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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 25
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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XV
Aus einem Patrizierhause

(1526. 1598)

Die Städter. – Bessere Zucht durch Obrigkeit und Geistliche, größere Sicherheit. – Händel. – Die Patrizier als die Reichen und Gebildeten. – Verminderung des deutschen Großhandels. – Bericht des Hans Schweinichen über den Reichtum der Fugger. – Ihre Frauen. – Charitas Pirkheimer und Argula von Grumbach. – Frauenbriefe aus der Familie Glauburg

Der Städter empfand überall die Zucht des reformierten Landes. Ob er in größerer Reichsstadt oder unter einem Landesherrn wohnte, ihm wurden zahlreiche – oft gedruckte – Ordnungen zuteil, in denen die Obrigkeit rührig war für Sitte und Sicherheit der Stadt zu sorgen. Ordnungen regelten die Feuerpolizei, den Verkehr der Märkte, den Wert der Münzen, in teurer Zeit die Preise der Lebensmittel, Arbeit und Privilegien der Innungen, sogar die Apothekertaxen und den Dienst der Hebamme. Für die Stadtschulen, welche überall eingerichtet waren, wurden Lektionspläne verfertigt, bei den lateinischen Schulen auch durch Druck verbreitet. Vor allem aber wurde der Aufwand bei allen Familienfeierlichkeiten, die Standesrechte an Kleiderstoffen und Schmuck nach alter Sitte eifrig überwacht. Der Obrigkeit halfen die Seelsorger. Jeden Sonntag, ja öfter in der Woche hörte jetzt der Bürger Predigten, in denen der gelehrte Geistliche die theologischen Streitfragen scharf und eigensinnig erörterte, aber auch als Sittenlehrer strafend in die Gewissen sprach und den Weltlauf beurteilte. Überall wurde eine strengere Überwachung des Lebens fühlbar und die alte Zügellosigkeit wirksam gedämpft. Aber auch die Kunde des Bürgers von der Fremde wurde größer, die populäre Literatur der kleinen Büchlein unterrichtete ihn von vergangener Zeit, trug Neuigkeiten aus anderen Ländern zu und teilte ihm neben Streitschriften und Prophezeiungen auch medizinischen Rat, Kunstgriffe des Handwerks und neue Lieder mit. Weit besser war sein Verständnis heimischer Zustände geworden, viel reicher auch der Ausdruck seiner Stimmungen in der Rede, sicherer und klarer seine Gedanken. Und man darf sagen, der kleine Bürger hatte seit dem Jahre 1550 verhältnismäßig nicht geringeren Anteil an der Zeitbildung als in der Gegenwart.

Die größere bildende Arbeit, welche Obrigkeit und Kirche an ihm übten, förderten unleugbar sein gesetzliches Verhalten, dieselbe Polizei verringerte ihm auch das stolze Bewußtsein der Unabhängigkeit. Da weit mehr regiert wurde als sonst, gewöhnte er sich allmählich an Befehle, die Hoheit seiner Gebieter wurde ihm jeden Tag fühlbar. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts war sein Hauptinteresse auf den kirchlichen Kampf gerichtet, in ruhigeren Jahrzehnten nach dem Schmalkaldischen Krieg bemerkte er mit Behagen die bessere Sicherheit seiner Frachtwagen auf der Landstraße und wahrscheinlich mit nicht geringerer Freude, daß er nicht mehr alljährlich nötig hatte, mit Hellebarde und Donnerbüchse aus den Toren zu ziehen, um ein Raubnest einzuschließen. Seine Kriegstüchtigkeit wurde dadurch geringer, er begann als kritischer Zuschauer den Streit der Großen zu betrachten. Nicht ohne Störungen. Noch waren die Händel und Prozesse mit Nachbarstädten und mit dem umwohnenden Adel häufig, auch untreue Bürger oder rachsüchtige Fremde sandten der Stadt zuweilen einen Fehdebrief in die Mauern, der Türmer hielt seinen Rundgang unter der Spitze des Turmes, und sein Amt galt für unentbehrlich, jeden Abend wurden die Tore sorglich geschlossen. [...]

An jedem Markttag strichen die Zunftgenossen spionierend umher und sandten ihre Leute auf die Dörfer, um Pfuscher und Bönhasen zu erspähen, welche den Bauern ohne Berechtigung Schuhe und Kleider fertigten; die Tyrannei, welche die Gewerke der Stadt auf die Umgegend ausübten, wurde dem Lande sehr ärgerlich. Dennoch vermochten die Zünfte nicht dem Bedürfnis des gesteigerten Verkehrs zu genügen, fremde Krämer wurden zahlreicher und zudringlicher, im Norden wußten die unzünftigen Schotten sich festzusetzen, im Süden wurde der Handel der Juden trotz aller Bedrückungen umfangreicher. Auch die Händel zwischen Zünften und Rat störten häufig den Frieden der Stadt; in den großen Reichsstädten war die Bedeutung der Patrizierfamilien wieder gewachsen, zumal seit dem Schmalkaldischen Krieg die Habsburger das Regiment der Geschlechter begünstigten, unter denen sie die eifrigsten Anhänger zählten. Im ganzen wurde doch der größere Schutz der heimischen Existenz überall Quelle eines Gedeihens, welches dem kleinen Bürger am meisten zugute kam, in seiner Innung, der Zechstube und dem Bannring seiner Stadt. Weit schneller floß das Geld durch das Land und gab dadurch vielen das Gefühl des Wohlstandes und leichter Nahrung. Im Hause des Bürgers war Gerät und Einrichtung reichlicher geworden, die meisten Genüsse aus der Fremde wurden durch die bessere Wegsamkeit der Straßen und stärkeren Verbrauch billiger. [...]

In den Patrizierfamilien der größten Reichsstädte konzentrierte sich weltmännische Bildung, Wohlstand und die Freude am Genuß, welche sich oft in schlechtem Raffinement äußerte, aber auch Kunst und Handwerk zu den besten Leistungen ermutigte. Was damals von Schönheitssinn zu finden war, wird man vorzugsweise in diesen Kreisen suchen müssen. Während in den größern Städten der Schweiz, den niederländischen Provinzen und den Seeplätzen der deutschen Hansa das Patriziertum eigentümliche weltbürgerliche Richtung erhielt, waren es vorzugsweise die großen Handelsstädte Süddeutschlands und unter diesen wieder Nürnberg, Augsburg, Ulm, Frankfurt am Main und Köln, deren alte Häuser den größten Einfluß auf Luxus, höhere Industrie und gelehrte Bildung der Deutschen ausübten. Die Mitglieder der alten Geschlechter waren immer noch die einflußreichsten Bürger, gewöhnt, große Geschäfte zu leiten, die höchsten Interessen zu vertreten; dabei in der Regel Kaufleute oder große Grundbesitzer. Aus ihren Familien wurde ein Teil der Kirchenpfründen besetzt, sie gewöhnten sich zuerst, ihre Söhne in Italien, dem Land ihrer Geschäftsfreunde, die Rechte studieren zu lassen, sie bereiteten im Anfang der neuen Zeit der humanistischen Bildung in Deutschland die ersten behaglichen Stätten. Häufig waren sie Geschäftsführer, Ratgeber, Vertraute der deutschen Fürsten. Ihre großen Familien, durch häufige Verschwägerungen nicht weniger als durch gemeinsame Handelsinteressen miteinander verbunden, hatten ihre Fäden überall angeknüpft; sie vorzüglich bestimmten die deutsche Politik der Reichsstädte, und sie hätten einen entscheidenden Einfluß auf die Neugestaltung des deutschen Lebens ausüben müssen, wäre ihr Wesen nicht vorzugsweise konservativ, ihre Interessen nicht zuweilen undeutsch gewesen.

Sie repräsentierten die Geldmacht Deutschlands, bei ihnen wurden von Kaiser und Fürsten Anleihen gemacht, sie vermittelten den größten Teil des Geld- und Wechselverkehrs, soweit ihn nicht die Juden in der Hand hielten. Die großen Häuser der Fugger, Welser und ihrer Mitteilnehmer bildeten Handelskompanien, welche nicht nur nach Italien und der Levante, auch über Antwerpen und den Atlantischen Ozean durch ihre Kapitalien Einfluß übten, Handel trieben. Bei ihnen monopolisierte sich der deutsche Handel nach Ost- und Westindien, sie kauften ganze Jahresernten vom König von Portugal, verbanden sich mit spanischen Häusern zu umfangreichen Spekulationen, unternahmen eigene Fahrten nach Kalkutta und in unerforschte Länder und bestimmten ohne Konkurrenz die Preise für Zucker und Gewürze des Orients. Ja die Welser waren unter Karl V. Regenten des Staates Venezuela.

Diese Herrschaft des Kapitals wurde von Fürsten und Volk mit großem Widerwillen angesehen. Es ging durch die Warengesellschaft sehr viel Geld aus dem Lande, und Teuerung aller Luxusgegenstände wurde durch sie verursacht. So war die allgemeine Klage. Denn die Verminderung des Geldwertes, welche seit Einführung des amerikanischen Goldes eintrat, wurde nur als Steigerung aller Preise aufgefaßt, und die Kaufleute galten für die Schuldigen. Nicht nur Hutten, welchem die Vorurteile seiner Standesgenossen tief im Fleisch saßen, auch die Reichstage eiferten gegen die Macht der großen Geldgesellschaften. Ebenfalls ohne Erfolg. Auch im Volk war die Antipathie allgemein, und die Reformatoren teilten die Ansicht ihrer Zeitgenossen über die Schädlichkeit solcher Herrschaft des Kapitals.

Noch läßt sich erkennen, daß auch die Häuser dieser großen Handelsfürsten nicht alle dieselbe Physiognomie hatten. Von den Augsburgern z. B. waren die Welser schon um 1512 im Interesse Reuchlins zu Rom tätig, und ihrem unsichtbaren Einfluß hatte der große Gelehrte vielleicht mehr die Erlösung aus den Händen der Dominikaner zu danken, als den rhetorischen Kunstwerken seiner begeisterten Verehrer in Deutschland. Dagegen galten die Fugger dem Volk vorzugsweise als rücksichtslose Geldmänner und Romanisten, als Feinde Luthers und Freunde Ecks, auf dem der Verdacht lag, in ihrem Solde zu stehen; denn sie besorgten die Geldgeschäfte des Kurfürsten Albrecht von Mainz und der römischen Kurie, und ein Kommis der Fugger begleitete den Ablaßkasten des Tetzel und kontrollierte die eingehenden Beträge, auf welche das Bankierhaus dem Erzbischof von Mainz Vorschüsse gemacht hatte. Es war vielleicht die beste Unterstützung Kaiser Karls V., daß die Interessen dieses mächtigen Hauses im ganzen mit den seinigen zusammenliefen. Dem Volk dagegen wurde die »Fuggerei« das zur Zeit Luthers gewöhnliche Wort für Geldwucher.

Und doch lag etwas gefahrdrohend über dem Verkehrsleben Deutschlands, was der stärksten Kraft der Kaufherren von Augsburg und Nürnberg, von Köln, Hamburg und Lübeck unüberwindlich blieb. Der Weltverkehr hatte neue Straßen gefunden, und neue Völker, die Niederländer, Engländer, Nordländer, gewannen die Herrschaft in den Meeren, der italienische Handel von Augsburg, Ulm und Nürnberg führte nicht mehr vorzugsweise die Schätze des Südens dem europäischen Norden zu. Die großen deutschen Handelskompanien vermochten auf die Länge nicht gegen die junge Kraft der Börsen von Amsterdam und London das Übergewicht zu behaupten. Die Deutschen entbehrten eine Seemacht, wie sie jetzt gebraucht wurde, das Reich war für den Völkerverkehr ein Binnenland geworden. Der Reiche wurde nicht arm, und es fehlte nicht Gelegenheit zu lohnendem Gewinn, aber die größten Geschäfte der süddeutschen Häuser wurden Bankiergeschäfte, welche Fürsten und Städten Geld zuführten gegen vorteilhafte Verpfändung von Grundbesitz und Einnahmen.

Dieses Stocken des Großhandels, welches den alten Reichtum der Binnenstädte zumeist betraf, nahm dem Patrizier am Ende des 16. Jahrhunderts einiges von der Energie früherer Zeit. Der Geschäftsverkehr war ruhiger, die Söhne alter Familien gewöhnten sich, in dem Wohlstand, den die Väter erworben, vornehmes Haus zu halten. Aber auch als Genießende blieben sie den Städtern, was die Fürsten für ihre Landschaft waren, die Stolzen und Prächtigen, in Verkehr mit einflußreichen Männern aus ganz Europa Gönner der Kunst, Sammler von Kuriositäten und Büchern, Agenten und vertraute Geschäftsmänner der Fürsten. Welchen Eindruck ihr Reichtum und der Schmuck ihrer stattlichen Häuser auf Edelleute aus ärmerer Landschaft machte, davon gibt der Bericht des Hans von Schweinichen aus dem Jahre 1575 ein ergötzliches Bild.

Als damals der liederliche Herzog Heinrich von Liegnitz mit seinem Haushofmeister in Augsburg war, erschien den Schlesiern der Glanz des Fuggerschen Hauses märchenhaft. Schweinichen, der im Verzeichnen von Geldsummen und Preisen genauer ist, als bei den unendlichen Schulden seines Herrn nötig war, erzählt darüber folgendes:

Es lud Herr Marx Fugger Se. Fürstliche Gnaden einst zu Gaste. Ein dergleichen Bankett ist mir sobald nicht vorgekommen, daß auch der Römische Kaiser nicht besser traktieren könnte; es war dabei überschwengliche Pracht. Das Mahl war in einem Saal zugerichtet, in dem man mehr Gold als Farbe sah. Der Boden war von Marmelstein und so glatt, als wenn man auf dem Eise ging. Es war ein Kredenztisch aufgeschlagen durch den ganzen Saal, der war mit lauter Trinkgeschirren besetzt und mit merkwürdigen schönen venetianischen Gläsern, er sollte, wie man sagt, weit über eine Tonne Gold wert sein. Ich wartete Se. Fürstlichen Gnaden beim Trinken auf. Nun gab Herr Fugger Sr. Fürstlichen Gnaden ein Willkommen, ein künstlich gemachtes Schiff vom schönsten venetianischen Glas; wie ich es vom Schenktisch nehme und über den Saal gehe, gleite ich in meinen neuen Schuhen, falle mitten im Saal auf den Rücken, gieße mir den Wein auf den Hals; das neue rotdamastne Kleid, welches ich anhatte, ging mir ganz zu schanden, aber auch das schöne Schiff zerbrach in vielen Stücken. Obgleich nun bei männiglich ein groß Gelächter war, wurde ich doch berichtet, daß der Herr Fugger unter der Hand gesagt, er wollte lieber hundert Gulden als das Schiff verloren haben. Es geschah aber ohne meine Schuld, denn ich hatte weder gegessen noch getrunken. Als ich aber später einen Rausch bekam, stand ich fester und fiel nachher kein einziges Mal, auch im Tanze nicht. Dabei waren die Herren und wir alle lustig. Der Herr Fugger führte Se. Fürstliche Gnaden im Hause spazieren, einem gewaltig großen Hause, so daß der Römische Kaiser auf dem Reichstag mit seinem ganzen Hof darin Raum gehabt hat. Herr Fugger hat in einem Türmlein Sr. Fürstlichen Gnaden einen Schatz von Ketten, Kleinodien und Edelsteinen gewiesen, auch von seltsamer Münze und Stücken Goldes, die köpfegroß waren, so daß er selbst sagte, er wäre über eine Million Gold wert. Danach schloß er einen Kasten auf, der lag bis zum Rand voll von lauter Dukaten und Kronen. Die gab er auf zweihunderttausend Gulden an, welche er dem König von Spanien durch Wechsel übermacht hatte. Darauf führte er Se. Fürstliche Gnaden auf dasselbe Türmlein, welches von der Spitze an bis zur Hälfte hinunter mit lauter guten Talern gedeckt war. Er sagte, es wären ohngefähr siebenzehntausend Taler. Dadurch erwies er Sr. Fürstlichen Gnaden große Ehre und daneben auch seine Macht und sein Vermögen. Man sagt, daß der Herr Fugger soviel hätte, ein Kaisertum zu bezahlen. Er verehrte mir wegen des Falls einen schönen Groschen, der ohngefähr neun Gran schwer war. Fürstliche Gnaden versahen sich auch eines guten Geschenkes, aber damals bekamen sie nichts als einen guten Rausch. Gerade damals versagte der Fugger einem Grafen seine Tochter, und man erzählte, daß er ihr außer dem Schmuck zweimalhunderttausend Taler mitgäbe.

Da bei Sr. Fürstlichen Gnaden wenig Geld vorhanden war, schickte mich mein Herr zu Herrn Fugger, viertausend Taler von ihm zu leihen. Er schlug aber solches gänzlich ab und entschuldigte sich ganz höflich. Am andern Tag aber schickte er seinen Hofmeister zu mir, ihn bei meinem Herrn anzusagen. Da ließ er Sr. Fürstlichen Gnaden zweihundert Kronen und einen schönen Becher von achtzig Taler Wert, dazu ein schönes Roß mit schwarzsamtner Decke verehren.

Neben der Richtung auf äußern Glanz stand im Anfang des Jahrhunderts in vielen Patrizierfamilien ein reicheres Leben. Die Häuser der Peutinger in Augsburg, Pirkheimer in Nürnberg waren Mittelpunkte für die edelsten Interessen der Nation, die Hausherren Männer von ansehnlichem Reichtum, Gutsbesitzer und Kaufherren, Staatsmänner und Kriegsleute, zugleich Gelehrte mit eigener Forschung. Für solche Familien malte Albrecht Dürer seine besten Gemälde, zu ihnen pilgerten die reisenden Humanisten, jeder elegante Vers, jedes männliche und geistvolle Wort wurde dort zuerst herzlich gewürdigt. Als Ratgeber und Förderer in weltlichen Geschäften, als mitteilende Eigentümer kostbarer Bibliotheken und der ersten Antikenkabinette, als liberale Gastfreunde im reichlichen Haushalt wußten sie zu ehren, wer ihnen Geist, Wissen, Bildung in das Haus brachte.

In diesen Familien erhielten auch die Frauen häufig eine Bildung, welche über die Bekanntschaft mit Spinnrocken, Küche und Gebetbuch hinausging. Was in den Schlössern der Fürsten und in den Höfen des Landadels selten war, das wurde hier der Tochter möglich: ein herzliches Interesse an der Wissenschaft und Kunst, für welche die Freunde des Hauses arbeiteten. Auch für uns liegt ein besonderer Reiz auf den ersten Frauengestalten, welche durch das Morgenlicht der neuen Bildung verklärt sind. Konstanze Peutinger, die für Hutten den Lorbeerkranz flocht, Charitas Pirkheimer, die leidensreiche Äbtissin des Klarenklosters zu Nürnberg, später Philippine Welser, die Gemahlin des Kaisersohns, alle gehören den Kreisen deutscher Patrizier an.

Zumal wenn eine Frau sich damals selbsttätig in den literarischen Kampf hinauswagte, ward ihr das wohl zum Verhängnis. Es geschah selten genug. Die bekanntesten, Charitas Pirkheimer und Argula von Grumbach, geborene von Stauffen, erfuhren beide, wie bitter es für Frauen ist, an dem Streit der Männer teilzunehmen. Die katholische Charitas schrieb einen Brief der Verehrung an Emser und mußte erleben, daß dies Schreiben durch die lutherische Partei mit schnöden Randglossen wieder abgedruckt wurde. Die lutherische Argula, Freundin Spalatins, sandte einen belehrenden Brief an Rektor und Universität von Ingolstadt, als diese ein Mitglied ihrer Korporation, den Arsatius Seehofer, durch Gefängnis und Androhung des Feuers gezwungen hatten, siebenzehn Ketzereien zu widerrufen, welche er nach Melanchthons Schriften den Studenten vortrug. Argula nahm sich des Magisters tapfer an, den sie achtzehnjährig und noch ein Kind nennt, und erbot sich, selbst nach Ingolstadt zu kommen und die gute Sache gegen die Universität zu verteidigen. Dafür wurde sie in Versen boshaft befehdet, auf die sie sich allerdings in Gegenreimen tapfer verteidigte. Die letzten Lebensjahre der Charitas und ihres milden Bruders wurden durch rohe Angriffe des protestantischen Pöbels und seiner Prädikanten verbittert, Argula ward vom bayerischen Hof verbannt, ihr Mann seines Hofdienstes in Ungnade entlassen. Beide Frauen haben einiges gemeinsam, die harmlose Eitelkeit, in welcher die katholische Äbtissin ihrem Latein zierliche Phrasen, die lutherische Rittersfrau ihrem Deutsch fromme Bibelsprüche einzuflechten liebt. Beide leben in Täuschung über die Autorität der Worte, welche sie dem Publikum gönnen. Aber während Charitas mehr von einer schönen Seele hat, die sich aus der gemeinen Wirklichkeit in den stillen Verkehr mit verwandten Geistern zurückzieht, ist die Rittersfrau tapferer, unternehmender und fehdelustiger. Von der Äbtissin des Klarenklosters hielt Luther wenig; ob er seine eigene Parteigängerin von Herzen verehrte, wissen wir nicht. Er ließ sie öfter artig grüßen, schrieb ihr auch wohl einmal in Antwort auf ihre häufigen Briefe und vernahm abwehrend, aber mit Anteil, wie sehr sie sich für seine Verheiratung interessiere. Als er aber im Jahre 1530 auf der Feste Coburg verborgen lebte und die literarische Dame sich nicht versagen konnte, den hochverehrten Mann zu besuchen, schrieb Luther noch an demselben Tage an Melanchthon, er werde das Gerücht seiner Abreise verbreiten, um dergleichen Besuche in seinem Versteck loszuwerden.

Zu den angesehensten Patriziergeschlechtern in Frankfurt am Main gehörten die Glauburgs. Mit Männern dieser Familie war Hutten befreundet gewesen: er hatte einmal den schönen Traum gehabt, sich in Frankfurt niederzulassen und eine Verwandte seiner Freunde zu heiraten. Auch den Feuergeist Huttens hatte der stattliche Wohlstand, das gebildete Leben dieser Geschlechter mächtig angezogen, er selbst widerspricht eifrig dem Verdacht, als wolle er die Neuvermählte mit sich auf das Felsennest seiner Familie in die Wildnis hinaus nehmen. Vorsichtiger, als sonst seine Art war, warb er um das Mädchen, damals war Arnold von Glauburg sein Vertrauter. Es war ein kurzer Traum, bald riß ihn sein Schicksal hinweg. In diese Patrizierfamilie aber sollen die folgenden Frauenbriefe einführen. Das erste ist der Brief einer Mutter an ihren Sohn, worin sie ihm ein Mädchen zur Gattin empfiehlt, um ihn aus dem revolutionären Wittenberg und aus der Nähe Luthers fortzuziehen. Ein Brief, charakteristisch für die Stellung der Frauen in der Familie, das Schreiben einer Frau von Energie und klugem Sinn, welche zu herrschen gewöhnt und nicht ohne Neigung zu Intrigen ist. Ihr Sohn ist der Neffe jenes Arnold von Glauburg, Sohn des Johann, welchem Hutten mit herzlichem Gruß seinen Dialog Febris zusandte.

1526
Margarete HorngMargarete Horng von Ernstkirchen, zweimal vermählt, zuerst mit Dr. Johann von Glauburg zu Lichtenstein, dann mit Weicker Frosch, beide Geschlechter von Frankfurt. aus Frankfurt
an ihren Sohn Johann von Glauburg in Wittenberg

Meinen freundlichen Gruß zuvor, lieb Johann, wisse, daß wir noch allsammen gesund sind, Gott hab' Lob und Dank, also hoffe ich auch von Dir zu hören. Lieber Johann, nachdem ich Dir in dem letzten Brief geschrieben hab', daß Johann Knoblauchs Hausfrau gestorben ist, der Gott gnädig sei. Sie war meine gute Freundin, es hat mir ihr Tod wohl so weh getan wie meiner beiden seligen Hauswirte Absterben, wodurch mir doch groß Leid geschah ; aber was Gott will, darin muß man Geduld haben. Ich und sie sind in einem Jahre hergekommen und haben uns auch so freundlich zusammengehalten, daß keine die andere mit einem Worte erzürnt hat. Sie hat mir auch ihre zwei Töchter auf ihrem Todbett so befohlen, als ob ich ihre Schwester wäre, daß ich ihre Ausstattung besorgen soll, wenn ich erlebe, daß sie sich verändern. Die eine ist jetzt mannbar und ist eine feine gerade Jungfrau, sie ist in der Länge wie Deine Stiefschwester Anna, wie sie auch heißt, und ist eine feine Haushälterin, wem sie zuteil wird, der wird sicher ihrethalb nit verderben. Ich verseh' mich wohl, ihr Vater wird sie bald verändern, denn es sind drei da, die um sie werben, zwei Edelmänner, und der dritte Johann Wolf Rohrbach, der Frau Ursula zu der grünen TürDie Rohrbachs ebenfalls ein Frankfurter Geschlecht. Die Mutter des jungen Rohrbach war Ursula von Melam, nach ihrem Hause zur grünen Tür benannt. Sohn, der ist jetzt groß und ist seit Ostern bei der Mutter. Wiewohl er nit mehr denn neunzehn Jahr alt ist, so ist doch seine Mutter mit seinen Freunden des Willens, wenn es ihm in dem Hause geraten möchte, so würde sie ihn verändern, dieweil sie noch am Leben ist. Denn es weiß jetzt niemand, wo man mit den Söhnen hin soll, daß sie lernen und studieren, was der Seele Heil sei, daß sie nit verführt werden; und auch wenn sie lange studieren und viel Geld vertun, so bringt es ihrer manchem nit immer Nutzen, und wär' ihm vielleicht nützlicher, daß er bei seiner angeborenen Ehrbarkeit bliebe, die er von Gott hat, als daß er viel studiert und die Schriften nit recht versteht, und daß ihn dann der Teufel durch Hoffart verführe und andere mit ihm, die ihm glauben, dieweil er gelehrt ist und auch das Schwatzen wohl versteht. Ein solcher führt das Volk gar in großen Irrtum. Davon wollt' ich Dir gar viel schreiben, aber ich hab' Dir es in dem letzten Brief vor diesem verheißen, ich wollte dir nit mehr davon schreiben, und will es auch nit tun, dieweil Du in Wittenberg bist; aber Du wähnst, Du seist gar wohl in Wittenberg aufgehoben, Gott gebe, daß es wahr sei, Du wirst es wohl erfahren. Ferner, lieb Johann, so wisse, warum ich Dir jetzt also schreibe – – eine ehrliche Person hat mit mir jetzt geredet, des Johann Knoblauchs Hausfrau habe ihrem Hauswirt befohlen, wenn du mit samt Deiner Freundschaft seiner Tochter begehrst und die Tochter einen Willen dazu habe, so soll sie der Vater Dir vor andern geben. Darauf hab' ich zur Antwort gegeben, ich wisse Deine Neigung nicht und wollte Dir schreiben und wollte Dir zu wissen tun; was mir dann von Dir zur Antwort werde, das wollt' ich dieselbe Person wissen lassen. Darum, lieb Sohn, so laß ich Dich wissen, daß mir die Jungfrau wohl gefällt mit allem ihrem Wesen, besser als eine andere, die ich jetzt weiß, so ist auch die Mutter eine ehrbare, feste Frau gewesen. Woran ich ein viel besseres Gefallen habe, da sie nicht von einer wankelmütigen Art ist. Denn wer nit eine geschickte, feste Frau hat, sei sie auch so fein und so reich als sie will, so wird doch ein armer, kümmerlicher Mann aus ihm. Darum, lieb Johann, wenn Du mir darin folgen willst, so wollt' ich Dir's mit aller Treue raten. – Zwar sind elf Kinder da zu versorgen, wovon ein Teil noch klein ist, es ist aber wohl möglich, daß ihrer weniger werden; so ist auch ein gutes Auskommen da und das Mehrteil liegende Güter. Darum, lieb Sohn, bedenke Dich, ich will Dich nit zwingen zur Veränderung, aber Du tätst mir gar einen großen Gefallen mit diesem Hause, denn ich sehe noch in langer Zeit keinen Ort, der mit allem, was darum steht, so gut für Dich wäre als dieser Ort. – Lieb Johann, wenn Du ein Gefallen daran hättest, doch so, daß Du gern wolltest, daß Du sie und sie Dich vorher sehen möchte, so komm in der Fastenmesse her mit der ersten Gesellschaft, die Dir gefällt, die durch sichere Straßen zieht, und laß es bei Dir bleiben und sag deiner Gesellen keinem davon. Bis ein oder zwei Tage vor deinem Weggange, dann sag es Justinian, daß Du heim willst. Aber Du sollst ihm nit sagen, weshalb Du heim wolltest, sondern Deiner Güter wegen, daß Du sie wieder bestellst, weil ich Dir so hart geschrieben hätte, daß ich Dir die nit mehr verwalten wolle nach den letzten drei Briefen, wie ich denn auch zu tun willens bin, wenn du mir in keinem Stück folgen willst. Auch hast Du wohl Ursach', daß Du ihm sein Wort abnimmst, auf daß es geheim bleibe. Lieb Johann, ich bitte Dich, Du wollst bedenken, wie die Zeitläufte jetzt sind, daß es sich zu dieser Zeit nit schicken will, lange unverändert zu bleiben. Ach gäbe doch mein Schwager, Herr HammannHammann von Holzhausen, Vater des Hieronymus, und der reiche Blasius von Holzhausen, aus einem adligen Geschlecht von Frankfurt., dem Justinian auch eine Frau zur Zeit, dieweil dieser nach seinem Gefallen lebt, es würde ihm keine Schande sein, damit es nit mit ihm zugeht wie mit seinem seligen Vetter Blasius, der hatte sich an die Büberei gewöhnt, und deshalb konnte ihn niemand zum Heiraten bringen, bis er alt wurde, und da hatte er keine Gesundheit und hat auch kein Kind verlassen, und seine Hausfrau hat sich wieder verändert, sie hat einen Edelmann, einen Schenk von Schweinsburg. Man sagt, sie werde bald Hochzeit machen, Gott geb' ihr Glück.

So weit der Brief. Der Wunsch der klugen Mutter wurde erfüllt, ihr Sohn kehrte, wie sie vorsichtig befohlen, nach Frankfurt zurück, er heiratete das Mädchen ihrer Wahl und lebte vierzig Jahre mit ihr in glücklicher Ehe.

Wenn auch von ihm und Anna Knoblauch keine weiteren Aufzeichnungen zugänglich sind, so sind doch in derselben Familie aus dem Ende des Jahrhunderts andere Nachrichten, welche in liebenswürdiger Weise das Verhältnis einer Braut zu ihrem Verlobten charakterisieren. Ein Enkel des Genannten, der reiche Patrizier Johann Adolf von Glauburg aus Frankfurt, lernte auf einem Besuch in Nürnberg die schöne Ursula Freher kennen, Tochter des Stadtsyndikus von Nürnberg und Schwester des berühmten Gelehrten und Staatsmannes Marquard Freher zu Heidelberg. Der Reiz und die Anmut des Mädchens wurden in ganz Schwaben gefeiert. Die folgenden Briefe sind während des Brautstandes von ihr an ihn, von Nürnberg nach Frankfurt geschrieben.

1598
I

Dem edlen und ehrenfesten Johann Adolf von Glauburg, meinem herzlieben Junker zu Händen.

Edler, ehrenfester, freundlicher und herzlieber Junker! Euer Schreiben samt der Kette hab' ich mit herzlicher Freude empfangen und Eure Gesundheit mit Freuden vernommen, und hab' nit gern gehört, daß Eure liebe Schwester und Sohn nit wohlauf sind. Gott der Allmächtige wolle es zur Besserung schicken, nach seinem göttlichen Willen. Amen. Was uns anlangt, so sind wir, gottlob, ziemlich wohlauf, Gott wolle uns beiden Teilen das länger erhalten. Herzlieber Junker! der Herr Vater hätte Euch gern geschrieben, doch ist uns Euer Schreiben gar spät zugekommen und der Bote am Tor will wieder fort, so daß es für diesmal nit sein kann, aber mit erster Gelegenheit wird es geschehen.

Herzlieber Junker! über die Kette mache ich euch keine Vorschrift; wie Ihr wollt, so bin ich's zufrieden, wie es Euch gefällt, so gefällt es mir auch. Diese Kette, welche ich hier habe, will ich fleißig aufheben, wenn Euch Gott zu uns hilft, so will ich sie Euch mit Gelegenheit wieder zustellen, die ist mir gar zu stattlich. Mit dem Maler, das ist fertig bis auf die Kleider, die malt er noch, er vermeint, in etwa zehn Tagen ganz fertig zu werden. Ich habe wohl Sorge, wenn das Bild zu Euch hinab kommt, so wird man sagen: dergleichen hätte der Junker wohl auch zu Frankfurt bekommen, er hätte so weit nit ziehen dürfen.

Was die Armbänder anlangt, die hab' ich nit bekommen, es ist noch gute Zeit, ich will aber danach schicken.

Herzlieber Junker! ich weiß Euch für diesmal nichts mehr zu schreiben, ich bitte Euch gar freundlich, Ihr wollt mit dem elenden Schreiben vorlieb nehmen. Es ist in der Eile zugegangen. Ein andermal will ich's besser machen.

Nichts mehr als: Ihr und Eure Lieben seid von mir und meiner Frau Mutter ganz freundlich gegrüßt und Gott dem Allmächtigen in seinen Schutz und Schirm befohlen. Datum den 12. September.

Eure liebe getreue allezeit Ursula Freherin.

2

Edler, ehrenfester, freundlicher, herzlieber, vertrauter Junker! Euch sei meine Treue und Liebe nebst meinem Gruß und Wünschung von allem Lieben und Guten zuvor. Euer Schreiben habe ich mit Freuden empfangen und daraus Eure und der Eurigen Gesundheit mit herzlicher Freude vernommen. Bei uns steht es so, daß wir dem treuen Gott zu danken haben, der sei ferner mit seiner Gnade bei Euch und uns allen. Amen. Was aber die Hochzeit anlangt, so hat sich der Herr Vater und Frau Mutter wiederum besonnen und wollen sie also, beliebt's Gott, auf den 13. November sein lassen, wie der Junker denn aus des Herrn Vaters Schreiben weitläufiger vernehmen wird.

Herzlieber Junker! aus Eurem Schreiben verstehe ich so viel, daß Ihr nämlich gern vor der Hochzeit noch einmal heraufkommen wollt. Wenn es geschehen könnte, so wäre es gewißlich eine meiner größten Freuden, und würden sich alle die Meinigen (niemand ausgenommen) herzlich erfreuen. Ich will diesmal nit darum bitten, sondern der Hoffnung und Zuversicht sein, so es werde geschehen können, werde es der Junker an sich nit ermangeln lassen, sondern mich Arme, Verlassene einmal besuchen, worauf ich denn mit Verlangen warte. Herzlieber Junker! wißt, daß das Paket noch nit ist gekommen. Wir haben schon etlichemal danach geschickt, da hat man uns geantwortet, sie seien alle Stunden desselben gewärtig; sobald es kommt, soll es nach Eurem Begehren besorgt werden; ich glaube, Ihr werdet wohl damit bestehen. Es hat die D. Reinerin schon der Frau Mutter deswegen zugeschrieben und deutlich zu verstehen gegeben, daß man sie mit dem BrautstückHier ein Geschenk des Bräutigams an verwandte Frauen der Braut, Stücke Zeug zu Kleidern und dergleichen. nit vergessen wolle. Gleichwohl hat sie solche Sorge nit nötig gehabt, dieweil Ihr vorher bei guter Zeit an sie gedacht habt.

Herzlieber Junker, was aber die Hemden und Kragen anlangt, so sollt Ihr wissen, daß wir gar heftig damit in Arbeit sind, und so viel davon fertig werden können, wollen wir austeilen.

Die Armbänder hab' ich empfangen. Tu mich, herzlieber Junker, zum höchsten bedanken! sie sind gar zu schön an meine schwarzen Hände, sie gefallen mir aber doch wohl.

Was die Kleidung anlangt, so ist sicher, daß der Herr Vater gern eine Tochter wie die andere damit halten wollte; dieweil es aber diesmal nit sein kann, so hat er eingewilligt ein übriges zu tun. Ich hab' ganz fertig drei taffetene Kleider, das leibfarbene, ein goldgelbes, ein schwarzes. Jetzt haben wir den Schneider im Haus, der macht eins von veilchenfarbenem Damast und noch eins, womit ich zur Kirche gehen soll, und das soll sein von rotem Atlas oder von schwarzem Damast. Jetzt bitte ich, Ihr wollet mich wissen lassen, zu welchem Ihr am besten Lust habt.

Herzlieber und vertrauter Junker! Ich darf mich nit unterstehen, den Herrn Vater weiter zu treiben, um deswillen, weil keiner von meinen Schwestern so viel und so Stattliches gemacht worden ist. Dieweil Ihr mich aber so hoch ermahnt, so muß ich gleich so unverständig sein und den Junker um etwas ansprechen und zuvor freundlich bitten, Ihr wollet mir solches ohne Arg aufnehmen, da ich es auf Euer Geheiß und freundliches Begehren tue, und das ist die Bitte: herzlieber Junker, Ihr wollet mir etwas zu einem Rock schicken, was Euch beliebt, sei es nun leibfarben oder silberfarben, damit ich mich um so öfter anders kleiden könnte.

Herzlieber, vertrauter Junker! ich hätt' noch eine große Bitte an Euch. Wie Ihr wohl wißt, sind meine zwei Schwestern, die mich lieb haben und ich sie wiederum, den möchte ich gern in Eurem Namen ein wenig etwas zu einem Brautstück vergönnen, so es Euch als gut erscheint. Solches habe ich Euch geschrieben, dieweil Ihr es von mir begehrt habt, daneben bitt' ich den Junker, er wolle es mir nit vorübel nehmen. Ich schreibe es nit in der Meinung, daß es sein muß, sondern es steht allewege Tun und Lassen bei dem Junker, der mag es damit halten, wie es ihm gefällt. – Schicke Euch hier nach Eurem Begehren ein Maß meiner schönen Länge, wir haben nichts zugegeben, sondern wie das Mensch ist, so ist auch das Maß. Hoffe, man soll mich will's Gott bald sehen, so lang und schön als ich bin.

Von den überschickten Weintrauben haben wir mit Freude verzehrt und tun uns wegen derselben zum freundlichsten bedanken. Wenn wir etwas Seltenes bekommen, wollen wir es Euch auch mitteilen.

Daß mein Konterfei Eurer jüngsten Tochter so wohl gefällt und sie ihm so viel Ehre erzeigt, ist mir gar lieb, laßt sie es nur tapfer küssen, hilft mir Gott zu ihr, will ich's ihr doppelt wiedergeben.

Die Schuhe, die ich haben muß zum AusziehenDie Brautschuhe, welche nach dem Hochzeitsschmause vom Fuße der Braut den Junggesellen gegeben wurden., will ich mit erstem machen lassen aufs beste, so gut man's hier kann, obwohl sie hier nit bräuchlich sind. Herzlicher Junker, vor dem Schluß bin' ich noch eins, nämlich Ihr wollet dies mein schlicht einfältig und böses Schreiben für der besten eins aufnehmen, denn ich meine es treulich und schreibe aus offenem Herzen, und wollet es auch wiederum einer Antwort würdigen, welche ich gleichwohl viel lieber mündlich als schriftlich haben möchte.

Nit mehr als was Euch von mir jederzeit lieb und angenehm ist. Hiermit sei der Junker mit seinem herzlieben Sohn und Tochter zu viel hunderttausend Malen gegrüßt und Gott dem Allmächtigen Ihr und wir alle befohlen.

Datum den 10. Oktober zu Nürnberg. Eure getreue im solange ich lebe. Ursula Freherin.

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Edler, ehrenfester, freundlicher, herzlieber Junker! Euch sei mein freundlicher Gruß nebst Lieb und Treue zuvor. Euer Schreiben hab' ich mit Freuden empfangen und Eure und der Eurigen Gesundheit mit herzlicher Freude vernommen. Was mich und die Meinigen anlangt, so haben wir dem lieben getreuen Gott zu danken; er verleihe ferner seine Gnade beiden Teilen. Amen. Ferner aus Eurem Schreiben vernehme ich, daß es nit sein kann, daß Ihr noch vor der Hochzeit heraufkommt. Das haben wir nit gern gehört, bin gar nit zufrieden, hab' gänzlich vermeint, Ihr werdet kommen, hab' mich auch herzlich gefreut, bin auch oft an das Fenster gelaufen, wenn ich etwas hab' hören reiten oder fahren; nun ist es alles vergebens gewesen. Unser lieber Herr Gott verleihe uns allen Gesundheit und helf uns mit Freuden zusammen.

Was aber den Kranz anlangt, tu ich mich, herzlieber Junker, hoch und freundlich bedanken, daß Ihr mich's habt wissen lassen. Ich denke wohl, wir werden viel grobe Nachrede verursachen, weil wir die Bräuche bei Euch drunten nit wissen, da es alles drunten anders ist als hier oben. Ich bitte Euch, Ihr wollt den Kranz machen lassen, wie er sein soll, und uns zuschicken, wie Ihr schreibt. Und über den anderen Kranz hat mich die Frau NützelinMargarete Völker, eine Geschlechterin aus Frankfurt, an Joachim Nützel, einen Geschlechter in Nürnberg, verheiratet. [...] berichtet, wie er sein soll, und habe einen bestellt mit goldenen Spangen, er soll schon recht gemacht werden. Mit dem Brautstück bin ich nit wohl zufrieden, daß Ihr mir nit schreibt, was ich für meine Schwestern nehmen soll, denn sie wollen nit sagen, was sie haben wollen; ich hab' Sorge, ich nehme zu viel oder zu wenig, ich wollt' es gern recht machen; ich hab' vermeint, Ihr werdet mich wissen lassen, was und wieviel. Was das meinige anlangt, hoffe ich, ich will machen, daß ich dasselbige verdiene.

Herzlieber Junker, ich hätte noch eine große Bitte an Euch wegen der Schuh, wenn ich sie tun dürfte und Ihr mir es ohne Arg aufnehmen wollt. Es ist aber doch eine Schande, daß ich Euch damit bemühen soll, kann es aber nit umgehen. Ich hab' Schuh machen lassen und hab' sie die Frau Nützelin sehen lassen, so sagt diese, sie taugen gar nichts und seien auch gar groß, sie müßten ganz klein sein, man werde mich sonst gar sehr auslachen; und hat mir geraten, ich soll dem Junker schreiben und bitten, daß sie drunten gemacht werden; weil sie gebräuchlich sind, so könnte man's besser machen denn hier oben, da man sie hier gar nit trägt. Sie wollen mich auch gar nit verstehen; wenn ich ihnen schon lange davon vorrede, so verstehen sie mich doch nit, habe gleichwohl auch nie einen gesehen. Schicke Euch hiemit, herzlieber Junker, zwei Dukaten, bitt' Euch, Ihr wollt's durch eine Eurer Mägde besorgen lassen, Ihr dürft nit damit bemüht sein, ich begehr's gar nit. Sie dürfen nit gar kostbar sein, es seien nun die Wappen oder aber die Namen drauf, sie dürfen auch nit groß sein und nit lang.

Die Frau Mutter läßt Euch bitten, Ihr wollt ihr's nit vorübel haben, daß sie Euch auf Euer Schreiben nit antwortet, sie habe jetzt keine Zeit, sie hat gar viel zu tun, ein andermal will sie antworten.

Herzlieber Junker, ich weiß Euch nichts zu schreiben, als gestern bin ich auf der Hochzeit gewesen, da hab' ich viel leiden müssen, dieweil Ihr nit hier seid und auch nit herkommt, und hat mich der Nützel an Eurer Stelle heimgeführt.

Ich weiß Euch für diesmal nichts mehr zu schreiben, ich hab' nit mehr Zeit, ich muß auf die Hochzeit gehen. Nichts mehr, als Ihr und all die Eurigen seid von mir und der Frau Mutter und Brüdern und Schwestern zu hunderttausendmalen freundlich gegrüßt, und Gott dem Allmächtigen in seinen Schutz und Schirm befohlen.

In großer Eile. Eure getreue und liebe schwarze, solange ich lebe im Ursula Freherin.

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