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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 20
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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XI
Die frommen Landsknechte

Nicht durch Maximilian geschaffen, früheres Vorkommen. – Besserung der Wehrkraft im Reiche. Genossenschaft der Landsknechte. Ihr Vertragsverhältnis zum Kriegsherrn. Geldmangel. Widerspenstigkeit. Die Lage der Befehlshaber. – Der Niederländische Krieg. Bericht des Landsknechthauptmanns von Schauenburg über die Eroberung von Arras. Urteil darüber

Im Jahre 1431 war ein großes Reichsheer gegen die Hussiten aufgeboten, ein Kardinal hatte die Waffen gesegnet, die seidenen Banner der deutschen Fürsten standen dicht gereiht, Erzbischöfe m prächtigem Feldschmuck, der Kurfürst von Brandenburg, dem das Oberfeldherrnamt aufgenötigt war, der Kurfürst von Sachsen mit der päpstlichen Fahne, die Wittelsbacher, das St. Georgs-Banner der schwäbischen Ritterschaft, die großen Büchsen der fränkischen Reichsstädte, ein Lehnsheer von 14 000 gerüsteten Pferden, 80 000 Mann streitbarem Volk und einer Wagenburg von 8000 Wagen. Und dies große Reichsheer floh schmachvoll beim Herannahen der schwächeren Hussitenhaufen über die Grenzberge aus dem Böhmerland. Die ganze Wagenburg, unermeßliche Beute fielen in die Hände der Böhmen, 11 000 Deutsche wurden in den Wäldern getötet. An diesem elenden Tage von Tauß war das Banner der Stadt Straßburg das letzte, welches den Rückzug zu decken wagte. Es war eine Flucht ohne Schwertstreich, wohl die größte Schande, welche je ein deutsches Heer erfahren; seitdem wußte jedermann, daß das Reichsheer in seiner Zusammensetzung aus zahllosen Kontingenten und uneinigen Fürsten ein ebenso kraftloser Mechanismus geworden war wie das deutsche Reich selbst; man suchte Rettung.

Als König Maximilian befahl, für den Krieg in Flandern und Burgund Fußvolk aus Landeskindern zu werben und nicht aus zusammengelaufenem Volk, da wurde nur der Name Landsknechte, d. h. eingeborene Kriegsleute, gebräuchlich, in der Sache wurde nichts Neues geschaffen, vielmehr uralter Brauch, der nie untergegangen war, wieder in den Vordergrund gerückt. Denn das Landsknechtheer ist in seiner Taktik, seinen Gewohnheiten, in seinem Gericht und Recht nichts anderes als das alte Volksheer der Merowingerzeit, welches durch die Vasallenreiterei seit den Jahren Karls des Großen in die zweite Schlachtreihe zurückgedrängt war, aber zu jeder Zeit fortbestanden hatte. Allerdings dauerte es nicht in der Masse der aufgebotenen Landleute, welche dem Vasallenheer nach Hofrecht folgten, sondern als ein Fußvolk Freiwilliger, welche, wie ihre Ahnen, sich durch Schwur zu Abenteuer und Beute vereinigten, zu gemeinsamer Tat und Gehorsam unter dem Führer, der sie gerufen hatte oder den sie sich setzten. Sie richteten ihre Genossen selbst durch ein Schöffengericht nach herkömmlicher Kriegsordnung, sie wollten Freie sein, die ohne Erlaubnis eines Herrn reisen durften und Urteil finden über freie Männer. Aber zuverlässig wurde auf die Rechte, welche die Genossen in der Heimat besaßen, seit frühester Zeit wenig Rücksicht genommen.

Im Jahre 1276 kämpfte eine solche Schar, die gegen Sold und auf Beuteteil geworben ist, für Rudolf von Habsburg. Als die Rittermäßigen nach dem Treffen eine Anzahl Gefangene enthaupten, ohne die Söldner zu fragen und diesen durch das ausfallende Lösegeld den Beuteanteil verringern, geraten die Söldner in Empörung und verweigern ferneren Dienst. Hundert Jahre später bezahlten Ulm und der schwäbische Städtebund Fähnlein derselben freien Knechte, welche sich Freiharde und ihren Bund die Freiheit nennen; sie waren damals eine sehr tüchtige Schar, trugen dicke Joppen, Spieß und Armbrust, 70 Mann derselben trieben 60 Reisige, Ritter und Knechte ruhmvoll ab, und es gelang den Städten in diesem Jahre sehr gut. Seitdem spielen sie bei jeder größeren Fehde und jedem Kriege mit, unter verschiedenen Namen und mit sehr wechselnder Kriegstüchtigkeit. Sie ziehen als Schwarze Garde gegen die Dithmarschen, bilden als »Ruter« die wehrhafte Bemannung der Hansaschiffe, laufen als Schildknechte jeder aufbrennenden Fehde zu und kämpfen als Söldner bei allen großen Kriegsfahrten der oberdeutschen Städte. Schon damals war viel Gesindel unter ihnen, welches Krieg und Fehde zu wüstem Raub benutzte; diese Marodeure, welche man Böcke nannte, fanden als Gefangene hartes Gericht, sie wurden im Gefängnis der Städte schwebend an Ketten geschlossen, von dem feindlichen Feldhauptmann als Mordbrenner mit Feuer gerichtet. Außer dem Fußvolk ritten auch Reisige mit eigenem Pferd der Beute nach, sie gesellten sich am liebsten den Burgherren zu und müssen für besonders schädlich gegolten haben, denn unter Kaiser Friedrich III. ward verordnet, daß sie nirgend geduldet werden sollten, wenn sie nicht Diener eines Herrn, eines Junkers, einer Stadt wären. Trotzdem dauern sie noch zweihundert Jahre später als Einspännige in den deutschen und schwedischen Heeren. Wenn eine Stadt dem König für einen Reichskrieg ihr Kontingent sandte, bestand es in der Regel aus diesen geworbenen Söldnern, und reiche Städte suchten etwas darin, ihre Mannschaft durch gleiche bunte Tracht auszuzeichnen, ein Vorzug, dessen sich außerdem nur die Leibwache großer Herren – die Hartschiere mit Hellebarden – erfreute.

Am Ende des 15. Jahrhunderts war jedes größere Kriegsheer zusammengesetzt aus den Kontingenten, welche Fürsten oder Vasallen und Städte aus Lehnspflicht sendeten –, auch dieser Anzug zum Teil geworbene Leute –, daneben aus gemieteten Söldnern zu Fuß und zu Roß. Und dieser Teil galt für den Kern des Heeres. In der Reiterei dienten geworbene Edelleute mit ihren Knechten, in der Regel zu doppeltem Monatssold, der damals auf acht Gulden für den Reiter, vier Gulden für den Landsknecht festgesetzt war. Noch waren der Reiter im Verhältnis zum Fußvolk viel, einigemal die gleiche Zahl, zuweilen die Hälfte, und dazu gewaltiger Train; ein Heer von 1000 Reitern und 1000 Mann Fußvolk führte z. B. an 400 Wagen mit Geschütz und Wagenburg, jeden zu 4 Pferden. Aber das Bedürfnis nach größeren Fußheeren wird zwingend, die Entscheidung des Kampfes steht ganz bei ihnen und nicht bei den Reitern. Dem Feldhauptmann freilich waren die Reisigen im ganzen die zuverlässigere Truppe, denn es war leichter, auf ihr Ehrgefühl zu wirken.

Das Heer der Landsknechte dagegen war ein seltsames politisches Institut, schwer zu behandeln. Eine große Bruderschaft, welche das Kriegshandwerk als Lebensberuf übte, trotzig, unbotmäßig, im Kampf oft von einer unübertrefflichen Tapferkeit, kriegshart und dauerhaft in Strapazen, aber immer eine Genossenschaft, die eigenwillig befand, ob sie schlagen wollte oder nicht.

Die Landsknechte schafften sich selbst Waffen und Kleidung, waren entweder Spießknechte oder Büchsenknechte, die ersteren mit stärkerer Rüstung, zuweilen mit doppeltem Sold, aber beide in der Gesellschaft gleichberechtigt. Sie leisteten ihren Fahneneid auf Zeit oder zu einem Feldzuge und zogen zum Heer mit einem Buben oder einem Weib, das sie sich gesellt hatten. Ihr Troß war also nicht gering, aber er war immerhin beweglicher und weniger massenhaft als der eines Reiterheeres. Im Jahre 1474 gehörten bei der Belagerung von Neuß zu einem Heer von 20 000 Fußknechten 4000 Weiber; auch diese wurden zur Schanzarbeit verwandt, durch eines Profos befehligt, hatten ein eigenes Fähnlein, worauf eine Frau gemalt war, und zogen mit Fahne, Trommel und Pfeifen zur Arbeit auf.

Die Landsknechte hatten ihre Grillen und Feindschaften, sie vertrugen sich schlecht mit den Reitern und hatten einen alten Kriegszorn gegen die Schweizer, der aus den österreichischen und burgundischen Kriegen überkommen war und dadurch genährt wurde, daß die Söldner aus der Schweiz am liebsten französischen und italienischen Sold nahmen, was die Landsknechte ihnen übrigens bei Gelegenheit ohne jedes politische Bedenken nachmachten. Auch die Bewaffnung war nicht ganz gleich, die Landsknechte führten entweder Handrohr oder langen Spieß, die Schweizer außer Handrohr und Spieß auch Hellebarden in größerer Zahl. Dagegen war wieder gute Freundschaft zwischen Schweizern und Friesen. Beide wußten im 15. Jahrhundert zu erzählen, daß einst Friesen auf der Heimkehr von einem Römerzug Karls des Großen sich in Schwyz niedergelassen und die Ahnherren der Schwyzer geworden wären. Beider Stärke bestand in dem freien Bauernstand, beide duldeten keine Herren über sich, und in ihren Briefen nannten sie einander Söhne und Vettern. Die Landsknechte aber waren zum größten Teil Oberdeutsche und viele Stadtkinder darunter.

Doch trotz der Feindschaft behandelten diese Gegner einander in der Regel als ehrliche Soldaten. Dagegen hatten die Raizen, welche in den Kriegen des Königs Matthias mit den deutschen Landsknechten zusammenstießen, grobe und unchristliche Sitten, sie nahmen niemand gefangen, denn sie bekamen für jeden abgeschnittenen Kopf einen Gulden, das war ihr Sold, und sie schnitten Köpfe ab, wo sie irgend Gelegenheit fanden; diese erhielten von den Landsknechten kein Quartier.

Das Leiden des Landsknechtheeres war, daß jeder Kriegführende die Landsknechte nötig hatte und daß keiner sie zu bezahlen vermochte. Das Dienstverhältnis beruhte auf Vertrag, beide Teile hatten zu leisten, der Kriegsherr den Sold, der Söldner den Dienst. Wurde der Sold nicht gezahlt – und das geschah selten regelmäßig, selten ohne Abzüge und Betrug, der den Hauptleuten zugute kam und zuweilen nach den ersten Wochen gar nicht oder doch nur durch kleine Abschlagzahlungen – dann war nach Ansicht des Heeres der Vertrag gebrochen, und dem Heere stand frei, sich anderweitig zu vermieten. So kam es, daß den Landsknechten eine auffällige und meuterische Stimmung zur üblen Gewohnheit wurde. Die Hauptleute der Fähnlein, in Geldsachen häufig durch böses Gewissen gedrückt, hatten geringe Autorität und folgten dem empörten Haufen. Der Feldhauptmann, welcher kein Geld schaffen konnte, mußte zu allerlei Mitteln die Zuflucht nehmen; er vermochte doch vielleicht Tuch zu borgen, wenn die Kleidung seiner Mannschaft abgerissen war, dann wurde kapituliert, die Knechte nahmen einmal Gewand statt Geld, und Hauptmann und Leute freuten sich, daß sie in gleichen Farben, z. B. schwarz und weiß einhergingen.

Zuweilen half dem Führer gegen die erbitterten Knechte, wenn er sie feierlich anredete. Er mußte sich eine wohlgesetzte Rede ausdenken und darin durch gute Versprechungen trösten. Es war ihm aber nützlich, wenn er vor solcher Verhandlung mit den eigenen Knechten sich von ihnen zur Verantwortung freies Geleit erbat, das ihm nicht verweigert wurde. Erfuhren während solcher Geldnot die Knechte, daß ein Geldtransport beim Heer angekommen war, so bemächtigten sie sich vielleicht gewaltsam des Geldes, um sich den Sold zu sichern, ja sie nahmen den Geldtransport weg, wenn man ihnen auch gerade nichts schuldig war, weil sie behaupteten, daß sie sich vorsehen müßten und daß man am Ende eher die Reiter als sie bezahlen würde. Da die Leute leben mußten, so plünderten sie ihre Quartiere und die Umgegend, unternahmen eigenmächtig Beutezüge und forderten dann von ihrem Feldhauptmann, daß er den eingebrachten Raub, wie es Brauch war, verteilte. Selten gelang es, einen einflußreichen Subalternoffizier oder die Anstifter der Unzufriedenheit zu ergreifen, und in diesem Falle brach vielleicht die Meuterei aus, und der Feldherr mußte sich durch die Flucht dem Tode entziehen.

Aber die Brüderschaft, welche sich am Fahnenstock zusammengeschworen hatte, besaß sogar vor dem Feinde nicht den unbedingten Gehorsam, welcher für dauernde militärische Gefolge unentbehrlich ist. Wie sie im Soldatengericht, wo der Profos anklagen mußte, selbst erkannte, ob ein Gesell sich als unehrlicher Soldat gehalten habe, so wollte sie auch vor jeder Kriegsoperation, welche Leib und Habe in Gefahr setzte, mitsprechen. Das war uralter Heeresbrauch. Der Feldhauptmann mußte sie zusammenrufen, anreden und für seine Absicht gewinnen. Zuweilen versagten die Gerufenen. Wenn es ihnen in den Quartieren gefiel und sie nicht den Angreifer vor Augen sahen, so wurden ihnen die Kriegspläne der Führer unbequem, vollends wenn dabei gute Beute nicht zu hoffen war. In den Quartieren waren ihre Weinwirte und Metzger, ihre Weiber und Dirnen einflußreicher als die Befehlshaber, der Troß aber fürchtete für seinen Kramschatz oder scheute das Ungemach des Feldes.

Wenn gar ein Krieg seinem Ende nahte und nicht so reiche Plünderung gewährt hatte, daß die Landsknechte in Frieden ihre Beute vertun wollten, dann schieden sich feindlich die Interessen des Heeres und des Kriegsherrn. Die Landsknechte suchten das Ende des Krieges dadurch zu hindern, daß sie den entscheidenden Schlag verweigerten, oder heimlich mit ihren Kameraden im feindlichen Heer verhandelten und ein stilles Abkommen schlossen, das kriegerische Geschäft im gemeinsamen Interesse fortzusetzen und nicht zu dulden, daß der fromme Landsknecht wieder in unsicherer Reise laufen müsse. Wurde der Krieg doch geendet und ihre Fähnlein abgedankt, so ballten sie sich vielleicht zu einem Haufen zusammen, setzten sich einen Hauptmann und durchzogen plündernd die Landschaft, bis sie durch Gewalt zerstreut wurden oder einen neuen Kriegsherrn fanden, dem sie sich verdangen.

Kam man an den Feind und stand ein Zusammenstoß bevor, so galt es den Schlachtenzorn der Landsknechte durch Versprechung und Anrede zu erregen; darauf wurde große Sorgfalt verwandt und einflußreiche Subalterne gewonnen, welche berichteten, ob das Heer in der rechten Laune war. Vor dem Kampf verstrickten sich die Landsknechte noch einmal mit Glauben und Eid untereinander, die Schlacht zu gewinnen, die Festung zu erobern, bis auf den letzten Mann auszuhalten. Vor dem Treffen knieten die Knechte nieder – die Schweizer senkten betend auch den Oberleib zur Erde –, sie sprachen ihre Gebete um Glück und Sieg und warfen eine Erdscholle oder Handvoll Staub hinter sich. Die Schlacht war ein Kampf zweier großer quadratischer Gewalthaufen, welche aus den einzelnen Fähnlein zusammengestellt waren; vor dem Zusammenstoß dieser Haufen galt es, den Feind durch das zerstreute Gefecht der Armbrust- und Büchsenschützen zu schwächen, aber der Dienst dieser Vortruppen oder laufenden Knechte war noch schlecht organisiert. Die liefen nach einigen Schüssen ihrem Gewalthaufen zur Seite und in den Rücken, die Lockerung der feindlichen Waffe hing vorzugsweise von der Gewalt des Einbruchs und den langen Spießen der zusammenrennenden Haufen ab. Bei diesem Zusammenlauf waren die ersten Glieder – die Doppelsöldner – am meisten gefährdet, wohl die Mehrzahl darin wurde erstochen; die Fahnen standen deshalb erst im vierten und fünften Glied. Um die Gefahr dieses Zusammenstoßes zu verringern, wählte man im 15. Jahrhundert zuweilen verzweifelte Gesellen, welche bereit waren, ihr Leben gegen besonderen Lohn in die Schanze zu schlagen; auch der Arges bewirkt hatte, konnte sich durch solchen Dienst von der Strafe lösen. Diese »Katzbalger« wurden mit Hellebarden vor der ersten Reihe der Knechte aufgestellt und ließen im Augenblick vor dem Zusammenstoß die Hellebarden in schrägem Hieb auf die Speerspitzen der Feinde fallen, damit die Spießknechte eilig in die Lücken sprangen und an den Leib der Feinde kamen. Dann begann das Stoßen und Drängen der beiden großen Haufen, die hinteren Glieder, verhältnismäßig sicher, drückten ihre Vorkämpfer unablässig nach vorn. Und es kam darauf an, in welchem Haufen die größere Stoßkraft dauerte. Bei diesem Wogen der Waffen wurde in trockener Zeit der Staub auf dem Schlachtfeld so groß, daß man die Aussicht verlor, sogar die Hauptfahne nicht erkennen konnte. Dann schlugen die Mutigen so lange ineinander, als die Kräfte und Hoffnung aushielten, die Feigen beider Heere flohen, der Sieg hing außer anderem auch sehr von Sonne und Wind ab. Die Entscheidung aber war in der Regel vollständig, denn der Haufe, welcher sich zuerst zur Flucht wandte, hatte den Feind im Nacken, welcher massenhaftes Niederschlagen, Gefangennahme und Plünderung begann. Dabei verlor das siegreiche Heer völlig den Zusammenhang, und mehr als einmal wurde der glänzende Erfolg einer Schlacht vereitelt, weil der Feind imstande war, noch eine taktisch zusammenhängende kleine Minderzahl gegen die zerstreuten Sieger zu führen. Man suchte deshalb wohl einen Haufen für solche Entscheidung zurückzubehalten, aber regelmäßige Reserven wurden erst in der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges Brauch.

Die ärgste Schwäche dieser Gewalthaufen war, daß sie zwar eine starke Front hatten, aber leicht zersprengt wurden, wenn die Feinde in ihre Seiten drangen; erst als die Handrohre der Schützen schneller feuerten und diese Truppe verläßlicher ward, suchte man durch angehängte Schützenflügel die Flanken zu sichern. Die Reiterei kämpfte in dieser letzten Zeit selten gegen Landsknechte, sie galt für wirkungslos vor den langen Spießen des Fußvolkes, ihre Aktion war an den Seiten des Gewalthaufens gegen die feindliche Reiterei; die beiden Waffengattungen des Heeres griffen also im Kampf fast gar nicht ineinander. Die Artillerie endlich wurde m Positionen aufgefahren, die sie in der Regel nicht verließ, sie half die Aufstellung schützen, aber leistete geringen Dienst bei der Entscheidung. Nach jedem Sieg wurde »gebeutet«, die gesamte Beute auf einen Haufen zusammengebracht und verteilt.

Daß der Befehl über ein solches Heer keine sorgenlose Ehre war, wußte jedermann; es gelang nur wenigen Feldhauptleuten, sich für wichtige Fälle den Gehorsam zu sichern durch Redlichkeit, einen demantharten Mut, der jede Probe aushielt, durch imponierendes Wesen, dem ein Strich von volkstümlicher Laune nicht fehlte. Wer den Befehl übernahm, der mußte abgehärtet sein gegen zahllose Kränkungen, die er selbst erfuhr, und gegen die Verwüstungen und Unmenschlichkeiten, welche durch seine Banden verübt wurden. Seine Prüfungen begannen an dem Tage, wo das Heer aufbrach. Man merkte wohl, daß Heervolk sich nicht in Säcken fortbringen ließ, und daß die Gesellschaft überall wo sie durchzog »sich behalf«, indem sie von der Bevölkerung nahm. Denn an geordnete Verpflegung wurde nicht gedacht; deshalb brachte der Zug eines Heerhaufens das Land des eigenen Kriegsherrn längs der Heerstraße in Aufruhr, die erbitterten Landleute wurden da, wo man sehr schonen mußte und einmal Geld hatte, durch Entschädigungssummen gestillt, die der Kriegsherr zahlen mußte; zuweilen zog das Heer in Streitordnung durch Freundesland, um die einzelnen Haufen vor der Rache und den Überfällen der Bewohner zu bewahren, dann marschierte man in breiter Ordnung in großen quadratischen Haufen, Wagenburg und Troß in der Mitte.

Der oberste Hauptmann einer solchen Gesellschaft war vielleicht der große Unternehmer, welcher das Geld für Werbung und Ausrüstung vorgeschossen hatte, unter seiner Autorität war das Heer zusammengelaufen. Auch er faßte es als einen Kontraktbruch gegen sich auf, wenn ihm der Sold nicht gezahlt wurde. Wie die Treue gegen Kaiser und Reich in solchem Fall erhalten wurde, lehrt das Verhalten des Herzogs Albrecht von Sachsen, der die Regierung seines eigenen Landes vernachlässigte und große Summen aus dem Erbe seiner Väter zog, um den Habsburgern Kriegsdienste zu tun, und der in Wahrheit durch mehr als ein Jahrzehnt die beste Stütze der kaiserlichen Familie war. Er hatte als oberster Feldhauptmann im Niederländischen Krieg über 300 000 Gulden für Sold und Ausrüstung vorgeschossen, und König Maximilian, der für seinen Sohn Herzog Philipp Kriegsherr war, achtete wenig auf des Herzogs Not und Drängen. Da wußte der Fürst – wohlgemerkt, während er für den Kaiser gegen Frankreich im Felde lag – sich nicht anders zu helfen, als daß er sein Heer und seine Dienste dem König von Frankreich anbot, mit der Bedingung, nicht wider König Maximilian und das Deutsche Reich gebraucht zu werden, einer unnötigen Bedingung, denn wenn er das kaiserliche Heer zu den Franzosen hinüberführte, war ohne weiteres die Sache zugunsten Frankreichs entschieden, Maximilian hatte kein Heer und kein Geld ein neues zu werben, und dieser Übertritt des sächsischen Fürsten wurde eine Katastrophe für das Reich. Die Bedingung des Geschäftes war durch seinen Unterbefehlshaber am französischen Hof vereinbart, als König Maximilian erfuhr, daß der treue Herzog diesen verzweifelten Weg eingeschlagen hatte, sich bezahlt zu machen. Da endlich sandte der König seinem Feldhauptmann etwas Geld und viele Versprechungen und schloß einen neuen Vertrag, ihn nach und nach zu bezahlen. Es ist durchaus nicht zu ersehen, daß diese vorübergehende Differenz das gute Verhältnis zwischen dem König und dem Herzog gestört habe. [...]

Wir haben über die wilde Wirtschaft innerhalb des Landsknechtsheeres einen Bericht, der an Anschaulichkeit nichts zu wünschen übrigläßt. Er ist in der Biographie desselben fränkischen Edelmanns enthalten, welcher von den letzten Ritterfahrten des deutschen Adels erzählt hat. Zum Verständnis wird kurz an die politischen Verhältnisse erinnert. Nach dem Tode Karls des Kühnen von Burgund (1477) war endlich ein Plan des alten Rudolf von Habsburg in Erfüllung gegangen, sein Geschlecht erhielt durch Vermählung des Habsburgers Maximilian mit der Erbin von Burgund Anrecht auf das Ländergebiet, welches die letzten Burgunder Philipp und Karl durch Krieg und Vertrag gewonnen hatten. Aber die Länder waren von Parteien zerrissen, der Einfluß Frankreichs bereits übermächtig, und es half wenig, als dem begehrlichen Nachbar Teile der Erbschaft abgetreten, andere versprochen wurden. Als Maria im Jahre 1482 starb und ihrem Gemahl zwei Kinder, Philipp und Margarete, von vier und zwei Jahren hinterließ und Maximilian als Vormund die Regierung übernahm, wurden die Grafschaften Burgund und Artois als Mitgift der kleinen Prinzeß Margarete dem Dauphin Karl verlobt, aber die Unruhen in den Niederlanden und die Intrigen Frankreichs hörten darum nicht auf; im Jahre 1488 wurde Max zu Brügge von den Bürgern gefangen und der Vormundschaft entsetzt. Er löste sich aus dem Gefängnis, indem er unter anderm eidlich gelobte, der Regierung zu entsagen, und stellte dafür Geiseln, aber er hielt den Vertrag nicht und verriet seine Geiseln, von denen Philipp von Kleve sofort zur französischen Partei übertrat. Die Gefangenschaft Maximilians brachte in Deutschland eine kleine Aufregung hervor, sein Vater, Kaiser Friedrich, begann langsame Rüstungen, die eifrigsten Herzog Albrecht von Sachsen, der nach den Niederlanden ging und von 1488 bis zu seinem Tode 1500 gegen die französische Partei und die unbotmäßigen Städte, endlich auch gegen Friesland im Felde lag. Als kaiserlicher Feldhauptmann kämpfte er mit wechselndem Erfolg, im ganzen den Gegnern überlegen. Im Jahre 1492 landete Heinrich VII. als Bundesgenosse Maximilians mit großer Flotte zu Calais, um gleich darauf einseitigen Frieden mit Frankreich zu schließen. Trotzdem unterwarf die Tapferkeit der Landsknechte bis zum Jahre 1493 den größten Teil der Niederlande.

Und jetzt erzählt Wilibald von Schauenburg als Unterhauptmann des Herzogs Albrecht zum Jahre 1492 wie folgt.

Der König von England schlug eine übergroße Schätzung auf die Seinen, wie man meinte, mehr als 1 800 000 Gulden, und traf mit seiner Landschaft das Abkommen, gegen den König von Frankreich zu ziehen, da ein ewiger, immerwährender Krieg zwischen den beiden Königreichen ist; er bestellte über 400 große und mittlere Schiffe, die besten, so er in seinem Reich, in Holland und Seeland zuwege bringen konnte, die ihm alle gegen seinen Sold nach England gebracht wurden. Dieselben füllte er mit Leuten, Proviant und Geschoß und allem, was ins Lager gehört, und schiffte so mit 22 000 Mann oder darüber gen Calais.

Von da schickte er feierliche Botschaft zu Herzog Albrecht von Sachsen und allen Regenten in ganz Niederland, ließ sie an alte Treue und Hilfe, die er ihnen von Sluis und an andern Orten erzeigt, erinnern, begehrte und bat aufs allerfreundlichste, auch ihm Hilfe und Beistand zu tun. Der hochgemute und ritterliche Herzog Albrecht, dessen Herz und Sinn nach Ehren rang, gab die Antwort, er werde dem König 4000 Knechte schicken, und sobald er sich gerüstet, wolle er in eigener Person mit allen seinen Grafen, Landherren, Edlen und Reisigen bei ihm sein. Der Herzog schickte seinen werten Hauptmann, den von Schauenburg, mit der gemeldeten Anzahl Knechte dem König zu Hilfe, in der Absicht später nachzuziehen.

Nun lag die englische Rüstung noch zu Calais, und als der Hauptmann sich auf zwei Tagereisen genähert hatte, kam ihm eine Botschaft von einem Kapitän, welcher der Grison hieß, und noch drei oder vier andere Hauptleute seines Volkes bei sich hatte. Der ließ dem von Schauenburg sagen, wenn er nebst seinen Knechten mit ihm ziehe, so wollte er versuchen, ihm in die große Stadt Antricht, die sie zu welsch Arras nennen, Eingang zu verschaffen; wenn das gelänge, dann wäre noch die kleine Stadt, und wiewohl jede der beiden Städte ein festes Schloß hätte, wollten sie sich doch mit Gottes Hilfe unterstehen, auch die Klausen (Zitadellen) zu erobern. Der Hauptmann sorgte und mochte dem Grison und seinen Gesellen nicht wollen Glauben schenken. Aber es war ein redlicher Edelmann aus Hochburgund zur Stelle, der Herrn Wilibald bekannt war, mit Namen Loi de Wadre, der kannte die Leute und sagte dem Hauptmann für ihre Treue gut. Er bat ihn fröhlich auf diesen Anschlag zu ziehen und versprach mit seinen Gesellen von der welschen Garde, an 500 Pferde, deren Hauptmann er war, bei ihm Leib und Leben, Ehre und Gut getreulich hinzugeben und zu wagen. Herr Wilibald, der den Mann fromm wußte, war froh, ließ sich überreden, las aus seinen Knechten die 1500 besten; die andern 2500 ließ er seinem Stellvertreter, daß dieser dem König von England zuziehe und bei einem Städtlein, Grevenberg genannt, eine Tagereise unter Calais, warte, ob ihm sein Anschlag geraten würde.

Der Hauptmann kam mit seinen Knechten im Hennegau zu einem Städtlein, heißt Cunta – es war zu der Zeit an Hans von Dettingen als Mitgift seiner Gemahlin gekommen –, von da hatte er noch 18 (belg.) Meilen gen Arras, er bestellte auf allen Straßen und Pässen, daß alle Frauen und Männer, die nach der Richtung gingen, aufgehalten würden, damit keine Warnung ins Land käme. Er zog aber mit seinen 1500 Knechten ohn' Unterlaß in einem Zuge bis auf eine Meile Wegs an die Stadt. Indes war Loi de Wadre mit seinem reisigen Zug, an 500 Pferde, zu ihm gestoßen, er ließ Reisige und Fußvolk zusammenziehen, gab ihnen seinen Anschlag zu verstehen und sagte ihnen, sie sollten ihm geloben und schwören, im Fall sie mit Gottes Hilfe die Stadt eroberten, keinem Menschen etwas zu nehmen und die Stadt ungeplündert zu lassen; er aber wollte ihnen wieder geloben und schwören, daß er jeglichem Reisigen und Fußknecht einem wie dem andern statt der Beute drei Monate Sold geben wollte. Darüber wurden sie einig, schwuren also, das einander zu halten und zogen auf solchen Vertrag fort. Der Hauptmann ließ den reisigen Zug eine halbe Meile vor der Stadt halten, er hatte Sorge, wenn er näherzöge, möchten die Pferde so schreien, daß die Wächter solches auf der Mauer hörten und vor dem Anschlag gewarnt würden. Er legte sich mit seinen Knechten ganz nahe in einen tiefen Graben und wartete, bis der Grison käme oder das Wahrzeichen gäbe, das sie vereinbart. Wenn eine Katze auf der Mauer miaute, sollten sie unten im Graben auch einen Schrei machen, dann wäre alles in Ordnung. Und als sie so lagen und auf die Zeichen warteten, waren von ungefähr etliche Franzosen auf Beute geritten, wollten wieder in die Stadt und stießen auf die Knechte mit einem feindlichen Geschrei: Teutsch, stich tot.

Der Hauptmann erschrickt mit Fug, da er eine Verräterei besorgt, und mahnt die Knechte in Ordnung, der Trommelschläger fährt in die Höhe und schlägt Lärm, da springt gar ein redlicher Knecht zu ihm und sticht mit einem Brotmesser einen langen Schlitz in die Trommel, in Sorge, die auf der Mauer würden sie gewahr werden. Indem rannten die Franzosen hinweg, daß niemand in der Nacht wissen konnte, wo sie blieben. Und während solchen Alarm brachte Loi de Wadre dem Hauptmann Botschaft, daß die Stadt geöffnet sei, er sollte mit den Knechten heranziehen. Das nahm den Hauptmann groß Wunder, er bedachte, die auf der Mauer hätten unzweifelhaft ihren Alarm gehört, und wenn sie darüber die Tore geöffnet hätten, müßte das sicherlich eine Verräterei sein. Der edle fromme Ritter war betrübt und froh, da ihm ein zweifelhaftes Glück einmal die Verräterei, dann die offene Stadt anzeigte. Aber er hatte Vertrauen in Loi de Wadres Rechtschaffenheit und die Streitbarkeit der Knechte. Er gedachte zuvor einen großen Abraum zu machen und setzte seine Sache meist auf Gott, den der starke mannhafte Mann in allen Nöten durch Anrufen bekennen und um den Sieg bitten soll, denn er dachte, er wäre einmal da und könne nicht zurück. Er schrie die Knechte an also kecklich vorzurücken, befahl etlichen Hauptleuten, in Schlachtordnung auf den großen Platz zu treten, was ihnen begegne und nicht »burgundisch« schreie, alles totzustechen und großen Fleiß zu haben, daß man die in der Stadt nicht versammle oder zuhauf komme.

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