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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 29
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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Die Fahne tragen war aber nicht nur ein wichtiges Amt, es war auch eine Kunst, welche Kraft, Gewandtheit und lange Übung erforderte. Denn das »Fahnenspiel« war schon vor dem Kriege in ein System gebracht; in den Kriegsjahren und unmittelbar nachher erhielt es weitere Ausbildung; deutscher, italienischer, französischer und spanischer Brauch verbanden sich; es gab Ober- und Unterhiebe, Prassaden, Stockaden, Kavaden, das vollkommene und das verkehrte Rosenbrechen und andere kunstvolle Schwenkungen; ob das Tuch ganz oder halb fliegen, ob es über die Stange laufen oder sich wie Wasserwellen bewegen durfte, alles war vorgeschrieben. Und zu vielen Bewegungen der Fahne gehörten entsprechende Tritte und Bewegungen des Körpers. Im Zirkelschwung drehte der Fähnrich die Fahne um das Haupt, er schwang sie zur rechten und linken Hand, in seinem Rücken, ja nach vorn und hinten durch die Beine; er warf die Stange in die Höhe, schoß, während die Stange in der Luft schwebte, sein Pistol ab oder zog den Degen, fing die Fahne dann wieder auf, schlug das Tuch von hinten um sich, stand majestätisch halb vom Tuch verhüllt, steckte den Degen zierlich wieder ein und machte Reverenz, indem er beide Knie beugte. Diese Bewegungen waren aber nicht allein um der Schönheit willen da, durch sie wurden seit dem Kriege auch die Marschweisen und einzelne Signale kommandiert; Deutscher Marsch, Burgundermarsch, alter Schweizermarsch, denn die Spielleute der Kompanien blickten auf den Fähnrich, sein heroisches Wesen gab ihnen die Zeichen. Bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts war das Exerzieren mit der Fahne eine beliebte Turnübung der adligen Jugend; noch Ludwig XIV. stiftete für den Dauphin einen besonderen Kinderorden vom Pavillon. Seitdem ist die werte Kunst fast verloren, die letzten Traditionen dauern in einigen entschlossenen Bewegungen des modernen Tambourmajors; das »Fahnenspiel« schwindet jetzt selbst im Zirkus der Kunstreiter, unter denen sich diese Technik der Landsknechtheere am längsten erhalten hat.

Das Amt des Reiterfähnrichs war weniger verantwortlich. Frisch in den Feind dringen und nach dem Angriff die Standarte in die Höhe halten, damit sich sein Volk um ihn sammle, das war seine Aufgabe. In den ungarischen Kriegen war zuweilen der Fähnrich im Rang dem Leutnant vorgegangen, und bei einigen Regimentern, z. B. der Wallensteinischen Armee, hatte sich dieser Brauch erhalten.

Der wichtigste Mann der Kompanie nächst dem Hauptmann war der Feldweibel; er war der Drillmeister, der Sprecher für die Kriegsleute, und hatte die Aufstellung des Fähnleins in die Schlachthaufen der kaiserlichen Bataillone und schwedischen Brigaden zu besorgen, die Mannschaften zu ordnen, in die vordersten und hintersten Glieder und an die Ecken die Tüchtigsten und am besten Bewaffneten, hatte die Hellebarden und kurzen Wehren einzumischen, die Schützen anzuhängen und zu führen. Er war der weise Mann der Kompanie, der Recht und Kriegsbrauch seiner Waffen genau kennen mußte.

Da das »Volk«, welches aus nah und fern unter der Fahne zusammenlief, schwer zu bändigen, zum großen Teil unsicher und schlecht in Waffen geübt war, mußte die Zahl der Unteroffiziere sehr groß sein. Gewiß bestand oft mehr als der dritte Teil der Mannschaft aus Chargierten. Wer irgend kriegstüchtig oder ein sicherer Mann war, wurde durch einen Unterbefehl, Vertrauensposten und höheren Sold ausgezeichnet. Unter den zahlreichen Funktionen und mannigfaltigen Namen der Subalternen sind einige besonders charakteristisch. Im Anfang des Krieges hatte noch jede Kompanie nach altem Landsknechtgebrauch ihren »Führer«, der wenigstens ursprünglich von den Soldaten gewählt worden war. Es war der Tribun der Kompanie, ihr Sprecher, welcher ihre Beschwerden und Anliegen dem Hauptmann vorzutragen, das Interesse des Volkes zu vertreten hatte. Es ist leicht begreiflich, daß ein solches Amt die Disziplin der Kompanie nicht kräftigte, es wurde im Kriege beseitigt. Auch das undankbare Amt des Furiers war von größerer Bedeutung als jetzt. Er hatte Trotz und gefürchtete Wucht gegen die Vorwürfe der Soldaten zu setzen, welche über die schlechten Quartiere haderten, die er ihnen angewiesen. Wenn das Fähnlein in ein wüstes Dorf kam, warfen alle Rottenmeister ihre Messer in den Hut des Furiers, dann lief er von Haus zu Haus und steckte die Klingen, wie sie ihm zur Hand kamen, in den Pfosten, und jede Rotte (6–8 Mann) zog dem Messer ihres Meisters nach. Wenn Arme von Adel, Aspiranten für Offizierstellen, eintraten, wurden sie zu den Gefreiten eingeschrieben, deren Zahl oft sehr groß war. Alte anspruchsvolle Landläufer zeichnete das militärische Küchenlatein durch die Titel »Ambesaten«, später »Landspassaten« aus, sie waren Ordonnanzen und Boten, im Sold bevorzugt, Stellvertreter und Gehilfen der Korporale. Im allgemeinen war das Bestreben, jeder Charge einen Stellvertreter beizuordnen; wie der Leutnant dem Hauptmann, stand dem Fähnrich ein Korporal der Gefreiten als Unterfähnrich, dem Feldweibel die Gemeinweibel und für Wachtposten häufig auch bei der Infanterie ein Wachtmeister zur Seite, so den Unteroffizieren die Gefreiten, den Korporalen die Landspassaten, dem Profos der Rumormeister usw.

Die Heere bestanden mit wenigen Ausnahmen aus geworbenen Söldnern. Der Kriegsherr bevollmächtigte durch Patent einen versuchten Führer, für ihn ein Heer, ein Regiment, ein Fähnlein zu werben, dann wurden Werbeplätze gesucht, ein Musterplatz festgesetzt, auf dem sich die Geworbenen sammelten. Wer sich anwerben ließ, erhielt Lauf- oder Werbegeld, das beim Beginn des Krieges unbedeutend war und zuweilen von der Löhnung abgezogen wurde. Im Lauf des Krieges stieg das Werbegeld und blieb dem Soldaten. Auf dem Musterplatz wurde noch im Anfang des Krieges mit jedem Söldner besonders über seine Löhnung verhandelt; der Soldat hatte außer dem Servis in seinem Quartier nichts als den Sold zu erhalten, der um 1600 für die gemeinen Fußsoldaten von 5–16 Gulden auf den Monat betrug. Sie mußten dafür beim Beginn des Krieges in der Regel Waffen, Kleidung und Kost selbst beschaffen, den Besatzungen wurde der Proviant durch die Quartiermeister gegen Vergütung geliefert. Während des großen Krieges aber kam das Handeln um den Sold ab, es ward von dem Kriegsherrn den Soldaten eine gleiche mäßige Löhnung sehr unregelmäßig gezahlt.

Bei den Kaiserlichen betrug der Sold (exklusive Verpflegung) für den Pikenier neun, den Musketier sechs Gulden, bei den Schweden war er noch niedriger, wurde aber im Anfang regelmäßiger gezahlt und für die Verpflegung bessere Sorge getragen. Die gesamte Verpflegung des Heeres wurde durch ein rohes Requisitionssystem den Landschaften aufgebürdet, auch auf befreundetem Territorium. Die Gehalte der Oberoffiziere waren sehr hoch und bildeten doch nur den kleinsten Teil ihrer Einnahme. Während der Dienstzeit wurde die Mannschaft zuweilen durch eine Kontrollbehörde, Musterherren oder Kommissarien des Kriegsfürsten, in die Rollen aufgeschrieben, um zu verhindern, daß nicht Obersten und Hauptleute für eine größere Anzahl Sold bezogen, als sie unter der Fahne beisammen hatten; dann wurden die Entlaufenen apart geschrieben, hinter jedem ein Galgen gemalt. Wer auf freier Musterung aufgenommen war, der wurde, wenn er untüchtig geworden oder eine gute Zeit gedient hatte, ausgemustert, frei erkannt, abgedankt und mit einem Paßbrief oder Freizettel versehen. Auch wer sich mit Urlaub von der Fahne entfernte, erhielt einen Paßzettel. Für die Kleidung sorgte der Soldat nach altem Brauch selbst. Eine Uniformierung fand vor dem Kriege nur ausnahmsweise bei den Trabanten der Leibwache oder wohl auch bei bevorzugten Regimentern statt, z. B. bei den schwer gerüsteten Reitern, denen die Rüstung vom Kriegsherrn geliefert wurde, und zwar gegen Soldabzug oder so, daß der Oberst nach der Kampagne die Armatur zurücknahm. Doch tragen im Anfang des Krieges bereits einzelne, zumal kaiserliche Regimenter gleichfarbige Röcke, die dann vom Soldherrn beschafft wurden, und obgleich diese neue Einrichtung in der Kriegsnot nicht erhalten werden konnte, so wurde doch die Uniformierung Wunsch der Kriegsherren und wahrscheinlich auch Forderung der Soldaten. Nach dem Kriege wenigstens ist bei neugebildeten Heerkörpern Gleichmäßigkeit der Tracht die Regel.

Die Kriegszucht der Deutschen war beim Beginn des Krieges im schlechtesten Ruf. Die deutschen Kriegsleute galten für eitle, turbulente, aufsätzige Renommisten auch bei anderen Nationen. Nicht wenig verdarb der Dienst in halbwilden Ländern, wie damals Ungarn und Polen waren, und gegen einen barbarischen Feind, die Türken. Schon wenn der Sold der einzelnen behandelt wurde, begann die Unzufriedenheit; dem Hauptmann, der die Prätensionen des angeworbenen Söldners nicht befriedigen wollte, warf der Gekränkte die Muskete zornig vor die Füße und entfernte sich mit seinem Laufgeld, es gab kein Mittel, ihn zu halten. War das Fähnlein vereidigt, so fand der Hauptmann nur zu häufig seinen Vorteil darin, das Plündern und die nächtliche Entfernung von der Fahne zu begünstigen, denn er erhielt seinen Anteil am Raub der Soldaten. »Die ärgsten Mausköpfe waren die besten Bienen.«

Tief verhaßt waren stets die Zahlherren gewesen, weil sie in der Regel den Sold unvollständig und in schlechtem Geld zum Regiment brachten; sie und andere Kommissarien des Landesherren waren, wenn sie in das Lager kamen, sogar Mißhandlungen ausgesetzt. Den höheren Befehlshabern wurde das Ärgste nachgesagt, vor allem, daß sie mehr Sold empfangen, als sie den Soldaten ausgezahlt. Noch schlimmer waren die Unterbefehlshaber daran. Nicht selten brach offene Meuterei aus, dann setzten die Empörer Oberst und Hauptleute ab und wählten sich Führer aus ihrer Mitte. Dergleichen geschah öfter in Ungarn. Ja, es ereignete sich noch während des Waffenstillstandes, der dem Westfälischen Frieden vorausging, daß in einem bayrischen Dragonerregiment ein Korporal der Garnison von Hilperstein sich zum Oberst des Regiments ernannte und mit seinem Anhang die Offiziere wegjagte; das Regiment wurde durch kommandierte Völker umringt, der neue Oberst mit 18 ansehnlichen Rebellen gerichtet, dem Regiment die Musketen genommen, es mußte von neuem schwören und wurde als Reiterregiment neu formiert. Gewöhnlicher Grund der Meuterei war Ausbleiben des Soldes. Dann wurden in der höchsten Not Anleihen zu Wucherzinsen gemacht, um die Soldaten zu befriedigen. Im Jahre 1620, dem geld- und kopflosen böhmischen Sommer, meuterte das Regiment des Grafen Thurn. Der ehrliche alte Herr beruhigte durch eine Abschlagszahlung, die er bei den Marketendern entlieh, und weinte darauf bitterlich über die üble Regierung und vieles andere. Zu derselben Zeit meuterte das Regiment des Grafen Mansfeld. Dieser begann seine Zahlung, indem er aus dem Zelt trat und mit eigener Hand zwei Soldaten niederhieb, viele schwer verwundete, worauf er sich zu Pferde setzte, unter die Meuterer sprengte und wieder mehrere erschoß. Er allein mit drei Hauptleuten brach den Trotz von 600 Mann, nachdem er 11 getötet, 26 schwer verwundet hatte. – Wenn für militärischen Befehl noch leidlicher Gehorsam gefunden wurde, während die Fahne flatterte, so kam doch aller Groll zu lautem Ausbruch, sooft die Fahne abgerissen und das Regiment abgedankt wurde. Dann verbargen sich der Profos, der Hurenweibel und die Steckenknechte; Hauptmann, Leutnant und die unteren Befehlshaber mußten Schimpfreden und Herausforderungen ertragen und sich sagen lassen: »Ha, Kerl, du bist mein Befehlshaber gewesen, jetzt bist du nicht ein Haar besser als ich, ein Pfund deiner Haare gilt mir nicht mehr als ein Pfund Baumwolle: heraus, raufe dich mit mir!« So hatten die Befehlshaber bei jeder Strafhandlung die spätere Rache des Missetäters und seiner Freunde zu fürchten. Und wie mit den Offizieren haderten die Entlassenen auch untereinander: dann standen auf einem Platz wohl an die hundert Parteien im Zweikampf, die leichtfertigsten Mordtaten und Totschläge wurden verübt, die sonst nicht erhört waren, solange die Christenheit steht. Denn es war Brauch, daß die Streitenden, während die Fahne wehte, einander die Hände gaben und gelobten, ihren Zwist am Ende der Dienstzeit auszufechten und bis dahin als Brüder in Liebe miteinander zu leben. Bei solcher Abdankung rotteten sich die Leichtfertigen in Haufen zusammen und begannen ein »Harnischwaschen« mit solchen Kameraden, denen die Offiziere während der Dienstzeit Gunst erwiesen hatten, d. h. sie beraubten dieselben, zogen ihnen die Kleider aus, schlugen sie auch wohl gar tot. Und all solcher Frevel wurde geduldet, die machtlosen Oberbefehlshaber hatten sich gewöhnt, dergleichen als Kriegsbrauch ruhig anzusehen.

In den ungarischen Sommerfeldzügen hatten die Kriegsleute gelernt, nur während der Sommermonate bei der Fahne zu bleiben. Sie fanden ihre Rechnung dabei, nicht länger zu dienen und meuterten, wenn ihnen solche Zumutung gestellt wurde; denn im Herbst und Winter zogen sie oft mit zwei, drei, vier Jungen als »Gartbrüder« durch das Land, eine furchtbare Plage für den Landmann im östlichen Deutschland. In den Grenzländern Schlesien, Österreich, Böhmen, Steiermark war sogar durch die Landesherren befohlen, jedem Soldaten, der auf der Garte umherstrich, einen Heller zu geben. So ertrotzten sie täglich einen halben Gulden und mehr, ihre Jungen mausten, wo sie konnten, sie waren berüchtigte Hühnerfänger. Wallhausen berechnet unter lebhaften Klagen, daß die Unterhaltung eines stehenden Heeres den Fürsten und Landschaften weniger kosten und ganz andere Erfolge vor dem Feinde sichern werde als der alte schlechte Brauch.

Mehr als einmal während des langen Krieges wurden die wilden Heere durch den kräftigen Willen eines einzelnen zu straffer Disziplin zusammengezwungen, und jedesmal wurden militärische Erfolge erreicht; nie aber hatte dergleichen Dauer. Die Disziplin des Wallensteinischen Heeres war in rein militärischen Angelegenheiten vortrefflich, dafür war greulich, was der Befehlshaber gegen Bürger und Bauer erlaubte. Auch Gustav Adolfs Genie vermochte kaum länger als ein Jahr die straffe Zucht zu erhalten, welche bei seiner Landung in Pommern die protestantischen Geistlichen häufig und triumphierend verkündet hatten. Zwar die Kriegsknechte und Artikelsbriefe aller Kriegsfürsten enthalten eine Anzahl von gesetzlichen Bestimmungen über die Schonung, welche der Soldat auch in Feindesland gegen Menschen und ihre Habe beobachten soll. Frauen, Kranke, Greise sollen unter allen Umständen verschont, Mühlen, Pflüge nicht beschädigt werden. Aber nicht die Gesetze, sondern ihre Handhabung ist vorzugsweise charakteristisch für Beurteilung einer Zeit.

Die Strafen selbst waren streng. Bei den Schweden Soldabzug für das Hospital oder invalide Soldaten, das hölzerne Pferd, in Eisen gelegt, Gassenlaufen – dazu vermieteten sich harte Gesellen, indem sie das Verbrechen auf sich nahmen –, Verlust der Hand, arkebusiert, gehängt. Und für ganze Truppenteile: Verlust der Fahne, außerhalb des Lagers liegen und dasselbe reinigen und Dezimierung. Beim Beginn des Krieges war den Heeren noch vieles von dem alten Landsknechtgebrauch erhalten, ihr »Malefizgericht«, worin nach deutschem Brauch die Gemeinen durch erwählte Schöffen selbst Recht sprachen. Schon vor dem Kriege war daneben das Standrecht eingeführt worden, ein summarisches Verfahren, bei welchem Schultheiß und Schöffen nicht saßen, und die Offiziere das Urteil in der Hand hatten. Während des Krieges organisierten sich die Militärgerichte in moderner Weise unter Vorsitz des Generalauditors, der Generalgewaltige oder Generalprofos besorgte die Exekutionen. Aber auch bei den Strafen empfindet sich das Heer im Gegensatz zum Bürger und Bauern. Der Soldat wird in Eisen gelegt, nicht in Stock und Gefängnis gesetzt, kein Kriegsmann soll an einem gewöhnlichen Landgalgen oder gemeinen Hochgericht gehängt werden, sondern am Baum oder Quartiergalgen, der in den Städten für die Soldaten auf dem Marktplatz errichtet ward; die alte Formel, womit der Delinquent dem Freimann übergeben wurde, lautete: »Er soll ihn führen zu einem grünen Baum und anknüpfen an seinem besten Hals, daß der Wind unter und über ihm zusammenschlägt, und soll ihn Tag und Sonne anscheinen drei Tage, dann soll er wieder abgelöst und begraben werden, wie Kriegsgebrauch ist.« Der meineidige Überläufer aber wurde an einem dürren Baum gehängt. »Und wer mit dem Schwert gerichtet wird, den soll der Scharfrichter führen auf einen freien Platz, wo am meisten Volk ist, und mit dem Schwert seinen Leib in zwei Stücke schlagen, daß der Leib das größte und der Kopf das kleinste Teil bleibt.« Auch der Profos und seine Gehilfen sind nicht in der Weise unehrlich wie der bürgerliche Scharfrichter; sogar der Steckenknecht, das gemiedene »Klauditchen« des Heeres, welcher häufig aus Übeltätern genommen wurde, denen man die Wahl ließ zwischen dem unehrlichen Amt oder der Strafe, konnte, wenn er sein Amt treulich versehen hatte, bei der Auflösung des Fähnleins ehrlich gemacht werden [...].

Was die Heere des Dreißigjährigen Krieges sehr von den modernen unterscheidet und ihren Einmarsch in eine Landschaft dem Einbruch eines fremden Völkerstammes ähnlich machte, war der Umstand, daß der Soldat trotz der kurzen Dienstzeit im Felde seinen eigenen Haushalt führte und wie ein Handwerksmeister mit Weib und Jungen wirtschaftete. Nicht nur die höheren Offiziere und Hauptleute nahmen ihre Frauen mit ins Feld, auch der Reiter oder Fußknecht fand es angenehm, zuweilen sein angetrautes Weib, häufiger eine hübsche Dirne zu unterhalten. Weiber aus allen Ländern, gestäupte, gebrannte Dirnen zogen dem Kriegshaufen zu, putzten sich nach allen Kräften auf, suchten Zutritt, weil sie einen Mann, Freund oder Vetter im Lager hätten. Bei der Musterung und bei der Abdankung eines Regiments wurden ehrliche Mädchen unter den grausamsten Vorspiegelungen oft von ganzen Rotten entführt, und wenn das Geld verzehrt war, zuweilen ohne Kleider verlassen. Oder sie wurden von einem dem andern um eine Zeche Wein oder um ein paar Taler verkauft. Mit seiner Beischläferin wohnte der Soldat unter dem engen Strohdach des Lagers und im Quartier, das Weib buk, kochte und wusch für ihn, pflegte den Erkrankten, schenkte dem Zechenden ein, duldete seine Schläge und trug auf dem Marsch Kinder, Beutestücke oder Gerätschaften der flüchtigen Wirtschaft, die nicht auf den Bagagewagen geschafft werden konnten. Es ist bekannt, daß der Schwedenkönig bei seiner Ankunft in Deutschland keine Dirnen im Lager duldete. Nach seiner Rückkehr aus Franken scheint auch diese strenge Zucht aufgehört zu haben. So wurde das Heer von einem Haufen Weiber begleitet, in jeder Abstufung des Alters und der Ansprüche, von der Frau oder »Mätresse« des Obersten, einer großen Dame, die mit ihrem Hofstaat unter besonderer Bedeckung reiste und als einflußreiche Person vom Regiment eifrig besprochen wurde, bis zur Dirne eines armen Pikeniers, die, ihr Kind auf dem Rücken, mit wunden Füßen über das Blut der Schlachtfelder laufen mußte, und bis herab zu der Vettel, die aufgegeben hatte, begehrenswert zu erscheinen und durch die lange Gewöhnung an wilde Aufregungen beim Heer festgehalten wurde, wo sie sich durch die schmutzigsten Dienste erhielt. Wer die alten Kirchenakten der Pfarrdörfer durchblättert, der findet zuweilen den Namen einer entführten Dirne, die nach Jahresfrist in ihr Heimatsdorf zurückkehrte und sich strenger Kirchenbuße unterwarf, um unter dem verdorbenen Landvolk ihres Geburtsortes zu sterben. Die meisten verschlang der Krieg in der Ferne. Auch die Weiber des Lagers standen unter dem Kriegsrecht. Für grobe Vergehen wurden sie gestäupt und von den Steckenknechten aus dem Lager gestoßen. Der Soldat, mit dem sie lebten, war ihr harter Herr, für gutes Essen und Trinken wurden sie mächtig übel geschlagen, ehe sie ihr Amt recht gewöhnt wurden, und wenig wurde ihnen gehalten, was ihnen im Anfang versprochen war. In Quartieren, wo viele Weiber zusammen lagen, war schwer Friede zu halten, da übertrug der Soldat seine Gewalt über das Weib dem Rumormeister und dem Weibel, der einen »Vergleicher« von Armlänge in der Hand führte, womit er sie strafte. Dennoch war vielen Soldaten der größte Stolz, eine hübsche Dirne zu haben, und mancher wandte sein alles, Sold und Beute daran, sie zu schmücken und gut zu halten. In solchen Fällen übte sie souveräne Herrschaft über ihn, und wenn der Sold ausblieb und Mangel im Lager ausbrach, stachelte sie ihn zur Meuterei. Wenn aber der rohe Mann seine Dirne arger Vergehen beschuldigte, dann konnte er sie nach scheußlichem Lagerbrauch den Reiterjungen und Troßbuben preisgeben; dann wurde die Elende von der wilden Meute der Menschen und Lagerhunde in den nächsten Busch gehetzt. –

Mit den Weibern zogen die Kinder. Bei den Schweden waren durch Gustav Adolf Feldschulen eingerichtet, in denen die Kleinen auch im Lager unterrichtet wurden. In diesen Wanderschulen herrschte militärische Disziplin, und ein französischer Agent erzählt von der wilden Brut des Krieges, daß sie ihren Vätern beim Kugelregen die Suppe in die Laufgräben trug und in den Lagerschulen nicht von der Bank wich, wenn auch einschlagende Kanonenkugeln drei und vier aus ihrer Mitte niederstreckten.

Der Kriegsmann, welcher nicht Lust oder Ansehen hatte, sich ein Weib zu bewahren, hielt auf einen oder mehrere Buben, ein abgefeimtes hartes Geschlecht von Taugenichtsen, die ihrem Herrn aufwarteten, das Pferd striegelten, zuweilen die Armatur trugen und den zottigen Hund fütterten, behende Spione, welche weit in der Nachbarschaft nach wohlhabenden Leuten und verborgenem Geld umherstreiften. Auch diese Buben in jeder Abstufung von Ansprüchen und Nichtsnutzigkeit, vom Pagen, der hinter dem Feldherrn herritt, bis zu dem kleinen Läufer des Subalternoffiziers, der in auffallender Kleidung, den kurzen Spieß mit Bändern verziert, vor seinem Herrn herlief, vom Reiterbuben des Kürassiers, der im geordneten Haufen seiner Genossen hinter dem Regiment seines Herrn ritt und sich in das Gewühl stürzte, den Verwundeten herauszuziehen oder ihm ein neues Pferd anzubieten, bis zum Bettelbuben eines ausgewetterten alten Musketiers, eines »Wolfs- und Eisenbeißers«, der die Hahnenfedern seines Hutes vielleicht vor zwanzig verschiedenen Fahnen geschwenkt hatte.

Bei Plünderung der Quartiere trieb es der Troß am ärgsten, auch in Freundes Land. Wenn die Weiber und Buben mit ihren Soldaten in einen Bauernhof drangen, fielen sie wie Geier über das Geflügel im Hof, über Truhen und Kisten her, schlugen die Türen ein, schmähten, drohten und quälten, legten sich in die Betten, und was sie nicht verzehren und rauben konnten, zerschlugen sie; war ein Kupferkessel zu groß zum Mitnehmen, so traten sie ihn ein. Beim Aufbruch zwangen sie den Wirt anzuspannen und sie ins nächste Quartier zu fahren. Dann stopften sie den Wagen mit den Kleidern, Betten und dem Hausrat des Bauern voll und banden sich in den Rock und um den Leib, was nicht in Sack und Pack fortgebracht werden konnte.

Dann – so erzählt der zürnende Berichterstatter Wallhausen (Defensio patriae 1621. p. 172) – wenn die Wagen angeschirrt sind, fallen die Weiber, Kinder und Dirnen auf die Wagen wie ein Haufe Raben. Die Dirne, welche am ersten auf den Wagen kommt, nimmt den besten Platz, dann kommt der Junge ihres Herrn und bringt sein Bündel, welches von gestohlenem Gut so voll ist, daß es kaum ein Pferd tragen kann. Darauf setzt sich schnell die Dirne. So drängt eine die andere. Wenn dann die Ehefrau eines Soldaten nicht mehr Platz findet und auch zu Fuß gehen soll, da heißt es: »Ei, du schlechte Dirne, du willst dich fahren lassen, und ich bin so viele Jahre eine Soldatenfrau gewesen, ich habe so manchen Zug mitgemacht, und du Balg willst es mir zuvortun.« Da fallen die Dirnen und Weiber übereinander her, werfen mit Prügeln und Steinen, und wenn der Troß sich eine Weile so zerbürstet hat, läuft die Soldatenfrau zu ihrem Manne, die Haare hängen ihr um den Kopf, sie schreit und ruft: »Guck, Hans, da ist die und dessen Dirne, sitzt auf dem Wagen und will fahren, und ich soll zu Fuß gehen und bin dein Eheweib.« Da wischt denn der Soldat an die Dirne, will sie herunter- und seine Frau hinaufheben, da kommt auch der Dirne Soldat hinzu, der sagt: »Laß mir mein Mädchen in Frieden, sie ist mir so lieb als dir deine Ehefrau«; da wischen auch die Soldaten hintereinander her, heraus mit dem Degen, hauen, stechen einander zu Tode oder zu Krüppeln. Das ist nichts Seltenes, denn wenn man auf dem Zuge ist, vergeht fast kein Tag, daß nicht drei, vier, zehn Soldaten um der Weiber willen Leben und gerade Glieder verlieren. Ist aber dieser Aktus vorbei und das Gesindlein aufgesessen, so sind die Wagen zuweilen so schwer beladen, daß die Pferde oder Ochsen sie nicht von der Stelle bringen können. Dann sitzen zehn, zwölf Weiber, ebensoviel Kinder und etwa sechs Jungen in den schweren Packen wie die Raupen im Kohl. Und wenn die Pferde bergauf nicht mehr fortkönnen, da stiege nicht eines vom Wagen, denn stracks wären andere Jungen und Dirnen zur Stelle, die hinaufsprängen, und dann brächte sie kein Teufel herab, denn sie sagten: ei, der Wagen sei sowohl für sie als für die andern; den Bauern aber schelten sie mit erschrecklichen Flüchen, fahren hinter ihm und seinem Vieh mit Prügeln her, oft sind vier, sechs Jungen um den Wagen herum, alle werfend und schlagend. So habe ich Ochsen und Pferde tot in dem Geschirr niedersinken sehen. So muß der Untertan des Landesherrn die Dirnen und das Gut, das sie ihm gestohlen, selbst fahren.

Oft wollen die Dirnen nicht mit Ochsen fahren, dann müssen Pferde sechs Meilen weit mit großen Kosten der Landleute zur Stelle geschafft werden. Und kommen sie mit dem Geschirr ins nächste Quartier, so lassen sie die armen Leute nicht wieder nach Haus, schleppen sie fort in andere Herrschaften, zuletzt stehlen sie ihnen gar die Pferde und machen sich damit unsichtbar.

In den ersten Jahren des Krieges hatte ein deutsches Fußregiment etliche Tage durch das Land seines eigenen Kriegsherrn zu marschieren. Es fanden sich alsbald soviel Dirnen und Jungen zum Troß, als Soldaten waren, und der Troß stahl in acht Tagen den Untertanen des Kriegsherrn soviel Pferde, daß beinahe jeder Soldat beritten war. Der Oberst, ein tüchtiger Mann, riß oft die Soldaten selbst von den Pferden und zwang sie endlich durch die äußerste Strenge, ihre Pferde zurückzugeben. Es war aber unmöglich, den Dirnen das Reiten zu wehren; da war keine, die nicht ein gestohlenes Pferd gehabt hätte, und wenn sie nicht ritten, so spannten sie drei, vier zusammen vor einen Bauernkarren. Dann reichte die Autorität ihres Weibels nicht aus, sie zu bändigen, und es war zuweilen eine »Komödie« für die Offiziere, zuzusehen, wie eine Dirne der andern vorfahren wollte, sie jagten beieinander vorbei und fuhren einander in die Wagen; 40–50 Wagen hingen in wirrem Knäuel, und stundenlange Arbeit war nötig, sie auseinanderzubringen, dazu scholl lautes Fluchen und Schwören, Haarraufen und Schlagen.

Die Weiber, Buben und Troßknechte standen zusammen unter der Aufsicht des Hurenweibels, eines alten für den Felddienst untüchtigen Kriegsmannes, der sich ohne sonderliche Wahl durchzuhelfen suchte. Wer ein Bein, eine Hand oder ein Auge verlor, den erklärte der rohe Spott des Lagers für brauchbar zu diesem Amt. Wenn der Oberst oder Hauptmann ihn bei der Musterung den Kriegsleuten vorstellte, so ermahnte er die Soldaten, den Mann doch zu achten, weil er mit Ehren verdorben sei. Und der Hurenweibel verneigte sich und empfahl sich den Kriegsleuten und bat sie, jeder möge sein Weib, Kind oder Jungen ermahnen, daß sie sich von ihm lenken ließen ohne Trotz und ohne seine Schelte übel zu nehmen. Er war immerhin für den gemeinen Soldaten eine wichtige Person, und es war ratsam, sich gut mit ihm zu stellen, denn er behütete die Angehörigen und die Beute des Kriegsmannes; deshalb ward auch sein Zug, wenn er am Ende des Heeres marschierte, durch besondere Nachhut gedeckt. War ihm der Troß eines ganzen Regiments untergeben, so hatte er wohl gar einen Leutnant und Fähnrich; denn auf dem Marsch führte der Troß eine besondere Fahne und zog in militärischer Ordnung, Troßknechte, Buben und handfeste Weiber mit Spießen bewehrt, der Weibel selbst an der Spitze, die hübschesten Dirnen in seiner Nähe, sie vor Ungebühr der Buben zu schützen, hinter ihm der verdorbene Haufe mit Gepäck und Karren, mit Kindern und Hunden. Seine Pflicht war zu achten, daß die Bande in den Reihen blieb und sich nicht plündernd wie »Zigeuner und Tartern« in den Dörfern zerstreute. Bezog das Heer seinen Lagerplatz, so war er der letzte, der einrückte; denn wenn die Dirnen und Buben vor den Kriegsleuten eindrangen, stahlen sie den angefahrenen Lagervorrat, Heu, Stroh, Holz. Beim Aufbruch zog er vor das Tor, hielt jeden an, der zum Troß gehörte, und zwang ihn, bei der Troßfahne zu bleiben; kam es zur Schlacht, so hatte er den Troß im Rücken des Heeres an gesicherter Stelle bewaffnet aufzustellen und hinter den zusammengefahrenen Wagen eine Verteidigung vorzubereiten, öfter wurde bei solcher Gelegenheit der Troß von feindlicher Reiterei überfallen, dann war es Pflicht der Buben und Troßknechte, dem Einbruch zu widerstehen. Im Lager aber war es das Amt der Dirnen und Buben, die Gassen und Märkte, auch die »Mumplätze« zu fegen und zu säubern [...]. Auch wo Faschinen zu binden, Gräben zu füllen, das Geschütz an unwegsamen Stellen auszugraben war, mußten Dirnen und Buben helfen.

Außerdem gehörten zum Troß der Heere vor allem die Marketender unter Schutz und Aufsicht des Profosen, wichtige, oft wohlhabende Leute, welche in ihrem bepackten Karren einen guten Teil der Beute ansammelten, die von den Soldaten vertan wurde. Die sichersten waren bei den einzelnen Fähnlein eingeschworen, bewaffnet und im Fall eines Angriffes zur Verteidigung des Trosses verpflichtet. Ferner die »Kommißmetzger«, die »Sudelköche«, Handwerker, Handelsleute und Hausierer, Wagenführer und Troßknechte, zuweilen zusammengetriebene Schanzgräber, welche unter besonderen Fähnlein marschierten.

Nur einzeln entgleiten den wortreichen Schriftstellern jener Zeit Bemerkungen über diesen verachteten Teil des Heeres, doch fehlen nicht ganz Angaben, aus denen sich schließen läßt, welch großen Einfluß der Troß auf die Geschicke der Heere und der Landschaften hatte. Zunächst durch seinen ungeheuren Umfang. Am Ende des 16. Jahrhunderts rechnet Adam Junghans in einer belagerten Festung, wo der Troß auf die möglich kleinste Zahl beschränkt ist, auf 300 Fußknechte, 50 Dirnen und 40 Jungen, also Marketender, Pferdeknechte usw. dazu gerechnet sicher etwas mehr als ein Dritteil der Soldaten. Aber im Felde war das Verhältnis schon beim Beginn des Krieges ein ganz anderes. Wallhausen zählt auf ein Fußregiment deutscher Soldaten als unvermeidlich 4000 Dirnen, Jungen und andern Troß. Ein Regiment von 3000 Mann hatte zum wenigsten 300 Wagen, und jeder Wagen war zum Brechen voll mit Weibern, Buben, Kindern, Dirnen und geplündertem Gut; wenn ein Fähnlein aus seinem Quartier aufbrechen sollte, weigerte es sich, wenn es nicht 30 und mehr Wagen erhielt. Als beim Beginn des Krieges ein Regiment hochdeutscher Kriegsleute 3000 Mann stark von dem Musterplatz abzog, wo es einige Zeit gelegen hatte, folgten ihm 2000 Weiber und Dirnen. Der ehrliche Oberst wollte den Troß abschaffen, er ließ einige Tage vergehen, und als man an einen Flußübergang kam, ließ er den Troß zurück und verbot den Schiffern, in den nächsten Tagen Leute überzusetzen. Die Dirnen aber erhoben am Ufer ein lautes Geschrei und Weinen, als die Schiffer nicht zurückkamen; da lief das ganze Regiment auf der andern Seite ebenso schreiend zusammen. Die Soldaten riefen in hellen Haufen: »Ho, Potz schlapperment, ich muß meine Dirne wieder haben, sie trägt meine Hemden, Kragen, Schuhe und Strümpfe.« Wollte der Oberst die Soldaten vorwärtsbringen und ein großes Unglück verhüten, so mußte er die Dirnen und das andere Gesindlein doch mitziehen lassen. Da wählte er ein anderes Mittel, er ließ mit der Trommel umschlagen und ausrufen, jeder solle bei Leibesstrafe seine Dirne abschaffen, nur die Ehefrauen dürften bleiben. Da liefen die Soldaten mit ihren Dirnen nach allen Dörfern in der Runde zur Kirche, es gab nicht Geistliche genug zum Kopulieren, in zwei Tagen wurden 800 Dirnen zu Ehefrauen gemacht, darunter die elendsten Kreaturen.

Von da ab wuchs der Troß bis zum Ende des Krieges. Nur auf kurze Zeit vermochten große Heerführer, wie Tilly, Wallenstein, Gustav Adolf, dies größte Leiden der Heere zu beschränken. Noch im Jahre 1650, als der Troß der zurückgebliebenen Truppen sich in den Standquartieren bedeutend vermindert hatte, zählten die vier schwedischen Kompanien, welche bei Köthen auf Grund der Nürnberger Artikel revoltierten und ihre Entlassung forderten, zusammen 690 Soldaten, 650 Weiber und 900 Kinder. 300 Männer der Kompanien wurden auf Befehl ihres Oberstleutnants niedergemetzelt; der Frau eines alten Unteroffiziers, welche in der Schürze 900 Taler für das Leben ihres Mannes bot, wurde das Geld abgenommen und die Frau mit dem übrigen Troß unter Schlägen fortgejagt. Um 1648, am Ende des großen Krieges, berichtet der bayrische General Gronsfeld, daß bei der kaiserlichen und bayrischen Armee 40 000 Soldaten wären, welche Kriegsrationen bekämen, und 140 000 Personen, welche nichts bekämen; wovon dieser Troß leben solle, wenn er die Nahrung nicht erbeute, zumal es in der ganzen Gegend, wo das Heer lagere, keinen einzigen Ort gebe, wo der Soldat ein Stück Brot kaufen könne? [...]

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