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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 21
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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Der Hauptmann aber lief mit etlichen Knechten zur kleinen Stadt, da waren die Tore noch zu. Sie machten ein Gerüst mit langen Spießen von der Brücke über den Graben auf die Mauer. Sie hatten einen Knecht, der nicht ganz bei Sinnen war, den überredete der Hauptmann, daß er auf dem gemachten Gerüst hinüberrutschte, und als dieser auf die Mauer kam, ward er gefragt, ob er die Feinde um sich sähe oder vernähme. Der sagte, er sähe und vernähme niemand. Der Hauptmann hatte auch einen seiner Trabanten mit Namen Kunz bei sich, dem versprach er eine Summe Geldes, der machte sich auf dem gedachten Gerüst zu dem ersten Knecht hinüber und ward ihnen befohlen, in eine Schmiede zu laufen, die nicht weit von dem Pförtlein lag, einen großen Hammer zu holen und zu versuchen, ob sie das Pförtlein öffnen könnten. Das geschah, sie schlugen die Schlösser ab. Da das Pförtlein enge war, mußte der Hauptmann mit den Knechten einer nach dem andern hineinschlüpfen. Als er mit zwanzigen hinein war, wurden Kürasser und Kriegsvolk der Franzosen, die darin lagen, auch aufgestört und drangen in einer Gasse daher. Der Hauptmann nahm die Knechte mit den langen Spießen zu sich, lief denen von der Stadt entgegen, schrie sie fröhlich und kecklich an: Her, her, ihr.

Die erschraken, dachten, daß allbereits der ganze Haufe da wäre und flohen in eine große Kirche. Der Hauptmann folgte nach und wurden ihrer über zweihundert darin gefangen. Indes wurden die großen Tore auch geöffnet und aufgebrochen, und drangen die Reisigen, denen Botschaft gesandt war, heran. Jeder Bürger, der in sein Haus konnte, hatte dies versperrt, so gut er mochte, denn was außerhalb der Häuser betreten wurde, ward erschlagen. Ein Knecht des Hauptmanns brachte ihm sein Pferd. Er saß auf, sprengte von einer Schar zur andern und befahl, was jedermann tun und lassen sollte. Er ließ ausrufen, alle, so burgundisch sein wollten, sollten sich mit Andreaskreuzen bezeichnen und in die große Kirche gehen. Zur Stunde liefen die Bürger aus allen Ecken und Gassen ohne Wehr zu der Kirche, indem sie schrien »zu Burgund«. Einer hatte sich mit Kreide, der andere mit weißem Tuch, wie sie das in solcher Eile haben konnten, gezeichnet, und waren über 2000 in der Kirche. Die Kirche ließ Herr Wilibald mit den besten Knechten besetzen, so daß niemand herauskonnte, und ließ die Frauen alle nach Hause gehen. Und als die beiden Städte, wie erzählt, eingenommen waren, zog der männliche Held gegen das kleinere Schloß, welches die Feinde noch innehatten. Die Schlösser aber beider Stadtseiten hatten Pforten auf das Feld, so daß sie sich ohne alles Hindernis nach Möglichkeit stärken und Leute, soviel sie wollten, einlassen konnten. Ferner lag der Hofmeister des Königs von Frankreich, der von Cordis, über 10 000 Mann zu Roß und Fuß stark, mit tüchtigem Volk in dem nächsten Flecken, vier, sechs und acht Meilen Wegs. Daraus entstand dem Hauptmann nicht geringe Besorgnis; er war mit den Seinen von dem weiten Zug und jetzt von der großen Arbeit sehr müde, hätte auch nicht vermocht, wieder aus dem Land zu kommen, wenn der von Cordis solches erfuhr und eilends zuzog.

Darum ließ der Hauptmann von Stund an vor allem gegen das Schloß schanzen und gab den Knechten auch viel Holz, Leitern und anderes, was zum Sturm gehört, zu tragen. Es wurden zwei Büchsen im Rathaus gefunden, die brachte man vor das Schloß und machte ihnen ein Lager. Beim ersten Schuß zersprang die eine, und die andere war nichts nütze. Aber die Knechte stellten sich zum Sturm; darüber empfingen die Feinde auch keinen kleinen Schrecken und riefen Loi de Wadre, um ein Gespräch bittend. Dieser gab die Antwort, daß er hinter dem Rücken des Hauptmanns dazu kein Recht hätte, weil dieser es verboten, und ließen die Forderung an diesen gelangen. Der von Schauenburg forderte seine Knechte zu einem Gespräch. Loi verhandelte mit denen im Schloß, kam und sagte, auf welchen Punkten die Unterhandlung stehe. Die Knechte aber waren unterrichtet und angelernt und schrien laut, sie wollten solche Bedingungen nicht annehmen, sondern stürmen. Wadre unterzog sich neuer Unterhandlung und bestand zuletzt darauf, die Feinde sollten dem von Schauenburg das Schloß überantworten, und die Reisigen darunter sollten 1200 Gulden für Passeporten zahlen, so wolle man sie mit Pferd und Harnisch ziehen lassen. Denn die Knechte sagten, die Reisigen wären reich, sie hätten für diesmal genug gewonnen, bedürften weder Pferd noch Harnisch, sie möchten hinziehen und wieder an einen frischen Krieg gedenken, wenn dies verschlemmt sei, sie, die Knechte, aber wollten auch davon gewinnen. Die Passeporten wurden bald ausgefertigt, mit 1200 Gulden dem Hauptmann überantwortet. Die Franzosen meinten, sie wären wohlfeil davongekommen, sie waren froh, und der andere Teil noch froher, daß man ihrer so ledig war und die Sache besser beendigen konnte; denn jetzt war nur noch halbe Sorge und fortan nicht mehr als ein Stadtteil zu bewahren. Herr Wilibald besetzte den Stadtteil und dies eine Schloß nach Bedarf, ließ die Trommler schlagen und die Knechte wieder in die Ordnung fordern und zog so mit seinen Sturmleitern an das andere Schloß, und man stürmte ritterlich mit aller männlicher Kraft, der vorigen Müdigkeit vergessend.

Da die Franzosen den ernstlichen und harten Willen des Hauptmanns und der Seinen ersahen, wurden sie weich und verzagt, und wiewohl sie den obersten Hauptmann des Königs von Frankreich, Cerclement, bei sich hatten, wichen sie doch zur hinteren Pforte aus dem Schloß. Dadurch wurde ohne merklichen Widerstand auch das andere Schloß mit Sturm genommen. Aber die Knechte folgten den Feinden in das Feld nach, erliefen etliche von ihnen und auch den Hauptmann, denn er war groß, feist und unvermögend zu laufen, sie brachten ihn samt seiner Tasche, darin viel goldene Ketten, Paternoster, goldene Kreuze, mancherlei Zierat gefunden wurden, zu dem Hauptmann. Dieser bestellte die beiden Schlösser und Städte nach seinem Nutz und Vorteil so, daß er sich getraute, mit einem Angriff der Feinde fertig zu werden.

Als alle Dinge in Notdurft wohl bestellt waren und sich jedermann nach Herberge und wo er bleiben wollte umsah, kam der von Schauenburg in das Haus, wo Cerclement, der vorgemeldete Hauptmann, seine Wohnung hatte, in dem merkliches Gut von Hausrat nach Landes Manier gefunden wurde. Nun bedarf es nicht sonderlichen Schreibens über den Kriegsgebrauch in Niederlanden, denn unsere Landsleute haben darüber so viel erfahren, daß er wohlbekannt ist. Dennoch kannte die Gemahlin des genannten Hauptmanns das hohe Lob der Deutschen, wie die alles Frauengeschlecht ehren, sie hatte auch erfahren, daß der oberste Hauptmann ein Hochdeutscher war, von werten edlem Stamm geboren. Und wie die Frauen in der Not schneller als die Männer mit Antwort und Anschlag ihren Vorteil erdenken, so trug sie ihre Kleider und Kleinodien, die in Goldstoff, Ketten, Gold, Edelstein, Zobel, Marder, gutem Rauchwerk und köstlichen Tüchern über 4000 Gulden wert waren, vor ihn und die welschen Kapitäne und sagte, der Allmächtige hätte ihnen den Sieg und alle Habe der Einwohner in ihre Hände gegeben, das wüßte sie wohl, und es wäre unnütz, etwas vor ihnen zu verbergen, darum wäre sie da, um ihnen zu überantworten, was vorher das ihre gewesen wäre. Bei ihrer Seele und Frauenehre wolle sie sagen, daß ihrem Herrn und Hauswirt nichts davon zuständig gewesen, sondern ihr allein zugehört habe. Darum was sie als ritterliche und teure Männer, die allerwege Frauengunst geliebt hätten, ihr gütig verabfolgen oder wiedergeben wollten, dafür würde sie ihnen danken. Die Hauptleute sahen einander an. Der von Schauenburg sprach: »Lieben Freunde, ich weiß, daß die hiesige und unsere deutsche Gewohnheit in diesem Fall gerade entgegengesetzt ist, aber von mir wäre vermessen, euch eurer Landweise zu entziehen, und wenn ich es täte, könnte ich meiner Herrschaft und mir Schaden bringen. Wir Deutschen und vor andern die von den Oberlanden pflegen, so wir Städte und Schlösser gewinnen, keiner Frau oder Jungfrau von adliger Geburt etwas von ihrem Leibschmuck zu nehmen, und wenn solches ein Edelmann täte, würde er von seinen Genossen sein lebelang für untreu und unwert gehalten. Darum will ich die Beute, die mir zuteil wird, der tugendhaften Frau wiedergeben und ihr nichts abbrechen. Die Welschen wurden etwas zornig gegen ihn und sagten, er wäre hier nicht in seiner Landesart, jeder müßte sich nach dem Lande richten, worin er wäre, aber die Länder richteten sich nicht nach ihm. Schauenburg sprach: »Die adlige, deutsche Gewohnheit und Zucht soll mich nimmer verlassen, und ob ich gleich keinen Deutschen meiner Landsmannschaft bei mir habe, der mir dies im Oberland zur Schande nachsagen könnte, so würde mich doch mein Gewissen strafen. Darum laßt uns zu der Beute und Teilung greifen. Denn was mir wird, damit weiß ich zu tun, wie ich vorher gesagt habe.« Da die Frau diese Rede vernahm, sprach sie: »Ei, ei, deutsche Ritterschaft, bis geehrt. Nun hin, mir wird doch vorbehalten, der Deutschen Lob gegen alle meine Freunde zu rühmen und euer Tun zu beurteilen.«

Durch diese Worte wurden die Welschen auch bewegt, der Frau das Ihrige zu lassen und darum dem werten deutschen Hauptmann hoch gedankt.

Dem von Cordis kam die Botschaft, wie die Burgundischen Arras gewonnen und mit Gewalt innehatten; er erschrak unmäßig sehr, riß vor Leid seine Mütze vom Haupt, warf sie in das Feuer, raufte Haar und Bart und weinte bitterlich. Der von Schauenburg aber schrieb dem König von England seinen erlangten Sieg und vermeinte, der König sollte sich darüber freuen. Der König war deshalb aber über die Maßen sehr betrübt. Daneben schrieb der Hauptmann seinem Statthalter Georg Auge, er solle zum König ziehen; sobald er, der Hauptmann, Arras besetzt habe, wolle er zu Roß und Fuß so stark als möglich auch kommen. Indem ward Herrn Wilibald heimlich zu verstehen gegeben, weshalb der König von England erschrocken war.

Und das war die Ursache. Wie gemeldet, hatte der König von England 1 800 000 Gulden von den Seinen genommen und, um seinen Willen zu erlangen, ihnen zugesagt, den König von Frankreich zu überziehen. Denn woher und wie der Erbkrieg dieser zwei Königreiche entstanden und verlaufen, ist ja bekannt. Aber König Karl von Frankreich hatte gewußt, daß der angehende König von England zu seiner Partei gehörte und hatte ihm mit beträchtlichem Geld und anderer Förderung zur Herrschaft geholfen; das aber durfte sich der von England keineswegs merken lassen, er wäre sonst von den Landherren und denen in London bald von der Krone weggebracht worden. Darum zog er dem König von Frankreich vor einige kleine Städte, die um Calais lagen, gewann zwei davon, ließ die Mauern umbrechen, die Häuser verbrennen, wobei man merkte, daß er den Krieg nicht hart machen oder scharf antreiben wollte und gab dem König von Frankreich von seinem bewilligten Geld 100 000 Gulden, damit er solches geschehen lasse. Danach zog er vor eine Stadt, heißt Boulogne, worin unsere liebe gnädige Frau rastete, lagerte sich mit seinem Geschoß und ließ sehr arbeiten.

Es ward also zwischen den zwei Königen verhandelt, daß der König von Frankreich dem von England zehn Tonnen Goldkronen für seinen Zug, Mühe und Arbeit, die er durch die Reise aus England gehabt, geben sollte; diese Tonnen wurden in einem großen Saal hintereinander gestellt und auf eine Million Goldkronen angeschlagen. Da die Englischen sie also ansahen, meinten sie eine große Sache ausgerichtet zu haben, die Tonnen waren aber nach beider Könige Wissen mit Asche gefüllt und kupferne vergoldete Kronen darauf gelegt, von denen fünfzig kaum eine wert waren, und wer etwa in die Tonnen griff, konnte nichts anderes merken, als daß sie mit Gold gefüllt waren. Und dieweil sie noch in der vorgemeldeten Verhandlung standen, bevor dieser Vertrag geschlossen war, ließ der König von England dem Herzog Albrecht schreiben, er möge seinen Hauptmann und alle niederländischen Herren veranlassen, mit ihrem Kriegsvolk sich gemächlich zu rühren und nicht heranzuziehen. Darum wurde der Abschluß sehr beeilt, die Englischen sagten, Frankreich hatte ihnen viel Geld geben müssen, und der englische König konnte das Geld, das er von seinem Lande geschätzt, auch behalten. Er schrieb dem Herzog und seinem Hauptmann mit großem Dank für die erbetene Hilfe, daß die Sache geschlichtet wäre.

Unterdes säumte der von Cordis nicht lange, forderte alles Kriegsvolk zu Roß und Fuß herbei und zog über 8000 stark vor Arras, lagerte sich zu Felde, konnte aber der Stadt nichts abgewinnen und zog mit Spott davon.

Und nun muß ich das gute Verhalten der redlichen Landsknechte melden. Der von Schauenburg hatte den Knechten, wie gemeldet, versprochen, wenn er beide Schlösser und Städte erobere, wolle er jedem drei Monat Sold nächstens darauf geben, welche Summe sich auf 60 000 Gulden belief. Er mühte sich hart, in der Kürze solches Geld aufzubringen. Die Knechte wurden gewahr, daß er es beieinander hatte, gedachten ihn tot zu schlagen, das Geld zu teilen und die Stadt zu plündern, was sie doch vorher nicht zu tun versprochen hatten; darum wollten sie dem obersten Hauptmann die Muße nicht geben, mit jedem einzelnen Hauptmann abzurechnen und zogen mit der ganzen Ordnung vor seine Herberge. Die Büchsenschützen standen hinter und vor dem Hause mit ihren eingestellten Büchsen und Gabeln, dazu hatten sie alle Schlangen in die Ordnung gerückt, um für den Fall, daß die Reisigen dem Hauptmann helfen wollten, diese auch zu erstechen und ihren Willen zu vollbringen.

Doch schickten sie ihre Hauptleute, Fähnriche und Weibel zu Herrn Wilibald, ließen ihm sagen, daß er von Stunde an ohne längeres Verziehen bezahle, wo nicht, wüßten sie sich selbst zu bezahlen. Der Hauptmann hatte doch einige gute Freunde unter ihnen, die sagten ihm, die Verschwörung wäre gemacht, er solle darauf denken, sie zu bezahlen wie er könnte, es würde sonst nichts Gutes daraus. Nun bedachte der von Schauenburg, daß dies Volk weder Gott noch Ehre kannte und sich vor nichts schämte; er forderte also einen Hauptmann nach dem andern und sprach zu jedem: »Tue nach Treue und Glauben, nimm hin diesen Sack mit Gold, bezahle die Knechte, die unter dir liegen.« Darauf forderte jeglicher seine Knechte, indem er ihnen sagte, daß er seine Bezahlung hätte, damit wichen sie ab zu ihren Herbergen. Danach unternahm er, die Edlen und Reisigen zu bezahlen, dazu fehlten ihm an 12 000 Gulden. Diese aber waren von anderer Zucht und besserem Gebaren. Der Bischof von Arras war gefangen, mit dem ward verhandelt, daß er sein Silbergeschirr, Kredenz und was er Gutes hatte, hingab, damit die Edlen und Reisigen bezahlt würden.

Der von Cordis bereitete mancherlei Verräterei, ließ an vielen Orten Feuer legen, bestellte, daß die Brunnenketten abgetragen oder in die Brunnen geworfen wurden, daß an den Brunnen, welche Seile hatten, diese halb entzwei geschnitten wurden, damit sie entzwei rissen, sobald man hart damit arbeitete.

Unterdes verzog sich die Sache, man mußte lange zu Arras liegen, und die Schuld des Soldes wuchs wieder stark. Das Gesindel hatte den Gewinn fast verschlemmt, die Säcke wurden ihnen leer, darum zogen sie zuzeiten fortan ins Land sich zu helfen. Da sie aber umher aufgeräumt hatten, daß nicht mehr viel zu kriegen war, wurden sie widerspenstig, fingen an in der Stadt zu nehmen, und niemand in der Stadt, auf den Gassen oder dem Lande war sicher.

Nun ist landkundig und unverborgen, wie der Römischen Königlichen Majestät die Herzogin von Bretagne zur Gemahlin gegeben war, und daß König Karl von Frankreich sich mit Gewalt des Landes und der Frau bemächtigte. Darauf ließ die Römisch Königliche Majestät ihre Tochter Frau Margareta, die dem gedachten König vorher vermählt war, wiederholen und aus Frankreich bringen. Nun mußten die dazu geschickten Gesandten, Bischof Wilhelm von Eichstädt, Markgraf Christoph von Baden, Graf Engelbrecht von Nassau, Graf Eitelfritz von Zollern und die anderen mit gedachter Fürstin nicht fern von Arras hinziehen. Die wußten, wie sich Reisige und Knechte dort hielten. Darum schickten sie Botschaft zu dem von Schauenburg, daß er mit der ganzen Garnison zu Roß und zu Fuß verhandeln sollte, damit sie friedlich und ungehindert durchziehen könnten. In dem Vertrag mit dem König von Frankreich hätten sie auch ausgemacht, daß in dem französischen Lande von den Burgundischen nicht mehr geschädigt und geraubt werden sollte; das hätten sie im Namen Römischer Königlicher Majestät und des Herzogs Philipp zugesagt und sich christlich verpflichten müssen. Wenn nun dieses ihr Gelöbnis und Verpflichtung dem König von Frankreich nicht gehalten würde, so würde das sehr ernst genommen und dem Reich und der ganzen deutschen Nation zum Schaden werden.

Der Hauptmann rief eine Gemeinde des ganzen reisigen Zugs und der Fußhaufen zusammen und hielt ihnen die Erklärung vor mit vieler Bitte und gültigen Worten. Die gaben Antwort, man sei ihnen schuldig, sie hätten kein Geld mehr und alles verzehrt, sie hätten auch keine Aussicht, etwas zu gewinnen. Wenn man sie bezahlen wollte, so könnten sie den Vertrag des Königs von Frankreich und der Gesandten sich wohl gefallen lassen. Wenn man sie aber nicht bezahlte, könnten sie ihre Hände und Füße nicht essen, wollten auch ohne Bezahlung nicht wegziehen, sondern pfänden, angreifen, aufhalten und fangen, wen sie könnten, damit sie sich erhielten. Der Hauptmann konnte trotz Mühe und Fleiß keine andere Antwort erlangen und ließ die Botschaft so scheiden. Die sagte Frauen Margareta und den Herren, was ihnen zu Arras begegnet war. Nun ward eine zweite Botschaft zu dem Hauptmann nach Arras geschickt. Dort forderte der Hauptmann wieder die ganze Gesellschaft in eine Gemeinde, führte die Boten in den Ring und bat, diese anzuhören. Die sagten: »Der ersten Botschaft ist ganz widerwärtig geantwortet worden, jetzt sind wir wieder geschickt, den Hauptmann und die ganze Gemeinde in der Garnison aufs gütigste anzusprechen, zu ersuchen und zu bitten, von solchem bösen Vorsatz abzustehen; denn ein solcher Mutwill und Schande ist an Deutschen unerhört, seit die Nation in Würden steht und das Heilige Reich in ihrer Verwaltung ist, daß eines Römischen Königs Tochter mit ihren Frauen und Jungfrauen aus fremden Landen herzieht und mit denen, die sie begleiten, von deutschen Knechten aufgehalten werden sollte, die alle ihre Eltern im Reich haben und die selbst dem Reich unterwürfig sind. Was kann die fromme und edle Fürstin dafür, daß man den Knechten Sold schuldig ist? Sie bleibt billig des Schadens müßig, denn sie kann dafür kein Pfand sein. Aber es ist wohl möglich, daß sie von anderen mit ihrer Begleitung gefangen werden kann, wegen des Unwillens, den die Knechte erregt haben. Daraus wird den Knechten wenig Ehre entstehen. Wenn aber dies geschähe, so haben sie zu bedenken, daß die Römisch Königliche Majestät, Herzog Philipps sowie das ganze Reich wenig Gefallen haben würde; ohne Zweifel müßten alle diejenigen, so dabei sind, mit Namen aufgeschrieben werden, und wo sie fortan im Reich oder in allen Niederlanden begriffen werden oder sich sehen lassen, darum sterben; was auch ihr verdienter Lohn wäre.« Sie erzählten auch sonderlich dem Hauptmann, was für ihn selbst darauf stünde, sie sagten und ermahnten ihn seiner Eltern wegen, wie die gar lange Zeit ehrlich und wohl bei dem Heiligen Reich heraufgekommen wären und ihr Blut vergossen hätten. Und sollte solcher Frevel unter ihm geschehen, der dieses Volkes oberster Hauptmann sei, so würde das seinem Namen und seinen Nachkommen ein ewiger Vorwurf sein; denn wer könnte etwas anderes denken, als daß diese Untat mit seinem Willen, Wissen, Rat und Hilfe begangen wäre.

Der Hauptmann sprach: »Liebe Freunde, ihr habt gehört, welchermaßen wir beschickt und angesprochen sind, ich bitte, ihr wollt zu Herzen nehmen unser aller Ehre. Uns ist die Wahrheit gesagt. Tun wir das, so sind wir ewig entehrt, dazu Leibes und Lebens unsicher, wo wir hinkommen.«

Aber ein Kiesel ist ein Stein, hier war kein Wenden. Das Kriegsvolk wollte Bezahlung oder auf seinem Vorsatz beharren. Der Hauptmann erdachte einen andern Rat und sprach: »Liebe Freunde und fromme Knechte, es ist wahr, obwohl wir dem Herzog Philipps gut und treu gedient, will er uns nicht bezahlen. Was wollen wir darum seine Schwester, die edle Fürstin, beschuldigen, die weder an seinen Leuten noch Landen teilhat? Weshalb sie mit ihrem Frauenzimmer oder den Fürsten, die bei ihr sind, aufhalten? Das wäre großer Unrat. Weshalb auch wollen wir die Ambassaten, die mit königlicher Würde von Frankreich Vertrag geschlossen haben, unwahr machen? Laßt uns den pfänden, der uns schuldig ist, das ist Herzog Philipps. Was sollen dies die andern entgelten? Ihm wollen wir in seinem Lande rauben, brennen, fangen und wirtschaften, solange bis wir bezahlt sind.«

Das gefiel den Knechten. Sie hielten das den gesandten Herren vor, die sahen das auch für besser an, als daß sie aufgehalten werden sollten. Darauf ward Frauen Margareta Sicherung zugesagt und unter des Hauptmanns Siegel ein Passeport gegeben. Die zog ihres Weges mit großem Aufzug, mit Pracht und Schmuck auf einer Roßsänfte, in einem herrlichen Stuhl sitzend, über ihr war eine Decke von einem Stück Goldstoff, um sie vor der Sonne zu beschirmen; so zog sie in Brabant ein. Dort ward sie mit großen Ehren und Freuden empfangen und viele frohe Feuer und herrliche Spiele gemacht.

Der Hauptmann aber und das Kriegsvolk vereinten sich und schwuren zusammen, den Herzog Philipp von Burgund und die Seinen anzugreifen, zu berauben, zu brennen, zu fangen und zu beschädigen, solange bis sie bezahlt wären und einander in keiner ehrlichen und redlichen Sache zu verlassen. Und jetzt zog eine Partei und dann die andere in das Land des Herzogs Philipp, raubte, brannte und schädigte, als ob es Feinde wären. Als nun dieser Berg auch abgeholzt und nichts mehr zu nehmen war, begannen die Knechte in der Stadt übel und greulich zu hausen, fingen die reichen Pfaffen und Bürger, legten sie auf Bänke, marterten und schätzten sie um alle ihre Habe. Der Hauptmann hätte gern gestraft, wie er oft zuvor getan, da er etliche durch die Spieße laufen, anderen die Köpfe abschlagen lassen. Sobald er das vornahm, hielten die Knechte zueinander nach ihrer alten Weise, wobei ihnen niemand zu fromm oder zu redlich ist, und sprachen also: »Daß dich Gottes Marter schände, du willst Hauptmann sein, kannst befehlen, aber nicht Geld geben. Sorge und gib Geld her, oder wir wollen dich totschlagen.«

Ungefähr alle zwei oder drei Tage hielten sie eine Gemeinde, darein forderten sie den Hauptmann, und wiewohl er sich oft versah, daß er lebendig nicht von ihnen kommen würde, dennoch ging er in den Ring, um anderes Übel zu hindern, bot gute Worte und half soviel er konnte. Einmal schlugen sie ihn danieder, und wenn die Hellebardiere nicht den Knechten die Spieße abschlugen und ihn beschützten, so hätten sie ihn erstochen. Das währte so fast an ein Jahr. Zuletzt fingen sie ihn mitsamt dem von Rony, dem Loi de Wadre und dem von Boris, legten die in eine Kammer zusammen und ließen sie aufs beste verwahren, mit Hellebarden und anderen Knechten Tag und Nacht bewachen und wollten schlechterdings die Bezahlung von ihnen haben. Aber da war kein Geld. Denn die Hauptleute hatten sich ebensogut wie die andern ausgegeben. Dennoch mußten sie so im Gefängnis bleiben, und wenn die Knechte die Lust ankam, ließen sie die Hauptleute in ihre Gemeinde holen und hinten, vorn und an den Seiten mit Hellebarden verwahren, als ob sie Mörder und Diebe gewesen wären. Und wenn sie dann in den Ring kamen, sagten ihnen die Knechte, man sollte sie bezahlen, oder man wolle einen nach dem andern aufreiben. Der Hauptmann und die andern antworteten, sie könnten das nicht hindern, sie wären in ihren Händen. Man möchte doch bedenken, wenn sie Geld hätten, würden sie die Gefahr und abenteuerliche Lage um keines Gutes willen ertragen; sie wollten gern um Geld schreiben und alles tun, was an ihnen wäre. Sie schrieben und mußten die Knechte lesen lassen, was sie geschrieben hatten, sie konnten aber von der Herrschaft nie andere Antwort erlangen als die, es wäre kein Geld da. Als die Knechte die völlige Unschuld der Hauptleute einsahen, ließen sie dieselben ledig und wirtschafteten in der Stadt ganz nach ihrem Gefallen. Danach schickten sie zu den Königen von Frankreich, England und anderen, boten ihnen die Stadt um ihren Sold zum Kauf an, steckten Strohwische auf die Stadttore, zu einem Zeichen des feilen Kaufes und schrien nach ihrer Gewohnheit: »Wer kauft, der hat.«

Der von Rony und der erwähnte Loi de Wadre wollten den Backenstreich nicht länger erwarten und machten sich heimlich hinweg. Aber Herr Wilibald blieb, in der Absicht zu verhindern, daß die Stadt verkauft würde. Denn wenn solches geschähe, wäre es ihnen eine große und ewige Schande. Welcher Fürst sollte fortan seinen Glauben oder Vertrauen in sie setzen, sie wären nimmer des Glaubens, des Vertrauens und der Ehre wert. Damit machte er eine solche Irrung und Zwietracht unter dem Kriegsvolk, daß sie durchaus nicht mehr zusammenstimmen wollten. Denn die einen wollten solchen Verkauf nimmer bewilligen noch dabei sein. Etliche zogen auch hinweg. Der von Schauenburg hatte auch unter anderen Knechten 500 Schweizer, arge Schälke, die hatten einen Hauptmann, den Kaneloser, der war früher in Frankreich gewesen und gar gut französisch. Der hätte die Stadt gern in die Gewalt des Königs von Frankreich gebracht. Er kam zu Herrn Wilibald und sagte: »Lieber Herr, Ihr wißt, daß wir armen Gesellen unseres Soldes und Geldes sehr bedürftig sind, wir können nicht länger verziehen, sondern müssen die Stadt um unserer Forderungen halber verkaufen. Nun hat keiner von uns ein Siegel, welches Glauben hat. Wenn Ihr uns aber helft, die Sache zu Ende bringt und die Kaufbriefe besiegelt, so wollten wir euch 4000 Kronen vorausgeben, und was Euch bei Bezahlung der Knechte zugute kommen mag, wollen wir Euch gern gönnen und getreulich dazu helfen.« – – – – – O bedenke doch ein jedes fromme getreue Herz, wie schrecklich dies dem frommen teuren Ritter war. Dennoch durfte er nicht offen oder nach seinem Herzen antworten und sprach mit anderen Gedanken: »Du weißt, daß unsere Boten bei den brabantischen Herren sind, ich versehe mich des Geldes, wenn das kommt, wäre doch dieser Anschlag umsonst. Darum verzieh, bis uns Antwort wird. Verläßt man uns, so komm wieder. Dann wollen wir vornehmen was gut ist.«

Die ganze Garnison hatte große Acht und Fleiß auf den Hauptmann, sie besorgte, wenn es sich schickte, würde er sich auch wie die andern hinwegmachen. Sie ließen Tag und Nacht bei 200 Mann vor seiner Herberge wachen, dazu besetzten sie alle Tore mit größtem Fleiß. Nun begab sich, daß die Knechte eine gute Anzahl Vieh gewannen. Der Hauptmann verhandelte mit ihnen, sie sollten die Kühe nach Rotten unter sich austeilen, damit sie Nahrung hätten und die Bezahlung besser erwarten könnten. Sie taten den Hauptmann aus der Wacht, um ihnen dies Vieh zu teilen. Er saß im großen Samtrock mit Schuhen auf einem Maulesel und befahl seinem Knaben, ihm ein kleines Pferd, das rasch war, dorthin zu bringen, einen günstigen Augenblick zu ersehen und ihm so nahe als möglich zu kommen, abzuspringen und dem Hauptmann auf das Pferd zu helfen. Der Hauptmann ritt vor das Stadttor zu dem Vieh, ließ das in Haufen voneinander teilen und befahl den Knechten, wenn sie die Haufen so gleich als möglich gemacht, wollte er ihnen die Lose geben. Dabei benutzte er den Augenblick, rückte auf die Seite wie wegen eines Bedürfnisses, der Knecht sprang ab und brachte seinen Herrn auf das Pferd. Jetzt ritt er zu den Knechten und sprach den Schweizerhauptmann an: »Her du, Kaneloser, du hast mir zugemutet, daß ich dem König von Frankreich die Stadt verkaufen helfe, und du wolltest machen, daß mir 4000 Kronen vorweg werden sollten. Den Bösewicht findest du nicht bei mir, denn du und andere Knechte geben mir Ursach', nicht länger bei euch zu bleiben.« Damit ritt er von dannen. Unter den Knechten erhob sich ein großes Geschrei; sie liefen nach der Stadt und sagten, daß der Hauptmann hinweg wäre. Es kamen über 100 Pferde, um auf ihn zu jagen, sie machten ihm aber darum, weil er rasch geritten war, keine Sorge. Er kam in ein Städtlein, heißt Buscha im Hennegau, und etliche sagen, daß es vor alten Zeiten dem Herrn Lanzelot vom See, einem der trefflichsten Tafelrunder, gehört habe. Die von Arras fahndeten am nächsten Morgen auf Herrn Wilibald, aber Loi de Wadre schickte ihm einen Knecht als Wegweiser zu, der ihn ohne Not durch Hennegau nach Brabant zu Herzog Albrecht von Sachsen brachte. Dem berichtete er über alles, wie es um Arras stünde, und wo nicht Geld geschickt und die Knechte bezahlt würden, wäre kein Zweifel, sie würden die Stadt verkaufen und an den König von Frankreich bringen. Und da an der Stadt das ganze Land Artois hinge, so wäre leicht abzunehmen, welch großen Schaden und Nachteil es der Herrschaft Burgund bringen würde, wenn die Stadt verloren ginge und in die Hand der Franzosen käme. Aus dieser Ursache wurde mit großer Mühe durchgesetzt 40 000 Gulden aufzubringen.

Es wurden andere geschickt, um die Knechte abzuzahlen, und es wurde vorgesehen, daß die Stadt nicht verkauft wurde, und sie ist noch auf den heutigen Tag samt dem Land unter Gewalt und Herrschaft der Burgundischen.

Soweit Wilibald von Schauenburg.

Sein Bericht führt, wie keine andere Überlieferung des 15. Jahrhunderts, in das Treiben der Landsknechte ein; erstaunt sehen wir Modernen, wie damals auch die Besseren mit ihrer Soldatenpflicht umsprangen. Die schmähliche Weise, wie Wilibald in der Not ein Übel durch das andere vermeidet und gegen seinen obersten Kriegsherrn, den Herzog Philipp von Burgund, rauben und brennen läßt, erinnert sehr an die Moral jenes fränkischen Heeres in der Merowingerzeit, welches den Verbündeten mit Kampf und Beute überzog, weil es mit dem Feind sich durch Eid vertragen mußte. Und am auffälligsten ist, daß auch die großen Herren der kaiserlichen Partei dies Verfahren als Notwehr in der Ordnung fanden.

Eine alte militärische Lehre wird übrigens aus dem Handstreich auf Arras klar: der Soldat soll zuerst Order parieren, soll sich hüten, von dem vorgezeichneten Wege abzuweichen und die Verantwortung für eine gewagte Expedition auf sich zu nehmen. Der Schauenburger hatte den Befehl, seine Leute zum König von England zu führen, nicht eine Stadt zu überfallen, die gar nicht auf seinem Wege lag. Zuverlässig hat dem Hauptmann sein Verhalten in den Augen des Statthalters und des Königs Maximilian keinen wesentlichen Schaden getan, er fuhr fort, der vertraute Kriegsmann Albrechts von Sachsen zu sein und spielte kurz nachher bei den Hoffesten des Reichstags zu Worms eine Rolle. Ja er wurde darauf mit der Eroberung Frieslands beauftragt, welches dem Herzog Albrecht vom Kaiser und Reich als erbliche Statthalterschaft gegeben worden war. In Friesland bewährte der Feldhauptmann seine Kriegstüchtigkeit aufs neue, er widerstand, wie er versichert, der Versuchung, sich dort an den Küsten der Nordsee ein eigenes Land zu gewinnen, was bei der Sachlage wohl ausführbar gewesen sei. Er hielt treu zu seinem Herrn, bis dieser starb. Da erst schied er von dem Heer. [...]

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