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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 34
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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XX
Der Dreißigjährige Krieg

Die Kipper und Wipper und die öffentliche Meinung

Das Aufkommen der Zeitungen. – Kampf der Presse beim Beginn des Krieges. – Die Kipperzeit. – Das Geldprägen. – Verschlechterung des Geldes im Jahre 1621 und Wirkung auf das Volk. – Erkenntnis der Gefahr, Aufregung, Sturm in der Presse. – Probe aus der Flugschrift: Expurgatio der Kipper. Die Abhilfe

Eintönig schwirrt die Totenklage aus unzähligen Chroniken und Aufzeichnungen der Mitleidenden. Wo tausend einzelne gerettet wurden, verdarben Millionen. Wie den Landbewohnern zerfraß der Krieg auch den Städtern die Häuser, den Wohlstand, das Leben. Noch mannigfaltiger war hier die Arbeit der zerstörenden Gewalten, aber auch höhere Kraft war rastlos bemüht, das letzte Verderben abzuwenden.

Es ist ein wunderbares Geschick, daß den Deutschen der Krieg in denselben Jahren aufbrannte, in welchen das Interesse des Volkes an den öffentlichen Angelegenheiten so weit entwickelt war, daß die ersten Zeitungen entstehen konnten. In Glaubenssachen hatten Sittlichkeit und Urteil des einzelnen seit hundert Jahren gegen die herrschenden Gewalten gearbeitet. In der Politik war nur selten und unbehilflich von Privatleuten eine ernste Auseinandersetzung gewagt worden. Gerade als die Werbetrommeln der Fürsten auf jedem Musterplatz rasselten, begann die öffentliche Meinung ihren ersten politischen Oppositionskampf in der Presse. In einer wichtigen sozialen Frage erhoben sich die geistigen Führer des Volkes gegen die Unmoralität der eigenen Landesherren. Die öffentliche Meinung jener Jahre wird vorzugsweise erkannt aus der Flugschriftenliteratur, welche für und gegen den Böhmenkönig streitet, die Kipper und Wipper verurteilt, der Größe Gustav Adolfs huldigt, bis sie zuletzt dünn und kraftlos wird wie die Nation.

Etwa seit 1500 erfährt das Volk Neuigkeiten durch die Presse. In doppelter Form. Es sind entweder einzelne Bogen, auf einer Seite bedruckt, fast immer mit einem Holzschnitt, seit dem Ende des 16. Jahrhunderts mit einem Kupferstich verziert, unter welchem der erklärende Text, häufig in Versen, steht. Durch solche fliegende Blätter werden Himmelserscheinungen, Kometen, Mißgeburten, bald auch Schlachten zu Land und zur See, Bildnisse von Tagesberühmtheiten und ähnliches verbreitet. Viel von der guten Laune und dem derben Scherz der Reformationszeit ist auf ihnen zu finden. Die Kunst der Holzschneider war rastlos tätig, auch die großen Maler druckten auf ihnen manche Eigentümlichkeiten ihres Talentes vielleicht am unmittelbarsten ab. Die andere Form waren kleine Druckschriften, vorzugsweise in Quart, oft ebenfalls mit Holzschnitten geziert. Sie verkündeten zunächst alles Neue: Krönungen, Schlachten, entdeckte Länder; jedes auffällige Ereignis flatterte in ihnen durch das Land. Seit der Reformation wuchs ihre Zahl ins ungeheure. Unter dem Titel Zeitungen, Relationen, Avisos, Postreiter kamen sie fast in allen Druckerstätten ans Licht. Neben ihnen gingen die kleinen Streitschriften der Reformatoren, Sermone, Gespräche, Lieder. Früh benutzten auch die Fürsten die Erfindung des Bücherdrucks, ihre Streitigkeiten dem Publikum mitzuteilen und für sich Partei zu machen. Selbst der Privatmann, der in seinem Recht geschädigt war, focht durch eine Streitschrift gegen den einzelnen Gegner, eine Stadtbehörde, einen fremden Landesherrn. Im ganzen 16. Jahrhundert ist die Tendenz der kleinen nichttheologischen Literatur, zunächst Neuigkeiten mitzuteilen, dann dem egoistischen Interesse der einzelnen oder der Fürsten zu dienen, oder die Ansichten der Gewalthaber bekanntzumachen. Das Urteil des einzelnen über politische Ereignisse erscheint noch vorzugsweise in einer Form, welche man damals für besonders kunstvoll hielt, als Pasquill oder Dialog. Die Verbreitung der kleinen Neuigkeitsblätter geschah schnell und massenhaft. Seit der Reformation bildete sie sich zu einer eigentümlichen Industrie aus. Den Buchhändlern oder, wie sie damals hießen, Buchführern, welche solche Zeitungen neben größeren Werken in ihren Läden und Buden feilboten und auf die Märkte fremder Städte brachten, machten die Buchdrucker, Buchbinder und Briefmaler gefährliche Konkurrenz. Wichtige Zeitungen wurden überall nachgedruckt. Zumal längs den großen Handels- und Poststraßen am Rhein, im südlichen Deutschland machten einzelne Handlungen und Druckereien ein besonderes Gewerbe aus der Mitteilung von Tagesneuigkeiten. Noch kamen solche Blätter unregelmäßig, aber sie enthielten schon Korrespondenzen aus verschiedenen Städten, in denen nicht nur politische, auch kaufmännische Nachrichten mitgeteilt wurden. Endlich (1612) erscheinen die einzelnen Zeitungsbogen hier und da sogar mit Nummern, also in einer gewissen Kontinuität. Unterdes war es schon längst Brauch der Kaufleute, ihren Geschäftsfreunden solche Mitteilungen schriftlich mit einiger Regelmäßigkeit zu machenZeitungen in die Fremde zu schreiben ward 1631 den Kaufleuten von Leipzig verboten.; daneben existierten einzelne Neuigkeitsschreiber, welche geschriebene Zeitungen versandten. Auch diese Methode, Neuigkeiten zu verbreiten, war den Deutschen von Italien gekommen. In Venedig gab es sei dem Jahre 1536 Notizie scritte, handschriftliche Neuigkeiten in fortlaufender Reihe, die sich dort bis zur Französischen Revolution erhielten. Dort war auch kurz vor 1600 die erste regelmäßige Zeitung erschienen, welche, wie berichtet wird, den Namen Gazette von einer kleinen Münze erhielt, mit der man die Nummer bezahlte.

Bald darauf kam auch den deutschen Zeitungen die Regelmäßigkeit. Im Jahre 1615 wurde zu Frankfurt am Main durch Egenolf Emmel, Buchhändler und Buchdrucker, die erste wöchentliche Zeitung ausgegeben, gegen welche 1616 der Reichspostverwalter Johann van der Brighden ein Konkurrenzblatt: Politische Avisen, herausgab. Aus diesen beiden Unternehmungen sind die ältesten Zeitungen Deutschlands, das »Frankfurter Journal« und die »Oberpostamtszeitung«, hervorgegangen.

Aber lange blieben diese und andere Wochenzeitungen nur Neuigkeitsblätter, in denen das Urteil über die mitgeteilten Tatsachen vorsichtig zurücktrat. Der große Sturm der öffentlichen Meinung lief noch fast 200 Jahre in den alten Richtungen, den Flugblättern und gelegentlichen Broschüren.

Gleich bei Beginn des Krieges wurden auch die entfernten Leser zu leidenschaftlicher Parteinahme gezwungen. Überall erschienen Streitschriften, Ansichten, Ratschläge, Bedenken. Die Nation war auch bei diesem geistigen Kampf in große Parteien zerrissen. Und es ist belehrend zu sehen, wie die Schreiblust der Kämpfenden in genauem Verhältnis steht zu den Erfolgen, welche ihre Partei errungen hat. Bis zur Schlacht am Weißen Berge sind neun Zehnteile aller Relationen und Streitschriften protestantisch. Ihre Zahl reicht wohl in die Tausende. Heftig brennt der Haß gegen die Jesuiten auf; bitter ist der Groll gegen den Kaiser, unaufhörlich wird vor der Liga gewarnt. Nächst Prag ist Straßburg einer der Mittelpunkte dieser kriegerischen Tätigkeit. Während zu Prag der Libellschreiber von Röhrig als Hus redivivus in vielen »politischen Diskursen« leidenschaftlich gegen die Feinde Sturm läutete, verklagten die Straßburger Magister nach dem Muster des Italieners Boccalini dieselben Gegner vor Apollo und dem Hofstaat des Parnassus, und ihr Apollo hatte humane und aufgeklärte Sentenzen abzugeben. Vorsichtig und unsicher sind die Verteidigungen, wie überhaupt die katholische Partei während des ganzen Krieges im ernsten Federkampf den Protestierenden nicht gewachsen war. Aber die schnelle Flucht des neuen Königs von Böhmen ändert plötzlich die Physiognomie des literarischen Marktes. Erbeutete Geheimschriften der böhmischen Partei werden von den Gegnern veröffentlicht; um sie, die wohlbeleibten Quartanten, tobt jahrelang der Kampf dünnerer Flugblätter. Siegesfroh und rachsüchtig lärmten die Kaiserlichen. Zwar in ihren Broschüren ist immer noch Mäßigung, denn noch waren die lutherischen Sachsen zu schonen, aber um so empfindlicher treffen sie die Feinde in Bilderbogen und Spottversen. Endlos, erbarmungslos sind die Satiren auf den flüchtigen Winterkönig, er selbst mit seinem Stolz, seiner Kopflosigkeit, seine Gemahlin und seine Kinder werden in jeder kläglichen Situation abgeschildert, Brot suchend, auf schlechtem Wagen abziehend, sich eine Grube grabend.

Aber dieser Kampf wurde unterbrochen durch einen anderen, der für immer von hohem Interesse sein soll. Es ist der Sturm der deutschen Presse gegen die »Kipper und Wipper«.

Von allen Schrecken des beginnenden Krieges erschien dem Volk keiner so unheimlich als eine plötzliche Entwertung des Geldes. Für die Phantasie des leidenden Geschlechts wurde das Übel um so ärger, weil es in die trübe Stimmung der Jahre scheinbar plötzlich einfiel, weil es überall die gehässigen Leidenschaften aufwühlte und Unfrieden in den Familien, Haß und Empörung zwischen Gläubigern und Schuldner, Hunger, Armut, Bettelhaftigkeit und Entsittlichung zurückließ. Es machte ehrsame Bürger zu Spielern, Trunkenbolden und Troßknechten, jagte Prediger und Schullehrer aus ihren Ämtern, brachte wohlhabende Familien an den Bettelstab, stürzte alles Regiment in heillose Verwirrung und bedrohte in einem dichtbevölkerten Land die Bewohner der Städte mit dem Hungertod.

Es war das dritte Jahr der Kriegsunruhen. Zwar hatte in Böhmen und in der Pfalz die Kriegsflamme bereits vieles verdorben, und überall züngelte dort noch die Glut aus den Trümmerhaufen, in welchen die kaiserlichen Truppen das Kreuz des alten Glaubens aufrichteten. Überall war schwüle Luft, in allen Kreisen des Reiches rüstete und sorgte man für die Zukunft. Aber der Verkehr mit den Landschaften, in denen der Krieg schon gehaust hatte, war damals verhältnismäßig gering, die geschlagenen Länder waren, mit Ausnahme der Pfalz, Provinzen, die dem Kaiser selbst gehört hatten, und an Elbe und Niederrhein, in Thüringen, Franken und den Territorien der Niedersachsen fragte man noch, ob auch für die eigene Heimat Gefahr nahe sei. Im August 1621 sah der Bauer auf eine mittelmäßige Ernte; in Handel und Verkehr waren einige Stockungen eingetreten, aber auch ein erhöhter Eifer, wie bei starken Rüstungen natürlich ist, und die männliche Jugend wurde durch das wilde Treiben der Kriegsmänner noch mehr gelockt als eingeschüchtert. Allerdings war schon seit längerer Zeit an dem Geld, welches im Land umging, Ungewöhnliches bemerkt worden. Des guten, schweren Reichsgeldes wurde immer weniger, an seiner Statt war viel neue Münze von schlechtem Gepräge und rötlichem Aussehen in Umlauf. Noch befremdlicher fiel auf, daß die fremden Waren fortwährend im Preise stiegen. Man empfand eine konstante Teuerung. Wer ein Patengeschenk machen wollte oder fremde Kaufleute bezahlen mußte, der zahlte für die alten feinen Joachimstaler ein immer wachsendes Agio. Aber im Lokalverkehr zwischen Stadt und Land wurde das zahlreiche neue Geld ohne Anstand genommen, ja es wurde mit erhöhtem Schwung umgesetzt. Die Masse des Volkes merkte nicht, daß die verschiedenartigen Münzen, mit denen es zu bezahlen pflegte, ihm unter der Hand wertloses Blech geworden waren; die Klügeren aber, welche das Sachverhältnis ahnten, wurden zum großen Teil Mitschuldige an dem unredlichen Wucher der Fürsten.

Es läßt sich noch jetzt deutlich erkennen, wie dem Volk die Erkenntnis seiner Lage kam, und noch jetzt werden wir erschüttert durch den plötzlichen Schreck, die Angst und Verzweiflung der Massen, und durch die Sorge und den männlichen Zorn der Denkenden. Noch jetzt fühlen wir beim Lesen der alten Berichte etwas von der Empörung, womit man die Schuldigen betrachtete. Und wenn wir auf manchen wunderlichen Irrtum der öffentlichen Meinung von damals herabsehen und auf die wohlmeinenden Einfälle einzelner, welche gute Ratschläge gaben, so ist uns doch gegenüber dieser Zeit der Trauer und Demütigungen ein frohes Lächeln erlaubt über die Tüchtigkeit, mit welcher schon damals von Männern aus dem Volk der Grund des Übels erkannt und in einer der schwierigsten nationalen Fragen die rechte Antwort und dadurch einigermaßen Abhilfe gefunden wurde. Bevor versucht wird, ein Bild der Kipper- und Wipperjahre zu geben, sind einige Bemerkungen über das Geldprägen jener Zeit unvermeidlich.

Alle technische Fertigkeit war in alter Zeit mit Würde, Geheimnis und einem Apparat von Formeln umgeben. Nichts ist bezeichnender für die Eigentümlichkeit der germanischen Natur als ihre Virtuosität, auch die einförmigste Handarbeit durch eine Fülle von gemütlichen Zutaten zu adeln. Und sobald das Gemüt durch die herzliche Freude am Schaffen erregt wurde, war auch die Phantasie des Handwerkers mit Bildern und Symbolen beschäftigt, und behend hatte er sein »Wissen« zu einer hohen, ja heiligen Sache gemacht. – Was allen Handwerkern des Mittelalters zukam, das war der Kunst Münzen zu schlagen in besonderem Grade eigen. Das Gefühl der eigenen Wichtigkeit war in dem Münzer ungewöhnlich stark; die Arbeit selbst, das Behandeln edler Metalle im Feuer, galt für besonders vornehm. Die unverstandenen chemischen Prozesse, welche durch die Alchimie mit einem Wust von phantastischen Bildern umgeben waren, imponierten den Arbeitenden mehr, als unser Jahrhundert der rationellen Fabriktätigkeit begreift. Dazu kam das Verantwortliche des Dienstes. Wenn der Münzer die silbernen Probiergewichte aus der schönen Kapsel hervorholte und die kleinen Näpfchen der Eicheln auf die kunstvoll gearbeitete Probierwaage setzte, um das Probierkorn darin abzuwägen, so tat er dies mit einem entschiedenen Bewußtsein von Überlegenheit über seine Mitbürger. Und wenn er die Silberprobe in der »Kapelle« vom Blei reinigte und das fließende Silber zuerst mit zarten Regenbogenfarben überlaufen wurde, dann der bunte Überzug zerriß und wie ein Blitz der helle Silberschein durch die geschmolzene Masse fuhr, so erfüllte ihn dieser »Silberblick« mit einem ehrfurchtsvollen Erstaunen, und er fühlte sich mitten in dem geheimnisvollen Schaffen der Naturgeister, die er fürchtete und durch die Kunst seines Handwerks, soweit dessen Vorschrift reichte, doch beherrschen konnte. Es war demnach in der Ordnung, daß die Münzer eine geschlossene Korporation bildeten mit Meistern, Gesellen und Lehrlingen, und daß sie eifersüchtig auf ihre Privilegien hielten. Wer des Heiligen Römischen Reiches Münze prägen wollte, mußte zuerst seine freie eheliche Geburt erweisen, vier Jahre niedrige Dienste tun, in dieser Zeit nach altem Brauch eine Narrenkappe tragen, sich für Unrecht und Ungeschick streichen und strafen lassen; dann erst wurde er zur Münzarbeit selbst zugelassen und als Münzgesell des Reiches in die Brüderschaft aufgenommen.

Aber diese strenge Ordnung, welche von Kaiser Maximilian II. noch im Jahre 1571 den Münzgesellen bestätigt wurde, vermochte schon damals nicht zu bewirken, daß in der Korporation ehrlich und fromm gearbeitet wurde. Ebensowenig bewirkten dies die Kontrollbestimmungen, welche auf Reichstagen und durch die Landesherren gefaßt wurden. Dem Münzmeister sollte zur Aufsicht bei jeder Münze ein Wardein zur Seite gestellt werden, welcher Feingehalt und Gewicht der geschlagenen Münzen zu prüfen hatte. Die zehn Kreise des Reiches sollten jährlich Approbationstage halten, um ihre Münzen gegenseitig zu vergleichen und die schlechten zu devalvieren; jedem Kreise sollte ein Generalwardein vorstehen; für jeden Kreis ward eine bestimmte Anzahl von Münzstätten festgesetzt, in welchen namentlich die kleineren Landesherren ihr Geld ausprägen sollten. Aber alle diese Bestimmungen wurden nur unvollkommen ausgeführt.

Es gab zuverlässige Landesherren und treue Münzbeamte auch damals im Lande; aber ihre Anzahl war gering, und häufig war das Verhältnis des Münzmeisters, welcher von einem deutschen Kreise für tüchtig befunden war und in einer gesetzlichen Münze arbeitete, doch eine Tätigkeit voll befremdlicher Praktiken. Die Kontrolle war bei dem unvollkommenen Münzverfahren schwierig, die Versuchung groß, die Moralität im allgemeinen viel niedriger als jetzt. Vom Landesherrn bis zum Handlanger und dem jüdischen Lieferanten herab betrog beim Münzen jeder den andern. Der Landesherr ließ den Münzmeister eine Reihe von Jahren arbeiten und reich werden, er ließ vielleicht stillschweigend geschehen, daß die Landesmünze zu leicht ausgebracht wurde, um in der rechten Stunde dem Schuldigen den Prozeß zu machen. Dann wurde diesem wie einem Schwamm durch einen Druck alles ausgepreßt, was er in vielen Jahren tropfenweis aufgesogen hatte. Es half ihm auch nicht, wenn er den Dienst längst quittiert hatte, die habsüchtige Gerechtigkeit wußte nach vielen Jahren noch an ihn zu kommen. Der Münzmeister aber, welcher nicht in der bequemen Lage des Löwen war, durch einen einzigen Schlag mit der Tatze seine Beute zu sichern, pflegte in unaufhörlicher Industrie seinen Münzherrn, die Lieferanten, ja sogar seinen Kassierer, die Gesellen und Jungen zu bevorteilen, vom Publikum ganz zu schweigen. Nicht besser machten es die andern genannten Helfer. Jedes Hand war gegen die des andern, und der Fluch, welcher nach der Sage auf dem Gold der deutschen Zwerge liegt, schien im 17. Jahrhundert noch alle die zu verderben, welche die glänzenden Metalle in Geld verwandelten. – Das gewöhnliche Geschäftsverfahren war folgendes:

Der Münzmeister kaufte das Metall ein, bestritt die Kosten des Prägens und zahlte für jede Mark Kölnisch, welche er schlug, dem Landesherrn noch einen Schlagschatz, welcher, wie es scheint, für gewöhnlich vier gute Groschen betrug. Er mußte aber das feine Silber teuer bezahlen, die Löhne und die Zutaten stiegen fortwährend im Preise. Da half er sich. Wenn er dem Münzherrn wöchentlich für 1000–2000 Mark den Schlagschatz zahlte, so verschwieg er ihm 50 Mark, die er außerdem geprägt hatte, und behielt den Schlagschatz derselben für sich; er prägte ferner scharf, d. h. er machte das Geld am Silbergehalt um einen halben Gramm schlechter als es sein sollte (was gesetzlich noch erlaubt war), er schlug je 100 Mark am Gewicht um etwa vier Lot zu leicht, was von niemand gemerkt wurde, und wenn er wußte, daß das Geld sogleich in entfernte Gegenden, besonders nach Polen verführt werden sollte, so brach er am Gewicht noch dreister ab. Nicht sauberer war der Verkehr mit den Lieferanten, welche ihm das Metall herbeischafften. Durch ganz Deutschland zog sich damals ein heimlicher Handel, der vom Gesetz hart verpönt und von den städtischen Torwächtern mit vielem Spürsinn verfolgt wurde, der Handel mit gemünztem Metall und mit eingeschmolzenem Geld. Was der Soldat an Beute gewonnen, was der Dieb aus der Kirche gestohlen hatte, wurde von den Hehlern zu flachen Kuchen oder kegelförmigen Massen verschmolzen, welche in der Kunstsprache »Plantschen« und »Könige« hießen: was dem Geld durch Beschneiden abgekippt war und was sonst unter falschem Namen vorsichtig versandt werden mußte, das wurde aus dem Schmelztiegel über nasse Besenreiser gegossen und so granuliert. Außerdem aber wurde von unermüdlichen Aufkäufern das gutgeprägte Geld gegen schlechteres eingetauscht; kleine Wechsler, meist wandernde Juden, zogen von Dorf zu Dorf, bis weit über die Grenzen des Deutschen Reiches und sammelten, ähnlich wie jetzt die Lumpensammler, ihre Ware von dem Landmann, dem Kriegsknecht, dem Bettler. Aller Herren Angesicht, alle Wappen und Umschriften, Roß und Mann, Löwe, Schaf und Bär, Taler und Heller, die Heiligen von Köln und Trier und die Denkmünzen des Ketzers Luther wurden für die Münzen zusammengekauft, getauscht, gesammelt. Die heimliche Ware wurde dann in Fässer mit Ingwer, Pfeffer, Weinstein gepackt, als Bleiweiß verzollt, in Tuchballen und Rauchwerk geschlagen. Es gab Reisewagen mit doppeltem Boden, welche besonders zu solchem Transport eingerichtet waren. Noch besserer Schutz war als Reisegefährte ein Geistlicher, für den allerbesten galt ein Trompeter, welcher dem Händler den Anschein eines fürstlichen Kuriers gab. Traf sich's, daß ein vornehmer Herr nach derselben Gegend reiste, so war es am bequemsten, diesen zu bestechen, denn er und sein Gefolge, ihre Wagen und Pferde wurden an den Stadttoren nicht untersucht. Oder der Agent verkleidete sich selbst in einen vornehmen Herrn oder Soldaten und ließ die Last durch die Reitpferde oder seine Knechte fortschaffen. Zuweilen mußte der Münzmeister unter dem Vorwand eines Besuches bei guten Freunden dem Agenten bis an die Grenze entgegenfahren; dann gingen fern von Menschenwohnungen auf einsamer Heide oder in einer Waldeslichtung die kostbaren Waren auf Kaufmanns Parole aus einer Hand in die andere.

Unterdes trug der kleine jüdische Händler seinen Ledersack mit alten Groschen bei Nacht auf Seitenwegen über die Grenze, in zwiefacher Furcht, vor den Räubern und vor den Hütern des Gesetzes. Der lederne Sack, sein breitkrämpiger Hut und der gelbe Tuchring am Rock, das Abzeichen des Juden im Reich, wurden am häufigsten in der Münze gesehen. Und es bestand zwischen dem Händler und dem Münzmeister ein vertrauliches Geschäftsverhältnis: der Münzmeister erlaubte zuweilen dem Juden, das Bruchsilber im versiegelten Ledersack in die Schmelztiegel zu werfen, damit nicht gestohlenes Gut an das Tageslicht komme. Aber allerdings war auch diese Vertraulichkeit nicht ohne Hintergedanken. Denn dem Juden begegnete wohl, daß sich unter 100 Mark, die er in Talern lieferte, eine Mark falscher Taler mischte, oder daß ihm die Säcke mitsamt den Münzen unterwegs naß geworden waren, was ihrer Schwere einige Lot zusetzte, oder daß ihm zwischen granuliertes Silber feiner weißer Uhrensand kam, der doch mitwog. Dafür entschädigte sich der Münzmeister, indem er die Waagschalen so zu hängen wußte, daß die eine Seite des Balkens kürzer wurde, oder indem er durch Heraufschnellen und langsames Herunterlassen der Waagschalen trotz dem lotrechten Stand des Züngleins die Ware um einige Lot leichter machte, oder er fälschte gar die Gewichte. Und was der Meister nicht tat, das wagten die Münzjungen. Wenn der Lieferant noch so vorsichtig war, sie wußten ihm unter die Schmelzproben des bereits abgewogenen Silbers Kupferstaub zu mischen, um die Probe schlechter zu machen, als sie wirklich war. In solcher Weise war der Verkehr auch bei den Münzstätten, welche auf das Gesetz noch Rücksicht nahmen.

Außer den approbierten Münzern aber gab es in den meisten der zehn Kreise noch andere von leichterem Gewissen und kühnerer Tätigkeit. Nicht geradezu Falschmünzer in unserem Sinne, obgleich auch dergleichen Privatindustrie mit großer Rücksichtslosigkeit betrieben wurde. Es waren Münzer im Dienst eines Kreisstandes, welcher das Recht zu prägen hatte; dieser Standesherren und Städte waren aber zurzeit sehr viele, und allen lag ihr Münzrecht am Herzen, weil es Einnahme brachte. Deshalb wurde von ihnen auch gegen die Reichsbeschlüsse, welche die Pflicht auferlegten, das Geld in einer approbierten Kreismünze prägen zu lassen, auf ihrem eigenen Territorium kräftig gemünzt. Zuweilen verpachteten sie ihr Münzrecht gegen eine Jahresrente, ja sie verkauften ihre Münzstätte an andere Herren, sogar an Spekulanten. Dergleichen unregelmäßige Prägstellen wurden »Heckenmünzen« genannt. Und in ihnen fand eine systematische Korruption des Geldes statt. Nach der Berechtigung des Münzers wurde nicht gefragt; wer mit Feuer und Eisen umzugehen wußte, verdang sich zu solchem Werk. Auf den vorgeschriebenen Feingehalt und das Gewicht des Geldes ward wenig Rücksicht genommen, es ward mit falschen Stempeln geprägt und auf leichte Münzen Bild des Landesherrn und Jahreszahl aus einer bessern Zeit geschlagen, ja es wurden in wirklicher Falschmünzerei die Stempel fremder Münzen nachgestochen. Den neugeprägten Münzen ward dann durch Weinstein oder Lotwasser der neue Glanz genommen. Alles unter dem Schutz des Landesherrn. Das Vertreiben des so geprägten Geldes erforderte alle Schlauheit und Vorsicht der Agenten, und es bildete sich hier eine Industrie, bei welcher, wie sich vermuten läßt, viele Zwischenträger beschäftigt waren. Auf Reichstagen und Kreisversammlungen hatte man seit 70 Jahren gegen die Heckenmünzen donnernde Dekrete erlassen, aber ohne Erfolg. Ja, seit Einführung des guten Reichsgeldes waren sie häufiger und arbeitsamer geworden, denn seit der Zeit lohnte ihre Arbeit besser.

So war es schon vor dem Jahre 1618. Die kleinen wie die großen Landesherren brauchten Geld und wieder Geld. Da fingen einige Reichsfürsten an – die Braunschweiger waren leider unter den ersten – die Arbeiten der verrufensten Heckenmünzer zu übertreffen. Sie ließen statt von Silber in einer schlechten Mischung von Silber und Kupfer schwere und leichte Landesmünze schlagen. Bald wurde versilbertes Kupfer daraus. Zuletzt schlug man z. B. in Leipzig das kleine Geld gar nicht mehr von Kupfer, das man höher verwerten konnte, sondern die Stadt gab statt dessen eckiges Blech mit einem Stempel aus. Wie die Pest griff diese Entdeckung, Geld ohne große Kosten zu machen, um sich. Aus den beiden sächsischen Kreisen verbreitete sie sich nach den rheinischen und süddeutschen. Hundert neue Münzen wurden errichtet. Wo ein verfallener Turm für Schmiede und Blasebalg fest genug schien, wo Holz zum Brennen vollauf und eine Straße war, das gute Geld zur Münze und schlechtes hinauszufahren, da nistete sich eine Bande Münzer ein. Kurfürsten und Herren, geistliche Stifter und Städte wetteiferten miteinander, aus Kupfer Geld zu machen. Auch das Volk wurde angesteckt. Seit Jahrhunderten hatten Goldmacherkunst und Schatzgräberei die Phantasie des Volkes beschäftigt, jetzt schien die glückliche Zeit gekommen, wo jeder Fischtiegel sich auf des Münzers Waage in Silber verwandeln konnte. Es begann ein tolles Geldmachen. Daß reines Silber und altes Silbergeld im kaufmännischen Verkehr auffallend und unaufhörlich teurer wurden, so daß endlich für einen alten Silbergulden vier, fünf und mehr Gulden gezahlt werden mußten, und daß die Preise der Waren und Lebensmittel langsam höher stiegen, das kümmerte die Menge nicht, solange das neue Geld, dessen Produktion sich ja ins unendliche vermehren ließ, immer noch willig genommen wurde. Die Nation, ohnedies aufgeregt, geriet zuletzt in einen wilden Taumel. Überall schien Gelegenheit, ohne Arbeit reich zu werden. Alle Welt legte sich auf Geldhandel. Der Kaufmann machte Geldgeschäfte mit dem Handwerker, der Handwerker mit dem Bauern. Ein allgemeines Umherlungern, Schachern, Übervorteilen riß ein. Der moderne Schwindel mit Aktien und Börsenpapieren gibt nur eine schwache Vorstellung von dem Treiben damaliger Zeit. Wer Schulden hatte, jetzt eilte er sie zu bezahlen. Wem der gefällige Münzer einen alten Braukessel in Geld umschlug, der konnte dafür Haus und Acker kaufenDas neue Geld war fast lauter Kupfer, nur gesotten und weiß gemacht, das hielt etwa acht Tage, dann wurde es zunderrot. Da wurden die Blasen, Kessel, Röhren, Rinnen und was sonst von Kupfer war, ausgehoben, in die Münzen getragen und zu Gelde gemacht. Ein ehrlicher Mann durfte sich nicht mehr getrauen, jemanden zu beherbergen, denn er mußte Sorge tragen, der Gast breche ihm in der Nacht die Ofenblase aus und laufe ihm davon. Wo eine Kirche ein altes kupfernes Taufbecken hatte, das mußte fort zur Münze und half ihm keine Heiligkeit, es verkauften's, die darin getauft waren. Müller »Chronika von Sangerhausen«, S. 10.. Wer Gehälter, Sold und Löhne auszuzahlen hatte, der fand es sehr bequem, die Summen in weißgesottenem Kupfer hinzuzahlen. In den Städten wurde nur noch wenig gearbeitet und nur um sehr hohes Geld. Denn wer einige alte Taler, Goldgulden oder anderes gutes Reichsgeld als Notpfennig in der Truhe liegen hatte – wie damals fast jedermann –, der holte seinen Vorrat heraus und setzte ihn vergnügt in das neue Geld um, da der alte Taler, merkwürdigerweise vier-, ja sechs- und zehnmal soviel zu gelten schien als früher. Das war eine lustige Zeit. Wenn Wein und Bier auch teurer waren als sonst, sie waren es doch nicht in demselben Verhältnis wie das alte Silbergeld. Ein Teil des Gewinnes wurde im Wirtshaus verjubelt. Auch geneigt zu geben war man in solcher Zeit. Die sächsischen Stände bewilligten auf dem Landtag zu Torgau mit Leichtigkeit einen hohen Zuschlag zur Landsteuer, war doch Geld überall im Überfluß zu haben! Auch zum Schuldenmachen war man sehr bereit, denn überall wurde Geld zu günstigen Bedingungen angeboten, und überall konnte man Geschäfte damit machen. Deshalb wurden von allen Seiten große Verpflichtungen übernommen. – So trieb das Volk in starker Strömung zum Verderben.

Aber es kam die Gegenströmung, zuerst leise, dann immer stärker. Zuerst klagten alle die, welche von festem Gehalt ihr Leben bestreiten mußten, am lautesten die Pfarrgeistlichen, am schmerzlichsten die Schullehrer, die armen Kalmäuser. Wer sonst von 200 Gulden gutem Reichsgeld ehrlich gelebt hatte, der bekam jetzt 200 Gulden leichtes Geld, und wenn auch, wie allerdings oft geschah, die Gehälter um einiges, bis zum vierten Teil, erhöht wurden, er konnte selbst mit dem Zuschuß nicht die Hälfte, ja bald nicht den vierten Teil der notwendigsten Ausgaben bestreiten. Die geistlichen Herren schlugen wegen dieses unerhörten Falles in der Bibel nach, fanden darin einen unverkennbaren Widerwillen gegen alle Heckenmünzerei und begannen gegen das leichte Geld von den Kanzeln zu predigen. Die Schullehrer auf den Dörfern hungerten, solange es gehen wollte, dann entliefen sie und vermehrten den Troß der Vagabunden, Bettler, Soldaten. Die Dienstboten wurden zunächst aufsätzig. Der Lohn von durchschnittlich zehn Gulden aufs Jahr reichte ihnen jetzt kaum hin, ihre Schuhe zu bezahlen. In allen Häusern gab es Gezänk mit der Brotherrschaft. Knechte und Mägde entliefen, die Knechte ließen sich anwerben, die Mägde versuchten es auf eigene Hand. Unterdes verlor sich die Jugend von den Schulen und Universitäten. Wenige bürgerliche Eltern waren damals so wohlhabend, daß sie ihre Söhne in der Studienzeit ganz aus eigenen Mitteln erhalten konnten. Dafür gab es eine Menge Stipendien, seit Jahrhunderten hatten fromme Leute den armen Studenten Geld gestiftet. Der Wert der Stipendien schwand dem Schüler jetzt plötzlich dahin, sein Kredit in der fremden Stadt war bald erschöpft, vielen Studierenden wurde die Existenz unmöglich, sie verfielen der Armseligkeit und den Versuchungen der blutigen Zeit. Noch kann man in mehreren Selbstbiographien ehrbarer Theologen lesen, welche Not sie damals ertragen mußten. Dem einen wurde zur Rettung, daß er in Jena alle Tage für vier Pfennig Semmel auf das Kerbholz seines Magisters schneiden durfte, ein anderer vermochte durch Stundengeben in der Woche 18 Batzen zu erwerben, die er aber sämtlich für trockenes Brot ausgeben mußte.

Die Unzufriedenheit griff weiter. Zunächst die Kapitalisten, welche ihr Geld ausgeliehen hatten und von den Zinsen (damals in Mitteldeutschland fünf, selten sechs Prozent) lebten. Sie waren vor kurzem als wohlhabende Leute viel beneidet worden, jetzt reichten ihre Einnahmen vielleicht kaum hin, ihr Leben zu erhalten. Sie hatten 1000 gute Reichstaler ausgeliehen, und jetzt zählte ihnen der Schuldner eilig 1000 Taler in neuem Geld auf den Tisch. Sie forderten ihr gutes altes Geld zurück, zankten und klagten vor Gericht; aber was sie zurückerhalten hatten, trug des Landesherrn Bild und das alte Wertzeichen, es war gesetzlich geprägtes Geld, und der Schuldner konnte sich mit Recht darauf berufen, daß auch er solches Geld in Kapital, Zinsen und für Arbeit empfangen hatte. So entstanden zahllose Prozesse, und die Juristen kamen in arge Verlegenheit. Endlich gerieten die Städte, die Landesherren selbst in Bestürzung. Sie hatten gern das neue Geld ausgegeben, und viele von ihnen hatten es maßlos gemünzt. Jetzt aber bekamen sie bei allen Steuern und Abgaben auch nur schlechtes Geld wieder ein, für 100 Pfund Silber jetzt 100 Pfund versilbertes Kupfer, während auch für sie alles teurer geworden war und ein Teil ihrer Ausgaben durchaus in gutem Silber gemacht werden mußte. Da versuchten die Regierungen, sich durch neue Unredlichkeiten zu helfen. Sie hatten erst das gute Reichsgeld durch einen Zwangskurs niederzuhalten gesucht, jetzt setzten sie plötzlich den Wert ihres eigenen Geldes herauf, wieder mit Zwangskurs und Strafdrohung für alle, die ihm weniger Wert gönnen würden. Aber das falsche Geld sank doch unaufhaltsam unter den verordneten Wert. Da verboten einzelne Regierungen ihr eigenes Landesgeld, das sie eben erst gemünzt hatten, für Steuern und Abgaben. Sie selbst weigerten sich wiederzunehmen, was sie in den letzten Jahren geprägt hatten. Jetzt erst merkte das Volk die ganze Gefahr seiner Lage. Ein allgemeiner Sturm gegen das neue Geld brach los. Es sank auch im Tagesverkehr bis auf ein Zehntel seines nominellen Wertes. Die neuen Heckenmünzen wurden als Nester des Teufels verschrien, die Münzer und ihre Agenten, die Geldwechsler und wer sonst aus dem Geldhandel Geschäft gemacht, wurden Gegenstände des allgemeinen Abscheus. Damals wurde in Deutschland für sie die Volksbezeichnung »Kipper und Wipper« allgemein. Die Wörter kamen von den Niedersachsen: kippen sowohl auf der Geldwaage betrügerisch wiegen als auch Geld beschneiden, und wippen das schwere Geld von der Waagschale werfen. Man sang Spottlieder auf sie. In dem Ruf der Wachtel glaubte man ihren Namen zu hören, und der Pöbel schrie »kippediwipp« hinter ihnen her, wie »hepp« hinter den Juden. An vielen Orten rottete sich das Volk zusammen und stürmte ihre Wohnungen. Noch lange Jahre nachher, nach allen Schrecken des langen Krieges galt es für eine besondere Schande, wenn einer in der Kipperzeit zu Geld gekommen war. Überall entstanden Unordnungen, Tumulte; die Bäcker wollten nicht mehr backen, ihre Läden wurden zerschlagen; die Fleischer wollten zur vorgeschriebenen Taxe nicht mehr schlachten; Bergleute, Studenten, Soldaten tobten in wildem Aufruhr; die Stadtgemeinden versanken in Schulden bis zum Bankerott, z. B. das wohlhabende Leipzig. Aller Handel und Verkehr hörte auf, das alte Gefüge der bürgerlichen Gesellschaft krachte und drohte auseinanderzubrechen. Die kleine Literatur trieb und steigerte die Stimmung und wurde selbst durch den wachsenden Unwillen gehoben. Die Gassenlieder begannen, die fliegenden Bilderbogen folgten. Die Kipper wurden unermüdlich abkonterfeit, mit Höllenflammen an Haupt und Füßen, auf einer unsicheren Kugel stehend, von zahlreichen, düsteren Emblemen umgeben, worunter der Strick und lauernde Raben nicht fehlten, oder in ihrer Münzstätte, Geld einsammelnd und ausfahrend, ihnen gegenüber die betende Armut; die verschiedenen Stände wurden abgeschildert, wie sie den Geldwechslern ihren sauren Verdienst aufzählen, Soldaten, Bürger, Witwen und Waisen; der Höllenrachen wies sich geöffnet, und die Wechsler wurden durch einige Teufel emsig hineingeschleppt, alles im Zeitgeschmack mit allegorischen Figuren und lateinischen Devisen verziert und durch zornige deutsche Verse für jedermann verständlich gemacht.

Wie im Volk erhob sich der gewaltige Sturm unter den Gelehrten. Die Pfarrgeistlichen schrien und verdammten laut, nicht nur von der Kanzel, auch durch Flugschriften. Eine Broschürenliteratur begann, welche anschwoll wie ein Meer. Einer der ersten, welche gegen das neue Geld schrieben, war W. Andreas Lampe, Pfarrer zu Halle. In einer kräftigen Abhandlung: »Von der letzten Brut und Frucht des Teufels, Leipzig 1621«, bewies er mit zahlreichen Zitaten aus dem Alten und Neuen Testament, daß alle Handwerke und Berufsarten durch göttliche Anordnung in die Welt gekommen seien, sogar die Scharfrichter, die Kipper aber durch den Teufel, worauf er mit guten Strichen das Unheil welches sie angerichtet charakterisierte. Er hatte noch harte Anfechtungen zu erdulden, und wie loyal er auch die Obrigkeit schonte, es wurde ihm doch mit Klagen gedroht, so daß er für gut fand, ein rechtfertigendes Urteil des Schöppenstuhles zu Halle zu erwerben. Bald aber folgten ihm zahlreiche Amtsbrüder. Die Streitschriften dieser geistlichen Herren erscheinen uns unbehilflich; man tut gut, sie mit Achtung durchzusehen, denn die protestantische Geistlichkeit vertrat immer noch die Bildung und Redlichkeit des Volkes. Im Jahre 1621 freilich waren die Herren nicht gewöhnt, irdisches Behagen zu entbehren, und die Rücksicht auf ihr eigenes Wohlbefinden hatte einen reichlichen Anteil an dem Feuer, mit welchem sie die Kipperei verfolgten.

Die Prediger exorzisierten den bösen Feind, die theologischen Fakultäten ließen bald das schwere Geschütz ihrer lateinischen Gründe folgen, und wie grimmig Priesterhaß sei, zeigte z. B. das Konsistorium zu Wittenberg, als es den Kippern den Genuß des Abendmahls und ehrliches Begräbnis versagen wollte. Endlich kamen auch die Juristen mit ihren Fragen, Informationen, ausführlichen Münzbedenken und Rekapitulationen. Die Antworten, welche sie in dicken Broschüren gaben, waren fast immer sehr weitschweifig und ihre Argumente nicht selten spitzfindig; aber sie waren doch dringend nötig geworden, denn der Streit über Mein und Dein, zwischen Gläubiger und Schuldner schien unabsehbar, und unzählige Rechtshändel drohten die Leiden des Volkes ins unerträgliche zu verlängern. Ob, wer schweres Geld ausgeliehen, Kapital und Zinsen in leichtem Geld zurücknehmen müsse, und wieder, ob einer, der leichtes Geld ausgeliehen, die Rückzahlung der vollen Kapitalsumme in schwerem Geld beanspruchen dürfe, das war am häufigsten Gegenstand der Untersuchung. Es muß hier bemerkt werden, daß in vielen Fällen, wo das Gesetz und der Scharfsinn streitender Juristen nicht ausreichten, ein gutes Billigkeitsgefühl, welches im Volk lebte, den Streit beendigte. Denn damals, wo die Regierungen im allgemeinen schlecht und auch das gewissenhafte Recht sehr umständlich und kostspielig war, mußte der praktische Sinn den einzelnen über vieles weghelfen. Ein kleines Flugblatt, worin erzählt wird, wie sich in einem bestimmten Fall der gesunde Menschenverstand des Dorfschulzen zu Justiz geholfen hatte, hat sicher nicht weniger genützt als eine massive, halb lateinische halb deutsche »informatio«.

In der papiernen Flut, welche uns von der damaligen Aufregung Kunde gibt, sind es einzelne Bogen, an denen unser Interesse am meisten haftet, die Äußerungen gebildeter und welterfahrener Männer, welche in populärer Form kurz und wirksam zu sagen wissen, worauf es ankommt. Aus verschiedenen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges sind uns einzelne solcher Flugschriften erhalten, in denen wir noch heute entweder Energie des Charakters oder Kraft der Sprache oder echt staatsmännische Einsicht zu bewundern haben. Vergebens fragen wir nach dem Namen der Verfasser. Hier sei nur an eine solche Schrift erinnert. Ihr Titel ist: »Expurgatio oder Ehrenrettung der armen Kipper und Wipper, gestellt durch Kniphardum Wipperium. 1622. Fragfurt.«

Der Verfasser hat den wackeren Lampe zum Gegenstand seines Angriffs gewählt; der vorsichtige Eifer des sächsischen Geistlichen, dessen vornehme Kollegen selbst in dem Ruf standen, Kipper zu sein (z. B. der berüchtigte Hofprediger Hoe, der böse Geist des Kurfürsten), hatte die Entrüstung eines stärkeren Geistes hervorgerufen. Es ist ein männliches Urteil und eine sehr berechtigte demokratische Stimmung, welche aus den starken Ausdrücken dieser Schrift zu uns redet. Was ihr eigentlicher Inhalt sei, mag man nach folgenden Stellen beurteilen:

»Ich habe noch keinen einzigen Pfennig, geschweige gröbere Münze gesehen, worauf der Kipper und Wipper Namen, Wappen oder Gepräge stände, noch viel weniger wird man als Umschrift den neuen Wachtelgesang ›Kippediwipp‹ darauf finden. Sondern man sieht darauf wohl ein sonst bekanntes Gepräge oder Bild und wird der Kipper oder Wipper nicht mit dem geringsten Buchstaben gedacht.«

»Kann aber der Herr Magister die Sache noch nicht recht verstehen, so frage er doch, wer die alten Kessel am teuersten eingekauft hat, damit die Münzen befördert würden; wenn das geschieht, wird der Herr Magister in Wahrheit erfahren, wer das kupferne und blecherne Geld geprägt hat. Denn wahrlich, so mancher alte Kessel, worin so mancher gute Grütz- oder Hirsebrei gemacht ist, auch so manche gute alte Pfanne, worin so viel gutes Bier und so mancher schöne Trunk Breihahn gekocht wurde, ist verschmolzen und vermünzet worden, und dieses ist nicht von den gemeinen Kippern, sondern von den Erzkippern geschehen. Denn die anderen haben keine Regalia zu münzen, und ob sie gleich als die Spür- und Jagdhunde solches aufgespürt und aufgetrieben, so haben sie es doch nur auf Befehl andern abgejagt und sind also nicht in so schwerer Verdammnis als diejenigen (sie mögen heißen wie sie wollen), so die Regalia vom Reich haben und dieselben zum merklichen Schaden deutschen Landes mißbrauchen.« –

»Keiner will in jetziger Zeit der Katze die Schelle anhängen oder wie Johannes dem Herodes die Wahrheit sagen. Aber auf die armen Schelme, die Kipper und Wipper, schimpft jedermann, während diese doch bei solchem Wechselgeschäft nichts aus eigener Macht tun, sondern, was sie tun, geschieht alles mit Wissen, Willen und Beifall der Obrigkeit. Und leider bekommen sie in jetziger Zeit viel Konkurrenten. Denn sobald jemand einen Pfennig oder Groschen bekommt, der ein wenig besser ist als ein anderer, so will er sogleich damit wuchern. Deshalb geht es auch so her, wie die Erfahrung zeigt: die Ärzte verlassen ihre Kranken und denken viel mehr an den Wucher als an Hippokrates und Galenus; die Juristen vergessen ihre Akten, hängen ihre Praxis an die Wand, nehmen die Wucherei zur Hand und lassen über Bartholus und Baldus lesen, wer da will. Dasselbe tun auch andere Gelehrte, studieren mehr Arithmetik als Rhetorik und Philosophie; die Kaufleute, Krämer und andere Handelsleute treiben jetziger Zeit ihr größtes Gewerbe mit der kurzen Ware, die mit dem Münzstempel bezeichnet ist.« –

»Aus diesem ist nun zu ersehen, daß zwar die ›ungehangenen, diebischen, eidvergessenen, ehrlosen‹ Kipper und Wipper nicht ganz zu entschuldigen, aber doch auch nicht in so großer Verdammnis sind, als wenn sie eben causa principalis von dem Verderben des deutschen Landes wären. Leider habe ich allerdings große Sorge, wenn's einmal an ein Teufelholen oder Aufhenken gehen wird, so werden die Kipper und Wipper, Wechsler und Wucherer, Juden und Judengenossen, Helfer und Helfershelfer ein Dieb mit dem andern zum Teufel hinschlendern oder miteinander zugleich auf gehenkt werden wie jener Wirt mit seinen Gesellen. Doch mit einem Unterschied. Denn es behalten ihre Prinzipale und Patrone billig die Prärogative und Präeminenz, wie denn etliche davon allbereits dahin vorausgesandt sind. Die andern werden in kurzem auch an den vorbestimmten Ort folgen, und es hilft alsdann nichts, man mache ihnen carmina oder crimina Verhöre oder Lobgedichte zu dieser Hinnenfahrt – facilis descensus Averni –, sie werden den Weg wohl finden und bedürfen kein Glück dazu, der Teufel wird sie kuppeln all an einen Strick, und wären die Schelme noch so dick. Fiat

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß den Landesherren von mehreren Seiten eine ähnliche Auffassung ihrer sozialen Aussichten im Jenseits zu Ohren kam. Jedenfalls erkannten auch sie, daß nur die schleunigste Hilfe retten könnte. Es gab aber keine andere Hilfe als die Herabsetzung und die eiligste Einziehung der neuen Münzen und eine Rückkehr zu den alten guten Reichsmünzen. Die Fürsten und Städte verriefen also in der ersten Sorge ihr neues Geld, benutzten diese Dekrete, um ihren – nicht eben alten – Abscheu vor schlechter Münze auszusprechen, und ließen wieder ehrlich mit dem soliden Schrot und Korn prägen, die das Reichsgesetz vorschrieb. Und um der maßlosen Teuerung zu steuern, beeilten sie sich, Tarife der Waren und Löhne bekanntzumachen, worin die höchsten erlaubten Preise festgesetzt wurden. Es versteht sich, daß dies letztere Heilmittel auf die Dauer so wenig nützen konnte als das berühmte Edikt Diokletians 1300 Jahre vorher. Allein für den Augenblick half der Zwang, welchen es z. B. den städtischen Wochenmärkten, den Tagearbeitern wie den Innungen antat, doch dazu, die ausgetretenen Fluten in das alte Bett zurückzuführen.

Und jetzt folgte dem Taumel, dem Schrecken, der Wut eine trostlose Ernüchterung. Die Menschen sahen einander an wie nach einer großen Pest. Wer sicher auf seinem Reichtum gesessen hatte, war heruntergekommen. Mancher schlechte Abenteurer ritt jetzt als vornehmer Herr in Samt und Seide. Im ganzen war das Volk viel ärmer geworden. Es war lange kein großer Krieg gewesen, und viele Millionen in Silber und Gold, die Ersparnisse der kleinen Leute, hatten sich in Dorf und Stadt vom Vater auf den Sohn vererbt; dieses Sparbüchsengeld war in der bösen Zeit zum größten Teil verschwunden, es war verjubelt, für Tand ausgegeben, zuletzt für Lebensmittel zugesetzt. Aber nicht dies war das größte Unheil, ein größeres war, daß in dieser Zeit Bürger und Landmann gewaltsam aus dem Gleise ihrer redlichen Tagesarbeit herausgerissen wurden. Leichtsinn, abenteuerndes Wesen und ein ruchloser Egoismus griffen um sich. Die zerstörenden Gewalten des Krieges hatten einen ihrer bösen Geister vorausgesandt, das feste Gefüge der bürgerlichen Gesellschaft zu lockern und ein friedliches, arbeitsames und ehrliches Volk zu gewöhnen an das Heer von Leiden und Verbrechen, welches kurz darauf über Deutschland hereinbrach.

Die Jahre 1621–23 hießen fortan die Zeit der Kipper und Wipper. Die Verwirrung, die Aufregung, die Händel und die Flugschriftenliteratur dauerten bis in das Jahr 1625. – Die Lehre, welche sich die Fürsten aus den Folgen ihres frevelhaften Tuns ziehen konnten, hielt gegenüber spätern Versuchungen nicht stand. Es schien noch am Ende des 17. Jahrhunderts unmöglich, den Heckenmünzen und der immer wieder eintretenden Verschlechterung des Geldes gründlich abzuhelfen. – [...]

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