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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 33
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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Fast aus jedem Kirchdorf kann man Erinnerungen an die Leiden, die Ergebenheit und Ausdauer seiner Pfarrer zusammentragen. [...] Unter den biographischen Aufzeichnungen protestantischer Pfarrer ist eine der lehrreichsten die des Franken Martin Bötzinger. Sowohl das Dorfleben zur Zeit des Krieges als auch die Verwilderung der Menschen wird aus seiner Erzählung zum Erschrecken deutlich. Bötzinger war kein großer Charakter, und die kläglichen Schicksale, welche er zu ertragen hatte, haben ihn nicht stärker gemacht. Ja, man wird ihm das Prädikat eines recht armen Teufels schwerlich versagen. Dabei besaß er aber zwei Eigenschaften, welche ihn für uns wertvoll machen: eine unzerstörbare Lebenskraft, welche mit nicht geringem Leichtsinn verbunden war, und jenes verzweifelte deutsche Behagen, das auch der trostlosesten Lage immer noch erträgliche Seiten abzugewinnen weiß. Er war ein Poet. Seine deutschen Verse sind durchaus erbärmlich, aber sie dienten ihm in der schlechtesten Zeit als zierliche Bettelbriefe, durch welche er sich Mitleiden zu verschaffen suchte. So hat er alle Amtleute und Schösser der Parochie Heldburg in einem gewissermaßen epischen Gedicht gefeiert, so die traurigen Verhältnisse von Coburg, wo er eine Zeitlang als Flüchtling verweilte.

Von dem Lebenslauf, welchen er niederschrieb, waren der Anfang und der letzte Teil schon abgerissen, als ihn im Jahre 1730 Krauß seiner Hildburghäusischen Kirchen-, Schul- und Landeshistorie einverleibte. Aus diesem Fragment wird das Folgende treu mitgeteilt. Nur die Reihenfolge der Begebenheiten, welche in seiner Selbstbiographie durcheinanderlaufen, ist hier nach den Jahren geordnet. – Bötzinger war Gymnasiast zu Coburg, während der Kipperzeit Student zu Jena gewesen, wurde 1626 Pfarrer zu Poppenhausen. Im Frühjahr 1627 war der junge Pfarrer im Begriff, Herrn Michael Böhmes, Bürgers und Rats zu Heldburg, einzige Tochter namens Ursula zu freien.

Als nun Anno 1627, Dienstag nach Jubilate, alle Präparatoria dazu gemacht waren, kamen an ebensolchem Tag 8000 Mann sachsen-lauenburgisch Volk nebst dem Fürsten selbst vor Heldburg, schlugen ein Feldlager auf dem Samen, verderbten in acht Tagen die Stadt und das Amt dermaßen, daß weder Kalb noch Lamm, weder Bier noch Wein mehr zu bekommen war. Es wurde aus allen Ämtern Proviant zugeführet und konnten dennoch kaum die fürstlichen Offiziere und Beamten unter ihnen aushalten. Wurden wegen Kälte so einfiel, in die Stadt und Dorfschaften etliche Tage eingelegt. Da bin ich zu Poppenhausen im Pfarrhaus das erstemal geplündert worden. Denn ich hatte nicht allein nichts verwahret, sondern vielmehr zugeschickt, als wenn ich einen ehrlichen Gast oder Offizier herbergen wollte. Kam um mein Weißzeug, Bettgerät, Hemden usw. Denn ich wußte noch nicht, daß die Soldaten Mauser sind und alles mitnehmen. Es mußte der Landesfürst, Herzog Kasimir, selber nach Heldburg reisen, er stellte dem Lauenburger ein fürstliches Bankett an, schenkte ihm etliche stattliche Rosse und 8000 Taler, damit er ihn nur hinwegbrächte. Nach diesem Unglück fand sich allenthalben der Segen Gottes wieder ein zur Verwunderung. Denn die Wintersaat war wegen der Hütten, Quartiere und Feuer, deren viel tausend zu sehen waren, in Grund weg, viel tausend Hütten, viel hundert Schock Stroh und anderes waren da beisammen, sie machten mehr eine Wüste als Acker aus. Gleichwohl wuchs aus diesen gebrannten Hüttenstätten und Gruben so eine dicke Saat, daß in demselben Jahr ein Überfluß an Winterfrucht war. Miraculum! – So gewann meine Hochzeit ihren Fortgang am Dienstag nach Exaudi und ward gehalten auf dem Rathaus. –

Fünf Jahre lang war ein ruhiger Stand im Lande bis Anno 1632, außer daß mancher kaiserliche Zug zu zwei, drei und mehr Regimentern hin- und herzog, die im Amt Heldburg auch oft Quartier nahmen und ausmergelten. Ich hatte zu Poppenhausen keine Not. Wollte wünschen, daß ich's jetzo so gut hätte, als ich's vorm Krieg gehabt. Da aber das Feuer des Krieges wollte ankommen, reformierten die benachbarten Bischöfe stark, schickten Jesuiten und Mönche mit Diplomatibus ins Land, repetierten die geistlichen Güter und Klöster. Die Fürsten hatten ihre Defensioner hin und wieder, welche bisweilen im benachbarten Papsttum mauseten und dort die Hornissen aufstöberten. Ein jeder Verständige konnte wohl merken, die Sache würde ärger werden. Es flüchteten auch die Edelleute, ihrer Pfarrer, Vögte usw. das Ihrige in unsere Städtlein und Dörfer, hofften sicherer zu sein als in ihren Orten.

Anno 1631 Michaelis kam König Gustavus aus Schweden plötzlich über den Wald, als wenn er flöge. Königshofen und viel andere Orte bekam er ein, und es ging sehr bunt daher. Unsere vom Adel warben dem König Volk, welches im Mausen und Rauben just so arg war als die Feinde. Sonderlich nahmen sie den benachbarten Katholischen ihre Kühe, Pferde, Schweine, Schafe und trieben sie gen Heldburg, da war ein Gekauf, eine Kuh für einen Dukaten, ein Schwein für einen Taler. Und oft liefen die Papisten her und sahen, wie und wer ihr Vieh kaufte, sie lösten es auch selber oft wieder ein. Es wurde ihnen aber so oft genommen, daß sie des Lösens müde wurden, und waren die armen benachbarten Papisten übel dran. Wir allhier zu Poppenhausen verwahrten ihnen aus Nachbarschaft ihr bißchen Habe in Kirche und Häusern, soweit es helfen wollte. Da sich aber Anno 1632 das Blatt wandte, und die drei Generäle, Friedländer (Walleinstein), Tilly und Bayerfürst Coburg und das Land einnahmen, halfen die benachbarten Papisten rauben und brennen, und fanden wir bei ihnen keine Treue noch Sicherheit.

Als man am Abend vor Michaelis die große Kartaune von Coburg hörte, als Losungsschuß, daß der Feind ankäme und sich jeder in acht nähme, zog ich mit all denen, so ich etliche Wochen geherbergt, nach Heldburg, wohin ich schon mein Weib und Kind geschickt hatte. Die Stadt hielt ihre Wache, meinte nicht, daß es so übel würde daher gehen. Bürgermeister und etliche des Rates rissen aus, mein seliger Schwiegervater war Verwalter über Pulver, Blei und Lunten, daß er der Wache ihre Notdurft austeilte, er mußte wohl in der Stadt bleiben. Ich hatte mit Weib und Kindern Lust aus der Stadt zu ziehen, er aber wollte mich nicht, viel weniger seine Tochter aus der Stadt lassen, hieß uns zu Haus bleiben; er hatte einen ziemlichen Beutel mit Talern gefüllt, damit gedachte er sich im Unfall loszumachen. Aber es war der Mittag am Fest Michaelis noch nicht heran, da präsentierten sich 14 Reiter, man meinte, es wären Herzog Bernhards Völker, aber es war sehr weit gefehlt. Diese mußte man nun einlassen ohne allen Dank. Ihnen folgten bald etliche Fußgänger, welche zum Anfang alles durchsuchten und schlugen und schossen, wer nicht parieren wollte. Mitten auf dem Markt hatte einer von diesen vierzehn meinen Schwiegervater mit einem Pistol vor den Kopf geschlagen, daß er wie ein Ochs niedergefallen. Der Reiter ist abgestiegen, hat ihm die Hosen visitiert, und haben unsere Bürger, so auf dem Rathaus gewesen, gesehen, daß der Dieb einen großen Klumpen Geld herausgezogen. Als dem Schwiegervater die Betäubung von dem Schlag vergangen und er aufgestanden war, mußte er mit in das Sternenwirtshaus, wo sie zwar zu essen fanden, aber nichts zu saufen; da sprach er, er wolle heim und zu trinken bringen. Weil sie nun gedachten, er möchte ihnen ausreißen, nahmen sie das Zinn und Essen alles mit und kamen in mein Haus. Es währte nicht lange, so forderte einer Geld; da er sich nun entschuldigte, stach ihn der Tropf mit seinem eigenen Brotmesser in Gegenwart meines und seines Weibes, daß er zu Boden sank. Hilf Gott! wie schrie mein Weib und Kind. Ich stak in des Baders Haus über dem Ställchen im Stroh, sprang herab und wagte mich unter sie. Wunder war, daß sie mich in der Harzkappe nicht fingen. Ich nahm meinen Schwiegervater, der da wie ein Trunkener taumelte, und trug ihn in die Badestube, daß er verbunden würde. Ich mußte zusehen, daß einer eurer Mutter die Schuh und Kleider auszog, und dich, Sohn Michael, auf den Armen trug. Hiermit räumten sie das Haus und die Gasse. Ich wagte mich weiter, ging durch des Baders Höflein in meines Schwähers Kammer, trug Kissen und Betten hinüber, worauf wir ihn legten. Noch weiter mußte ich's wagen, ich ging in den Keller, darin sein Bruder, Herr Georg Böhme, Pfarrer zu Lindenau, in drei Stückfässern zwei Fuder guten Wein liegen hatte, ich sollte für den Schwiegervater einen Labetrunk holen; aber die Fässer waren oben so fleißig und dicht zugemacht, daß, wenn ich gleich den Zapfen herausholte, doch nichts herauslaufen wollte, ich mußte gar lange vor dem Zapfen mit großer Gefahr stehen, ehe ich einen Löffel voll bekam. Kaum war ich hinüber, so kommt ein Schelm in die Badstube, wirft den Kranken vom Bett und sucht alles aus. Ich hatte mich kaum verkrochen unter die Schwitzbank, wo ich wohl zu schwitzen bekam, denn am vorigen Tage war Badetag gewesen.

Weil nun in der Stadt ein Metzeln und ein Niederschießen stattfand, auch niemand sicher war, kamen in einer Stunde unterschiedliche Bürger, wollten sich verbinden lassen. Da gab mein Schwiegervater zu, daß ich ein Loch suchte und aus der Stadt käme, mein Weib und Kinder aber wollte er nicht mit mir lassen. Also ging ich auf die Schloßgärten zu und kam an der Höhe hinter das Schloß, daß ich gen Holzhausen und Gellershausen zu sehen konnte, ob's sicher wäre. Da fanden sich Bürger und Weiber zu mir, an mir einen Trost zu haben und mit mir zu reisen. Ich kam also über den Hundshanger Teich ins Holz und wollte auf den Strauchhahn zu. Als wir nun bei den Heideäckern waren, ritten acht Reiter, es waren Kroaten, oben auf der Höhe. Da sie uns gewahr wurden, errannten sie uns eilends. Zwei Bürger, Kührlein und Brehme, entkamen, ich mußte am meisten aushalten. Sie zogen mich aus, Schuhe, Strümpfe und Hosen, und ließen mir nur die Kappe. Mit den Hosen gab ich ihnen meinen Beutel mit Geld, den ich vor drei Stunden hinten in die Hosen gesteckt und so vor den ersten Mausern erhalten hatte. Die Not war so groß, daß ich nicht an meinen Beutel dachte, bis ich ihn das letzte Mal sah. Sie forderten tausend Taler, danach fünfhundert, endlich hundert für mein Leben, ich sollte mit in ihr Quartier und mußte barfuß eine Stunde lang mitlaufen. Endlich wurden sie gewahr, daß ich ein Pap oder Pfaff wäre, welches ich auch gestand; da hieben sie mit ihren Säbeln auf mich hinein, ohne Diskretion, und ich hielt meine Arme und Hände entgegen, habe durch Gottes Schutz nur eine kleine Wunde unten an der Faust bekommen. Etliche gaben den Rat mich zu entmannen, der Obrist aber, ein stattlicher Mann, wollte es nicht zugeben.

Unterdessen wurden sie einen Bauer gewahr, welcher sich in den Büschen besser verkriechen wollte. Es war der reiche Kaspar von Gellershausen, auf solchen ritten sie alle zu, und blieb nur einer bei mir, welcher ein geborener Schwede und gefangen war. Dieser sagte zu mir: »Pape, Pape, leff, leff, du müst sonst sterfen.« Item, er wäre gut schwedisch. Ich faßte Vertrauen zu dem Rat und bat ihn, wenn ich liefe, sollte er mir zum Schein nachreiten, als wenn er mich einholen wollte. Und also geschah es, daß ich den Kroaten entkam. [...]

Also saß ich, bis es Nacht wurde, stand auf und ging immer dem dicken Gebüsch nach, so kam ich heraus, daß ich gen Seidenstadt hinaussehen konnte. Ich schlich mich ins Dorf, und weil ich Hunde bellen hörte, hoffte ich Leute zu Haus anzutreffen, aber da war niemand, ich ging deswegen in einen Stadel und wollte mich zu Nacht auf dem Heu behelfen. Da schickt Gott, daß die Nachbarn, die im Strauchhahn sich verkrochen gehabt, eben hinter diesem Stadel zusammenkommen und beraten, wo sie sich wieder sammeln und wo sie hingehen wollen. Das konnt' ich deutlich hören, stieg deswegen herab und ging auf das Haus zu; da war der Bauer gerade hinein, hatte ein Licht angezündet, stand im Keller und rahmte die Milch ab, die er essen wollte. Ich stand oben am Loch, redete ihn an und grüßte ihn, er sah auf und sah den untern Teil des Leibes, nämlich das Hemd und nackte Beine, und oben schwarz. Er erschrak sehr, als ich ihm aber sagte, daß ich Pfarrer zu Poppenhausen und von Soldaten ausgezogen wäre, trug er die Milch herauf, und ich bat ihn, daß er mir bei seiner Nachbarschaft von Kleidern etwas zuwege brächte, ich wollte mit ihnen, wohin sie auch gehen würden. Er ging aus, unterdessen machte ich mich über seinen Milchtopf und leerte ihn ganz aus. Es hat mir mein Lebtag keine Milch so wohl geschmeckt. Er kam nebst andern wieder und brachte mir einer ein Paar alte lederne Hosen, die von Wagenteer sehr übel rochen, ein anderer ein Paar alte Riemenschuhe, ein anderer zwei Strümpfe, einen grünen und einen weißen wollenen. Diese Livree schickte sich weder für einen Reisenden, noch für einen Pfarrer. Dennoch nahm ich's mit Dank an, konnte aber in den Schuhen nicht gehen, denn sie waren hart gefroren. Die Strumpfsohlen waren zerrissen, und ich ging also mit ihnen mehr barfuß als beschuht gen Hildburghausen. Wenn wir uns umsahen, so sahen wir, wie es im Itzgrund an vielen Orten lichterloh aufbrannte. Damals ging auch Ummerstadt, Rodach, Eisfeld, Heldburg im Feuer zugrunde.

Ich machte mit meiner Ankunft einen solchen Spektakel, Schrecken und Furcht zu Hildburghausen, daß sich niemand – da doch viel tausend Fremde dahin gekommen waren – sicher wußte, obgleich die Stadt starke Wache hielt. Mir aber war nur die Sorge, wie ich ein ehrliches Kleid, Strümpfe, Schuhe usw. bekommen möchte, ehe wir von da ausrissen. Ging deswegen unbeschuht zu Herrn Bürgermeister Paul Waltz, zum Diakonus usw., und bat, mir etwas zu schenken, damit ich mich ehrlich bedecken möchte. Herr Waltz schenkte mir einen alten Hut, der war fast eine Elle hoch, deformierte mich mehr als etwas anderes; gleichwohl setzte ich ihn auf. Herr Schnetters Eidam, jetzt Diakonus zu Römhild, schenkte mir ein Paar Hosen, die über den Knien zugingen, die waren noch gut, Herr Dressel ein Paar schwarze Strümpfe, der Kirchner ein Paar Schuhe. Also war ich staffiert, daß ich ohne Scham unter so viel tausend fremden Leuten, die in der Stadt Sicherheit suchten, und unter den Bürgern mich durfte sehen lassen. Der Hut aber deformierte mich gar sehr, drum trachtete ich auf Gelegenheit, wie ich einen andern überkommen möchte. Es trug sich aber zu, daß das ganze Ministerium, Schulkollegen und Rat sich heimlich vereinigt hatten, daß sie ohne Wissen der gemeinen Bürgerschaft nachts neun Uhr die Tore wollten öffnen lassen und davongehen mit Weib und Kind. Dies erfuhr ich, ging deswegen in des Herrn Stadtschreibers Behausung, wo die Herren sich alle versammelten; niemand aber wollte meiner achten, noch mich kennen. Ich setzte mich allein über einen Tisch im Finstern, da wurde ich gewahr, wie ein fein ehrbarer Hut am Nagel hing. Ich dachte, wenn dieser bei ihrem Aufbruch hängen bliebe, so wäre es mir gut. Geht doch ohnedies alles zugrunde nach dem Abzug. Und was ich wünschte und gedachte, das geriet mir. Es ging an ein Scheiden, Heulen und Valedizieren, ich legte den Kopf auf den Tisch wie ein Schlafender. Als nun fast jedermann im Abziehen war, hängte ich den langen Störcher an die Wand, tat einen Tausch und ging mit den anderen Herren hinaus in die Gasse.

Da war diese Verabredung unter den Leuten offenbar geworden. Und unzählig viele Leute saßen mit ihren Paketen auf der Gasse, auch viele, viele Wagen und Karren waren angespannt, die alle, als das Tor aufging, mit fortwanderten. Als wir ins freie Feld kamen, sahen wir, daß die guten Leutchen sich in alle Straßen verteilten. Da wurden viel tausend Windlichter gesehen, diese hatten Laternen, diese Strohschauben, andere Pechfackeln. In Summa etliche tausend Leute zogen in Traurigkeit fort. Ich und mein Haufe kamen um zwölf Uhr Mitternacht gen Themar, welche Stadt sich mit uns auch aufmachte, so daß wir abermals etliche hundert mehr wurden. Der Marsch ging auf Schwarzig, Steinbach zu, und als wir gegen Morgen in ein Dorf kamen, da wurden die Leute erschreckt, daß sie Haus und Hof auch zurückließen und mit uns fortzogen. Wir waren etwa eine Stunde in der Herberge gewesen, so kam schon Post, daß die Kroaten diesen Morgen wären zu Themar eingefallen, hätten die Fuhrmannsgüter oder Geleit aufgehauen, geplündert, dem Bürgermeister den Kopf aufgespalten, die Kirche ausgeplündert, auch die Orgelpfeifen auf den Markt herausgetragen usw. Da war's hohe Zeit, daß wir gewichen waren. Hildburghausen aber hat sich danach mit einer großen Summe Geldes und seinen Kelchen ranzionieren müssen, sonst wäre die Stadt auch eingeäschert worden wie andere Städte. Auf dieser Wanderschaft bekam ich auch ein Paar Handschuh, Messer und Scheide verehrt.

Das währte etwa fünf oder sechs Tage, da kam die Post, die Feinde wären von Coburg aufgebrochen. Jetzt konnte ich nicht länger bleiben. Ich lief geschwind auf Römhild zu, wo mein Herr Gevatter Cremer Amtsschreiber war. Mußte Herrn Amtmann referieren, wie mir's gegangen. Nur dieses Städtlein blieb ungeplündert. Herr Amtmann ließ Feuer unter sie geben, und Gott erhielt durch des Amtmanns Vorsicht dies Städtlein. Unterdes wurde Römhild ganz voll Exulanten, die teils bekannt, teils unbekannt waren. Ich achtete aber damals keiner Gesellschaft, überlief viele hundert Menschen und kam als erster nach Heldburg zurück, gerade da man die Erschlagenen auf einem Karren auf den Gottesacker führte. Als ich solches sah, ging ich auf den Gottesacker und fand siebzehn Personen in einem Grab liegen, darunter waren drei Ratspersonen, eine mein Schwiegervater, der Kantor, etliche Bürger, der Hofmeister, Landknecht und Stadtknecht. Waren alle greulich zugerichtet. Nach diesem ging ich in meiner Schwiegerin Haus, da fand ich sie krank und vom Rädeln, Zwicken mit Pistolschrauben so übel zugerichtet, daß sie mir kaum Rede geben konnte. Sie gab sich darein, sie müßte auch sterben. Darum befahl sie, ich solle mein Weib und Kinder, welche der Feind mitgenommen, suchen lassen. Es waren aber die Kinder, du, Michel, anderthalb und deine älteste Schwester fünf Jahre alt. Gern hätte ich zu Heldburg etwas gegessen, es war aber weder zu essen noch zu trinken da. Laufe deswegen hungrig und erschrocken auf Poppenhausen zu, dort nicht allein mich zu erquicken, sondern auch Boten zu schaffen, die mein Weib und Kinder suchten und auslösten. Aber da erfahre ich, daß auch Poppenhäuser Kinder wären weggenommen worden, daß der Marsch auf viele Straßen gegangen, dazu ein Bote Leibes und Lebens unsicher wäre. Unterdessen bereiteten meine Pfarrkinder zu Poppenhausen eine Kuh, welche den Kriegsleuten entlaufen war, diese erwartete ich mit hungrigem Magen. Da aßen wir Fleisch genug ohne Salz und Brot. Über die Mahlzeit kam mir Post, mein Weib wäre gekommen, welches auch wahr und also zugegangen war. Sie war von etlichen Musketieren mitsamt ihren zwei Kindern mitgenommen worden bis Altenhausen, dort war sie aus Furcht der Ehre mit zwei Kindern über die Brücke ins Wasser gesprungen. Da war sie nun von den Soldaten selbst wieder herausgezogen und mit ins Dorf gebracht worden, wo sie in der Küche die Abendmahlzeit zuschicken helfen mußte. Unterdes kommt ein Haufe anderer Soldaten, die höher und mehr waren, und trieben diese aus dem Quartier. Da bekommt mein Weib Gelegenheit zu entlaufen. Dreht sich aus und läßt die zwei Kinder im Haus unter den Soldaten. Eine arme Bettelfrau führt sie durch heimliche Winkel aus dem Dorf und bringt sie ins Holz in eine alte Spelunke, darin sie die Nacht und den andern Tag bis gegen Abend verbleibt. Diesen Tag brach das Volk aus allen Quartieren auf, also machte sich meine Frau auf und kam gesund und in Ehren zu mir, daß wir alle froh waren und Gott dankten. –

Wie es aber zu Heldburg unterdes mit Mord, Brand usw. hergegangen, will ich auch melden. Die Stadt Heldburg hatte Defensioner und Ausschuß, und es war dekretiert, wenn Truppen vom Feind ankämen, die Stadt zu defendieren. Denn man hoffte immer, Herzog Bernhards Völker sollten nicht weit sein und das Land entsetzen. Als nun die Stadt angezündet ward, eilt mein Herr Schwiegervater mit vielen anderen Bürgern und Bürgersleuten aus der Stadt und kommt mit meinem Weib und zwei Kindern in der Nacht nach Poppenhausen; mein Weib richtet ihm ein recht Krankenbettlein zu. Denn es war von Edelleuten und Vögten mein Pfarrhaus mit allerlei Hausgerät in der Flucht vollgestopft. Und obgleich Mauser darin gewesen, war doch noch genug da. Des Tags darauf kommt ein ganzer Haufe Reiter ins Pfarrhaus, examinieren die Meinigen, lassen sie aber passieren, weil ein Beschädigter dalag, bestellen die Nachtmahlzeit, ziehen fort aufs Beuten, kommen gegen Abend und bringen allerlei Raub. Da muß man sieden und braten, es helfen auch die benachbarten Weiberlein weidlich dazu. Da die Reiter aber aufbrechen, raten sie meinem Schwiegervater, er solle nicht wohl trauen, dieser Lärm werde noch acht Tage dauern, und weil die Straße daherginge, möchte er und seine Tochter Gewalt erfahren, drum sollte er, weil die nächsten Dörfer papistisch wären, sich in ein anderes Dorf machen. Das tut mein Schwiegervater und geht bei Nacht und Nebel gen Gleichmuthausen, Sicherheit zu haben; aber die gottlosen Nachbarn bringen ein Geschrei aus, daß die Reiter die lutherischen Leute verbrennen und erschlagen wollten. Sie taten's aber zu ihrem Vorteil, denn die Papisten liefen mit den Reitern in unsere Dörfer und Häuser, stahlen gerade so sehr als andere. Da wollte mein Schwiegervater auch dort nicht länger verbleiben, er ging mit den Seinigen ins Einöder Holz und blieb da Tag und Nacht. Machte sich danach hervor, daß er auf die Heldburger Straße gegen Einöd sehen konnte. Als er nun eines Tages niemand sonderliches auf der Straße weder fahren noch reiten sah und auch das kleine Glöcklein hörte – so man pflegt zu läuten, wenn man Kinder tauft – gedachte er, es wäre so, schleicht der Stadt näher zu und sieht den ganzen Weg nichts Hinderliches. Sobald er aber in die Stadt kommt, wird ihm nachgelauscht, wo er einkehre. Da kommt ein ganzer Haufe vom Troß und führt ihn und mein Weib und die Schwiegerin in Herrn Gockels Haus. Ach, da war ein Bankettieren und Gesaufe! Als er nun angestrengt wird Geld zu geben und allerlei vorwendet, haben sie ihm mit Talglichtern seine Augen, Bart und Maul scheußlich geschmiert und versengt, mein Weib aber unverschämt in der Stube vor jedermann wollen notzüchtigen, welches aber so sehr schrie, daß ihre Mutter mit Gewalt in die Stube sprang, und sie durch die Stubentür, welche zwar zu, aber in welcher das untere Feld mit Leisten künstlich eingemacht und zerbrochen war, hinausschlüpfte. Da hat sich der Koch über sie erbarmt und sie aus dem Haus geführt, und als ihm mein Weib etliche Dukaten, welche sie acht Tage lang vorn im Überschlag an ihrem Ärmel erhalten, gegeben, hat er meinen Schwiegervater, aber übel zugerichtet, ihr zugestellt. Also sind sie mehr tot als lebendig aus der Stadt gegangen, und weil er der Mattigkeit halber nicht weiterkommen mögen, ins Siechenhaus. Da hielten sich nicht allein die armen siechen Leute auf, sondern auch viele ehrbare Bürger und Weiber, in Hoffnung, an diesem Ort sicherer zu sein. Aber weit gefehlt. Obgleich mein Schwiegervater dem Tode nahe auf ein Bett gelegt worden, und jedermann sah, wie blutig und übel er zugerichtet war, dennoch ist er hin und her geschleppt und ohne Zweifel von losen Leuten verraten worden, daß er ein Reicher wäre. Meine Schwieger hat man gerädelt, mein Weib und Kinder in die Stadt gefangen geführt, sie hat den Soldaten Hemden machen sollen. Als sie nun auf dem Kirchhof sitzt, und ihr einer ein Stück Leinwand bringt, sie soll's zerschneiden, spricht er zu seinen Kameraden: »Geh hin, mache den Bauer (meinen Schwiegervater meinend) vollends tot.« Dieser geht hin, kommt bald wieder und hat in seinen Armen meines Schwiegervaters Hosen und Wams und spricht zu meiner Frau: »Dein Vater ist fertig.« O Grausamkeit! – Als die Mauser genug aus der Kirche gemaust hatten an Kleidern und weißem Zeug, zogen sie aus der Stadt, und mußte mein Weib mit ihnen, es wäre ihr lieb oder leid. –

Nicht lange danach bekamen sie vor Leipzig und Lützen ihren Lohn dafür, wie an andern Orten zu lesen. Nach diesem zog man allenthalben wieder nach Haus, und fanden sich die Leute wieder. Aber das Schaf- und Rindvieh war alles weg. Ich erhielt mehr nicht als drei Kälber von acht Stück, ohne die achtundvierzig Schafe, die mit der ganzen Herde wegkamen.

Im 1633. Jahre starb und ward begraben Herzog Johann Kasimir eben an dem Tage, da dem Gustav, König in Schweden, in diesem Land seine Leichenpredigt getan ward. War solche Zeit ein sehr großes Rauben und Plündern, auch von Herzog Bernhards Völkern, deren neun Regimenter im Itzgrund lagen, damit man in Sicherheit den fürstlichen Leichnam begraben konnte.

Anno 1634 war es noch viel ärger, und man merkte wohl, daß in kurzem alles drüber und drunter gehen würde. Darum tat ich aus dem Weg, was ich konnte, gen Stelzen zum Pfarrer, meine Betten, zwei Kühe und Kleider usw.; aber es ging im Herbst, nachdem Lamboy sich eingelagert, alles alles an allen Orten darauf, und kostete mich das Winterquartier an 35 Wochen mehr als 500 Gulden, wie ich's dem Hauptmann Krebs liquidieren mußte. Hatte in meinem Hause elf Personen, ohne Troß und Mägde. Es ist nicht zu beschreiben, was ich, mein Weib und Kinder die Zeit über haben leiden und ausstehen müssen. Konnte endlich nicht länger vor ihnen sicher sein, machte mich krank aus dem Staube, kam nach Mitwitz und Mupperg, wo ich ebensowenig Ruhe hatte als zu Heldburg. Sonderlich quälte mich meine Stiefmutter (sie ist vom Donner erschlagen worden), sie konnte mich nicht sehen in meinem Exil bei meinem alten Vater. Mußte mich nach Neustadt machen zu Herrn Rektor M. Val. Hoffmann, jetzigem Superintendenten. Aber ich war nicht allein sehr arm, sondern auch täglich kränker, weswegen ich nur gedachte, wie ich wieder gen Poppenhausen oder Heldburg käme und da stürbe. Denn ich war meines Lebens ganz müde.

Wunderlich kam ich in Finsternis und Nacht durch die Wege und Dörfer, da es noch allenthalben unsicher war, und endlich nach Poppenhausen. Da waren meine armen Pfarrkinder und Schulmeister ja so froh, als wenn unser Herrgott gekommen wäre. Es war aber solch große Mattigkeit und Mangel, daß wir den toten Leuten ähnlicher sahen als den lebendigen. Viele lagen schon aus Hunger danieder und mußten gleichwohl alle Tage etliche Male Fersengeld geben und uns verstecken. Und obgleich wir unsere Linsen, Wicken und arme Speise in die Gräber und alten Särge, ja unter die Totenköpfe versteckten, wurde es uns doch alles genommen. –

Damals mußten die noch lebendigen Leute von Haus und Hof gehen oder Hungers sterben. Wie denn zu Poppenhausen die meisten begraben wurden. Es blieben etwa noch acht oder neun Seelen, die Anno 1636 vollends daraufgingen oder entwichen. Dieselbe Gelegenheit hatte es auch mit Lindenau, welche Pfarre mir 1636 vikariatsweise vom Fürstlichen Konsistorium anbefohlen war. Ich konnte keine Einkünfte genießen. Äpfel, Birnen, Kraut und Rüben war meine Besoldung. So bin ich von Anno 1636–1641 auch der Lindenauer Pfarrer gewesen. Ich ließ zwar die Pfarre zurichten, konnte aber wegen Unsicherheit und Plagerei nicht beständig drunten wohnen und verrichtete die labores von Heldburg aus. Mein Zeugnis von den Lindenauern ist noch vorhanden, worin sie bekennen, daß ich in fünf Jahren nicht zehn Gulden an Geld bekommen habe, sie haben mir aber seither den Rest mit Holz und Äpfeln richtiggemacht.

Als Anno 1640 zwischen Ostern und Pfingsten die kaiserlichen und die schwedischen Armeen zu Saalfeld ein Feldlager schlugen, wurde Franken und Thüringen nah und fern verderbet. Am Sonntag Exaudi früh vier Uhr fielen kaiserliche starke Parteien zu Heldburg ein, als die meisten Bürger noch in den Betten ruhten. Meine ganze Gasse oben herein und hinten mein Hof war in Eile voll Pferde und Reiter, nicht anders als wenn ihnen mit Fleiß mein Haus wäre gezeigt worden. Da wurde ich und mein Weib wohl fünfmal in einer Stunde gefangen; wenn ich von einem loskam, nahm mich ein anderer. Da führt' ich sie halt in Kammer und Keller, sie möchten selber suchen, was ihnen dienen könnte. Endlich verließen mich zwar alle und ließen mich allein im Haus, doch war Schrecken, Furcht und Angst so groß, daß ich an meine Barschaft nicht gedachte, welche ich zehnmal hätte können retten, wenn ich mich getraut hätte, damit fortzukommen. Aber es waren alle Häuser und Gassen voll Reiter, und wenn ich meinen Mammon zu mir gefasset, hätte geschehen können, daß ich's einem zugetragen hätte. Aber ich dachte vor Angst an kein Geld. Es ließen sich Männer und Weiber durch die Gil de Hasischen Reiter, so bei uns im Quartier lagen, hinauskonvoyieren. Da kam ich wieder zu Weib und Kindern, wir begaben uns ins nächste Holz gen Hellingen, da blieb alt und jung, Geistliche und Weltliche Tag und Nacht. Der meisten Leute Speise waren schwarze Wacholderbeeren. Nun wagten es etliche Bürger, gingen in die Stadt, kamen und brachten essende Ware und sonst, was ihnen lieb gewesen. Ich dachte: ach! wenn du auch könntest in dein Haus kommen und die baren Pfennige ertappen und damit dich und deine Kinder könntest fortbringen. Ich wagte es, schlich hinein und ging durchs Spitteltor aufs Mühltor zu, welches mit Palisaden vermacht war. Da hatte inwendig ein und der andere auf der Lausche gestanden, die mich Unwissenden erhaschten wie eine Katze eine Maus. Da ward ich mit neuen Stricken gebunden, daß ich mich weder mit Gehen noch Greifen behelfen konnte, sollte entweder Geld geben oder reiche Leute verraten. Mußte den Dieben für ihre Pferde im Herrnhof Futter schwingen, den Pferden zu trinken vorhalten und andere lose Arbeit tun. Da ich mich nun etwas frei zu sein deuchte, lief ich davon, aber unwissend, daß vor dem Hoftor ein ganzer Haufe Soldaten stand, lief ich ihnen also in die Arme. Welche mich mit Degen und Bandelieren sehr wohl abschlugen, mich besser mit Stricken verwahrten und von Haus zu Haus führten, und sollte ihnen sagen, wem dies oder jenes Haus wäre. Also ward ich auch in mein Haus geführt, da sehe ich in der Hausflur den kupfernen Schöpftopf liegen, in welchem meine Barschaft, dreihundert Taler, gewesen und dachte: hättest du das gewußt, daß die Vögel und Füchse weg wären, so wärest du draußen geblieben. Weil ich nun niemand verraten wollte, setzte mir einer meine eigene Kappe, die in meinem Hause auf der Erde lag, auf und hieb mir mit einem Hirschfänger auf den Kopf, daß das Blut zu den Ohren hereinlief, und war kein Loch durch die Haube, denn sie war von Filz. Noch mehr: eben dieser setzte mir aus Mutwillen den Hirschfänger auf den Bauch, wollte probieren, ob ich fest wäre, drückte ziemlich hart auf, dennoch wollte Gott nicht, daß er mir weiter Blut abgewinnen sollte. Zweimal in einer Stunde, nämlich in der Schneiderin Wittich Hof auf dem Mist, zum andernmal in des Wildmeisters Stadel, haben sie mir den Schwedischen Trunk mit Mistjauche gegeben, wodurch meine Zähne fast alle wackelnd geworden. Denn ich wehrte mich, als man mir einen großen Stecken in den Mund steckte, so gut ich Gefangener konnte. Endlich führten sie mich mit Stricken fort und sagten, sie wollten mich aufhängen, brachten mich zum Mühltor hinaus auf die Brücke: da nahm einer von ihnen den Strick, womit beide Füße zusammengezogen waren, der andere den Strick am linken Arm, stießen mich ins Wasser und hielten die Stricke, womit sie mich regierten, auf- und niederzogen. Und weil ich um mich fehdete und Steuerung suchte, erhaschte ich die Rechenstecken, welche aber auf mich zuwichen, und konnte daran keinen Anhalt finden, nur daß durch Gottes Schickung mir ein Loch gemacht wurde, daß ich konnte unter die Brücke schlüpfen. Sooft ich mich wollte anhalten, schlugen sie mich mit gedachten Rechenstecken, daß dieselben entzwei sprangen wie ein Schulbakel. Als sie sich nun nicht allein müde gearbeitet hatten, sondern auch dachten, ich hätte meinen Rest, ich würde im Wasser ersaufen, ließen sie beide Stricke fahren; da wischte ich unter die Brücke wie ein Frosch und konnte mir keiner beikommen. Da suche ich im Hosensack und finde ein Messerlein, so sich zusammenlegen ließ, welches sie nicht hatten haben wollen, ob sie mich schon oft durchsucht. Damit schnitt ich die Stricke an beiden Füßen los und sprang hinunter Stockwerk hoch, wo die Mühlräder liegen. Es ging mir das Wasser über den halben Leib; da warfen die Schelme Stöcke, Ziegelsteine und Prügel hinter mir her, um mir den Rest vollends zu geben. Ich war auch willens, mich ganz hinaus zu arbeiten, gegen des Müllers hintere Tür, konnte aber nicht, entweder weil die Kleider voll Wassers mich zurückdehneten, oder vielmehr, weil Gott solches nicht haben wollte, daß ich sterben sollte. – Denn wie ein trunkener Mann hin und her taumelt, also auch ich, und komme auf die andere Seite gegen den hintern Brauhof. Da sie nun merkten, ich würde im Zwinger aussteigen, laufen sie alle in die Stadt und nehmen mehr Gesellen zu sich, passen unten bei den Gerbhäusern auf, ob ich ihnen kommen würde. Aber als ich dieses merkte, daß ich jetzo alleine war, blieb ich im Wasser liegen und steckte meinen Kopf unter einen dicken Weidenbusch und ruhte im Wasser vier oder fünf Stunden, bis es Nacht und in der Stadt stille wurde; dann kroch ich halbtot heraus, konnte der Schläge wegen fast keinen Atem holen. Ich ging hinab bis an die Gerbhäuser, wurde da gewahr, daß es noch nicht sicher war, daß einer dort Gras mähete, einer Gerberkessel ausriß und wäre schier auf diesen gekommen. Mußte also da stecken bis in die Nacht. Ging dann über die Brunnenröhren, den Wasserfluß immer hinab und kletterte über einen Weidenstamm, daß ich die andere Seite gegen Poppenhausen erreichte.

Als ich an den Poppenhäuser oder Einöder Weg kam, lag's da und dort voll Weißzeug, welches die Soldaten weggeworfen oder verloren hatten. Ich konnte mich nicht bücken, etwas aufzuheben, kam endlich nach Poppenhausen und fand niemand einheimisch denn Klaus Hön, dessen Frau eine Sechswöchnerin war, der mußte mir die Kleider vom Leib schneiden, denn ich war verschwollen, legte die nassen Kleider ab, damit sie trocken wurden. Er mußte mir auch ein Hemd leihen; da besah er mir die Haut, welche ganz bunt von Schlägen war, später wurde mein Rücken und Arme schwarz vom Geblüte. Den andern Tag gebot mir das schöne Pfarrkind auszuziehen, denn er fürchtete sich, man möchte mir nachstellen und er meinetwegen in Unglück kommen. Also zog ich die nassen Kleider mit seiner Hilfe an und ging fein sachte auf Lindenau zu, immer durch die dicksten Büsche und hielt mich jenseits in den Lindenauer Gärten, vor denen ich das Dorf sehen konnte. Wurde endlich gewahr, daß etliche Leute in ein Haus gingen, ging darauf zu, man wollte mich aber nicht einlassen, denn die Furcht war zu groß. Endlich, da sie durch das Fenster sahen, daß ihr Pfarrer kam, kam ich ein und blieb etliche Tage bei ihnen. Denn sie hatten einen im Quartier, der ein Lindenauer Kind war; der half ein wenig. Ich aber hatte da ein neues Unglück. Als der im Quartier liegende mit den Lindenauern nach Schloß Einöd ging, da abzuholen, was sie noch von ihrer Habe fanden, hielt unter der Zeit der Schultheiß, der Schmied und ich auf dem Turm Wache; wir versehen alle drei den Dienst, es kommen etliche Reiter in das Dorf, sehen uns auf dem Turm, gehen stracks auf den Turm und finden uns da beisammen. Als wir nun aus dem ungestümen Auftreten und Sprache merkten, daß es Reiter wären, lernte ich leider steigen, so übel mir war, ich kletterte auf den Glockenstuhl hinauf und legte mich wie ein Kätzchen hinter das Uhrhaus; aber es stieg gleichwohl ein Dieb hinan und fand mich. Meine Pfarrkinder sagten, ich wäre ihr Schulmeister, baten für mich, ich wäre schon von den Soldaten übel geschlagen worden. Es half mir aber nichts. Dieser Schulmeister mußte immer mitherabsteigen, und ging der Schultheiß voran, danach ein Reiter, ferner der Schmied, danach ein Reiter, endlich folgte ich zögernd. Als sie nun alle zum Kirchtor hinaus waren, blieb ich drinnen, riegelte das Türlein zu und lief zum andern Tor hinaus und verkroch mich in einer Rübengrube. Hilf Gott! wie wehe geschah mir, daß ich niederbücken und so auf allen vieren eine Stunde liegen mußte. Also kam ich davon. Meine schönen Mitwächter mußten mit in eine Mühle und Säcke mit Mehl auffassen.

Acht Tage vor Pfingsten kam ich mit vielen Bürgern nach Coburg am Sonntag Exaudi. Es hatte mir ein Dieb meine Schuhe ausgezogen und mir alte schlechte dafür gegeben, die ich fast acht Tage trug, es waren beide Sohlen herausgefallen. Wenn es nun bei Tage Ausreißens galt, drehten sich die Schuhe ringsum und stand oft das vorderste zu hinterst. Ich mußte mich oft lassen auslachen. Also kam ich nach Coburg. Nun war mein Martyrium schon vor etlichen Tagen nach Coburg gekommen, auch die Sage, ich wäre totgemacht. Als ich nun selber kam, verwunderten sich Bürger und Bekannte, Dr. Kesler, Generalsuperintendent, item Konsul Körner luden mich die Pfingstfeiertage etlichemal zu Gast, und taten die Coburger mir, Weib und Kindern vier Wochen lang viel Gutes, wie ich solches in einem Druck am Johannistag gerühmet.

Ach, welch ein Jammer und Not ward da gesehen und gehöret, da alle umliegende kleine Städtlein, Eisfeld, Heldburg, Neustadt, samt den Dorfschaften sich in der Stadt elendiglich behelfen mußten. Da war Heischen und Betteln keine Schande. Da wollte ich meinen guten Wirt, Herrn Hoffmann, Apotheker, nicht gar zu sehr beschweren. Ging mit dem Pfarrer zu Walburg, Eisentraut, victum quaerendi gratia drei Wochen in die Welt gen Kulmbach, Bayreuth, Hirschheid, Altorf, Nürnberg und wieder gen Coburg. Da ich nun fand, daß mein Weib und Kinder wieder zu Poppenhausen eingezogen waren und aufs neue Gil de Hasische Reiter hatten, zog ich heim und war weder zu schleißen noch zu beißen um sie. Was mir Gott auf der Reise bescheret, mußte ich aufs Rathaus tragen und den Soldaten geben, und waren die Kinder schier vor Hunger verdorben. Denn sie hatten die Zeit über nicht Kleie genug kaufen können zu Brot. [...]

Soweit reicht, was von der Biographie Bötzingers erhalten ist. – In Heubach endlich erlebte er den Frieden und verwaltete dort noch 26 Jahre sein Amt. Er starb 1673, 74 Jahre alt, nachdem er 47 Jahre ein Leben geführt hatte, dem man das Prädikat »friedlich« nicht geben kann. [...]

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