«, sagte ihre Mutter, die sich mit andern Frauen zu der Frau von der B. gesetzt hatte, »sie wissen sich in alles so adlig zu schicken, ich sehe meines Herzens Lust, wie ihnen alles so wohl ansteht. Und hätten die Pfeffersäcke in den Städten noch soviel Schmuck um sich hängen, der Bürger blecket doch allemal heraus.« – »Es ist nicht ohne«, sagte die andere, »das Herz möchte mir im Leib zerspringen, wenn ich diese Leute in der Stadt in so prächtigem Kleid und Schmuck auf goldenen Karreten herprahlen sehe. Prahlet, denke ich dann, wie ihr wollt, und wenn ihr gleich alle Tage statt eures besten Weines gar Perlen söffet, so seid ihr doch Bürger, bleibet Bürger und werdet es nimmermehr dahin bringen, uns gleich zu sein.«

Unter solchem Weibergeschwätz, Lachen, Jauchzen, Tanzen und Springen war die Nacht hereingebrochen, und weil der v. K. leicht erachten konnte, daß auch dieses Gelage mit den gewöhnlichen Stänkereien und Händeln würde beschlossen werden, so gab er unserm Holländer einen Wink und machte sich mit ihm auf die Seite zu einem bekannten Bauern, wo sie die Nacht auf einer Streu zubrachten. Am nächsten Morgen weckte sie der Reitknecht des Herrn v. K.; wenn sie eine dreifache Schlägerei anzusehen verlangten, wobei der Vogelbach der vornehmste sein würde, so möchten sie bald aufstehen und sich auf die polnische Grenze nahe am Dorf begeben. Dazu hatte aber keiner von ihnen Lust, der v. K., welcher sich solcher Lumperei seiner Landsleute schämte, gab seinem Reitknecht einen Wink zu schweigen; sie saßen auf und ritten unter anmutigenden Gesprächen ihres Weges.

So weit die Erzählung Paul Wincklers. Um das Jahr 1700 waren die Sitten des Landadels bereits milder, das Leben ein wenig reichlicher, die Koppeln der Krippenreiter seltener geworden. Immer noch kamen einzelne in Versuchung, dem schwachen Landesgesetz zu trotzen, wiederholt eifern die Regierungen gegen List und Gewalt, womit Unberechtigte die Landgüter Verstorbener in Besitz nehmen. Immer noch leidet die Mehrzahl des Landadels an einer Überbürdung durch aufgenommene Kapitalien, häufig ist die Klage, wie leichtsinnig Hypotheken ausgestellt und wieder verkauft werden, und wie gewöhnlich es sei, durch Pfandinstrumente zu betrügen, welche weit über den Kaufwert des Gutes hinausgehen. Bei solchen Verhältnissen war auch gerichtliche Versteigerung überall, wo sie nicht durch Lehnsverhältnisse oder Familienstatut verhindert wurde, nur zu häufig, immer wieder brannten die Wachslichter, welche nach altem Brauch am Morgen des Versteigerungstages angezündet wurden und durch die Dauer ihrer Flamme die Zeit anzeigten, binnen welcher die Gebote der Kauflustigen auf das Gut anzunehmen waren.

In den meisten Landschaften Deutschlands war der Erwerb eines adligen Landgutes abhängig von dem Ritterrecht in derselben Landschaft; allerdings war diese Bestimmung nicht gemeinem Recht gemäß Gesetz, aber fast überall bildeten die adligen Gutsbesitzer der Landschaft eine mächtige Korporation, welche den Nichtadligen wenigstens von dem Vollgenuß der Dominialrechte, der Standschaft und ihren Versammlungen ausschloß. Auch wo Nichtadlige lehnsfähig waren, wie in Thüringen und Meißen, waren sie es unter Beschränkungen. Sonst hatten nur die Bürger einzelner privilegierter Städte das Recht, adlige Güter zu erwerben, es erlosch auch für diese Bevorzugten, sobald sie aus dem Verband der begünstigten Stadt traten. Auch bei bürgerlichen Räten der Landesregierung und Mitgliedern der Universitäten wurden zuweilen Ausnahmen gemacht. In der Regel aber durfte der Nichtadlige das Gut nur pfandweise, aber nicht mit Herrenrecht als Eigentum besitzen. Selbst dem Geadelten stand noch nicht frei, ein Rittergut als Eigentum zu erwerben, er bedurfte dazu der besondern Einwilligung des Landesherrn oder der adligen Landschaft; in den kaiserlichen Erbländern erhielten dies Recht nur solche Edelleute, welche in den Herren- und Ritterstand erhoben waren, und auch dann sollte in jedem einzelnen Fall dies Recht vom obersten Landesherrn erkauft und durch ein Diplom gesichert werden. Selbst von den alten Familien suchte der Kaiser dadurch Geld zu erhalten, daß er ihnen auflegte, durch ein Generaldiplom für alle Mitglieder dies Recht von neuem zu erkaufen.

Aber auch andere Beschränkungen legte der kaiserliche Hof auf, der bis in die neueste Zeit den letzten Schild seines Adels noch in Edle, Herren und Ritter geteilt hat. Wer aus dem Bürgertum in den Adel- oder Ritterstand versetzt wurde, durfte nicht turniermäßig mit Trauerpferden und Schilden begraben werden, wenn er noch nebenbei eine bürgerliche Nahrung trieb. Und soweit die kaiserliche Verwaltung reichte, wurde sogar der adligen Frau noch 1716 verboten, einen lutherischen Geistlichen zu heiraten, weil das dem Adel unanständig sei.

Aber wie bei dem Bauern, ist auch in dem Leben des deutschen Adels etwa seit 1700 deutlich das Einbrechen einer neuen Zeit zu erkennen. Es wird bei den Besseren guter Ton, sich als Hausvater und Gutsherr zu fühlen. Fast plötzlich beginnt eine neue Literatur, große Sammelwerke, in welchen Pflichten und Geheimnisse des Ackerbaues, der Wirtschaft, des Haushalts, der Kinderzucht, einer häuslichen rittermäßigen Erziehung systematisch und wortreich dargestellt wurden, es sind ehrwürdige Folianten, in schöner Ausstattung mit Kupferstichen verziert, aus denen sich zu bilden bald für verdienstlich galt. Schon 1682 widmete von Hochberg sein »Adliges Landleben« den Gutsbesitzern Oberösterreichs. Bald darauf schrieb Pfalzgraf Franz Philipp unter dem Namen Florinus ein ähnliches Werk, den »Klugen und rechtsverständigen Hausvater«. Schon wurde in Holstein, bald darauf in Mecklenburg auf den adligen Gütern die Koppelwirtschaft eingeführt. Zugleich steigerte sich in mehreren wohlhabenden alten Familien das Interesse an etwas Kunst und Wissenschaft, es wurde anständig, einige historische und juristische Kenntnisse zu haben, die Vergangenheit der eigenen Familie zu kennen, in den Hilfswissenschaften der Geschichte, der Münz- und Wappenkunde, bewandert zu sein. Auch den Frauen des Landadels kam die innigere Frömmigkeit des neuen Pietismus, und seit 1700 das verständige, nüchterne Wesen der neuen Bildung zugute. Es wurde ihnen sooft gesagt, wie rühmlich es für eine Edelfrau sei, sich um die Wirtschaft zu bekümmern und ihre Kinder gottesfürchtig zu christlichen Junkern zu erziehen, daß man wohl annehmen darf, es sei einiges von diesen Ansichten in ihr Leben übergegangen. Und um 1750 schildert schon ein vielgereister Edelmann mit Behagen die Tagesarbeit der Gutsfrauen, wie sie sein sollen. In der Tat hatte der Edelmann, welcher friedlich auf seinen Gütern in erträglichem Wohlstand saß, in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ein Recht, sich zu den glücklichsten Repräsentanten seiner Zeit zu zählen. Er lebte schlecht und recht, kümmerte sich nur so weit um die große Welt als er mußte, verkehrte in großer Familiengeselligkeit zwanglos mit der ganzen adligen Nachbarschaft, trank sich nur noch zuweilen einen Rausch an, zog seine Füllen, verkaufte seine Wolle, disputierte mit seinem Pfarrer; er kam bei mäßiger Strenge erträglich mit seinen Untertanen zurecht und hatte nur selten eine Ahnung davon, wie schädlich auch für ihn die Unfreiheit seiner Arbeiter war. Kam eine alte Familie in Gefahr zu verarmen, so empfahl ihr der erwähnte eifrige Vertreter des Adels wohlmeinend die Heirat mit einer reichen Erbin aus dem angesehenen Bürgerstand, im Notfall könne das Geschlecht der Frau geadelt und von Vater- und Mutterseite mit Ahnen versehen werden, das Geschäft gäbe zwar einen kleinen Makel, aber es sei töricht, darauf viel zu achten.

Gegen das Zurücksinken in das Volk waren die alten Familien aber auch durch zahlreiche einträgliche Vorrechte geschützt. Sehr groß war die Anzahl der Benefizien und Präbenden, der arbeitslosen Stellen, der Sinekuren in den Domkapiteln, bei dem Malteser- und Johanniterorden, an den adligen Klöstern und andern geistlichen Stiftern, es gab kaum eine alte Familie, welche nicht nach einer dieser Richtungen Verbindungen hatte. Allgemein war im Adel die Empfindung, daß der katholische Adel viel besser daran sei, weil er seine Söhne und Töchter leichter versorgen könne, während die protestantischen Fürsten die meisten Stifter eingezogen hätten. Mit Stolz sah auch deshalb die Reichsritterschaft in Franken, Schwaben, am Rhein auf den landsässigen Adel herab, ihr bewahrte die kaiserliche Kapitulation nicht nur Gerechtigkeit, Würde und Hoheit, sie war auch mit den geistlichen Fürsten und den Stiftern ihrer Territorien eng verbunden, und ihre Familien lebten in fast erblichem Anrecht auf zahlreiche geistliche Pfründen. Leider aber vermochte dieser Schutz nicht ihre Familien in dauerndem Gedeihen zu erhalten, ja er wurde ein Hauptgrund, daß viele derselben in Abgeschlossenheit verarmten und innerlich verdarben.

Verhängnisvoller aber wurde dem niedern Adel ein anderes Recht, das er noch heute als werten Vorzug festhält, und das noch jetzt nicht ihm allein die Tüchtigkeit verringert: seine Hoffähigkeit. Der Grundsatz, daß jeder alte Edelmann bei Hof freien Zutritt habe, und daß es dem Fürsten nicht zieme, seinen Umgang und geselligen Verkehr in andern Kreisen zu finden als innerhalb der alten Adelsschilde, gewann seit dem Jahre 1700 größere Bedeutung. In dieser Zeit erhielten die deutschen Höfe allmählich die Einrichtung, welche sie bis heute bewahrt haben, der Kaiserhof, der Staat Ludwigs XIV. wurden in vielem Muster, daneben blieben an den einzelnen Höfen alte heimliche Bräuche. Immer größer wurde die Zahl der adligen Hofchargen, bedrängte Fürsten verkauften sie wohl gar um gutes Geld. Schon stand dem gesamten Hof der Oberhofmeister vor. Den fürstlichen Haushalt besorgte der Hofmarschall, noch schritt er bei feierlichen Gelegenheiten mit seinem vergoldeten Stab selbst den Schüsseln vor, schon trat er bei Festtafeln, sobald das Konfekt aufgegeben wurde, hinter den Stuhl seines gnädigen Herrn. Der Oberkammerherr überwachte noch wirklich die Garderobe seines durchlauchtigen Gebieters, zuweilen unter Beirat der fürstlichen Gemahlin, und verteilte die abgelegten Kleider nicht nur an die Kammerdiener, auch an ärmere Kavaliere. Auch sein Amt war wichtig, denn die Kostüme waren an den meisten Höfen zahlreich und sehr verschieden, nur bei den Preußen und bei den verwandten Höfen, welche die preußische Zucht nachahmten, wurde der einfache Soldatenrock von inländischem Tuch die stehende Kleidung. Sonst waren nicht nur die Galakleider, auch die besonderen Kostüme und Verkleidungen für die Hoffeste eine sehr bedenkliche Angelegenheit, und es war für den Kammerherrn keine Kleinigkeit, genau zu wissen, wie die Garderobe bei den Divertissements gebührend einzurichten sei, wenn z. B. im türkischen Garten bei Dresden der ganze Hof muselmännisch erschien, oder wenn gar ein außerordentliches Krönungskostüm erfunden werden mußte, wie für Kurfürst Friedrich August von Sachsen bei der Krönung zu Krakau. Auch der Stall war adlig geworden, er stand unter dem Oberstallmeister, wie die Jagd unter dem Oberjägermeister, erst spät wurde die gesamte weidmännische Umgebung des Souveräns adlig. Da das Zeremoniell eine eigene Wissenschaft des Hofes geworden war, wurde sie an mehreren der großen Höfe durch den Oberzeremonienmeister vertreten. Niemand wachte eifersüchtiger als die Fürsten selbst über die Ehrenbezeigungen, welche sie zu geben und bei Besuchen zu erhalten hatten; wurde ihnen bei einem Besuch nicht genuggetan, so reisten sie wohl gar im Zorn ab und drohten mit Revanche; unendlich waren deshalb die Klagen und Beschwerden beim Kaiser und Reichshofrat. Und doch war solch eifersüchtiges Wachen auf Äußerlichkeiten nicht die Folge eines sicheren Stolzes, denn gegen Mächtige waren sie nur arm an Selbstgefühl. Immer wieder wurden Rangordnungen gegeben, fast jeder neue Regent fand ein Vergnügen darin, sein oberherrliches Recht auch darin zu erweisen, und trotz aller Ordnungen waren die Streitigkeiten um Rang, Charge, Titel endlos. Ärger noch als die Männer waren die Frauen. Es kam um 1750 vor, daß an einem Fürstenhof alle adligen Damen ihre Plätze in der Kirche verließen, weil die Tochter eines neugeadelten Beamten, eines »wirklichen Geheimerats«, auf ihrem Chor einen Platz suchte.

Dieser weite Kreis von nichtigen Interessen gewann für den Adel die höchste Wichtigkeit. Vom Kaiserhof in Wien bis zu dem Haushalt des Reichsfreiherrn herab, welcher immer noch einen oder mehrere arme Junker in seiner Umgebung hielt, waren mit den Seitenlinien und Nebenzweigen der größeren Häuser in ungefährer Schätzung etwa 5–600 Hofhaltungen in Deutschland, außerdem 1500 reichsritterschaftliche Häuser, also sicher weit mehr als 5000 Hofämter und Chargen. Daß der Adel diese ungeheure Anzahl von Bedientenstellen einnahm, war seinen männlichen Eigenschaften nicht vorteilhaft. Daß er die Launen und Roheiten eines zügellosen Souveräns mit Lächeln ertragen, als geschmeidiger Diener dem despotischen Gelüst und der Mätressenwirtschaft gefällig sein mußte, war noch nicht das ärgste. Er kam in dringende Gefahr, so niederträchtig zu werden, daß die Gemeinheiten der armen Krippenreiter dagegen als Tugenden erschienen. Es war die Zeit, wo die adlige Mutter ihre Tochter mit Freude selbst in die Arme eines liederlichen Fürsten führte, und wo der Hofmann seine Gattin dem Fürsten gegen Bezahlung überließ. Freilich taten das nicht nur arme Edelleute, auch solche, die selbst Sprossen fürstlicher Häuser waren. Der Adel einzelner deutscher Landschaften hat Gelegenheit gehabt, seine Übung in solchen Gefälligkeiten auch noch im 19. Jahrhundert gegen die Prinzen und Marschälle Napoleons zu beweisen. – Und was am schlimmsten war, die große Masse des Hofadels zog auch die verwandten Familien der Gutsbesitzer in die Residenzen. Verständige Männer wurden nicht müde, darüber zu klagen, daß auch der Landadel zum größten Schaden für seine Kasse und Moralität nicht auf seinen Gütern wohne, sondern sich in die Nähe der Fürsten dränge und an den verpesteten Höfen sich selbst, seine Frauen und Töchter ruiniere. – Das waren aber im größten Teil von Deutschland bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts vergebliche Mahnungen. [...]

So war der Adel um das Jahr 1750 noch auf dem Höhepunkt seiner Geltung, er war überall der herrschende Stand. Tausende seiner Söhne verneigten sich an den großen und kleinen Höfen, kaum geringere Zahl dehnte sich in den Chorstühlen geistlicher Stifter, saß auf Präbenden und trug kaiserliche Panisbriefe in der Tasche. Die weichsten Lehnstühle der Ratskollegien, die Vordersitze in den Staatskarossen der Diplomaten wurden von ihnen eingenommen, fast der gesamte Dominialbesitz war in ihren Händen. Gerade da aber begann eine Umwandlung in den Seelen der deutschen Nation, es erwuchs eine neue Bildung, und neue Ansichten über irdischen Wert oder Unwert verbreiteten sich, leise, allmählich, unangreifbar, man wußte nicht wie und woher. Die deutschen Redesätze erhielten einen andern Fall, die deutschen Verse klangen weniger majestätisch, bald sogar simpel. Diese neue Sucht nach Simplizität verbreitete sich weiter. Einzelne dreiste Phantasten wagten Puder und Perücken zu verachten, es wurde auffallend gegen die Etikette, ja von sehr Vornehmen gegen das Zeremoniell gesündigt, neue Ideen kamen in Umlauf und neue Gefühle. Man hörte von Schönheit, von zärtlichen Herzen und Menschenwürde sprechen. Schnell wurden auch Distinguierte vom Adel angesteckt, sogar Souveräne, die Herzogin von Weimar fuhr mit einem, der Wieland hieß, auf einem Leiterwagen, zwei Reichsgrafen von Stolberg waren nicht abgeneigt, vor einem, der gar Klopstock hieß, niederzuknien, und küßten sich beim Mondschein mit bürgerlichen Studiosen.

Unter den bürgerlichen Schöngeistern, welche jetzt auf einmal Einfluß gewannen, war keiner mehr geeignet, den Adel mit der neuen Zeit zu befreunden, als Gellert. Er war nicht genialisch, er wußte sehr gut, was einem jeden gebührte, und er gab doch jedermann sein Teil durch kritische Seitenblicke; er hatte eine feine, bescheidene, ein wenig pessimistische Laune, er war durchaus respektabel, er hatte ein mildes wohltuendes Wesen für Männer und Frauen. Sehr groß war die Einwirkung, die er auf den obersächsischen, thüringischen und niederdeutschen Landadel ausübte. Bald begann auch in diesen Familien ein Kultus der neuen Zeit. Zumal die Frauen öffneten ihr Herz den neuen literarischen Gefühlen, und viele von ihnen wurden stolz, Gönnerinnen der schönen Dichtkunst zu sein, während die Männer noch mißtrauisch auf das neue Wesen blickten. – Und wie in Deutschland die Poesie die wunderliche Wirkung hatte, den Adel in eine unerhörte Verbindung mit dem Bürgertum zu bringen, äußerte zu derselben Zeit in Österreich die Musik durch einige Jahrzehnte ähnliche Wirkung.

Es blieb aber nicht bei den poetischen Stimmungen und bei den zarten Beziehungen, in welche die Kalb, die Stein und die Lengefelds zu deutschen Dichtern traten. Ernster, gewaltiger sprach die neue Wissenschaft; was sie befahl und was sie verurteilte, das wurde wie durch einen Zauber in Hunderttausenden Gesetz des Lebens oder Gegenstand des Abscheus. Wenige Jahrzehnte nach 1750 galten in einem weiten Kreise der Gebildeten, welcher die stärkste Kraft des Bürgertums wie die edelsten Seelen des Adels umschloß, die Privilegien des Adels, welche ihm eine Sonderstellung im Volk gaben, für veraltet. Und die Staatsordnungen, welche sie konservierten, wurden mit Kälte und mit Achselzucken betrachtet.

Und eine andere ernste Zeit kam; die adligen Generäle des preußischen Heeres vermochten den Staatsbau der alten Hohenzollern nicht zu halten, sie zuerst gaben den Staat Friedrichs des Großen auf und überlieferten die preußischen Festungen kleinmütig einem fremden Feind. Und eine von den Bedingungen der Rettung und Wiedererhebung Preußens und Deutschlands war, daß der Adel auf teure Vorrechte im Beamtentum, auf das Privilegium der Offizierstellen, das Privilegium des ritterlichen Grundbesitzes verzichten mußte.

Seit der Erhebung des Volkes im Jahre 1813 ruht Leben und Gedeihen des Staates, Kraft und Fortschritt der menschlichen Bildung in dem deutschen Bürger. Das Bürgertum ist nicht mehr wie im Mittelalter ein Stand, der andern Ständen gegenübersteht, es ist die Nation selbst geworden. Wer sich ihm gegenüberstellt mit egoistischen Ansprüchen, der beginnt einen hoffnungslosen Kampf. Alle Privilegien, durch welche der Adel sich bis zur Gegenwart eine Sonderstellung in dem Volk zu bewahren sucht, sind ein Unglück und Verhängnis für ihn selbst geworden. Viele der Besten vom Adel haben das längst begriffen, sie sind auf jedem Gebiet der geistigen und materiellen Interessen, in Kunst, Wissenschaft und Staat Vertreter des neuen Lebens der Nation. Auch der Landadel, der in den Grenzen seiner Dorfflur am treuesten und liebevollsten die Erinnerungen aus alter Zeit bewahrt, hat sich zum Teil mit der neuen Zeit befreundet, zum Teil ihren Forderungen widerwillig gefügt. Aber in den Schwächeren von ihnen ist noch heute etwas von den gemütlichen Stimmungen der alten Feldreiter zurückgeblieben. Das neue Junkertum, eine unholde Karikatur des adligen Wesens, ist, wenn man genau zusieht, nichts weiter als anspruchsvolle Fortsetzung der alten Krippenreiterei. Hinter Uniform und Ordenskreuz birgt sich nicht selten derselbe Haß gegen die Bildung der Zeit, dieselben Vorurteile, der gleiche Hochmut, eine ähnliche groteske Verehrung absterbender Vorrechte und derselbe rohe Egoismus gegenüber dem Gemeinwesen. Denn nicht wenige unter jenem Hofadel und Landadel betrachten noch immer den Staat ähnlich, wie ihre Ahnen vor zweihundert Jahren die gefüllte Vorratskammer eines Nachbarn. Aber stärker als vor zweihundert Jahren erhebt sich gerade jetzt gegen solche der Haß und die Verachtung des Volkes.

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