Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Freytag >

Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

VIII
Besiedlung des Ostens

Vom Bord der Hansen

Die Arbeit des Kaufmanns. Handel der Oberdeutschen und Niederdeutschen. Verschiedenheit der Geldwährung. – Die Hansa. Lockerer Zusammenhang der Städte. Die Osterlinge. Der Fischfang und der Hering. Der Hanse in der Heimat. Seine Schiffe. Flotten und Seeraub. Seerecht. – Verkehr in der Baye. Niederlassungen und Höfe des Hansen Schoonen, der Stahlhof in London, Nowgorod, Bergen. Anlage neuer Städte: Riga, Reval, Dorpat, Danzig. Fahrten der Hansen nach niederdeutschen Chroniken. Die Seeschlacht bei Warnemünde 1234. – Schiffe von Wismar im Eise 1394. Die Schlacht im Norsund 1427. – In der Baye 1433. – Paul Beneke von Danzig 1473. – Verfall der Hansa

Auf keinem Gebiet irdischer Interessen wird der Unterschied zwischen Oberdeutschen und Niederdeutschen so bemerkbar als in der Tätigkeit, welche nationale Schranken mehr als jede andere durchbricht. Mittelmeer und Nordmeer, Landhandel und Seehandel, Fabrikant und Kaufmann, Goldwährung und Silberwährung stehen im Verkehr der Ober- und Niederdeutschen gegeneinander. Die großen Binnenmärkte Ulm, Augsburg, Nürnberg, Basel, Straßburg, Mainz, Regensburg, Frankfurt kaufen zumeist von Gegenden, in welchen der Himmel milder, der Verkehr reicher entwickelt, die Kultur älter ist, bei ihnen gewinnt der Handel zuerst fast moderne Formen in fester Verbindung mit großen fremdländischen Geschäften; dort zieht mit Waren und zierlicher Arbeit des Südens auch Kunstgeschmack, einige Wissenschaft und verfeinerter Lebensgenuß in das Land, der süddeutsche Kaufmann läßt einen Sohn oder Verwandten in Italien oder Frankreich Recht und Medizin studieren, und der gelehrte Jurist, der Arzt und Apotheker werden zu den Patriziern der Stadt gerechnet; der Kaufmann ist oft selbst Weber, und auf der Fabrikation der verschiedenen Stoffe, welche die Innungen seiner Stadt in besonderer Güte verfertigen, beruht die Größe seines Geschäfts. Ein Nürnberger Geschlechter richtet 1390 die erste Papierfabrik in Deutschland ein, ein anderer zu Mainz erfindet fünfzig Jahre später die Kunst, dies Papier zu bedrucken. Durch viele geschäftliche Verbindungen sind die hochdeutschen Kaufleute mit großen Fürsten oder dem Königshofe vertraut und erhalten ein persönliches und Parteiinteresse bei den inneren Händeln des Reiches. Die französischen Moden, welche schon damals den feinen Mann beherrschen, werden zuerst von den Geschlechtern aufgenommen, und ebenso wie das Rittertum in Süddeutschland sich höfischer entwickelt hat, so zeigen auch die reichen Stadtbürger ein modisches und zuweilen fremdländisches Wesen. Jede Stadt im Süden hat ferner so eigentümliche Handelsinteressen, daß sie denen ihrer Nachbarn fast immer abgeneigt oder gefährlich sind; die Städte vereinigen sich einmal zu Bünden, weil die Unsicherheit der Landstraßen als gemeinsames Leiden gefühlt wird; aber es sind Verteidigungsbündnisse gegen Fürsten und Vasallen, nicht Verträge zu gemeinsamem Handel, und sie haben geringe Dauer, jede Stadt erstarkt für sich allein, in bewußtem Gegensatz zu den anderen.

Weit anders da, wo die niederdeutsche Sprache altheimisch oder durch sächsische Kolonisten eingebürgert ist. Dort bleibt bis tief in das Land in der Altmark, in Westfalen, in dem großen Köln das Interesse vorzugsweise nach den Nordmeeren gerichtet, der lohnendste Handel wird zu Schiffe geführt, auch die Kaufleute kleinerer Landstädte beteiligen sich als Reeder und Befrachtende an der Seefahrt. Der Kaufmann und seine Diener sind lange Zeit selbst die Reisenden, sie sind vorzugsweise die Städtegründer, bewaffnete Kämpfer vom Schiffsbord, oft wagelustige Abenteurer, welche Haus und Heimat leicht mit der Fremde vertauschen. Viel altertümliche und rauhe Sitte erhält sich im Verkehr mit Nordmannen und Heiden. Auch der niederdeutsche Kaufmann ist Fabrikant, zumal am Unterrhein wurzelt das früheste Gedeihen des Seehandels auf dem Export heimischer Arbeiten; aber in den größten Städten der Sachsen ist die Fabrikation weit weniger wichtig als die Lebensmittel, Rohstoffe und Waren der Fremde. Und der Gewinn dieser Waren ist mit Wagnis und Gefahr verbunden, welche die stärkste Manneskraft in Anspruch nehmen und einen trotzigen, herrischen und ehernen Willen aufziehen. Die große Verbindung der Hansa reicht fast genau soweit als die niederdeutsche Sprache, sie ist eine Verbindung vieler Städte zu gemeinsamem Handel in der Fremde, nicht zur Verteidigung, sondern zur Eroberung.

Ein Unterschied war auch in der Geldwährung. Wer damals Kaufmannschaft trieb, mußte geübt sein, den Wert des Geldes zu berechnen. Der Zerfall des Reiches wurde jedem bemerkbar, der bei einer Reise das Silbergeld der verschiedenen Landschaften und Städte betrachtete. Die Kaiser hatten ihr altes Münzrecht den Reichsstädten und Landesherren verkauft, die Landesherren wieder ihren größeren Landstädten, es kam vor, daß eine größere Stadt die Münze in einer kleineren erworben hatte. Das Münzamt war an vielen Orten in erblichen Besitz reicher Familien gekommen, die zahllosen Münzstätten, die Verschiedenheiten der Metallgewichte, welche zugrunde lagen, die Mannigfaltigkeit der alten Namen und Werte an stadtüblichen Verkehrsmünzen hätten hingereicht, die größte Ungleichheit hervorzubringen, der Eigennutz tat das übrige. Da schlechter ausgebrachte Münze immer die bessere einer Landschaft verdrängte, so wurden auch gewissenhafte Stadtgemeinden gezwungen, allmählich schlechter an Schrot und Korn zu prägen; war die Verwirrung zu groß geworden, dann wurde wohl einmal ein untreuer Münzmeister beim Kopf genommen, oder wenn der vornehme Mann verstand, die Schande auf einen seiner Knechte abzuleiten, ein Münzknecht verbrannt. Oder es wurden neue Bestimmungen getroffen und ein neuer Münzfuß eingeführt, der sich ebensowenig behauptete. Es war der beste Vorteil des Großhandels, daß er nach verhältnismäßig fester Goldwährung rechnete. Grundlage war für Mitteleuropa die kölnische Mark gewesen, nach ihr hatten zuerst die Florentiner ihr Guldein geschlagen, darauf die Venetianer ihren Dukaten, dann Ungarn, Böhmen, die rheinischen Kirchenfürsten ihren Gulden. Auch bei diesen Goldstücken stand Schrot und Korn nicht ganz fest, doch waren sie im Durchschnitt bis nach 1400 dem Goldwert unseres Dukaten fast gleich. Aber das Silber hatte damals im Verhältnis zum Gold etwa ein Dritteil höheren Wert als jetzt (1 Pfund Gold damals gleich etwa 11 Pfund Silber).

Mit dieser Goldwährung handelte der hochdeutsche Kaufmann fast über die ganze bekannte Erde: die Fische des Asowschen Meeres bezog er über Lemberg, seine Rüstungen und kostbare Seidenstoffe aus Konstantinopel, Perlen, zyprische Weine, Gold- und Silberwaren über Venedig und Genua, die zahllosen Produkte der Mittelmeerländer, Öl, Mandeln und Reis, Feigen und Rosinen, nicht nur über Italien, auch aus Barcelona über Avignon. Und er tauschte die Waren des Südens und die Arbeiten der heimischen Schmiede und Goldarbeiter zu Brügge und Maastricht mit seinen Wollstoffen aus Flandern.

Auch dem Kaufmann der Hansa diente die Goldwährung, wenn er seine Schiffe nach Portugal oder an die französische Westküste sandte, und wenn er sich mit seinen Handelsfreunden am Rhein und in Süddeutschland berechnete. Aber der größte Teil seiner Geschäfte wurde mit Silber gemacht; das Pfund und die Mark, ursprünglich ein halbes Pfund Silber, waren zu Rechnungsmünzen geworden, deren Wert fast in jeder Stadt und jedem Jahrzehnt ein anderer wurde. Dem Hansen machte die unablässige Verschlechterung des Geldes viel zu schaffen, sie brachte in seinen Handel den größten, fast unberechenbaren Gewinn und Verlust, denn in jeder Stadt war der Kurs fremden Silbergeldes ein anderer, häufig wechselnder; aber er konnte die kleinen Silberstücke bei seinem Verkehr mit armen Völkern nicht entbehren, und er kaufte in seinem Kontor zu Nowgorod Pelzwerk, Wachs, Häute des Ostens, in Gotland die Fische und Felle des Nordens und verkaufte in seinem Stahlhof in London Getreide, weiße Falken, Hermelin, Heringe und Seehundspeck aus der Ostsee gegen Pfund, Mark und Schillinge.

So allmählich entstand der Bund der Hansastädte, daß wir seinen Anfang gar nicht wissen; auch der Name erscheint gelegentlich, er bezeichnet ursprünglich ebenso wie das Wort Innung die Steuer, welche sich die Genossen auflegten. Zuerst verbanden sich einzelne Städte am Niederrhein und wieder an der West- und Ostsee zu gemeinsamer Verfolgung ihres Vorteils in England, auf Gotland, am Ilmensee, andere schlossen sich allmählich an, lange banden sich kleinere Gruppen durch Verträge, bis die Bünde im Westen und Osten zusammenflossen. Doch nicht jede größere Stadt schloß jeden wichtigen Vertrag; in den ältesten Freibriefen, welche Könige den Hansen zuteilten, fehlt bald Hamburg, bald Bremen. Auch innerhalb des Hansabundes bestanden dauernde Gegensätze, außer den landschaftlichen die größeren zwischen dem Handel des Niederrheins, welcher vorzugsweise auf den Fabrikaten der Landschaft beruhte, und zwischen den Interessen der wendischen und preußischen Städte, welche vorzugsweise Kaufmannschaft durch Einfuhr und Ausfuhr fremder Waren trieben. Von Köln und seinen Nachbarn begann die Hansa, aber die wendischen Seeplätze erhielten das Übergewicht, das junge Lübeck wurde Haupt, und die Kölner verharrten im Bunde in einer stolzen Opposition und erregten die Unzufriedenheit der anderen durch eigenmächtigen und herrischen Abschluß von Verträgen, in denen sie Begünstigungen vor den Bundesgenossen suchten.

So hatten seit zwei Jahrhunderten Verbindungen der Hansen in vielen Fällen bestanden, bis 1367 zu Köln die Städte einen großen Bund gegen König Waldemar von Dänemark schlossen und drei Jahre ihren glorreichen Krieg führten. Seitdem gaben sie sich eine Ordnung und teilten den Bund in Quartiere. Aber auch von da wechselte die Zahl der Mitglieder unablässig, kleinere Städte schieden aus, neue, die heraufkamen, traten ein, zuweilen geriet eine Stadt oder eine ganze Gruppe derselben wegen Unfügsamkeit und weil sie in eigenem Interesse gegen den Bund gearbeitet hatten, mit den anderen in Zwist, einzelne wurden wohl gar auf eine Zeit ausgeschlossen, z. B. Bremen; ein andermal verweigerte eine ganze Gruppe die Teilnahme an den wichtigsten Maßregeln, Kriegen und Verträgen, dann sandten nur die eifrigen ihre Flotte in See oder erwarben Privilegien für sich. Daß der Bund nicht festen Zusammenhalt hatte, war natürlich, die Städte lagen von Osten nach Westen auf einem Terrain zerstreut, welches von Reval bis über die Schelde reichte; ihre Lebensinteressen waren in der Tat oft in unsühnbarem Widerspruch, was dem Kaufmann in Riga oder Danzig, in Wisby oder Bergen wohltat, das war für Köln oder das deutsche Kontor zu Brügge von größtem Schaden. Nicht die inneren Zwistigkeiten sind auffallend, sondern daß trotzdem Stadtgemeinden und Kontore durch mehr als drei Jahrhunderte immer wieder zusammenhielten und nicht selten ihren Vorteil der Allgemeinheit zum Opfer brachten. Und sie waren schlimm daran, denn ihre Gegner betrachteten sie als einigen Bund und suchten Rache für den Nachteil, den ihnen einzelne Städte zugefügt hatten, an dem Handel aller Bundesglieder; wenn ein Seeräuber in Wismar französische Waren verkauft hatte, wurden von den Franzosen zur Vergeltung Bremer oder Kölner Warenballen konfisziert. Jeder Hanse wurde gefährdet durch jede Ungebühr, welche einer beging, und doch war es schwer, von den Bundesstädten Hilfe und Genugtuung für den erlittenen Schaden zu erhalten.

Wir sehen jetzt aus einem weit anders geformten Staatsleben mit Befremden auf solche Inkonsequenzen in einer alten Genossenschaft, aber alle politischen Verbindungen des Mittelalters zeigen genau dieselben Widersprüche: Städte, welche gegen ihren Landesherrn vorsichtig die Tore schließen, Landesherren, welche sich um König und Reichstag gar nicht kümmern, Vasallen und Stadtbürger, welche durch Schwur ihrem Herrn oder ihrer Stadt und gleichzeitig deren Feinden verpflichtet sind, ein deutsches Kaisertum, welches nie die Hansa anerkannt, noch weniger das Verhältnis derselben zu anderen Reichsgewalten geregelt hat. Zu einem Bunde, welcher Wohlstand und Kultur Deutschlands durch zwei Jahrhunderte mehr gefördert hat als irgendeine andere Macht des Reiches, hatten die obersten Gebieter desselben Reiches gar kein Verhältnis, ja ihre Politik war in der Regel den Hansen feindlich, und der Kaiser oft in Freundschaft und Bündnis mit den Königen, welche mit Flotte und Heer gegen die Städte des Reiches ausgezogen waren. Noch Karl V. hatte durch seine Dekrete eifrig den Handel seiner burgundischen und niederländischen Städte gegen die Städte seines deutschen Reiches vertreten. Es ist überall ein unfertiges Staatsleben, und das letzte Resultat dieser Zeit ist das allmähliche Heraufkommen des fürstlichen Staates, der die Städte mit harter Hand seinem Willen unterwirft und sie zwingt, seinem eigenen Vorteil zu dienen, aus dem allmählich nach Siechtum und Schwächen der gemeinsame Vorteil des gesamten Volkes wird.

Die Größe und Macht der Hansa ruhte meist auf dem Handel ihrer Osterlinge, der Ostseehändler. Denn damals war die Ostsee der große Fischbehälter Europas; der Dorsch und seine Verwandten wälzten sich haufenweis in die ausgeworfenen Netze, der Hering kam alljährlich in ungeheuren Wanderzügen durch den Nordsund, an den Flußmündungen wimmelten der Lachs und der Aal unter den Booten der Slawendörfer. Auch der Wal, der Schrecken der Schiffer, warf häufig seine Wasserstrahlen, und reihenweise lagen die runden Leiber der Robben am Strande. Den Heiden war eine menschenfreundliche Göttin Beschützerin des stummen Seevolks gewesen, für die Christen übernahm die Jungfrau Maria dieses Amt. Lange vor Ankunft des Deutschen Ordens in Preußen nahm man an, daß sie Gebieterin dieser Strandlandschaften sei wie ihr Sohn Oberlehnsherr des gelobten Landes: Papst Innozenz III. versprach 1213 dem Bischof von Riga, für das Land der Mutter nicht weniger zu sorgen als für das des Sohnes. Und es wird zweifelhaft bleiben, ob die Heilige die Germanisierung der Ostseeküsten vollendet habe als Patronin der wilden Kreuzheere und der reisigen Ordensbrüder oder in friedlicherer Tätigkeit als Regentin der deutschen Fischerei und der Wanderfahrten des Herings. Denn die politische Geschichte der Ostsee ist unleugbar zum großen Teil durch die geselligen Neigungen des Herings gerichtet worden.

Bis zum Ende des 12. Jahrhunderts fuhr der Fisch längs der Küste von Pommern in so dichten Massen, daß man im Sommer nur den Korb in das Meer zu tauchen hatte, um ihn angefüllt herauszuziehen. Damals wuchsen die wendischen Seestädte, vor anderen Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald mit märchenhafter Schnelligkeit zu hohem Wohlstand herauf. Im 13. Jahrhundert verlegte der Fisch seine Seewege und strich längs der flachen Küste von Schonen und dem norwegischen Ufer. Sogleich eilten alle seetüchtigen Völker in sein Fahrwasser, und die deutschen Hansen kämpften um seinetwillen blutige und siegreiche Kriege mit den Dänen, den Herren des Nordstrandes, mit Engländern, Schotten und Holländern, sie brachen den dänischen Königen ihre festen Schlösser, besetzten ihre Inseln, vertrieben und erschlugen die Seefahrer anderer Nationen an fremdem Strand und behaupteten durch Jahrhunderte die Herrschaft auf Gotland, Schonen und Bergen. Das wurde die große Zeit der deutschen Hansa. Nach 1400 aber, in derselben Zeit, wo die Gnade der himmlischen Helferin sich von dem deutschen Ordensheer in der Schlacht bei Tannenberg abwandte, wurden die Familiengefühle des Herings von der Ostsee ab an die holländische Küste geleitet. Seitdem wurden die holländischen Städte reich und den erstarkten Hansen verminderte sich der Erwerb, dem sie ihren ersten Wohlstand verdankten.

Auf dem Lande wußte der Kaufmann der Hansa sich seit dem 13. Jahrhundert ritterlich zu halten, er verstand im Spiel des Schildbaums oder der Tafelrunde seinen Speer regelrecht zu verstechen. Gern zeigte er seinen Wohlstand durch stattliche Kleidung, kostbaren Pelzrock und bunte Farben, die ihm der Schildbürtige nicht gönnen wollte. Er trug das Schwert oder lange Messer an der Seite und seinen Kaufmannsgurt, diesen von anderer Form als der Ritter, aber reich verziert, daran die schöngeformte Geldtasche und seinen Siegelring, worein das wichtige Zeichen seines Geschäftes, die Hausmarke, gegraben war. Denn auch er war des Schreibens nicht immer mächtig und bestätigte durch dieselbe Marke, die von den Fässern und Ballen her in Florenz und Lissabon, in London und Nowgorod wohl bekannt war, die Urkunden, welche er durch den Schreiber ausstellen ließ, seine Geldanweisungen und die Bürgschaft, die er bei den Anweisungen anderer übernommen hatte. Aber derselbe Mann trug auch die Friesjacke des Schiffers und das Kettenhemd eines Wappners zur See. Denn er fuhr als Reeder seines guten Schiffes, oder auch als Schiffer einer städtischen Kogge durch alle bekannten Meere. Nicht nur in den Kreuzzügen segelten die Schiffe des Hansen bis in die letzten Buchten des Mittelmeeres, auch um Handelschaft unternahm er Reisen an die Küsten von Sizilien und wieder bis hinauf nach Island, und wegen eines Gelübdes die Pilgerfahrt nach Compostella.

Die Kogge, in welcher er fuhr, war nach anderem Prinzip gebaut als die antiken Schiffe des Mittelmeeres; während dort die Formen der Galeere in langen schmalen Fahrzeugen mit niedrigem Bord dauerten, war das häufigste Schiff der Nordmeere die vergrößerte Slupe, ein rundbauchiges Fahrzeug mit starkem Kiel, mächtigen Steven und hohem Bord, der nach beiden Enden stark aufsprang, mit eingehaktem Steuer, das durch eine Pinne bewegt wurde, mit hochgewölbtem rundlichem Bug und steilem Bugspriet und mit einem starken hohen Mast in der Mitte. Wurde ein großes Schiff zu Krieg gerüstet, dann wurde im 13. Jahrhundert auf Back und Schanze, über Bugspriet und Steuer ein Gerüst gezimmert, darauf eine Plattform mit hölzernen Zinnen für die Schützen und für eine Standarmbrust oder Wurfmaschine. Auch der Mastkorb hatte steuerwärts einen Ausbau mit Zinnen. Und die Fahrzeuge müssen nicht klein gewesen sein; das Dänenschiff, welches im Jahre 1234 von den Lübeckern erstiegen wurde, soll 400 Gewappnete enthalten haben. Allmählich nahm das Kriegsgerüst auf Back und Schanze die Form kleiner Türme an, endlich wurde im 15. Jahrhundert auf beiden Enden der Schiffsbord erhöht um ein oder zwei Halbdecke, das Vor- und Hinterkastell. Aus dieser Zeit sind viele Namen der verschiedenen Seeschiffe überliefert, die Erfindungen aller Völker wurden in den Nordmeeren heimisch. Jedes schwere Schiff hieß damals »Holk«, eine bestimmte Form desselben war das »Kravel« (Karavelle); es scheint Briggtakelage gehabt zu haben und etwa den Tonnengehalt einer kleinen Fregatte unserer Zeit. Da die Schiffslänge im Verhältnis zur Breite etwas geringer war als jetzt, blieb der Hauptmast während des ganzen Mittelalters der wesentliche Teil der Takelage. Der Facke, Fockmast, und der – spätere – Besanmast standen näher am Hauptmast als jetzt, beide schräg von ihm abgeneigt, weit schwächer und niedriger, sie sehen auf den allerdings späten Abbildungen aus wie eingesetzte Stengen. Die Konvoischiffe, welche die Handelsflotten geleiteten, Orlogschiffe oder Friedenskoggen (Geleitschiffe) genannt, führten Büchsen und Bliden (Standschleudern) und außer der seemännischen Bemannung noch Wappner, in Danzig um 1400 gewöhnlich vierzig bis siebzig Mann.

Die technische Leitung des Fahrzeuges hatte der Schiffer, unter ihm standen Steuermanne, Zimmermanne, Schiffsmanne, Bootsmanne, Putken, zusammen die Schiffskinder genannt, und gegen Löhnung, »Heuer«, angenommen. Außerdem wurden zu Kriegsreisen freie Söldner, »die Ruter«, geworben, diese gern auf einen Beuteanteil. Sie waren die Landsknechte der See, verwegene, aber aufsässige Gesellen, mit denen schwer auszukommen war.

Selten wagte sich das Schiff zu weiter Fahrt allein in die See. Da die Zeit der Ausfahrt für viele Reisen geboten war, sammelten sich die Schiffe einer Stadt oder Landschaft, große und kleine, leicht zu einer Flotte. Nie war man sicher, ob fremde Herrscher gerade mit einer entfernten Stadt der Hansen in Zwist gekommen waren und erlittenes Unrecht rächen wollten. Dann gab es überall »Auslieger«, Kaperschiffe der Deutschen und fremder Völker, deren Bemannung aus harten Seevögeln bestand und keine besondere Achtung vor Verträgen und Seerecht erwies. Zumal die Besitzer von Strandburgen waren geneigt, ihre Gewohnheiten von der Landstraße auf die See überzutragen; konnte doch noch 1491 Herzog Friedrich von Holstein sich nicht versagen, ein Kravel auszurüsten und auf einer Fahrt durch den Sund in die Westsee alles zu kapern, was ihm vorkam. Endlich bleiben die Seeräuber vom Handwerk eine untilgbare Plage. Hinten in der Ostsee wirtschafteten finnische und slawische Seediebe. Seit 1390 war die Genossenschaft der deutschen Vitalienbrüder zuerst der Schrecken der Dänen, bald alle Kauffahrer. Den Städten Rostock und Wismar wurde nachgesagt, daß sie durch ihre Kaperbriefe das Unwesen großgezogen hätten. Verwegene Gesellen der deutschen Küste, auch Herren vom Adel, hatten sich zu gleicher Teilung der Beute zusammengeschworen, sie hatten die Insel Gotland erobert, auf der schwedischen und norwegischen Küste Land und Burgen besetzt, sie fanden Unterschlupf bei Landesherren, ja sie wagten ihre geraubten Waren sogar in Hansestädten zu verkaufen – ihre wilde Verwegenheit, einzelne Züge von ritterlichem Stolz und blutige Taten erhielten durch fünfzig Jahre die ganze Seeküste von Reval bis zur biskayischen Bucht in Aufregung. Es kostete den Hansen, dem Orden und den Dänen viel Mühe, diese Freibeuter zu dämpfen, und lange sangen die Leute an der See von Stortebeker und Godeke Michael, wie sie an Bord ihrer Schiffe geraubten Wein tranken, als die Schiffe der Hamburger in Sicht kamen, wie die »Bunte Kuh von Flandern«, das Hauptschiff der Hamburger, den Räubern das Vorkastell entzweilief, wie die gefangenen Räuber sich beim Rat ausbaten, in ihrem besten Gewand den Trauerberg hinaufzugehen und von Pfeifern und Trommlern geleitet wurden, und wie der scharfe Richter in seinen geschnürten Schuhen bis an die Enkel im Blut stand.

Wie die Deutschen bei jeder gefährlichen Unternehmung taten, banden sich auch die Seefahrer durch Eidschwur zu einer Genossenschaft für treues Ausharren, gegenseitige Hilfe, Gehorsam gegen das Seerecht und zuweilen für gleichen Anteil am Gewinn. Durch solchen Eid band sich um das Jahr 1040 jene Gesellschaft von Friesen, welche waglustig von der Weser gegen den Nordpol ausfuhr, um zu erkunden, ob es wahr sei, daß dorthinaus gar kein Land liege, und welche im Norden Islands die Schrecken des Polarmeers erlebte. Und nach demselben Brauch versammelte noch 500 Jahre später der norddeutsche Schiffer Kriegsleute, Kinder und Reisende, sobald das Schiff einen halben Seeweg gefahren war, und sprach: »Wir sind Gott und Wind und Wellen übergeben, darum soll jetzt einer dem andern gleich sein. Und da wir von schnellen Sturmwinden, ungeheuren Wogen, Seeraub und anderer Gefahr umringt sind, kann unsere Reise ohne steife Ordnung nicht vollbracht werden. Deshalb beginnen wir mit Gebet und Gesang um guten Wind und glückliche Ausfahrt und besetzen nach Seerecht die Schöffenstellen, damit ehrliches Gericht sei.« Darauf ernannte er mit Beistimmung des Volkes einen Vogt, vier Schöffen, einen Wachtmeister und Schreiber, einen Meistermann, der die Strafurteile vollzog, und einen Rackersmann mit zwei Knechten, der das Schiff rein hielt. Endlich wurde das Seerecht mit seinen Strafen verkündet: Niemand soll fluchen bei Gottes Namen, niemand den Teufel nennen, nicht das Gebet verschlafen, nicht mit Lichtern umgehen, nicht die Viktualien verwüsten, nicht dem Zapfer in sein Amt greifen, nicht nach Sonnenuntergang mit Würfel oder Karte spielen, nicht den Koch vexieren und nicht die Schiffsleute hindern, bei Geldstrafe. Wer auf der Wache schläft, wer binnen dem Schiffsbord Rumor anrichtet, der soll unter dem Kiel durchgezogen werden; wer an Bord seine Wehr entblößt, sie sei lang oder kurz, dem wird die Wehr durch die Hand an den Mastbaum geschlagen, daß er sich selbst die Wehr durch die Hand ziehen soll, wenn er loszukommen begehrt. Wer einen andern mit Unrecht verklagt, soll die doppelte Strafe der Schuld bezahlen; niemand soll sich am Meistermann rächen.

Bei stiller See wurde das Seerecht verkündet, danach Gericht gehalten und gestraft. Nahte das Schiff am Ende seiner Fahrt dem Hafen auf einen halben Seeweg, so machte zuerst der Kielherr oder Schiffer seine Rechnung mit Passagieren, Rutern und Kindern, dann traten Vogt und Schöffen zusammen, und der Vogt dankte ab und sprach: »Was sich auf diesem Schiff zugetragen, das soll einer dem andern verzeihen, tot und ab sein lassen. Was wir geurteilt, das ist geschehen um Gericht und Gerechtigkeit. Darum bitte ich jeden im Namen ehrlichen Gerichts, daß er die Feindschaft ablege, die er auf den andern geschöpft, und bei Salz und Brot einen Eid schwöre, der Sache im argen nicht wieder zu gedenken. Wer sich aber beschwert erachtet, der soll nach altem Brauch den Strandvogt anrufen und vor Sonnenuntergang das Urteil begehren.« Darauf aß jeder Brot und Salz, einer verzieh dem anderen, was geschehen war. Und landete man in dem Hafen, dann wurde eine Büchse abgebrannt und der Stock mit den Strafgeldern dem Strandvogt übergeben, damit er sie den Armen reiche.

Fuhr der Kaufmann in fremden Hafen ein, wo er mit Schiffen anderer Völker zusammentraf und doch nicht in dem Gesetz einer befreundeten Macht Schutz fand, so war er gar nicht sicher, ob die Fremden Freund oder Feind sein würden. Auch wenn Friede war zwischen seiner Stadt und dem Land des Fremden, konnte Erinnerung an frühere Gewalttat, an ein gewonnenes Schiff, das in der Flotte des Hansen wiedererkannt wurde, an gekaperte Warenballen und ähnlicher Zufall einen Angriff durch die Fremden verursachen, und das Recht des Strandes erwies sich nach verübter Gewalttat wahrscheinlich säumig und wirkungslos. Die Flotten der Hansen hatten alljährlich Veranlassung, an den Küsten westwärts diese Vorsicht zu üben. Am häufigsten in der Baye, einem Hafen der südlichen Bretagne, in der Bucht bei Bourgneuf, einer berühmten Station für die Flotten aller Nordseevölker, welche dort ihre Faktoreien hatten und das berühmte grobkörnige Bayensalz, das für die beste Würze der Fische galt, gegen die Waren ihrer Stadt eintauschten. Dahin kamen auch die Südländer aus dem Mittelmeer und Spanien mit Wein, Südfrüchten und Seidenstoffen, es war großer Verkehr in den Sommermonaten, argwöhnisch hielt jede Nation ihren Teil des Strandes fest; entstand ein Zwist, dann suchte jede Partei sich zum Herrn des Marktes zu machen, indem sie die Schießhäuser daselbst besetzte; wollten die Streitenden sich vergleichen, so trafen sie, wie überall Brauch war, im Frieden des Klosters zusammen. Für alle Hansen der Ostsee war ein freudiges Ereignis, wenn ihre heimkehrende Bayenflotte glücklich den Sund passiert hatte.

Kam der Kaufmann mit dem guten Schiff häufig an ein fremdes Ufer, wo er keine Ansiedlung oder einen Ort unter fremdem Gesetz fand, so war sein erstes Bestreben, sich von dem Herrn des Grundes eine Stätte zu gewinnen, wo er mit seinen Genossen nach Recht, Sitte und Glauben der Heimat leben durfte. Diesen Raum am Strand oder bei den Hütten eines Dorfes umgartete er mit einer Schranke, dort lud er seine Waren aus und band das Strandseil seiner Schiffe fest, dort galt für seine Genossen das Heimatrecht und die Ordnung, die er sich setzte.

Diese Gehege für sein Recht und seine Freiheit zimmerte der Hanse überall. Sogar wo er mit seinen Fischern nur auf Wochen landete. Am berühmtesten war sein Garten auf der Halbinsel Schonen, den er durch Blut und schwere Gewalttat erwarb und gegen alle Völker trotzig behauptete. Dort am Strand, zwischen den Schlössern Skankör und Falsterbo, hatten die Deutschen den Raum, wo ihr Recht galt und das Banner ihrer Städte wehte, durch eine Landwehr, Wassergräben und Pfahlwerk von dem dänischen Gebiet geschieden. Jede Stadt oder jeder Verband hatte auf dem kostbaren Grund eine nach Ruten gemessene Stelle, »die Vitte«, jede war wieder durch hölzerne Pfähle mit dem Wappenzeichen begrenzt. Auf jeder Vitte standen die steinernen Häuser zum Räuchern und Salzen des Herings, die hölzernen Tavernen und Buden für Fischer und Handwerker, auf jeder galt das Recht ihrer Stadt, welches durch einen angesehenen Bürger, der auf Jahre hingesandt wurde, verwaltet ward; die Oberaufsicht führte der Vogt von Lübeck, nur der Blutbann blieb dem Vogt des Königs von Dänemark. Alles war genau bestimmt, die Größe der Tonnen, die Länge der Fische, durch Merker wurde die Güte der Ware beaufsichtigt. Zwischen den Vitten lag eine deutsche Kirche, ein Franziskanerkloster, in welchem gestrandetes Gut unter dem Schutz der Gottesmutter geborgen wurde, und ein gemeinsamer Kirchhof. Verlassen lag der Strand den größten Teil des Jahres, nur die bewaffneten Wächter mit ihren Hunden wohnten daselbst. Aber zur Fangzeit zwischen Jakobi und Martini kamen, gleich endlosem Zug von Schwänen, die Flotten der Ost- und Westseehansen, dann füllte den Raum das Gewühl arbeitender Menschen, Tausende von Fischerschuten lagen mit ihren Netzen Tag und Nacht in der See, zum Nachtfang brannten Fackeln längs der ganzen Küste. Am Strand aber arbeiteten der Reepschläger (Seiler) und der Böttcher um die Fässer, und der Kaufmann legte seine Waren in der Holzbude auf. Und zwischen Bergen von Fischen, unter Salz und Rauch wurden die kostbaren Waren des Festlandes, seidene Stoffe und Weine des Südens, niederländisches Tuch und Gewürze des Orients wie auf großer Messe verkauft. Dreimal fuhren die eilig befrachteten Schiffe zur Heimat und wieder zum Strand zurück, mit dem Oktober endete plötzlich das bunte Leben an der norwegischen Küste.

Suchte aber der Hanse eine neue Küste, um unter fremdem Volk mit den Waren seiner Kogge Tauschhandel zu versuchen, so wählte er nicht den Meeresstrand, sondern er fuhr wohl eine Tagefahrt durch die Mündung großer Flüsse stromauf, wo er ruhiges Wasser fand, dichtere Bevölkerung und besseren Schutz vor den Räubern, die von der See nach dem Strand spähten. War der Ort gastlich zu längerem Aufenthalt und lockte er zur Wiederkehr, so umschanzte er wieder die Stätte seines Rechts mit Graben, Pfahlwerk, Brücke, Tor und wehrte jedem Fremden den freien Zugang. Lag der verstattete Grund zwischen den Häusern und dem Ortsrecht eines fremden Volkes, und war ihm der Ankauf beschränkt, so baute er in der Umgartung nach der Weise seiner Heimat einen Hof und an diesen einen zweiten und dritten. Denn der Hof war den Deutschen seit uralter Zeit die Stätte, wo Rechte gegeben und verwaltet wurden für die Umwohner. In dem deutschen Herrenhof hatten die Wohnhäuser und die Versammlungsräume, der Saal und Palast mit Scheunen und Stuben, einen freien Raum, umschlossen für die Geschäfte des Landbaus, für die Spielkämpfe der Hofmannen und für das Hofgericht; immer war das Leben des Hofes nach innen gekehrt, auf den freien Binnenraum öffneten sich die Gebäude, von der Landschaft trennte Mauer und Zaun. Auch in alten Städten waren solche Höfe erbaut, zuerst vielleicht von den Stadtherren und ihren Vögten, dann von reichen Bürgern. Und bei großem Meßverkehr waren diese Höfe Sammelorte für die Bürger derselben Stadt, die nach ihrer Ortsgewohnheit hausen wollten, oder Lagerplätze für gleichartige Waren, die einerlei Marktbrauch forderten; nach dem Hofraum mündeten auch hier die Warenlager und Keller, darüber waren die Zellen der Kaufleute, außerdem wohl ein Saal zu geselligem Verkehr. Gegen außen aber war der Stadthof durch Mauer und Tor abgesperrt.

Nach demselben Muster legte der Kaufmann in fremdem Land seine Höfe an als ummauerte Asyle seiner Waren und seines heimischen Brauches. Zu den ältesten Höfen in der Fremde gehört die Gildhalle des deutschen Kaufmanns in London, der berühmte Stalhof an der Themse, (vor 1157) von den Kölnern gegründet, dann anderen Städten des Reiches zu Mitbesitz eingeräumt. Wenig jünger war das Kontor des deutschen Kaufmanns zu Brügge, dem großen Zentralpunkt des kontinentalen Verkehrs. Noch älter die deutsche Ansiedlung auf der Insel Gotland, wo sich schwedische Goten und Deutsche in die Hauptstadt Wisby und den Besitz der Insel teilten. »Der deutsche Kaufmann von Gotland« rüstete Flotten, führte Kriege, schloß Verträge mit fremden Königen und vertrat herrisch das Interesse seines Platzes auch gegen die großen deutschen Handelsstädte. Gotländer und Deutsche gründete im fernen Osten, wo der Wolchow aus dem Ilmensee strömt, in der Warägerstadt Nowgorod die hochummauerten Höfe St. Olafs und St. Peters. Kaufleute von Soest, Dortmund und Osnabrück waren unter den ersten Teilhabern dieser entfernten Handelskolonie; die Deutschen verdrängten dort wie in Gotland selbst die Nordmannen und wurden Alleinherrscher des Handels. Überall aber, wo der deutsche Kaufmann seine Kolonien, die Kontore, organisierte, erhielten diese ein selbständiges Leben, um so geregelter, je mehr deutsche Städte an dem Geschäft ein Interesse hatten. In diesen Höfen und Kontoren zu Schutz und Zucht galt eherne Ordnung der Landsleute. Genau war der Raum verteilt. In Nowgorod lagen die Warenballen und Fässer sogar in der Kirche aufgestaut, und mit Mühe ward der Altar freigehalten. Die Anwesenden waren in Familien oder Tischgesellschaften gegliedert, ihrer Würde nach in Meister, Gesellen und Kinder. Eine gemeinsame Trinkstube vereinte zu der Geselligkeit des Abends, dort hatte jeder seinen Platz an bestimmtem Tisch, wurde das Zeichen zur Nachtruhe gegeben, mußte jeder die enge Lagerstätte suchen. Auch der Verkehr mit den Fremdländischen außerhalb des Hofes war durch hartes Gesetz beschränkt, niemand durfte am Abend eine fremde Schenke besuchen, kein Fremder in den verschlossenen Raum dringen, sobald die wilden Hunde des Hofes von der Kette gelöst waren. Sogar die Zeit war fest bestimmt, die jeder im Hof verweilen durfte. In Nowgorod war das Jahr zwischen die Sommerfahrer und Winterfahrer, die beide zur See kamen, geteilt, und die Landfahrer aus Preußen und Livland, die mit ihren Schlitten heranfuhren, mußten lange den Winterfahrern nachstehen und die Plätze räumen, welche diese begehrten. In Bergen besaß der deutsche Kaufmann 21 Höfe, jeder war von dem anderen durch Mauer und Zaun geschieden, jeder hatte seinen Namen und Schildzeichen und nach dem Strand eine Brücke, an welcher die Schiffe ihre Waren löschten, sie bildeten zusammen zwei Kirchspiele; einige daran liegende Gassen der Stadt waren von deutschen Handwerkern bewohnt, welche die Schuster hießen und mit dem Kaufmann eng verbunden waren. Die Höfe und die Schuster übten harte Tyrannei gegen die norwegischen Städter aus; als ein Vogt des Königs in ihre Rechte eingreifen wollte, erschlugen sie ihn und den Bischof im Kloster und steckten das Kloster an und büßten die Untat dadurch, daß sie sich eine neue Kirche bauten. Dort mußte jeder, der in das Kontor trat, zehn Jahre Aufenthalt geloben; er durfte während dieser Zeit nicht heiraten und kein Weib in den Hof führen.

War aber das Geschäft in der Landschaft gewinnbringend und an leerer Stelle geschütztes Land zu erhalten, dann brachte der Kaufmann mit seiner Flotte auch Handwerker der Heimatstadt zu neuer Ansiedlung. Dann erwuchs an dem wilden Wasser des Stromes, neben Birkenhain und Rohrsumpf, auf Insel oder Landzunge eine neue Stadt mit Marktplatz, Kirche und dem Recht der Heimat.

Zu derselben Zeit, in welcher die Bremer auf ihren Schiffen in die Häfen des alten Phöniziens einfuhren, drangen sie auch in die Mündung der Düna. Damals erschien ihnen die Küste des Nebellandes, wie sie von den Nordmannen seit Urzeit genannt wurde, als neuentdecktes Gebiet, sie zogen gegen die Steinwürfe der Liven ihren Zaun und bauten darüber die Burg Üxhüll. Bei einer späteren Fahrt brachten sie christliche Bekehrer, halfen dem Missionswerk und wußten sich zu bewahren, wenn die Christenpriester von den Heiden erschlagen wurden. Sie führten endlich einen Propst ihres Doms heran und besetzten die ersten Bürgerhäuser der Stadt Riga, welche der neue Bischof um 1200 baute, sie halfen ihm und dem Schwertorden die Burgen zimmern und behaupten, durch welche die Landschaft unterworfen wurde. Schon im Jahr 1220 lag das Land gebunden unter dreizehn Festen. Die Bürger der deutschen Tochterstadt Riga aber wurden schnell mächtig durch großen Landbesitz von Dörfern und Burgen. Zweiunddreißig Jahre nach der Gründung wurde die Stadt vom Papst mit dem dritten Teil von Kurland belehnt.

Und als im Jahr 1219 Waldemar der Sieger noch weiter ostwärts auf der Stätte einer alten Burg der Esten, Reval genannt, ein Dänenschloß anlegte, da waren es wieder deutsche Kaufleute und Innungsgenossen, welche die Mauern der Stadt füllten und später der Vereinigung mit den deutschen Kolonien in Livland froh waren. Und wieder hansische Händler besetzten im Jahr 1224 den Marktplatz am Embach unter der zerstörten Räuberburg Dorpat, welche vorher von zusammengelaufenem Volk, Russen und Heiden, für ihre Beutezüge benutzt worden war.

Während am livischen Strand die Bremer und Magdeburger ihre Märkte und Höfe umzäunten, fuhren die Lübecker in die Weichselmündung an die große Burg der slawischen Herzöge von Pomerellen. Neben den Schenken und Hütten der Fischer, welche Bernstein sammelten und Heringe räucherten, bauten sie einen Hof mit Palast um ihre Niederlagen, und erwarben 1273 das Stapelrecht für ihre Stadt Danzig. Sie sank bei der Besetzung Pomerellens durch den Orden in Trümmer, wurde aber sofort als Rechtstadt Danzig wieder gebaut. Unter der Ordensherrschaft lag sie neben einem slawischen Fischerdorf, dem Flecken Altstadt und der Neustadt des Ordens, bis sie im 15. Jahrhundert die Nachbarorte mit sich zu einer großen Gemeinde verband.

Nicht jeder Hof und nicht jede Stadt, die der deutsche Kaufmann gebaut, dauert bis zur Gegenwart als Kontor unseres Volkstums unter den Fremden, aber viele hundert Quadratmeilen sind durch seine helfende Arbeit mit unserer Kultur und Sprache und mit unserer Eigenart erfüllt, zum großen Teil völlig deutsches Land geworden. Alle Städte der Hansa haben dafür gefochten, gehandelt, ihre Koggen in die wilde Ferne gesendet, aber der größte Ruhm bleibt für jene Zeit den Mutterstädten Lübeck und Bremen, nach ihnen der guten Stadt Magdeburg.

Hier aber soll in kurzen Berichten der Zeitgenossen einiges von den Kämpfen und Fahrten der Hansen erzählt werden. Selten ist der Kaufmann wortreich, wo er berichtet; die Erzählung ihrer Chronisten wird erst am Ende des Mittelalters ausführlicher, darum nicht genauer, vollends nicht, seit die Schreiber den Livius gelesen haben und mit dem Behagen der Renaissancebildung Vergangenes künden, wie Reimar Kock und seine Zeitgenossen. Aber obgleich die kleinen Bilder spärliches Detail bieten, ein wenig fördern sie doch das Urteil über Zustände, die uns sehr fremdartig geworden sind. Die Chroniken erzählen wie folgt:

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.