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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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Seit dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts ist die Abhängigkeit des Adels von den Höfen in fast ganz Deutschland entschieden. Auch der wohlhabende Gutsherr von Selbstgefühl läßt sich gern bei rittermäßigen Geschäften seines Landesherrn oder eines Nachbarn von hohem Adel gebrauchen und schmückt sich mit einem Hoftitel. Das Aussehen der Fürstenhöfe hat sich in diesen Jahren gegen Luthers Zeit sehr verändert. Mit der wilden Unruhe und den Lastern des Mittelalters scheint den Fürsten auch der Unternehmungsgeist und politische Sinn geschwunden, zumeist bei den Protestanten. Die lateinische Schule und theologische Zucht steigerte den Landesherren ihr Pflichtgefühl und brachte größere Ordnung in Ehe und Hofhalt, aber sie gab ihnen auch ein merkwürdig spießbürgerliches Wesen. Zwischen den Häuptern der Hohenzollern, Wettiner, Hessen, Mecklenburger, Pommern, Württemberger, Pfälzer ist in dieser Zeit große Familienähnlichkeit. Ja, die Habsburger zeigen dieselbe Wandlung. Während bei den Wettinern Friedrich der Weise, Johann Friedrich, das Haupt des Schmalkaldischen Krieges, der den Kurhut verlor, und der arme Johann Friedrich der Mittlere die allmähliche Umbildung aus politischen Häuptlingen des Landes zu eigensinnigen Hausherren bezeichnen, ist ebenso bei den Habsburgern von dem fünften Karl bis zu Rudolf II. und Matthias ein Abfall in politischer Tüchtigkeit und die Zunahme dilettierender Kunstbildung zu erkennen. Dieselbe Zeit, welche die deutschen Fürsten in Wahrheit zu großen Herren machte und nicht wenigen die Eigenschaften guter Landesväter verlieh, verminderte auch ihr Interesse am Reich und ihre Fähigkeit, die verzweifelte Lage der deutschen Nation zu begreifen.

Seit der Abdankung Karls V. war ein lustiges Leben nicht nur beim kaiserlichen Hof, auch bei den größeren Reichsfürsten, vor andern in Kursachsen, Bayern, Württemberg und der Pfalz. Außer den großen Jagden und Trinkgelagen waren weitläufige Hoffeste, Maskeraden, Reiterübungen, Preisschießen modisch geworden, zumal bei Krönungen, Vermählungen, Kindtaufen, vornehmen Besuchen. Die alten Turniere freilich wurden Scheingefechte, schöne Aktionen, bei welchen das Kostüm und der dramatische Anstrich mehr galt als die Waffenübung selbst. Sie wurden nach spanischem Brauch eingerichtet, schon 1570 mit dem neumodischen Ringelrennen. Große Schaugerüste mit mythologischen und allegorischen Figuren wurden dahergefahren, in wunderlicher Tracht erschienen die kämpfenden Parteien, sie stritten gegeneinander als Herausforderer und Abenteurer, als Manutenadoren und Avantureros oder auch die Verheirateten gegen die Junggesellen, Mann gegen Mann und Haufen gegen Haufen, nicht nur zu Roß, auch zu Fuß, um Preise. Aber die Waffen waren stumpf, die Speere so eingerichtet, daß sie schon bei schwachem Anprall zerbrechen mußten; die Zahl der Stöße und Hiebe, welche einer gegen den andern tun durfte, war genau vorgeschrieben. Das Ganze war durch ein Kartell – Einladungs- oder Ausforderungsschreiben – welches wohl gar gedruckt und angeschlagen wurde, dem schauenden Publikum erklärt. Uns sind einige solche Stilübungen gebildeter Hofleute erhalten, z. B. ein Tafelrunde-Kartell von 1570 aus Prag, wo Kaiser Maximilian II. einen großen Kreis des deutschen Adels um sich versammelte. Ein Schwarzkünstler Zirfeo kündigt an, daß er drei teure Helden in einem Berg verzaubert wisse, den König Artus und seine Genossen Sigestab den Starken und Amelot den Freudigen, die er entzaubern und zum Kampf gegen Aventuriers erwecken wolle. Beim Fest selbst präsentierte sich ein großer Holzbau, der einen Felsen mit einer höllischen Öffnung darstellte, Raben flogen aus ihm, Teufel tanzten geschäftig um seinen Gipfel und warfen mit Feuer um sich; endlich erschien der Zauberer selbst, machte seine Beschwörung, der Berg öffnete sich, die Ritter sprengten in altertümlicher Rüstung ins Sonnenlicht und erwarteten die fremden Kämpfer, die ebenfalls in seltsamem Kostüm – die beste Invention und Maske dabei erhielt einen Preis – gegen sie ritten.

Bei jedem großen Hoffest wurden ähnliche Inventionen erdacht, mythologische und allegorische Figuren in seltsamer Mischung. Diese Hoffeste wurden die großen Angelegenheiten des Jahres, ihr Verlauf oft in Pritschmeisterversen aufgezeichnet, zuweilen gedruckt und mit Abbildungen ausgestattet. Modischer als die Feste, bei welchen Turnierbrauch nicht ganz vermieden wurde, waren andere Kostümfahrten des Hofes, die Schäfereien, bei denen Herren und Damen, als Schäfer verkleidet, sich mit dramatischem Gesang und Tanz und in losem Wechselgespräch ergingen, dann große Schlittenfahrten in Maskentracht, auch Schmuck der Schlitten und Pferde glänzend und abenteuerlich geformt. Ihnen folgten nach dem großen Kriege die derberen Bauernhochzeiten und Jahrmärkte. Diese Kostümfeste waren besonders willkommen, weil bei ihnen die Etikette suspendiert und manche Gelegenheit zu freiem Scherz und vertraulicher Annäherung gegeben war. – Aber auch bessere Vergnügen wußten sich die Landesherren zu bereiten. Es war in Deutschland vornehm geworden, was seit länger als hundert Jahren in Italien dem Wohlhabenden am Herzen lag, Bücher und Kunstsachen zu sammeln. Man trieb an den Höfen, auch wo das rechte Verständnis fehlte, dies Aufsammeln mit deutscher Gründlichkeit. Wie Kaiser Rudolf die Gemälde Albrecht Dürers und der Spanier, so kauften die deutschen Fürsten Bilder, Holzschnitte, Kupferstiche, Münzen, Waffen, Trinkbecher, Arbeiten der Goldschmiede von Nürnberg, der Kunsttischler von Augsburg. Die Patrizier der großen Reichsstädte, dem Hofadel an Bildung überlegen, vermittelten dann wohl als politische Agenten der Reichsfürsten solche Neuigkeiten der Kunst an die deutschen Höfe und an distinguierte Kavaliere. Fehlte den deutschen Herren auch der feine Schönheitssinn der Italiener, so hatten sie dafür um so mehr die Neigung zu zierlicher und sorgfältiger Arbeit und Freude an einem tiefen Sinn, der in die Kunstgebilde als Allegorie oder versteckter Inhalt hineingeheimnißt war. Ein fein geschnittener Kirschkern, der unter der Lupe eine Anzahl Gesichter wies, war ihnen vielleicht lieber als eine antike Statue, die ohne Kopf aus der Erde gegraben war und unsicher machte, welchen Abgott oder Vorfahren römischer Majestät das Stück vorstellen sollte. Besonderen Genuß bereitete den Fürsten ihre Münze durch das Prägen von Medaillen, die zuweilen in ungewöhnlicher Form und Größe beliebt wurden. Die Herren erfanden gern selbst Bild und Spruch und stellten dabei dem Stempelschneider wohl einmal verzweifelte Aufgaben. Solche Medaillen verfertigten sie sich zum Ruhm und andern zur Beglückung bei jedem Ereignis, das ihnen die Seele erregte: wenn sie aus einer Krankheit aufstanden, wenn ihre Gemahlin glücklich eines Kindes genas, wenn sie einen ungetümen Hirsch schossen, wenn große Wassersnot gewesen oder wenn es einmal Korn vom Himmel geregnet haben sollte. Sie spendeten diese Denkmünzen, wo sie Gunst erweisen wollten und zum Austausch an Standesgenossen, und illustrierten dadurch ihr Leben wie in einem silbernen Stammbuch.

Auch Lebendes, was die Fremde bot, wurde an den Höfen zusammengeführt; außer dem alten Bärenzwinger des Schlosses und einem Hühnerhof mit seltenen Vögeln, den die Fürstin hielt, gab es hier und da ein Löwenhaus, und bei großen Festen wurden zwischen Maskerade, Tanz und Karussell auch Kämpfe wilder Tiere veranstaltet. Sogar ausgestopfte Tiere standen bereits gesammelt, wie z. B. in Dresden (1617) auf der Anatomiekammer, sie rochen aber ein wenig. Jeder größere Hof hatte seine Kunstkammer, worin die Sammlungen früherer Herren zur Ruhe kamen, darin neben Statuen, Elfenbeinschnitzereien, Moosachaten und Rüstungen auch türkische Pferdegeschirre, Masken, Schlitten und andere Inventionen. Aus den Büchersammlungen der Vorfahren war an vielen Höfen bereits eine Bibliothek gesammelt, die z. B. in Dresden vor dem großen Kriege jährlich dreihundert Gulden zum Bücherankauf verwenden durfte. Der Landesherr hatte in seiner Jugend gelehrten Unterricht erhalten, er verstand jetzt zuverlässig Latein und sprach wahrscheinlich Französisch und Italienisch; er las in diesen Sprachen Traktate über Politik und noch häufiger über theologische Fragen und schrieb in ihnen die Sinnsprüche zu den Emblemen, die er erfand. An mehreren Höfen war das Französische bereits elegante Hofsprache, bei den Anhaltinern, den Hessen, den Pfälzern, auch zu Berlin war im Jahre 1761 die Unterredung am ersten Kavaliertisch, der damals Grafentisch hieß, französisch.

Noch wurde bei Tisch stark getrunken, nach altem Brauch aus seltsamen und großen Gläsern mit hartem Terrorismus gegen schwache Köpfe und Magen, dazwischen aber lief die Unterhaltung auch gern über die Neuigkeiten der Fremde, man freute sich Rätselfragen zu lösen und lachte herzlich über kleine philologische Scherze; Kurfürstliche Gnaden übersetzten z. B. die Worte: der Torwart hat das Fieber, durch Januarius liegt im Februario; man bemerkte – an fürstlicher Tafel in Berlin – mit besonderer Teilnahme, wie die deutschen Landsleute untereinandergeworfen waren und daß sich einer schreiben mußte: Joachimus Hessus, Hollandus, Borussus, Joachim Heß aus Holland in Preußen. Auch Fürstliche Gnaden wußten, daß das Wort »Sack« durch alle Sprachen gehe und vernahmen mit beistimmendem Lächeln den Grund, weil aus der Sprachverwirrung von Babel jedermann nur eins gerettet habe, seinen Reisesack.

Das fürstliche Familienleben, nicht in allen Familien leidlich, wurde doch nicht durch die spätere Mätressenwirtschaft verwüstet, es war bei den Besseren ein inniges Zusammensein nach alter deutscher Weise, die Fürstin in Wahrheit Hausfrau ihres Hofes, die selbst die Küche beaufsichtigte, die eingesottenen Früchte und die zahlreichen Kräuterweine verordnete und einem werten Gast auf silbernem Teller alltäglich ein anderes Frühstück aus der Küche schickte, froh die Kochkunst ihres Hofes zu zeigen. Auch sie verstand ein wenig Latein, nahm teil an den Ausflügen, Jagdfreuden und kleinen Liebhabereien ihres Herrn, kam wohl auch mit dem Spinnrädlein, welches ein silbernes Glockenspiel hatte, in seine Arbeitsstube und wußte mit ihrem »Frauenzimmer« allerlei feine weibliche Arbeit zu machen. Der fürstliche Hofhalt und seine Ordnung lief im ganzen noch in alter Weise, der Edelknabe, welcher bediente, bis er Kammerjunker wurde, führte bereits den Namen Paggio, eine Guardia von angeworbenen Männern in fürstlicher Livree zog täglich mit Trommeln und Pfeifen auf; aber zwischen diesen neuen Einrichtungen lief noch der alte Narr unangemeldet in das Zimmer seines Herrn, war grob gegen die Hofleute, welche ihn ärgerten, und fuhr bei Ausflügen des Hofes als unentbehrliche Zielscheibe derber Scherze im eigenen Eselwagen hinterdrein. Noch war der Zutritt bei Hofe für Fremde mühelos, in kleineren Städten sandte der Herr wohl gar in die Wirtshäuser und ließ fragen, wer angelangt sei, um einen interessanten Reisenden kennenzulernen.

Die häufigste Unterhaltung des Hofes war die heimische alte, das Weidwerk. Die gewöhnliche Jagdfreude war leider, das Wild vom »Schirm« – Hütte oder Zelt mit Waldgrün bedeckt – zu schießen, während es vorbeigetrieben wurde. Dann hatte der Landesherr den ersten Schirm, die nächsten die Prinzen nach ihrer Würde, die letzten der Hof. Noch wurde streng auf Jägerbrauch gehalten; bei den Turnieren war die Unsitte abgekommen, Versehen gegen das Turniergesetz dadurch zu strafen, daß man die schuldigen Ritter über die Rosse legte und aushieb, aber nach der Jagd wurde der Ungeschickte um des kleinen Irrtums willen über den Hirsch gelegt und mit dem flachen Weidmesser abgestraft, gerade wie bei den Schützenfesten mit der Pritsche.

So lebten die besseren der deutschen Fürsten am Ende des Jahrhunderts ein friedliches Stilleben; sie konspirierten ein wenig mit Franzosen oder Polen, wenn sie gerade mit dem Reich unzufrieden waren, aber sie saßen als genießende Erben in ihrer neuen Macht, oft gutherzige Tyrannen, gewissenhaft in Nebendingen, in nüchternen Stunden ernsthaft um das Wohl ihrer Untertanen bemüht; gerade sie empfanden vielleicht am wenigsten das stille Mißbehagen ihrer Zeit. Und nach ihrem Bilde formte sich der wohlhabende Adel ihrer Landschaft, er lebte fort, bald gegen die neue Zeit kämpfend, bald mit Anstand dienend, bis der Dreißigjährige Krieg seine Häuser ausbrannte, die tüchtigem Männer in einem gewaltigen Kampf umhertrieb, die schwächern tiefer herunterdrückte.

Hier aber soll zum Schluß ein Fürstenleben und der Charakter eines höfischen Edelmannes vorgeführt werden, welche beweisen, daß nicht überall der friedliche Übergang aus dem wüsten Treiben des Mittelalters gelang.

Am Ende des 16. Jahrhunderts lebte und blühte Hans von Schweinichen, ein schlesischer Edelmann aus Dienstgeschlecht, Kammerjunker, Hofmarschall und Faktotum des abenteuerlichen Herzogs Heinrich XI. von Liegnitz. Die Gestalten beider erscheinen uns eng verbunden in zwei Biographien, welche Schweinichen verfaßt hat. Die eine ist seine eigene Lebensbeschreibung (Leben und Abenteuer des schlesischen Ritters Hans von Schweinichen, herausg. von Büsching. 3 Teile, 1820 u. f.), die andere ein Auszug daraus mit einigen Veränderungen und Zusätzen (Das Leben Herzog Heinrichs XI., herausgegeben von Stenzel: Scriptt. Rer. Siles. IV.), beide Werke von hohem Wert für die Sittengeschichte des 16. Jahrhunderts.

Das alte Fürstenhaus der schlesischen Piasten zeigt neben wenigen bedeutenden und mehreren mäßigen Regenten eine Reihe verschrobener Gesellen mit großen Ansprüchen und geringer Kraft. Die wilde Nachbarschaft, die isolierte Lage, die vielen Teilungen des Landes in kleine Fürstentümer vermögen die sittliche Entartung so vieler Herzöge zu erklären; außerdem aber bleibt auffallend ein vielen gemeinsamer Zug, ein unstetes, zerfahrenes, unpraktisches Wesen, tyrannische Gelüste und mitten darin wieder einzelne Blitze von Geist und guter Laune, vor allem eine Lebenskraft, welche den Untergang dieser Entarteten wohl länger aufhält als bei andern Sterblichen möglich wäre. Schon im Mittelalter macht wüste Verschwendung mehrere schlesische Herzöge zu Bettlern, ein Herzog von Oppeln wird von den Ständen des Landes sogar hingerichtet, Hans von Sagan stirbt im Elend. Im Jahrhundert der Reformation wird die äußere Lage der schlesischen Fürsten noch schlechter: die meisten Häuser der Piasten vergehen, die übrigen vermögen nur mühsam sich in die neue Zeit zu schicken.

Eine der auffallendsten Gestalten unter ihnen ist Heinrich XI. von Liegnitz, der liederliche Sohn eines Vaters, der nicht besser war. Als sein Vater Herzog Friedrich III. im Jahre 1559 von kaiserlichen Kommissaren abgesetzt und als gemeinschädlich in Arrest gehalten wurde, erhielt der zwanzigjährige Sohn die Regierung des Fürstentums. Nach zehn Jahren einer unbändigen Regierung geriet Heinrich mit seinem Bruder Friedrich und seinem Adel in Zwist und ließ in einer despotischen Laune seine ganze Landschaft gefangen setzen. Während die Empörten ihn beim Kaiser verklagten, unternahm er selbst einen abenteuerlichen Zug durch Deutschland, eine Rund- und Bettelreise zu zahlreichen Höfen und Städten, wobei ihn Geldmangel aus einer Verlegenheit in die andere stürzte und zu jeder Art von Unwürdigkeiten brachte. Unterdes wurde er suspendiert, und sein Bruder, der wenig besser war, als Administrator eingesetzt. Heinrich klagte, querelierte, unternahm eine neue Bittreise an deutsche Fürstenhöfe, sollizitierte endlich in Prag beim Kaiser, immer in den drückendsten Geldverlegenheiten, und setzte endlich durch, daß er sein Herzogtum zurückerhielt. Jetzt folgten neue Zügellosigkeiten und offener Widerstand gegen kaiserliche Kommissarien, eine neue Absetzung und strenge Haft zu Breslau. Aus dieser Haft entwich er und trieb sich als heimatloser Abenteurer in der Fremde umher, bot sich der Königin Elisabeth von England im Kriege gegen Philipp von Spanien an und zog zuletzt nach Polen, um gegen Österreich zu kämpfen. Dort, in Krakau, starb er plötzlich 1586, wahrscheinlich an Gift.

Wenn es in dem zerfahrenen Wesen dieses Fürsten etwas Außerordentliches gab, so war es die souveräne Freiheit von allem, was man sonst Rechtsgefühl und Gewissen nennt. Er hat nicht den Leichtsinn seines Hofjunkers, der sich über innere Bedenken hinwegsetzt, ihm fehlt ganz und gar die sittliche Empfindung. Und diese Rücksichtslosigkeit kommt ihm, dem vornehmen Herrn, eine Zeitlang zugut, denn mit gefälliger Leichtigkeit schlüpft er über alle Bedenken und Schwierigkeiten hinweg, und mit Lächeln oder vornehmer Verwunderung gleitet er auch durch solche Situationen, bei denen wenig andere eine brennende Schamröte von ihren Wangen ferngehalten hätten. Wie er sich Geld schafft, ist ihm gleichgültig; in der Not schreibt er Bettelbriefe an alle Welt, sogar er, der Protestant, an den römischen Legaten; von jedem Fürstenhof, jeder Stadt, in welcher er einkehrt und nach damaligem Brauch bewirtet wird, versucht er Geld zu borgen. In der Regel wird dann von den überraschten Wirten mit Schweinichen kapituliert, und aus der großen Anleihe wird ein kleines Reisegeschenk. Der Fürst ist auch damit zufrieden. Er hat eine Gemahlin, eine unbedeutende Frau, welche er als unvermeidlich zuweilen bei sich erträgt, sie muß dann versetzen und Schulden machen wie er, sich bei reichen böhmischen Edelleuten anmelden und sich einige Tage bewirten lassen, dann durch Schweinichen um ein Darlehen ansuchen und die höfliche Ablehnung mit fürstlicher Haltung ertragen. Das alles wäre nur kläglich, wenn es nicht dadurch origineller würde, daß Herzog Heinrich trotz alledem ein starkes Gefühl seiner fürstlichen Würde hat, die er sooft entehrt, und daß er in der äußeren Erscheinung doch ein vornehmer Mann ist. Nicht nur seinem Schweinichen gegenüber, sondern auch an den fremden Fürstenhöfen, ja sogar im gesellschaftlichen Verkehr mit Kaiserlicher Majestät ist er nach damaligem Ton ein liebenswürdiger Gesellschafter, in ritterlichen Künsten wohl bewandert, immer guter Laune, glücklich über jeden Scherz, den ein anderer macht, selbst schlagfertig in Worten, und in ernsten Dingen, wie es scheint, wirklich beredt. Und dann gibt es doch einige Punkte, wo er in der Tat Spuren von männlichem Sinn zeigt. So ungeschickt die tyrannischen Streiche sind, die er als Herzog gegen seine Landschaft versucht, so abenteuerlich seine offene Auflehnung gegen die kaiserliche Gewalt und so kindisch seine Hoffnung, erwählter König von Polen zu werden, so ist der Grund von alledem doch die stete Empfindung, daß seine edle Herkunft ihm das Recht gibt, nach dem Höchsten zu streben. Immer hat er politische Interessen und Pläne. Nie glückt ihm was, weil er unstet und ruchlos und unzuverlässig ist, aber er hört nicht auf, Großes zu begehren, eine Königskrone oder einen Feldherrnstab. Gerade dies, daß er noch anderes wollte, als mit lustigen Gesellen Wein trinken und in Nonnenkleidern durch die Straßen ziehen, hat ihn vom Thron und zuletzt ins Grab geworfen. Und noch eine andere Stelle hielt Probe. Er war ein Protestant. Er stand keinen Augenblick an, seinen katholischen Gegnern in der unverschämtesten Weise Darlehen zuzumuten; aber als ihm der päpstliche Legat eine bedeutende Rente, ja seine Wiedereinsetzung in das Fürstentum versprach, wenn er katholisch würde, wies er diesen Vorschlag mit Verachtung zurück. Wo er sich als Soldat engagierte, war es am liebsten gegen die Habsburger. [...]

Andere Fürsten seines Geschlechtes, sein Bruder Friedrich vor allen, sind wieder ein Inbegriff der Fehler des deutschen Wesens. Kleinlich, eigensüchtig, beschränkt, argwöhnisch, ohne Entschluß und Energie, ist Herzog Friedrich sein vollendetes Gegenstück.

Ein anderes Gegenbild ist sein Genosse und Biograph, Junker Hans von Schweinichen. Dieser närrische Kauz ist von Kopf bis zu Fuß ein deutscher Schlesier. Als Knabe Page des eingesperrten Herzogs Friedrich des Vaters und Prügeljunge Friedrich des Sohnes, hatte er das wilde Treiben des Liegnitzer Fürstenhofes schon früh aus dem Grunde kennengelernt und sich in alle Mysterien desselben eingelebt. Sein Vater war als Gutsbesitzer in Schulden gekommen, weil er einmal für den Herzog Heinrich Bürgschaft geleistet hatte. Schweinichen war Miterbe eines tiefverschuldeten Gutes und hatte bis in sein spätes Alter endlose Händel mit Gutsgläubigern, mit seinen Verwandten und Leuten, die für ihn gutgesagt und für die er gutgesagt hatte. Das freilich war am Ende des 16. Jahrhunderts das gewöhnliche Los der Gutsherren. Außerdem aber machte er durch viele Jahre fast alle Streiche seines fürstlichen Herrn mit, und da diese zum großen Teil unsauberer Natur waren, so kam auch auf sein Teil kein unbedeutendes Maß von leichtsinnigen Handlungen. Die sittliche Bildung war allerdings im ganzen betrachtet eine viel niedrigere als die unserer Zeit, und er darf nur nach dem Maßstab seiner Zeit gemessen werden. Aber bei der größten Nachsicht wird man in seiner Biographie einige bedenkliche Stellen finden, welche seine Rechnung im Himmel schlechter gestellt haben müssen, als er in seiner Genügsamkeit annimmt. Er aber ging nicht unter. Er hatte nicht wie ein Slawe, sondern als Deutscher getrunken, vielleicht noch stärker als sein Herr – denn er hatte nach damaligem Brauch seinem Herrn »vor dem Trunk zu stehen«, d. h. demselben beim Zechen aufzuwarten und seine Trinkduelle auszufechten – aber er hatte sich immer mit einem gewissen Vorbehalt betrunken. Deutschen Ordnungssinn und das methodische Wesen hatte er nicht verloren und nicht das Verständnis seiner Lage. Er war kein Mann des Schwertes, und seine Ritterlichkeit wurde durch einen starken Zusatz von Vorsicht gemindert. Immer guter Laune und dabei schlau und mit einer mächtigen Suada versehen, wußte er sich durch die schwierigsten Verhältnisse wie ein Aal durchzuwinden, mit dem offenen Wesen eines Biedermannes und dem gutmütigsten Gesicht von der Welt. Während er am liederlichsten war, hielt er fest an dem Glauben an ehrbare Zukunft, und während er als verwilderter Hofmann lebte, betrachtete er sich selbst als einen ehrenfesten Landedelmann, der die gute Meinung seiner Genossen zu bewahren habe. Er hatte stets ein kleines Gewissen fürs Haus, es war kein lästiges und strenges Gewissen, aber es verlangte dafür auch manchmal Gehorsam. Er liebte sich selbst nicht wenig und fing allmählich an, das Treiben seines Herrn weniger lustig zu finden. Das ewige Versetzen, das Zanken mit Juden und Christen, die Sorge um den täglichen Wein wurden ihm endlich zu unordentlich. Immer hatte er über sein eigenes Leben Buch geführt; selten hatte er vergessen anzumerken, daß er am vergangenen Abend »voll« gewesen; am Ende jedes Jahres, welches zuweilen nichts enthielt als eine Reihe von behaglichen Saufgelagen und schlechten Geldgeschäften, hatte er seine Seele Gott befohlen und dahinter die Getreidepreise des vergangenen Jahres notiert. Alles, was er für seinen Herrn versetzt hatte, findet sich in seinem Tagebuch mit ebenso genauer als überflüssiger Angabe des wahren Silberwertes bemerkt. Nachdem er so ziemlich alles versetzt hatte, erlebte er das Herzeleid, daß sein Herzog in kaiserliches Gefängnis kam; da schied er von ihm nicht ohne Wehmut, wie man von einer Jugendliebe scheidet. Aber sein deutscher Verstand sagte ihm, daß diese Trennung für ihn selbst ein Glück war. – Nun kamen Jahre, wo er nur mit seinen Nachbarn trank, wo er sich mit dem Herzog Friedrich versöhnte und sogar dessen Marschall wurde, wo er heiratete, ein kleines Gut pachtete und halb als Landwirt, halb als Hofmann schlecht und recht lebte, wie die andern auch. Darauf kam wieder ein anderer Fürst ins Land, Schweinichen wurde fürstlicher Rat und tätiges Mitglied der Regierung; er bekam die Gicht, er verlor seine Frau durch den Tod und heiratete sofort eine andere. Noch immer zog er unruhig in der Landschaft umher, schlichtete die Händel der Edelleute und Bauern, betrank sich noch zuweilen mit guten Kameraden, bezahlte Schulden, erwarb Grundbesitz, wurde immer älter und respektabler und starb endlich in Ehren. Seine acht Wappenschilder glänzten sicherlich beim Begräbnis an den schwarzen Trauerpferden, wie einst bei dem Begräbnis, das er seinem seligen Herrn Vater ausgerichtet hatte; er wurde auf seinem Grab in Stein gehauen und darüber sein Banner in der Dorfkirche aufgehängt, während der Sarg seines unglücklichen Fürsten noch ungeweiht über der Erde stand, von eifrigen Krakauer Mönchen als Ketzersarg in einer verfallenen Kapelle vermauert.

Aus den Biographien Schweinichens wird die folgende Episode mitgeteilt. Sie fällt in das Jahr 1578, die Zeit, in welcher Herzog Heinrich durch kaiserlichen Befehl von der Regierung suspendiert war und mit fixiertem Einkommen in Haynau unter Herrschaft seines jüngeren Bruders saß. Schweinichen war damals sechsundzwanzig Jahre alt, Schärtlin wenige Monate vorher als zweiundachtzigjähriger Greis gestorben.

Herzog Heinrich befand, daß es nicht länger möglich wäre, in Haynau Hof zu halten und zeigte der Kaiserlichen Majestät an, da Herzog Friedrich kein Deputat mehr gäbe, wollten seine Fürstlichen Gnaden selbst nehmen, wo sie könnten. Darauf gab der Kaiser keine Antwort, sondern ließ die Dinge gehen, wie sie wollten, weil von beiden Teilen Kaiserlicher Majestät Befehlen nicht nachgelebt werden konnte; denn der eine Fürst zerbrach Töpfe, der andere Krüge. Nun wußten Fürstliche Gnaden, daß die Stände einen großen Vorrat an Getreide auf dem Gröditzberg liegen hatten, deshalb hielten der Herzog mit mir Rat, wie sie den Gröditzberg einnehmen und dort bis zu Kaiserlicher Resolution haushalten könnten. Dieser Sache konnte ich keinen Beifall geben noch dazu raten, aus vielen bedenklichen Ursachen, die ich Seiner Fürstlichen Gnaden zu Gemüt führte. Denn die Kaiserliche Majestät würden es für einen Friedensbruch auslegen, und Seine Fürstliche Gnaden würden die Sache dadurch ärger und nicht besser machen. Und weil ich darüber etwas mit dem Herzog diskutierte, so wurden Fürstliche Gnaden schlecht mit mir zufrieden und sagten, ich taugte zu solchen Sachen nicht, derowegen hätten Seine Fürstliche Gnaden bei sich beschlossen, Sie wollten ausrücken und versuchen, ob Sie den Berg einnehmen könnten, befahlen mir, ich sollte zwölf reisige Rosse fertigmachen und den Junkern ansagen, daß sie alle mitreiten sollten, jedoch ich ihnen nicht vermelden, wohinaus Fürstliche Gnaden wollten.

Obwohl ich nun ferner bat, Fürstliche Gnaden sollten es nicht tun, denn Sie würden sich um Land und Leute bringen, und ich wollte deswegen abmahnen, so war doch bei Seiner Fürstlichen Gnaden nichts durchzusetzen, sondern er zog fort und befahl mir, unterdes nicht von dem Hause Haynau zu weichen, bis er mich abriefe. Wenn aber Seine Fürstliche Gnaden das Haus Gröditzberg in der Nacht einnehmen würden, wollten sie sogleich einen reitenden Boten zurückschicken, und wenn ich einen Schuß hörte, sollte ich ihn sogleich einlassen und sollte dem Befehl gehorchen, den er brächte. Es zieht also mein Herr von Haynau den 18. August um zwei Uhr nach dem Gröditzberg zu. Als Fürstliche Gnaden nun unter dem Berg ins Holz kamen, hatten Sie zwei Reiter hinaufgeschickt, als wenn sie das Haus besehen wollten; diese sollten Kundschaft einziehen, wer droben sei, und wenn sie fänden, daß mein Herr nachrücken könnte, so sollten sie einen Schuß tun. Da sie nicht mehr als zwei Mannspersonen oben fanden, haben sie den Schuß abgefeuert. Schnell rückten Seine Fürstliche Gnaden hinauf, nahmen das Schloß ein und schickten mir zur dritten Stunde in der Nacht nach Abkommen einen reitenden Boten. Wie nun der Schuß vor dem Tor zu Haynau losging, erschrak ich höchlich – und sagte deshalb zu denen, die bei mir in der Kammer lagen: »Dieser Schuß bringt meinen Herrn um Land und Leute.« Sie verstanden das aber nicht und argwöhnten, mein Herr hätte den Herzog Friedrich entführt. Ich befahl alsbald, daß die Pforte am Schlosse geöffnet würde. Da ließen Fürstliche Gnaden mir durch Ulrich Rausch vermelden, Sie hätten den Gröditzberg inne, gedächten auch nicht wieder herunterzuziehen, sondern ich sollte alsbald meines Herrn übrige Rosse und Gesinde nebst den andern Sachen auf den Berg schicken.

Zwei Tage darauf lassen sich zwei polnische Herren, Johann und Georg Rasserschaffsky ansagen, um Fürstliche Gnaden zu Haynau zu besuchen, was ich dem Herzog bald zu wissen tat und anfragte, wie ich mich verhalten sollte. Darauf gab Fürstliche Gnaden mir zur Antwort, ich sollte sie zu Haynau ein paar Tage traktieren und aufhalten und schickte mir sechs Taler mit zur Zehrung. Da nun die polnischen Herren sechzehn Rosse hatten, so gingen die sechs Taler bei der ersten Mahlzeit für Wein auf; ich mußte also mit Borgen und Sorgen sehen, wie ich die Herren, welche bis zum vierten Tage stillagen, bewirten konnte. Darauf schrieb mir der Herr, ich sollte sie auf den Gröditzberg bringen, auch selbst mitkommen. Dort hatte der Herzog bereits eine Guardia von zwanzig Knechten mit langen Röhren und war ein Kriegsmann geworden, ließ durch sechs Trompeter und Kesseltrommeln die Herren zum Empfang anblasen. Sobald ich hinaufkam, befahlen Fürstliche Gnaden mir die Haushaltung.

Fürstliche Gnaden wollten das Haus verproviantiert haben und befahlen mir, ich sollte vierundzwanzig Malter Mehl in Vorrat machen lassen, welches denn auch geschah, und ich kaufte auf Befehl auch acht Malter Salz. Es wurde ein so großer Haufen Pilze und Heidelbeeren gebacken, daß es gar nicht zu sagen ist, große Fässer voll, womit viel Geld vertan ward. Es wurden auch zwölf Schweine im Schlosse mit lauter Getreide gemästet, denen der Herzog oft selbst zu fressen gab. – Alles war auf die Belagerung des Hauses gerichtet. Es waren auch Fuhrleute zu Modelsdorf, welche Blei, das zu Breslau geladen war, nach Leipzig zu führen hatten; das erfuhren Fürstliche Gnaden und befahlen derowegen sogleich, daß zwei Fuhrleute dies Blei auf den Berg fahren sollten, welches Blei über zweihundertundfünfzig Taler wert war. Es ward aufs Haus geschafft und blieb allda liegen. Die Kaufleute erfuhren das und klagten's dem Bischof, welcher meinen Herrn aufforderte, das Blei sogleich wieder herauszugeben. Fürstliche Gnaden aber wollten es nicht tun, sondern erboten sich, das Blei einst von ihrem Deputat zu zahlen. Folglich blieb es unbezahlt. Darüber kamen die Fuhrleute in große Ungelegenheit. – Darauf schickte Bischof Martin Kommissarien auf den Gröditzberg, Fürstliche Gnaden behielten die Kommissarien zwei Tage bei sich und traktierten sie wohl, aber ließen sie unverrichtetersache wieder abziehen.

Unterdes ließ mich die Frau von Hermsdorf zu einer Hochzeit bitten, ohne Zweifel mehr ihrer Tochter zu Gefallen, der ich nicht gram war und bei der ich mich auf Liebe einließ. Deshalb bat ich Fürstliche Gnaden um Urlaub, und daß Sie mir drei Rosse leihen möchten, welches Fürstliche Gnaden auch gern taten, und weil Fürstliche Gnaden gerade ihr Gesinde in grau Tuch einkleideten, so beförderte ich, daß die, welche mit mir ritten, zu allererst gekleidet wurden. Unterdes ließ ich mir auch Schwert und Dolch beschlagen und putzte mich aufs beste heraus. So ritt ich mit drei Rossen auf Hermsdorf zu, wo ich bei der Jungfrau besonders gern gesehen war. Ich half die Braut nach Hermsdorf holen und ließ mich mit meinem Trompeter sehen. Wir waren die Hochzeit über bis auf den Sonnabend lustig und guter Dinge, und wenn einer weg wollte, hielt ihn der andere fest. Obgleich ich nun unterdes vom Herzog zurückgefordert ward, so blieb ich doch sitzen, deshalb, damit man nicht merken möchte, daß die Pferde dem Herzog gehörten. Am Sonnabend aber ritt ich fort, und als ich unter den Gröditzberg komme, lasse ich den Trompeter blasen; wie ich aber im Schloß absitze, kommt ein guter Freund von mir und berichtet mir, daß Fürstliche Gnaden sehr zornig auf mich wären, hätten geschworen, Sie wollten mir in der Hofstube Arrest geben, ich ließ mich aber nichts anfechten, sondern ging ins Schloß, so daß der Herr mich vom Gang sehen konnte. Nun hatten Fürstliche Gnaden Polacken bei sich zu Gast, und in Küche und Keller war kein Vorrat vorhanden, der Trompeter blies zu Tisch, und hernach zog sich's eine Stunde lang hin, und es ward nicht angerichtet. Fürstliche Gnaden schickten zu mir, ich sollte Essen geben lassen und aufwarten. Ich ließ dem Herzog wieder vermelden, ich hätte vernommen, Seine Fürstliche Gnaden wären zornig auf mich, deshalb hätte ich Bedenken, vor Fürstliche Gnaden zu treten; wenn ich aber Fürstliche Gnaden die Ursache meines langen Ausbleibens melden sollte, so würden Sie wohl zufrieden sein. Der Herzog aber läßt mir zurücksagen, ich sollte aufwarten, die Ursache meines längeren Ausbleibens wüßte er vorher, daß ich die Jungfrau lieber gewonnen als ihn. Als ich nun bei der Tafel Fürstlicher Gnaden das Wasser darbot, sahen Fürstliche Gnaden sauer, ich tat aber, als wenn ich mir nichts daraus machte. Fürstliche Gnaden fingen ein Saufen an, und wie es am besten losging, war kein Wein vorhanden. Darauf ließen Fürstliche Gnaden mir sagen, der Wein ginge ab, und den Spott brächte ich ihm zu, weil ich nicht zur rechten Zeit heimgekommen wäre. Ich ließ dem Herzog wieder zur Antwort geben, ich könnte nicht davor, warum hätten Fürstliche Gnaden nicht bei guter Zeit nach Wein geschickt. Darauf ließen Fürstliche Gnaden mir wieder vermelden, Sie hätten kein Geld, deswegen sollte ich schnell nach Wein schicken.

Ich lasse aber dem Herzog sagen, was ich denn tun sollte. Wenn Fürstliche Gnaden mit mir zürnten, sollten Sie selber mit mir reden. Ich hatte aber noch ein Fäßlein Wein von drei Eimern verborgen im Keller liegen. Darauf läßt sich der Herzog ein Glas Wein eingießen und ruft: »Hofmeister, ich bringe dir das zu deiner Rückkehr«, heißt mich zu sich kommen und sagt: »Ich bin sehr zornig auf dich gewesen, aber es ist vorüber, siehe zu, daß wir wieder Proviant bekommen und vor allem Wein.« Ich antwortete, Fürstliche Gnaden sollten nur lustig sein, Wein werde nicht fehlen, auch an anderm sollte kein Mangel sein; Fürstliche Gnaden aber hätten keine Ursache, auf mich scheel zu sehen, denn ich wäre bei schönen Augen gewesen, die Fürstliche Gnaden auch gern sähen. Darauf sagte der Herzog: »Du bist mir gut, ich bin mit dir wohl zufrieden, ich habe mir wohl gedacht, du würdest etwas in Vorrat haben.« So waren wir wieder Herr und Diener und alle Ungnade war weg, und ich mußte nach meiner Freude wieder in Sorgen treten und zusehen, wie ich Küche und Keller bestellte, was mir nach der Freude schwer ankam. Ich erfuhr nachher vielerlei, daß man mich bei dem Herzog angeschwärzt hätte, als wenn ich ihn verraten wollte, und ich wäre bei Herzog Friedrich so lange gewesen und hätte mit diesem Praktiken gemacht, was doch niemals geschehen ist; auch bin ich dazu zu ehrenhaft gewesen. Es pflegt aber an Fürstenhöfen so zu gehen, daß die Fuchsschwänzer groß und gewöhnlich sind. Ich hätte gern vom Herzog erfahren, wer es gewesen, aber Fürstliche Gnaden wollten mir es nicht sagen [...].

Als der Proviant an Getreide und andern ziemlich weg und nichts mehr im Vorrat war, mußte ich mich nach Proviant umtun. Nun hatte Heinrich Schweinichen von Thomaswaldau eine Anzahl alter Schafe, die sonst niemand kaufen wollte, und ich konnte auch sonst ohne Geld kein Vieh bekommen, weil kein Geld bei uns vorhanden war. Derowegen befahlen Seine Gnaden mir, mit meinem Vetter um die alten Schafe zu handeln, ich machte auch den Kauf mit ihm ab, für jedes Stück zwanzig Weißgroschen zu zahlen, und es waren dreihundertfünfundzwanzig Schafe. Da ich nun über den Kauf einig bin, will er sie ohne Geld oder Bürgschaft nicht verabfolgen, will auch mich zum Bürgen nicht annehmen; darum mußte ich zurück und meinem Herrn dies vermelden, womit Sie gar übel zufrieden waren, daß man Ihnen nicht traute. Sie schrieben derowegen mit eigenen Händen an Schweinichen und begehrten, daß er auf Fürstlicher Gnaden Revers die Schafe verabfolgen lasse. Es konnte aber nicht sein, sondern Schweinichen entschuldigte sich. Darüber war der Herzog noch mehr erbittert, und weil wir nichts als Pilze und Heidelbeeren zu essen hatten, befahlen Seine Fürstliche Gnaden, ich sollte auf Mittel denken Bürgschaft zu stellen. Da ich nun früher beim Rat zu Löwenberg um ein Darlehen von dreihundert Talern für Fürstliche Gnaden angehalten, auch gute Vertröstung erhalten hatte, so zog ich zu den Herren von Löwenberg und bat wieder um das Anlehen von dreihundert Talern, sie aber entschuldigten sich. Zuletzt setzte ich durch, daß sie einwilligten für die Schafe Bürgen zu werden, wofern ich ihnen wieder Bürge für den Schaden werden wollte. – Das lehnte ich ab, bat aber, sie möchten Seiner Fürstlichen Gnaden trauen, sie würden nicht im Stich gelassen werden. So beredete ich den Rat, daß sie für die alten Höken auf ein halbes Jahr mit ihrem Siegel bürgten. Und wir bekamen wieder Proviant an den alten Schafen. Diese wurden denn oft auf achterlei Arbeit zubereitet, Pilze auf dreierlei Art, Heidelbeeren auf zweierlei. Damit mußten sich Fürstliche Gnaden und wir alle behelfen und schlechtes Goldberger Bier dazu trinken. Unterdes kam der Herbst heran, und jetzt konnten wir Vögel bekommen. Als ich nun aber Dohnen im Walde legen ließ, hatte ich großes Kreuz mit dem Gesinde, denn ein jeder wollte in den Wald laufen und sich Vögel holen. Obgleich es nun Seine Fürstliche Gnaden selbst verboten, wollte sich doch niemand daran kehren, so daß ich den Junkern deshalb in der Hofstube Arrest geben und das Gesinde in den Turm setzen mußte. Ich kam deshalb in große Ungunst, und es wollte doch wenig helfen. Fürstliche Gnaden gingen alle Morgen selbst hinunter und holten Vögel, das war so auch meine Kurzweil. Sonst war die Zeit ziemlich langweilig, obwohl ich nicht viel Ruhe hatte, da ich Proviant zu schaffen hatte und mich darum sehr bemühen mußte. –

Indem nun Fürstliche Gnaden sahen, daß es schwer war, sich auf dem Gröditzberg zu erhalten und von Herzog Friedrich auch kein Deputat bekommen konnten, wurde der Arnsdorfer Teich früher gefischt als sonst, und mein Herr bekam Nachricht, daß in den Zügen etliche Schock Karpfen gefangen wären und in Behältern ständen. Deshalb befahlen sie mir etliche Wagen zu bestellen, und Fürstliche Gnaden ritten selbst mit fünfzehn Rossen nach Arnsdorf. Da es ziemlich am Abend und niemand als der Teichwächter bei den Hältern zu finden war, so ließen Fürstliche Gnaden aus den Hältern allerlei Fische aufladen, soviel sie auf die fünf Wagen bringen konnten, und zogen damit dem Gröditzberg zu.

Während der Herzog über den Fischen lud, kommt das Geschrei nach Liegnitz. Darauf kommen Kessel, der Burggraf, und Hans Tschammer, Stallmeister, mit fünf Rossen gerannt, zu wehren, daß Fische weggeladen würden, aber zu langsam, denn die Wagen mit den Fischen waren zum größten Teil weg. Auch sahen sie, daß Fürstliche Gnaden in Person da waren und stärker als sie. Dazu gaben Fürstliche Gnaden ihnen auch kein gutes Wort, rückten dem Kessel an die Seite und sagten: wo er ein Wort verlauten lasse, das ihm nicht gezieme, so solle er sein Gefangener sein und solle finden, daß der Herzog mit ihm als einen Rebellen tun wolle. Deshalb mußten sie fünf gerade sein lassen und dankten Gott, daß sie so davonkamen.

Am folgenden Tag mußte der Teich wieder gefischt werden. Da erwartet Herzog Friedrich, daß Herzog Heinrich wiederkomme und mehr Fische hole. Deshalb zieht er in eigener Person aus und nimmt fünfundzwanzig reisige Rosse mit, desgleichen fünfzig Hakenschützen, die unter dem Damm in die Sträucher versteckt werden. Fürstliche Gnaden aber bleiben zu Hause und schickten mich und einen Ausländer, Hans Fuchs, einen Landsknechthauptmann, nebst sechs Rossen nach Arnsdorf mit dem Auftrag, Herzog Friedrich freundlich zu grüßen. Was mein Herr am vorigen Tage von Fischen selbst weggeführt hätte, dazu hätte ihn die Not gezwungen, und er bitte, es ihm nicht übelzunehmen. Herzog Friedrich sollte es an dem schuldigen Deputat abrechnen, und Fürstliche Gnaden bäten freundlich, noch mehr Fische auf das Deputat verabfolgen zu lassen.

Herzog Friedrich aber sah sauer, zog die Stirn sehr kraus und gab selber Antwort: Für den Gruß Fürstlicher Gnaden, wenn er aus brüderlichem Herzen geschähe, danke er. Daß ihm vor zwei Tagen die Fische aus dem Hälter weggeführt worden, das sei ihm schmerzlich, und wäre er dazugekommen, so würde nichts Gutes entstanden sein. Er war ganz unfreundlich und sprach: er werde keine Fische mehr verabfolgen lassen, und sollten mehr Fische mit Gewalt abgeholt werden, so werde er es auch mit Gewalt wehren. – So schied ich von Herzog Friedrich und sprach Kessel um ein Gericht Fische an, wir wollten zu Perschdorf frühstücken. Darauf befahl Herzog Friedrich sogleich, man sollte mir geben, was ich haben wollte.

Wie ich nun zu meinem Herrn mit solcher Antwort komme, sind mein Herr übel zufrieden und machen allerlei Anschläge und wollen die Fische mit Gewalt nehmen. Indes bekommen Sie Kundschaft, daß Herzog Friedrich den nächsten Tag wieder fischen und wieder eine Guardia bei sich haben würde. Da sagte mein Herr zu mir: »Hans, wir müssen einen Spaß angeben, mache Rechnung, wieviel wir zu Rosse aufbringen können. Wir wollen hinunter und Herzog Friedrich beim Arnsdorfer Teich ein wenig erschrecken.« – Ich wollte aber nicht beistimmen und verwarf solchen Anschlag Seiner Fürstlichen Gnaden gänzlich, denn die Herzen würden dadurch sehr gegeneinander erbittert werden. So hätte auch Herzog Friedrich polnisch Gesinde vom Adel bei sich, und sie wären stark. – Fürstliche Gnaden aber wollten es nicht aufgeben, sondern versprachen mir, keinem Menschen ein böses Wort zu geben, ich würde aber wohl sehen, wie er Herzog Friedrich und die Seinigen jagen werde. Darauf machte ich Rechnung, daß wir mit neunzehn Rossen, drei Trompetern, sechs Hakenschützen und zwei Lakaien herunterreiten könnten; mit solcher Anzahl waren Herzog Heinrich zufrieden und befahlen mir, noch einen Wagen mit Fischfässern mitzunehmen, Herzog Friedrich werde ja nicht so grob sein und werde ihm doch etliche Fische verehren. Am Morgen früh zogen Fürstliche Gnaden vom Berg nach Perschdorf. Dort erhielten sie Kundschaft, daß Herzog Friedrich in einem Kähnchen auf dem Teich fahre. Darauf sagten Fürstliche Gnaden zu mir: »Hans, jetzt ist es Zeit, rücke vor.« Nun hatte Herzog Friedrich an des Dammes Ende eine Schildwache gestellt, sobald sie etwas merkte, sollte ein Schuß die Losung sein. Sobald dieser Schuß von dem Herzog Friedrichischen Mann ergeht, lasse ich einen Trompeter blasen und dann einen um den andern, und hernach alle drei zusammen. Da hat sich, wie mir später berichtet worden, ein großer Tumult erhoben, und Herzog Friedrich und ein jeder Diener haben nach ihrer Rüstung geschrien. Und dem Herzog Friedrich im Teich war so bange worden, daß man ihn kaum ohne Ohnmacht hat herausbringen können. Zuletzt war er aus dem Kähnlein gesprungen und im Schlamm gewatet; so war er außer Atem gekommen. – Wie die Hakenschützen, die Herzog Friedrich bei sich haben, die Trompeter hören, so verlaufen sie sich in die Sträucher auf den Wiesen, und wie er nach den Schützen schreien läßt, ist keiner da. Da schoß dem Herzog Friedrich das Blatt, sie fallen auf ihre Klepper und jagen mit fünf Dienern schneller als Trab nach Liegnitz zu. Sobald die andern sehen, daß ihr Herr davonreitet, folgen die alle dem Modell nach, nur neun Rosse bleiben beim Hälter halten, darunter Leuthold von der Saale, Balthasar Nostiz und ein Muschelwitz. Als nun Fürstliche Gnaden ihnen nahe kommen, ziehen sie die Hüte ab, und mein Herr grüßt gnädig und fragt, wo ihr Herr wäre; da sagten sie, das wüßten sie nicht. Darauf antwortete mein Herr, er wäre nicht als ein Feind gekommen, sondern als ein Bruder. »Ich habe mir ein Fischfaß mitgenommen, in der Meinung, wenn ich mit meinem Bruder mich freundlich unterredet hätte, so würde er nicht unhöflich gewesen sein und mir ein Gericht Fische geschenkt haben. Und weil ich fremde Gäste bekommen werde, so will ich eine Mandel Haupthechte und drei Mandeln Zahlhechte und ein Schock Hauptkarpfen nehmen.« – Die, welche fischen sollten, verloren sich, und der von der Saale beteuerte noch, Seine Fürstliche Gnaden sollten keine Fische wegladen. Mein Herr aber fragte nichts danach, sondern zwang die Bauern, welche herzugelaufen waren, in die Hälter zu steigen und zu fischen. Und Fürstliche Gnaden lud die Fische selbst in die Fässer und befahl den Junkern, Herzog Friedrich zu sagen, er hätte vor ihm und seinem Kriegsvolk nicht fliehen dürfen, er sei in freundlicher Meinung gekommen, aber man sehe wohl, ein böses Gewissen ließe sich nicht verbergen. Herzog Friedrich sollte morgen auf den Gröditzberg kommen und die Fische essen helfen. »Wenn aber euer Herr nicht kommen will, so kommt ihr, wenn ihr redliche Leute seid; und seid nicht mehr furchtsam, wie euch heute geschehen.« Hernach sagte Fürstliche Gnaden zu mir: »Hans, habe ich dir's nicht zuvor gesagt, ich wollte meinen Bruder jagen? Wie gefällt es dir? Ich will ihn auch so von Liegnitz wegjagen, es wird nicht lange dauern.«

Soweit Schweinichen. – Niemand dachte daran, den Herzog Heinrich auf der Gröditzburg anzugreifen. Er selbst wurde, als der Winter herankam, dieser Kaprice überdrüssig und beschloß wieder eine Reise durch Deutschland zu machen, was Schweinichen sehr verständig widerriet, dann aber seinen Witz anstrengte, das Geld dafür zu schaffen. – [...]

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