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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 35
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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XXI
Der Dreißigjährige Krieg

Die Städte

Physiognomie der Städte im Jahre 1618. – Einwirkung des Krieges. Luxus, Kontribution, Belagerungen. – Religiöse Verfolgung. – Die Frauen von Löwenberg

Als der Krieg ausbrach, waren die Städte bewaffnete Hüter der deutschen Kultur, welche reich und geräuschvoll in engen Straßen zwischen hohen Häusern arbeitete. Fast jede Stadt, nur die kleinsten Märkte ausgenommen, war gegen das offene Land abgeschlossen durch Mauer, Tor und Graben, eng und leicht zu verteidigen waren die Zugänge, oft stand die Mauer doppelt, noch ragten häufig die alten Türme über Zinnen und Tor. Dieses mittelalterliche Befestigungswerk war bei vielen der größeren seit hundert Jahren verstärkt worden, Bastionen aus Feld- und Backsteinen trugen schwere Geschütze, ebenso einzelne starke Türme; oft war ein altes Schloß des Landesherrn, ein Haus des frühern Vogtes oder des Grafen, den der Kaiser gesetzt, besonders befestigt. Es waren nicht Festungen in unserm Sinne, aber sie vermochten, wenn die Mauer dick und die Bürgerschaft zuverlässig war, auch einem größeren Heer wenigstens eine Zeitlang zu widerstehen. So hielt sich Nördlingen im Jahre 1634 achtzehn Tage gegen die vereinigten kaiserlichen Heere von König Ferdinand, Gallas und Piccolomini – zusammen mehr als 60 000 Mann –; die Bürger schlugen mit nur 500 Mann schwedischer Hilfstruppen sieben Stürme ab. Für solche Verteidigung wurden Erdschanzen als Außenwerke aufgeworfen und schnell durch Gräben und Pfahlwerk verbunden. Viele Plätze aber, bei weitem mehr als jetzt, waren wirkliche Festungen. Dann bestand ihre Hauptstärke schon in Außenwerken, die mit niederländischer Kunst angelegt waren. Längst hatte man erfahren, daß die Kugeln der Kartaune an Steinwand und Brüstung mehr zerstörten als an Erdwällen.

In den größern Städten wurde schon viel auf Reinlichkeit der Straßen geachtet. Sie waren gepflastert, auch ihr Fahrweg, die Pflasterung zum Wasserabfluß gewölbt, Hauptmärkte, z. B. in Leipzig, schön mit Steinen ausgelegt. Längst war man eifrig bemüht gewesen, der Stadt sicheres und reichliches Trinkwasser zu schaffen, unter den Straßen liefen hölzerne Wasserleitungen; steinerne Wasserbehälter und fließende Brunnen, oft mit Bildsäulen verziert, standen auf Markt und Hauptstraßen. Noch gab es keine Straßenbeleuchtung: wer bei Nacht ging, mußte durch Fackel oder Laterne geleitet werden, später wurden auch die Fackeln verboten; aber an den Eckhäusern waren metallene Feuerpfannen befestigt, in denen bei nächtlichem Auflauf oder Feuersgefahr Pechkränze oder harziges Holz angebrannt wurden. Es war Sitte, bei ausbrechendem Feuer das Wasser aus den Behältern oder fließenden Brunnen in die gefährdeten Straßen laufen zu lassen. Dafür hingen an den Straßenecken Schutzbretter, und es war Pflicht einzelner Gewerke – in Leipzig der Gastwirte – mit solchen Schutzbrettern das Wasser an der Brandstätte zu stauen, indem man aus ihnen und zugetragenem Dünger einen Querwall zog. Die Straßen- und Sicherheitspolizei war seit etwa sechzig Jahren sehr verbessert worden. Kurfürst August von Sachsen hatte in seinem Land die gesamte Verwaltung mit nicht gemeinem Geschick neu organisiert. Seine zahlreichen Ordnungen waren im ganzen Reich Muster geworden, nach denen Fürsten und Städte ihr neues Leben einrichteten.

Der Hauptmarkt war am Sonntag Lieblingsaufenthalt der Männer. Dort standen nach der Predigt Bürger und Gesellen in ihrem Feststaat, plaudernd, Neuigkeiten austauschend, Geschäfte beredend. In allen Handelsstädten hatten die Kaufleute besondere Räume zu ihrem »Konvent«, den man schon damals die Börse nannte. Auf dem Ratsturm durfte über der Uhr auch der Gang nicht fehlen, von dem der Türmer seine Rundschau über die Stadt hielt, wo die Stadtpfeifer mit Posaunen und Zinken bliesen.

Die Stadtgemeinde unterhielt für ihre Bürger Bier- und Weinkeller, worin die Preise des ausgeschenkten Trunkes sorglich bestimmt wurden, für die Vornehmen besondere Trinkstuben zu anmutiger Unterhaltung. In den alten Reichsstädten hatten die Patrizier wie die Zünfte häufig ihre besonderen Klubhäuser oder Stuben, und der Luxus solcher Geselligkeit war damals verhältnismäßig größer als jetzt. Auch die Gasthäuser waren zahlreich, sie werden in Leipzig als schön und herrlich eingerichtet gerühmt. Selbst die Apotheken standen unter Aufsicht, hatten besondere Ordnungen und Preise; sie verkauften noch viele Spezereien, Delikatessen und was sonst dem Gaumen behagte. Mehr Bedürfnis als jetzt waren die Badestuben. Auch auf dem Lande fehlte selten dem Bauernhof ein kleines Badehaus, eine Badestube war in jedem größeren Gebäude der Stadt. Die ärmeren Bürger gingen zu den Badern, welche auch einigen Chirurgendienst verrichteten. Außerdem aber unterhielten die Städte auch große öffentliche Bäder, in denen umsonst oder gegen geringe Bezahlung mit allen Bequemlichkeiten warm und kalt gebadet wurde. [...]

In den ansehnlichen Städten waren die Häuser der innern Stadt um das Jahr 1618 in großer Mehrzahl aus Stein, bis drei und mehr Stock hoch, mit Ziegeln gedeckt. Die Räume des Hauses werden oft als sauber, zierlich und ansehnlich gerühmt, die Wände häufig mit gewirkten und gestickten Teppichen, sogar von Samt, und mit schönem, kostbarem Tafelwerk, auch anderem Zierat geschmückt, nicht nur in den alten großen Handelsstädten, auch in solchen, die in jüngerer Kraft aufblühten. Zierlich und sorgfältig gesammelt war auch der Hausrat. Noch war das Porzellan nicht erfunden, reichliches Silbergeschirr fand sich nur an großen Fürstenhöfen und in wenigen der reichsten Kaufmannsfamilien. An dem einzelnen Stück von edlem Metall erfreute noch mehr die kunstvolle Arbeit des Goldschmiedes als die Masse. Die Stelle des Silbers und Porzellans aber vertrat bei dem wohlhabenden Bürger das Zinn. In großer Menge, hellglänzend aufgestellt, war es der Stolz der Hausfrauen; daneben feine Gläser und Tongefäße aus der Fremde, oft bemalt, mit frommer oder schalkhafter Umschrift versehen. Dagegen war Kleidung und Schmuck auch der Männer weit bunter und kostbarer als jetzt. Noch war darin der Sinn des Mittelalters lebendig, eine Richtung des Gemüts, der unsern gerade entgegengesetzt, auf das Äußere, das Auge Fesselnde, auf stattliche Repräsentation. Und diese Neigung wurde durch nichts so sehr erhalten als durch die entsprechenden Bemühungen der Obrigkeit, auch das äußere Aussehen des einzelnen zu regeln und jeder Bürgerklasse ihr eigenes Recht zu geben gegen Vornehme und Geringere. Die endlosen Kleiderordnungen gaben der Kleidung eine unverhältnismäßige Wichtigkeit, sie nährten mehr als etwas anderes die Eitelkeit und die Sucht, sich über seinen Stand herauszuheben. Es ist für uns ein komischer Kampf, den durch vier Jahrhunderte bis zur französischen Revolution die würdigsten Behörden gegen alle Launen [...] der Mode führen, stets erfolglos.

In solcher Ordnung tummelte sich ein kräftiges, arbeitsames, wohlhabendes Volk mit Selbstgefühl; eifersüchtig hielt der Bürger auf Privilegien und Ansehen seiner Stadt, gern bewies er sich unter seinen Mitbürgern reich, tüchtig und unternehmend. Noch war Handwerk und Handel in starkem Gedeihen. Zwar im Großverkehr mit dem Ausland hatte Deutschland bereits viel verloren, der Glanz der Hanse war längst verblichen, auch die großen Handelshäuser Augsburgs und Nürnbergs lebten bereits wie Erben von dem Reichtum ihrer Väter. Italiener, Franzosen, vor allem Niederländer und Engländer waren gefährliche Rivalen geworden, auf der Ostsee flatterten schwedische, dänische, holländische Flaggen schon fröhlicher als die von Lübeck und den Osthäfen, der Verkehr mit den beiden Indien lief in neuen Straßen und fremden Stapelplätzen. Aber noch hatte der deutsche Heringsfang große Bedeutung, noch waren die ungeheuren Slawenländer des Ostens auch dem Landverkehr ein offener Markt. Und in dem weiten Reich selbst blühte die Industrie, und ein weniger gewinnreicher, aber gesünderer Export der Landesprodukte hatte einen mäßigen Wohlstand allgemeiner gemacht. Die Woll- und Lederarbeiten, Leinwand, Harnische und Waffen, die zierliche Industrie Nürnbergs wurden vom Ausland eifrig begehrt. Fast jede Stadt hatte damals eine besondere Handwerksindustrie, massenhaft unter Zucht und Kontrolle der Innungen entwickelt. Töpfe, Tuche, Lederarbeit, Bergbau, Metallarbeiter gaben den einzelnen Orten eine besondere Physiognomie, auch kleineren einen Ruf, der weit durch das Land reichte und den Bürgern zu wohlberechtigtem Stolz half. Was am meisten störte, waren die unsicheren Valutenverhältnisse. In allen Städten aber, kaum die größten ausgenommen, hatte der Ackerbau mehr Wichtigkeit als jetzt. Nicht nur in den Vorstädten und Vorwerken des Stadtgrundes, auch in der inneren Stadt lebten viele Bürger von Ackernahrung. In kleineren Städten hatten die meisten Eigentum in der Stadtflur, die reicheren wohl auch außerhalb. Deshalb waren in den Städten viel mehr Nutz- und Spanntiere als jetzt, und die Hausfrau erfreute sich eines eigenen Kornbodens, von dem sie selbst das Korn buk und, wenn sie geschickt war, landesübliches feines Backwerk verfertigte. Auch an dem Weinbau, der im Norden bis an das Land der Niedersachsen reichte, hatten die Städter großen Anteil; die Braugerechtigkeit galt für einen wertvollen Vorzug einzelner Häuser, fast jeder Ort braute das Bier auf eigene Art, unzählig sind die lokalen Namen des uralten Getränkes, auf Kraft, süßen Weingeschmack und öligen Fluß ward viel gehalten, geschätzte Biere wurden weit versendet.

Größer als jetzt war das sinnliche Behagen im Volke, lauter und unbefangener die Fröhlichkeit. Auch der Luxus der Gastmähler, zumal bei Familienfesten, war nach dem Rang der Stadtbürger gesetzlich bestimmt; auch er war durch Verordnungen nicht einzuschränken. Es wurde in Gängen aufgesetzt, wie noch jetzt in England, bei jedem Gang eine Anzahl ähnlicher Gerichte. Schon wurden die Austern so weit versandt, als sie selbst die Reise vertragen wollten, zumal seit dem Eindringen der französischen Kochkunst zu feiner Soße verwendet; Kaviar war wohlbekannt, und in der Herbstmesse waren Leipziger Lerchen ein berühmtes Gericht. Noch hatte in der volkstümlichen Küche außer den indischen Gewürzen die Lieblingswürze des Mittelalters, der Safran, viel zu färben, noch wurden schön verzierte Schaugerichte hoch gepriesen, zuweilen wurden auch eßbare Speisen vergoldet aufgesetzt, und der Marzipan war an anspruchsvoller Tafel das vornehmste Konfekt.

Eifrig suchte der Bürger jede Gelegenheit, sich gesellig zu vergnügen. Fastnachtsmummereien waren auch im nördlichen Deutschland allgemein, dann schwärmten die Masken durch die Straßen, das Lieblingskostüm war Türken, Mohren, Indianer. Als im Kriege der Rat von Leipzig die Masken verbot, erschienen sie bewaffnet mit Spieß und Pistolen, und es gab Tumult mit den Stadtwächtern. Nicht weniger beliebt waren die Schlittenfahrten, zuweilen auch sie im Kostüm. Weit seltener als jetzt war der öffentliche Tanz, selbst bei Hochzeiten und Handwerkerfesten wurde er mißtrauisch beaufsichtigt, schwer war dabei der Ungebühr wilder Knaben zu steuern. Sie wollten ohne Mantel tanzen, sie hoben, schwenkten und verdrehten ihre Tänzerinnen, das war streng verboten; auch daß die Dienstleute sich gaffend in den Saal drängten, war der Obrigkeit zuwider. Und mit der Abenddämmerung mußte jedes Tanzvergnügen aufhören.

Die größeren Städte hatten Rennbahnen, in denen die Patriziersöhne ritterliche Übungen hielten und nach dem Ring stachen, Schießhäuser und Schießgräben für Armbrust und Büchse. Große Volksfreude waren durch das ganze Land die Schützenfeste, dazu wurden Buden, Zelte und Garküchen aufgeschlagen. Auch an den Festen einzelner Zünfte nahm das Volk lebendigen Anteil, und fast jede Stadt hatte ihre eigenen Volksfeste, z. B. Erfurt ein jährliches Wettlaufen für die Ärmeren, dann liefen die Männer um Strümpfe, die Frauen um einen Pelz. Ein beliebtes Spiel der jungen Bürger, das leider in der Verkümmerung des nächsten Jahrhunderts fast verschwand, war das Ballspiel. Es gab eigene Ballhäuser und einen städtischen Ballmeister. Kamen vornehme Herren in die Stadt, so wurde wohl gar eine Lage Sand auf den Markt gestreut und durch Pflöcke und Schnuren dort ein Spielraum abgesteckt. Dann spielten die vornehmen Herren, und aus den Fenstern sah die Bürgerschaft fröhlich zu, wie ein junger Prinz von Hessen den Ball warf und einer von Anhalt das Beste tat. Bei großen Jahrmärkten aber war seit mehr als hundert Jahren der Glückstopf ein beliebtes Spiel. Zuweilen stellte ihn die Stadt selbst auf, in der Regel wurde einem Spekulanten die Erlaubnis gegeben. Wie das Volk sich dafür interessierte, erkennen wir daraus, daß die Stadtchroniken nicht selten Einzelheiten darüber berichten. So war 1624 in der Michaelismesse zu Leipzig ein Glückstopf von 17 000 Gulden eingerichtet; der »Zettel« kostete 18 Pfennig. Siebzehn ledige Zettel gingen auf einen Gewinn, der höchste Gewinn betrug 350 Gulden; es waren an 300 000 Nieten. Die vielen Nieten machten zuletzt die Studenten zornig, sie stürmten und zerschlugen die Glücksbude. – Auch die Schaulust des Volkes war größer als jetzt, jedenfalls genügsamer. Häufig waren Aufzüge und städtische Feierlichkeiten, die Komödie allerdings ein seltenes Vergnügen, dafür wurde den Bürgerkindern fast immer die Freude, selbst die Rollen darzustellen, denn die Banden fahrender Komödianten waren etwas Neues und Seltsames. Schon war die Geistlichkeit den weltlichen Stücken nicht günstig, dafür wurden geistliche Stoffe und Allegorien mit sittlicher Tendenz immer mit burlesken Szenen verziert, und groß war die Anzahl der Spieler. Auf den Jahrmärkten standen die Schaubuden häufiger als jetzt. So war auf der Leipziger Ostermesse von 1630 unter anderem zu sehen: ein Vater mit sechs Kindern, die sehr schön auf der Laute und Geige musizierten; ein Weib, das mit den Füßen nähen, schreiben, Speise und Trank zum Mund führen konnte; ein einjähriges Kind ganz voll Haare mit einem Bart; von fremden Tieren zwei Mammonetaffen, ein Meerschwein, eine Löffelgans, und wie jetzt wurden die fremden Ungeheuer durch Bilderbogen dem Volk empfohlen. Dazu Seiltänzer, Feuerfresser, Taschenspieler, starke Männer, zahlreiche Bänkelsänger und Liederverkäufer.

Was aber um 1618 dem Bürger das größte Selbstgefühl gab, war seine Wehrhaftigkeit. Wohl jeder hatte einige Übung im Gebrauch der Waffen. Jede größere Stadt besaß ein Zeughaus; auch die schweren Geschütze der Wälle wurden von Bürgern bedient, und eine Bürgerschaft, welche ihre Stadt verteidigte, war unter gewöhnlichen Verhältnissen den jungen Kompanien der belagernden Soldaten fast vorzuziehen. Auch Magdeburg hätte widerstanden, wäre nicht Zucht und Pflichtgefühl der Bürger bereits schwächer gewesen als bei früheren Belagerungen, in denen die Jungfrau des Stadtwappens ihr Kränzlein so tapfer verteidigt hatte.

Außer den Stadtbürgern gab es aber in den meisten Kreisen des Reiches eine Landmiliz, das Defensionswerk. Etwa den zehnten Mann in Stadt und Land hatte man ausgehoben, regelmäßig bewaffnet, während des Dienstes besoldet und zur Verteidigung innerhalb der Landesgrenzen bestimmt. Die Anfänge solcher Landwehr stammten aus dem 16. Jahrhundert. Von militärischen Theoretikern war die Einrichtung als vortrefflich empfohlen, von Zeit zu Zeit war sie erneuert worden. So wurde sie in Sachsen 1612 durch die Landstände eingeführt, 1618 renoviert. Es sollten im Kurfürstentum 9000 Defensioner sein, der gemeine Mann täglich vier, der Feldwebel zehn und einen halben Groschen Sold erhalten; die Kosten wurden auf die Häuser verteilt. Aber diese Miliz erwies sich im Kriege als unbrauchbar. Viel zu gering war die Disziplin; wenn nicht die Gefahr der eigenen Stadt drängte, suchte der fleißige Bürger sich zu entziehen; die Folge war, daß viel loses Volk in Waffen lief und ritt. Wenn sie von den Ortschaften requiriert wurden, die Pflüge auf dem Felde gegen streifende Marodeure zu beschützen, so forderten sie besondere Vergütung, aber sie liefen davon; bald wurden sie dem eigenen Land mehr zur Plage als zum Nutzen. [...]

Von 1626 ab beginnt in den deutschen Städten das Stutzertum nach französischem Zuschnitt. Die à la mode Messieurs stolzierten und belästigten auf dem steinernen Fußpfad der Straßen. Kurze Spitzbärte, das Haar lang, in gekräuselten Locken oder gar auf der einen Seite kurz geschnitten, auf der andern in Zopf oder Locke auf die Schulter hängend, große Schlapphüte, Sporen an den Füßen, den Degen vor dem Herzen, gerissene und zerschnittene Kleider, geckenhafte Gebärden, dazu eine korrumpierte Sprache voll französischer Wörter. Die Frauen blieben nicht zurück; sie fingen an die welsche Larve vor dem Gesicht zu tragen, in der Hand einen Federfächer, Fischbein in den Kleidern, die verpönten Zobel-, Gold- und Silberstoffe und zu allem – was sehr bedenklich erschien – silberne, endlich gar weiße Spitzen.

Solches Wesen empörte als phantastisch und unsittlich Obrigkeiten und Seelsorger. Uns erscheint es als charakteristisches Leiden einer Zeit, in welcher das sichere Selbstgefühl des deutschen Bürgertums dahinschwand.

Näherten sich aber die Heere einer Stadt, dann hörte der Verkehr mit der Landschaft fast ganz auf, dann wurden die Tore sorgfältig bewacht, die Bürger erhielten sich von den aufgesammelten Vorräten. Die Pressuren begannen, Durchmärsche, Einquartierung befreundeter Heere mit allen ihren Schrecken. Noch ärger hausten die durchziehenden Feinde. Jede Art von unsicherer Schonung mußte erkauft werden. Es war Gnade des Feindes, wenn er nicht anzündete, nicht den Stadtwald niederschlug, das Holz zu verkaufen, nicht die Stadtbibliothek auf seine Troßwagen warf; alles, was zum Raub einlud, die Orgel, die Kirchenbilder, mußte ausgelöst werden, sogar die Kirchenglocken, welche nach Kriegsgebrauch der Artillerie gehörten. Waren die Städte nicht imstande, den Forderungen der Kriegsobersten zu genügen, dann wurden die angesehensten Bürger als Geiseln mitgeschleppt, bis die auferlegte Summe bezahlt wurde.

Galt eine Stadt aber für fest genug, um dem feindlichen Heer Widerstand zu leisten, dann wurde sie beim Herannahen des Feindes mit Flüchtlingen gefüllt, deren Zahl so hoch stieg, daß an ein Unterbringen bei Bürgern gar nicht zu denken war. In Dresden z. B. kamen 1637 nach der Einnahme von Torgau in drei Tagen, vom 7. bis 9. Mai, 12 000 Wagen mit flüchtigem Landvolk an. Umschloß der Feind den überfüllten Ort, dann raste um die Mauern der Kampf und innerhalb nicht weniger gefräßig Elend, Hunger und Krankheit. Der wehrhafte Flüchtling wurde zu strengem Besatzungsdienst gebraucht; auch der Adel der Nachbarschaft half zuweilen. Dehnte sich die Belagerung in die Länge, dann hatte die Teuerung einen schändlichen Wucher zur Folge, die Müller mahlten nur den Reichen, die Bäcker forderten Unerschwingliches. Die Bilder der Hungersnot, einer Not, wie sie damals viele Städte erlebt haben, sind zu greulich, um dabei zu verweilen. Als in Nördlingen ein Mauerturm von den Belagerern eingenommen war und die Bürger selbst ihn ausbrannten, stürzten sich hungernde Weiber über die halbgebratenen Leichname der Feinde und trugen Stücke derselben für ihre Kinder nach Hause.

Wurde aber die Stadt im Sturm erobert, so wiederholte sich an ihr das Schicksal Magdeburgs, massenhaftes Niedermetzeln, Entehrung der Frauen, scheußliches Quälen und Verstümmeln. Dazu kam die Pest. Wie die Seuchen damals in den Städten wüteten, ist für uns kaum glaublich. Sie rafften oft mehr als die Hälfte der Bewohner hinweg. Schon 1626 und in den nächsten Jahren hatten sie weite Landstriche geleert, von 1631–1634 und am ärgsten um 1636 kehrten sie wieder.

Allerdings gab es für jede Stadt jahrelange Zwischenräume verhältnismäßiger Ruhe, und die – nicht zahlreichen – Ortschaften, welche nur einmal im Krieg zerschlagen wurden, vermochten sich wohl wieder zu erholen. Aber das Fürchterlichste von allem war die zweite, dritte, vierte Wiederholung des alten Leidens. Leipzig wurde fünfmal belagert, Magdeburg sechsmal, die meisten kleineren Städte noch öfter mit fremden Soldaten gefüllt. So verdarben die großen Städte wie die kleinen.

Aber noch nicht genug. Weite Territorien traf eine Plage ganz anderer Art: die religiöse Verfolgung. Sie wurde von der kaiserlichen Partei fast überall geübt, wo sie sich festgesetzt hatte. Den Heeren folgte ein Haufen Bekehrer, Jesuiten und Bettelmönche, auf dem Fuß. Diese verrichteten ihr Amt mit Hilfe der Soldaten. Wo der Katholizismus noch einen Boden hatte, wurden die Führer der protestantischen Partei weggefegt, vor allem die Seelsorger. Am gründlichsten in den Provinzen, in denen der Kaiser selbst Landesherr war. Viel war dort schon vor dem langen Krieg geschehen, aber noch war beim Anfang des Krieges in Oberösterreich, Mähren, Böhmen und Schlesien die politische Majorität, die rührigste Intelligenz, die Mehrzahl der Gemeinden evangelisch. Da wurde gründlich gebessert. Bürger und Landvolk wurden scharenweise durch die Soldaten in die Beichte getrieben; wer – oft nach Gefängnis und Körperqualen – seinen Glauben nicht aufgeben wollte, mußte das Land verlassen und viele, viele Tausende taten dies; es wurde als Gnade betrachtet, wenn den Flüchtlingen eine unzureichende kurze Frist zum Verkauf ihrer beweglichen Habe gelassen wurde.

Aus einer solchen Provinz, der einzigen, welche dem geistigen Leben der Deutschen in späterer Zeit wieder erobert wurde, sei hier das Geschick einer kleinen Stadt mitgeteilt, gerade deshalb, weil nicht die Monotonie des Elends, sondern andere charakteristische Seiten des alten Bürgerlebens zu erkennen sind.

Da, wo das Riesengebirge in die schlesische Ebene hinabfällt, liegt in fruchtbarem Tal, am Ufer des Bobers, die alte Stadt Löwenberg, einer der ersten Orte, welche in Schlesien nach deutschem Recht eingerichtet wurden. Schon im Mittelalter eine kräftige Gemeinde, zählte sie im Jahre 1617 in Stadt und Vorstädten 738 Häuser und wenigstens 6500 EinwohnerIm Jahre 1770 erst 2126 Einw., im Jahre 1845 4500 Einw.. Stattlich erhob sie sich zwischen Wiesenstreifen und Wald mit starken Mauern, Gräben und Tortürmen. Sie war angelegt wie fast alle deutschen Städte Schlesiens, in der Mitte ein großer Markt, »der Ring«, welcher das Rathaus und vierzehn »Bauden«, privilegierte Häuser mit Schank- und Handelsgerechtigkeit, umschloß; die Häuser der inneren Stadt von Stein, den hohen Giebel der Straße zugewendet, bis zu seiner Spitze vier bis fünf Stockwerke. Einst war der Unterstock zu »Lauben« gemauert gewesen; diese bedeckten Gänge waren seit etwa 60 Jahren abgeschafft. Die Häuser enthielten im Unterstock eine große Hausflur und ein starkes Gewölbe, dahinter eine große Stube, in ihr den Backofen und über diesem eine hölzerne Bühne, die den hinteren Teil des Zimmers einnahm, zu ihr führte eine Treppe, die Bühne war Speiseraum, der vordere Teil Schlafraum der Familie. Im Stock darüber war eine gute Stube, mit Holzwerk getäfelt, alles übrige war Kammer und Bodenraum, zu Waren, reichlichem Hausrat, dem Getreide, der Wolle. Denn Löwenberg war eine berühmte Tuchmacherstadt; im Jahre 1617 verfertigten 300 Tuchmacher 13 702 TucheEin »Tuch« hielt nach Nürnberger Rechnung 32 Ellen, ein »Saum« 11 Tuch; ein »Barchat« (halb Leinen, halb Wolle) 22 Ellen; »Tuch« und »Barchat« bezeichnen den Stoff und sein Maß., und bis tief nach Böhmen und in das Reich, vorzüglich aber nach Polen trug der Händler ihre dauerhafte Arbeit. Das Stadtsignal, ein Löwe im Mauertor, war von lauterem Gold.

Im Jahre 1629 hatte die Stadt bereits viel vom Krieg gelitten. Die Bürger verwildert, zerquält, hatten den größten Teil ihres alten Mutes verloren. In den Nachbarstädten hauste das kaiserliche Dragonerregiment Liechtenstein, welches mit Säbel und Pistolenschrauben die bekehrenden Jesuiten unterstützte. Die Bürgerschaft der Stadt Löwenberg, mit ihrer Ankunft bedroht, wurde gezwungen, ihre alten Geistlichen zu entlassen. Mit Tränen schieden sie, laut weinend begleitete sie die Volksmenge in ihre Wohnungen und trug ihnen zur Sühne die letzten Abschiedsgeschenke zu. Die Jesuiten folgten; in der Nacht, bevor sie kamen, richtete sich ein Uhu zum Schrecken der Bürgerschaft auf dem Kirchturm häuslich ein und ängstigte die Stadt allmählich durch sein Geheul. Die Jesuiten predigten, wie ihre Art war, täglich, versprachen Freiheit von aller Kontribution und Einquartierung, besondere Gnade und Privilegien des Kaisers, den Widerspenstigen aber auch das zeitliche Verderben. Sie brachten es soweit, daß die geängstigte Bürgerschaft selbst den Rat drängte, die »Konfirmation« anzunehmen; die meisten Männer der Gemeinde genossen das Abendmahl nach katholischem Brauch, den Kelch ungesegnet. Die standhaften Bürger aber mußten in das Elend ziehen. Doch kaum hatten die Jesuiten die Stadt verlassen, so fiel das Volk wieder ab, die Bürger liefen auf die benachbarten Dörfer, wo sich noch evangelische Geistliche erhalten hatten, ließen dort trauen und taufen; ihre Kirche stand unter einem katholischen Pfarrer leer. Neue Drohungen, neue Gewalttaten. Der redliche Bürgermeister Schubert ward in hartes Gefängnis abgeführt, aber der Rat erklärte jetzt männlich, bei der augsburgischen Konfession sterben zu wollen; die Bürgerschaft bedrängte sogar den Landeshauptmann in wildem Tumult. Da ritten die Exekutoren des Kaisers, die »Seligmacher«, durch die Tore. Der größte Teil der Bürger floh mit Weib und Kind aus der Stadt, alle Dörfer waren voll Exulanten, sie wurden durch Soldaten und abtrünnige Bürger mit Gewalt zurückgeholt und ins Gefängnis gesetzt, bis sie Beichtzettel vorwiesen; die weiter geflohenen wurden nach Sachsen getrieben. Jetzt wurde ein neuer Rat eingesetzt, wie es in solcher Zeit zu gehen pflegt, aus übel berüchtigten und untüchtigen Männern, die verlassenen Bürgerhäuser wurden geplündert, viele schwer beladene Wagen mit Hausrat von katholischen Nachbarn den Soldaten abgekauft und fortgeführt. Der neue Rat wirtschaftete gewissenlos, der Königsrichter – ein bekehrter Löwenberger Advokat – und die Ratsherrn mißhandelten die heimlichen Protestanten und suchten sich aus dem Stadtvermögen zu bereichern. 250 Bürger lebten mit ihren Familien als Exulanten, die eine Seite des Marktes war ganz unbewohnt; dort wuchs langes Gras, und das Vieh weidete darauf. Im Winter trieb Hunger und Kälte wenigstens Frauen und Kinder in die zerstörten Häuser zurück. Einige Zeit war der leitende Geist des neuen Rates ein zugezogener Franziskaner, Julius, gewesen, ein verwegener Gesell, gar nicht wie ein Mönch, der unter seiner Kutte goldene Armbänder trug. Dann wurde ein katholischer Pfarrer Exelmann, Sohn eines evangelischen Predigers, eingesetzt. Aber wie zerschlagen auch die Bürgerschaft war, das Amt des Pfarrers und der neuen Stadtregenten war doch nicht ohne Widerspruch. Noch waren nicht alle Mächte der Stadt bezwungen. Wie die Opposition widerstand, sei hier nach dem Bericht eines Zeitgenossen, welchen der fleißige Sutorius in seiner Geschichte von Löwenberg (172 Teil II) abgedruckt hat, mitgeteilt.

Am Morgen (9. April 1631) früh kamen die nachfolgenden Herren, als erstlich der Pfaffe, zweitens der Königsrichter, welcher ein Advokat Elias Seiler war, drittens Georg Mümer Se. Wollenweisheit, ein Tuchmacher, viertens Schwob Franze, ein Tuchmacher, fünftens Doktor Melchior Hübner, ein gewesener Mühlknecht und verdorbener Bäcker, sechstens Meister Daniel Seiler, ein Tischler, siebentens Peter Beier, der Stadtschreiber, auf dem Rathause zusammen und besetzten den Ratsstuhl. Der Herr Bürgermeister lag an Podagra krank. Da proponierte der Pfaffe, der die Oberhand im Rat hatte, mit diesen Worten: »Ihr meine geliebten Kirchkinder, nachdem ich von euch vernommen, daß ihr an Königlicher Majestät Hof nach Wien eine Absendung tun wollt, so habe ich und der Herr Königsrichter reiflich befunden, daß vor eurem Aufbruch alle Weiber zu unserer Religion gezwungen würden. Dadurch werdet ihr euch bei Hofe eine große Gnade zuwege bringen. Ich will auch nicht unterlassen, euch durch Handbriefe bei meinem hochgeehrten Herrn Vetter, dem Herrn Pater Lemmermann, jetzo Königlicher Majestät Beichtvater, der gewiß in allen geheimen Ratschlägen viel gilt, zu rekommandieren, wie fleißig und eifrig ihr gewesen und die Weiber zurecht gebracht habt, so daß euch allen, die ihr jetzo beisammen seid, ein sonderlich Gratial gegeben werden soll. Derowegen fahret eifrig fort. Wollen sie nicht gutwillig, so habt ihr Gefängnisse genug, sie damit zu zwingen.«

Auf diese Proposition wurde herumvotiert, und sagte zuerst der Königsrichter: Ja, ihr Herren, weil ich solche Reise zum Besten gemeiner Stadt gutwillig auf mich nehmen will, so befinde auch ich für sehr gut, man nehme diese Geschöpfe mit Eifer und Ernst vor. Wollen Sie nicht gutwillig, so sperre man die vornehmsten ein. Was gilt's, die andern werden bald nachgeben. Sie werden kommen und bitten, daß man sie herauslasse. Es würde auch mancher froh sein, daß die seine wegliefe und er sie los würde. Haben wir die Männer zurecht gebracht, so wollen wir's mit diesen Bestien auch machen.«

Herr Mümerus, Seine Wollenweisheit, sagte: »Ihr Herren, ich bin nun ein Witwer bald ein halbes Vierteljahr; ich weiß davon zu sagen, was einer für Kreuz hat, wenn ihm von seinem Weib Tag und Nacht das Gewissen gerührt wird. Es wäre wohl gut, wenn Mann und Weib einen Glauben und ein Vaterunser hätten, mit den zehn Geboten möchte es nicht so dringend sein. Es wäre auch gut, daß die Weiber täten wie wir, weil sie unser Einkommen mit genießen und Ratsfrauen werden. Allein ich besorge, es wird schwer angehen. Ich wollte lieber fast raten, man konsultierte hierüber zuvor den Herrn Landeshauptmann, wie er es mit seinem eigenen Weib anstellen wollte. Man könnte dann einen bessern Nachdruck geben, wenn man einen bestimmten Befehl dazu hätte. Mein Weib hätte ich wohl nimmermehr dazu gebracht!«

Schwob Franze sagte: »Ihr Herren, mein Weib ist mir, wie ihr wißt, dieser Tage gestorben, so daß ich nunmehr wieder frei und ein Witwer bin; ich weiß auch davon zu sagen, wie ich von meinem bösen Weib wegen des Papsttums geplagt worden bin. Gleichwohl weiß ich nicht, wie man die Sache recht angreifen soll. Es hat gleichwohl noch hübsche Weiber und Witwen unter den lutherischen Ketzern. Wäre es auch gut und übers Herz zu bringen, daß man sie alle auf einmal wegjagte und einsperrte? Ihr Herren, ihr werdet's wohl machen. Ich bin der Meinung wie mein Herr Kollege Mümer. Wenn ich heute oder morgen freie, muß mein Weib meinen Glauben haben oder den Mund über den Glauben halten.«

Hierauf fing nun Doktor Melchior an: »Ihr Herren, Gotts Sakrament, ma – ma – man sperre sie nur zusammen ein und la – la – lasse keine heraus, wenn sie gleich im Gefängnis verfaulen sollten, bis sie es zusagen. Ich habe gestern mein Hauskreuz darüber geschlagen. Der Teu – Teufel ho – ho – hole mich, sie muß es tun, oder ich jage sie ganz davon.«

Meister Daniel sagte: »Ihr meine hohen und wohlgroßgünstigen Herren, fahret in solchem guten Werk nur mit Gewalt fort. Der Landeshauptmann hat uns hierin nicht zu befehlen, er sehe selbst zu, wie er seine ketzerische Frau zurechtbringt, welche kein geringes Ärgernis und ein Spiegel für unsere Weiber ist. Derowegen bitte ich, man fahre gegen die Weiber mit der Exekution fort.«

Des Herrn Stadtschreibers Peter Baiers Votum war: »Ihr Herren, ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich habe eine böse Sieben, die beißt um sich wie der Teufel. Ich traue mir nicht, sie zu bändigen. Könnt ihr's tun, so versucht's. Ich rate aber, daß man anfangs freundlich mit den Frauen rede, ihnen Bänke setzen lasse in der Ratsstube und sie niedersitzen heiße, ob es möglich wäre, daß man sie mit guten Worten und hernach erst mit Drohung bekehren könnte. Vielleicht nehmen sie sich's zu Herzen.«

Hierauf wurde das Konklusum gemacht von dem Pfaffen und Königsrichter. Sie sagten: »Die Zeit ist kurz, man kann nicht viel Frist geben, es heißt hier: ›Friß, Vogel, oder stirb.‹«

Es läutete deswegen der Königsrichter dem Stadtknecht und fragte: »Sind die Weiber draußen?« Er sagte: »Nein, es ist noch keine da.« Darauf befiehlt ihm der Richter: »Geht hin, ihr werdet sie entweder bei mir oder bei der Frau Geneußin finden.« Der Stadtknecht fand aber bei dem Königsrichter niemand, bei der Frau Geneußin etwa eine Mandel Weiber beisammen. Zu diesen sagte er: »Ihr Frauen, es läßt der Herr Pfarrer nebst dem Herrn Königsrichter und einem Ehrbaren Rat den Frauen einen guten Morgen sagen und daß sie aufs Rathaus kommen sollten, die Herren wären beisammen.«

Darauf gab die Königsrichterin zur Antwort: »Ja, ja, sagt ihnen einen guten Morgen wieder; wir werden bald kommen.« Also gingen die Frauen Paar und Paar, die Königsrichterin und Bürgermeisterin voran, und stiegen die Ratstreppe hinauf. Die anderen Frauen aber, so sich in den Brotbänken und sonst hin und wieder in Häusern gesammelt hatten, kamen in großer Anzahl truppweise hinterdrein. Als nun der Diener im Rat angesagt, daß die Frauen da wären, fing der Königsrichter an: »Laßt sie herein.« Der Diener sprach: »Herr, sie alle haben hier drin nicht Raum. Ich halte dafür, daß ihrer ein halbes Tausend beisammen ist. Das Rathaus ist bald ganz voll. Sie sitzen auch schon zum Teil auf den Pfeiferstühlen.«

Da fing der Pfaffe an: »Ei, ei, halt still, das ist nicht gut. Ich habe nichts anderes gemeint, als daß zuerst nur die vornehmsten Frauen von Rat, Schöppen und Geschworenen heraufgefordert würden. Ei, ei, was habt ihr getan!« Da sprach der Diener: »Ew. Ehrwürden lassen sich berichten: Als mir gestern der Herr Königsrichter befahl, ich sollte alle Weiber, die nicht bekehrt wären oder es nicht werden wollten, herauffordern und bei seiner Frau anfangen, habe ich solches bestellt, und weil es ziemlich spät war, sagte ich den meisten, die mir begegneten, eine sollte es der andern anzeigen, daß sie morgen bei Strafe kämen und nicht ausblieben. Ich vermeine, daß ich nicht unrecht getan habe.«

Da sprach der Pfaffe abermals: »Ei, ei, ihr Herren, ihr Herren, das ist nicht gut. Ich weiß nicht, wie man's macht, daß man einen Teil der Weiber los werde.«

Darauf sagte der Königsrichter zum Pfaffen: »Geben sich Ew. Ehrwürden nur zufrieden; wir wollen die Sache schon machen und anfangs nur die vornehmsten Weiber hereinfordern. Wenn sie sehen, daß man ihnen durch den Sinn fährt oder sie gar einsperren lassen will, werden sich die andern bald verlieren und davonlaufen.« Es wurde deshalb beschlossen und dem Diener angedeutet, er solle den erwähnten Frauen ansagen, daß sie allein hereinkommen sollten.

Als nun der Diener solches ausgerichtet, fing die Königsrichterin an: »Mit nichten, wir lassen uns nicht trennen; wo ich bleibe, da bleibt auch mein Schwanz. Sprecht, wir lassen bitten, man solle uns nur vorlassen.« Solches berichtete der Diener wieder dem Rat hinein. Da entrüstete sich der Königsrichter und sagte mit großem Ernst: »Geht wieder hinaus und saget den elementischen Weibern, sie sollen sich nicht widerspenstig und ungehorsam zeigen, oder sie sollen erfahren, wie man mit ihnen umgehen werde.« Dann ging der Diener wieder hinaus und überbrachte den Befehl ernstlich; aber die guten Weiber bestanden auf ihrer vorigen Meinung und sagten, sie begehrten zu wissen, warum man sie gefordert hätte; keine lasse sich von der andern trennen, wie es einer ergehe, solle es allen ergehen. Es war darüber unter den Weibern ein großes Getümmel und Gemurmel, daß es die Herren in der Stube wohl hören konnten.

Als der Diener solche Antwort wieder hereinbrachte, erschraken sie, daß sie lieber gesehen hätten, die Weiber wären ich weiß nicht wo. Es wurde daher einhellig beschlossen, den Herrn Stadtschreiber hinauszusenden, damit er ihnen beweglich, doch freundlich mit guten Worten zuspräche, daß doch die vornehmsten Frauen hineinkommen wollten, die andern möchten nach Hause gehen; keiner solle ein Leid widerfahren. Aber alles war vergeblich. Die Weiber blieben fest, nicht voneinander zu weichen. Und die Königsrichterin fing an und sagte zum Stadtschreiber: »Ja, ja, Lieber, ja, meint Ihr auch, daß wir so einfältig sind und den Possen nicht merken, wie man uns arme Weiber wider unser Gewissen zwingen und dringen will, den Glauben zu wechseln? Mein Mann und der Pfaffe sind in diesen Tagen nicht vergebens zusammengelaufen, haben fast Tag und Nacht beieinander gesteckt, gewiß haben sie einen Teufel gekocht oder gebraten, den mögen sie auch selber aufessen; ich gehe nicht mit hinein. Wo ich bleibe, da bleibt auch mein Schwanz und Anhang.« Sie wandte sich herum zu dem andern Haufen und sprach: »Ihr Frauen, ist das euer Wille?« Da ward abermals von allen Weibern großes Geschrei: »Ja, ja, nun wohlan, wir stehen alle für einen Mann.«

Hierüber erschrak nun der Herr Stadtschreiber heftig, er lief eilend wieder in den Rat und brachte mit Wehmut den Handel vor, daß der Rat in nicht geringer Gefahr wäre, denn er habe gesehen, daß fast jede Frau ein großes Gebund Schlüssel an der Seite hangen hätte.Das Schlüsselbund war im Mittelalter nicht nur bedeutsames Rechtssymbol, auch die volkstümliche Waffe der Frau. Darüber entfiel ihnen der Mut ganz und gar, sie hingen die Köpfe und wußten weder aus noch ein; einer wünschte sich hier, der andere dort hinaus. Doktor Melchior faßte noch einen Mut und sprach zum Pfaffen: »Potz Sakrament, wohlehrwürdiger Herr, hätte ich nur jetzt ein paar hundert Musketiere, ich wollte das Pa – Pa – Pack wohl niedermachen lassen, außer denen, die auf die Knie niederfielen.«

Zuletzt kolligierte sich der Herr Stadtschreiber etwas. »Ihr Herren, ich wüßte wohl Rat, wie wir hinab und von den Weibern fortkämen. Wenn die Herren beide Türen am Rathause zuschließen lassen, wollen wir stillschweigend aus der untersten Ratsstube durch die Turmtüren hinaus und uns davonmachen; so werden sie nicht gewahr, wo wir hinkommen. Doch ich weiß nicht, wo die Schlüssel zu den Turmtüren sind.« Dieser gute Rat gefiel allen wohl, die Schlüssel wurden eifrig gesucht, unterdes aber die Stadtknechte hereingerufen und befehligt, den Weibern anzudeuten, sie möchten sich ein wenig gedulden. Die Stadtknechte aber sollten sehen, wie sich einer zur vordern, der andere zur hintern Tür spielen könnte, darauf sollten sie jählings hinauslaufen und die Tür hinter sich zuschlagen.

Dieser Anschlag glückte, die guten Weiber, deren 263 waren, wurden so eingesperrt. Der Stadtschreiber aber machte die Turmtüren, die seit etlichen Jahren nicht eröffnet worden, geschwinde auf, kam gelaufen und rief: »Ihr Herren, fort, fort, das Loch ist offen; aber still, still, um Gottes willen still, daß es die Weiber nicht inne werden, sonst betrügt uns der Teufel.«

Darauf liefen sie, was jeder laufen konnte, zum Teil ohne Hut und Handschuh, einer lief heim, der andere zum Nachbar, und wo jeder in der Eile sicher zu sein vermeinte. Alle wußten von erschrecklicher Angst zu sagen. Der Pfaffe lief in vollem Trab die Kirchgasse hinauf, sah mehr rückwärts als vor sich, ob die Weiber etwa nachfolgen und ihm mit den Schlüsseln zur Messe läuten wollten. Er schloß das Pfarrhaus hinter sich zu, wie die Stadtknechte das Rathaus. Er war so matt, daß er weder essen noch trinken mochte, seine beiden Damen hatten genug an ihm zu kühlen. Als nun die versperrten Weiber, welche zum Teil an den Fenstern saßen, das Geschrei hörten, so unten in der Stadt umherging, daß die ehrenfesten Herren so fein ausgerissen wären, lief die Königsrichterin zur Ratstubentür, klinkte auf, rief überlaut mit großer Verwunderung: »Der Teufel hat die Schelme alle hinabgeführt; seht, da liegt ein Hut, ein Handschuh, ein Schnupftüchel, alle Türen sind offen. Kommt, laßt uns selbst zu Rat sitzen und nach unsern Männern schicken, sie sollen bei Strafe kommen und unsern Bescheid anhören.« Darauf ward von allen Weibern ein großes Geschrei und Gelächter. [...]

Zuletzt aber traten die Frauen doch zu Häuflein, zu zehnen und zwölfen, sie beklagten ihre Männer, Kinder und Säuglinge, die würden nichts zu essen haben. So wurden sie einig, durch etliche Weiber, die draußen vor der Tür warteten und auch gern drinnen bei den versperrten gewesen wären, den Königsrichter zu bitten, sie loszulassen und ihnen anzuzeigen, weshalb man sie heute auf das Rathaus gefordert.

Unterdes aber empfand der Königsrichter, daß er jetzt beim Heimgang vom Rathaus klüger geworden, als er heute früh beim Hinaufgehen gewesen, ihm deuchte, nicht alle Männer möchten so gegen ihre Frauen gesinnt sein als er. Auch sah er ein ziemliches Laufen um das Rathaus von Kindern und Gesinde, die den Frauen gern etwas von Speise und Trank zutragen wollten, ja es war von einem guten Freund schon angestellt, den lieben Weibern ein ganzes Viertel Bier zum Labsal zuzustoßen. Überdies fand sich auch schon eine Anzahl Männer zusammen, welche zu wissen begehrten, was ihre Frauen getan, daß man sie eingesperrt hätte. Da faßte der Königsrichter wieder einen Mut und ließ die Herren cito citissime in sein Haus zu einer notwendigen Unterredung zusammenbitten. Die vier Herren des Rates und der Stadtschreiber wurden mit großer Mühe gefunden, der Pfaffe aber hatte sich tief versteckt und ließ sich wegen Mattigkeit und weil er Ruhe nötig hätte, entschuldigen. Es ward aber eine wiederholte Absendung an ihn beschlossen, die dem Pfaffen zu Gemüt führte, er müsse sich unfehlbar einstellen, weil er diese Händel mit verursacht habe.

Unterdes kam der Ratsdiener ans Rathaus gelaufen, auf wessen Geheiß, weiß man nicht, rief durch die verschlossene Tür seine Frau, die mit im Konklave war, und sagte ihr: »Deutet den andern Frauen an, daß die Herren jetzt wieder beim Königsrichter zusammengekommen sind; man wird bald heraufschicken und das Rathaus öffnen lassen, damit eine jede wieder heimgehe.« Darauf gab die Königsrichterin Antwort: »Ja, gar gern wollen wir uns gedulden, sitzen wir doch im Trocknen. Aber sagt ihnen auch, sie sollen uns berichten, warum man uns heraufgefordert und ohne Verhör eingesperrt hat.«

Der Pfaffe ließ sich endlich bewegen und kam zum Königsrichter in den Rat. Sie klagten einander anfangs heftig ihre Mattigkeit wegen großer ausgestandener Angst und Gefahr, weshalb ihnen auch geschwind ein Labetrunk Wein herumgegeben ward; was sie aber sonst damals für Anschläge gemacht, habe ich so genau nicht erfahren können, weil alles in Eile und stehend geschah und kein Protokoll daneben gehalten ward. Gewiß aber ist es, daß sie sich, wie bei Lumpenleuten Gebrauch ist, ziemlich gebissen und einer dem andern bald dies, bald das an den Bart geworfen haben. Doch zuletzt wurden sie einhellig, eine Absendung an die versperrten Frauen zu tun, dieselben cito loszulassen und auf das allerfreundlichste zu bereden, damit sie das Rathaus wieder quittieren möchten. Zur Absendung wurden vermocht Herr Mümer, Meister Daniel und Herr Notarius.

Als diese ankamen, wurde die Tür sogleich geöffnet, und die Abgesandten traten mitten unter die Weiber in einen Kreis.

Da fing der Stadtschreiber so an: »Ehrbare, viel ehr- und tugendsame, insonders großgünstige, liebe Frauen! Der Herr Pfarrer nebst dem Herrn Königsrichter und ein wohlweiser Rat lassen den Frauen samt und sonders einen guten Tag vermelden, verwundern sich höchlich, daß die Frauen die Sache so übel aufgenommen und anders verstanden haben, als sie gemeint war. Und weil die Frauen so inständig begehrt haben zu wissen, warum dies geschehen, so haben gemeldete Herren uns abgefertigt, mit Wahrheit dies zu vermelden. Erstens, weil nunmehr die Marterwoche herbeikäme, an welcher in der Kirche vornehmlich von dem heiligen Sakrament gepredigt wird, so hätte man die Frauen christlich und treulich vermahnen wollen, daß sie sich dazu fleißig einstellen möchten. Zweitens wird gebeten, daß am bevorstehenden Osterfest sich die Frauen ebenfalls sämtlich einstellen und mildreich erzeigen wollen, weil des Herrn Pfarrers Akzidenzien bei so geringer Anzahl der Bürger gegenwärtig schlecht wären.«

Nach solchem Anbringen des Stadtschreibers wollte es Meister Daniel, der Tischler, noch besser machen und sprach: »Meine großgünstigen Frauen! Die Frauen sollen es nicht anders verstehen, als daß dies eine freundliche Unterredung ist, und daß gar keine Gewalt angewendet werden soll. Denn meine Herren und ein hochweiser Rat haben nicht den Gebrauch einen henken zu lassen, bevor sie ihn haben.«

Auf diese leichtfertige, unbesonnene Rede, die doch ganz und gar nicht dem Rat diente, stießen ihn Herr Mümer und Herr Notarius selbst auf der Stelle an, unter den gesamten Weibern aber wurde ein großes Gelächter und Getümmel.»Ja, ja, jetzt hören wir wohl, sie vergleichen uns Leuten, die gehenkt werden sollen. Ihr selber seid solche Gesellen untereinander. O ihr ungetreuen Schelme, ihr Kornwucherer, ihr Wolldiebe!« Darauf schrie die Königsrichterin: »Still, still, ihr Weiber!« und sprach zu Meister Daniel: »Hört, lieber Schwager, Ihr versteht's nicht, seid auch viel zu geringe, uns wider unser Gewissen zu zwingen. O wie wird Euch Gott strafen und meinen Mann dazu, der so öffentlich wider sein Gewissen handelt. Euer beider lieber seliger Vater ist ein stattlicher lutherischer Geistlicher gewesen, der hat Euch etwas anderes gelehrt. Jetzt sprecht Ihr, Ihr seid gut katholisch. Zu Euren Schelmstücken braucht Ihr Euren neuen Glauben; wenn Ihr betrunken seid, redet Ihr selber schandlos genug von der Mutter Gottes, und wenn Ihr zu Euren schlechten Dirnen geht, nennt Ihr Euch nicht anders als Marienbrüder. Oh, wenn man Euch Euren Gewinn abschaffen wollte, den Ihr aus Euren Ämtern und aus den Gütern gemeiner Stadt macht und den Ihr doch alle wieder verfreßt und vertrinkt, wenn Ihr wieder Hobelspäne machen und tapfer arbeiten müßtet, daß Euch warm würde, wie bald solltet Ihr Euer Papsttum wieder los werden. Daß Euch Gott strafe! Nimmermehr sollt Ihr uns unsern Glauben nehmen. Ihr selbst werdet noch darüber gehenkt werden.«

Die Frau Bürgermeisterin sagte: »Habt ihr sonst nichts mit uns zu reden gehabt, so hätte das auch der Pfarrer von der Kanzel tun können, und man hätte uns deshalb nicht einsperren dürfen. Ich lasse mich nicht so zur Kirche zwingen. Bei unseren vorigen Pfarrern und Predigern bin ich mit großer Freude zur Kirche gegangen, habe dort Trost aus Gottes Wort genommen; jetzt werde ich nur noch mehr darin betrübt und geärgert, daß es Gott im Himmel zu klagen ist. Was den Opferpfennig anbelangt, so steht es einem jeden frei, wer ihn zu geben hat, der mag ihn geben.« Hierauf schrien die andern Weiber überlaut: »Ja, einen Teufel wollen wir dem Pfaffen auf den Kopf geben.« Die Herren Abgesandten erschraken über solche Reden, baten um ihren Abtritt, sagten kein Wort weiter und gingen davon.

Als nun die Herren Abgesandten beim Königsrichter wieder ankamen, war der Pfaffe und die anderen Herren schon wieder davongegangen; sie machten ihre Relation und gingen auch nach Hause. Die Frauen waren nun gleichfalls ihres Arrestes entledigt. Dem Königsrichter aber stieg die Sache ernstlich zu Kopf, er nahm es sich zu Herzen, daß ihn seine Gedanken so schändlich betrogen und die Sache zu einem ewigen Spott für ihn ausgelaufen war. Er ging in der Stube auf und ab, murmelte mit sich selbst, zuletzt sagte er: »Gebt mir was zu essen.« Als der Tisch gedeckt und von seiner Magd und Kindern aufgetragen wird, eine Schüssel Krebse und ein Stück Weißbrot und Käse, auch Butter, erzürnt sich der gute Herr heftig, nimmt zuerst das liebe Brot, dann die Butter mit der zinnernen Buttermulde und wirft sie zum Fenster hinaus auf den Markt. Auch die Krebse alle wirft er in der Stube herum, greift auch nach der Wurst, die auch auf dem Tisch stand, welche die Kinder aus Hunger wohl gemocht hätten, weil sie damals den ganzen Tag noch nichts gegessen hatten. Ja, er war so ergrimmt, daß er aus der Stube hinauslief, Schüsseln und Tiegel zerschlug und alles, was ihm unter die Hände kam, daß darüber ein Zulauf von den Nachbarn geschah. Danach lief er ins Stübel hinauf und hielt ein großes Geschrei und Wesen nur mit sich selbst, als wenn alles voller Leute wäre. Den andern Tag stand er früh auf, verreiste und übertrug sein Amt dem Doktor Melchior. –

An diesem Tage ruhten die Herren aus bis gegen Abend. Da rief der Pfarrer den Stadtknecht zu sich und befahl ihm, daß er in seinem und des Doktor Melchiors als des Vize-Königrichters Namen die Frau Bürgermeisterin und die Frau Geneußin auf morgen früh nach der Messe zu ihm auf den Pfarrhof fordern solle. Das bestellte der Stadtdiener. Die Bürgermeisterin gab zur Antwort: »Ja, ja, ich will kommen, will es aber zuvor meinem Herrn sagen.« Als sie aber zur Frau Geneußin kam und es ihr auch anmeldete, war bei dieser der Eidam, Herr Krekler, der nachher Bürgermeister wurde, der gab den Bescheid: »Ist der Pfaff und Doktor Melchior euer Herr? oder sind sie die Herren meiner Frau Schwiegermutter? Antwortet, daß sie nicht kommen, es befehle ihnen denn der Herr Bürgermeister.« Das sagte der Stadtknecht dem Bürgermeister; der besann sich etwas, endlich sagte er: »Meinetwegen, sie sollen gehen, ich bin es zufrieden, damit man mir nicht die Schuld gebe.«

Am Morgen Freitag um die angeordnete Stunde ging die Frau Bürgermeisterin zum Pfaffen; die Frau Königsrichterin, welche doch gar nicht gefordert war, ebenfalls mit der Frau Geneußin. Da fing der Pfaffe an aufs freundlichste mit ihnen zu reden und bat sehr höflich, sie sollten sich doch bequemen und die heilige, alleinseligmachende Religion annehmen, wie ihre Herren auch getan hätten. Sie würden sehen, wie wohl man sich dabei befände, und wie wohl es ihnen ergehen würde. Darauf gaben die Frauen sogleich zur Antwort: »Nein, wir sind von unsern Eltern und vorigen Predigern anders unterrichtet worden; dabei befinden wir uns gar wohl. In eure Religion können wir uns nicht schicken.« Darauf sagte der Pfarrer: »So kommen die Frauen doch nur zur Kirche, oder wenn sie Kummer oder Bedenken haben, zu mir, sooft sie wollen; ich will sie gewiß fleißig unterrichten.« Die Frauen gaben zur Antwort: »Nein, der Herr darf sich unsertwegen keine Mühe geben, wir tun's nicht.« »Ei,« sprach der Pfaffe, »so geben die Frauen doch gute Exempel, und gehen sie wenigstens zur Kirche und zur Messe und ärgern nicht etwa andere, die schon erklärt haben, wenn die Frauen gingen, so wollten sie auch gehen.« Die Frauen antworteten: »Aber wir tun's nicht. Wir wollen auch niemand wehren. Das sind Gewissenssachen, darüber hat niemand als Gott zu richten.« Als nun der Pfaffe sah, daß alles vergebens war, bat er: »Ei, ei, sagen sie doch wenigstens zu den andern Frauen und Weibern, sie hätten sich vierzehn Tage Bedenkzeit ausgebeten und auch erlangt.« Darauf antworteten die Weiber fast im Zorn: »Nein, lieber Herr, wir haben von unsern Eltern nicht lügen gelernt, wir wollen's von Euch auch nicht lernen; wir bitten, Ihr wollt uns verschonen.« So gingen sie davon.

Während aber die drei Frauen beim Pfaffen waren, fanden sich unterdes zum Verwundern schnell eine große Menge Weiber zusammen, viel mehr als das erstemal beieinander gewesen. Dies nahm Herr Schwob Franze wahr, kam eilend und keuchend zum Bürgermeister gelaufen und sagte: »Herr, ich bitte Euch um Gottes willen, habt ein Einsehen und wehrt dem Pfaffen die Händel mit den Weibern, es sind ihrer wieder eine große Menge beisammen, die ganzen Brotbänke und alle Häuser in der Kirchgasse sind voll. Hilf mir Gott, sie erschlagen uns mitsamt dem Pfaffen; ich laufe davon.«

Der gute Bürgermeister lag so krank zu Bett, daß er weder Hand noch Fuß regen konnte. Er schickte eilend nach dem Pfaffen und sagte ihm ziemlich deutsch, was er für abenteuerliche Händel anfinge, dergleichen sonst in keiner Stadt gehört worden. Würde ihm von den Weibern Ungelegenheit begegnen, so wolle er nicht schuldig sein.

Darauf fing der Pfaffe an: »Ei, nein, Herr Bürgermeister, der Herr erzürne sich nicht so. Ich sehe, daß ich von dem leichtfertigen Mann, dem Doktor Melchior, betrogen bin, der die Sache ganz anders berichtet hat. Ich bitte, der Herr lasse den Weibern andeuten, daß sie wieder nach Hause gehen; es soll gewiß nicht mehr geschehen, was geschehen ist, das versichere ich dem Herrn hiermit.«

Als dies die Weiber hörten und daß den Frauen nichts weiter begegnet war, als was oben erzählt ist, waren sie auch zufrieden, gingen heim und legten ihre Schauben und Schlüsselbunde weg, jedoch nicht weit von sich, damit sie solche im Falle der Not bei Tag und Nacht sogleich zur Hand hätten.

Soweit der alte Bericht. Der Geistliche mußte das Jahr darauf Löwenberg schimpflich verlassen, weil seine ärgerlichen Händel nicht aufhörten. Er hatte unter anderm einen öffentlichen Bierschank mit Schöps, dem alten schlesischen Bier, errichtet. Der böse Doktor Melchior wurde später in Desperation Soldat und bei Prag gehenkt. Und die tapfern Frauen? – Wir hoffen, sie sind mit ihren Männern nach Breslau oder nach Polen geflüchtet.

Von 1632 verfiel die Stadt mit jedem Jahre mehr; bald Schweden, bald Kaiserliche, bald evangelische, bald katholische Seelsorger; im Jahre 1639 hatte die Stadt noch vierzig Bürger und eine Schuldenlast von anderthalb Tonnen Goldes; 1641 deckten die Bürger selbst ihre Häuser ab, um keine Steuern mehr zu zahlen, und hausten in Strohhütten. Als der Friede kam, war die Stadt fast ganz »über den Haufen gefallen«. Im Jahre 1656, acht Jahre später, waren wieder 121 Bürger, ungefähr 850 Einwohner in Löwenberg; etwa 87 Prozent der Bevölkerung waren untergegangen.

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