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Bilder aus der deutschen Vergangenheit

Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleBilder aus der deutschen Vergangenheit Band I
authorGustav Freytag
firstpub1859-67
yearca. 1980
publisherBertelsmann Verlag
addressGütersloh
titleBilder aus der deutschen Vergangenheit
created20040829
sendergerd.bouillon
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VII
Auf den Straßen einer Stadt

Nach 1300

Eigentümliches des 14. und 15. Jahrhunderts. Das Leben in der Genossenschaft, Wachstum der Städte, Ritterbürtige und Kaufleute. – Handwerker und Innungen. – Das Aussehen einer größeren Stadt um 1300. Umgebung. Das Stadtvieh. Das Pflaster, Wasser, die Straßen, Kirchen, Schulen und Rathaus, Glocken und Uhren. – Ein Markttag. Die Arbeit der Handwerker. Frachtwagen. Gäste und Gastspenden. Die Bäder. Die Ritterbürtigen vom Lande. – Das Leben im Hause, Kleidung, Speise und Trank. – Der Abend auf den Gassen. Neues und Merkwürdiges. – Die Wirtshäuser. Die Nacht. Größe der Städte. Tüchtigkeit des Handwerkers, Gebräuche des Handwerks. Die »Vorsage« der Schmiedegesellen. Der wandernde Handwerker als Kolonist

Im 14. und 15. Jahrhundert, also im sogenannten Späten Mittelalter, sind die Städte Bewahrer der besten treibenden und bildenden Kraft, alle große Erfindung, fast jeder Fortschritt wird durch sie geschaffen oder doch gefestigt. Unter den Sachsen- und Frankenkaisern hatte der König seine Reichsstadt, der Bischof oder Herzog seine Landstadt unter den Schutz einer Burg gestellt, sein Graf oder Dienstmann führte die Stadtreisigen, erhob Torzölle und Abgaben vom Grund und von Verkaufsbänken, sein Schultheiß oder Vogt saß den Schöppen der Stadt vor, welche das Recht fanden über Bürger und in Händeln des Marktes. In der Stadt standen obenan die reisigen Burgmannen und freien Kaufleute, sie zumeist bildeten den Reitertrupp der Gemeinde und waren Beisitzer des Schöppengerichts, neben ihnen siedelte die Masse der Angezogenen: Handwerker, Knechte, Tagearbeiter, ursprünglich selten Freie, sondern Hörige und Unfreie.

Die Handwerker aber hatten um 1300 sämtlich die Rechte freier Leute. Und die Städte waren geschäftig, ihren geldbedürftigen Herren Besitz der Burg, Zollrecht, Steuern, Gericht durch Kauf, zuweilen in offener Aufhebung durch Blut und Waffen abzuringen. Das Regiment der Stadt ging auf die reisigen Dienstmannen und Kaufleute über, welche sich zu einer regierenden Aristokratie verbunden hatten. Die reisigen Burgmannen, welche gewöhnlich in der Stadt oder in der Markung ein festes Haus zu Lehn besaßen, suchten wie ihre Genossen auf dem Land den Ritterschild. Sie waren die Vornehmen in jeder ansehnlichen Stadt, außer wo sie durch Bürgerzwist ausgetrieben waren, wie eine Zeitlang in Köln, oder wo sie sich gar nicht einbürgern durften, wie in Hamburg, und noch bestand in vielen Städten ein verfassungsmäßiger Unterschied zwischen ihnen und den Kaufleuten. Wer Handelschaft trieb, durfte nach Lübischem Recht nicht Mitglied des Rates werden, und Spuren ähnlicher Zurücksetzung des Kaufmanns finden sich in anderen alten Stadtrechten.

Dafür gab es nach Auffassung jener Zeit einen unwiderleglichen Grund. Der Kaufmann konnte seinem Beruf nur in des Königs Frieden nachgehen, er bedurfte den Schutz anderer und konnte nicht Schutz gewähren wie ein Ritter. Wenn er mit seinen Wagen und Knechten auf der Reichsstraße dahinfuhr, sollte er sein Schwert nicht an der Seite tragen, sondern am Sattel, damit er es etwa gegen Räuber ziehen konnte. Bot er an fremdem Markt seine Waren feil, so fand er nur Sicherheit durch den Königsfrieden, er war nach alter Anschauung durch sich selbst in fremdem Land rechtlos, er konnte kein Lehn erwerben und wurde neben dem Juden und dem fahrenden Mann genannt; in der Fremde war er Händler, dessen Heimwesen man nicht kannte, der große Kaufmann wie der heimatlose Krämer hatten nur das Marktrecht. Das verschlechterte sein Ansehen.

Aber der reisende Kaufmann war auch in seiner Heimat nicht wohl geeignet, im Rat zu sitzen, denn er war einen großen Teil des Jahres auswärts, vielleicht in Italien, in Polen, unter den Nordleuten. Es erschien nicht seßhaft und bürgerlich, daß er umherschweifte und in der Fremde seine Barschaft mehrte, und man behauptete, daß ihm bei der häufigen Abwesenheit nicht immer die Ordnung seines Hauses gedieh; kam er von weiter Fahrt zurück, so fand er wohl unerwartet einen neuen Inlieger in der Wiege seines Hauses oder die gestorben, für deren Zukunft er Gut erworben.

Aber derselbe Mann war an Weltklugheit leicht den Fürsten und Bischöfen überlegen, er kannte Sprache, Recht, Sitten der fremden Völker, war an ein hartes Leben in Gefahren und unsicherem Rechtsschutz gewöhnt, zäh, gewandt, unerschrocken. Er wußte in der Fremde mit jedermann zu verkehren, mit dem König und dem wilden Reiter in einsamer Herberge; überlegen wußte er seinen Vorteil zu verfolgen mit spähem Auge und unablässiger Selbstbeherrschung. Und er brachte heim, was einen Zauber ausübte, wie ihn unsere geldreichere Zeit gar nicht begreift. Die Kostbarkeiten, die er mit sich führte, waren Sehnsucht und Poesie von jedermann, durch ihn kam alles Seltene und ganz Unerhörtes in die Landschaft; er besaß das Geld, womit man die Höchsten der Erde gewinnen konnte, den Papst, daß er Nonnen verheiratete, den Kaiser, daß er ganze Haufen Unedler zu Rittern machte und Pate stand bei den Kindern eines Bürgers. Geld erwarb, wie man klagte, die Liebesgunst edler Frauen und alle denkbare Herrlichkeit der Welt. Der Kaufmann verlieh und verschenkte, er gewann guten Willen, wo er ihn nur brauchte, [...] und machte einen großen Teil der Bürger abhängig von seinem Wohlstand und seinem Geschäft. Seine Erfahrung und seine Geldmittel waren der Stadt in gefährlicher Zeit unentbehrlich, und er wußte wieder zu machen, daß die Stadt ihre ganze Kraft daransetzte, seine Geschäfte zu fördern.

Es war also natürlich, daß er mit dem übrigen aristokratischen Teil der Stadtbevölkerung eng verwuchs. Auch die Familien alter Lehnsleute und Burgmannen in der Stadt trieben Kaufmannschaft. Der eine Sohn trug den Schild und besaß Lehngüter, der andere ritt mit den Frachtwagen auf der Straße; wer nicht selbst reisen wollte, legte einen Teil seines Vermögens in Genossenschaft zum Handel an oder er ließ seine Söhne, Vettern, Diener reisen und saß als großer Herr im Rat.

In wenigen Städten überdauerte der alte Unterschied zwischen den Familien der großen Geschlechter das vierzehnte Jahrhundert.

Ritterbürtige der Stadt und Kaufleute sind eng verschwägert, ihre Blutsfreunde sind in anderen Städten mächtig, sie regieren die Städte im Frieden, führen häufig die bürgerlichen Heerhaufen im Kriege, sind einflußreiche Diplomaten am Kaiserhof. Auch gesellig schließen sie sich gegen die übrige Bürgerschaft ab. Die Kaufleute haben ihre besondere Innung und ein Heiligtum – schon um das Jahr 1000 ist in Magdeburg eine Kirche der Kaufleute –, ihre Söhne behaupten Stellen in den geistlichen Stiften der Stadt, sie leben stolz, reichlich, gastfrei in ihren Trinkstuben und Höfen. Durch sie werden die großen Bündnisse der fränkischen, schwäbischen, rheinischen Städte, der Hansa möglich, sie bilden seit 1300 die Geldmacht Deutschlands.

Neben den Geschlechtern stand die regierte Bürgerschaft, gegliedert in Innungen, in diesen die Männer des besitzenden Mittelstandes als die Herren. Die Innungen waren Genossenschaften derer, welche ähnliche Erwerbsinteressen hatten in Handwerk und Kramhandel, auch sie hatten gemeinsamen heiligen Altar oder Kapelle, um das Wohl ihrer Mitglieder im Jenseits zu fördern und eine Kasse zur Unterstützung für Kranke und Hilflose und zu ehrlichem Begräbnis.

Wer Handwerk gewinnen wollte, der mußte wenigstens drei Jahre als Kind lernen, bevor er Knecht wurde. Als Knecht arbeitete er dann nach Handwerksordnung bei einem andern, der das Handwerk selbständig betrieb. Schnell wurde das Wandern der jungen Gesellen Brauch und Gesetz. Es war sicher uralt, wir finden es aber erst seit dem 13. Jahrhundert erwähnt.

Einst hatten die Handwerker im Hof oder unter der Burg eines Herrn gesessen, da waren denen von gleichem Gewerb ein oder mehrere Meister gesetzt worden; seit die Handwerker persönliche Freiheit und selbständige Ordnung ihres Handwerks gewannen, wurde bei den meisten Handwerken Meister allmählich ein Ehrentitel nicht nur der Innungsvorsteher, sondern jedes, der das Handwerk mit Bürgerrecht in selbständigem Haushalt betrieb. Nur in der großen Genossenschaft der Bauhandwerker, welche in ihrer Bauhütte gern Maurer, Tüncher, Zimmerleute, Steinmetzen vereinigte, blieb der Name Meister länger ehrende Bezeichnung des obersten Vorstehers, der um 1300 wohl einer aus den Geschlechtern war.

Nicht jeder Handwerker der Stadt brauchte um 1300 zu der Innung seines Handwerks zu gehören, nicht jedes Handwerk war als Innung geeinigt, und nicht jede Innung bestand aus Männern desselben Handwerks, oft waren mehrere zu einer Brüderschaft verbunden. Und noch machte die Stadtgemeinde den Anzug fremder Arbeiter leicht. Da bemühten sich die Innungen zuerst, durchzusetzen, daß jeder, der ihr Handwerk trieb, Mitglied ihrer Brüderschaft werden mußte, demnächst, daß die Aufnahme in der Brüderschaft abhängig wurde von den Vorschriften, welche sie für Lehre und Ausübung des Handwerks gesetzt hatten.

Dieselben Genossenschaften hatten seit früher Zeit auch eine militärische Bedeutung, denn der Bürger war verpflichtet, unter dem Banner seiner Innung Kriegsdienst zu leisten, die Knechte, wie es scheint, in leichterer Rüstung. Die Bürger auch darin im Gegensatz zu den Geschlechtern, daß sie in der Regel zu Fuß kämpften.

Endlich, jede dieser Innungen war nach deutscher Weise eine Schwurgenossenschaft, deren Mitglieder gelobt hatten, »Liebe und Leid« miteinander zu tragen, sie umfaßten mit ihren Knechten und abhängigen Leuten die große Mehrzahl der Städter; jedem einzelnen Meister waren die Genossen seiner Werkstatt und seines Hofes wieder durch Gelöbnis verbunden. Eine Bürgerschaft, so fest gegliedert, in dem Selbstgefühl des Wohlstandes und physischer Überlegenheit, konnte auf die Länge nicht ertragen, von der Regierung der Stadt ausgeschlossen zu sein. Die Geschlechter aber gaben Veranlassung zu gerechten Beschwerden, ihr Regiment wurde als hart und parteisüchtig verklagt und ihre Verwendung der Stadtgelder als höchst gewissenlos. Sie wählten aus ihrem kleinen Kreise den Rat, oder der Rat, dessen Mitglieder jährlich wenigstens teilweise wechselten, bestimmte selbst die Nachfolger. Gegen diese alten Schäden, welche überall der Herrschaft regierender Familien anhängen, vereinigten sich die Innungen sämtlich oder in der Mehrzahl zu Klagen, endlich zu offenem Aufstand. Kaum eine Stadt auf deutschem Boden, in welcher nicht Bürgerkrieg die Straßen blutig färbte und die Ratsstühle umwarf; in den meisten Stadtmauern wechselten wilde Aufstände und erzwungene Teilnahme der Handwerksmeister am Rat, gänzlicher Ausschluß der Geschlechter von der Regierung und kurze Zeiten einer patrizischen Reaktion. Aus diesen inneren Kämpfen erwuchs eine gemischte Verfassung, welche den Innungsgenossen eine Teilnahme am Schöppengericht und der Verwaltung sicherte, den Geschlechtern doch den Hauptteil der Geschäfte überließ, aber mit dem Gefühl größerer Verantwortlichkeit.

Freilich war es in den Städten noch weniger möglich als auf dem Lande, den Übergang aus einem Beruf und Stand in den andern zu hindern. Wer heute Handwerker und Zunftgenosse war, wurde morgen Kaufmann und konnte in wenigen Jahren Reichtum und Bedeutung gewinnen, welche ihn zum Eidam alter Geschlechter machten; und wieder einzelne Geschlechtsgenossen versanken in Dürftigkeit oder traten in das Handwerk ein. Zumal in den Ehen war Ebenbürtigkeit gar nicht zu erhalten; dieser Umstand verdarb dem Geschlecht in der Folge das Turnierrecht, aber er sicherte ihm auf Jahrhunderte die Verbindung mit neu angesammeltem Kapital und führte unablässig frisches Blut in seine Häuser. Wer das Leben der vornehmen Stadtfamilien in diesem und den nächsten Jahrhunderten mustert, der bemerkt mit Verwunderung, wie schnell – verhältnismäßig – die Namen der Familien in einer Stadt sich ändern, sie sterben aus oder ziehen weg, und neue Namen treten an ihre Stelle. Und dieser Wechsel wird auffälliger, da die Ehen der Geschlechter, früh geschlossen, bei verhältnismäßig größter Sicherheit des Lebens häufig einen erstaunlichen Kinderreichtum zeigen. Es war wohl ein seltener Fall, daß Konrad, der Ahnherr der Stromer in Nürnberg, von drei Frauen 33 Kinder hatte, sein Sohn 15 Kinder, und wieder dessen Sohn 18 Kinder, welche den Vater überlebten. Aber auch in anderen Familien war die Vermehrung oft ungewöhnlich stark; und es sieht aus, als ob die Jugendkraft der Nation damals, wo der einzelne weniger galt und mehr gefährdet war als jetzt, leichter einen Überfluß an Menschen hervorbrachte, welche zu vielen Tausenden über die Elbe und Oder und talab der Donau ziehen konnten und die ungeheuren Verluste einer Pest in den Jahren 1349 und 1350 ergänzten.

Auf einer fast unabsehbaren Verschiedenheit der lokalen Verhältnisse regt sich die gestaltende Kraft in den Städten, jede Stadt hat ihre eigene Geschichte, in keiner ist Recht, Entwicklung, Schicksal den Nachbarstädten völlig gleich. Jede der größeren bildet einen kleinen Staat, hat eigentümlichen Anteil an der großen Entfaltung der Produktion in den nächsten Jahrhunderten und zeigt dem Beschauer einen originellen Charakter. Zuweilen gliedert sich das Leben einer Landschaft durch zwei Hauptstädte, in Schwaben sind Ulm und Augsburg, in Franken Nürnberg und Frankfurt, welche als Reichsstädte das ältere Bamberg überwachsen, in Bayern das herzogliche München und das freie Regensburg, welches um 1300 nebst Erfurt wohl die größte Stadt Deutschlands war, die Mittelpunkte der Landschaften. Dann die beiden Endpunkte des Elsaß, Basel und Straßburg, in der Schweiz Zürich und Bern, am Mittelrhein Mainz und Köln, daneben die alte Kaiserstadt Aachen, unter allen Reichsstädten am meisten durch kaiserliche Privilegien begnadigt. In Thüringen Erfurt und an der Elbgrenze Magdeburg, im Gebiet der Saale Halle und Leipzig, an der Nordsee Hamburg und Bremen, an der Ostsee aber die jüngste der Hansaschwestern, welche alle an Macht und Ruhm überwuchs, die Furcht der Könige, Lübeck. Endlich in dem östlichen Deutschland, das fremdem Volkstum abgerungen war oder jetzt kolonisiert wurde, an der Donau der große Markt Wien, an der Moldau das vieltürmige Prag, welches durch ein halbes Jahrhundert für die Hauptstadt Deutschlands gelten konnte, und noch weiter im Osten der neue Markt Breslau, erst vor kurzem nach deutschem Stadtrecht geordnet, aber bereits ein wichtiger Vorposten deutscher Kultur.

Bei großen Verschiedenheiten ist es aber doch sehr auffallend, wieviel Gemeinsames diese Städte in Aussehen und Wandlungen haben. Nicht nur in den Ordnungen, welche eine Stadt von der andern entlehnt, auch in den inneren Kämpfen, den Fehden mit äußeren Feinden und in der Veränderung, welche ihre Verfassung und Produktion erfährt, steht das Gleichartige für uns obenan. Deshalb wird hier der Versuch gemacht, das Tagesleben einer ansehnlichen Stadt im Anfang des 14. Jahrhunderts in kurzem Bild zu schildern. Wie wenig ein Tag, der ruhig verläuft, in dem Leben einer Stadt bedeutet: uns, den späten Nachkommen, gewährt er doch manchen lehrreichen Eindruck, welcher vielleicht dazu hilft, das Fremdartige jener Zeit zu verstehen.

Noch liegt die Stadt um 1300 zwischen Wald und Wasser, von Holz, Teich, Bruch und Heide umgeben. Aus der Heide führt die Straße durch die Landwehr, einen Wall mit Graben, der die Flur und ihre Gemarkung in weitem Kreise umzieht, der Wall ist mit Dornengebüsch und Knicken besetzt, die Feinde abzuhalten. Über die Baumgipfel des Waldes und auf den benachbarten Höhen ragen einzelne Warttürme, schmucklose Steinbauten, zuweilen mit hochgelegener Tür, die nur durch eine Leiter zugänglich wird, oben mit Umgang oder Plattform. Hinter der Landwehr zeigt sich die Stadt, die Morgensonne glänzt von hoher Kuppel der Stadtkirchen, von dem riesigen Holzgerüst des neuen Doms, an welchem gerade gebaut wird, und von vielen großen und kleinen Türmen der Stadt. Sie stehen, aus der Ferne betrachtet, dicht gedrängt, nicht nur an Kirchen und Rathaus, auch zwischen den Häusern, als Überrest alter Befestigung, oder an einer Binnenmauer, welche die alte Stadt von einem neueren Teil scheidet; dann hat die innere Mauer auch Tore, die bei Nacht zu großer Belästigung der Bürger noch geschlossen werden. Sehr groß ist die Zahl der Mauertürme, und die Menge wird noch vermehrt – München hatte damals gegen 100, Frankfurt zwischen 60 und 70, kaum eine menschenreiche Stadt weniger. – Diese Türme, quadratisch oder rund gebaut, von ungleicher Höhe und Dicke, sind bei einer reichen Stadt mit Schiefer oder Ziegeln gedeckt, vielleicht mit metallenen Knäufen versehen, welche im Sonnenlicht wie Silber glänzen, kleine Fahnen darauf und hie und da ein vergoldetes Kreuz. Auch Erker springen aus der Mauer vor nach dem Stadtgraben, sie sind zum Teil heizbar, zierlich gedeckt und mit metallenen Kugeln geschmückt. So wird die alte Stadt gewaltig dem Anblick, und der Buschreiter, welcher von seinem Klepper auf den ungeheuren Steinkasten schaut, denkt begehrlich bei blinkenden Kreuzen und Knöpfen an die tausend herrlichen Dinge, welche die Stadtmauer seinem Wunsch vorenthält. Aber zwischen ihm und der Stadt steht auf einer Anhöhe der Rabenstein, und schwarze Vögel fliegen dort um formlose Bündel an dem hohen Stadtgalgen. Beim Hochgericht vorbei führt der Weg durch Äcker, Weiden und Gemüsegärten. Noch außerhalb der Mauern sind Menschenwohnungen, hier ein Ackerhof mit Steinhaus, Stall und Scheuer, wahrscheinlich Landbesitz eines Geschlechts, auch er mit Mauer, Graben und Zugbrücke umgeben. Auf luftigen Stellen drehen nahe der Mauer Windmühlen ihre Flügel; wo ein Bach durch Wiesen läuft, klappern die Räder der Wassermühlen. Liegt die Stadt an größerem Fluß, dann sind Schiffsmühlen mit gewaltigen Radschaufeln gebaut, im Schutz der Mauern und Türme, damit die Stadt in einer Notzeit nicht des Brotes entbehre. Und führt außerhalb der Mauer eine Brücke über den Fluß, so hat sie unten schwache Eisböcke zum Schutz und bildet oben einen gedeckten Gang, mit Türmen an beiden Ufern; in der Mitte der Spannung steht wohl das Bild des Schutzheiligen, mit Kruzifix und einem Opferstock, in welchen der Bürger, stolz auf seine stattliche Brücke, freiwillig einlegt, damit der Stadt die Erhaltung der Brücke leichter werde.

Doppelt sind alle größeren Tore, um das Außentor steht ein festes Werk, ein dicker Turm oder ein Wighaus, dahinter liegt die Brücke über dem breiten Stadtgraben, in welchem der Rat Fische hält, trotz dem Schlamm.

Wer am Morgen die Stadt betritt, der begegnet sicher zuerst dem Stadtvieh. Denn auch in den großen Reichsstädten treibt der Bürger Landbau auf Wiesen, Weiden, Äckern, Weinbergen der Stadtflur, die meisten Häuser, auch vornehme, haben in engem Hofraum Viehställe und Schuppen. Der Schlag des Dreschflegels wird um 1350 in Nürnberg, Augsburg, Ulm nahe an dem Rathaus gehört, unweit der Stadtmauer stehen Scheuern und Stadel, jedes Haus hat seinen Getreideboden und häufig einen Kelterraum. Denn der Weinbau wird damals, wie bekannt, in fast ganz Deutschland versucht, nicht nur in Thüringen, auch in der Mark und Pommern, ja sogar in dem neuen Ordensland Preußen. Begeht die Stadt frohe Weinlese, dann rücken Bewaffnete in das Feld, damit die schwärmenden Städter vor einem Überfall sicher sind. Von außen sieht die Stadt aus wie der prächtige Steinpalast eines Riesenkönigs, von dem kleinen Platz am Binnentor wie ein großes Dorf, trotz der höheren Häuser. In den Gassen der Stadt traben die Kühe, ein Schäfer führt mit seinem Hund die Schafherde auf die nahen Höhen; auch im Stadtwald weidet das Vieh, aber das wird gerade in diesem Jahrhundert als schädlich für das Holz erkannt und hier und da verboten, ja kluge Städter säen sogar Wald an, z. B. Nürnberg im Jahre 1368 mehrere hundert Morgen. Große Flüge von Tauben heben sich aus den Gassen, sie sind Lieblinge der Bürger, seltene Arten werden gesucht, einer sucht sie dem andern abzufangen, und der Rat hat zu schlichten. Noch mehr Mühe machen dem Rat die Borstentiere und ihr Schmutz, denn die Schweine fahren durch die Haustüren in die Häuser und suchen auf dem Weg ihre unsaubere Nahrung, der Rat verbietet zuweilen Schweineställe an der Straße zu bauen – so 1421 in Frankfurt –, auch im reichen Ulm laufen die Schweine übelriechend auf den Straßen umher bis 1410, wo ihnen dies Recht auf die Mittagsstunde von 11–12 beschränkt wird. In den Flußarmen, welche durch die Stadt führen, hat das Vieh seine Schwemmen, dort brüllt und grunzt es und verengt den Weg für Menschen und Karren. Da fehlt auch der Mist nicht, auf abgelegenen Plätzen lagern große Haufen, und wenn die Stadt sich einmal zu einem Kaiserbesuch oder einer großen Messe schmückt, dann läßt sie, um säuberlich auszusehen, nicht nur die Gehängten vom Galgen abnehmen, sondern auch den Dünger von Straßen und Plätzen der Stadt schaffen. Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß das Anstandsgefühl unserer Vorfahren auch kleine Gemächer in den Straßen errichtete; diese »Profeien« wurden ebenfalls bei besonderer Gelegenheit gereinigt.

Die Hauptstraßen der Stadt sind hier und da gepflastert, längs der Häuser besondere Steinwege, und vornehme Städte, wie Aachen, Nürnberg, Ulm, halten städtische Pflasterer und lassen sich die Straßenbesserung etwas kosten. Aber nicht überall war man soweit, in Frankfurt wurden die Hauptstraßen bis 1399 nur durch Holzwellen, Sand und kleine Steine gebessert; doch muß der Weg oft schwierig gewesen sein, es gab für die Domherren eine gesetzliche Entschuldigung, beim Konvent zu fehlen, wenn der Straßenschmutz arg war. Wurde auf einem Platz der Stadt ein Fest gefeiert, ein Stechen oder Schauspiel, dann wurde der Platz mit Stroh belegt; dasselbe durfte jeder Bürger vor seinem Haus tun. Wer bei schlechtem Weg ausging, fuhr in schwere Holzschuhe; von den Ratsherren wurde gefordert, daß sie diese vor der Sitzung auszogen.

Auf den Straßen sind die Brunnen häufig, es sind einfache Ziehbrunnen mit Rolle, Kette und Doppeleimer, wird der eine heraufgewunden, so fährt der andere zur Tiefe; wo gutes Wasser fehlt, sind die Städte seit ältester Zeit bemüht gewesen, reine Quellen und Bäche in die Stadt zu leiten. Dafür sind sogar Hebemaschinen errichtet – seit 1292 in Straßburg, der Meister, welcher sie erbaute, verunglückte bei dem kunstvollen Werk –. Oft haben die Bürger darum große Anstrengungen gemacht. Sogar das kleine Gotha hat sich mit Hilfe eines kunstreichen Mönches durch Visierrute und unendliche Arbeit eine Wasserader wohl zwei Stunden weit über Täler und zwischen Höhen herzugeführt. Denn an reichlichem Wasser hing das Gedeihen der Stadt. Für das Vieh und gegen Brandunglück, zum Schutz gegen außen, vor allem aber für städtische Gewerbe war es unentbehrlicher als jetzt. Ohne Stadtmühlen war nicht auszukommen, die Gerber, Weber, Färber, Wollspinner siedelten am Wasser. Deshalb wurden der Fluß oder die nahen Bäche bei Anlage und bei jeder Vergrößerung einer Stadt in vielen Armen zwischen den Straßen und um die Mauer geleitet, und gern die hintere Seite der Höfe an das Wasser geführt. Auf den Plätzen der Stadt standen bei laufenden Brunnen Schöpftröge von Stein und Metall, und an gelegenen Stellen gefüllte Wasserbottiche für den Fall einer Feuersgefahr.

Sehr unähnlich moderner Bauweise sind die Straßen der Stadt, sie ziehen sich in der Mehrzahl enge gewunden dahin; die Häuser sind oft klein, von Fachwerk gebaut, mit Stroh gedeckt – im Jahr 1362 ließ der Rat in Frankfurt bei seinen Bauten selbst noch mit Stroh decken, 1351 wurden in Erfurt Bretter- und Strohdächer verboten –, die Häuser stehen mit dem Giebel auf die Straße, in der Regel nicht dicht aneinander, denn zwischen ihnen sind Schlupfe, in denen das Regenwasser herabgeleitet wird, die Eingänge sind häufig mit einer Halbtür versehen, über der Tür hängt an einem Schild das gemalte Zeichen des Hauses, oft wird der Besitzer nach seinem Hausbild genannt. Die Häuserlinie läuft nicht glatt und senkrecht, ein Oberstock oder zwei – die Gadem – springen über das untere Stockwerk vor, der zweite wieder über den ersten, und darin sind wieder Erker und Söller. Diese Überhänge, Ausschüsse und Erker brechen die Fluchtlinie bei jedem Haus anders, verengen das Licht und nähern die oberen Stockwerke den gegenüberliegenden Häusern. Die Söller werden bei Neubauten bald verboten, bald erlaubt, und die erlaubte Breite bestimmt. An dem Erdgeschoß der Häuser aber sind auf der Straße Schuppen, Vorkräme, Buden angebaut, auch die Hauskeller öffnen sich auf die Straße und die Kellerhälse ragen bis an den Fahrweg. Das ärgert in dieser Zeit den Rat, und er befiehlt vielleicht, sie sämtlich auf einmal abzubrechen. Zwischen den kleineren Häusern stehen einzelne größere Steinbauten im Besitz der Stadt oder wohlhabender Bürger, sie sind aber, auch in den größeren Reichsstädten, selten, ihre feuerfesten Gewölbe und der Steinzierat ihrer Front sind Stolz der Besitzer. In den Städten der Niedersachsen, der Thüringer und Franken ist alter Brauch, daß die Straßenwand der vorgerückten oberen Stockwerke durch Pfeiler gestützt wird; dann entsteht zwischen dem eingerückten Unterstock und den Pfeilern ein gedeckter Gang, die Loben, Lauben, welche an Hauptstraßen und am Markt geschützten Durchgang gestatten. Ist eine Stadt durch große Feuersbrünste verwüstet worden, dann beschließt sie wohl, daß alle neuen Häuser aus Ziegeln erbaut werden – so Breslau schon im Jahr 1271 nach dem großen Brand; aber das ist eine Ausnahme und nicht auf die Länge durchzusetzen, auch in den stolzen Reichsstädten stehen auf den Hauptstraßen sehr schlechte und verfallene Häuser neben größeren Neubauten. Wie reich sich in dieser Zeit das Leben der Stadt entfaltet, das Privatleben und Behagen des einzelnen tritt auch im Häuserbau auffallend zurück vor den Arbeiten der Gemeinde. Denn zwischen Herden und Strohdächern erheben sich großartige Kirchen, riesige kunstvolle Bauten, in denen die Bürgerschaft mit Stolz zeigt, was Geld und Arbeit in ihr vermag. Unter den alten Kaisern der Sachsen, Franken, Hohenstaufen sind die großen Paläste der Stadtheiligen mit edlen Kuppeln, starken Säulenreihen und hohem Mittelschiff aufgerichtet worden, jetzt aber baut nach verändertem Geschmack die Stadt ihren Dom mit Strebepfeilern und ungeheuren Fenstern, die durch Glasgemälde geschlossen werden, mit hohen Spitztürmen, deren kunstvolle Gliederung und durchbrochene Steinmetzarbeit über alle anderen Türme gegen die Wolken ragen soll. Es ist ein riesiges Werk, berechnet auf die frommen Beiträge vieler Geschlechter. Der Meister, welcher den Plan gezeichnet, lebt nicht mehr, aber die Bauhütte, mit der er gearbeitet, pocht und meißelt unermüdlich; wer weiß, ob die Enkel die Vollendung des Gebäudes schauen werden, denn das Leben wird teurer, die Genüsse mannigfaltiger, die Frömmigkeit geringer.

Zahlreich sind die Gotteshäuser, außer den Stadtkirchen kleinere Kirchen und Kapellen, auch solche, welche von Gesellschaften und Privatleuten unterhalten werden, mehrere vornehme Stifte und mehrere Klöster der Bettelorden, die Klöster und ihre Kirchen womöglich durch eine Mauer abgeschlossen, der Bürger ist gewohnt, Mönche und Nonnen von verschiedener Tracht zu sehen. Bis zu ihrem Unglück hatten die Templer ein Haus in der Stadt, jetzt noch die Johanniter und der deutsche Orden, auch den Benediktinern gehört ein Freihaus. Laienbrüder und Schwestern, welche in Klosterordnung leben, aber mit dem Recht, in die Welt zurückzukehren, die Begarden und Beginen, sind in Häusern angesiedelt. Sie üben Frömmigkeit nach neuer Regel, aber sie stehen nicht in gutem Ruf, selbst nicht die Beginen. Neben frommen Frauen, welche Wolle spinnen und fasten, und wenig ärgere Sünde zu beichten haben als ihre Träume, treiben sich andere auf den Gassen umher, laufen in die Mönchsklöster und halten verstohlene Zusammenkünfte mit Schülern. Denn die Stadt hat nicht nur einige Stadtschulen, welche von den Pfarrgeistlichen beaufsichtigt werden, auch eine höhere lateinische Schule mit einem lateinischen Lehrer, einem angesehenen Mann, der nicht mehr wie bei den alten Domschulen von der Kirche unterhalten wird, sondern vom Rat. Er lehrt seine Schüler Lateinisch aus der Grammatik des Donat, und nach alter Mönchsweise die vier Wissenschaften des Quadriviums. Er hat großen Zulauf von armen Schülern aus der Fremde, welche bei den Bürgern betteln und durch fromme Almosen erhalten werden, darunter sind alte Knaben; viele verbringen ihr Leben, indem sie von einer Stadt zur andern ziehen, Söhne der Bürger unterrichten oder Schreiberdienste tun, sie sind weit umher gekommen, in Frankreich und Italien, unter Polen und Ungarn, sie verfertigen Gedichte für ihre Gönner, erzählen Lügen und reden Übles nach, sie sind mit allen Geheimnissen der Stadt und den Schlupfwinkeln, mit den Schenken und dem Frauenhaus wohlbekannt und in jedem Schelmenstreich wohl erfahren, aber sie sind nicht nur frech und verschlagen, auch lustig und als witzige Possenreißer oft die gelehrteste Unterhaltung der geistlichen Herren. Denn die Wahrheit zu sagen, in diesem Jahrhundert steht die gesamte Geistlichkeit, die Orden und was irgend Kleriker heißt, in sehr schlechtem Ruf als profan und frech und mit allen ungeistlichen Neigungen übermäßig behaftet, und je vornehmer, um so ärger. Der Stadtrat hat bittere Beschwerden über Unzucht, nächtlichen Straßenlärm gegen sie gesammelt. Die wenigen Gottseligen unter ihnen aber werden von den Laien sehr geachtet und haben großen Zulauf von bedrängten Seelen.

Auch für ihr eigenes Regiment baut die Stadt gerade jetzt ein schönes Rathaus, zierlich und schmuckvoll, darin einen Saal für die großen Feste der Stadt und ansehnlicher Bürger. Aber zwischen Dom und Rathaus verhält sich eine kunstlose Wasserpfütze mit schwimmenden Enten, und daneben steht der deutsche Dorfbaum, die alte Linde; sie ist dem Bürger Erinnerung an eine Zeit, wo seine Stadt noch nicht war und wo die Waldvögel in den Zweigen sangen, auf denen jetzt nur die Sperlinge sitzen und im Winter die Krähen. Ländlich sind auch die Umfriedigungen der Stadt, sogar bei Kirchhöfen oft Holzzäune. In dem neuen Stadtteil liegen zwischen den Häusern Gärten für Gemüse, Obst und die Lieblingsblumen der Frauen: Nelke, Lack, Rose und Lilie, dort stehen auch Sommerhäuser.

Der Morgen wird den Bürgern durch Geläut verkündet, und die Glocken der zahlreichen Gotteshäuser tönen fast den ganzen Tag hindurch, bald mahnt die eine, bald die andere zum Gebet und Kirchgang. Ihr Ton ist dem Bürger herzlich lieb, er umklingt ihm das ganze Leben, wie er seinen Vorfahren getan; unten ändert sich unablässig der Menschen Treiben, von der Höhe ruft immer dieselbe Stimme, eifrig mahnend in hohem Klang, oder in tiefen, langsamen Schwingungen das Ohr erschütternd. Wenn der Heimkehrende den Glockenklang seiner geliebten Stadt auf dem Felde hört, dann hält er still und betet. Darum ehrt der Deutsche seine Glocken wie lebende Wesen, er gab ihnen Frauennamen, den großen am liebsten die Namen Anna, Susanna, und er war geneigt, ihnen ein geheimnisvolles Leben anzudichten, denn sie läuten noch in versunkener Stadt unter der Erde oder im Wasser, ja sie steigen zuweilen aus der Tiefe herauf bis an das Sonnenlicht.

Aber während der Bürger gedankenvoll dem hergebrachten Läuten seiner Glocken lauscht, wird ein neuer Gruß derselben, den sie gerade in diesem Jahrhundert lernen, der bedeutsamste von allen, so schnell alltäglich, daß nur selten ein Chronist seiner erwähnt. Die Turmuhren werden allmählich eingeführt. Bis zu ihnen hat nur das Geläut die neun Tageszeiten der Kirche gemeldet und daneben das Horn oder die Trompete der Türmer. Die Sonnenuhr und vielleicht eine große Sanduhr am Rathaus haben den Verlauf der Stunden von 1–24 gewiesen, in die nach römischem Brauch Tag und Nacht geteilt war. Im vierzehnten Jahrhundert war die Kunst der Turmuhren bereits erfunden, sie scheint in Deutschland sich nur langsam verbreitet zu haben, wir erfahren in dieser Zeit kaum, wann sie zuerst in einer Stadt geschlagen. Aber seit dies Zifferblatt weist, zählen die Bürger nach 12 Stunden wie wir und gewöhnen sich, bei Berichten über Erlebtes die Tageszeiten in Stunden anzugeben.

Die Stadt hat ihren Markttag, am Rathaus ist die rote Fahne ausgesteckt, solange sie hängt, haben die fremden Verkäufer das Marktrecht. Zu allen Toren ziehen die Landleute der Umgegend herein, auch die Landbäcker und Metzger, welche heute an besonderen Plätzen feilhalten dürfen. Auf Ständen, Tischen, in Krambuden und den Stadtbänken sind die Waren ausgelegt, das kleine Handwerk der Stadt zeigt heute im Gewühl der Fremden und Einheimischen, was der Fleiß des Bürgers in der Woche geschaffen. – Jeder ältere Handwerksmann wußte damals, daß sein Handwerk seit Menschengedenken große Veränderungen erfahren hatte. Überall größere Kunst und Reichlichkeit des Lebens, neue Handwerke waren entstanden, unaufhörlich änderte die Mode. Aus dem Handwerk der Eisenschmiede waren wohl zwölf jüngere gekommen, vom Sarwürker, der die Kettenpanzer verfertigte, bis zum Nestel- (Heftel-)macher. Die Riemer, Sattler und Beutler hatten sich getrennt, und die Beutler verfertigten Handschuhe und zierliche Ledertaschen für die Frauen und parfümierten sie mit Ambra; die Glaser, sonst geringe Werkleute, waren hoch heraufgekommen, sie verstanden durchsichtiges Glas in den schönsten Farben zu verfertigen, sie setzten diese Farben kunstvoll in Blei zu Bildern zusammen, malten Gesichter und Haare, schattierten die Gewänder mit dunkler Farbe und schliffen helle Stellen aus. Die Schneider, eine sehr wichtige und ansehnliche Innung, waren zumeist durch die Mode geplagt; schon damals war Klage, daß ein Meister, der im vorigen Jahr noch zur Zufriedenheit gearbeitet hatte, jetzt gar nichts mehr galt, weil er die Kunst der neumodischen gerissenen und geschlitzten Kleider nicht verstand. Sogar die Schuster waren sehr kunstreich geworden, ihr Handwerk war schwierig, sie hatten Schnabelschuhe zu nähen von buntem Leder, deren Spitzen sich zuerst etwas in die Höhe erhoben und dann wie der Kamm eines Truthahns hinabhingen. Es war Rittertracht, der Rat wollte für die Bürger nur geringe Länge der Schnäbel zulassen, aber das war vergeblich, die Zierlichkeit war nicht aufzuhalten. Auch die Schuster hatten sich geteilt, wer moderne Schuharbeit von buntem Leder verfertigte, nannte sich, nicht überall, aber z. B. in Bremen, Korduaner, die anderen hießen schwarze Schuhmacher; sie hatten wieder die Altbüßer von sich ausgeschlossen, diese saßen als kleine Leute in besonderen Ständen bei ihrer Bastelarbeit.

Auch das Publikum hatte ein Gefühl, daß es mit der Kunst und Erfindung rasch vorwärtsging, und wenn der Predigermönch Denkwürdigkeiten in die Jahrbücher seines Klosters eintrug, bemerkte er neben den politischen Ereignissen des Jahres nicht nur, daß er selbst einen großen Atlas auf zwölf Pergamentblätter gezeichnet und daß die Schreiberin eines benachbarten Nonnenklosters ein ganzes Buch mit einer einzigen Feder geschrieben hatte, sondern auch, daß der Töpfer gestorben war, der im Land zuerst tönernes Geschirr mit Glas umkleidete, und daß ein Meister einen kostbaren Käfig um dreißig Pfund Silber für den Vogel des Königs verkauft habe. Und er sah mit Erstaunen auf die Arbeit der Bergleute aus Goslar, welche in das Land gerufen waren, um den Stein zu sprengen, auf dem eine feste Raubburg stand, und er vernahm von den Fremden, daß der Böhmenkönig steinreich werden müsse, denn er hatte 60 000 deutsche Bergleute, die ihm in Körben Gold und Silber aus den Schächten trugen.

Daß die Handwerker sich stolz in ihrer Kunst fühlten, sah man schon auf der Straße an den Häusern, wo ihre Innungsstuben waren. Denn sie hatten, wie die Geschlechter, ein schönes Wappen darangemalt. Das hatten sie sich selbst gesetzt nach alter Überlieferung, vor anderen die Schmiede, welche Hammer und Zange in einem Schilde führten, nach dem Sagenhelden ihres Handwerks, dem Witege, dem Sohn Wielands des Schmiedes, oder es war ihnen neulich gar von einem Deutschen König verliehen worden, weil sie ihm tapfer beigestanden; so sahen die Weißbäcker freudig auf ihre gekrönte Brezel, denn sie wurde von zwei schreitenden Löwen gehalten, welche in den anderen Pranken ein Schwert hielten, und war ihnen von Kaiser Karl IV. wegen ihres Löwenmutes zugeteilt worden.

Hundert Geräte und Erfindungen, die wir noch heute gebrauchen, waren auf dem Stadtmarkt des vierzehnten Jahrhunderts feil, und hundert andere Formen des Schmucks, der Kleidung und des Hausrats, die uns fremd geworden sind und die wir erst deuten müssen. Und wer damals vom Lande kam, der staunte über die Pracht und Fülle begehrenswerter Dinge und fühlte tief den Zauber des Geldes. Aber das Wertvollste war auch damals in dunklen Stuben und Gewölben der großen Kaufherren, in eisernen Truhen und hinter festem Verschluß aufbewahrt. Und wer den Reichtum und Wert der Stadt für den friedlichen Verkehr der Nationen ermessen wollte, der mußte die Waren da suchen, wo sie unscheinbar in Hülle und Kasten lagen, denn Schaufenster gab es nicht; nur der Goldschmied stellte vielleicht kleine Becherlein und Ketten hinter die grünen Fensterrauten der Werkstatt, vorsichtig und unter Aufsicht, damit nicht ein fremder Strolch hineinschlage und mit der Beute entlaufe.

An dem Stadttor ist Aufenthalt und Gedränge, denn jeder Wagen, der den engen Durchgang passieren soll, wird von den Torhütern sorglich beschaut wegen der Waren und daß keine Arglist eingefahren werde. Der Fuhrmann zahlt einen Torzoll und eine Abgabe von den Waren, die Lebensmittel aber, welche die Stadt nicht entbehren kann, werden – zum Teil – frei eingeführt, auch einzelne Rohstoffe, welche eine begünstigte Innung für ihre Arbeit bedarf. Den Karren der Landleute folgen große Frachtwagen, ihr Inhalt ist unter einer Leinwanddecke verborgen, es ist wertvolles Kaufmannsgut, eine schwere Ladung, denn viele Pferde waren nötig, um die Wagen auf den schlechten Wegen fortzuschaffen; bewaffnete Reiter des nächsten Landesherrn haben der Karawane das Geleit bis an die Stadtmark gegeben. Sorgenvoll hat der Eigentümer die Ankunft erwartet, er ist mit seinen Knechten hinausgeritten an die Landwehr, dort hat er das Geleit empfangen und zieht jetzt freudig bei den Wagen ein mit Trabanten der Stadt und seinen Knechten. Der Zug windet sich mühsam durch die Straßen bis zu der Ratswaage, wo die Waren gewogen werden und ihre Steuer entrichtet. Es ist gute Teilnahme in der Bürgerschaft und am Rathause bemerkbar, und der Kaufmann wird viel beglückwünscht. Denn obgleich dieser Kaufherr seine Feinde hat und der Handwerker wenig Untugenden christlicher Menschen so sehr haßt als den Hochmut seiner Geschlechter, so ist glückliches Einbringen einer wertvollen Ladung in die Stadttore ein ebenso freudiges Ereignis als die Heimkehr eines Schiffes aus dem Nordmeer. Der Rat hatte mehrmals Boten abgefertigt und Briefe darum geschrieben, und die Bürgerschaft dachte, daß gesichertes Gut der ganzen Stadt zur Ehre gereichte, verlorenes Gut aber mit Gefahr jedes einzelnen gerochen werden mußte. Es gab deshalb in der Nähe der Ratswaage manchen Freudentrunk.

Durch die Marktleute und Buden reitet ein edler Herr aus der Umgegend mit seinem Gefolge ein, auch Frauen zu Pferde darunter, er hat einen Reiter vorausgeschickt, dem Rat seine Ankunft zu melden; jetzt steigt er vor ansehnlicher Herberge ab, in welcher die Fremden vom Adel und Ritterstand einzukehren pflegen – sie gilt der Stadt nicht für die beste und der Wirt, ein reicher Mann, keineswegs für sicher, die Aufnahme in den Rat ist ihm versagt. Kurz darauf schreiten zwei Beamte des Rats würdig die Ratstreppe herab durch die Menge, von Dienern gefolgt, welche den Willkommen tragen, die Weinspende, womit die Stadt den Fremden begrüßt.

Ja, diese Gastspenden! Sie sind von der Urväterzeit schönes Zeichen eines freundlichen Herzens und achtungsvoller Gesinnung, aber der Stadt wird das Herz zuweilen schwer bei dem Betrag dieser endlosen Geschenke. Denn jedem vornehmen und ehrbaren Fremden wird geschenkt, jedem, der irgendwie zum Vorteil der Stadt ihre Mauern betritt, und der Vornehmste wie der kleine Bote der Nachbarschaft rechnen sehr genau, ob sich die Stadt mit Schenken auch ehrlich gegen sie gehalten. Ist der Fremde ein kleiner Mann, so erhält er das einfache Trinken, d. i. ein Maß oder zwei Seidel Wein, aber der Ritter, Gelehrte, Prälat, auch die fremde Priorin und Ordensschwester den gewöhnlichen Satz von zwei Trinken, ein Graf in der Regel vier. Kommt aber gar ein geistlicher oder weltlicher Fürst zu mehrtägigem Aufenthalt, dann ist es nicht mit dem Wein abgetan, ihm gebührt auch Hafer für seine Rosse, eine Spende an Fischen und Küchenspeise, Gewürz und vielleicht eine Handwerksarbeit, um welche die Stadt berühmt ist. Erwies gar der Kaiser der Stadt die Ehre, oder hatte sie die Gunst eines großen Herrn zu suchen, dann wurden die Geschenke massenhaft. Der Kaiser erhielt ein Prachtstück der Goldschmiedekunst, einen Becher oder eine Schüssel, gefüllt mit Goldstücken, die Kaiserin ein kleineres Geldgeschenk, außerdem Stücke kostbaren Zeuges, beide viele große irdene Krüge mit Wein; die Königskinder ebenfalls Becher und Stücke Zeug, ihre Amme, die Kammerfrauen, die Hoffrauen, das ganze Gefolge je nach ihren Würden große oder kleine Becher oder Stoffe und immer Wein. Auch wenn angesehene Nachbarn in ihren Höfen irgendein Familienfest feierten, wenn ein junger Edler zum Ritter geschlagen wurde oder ein Grafenkind heiratete, wurde dies der Stadt angezeigt in Erwartung eines Geschenkes, und der Rat sandte eine Summe Geld oder silbernes Gerät, um seine Achtung zu erweisen. In der Form von Geschenken wurden auch viele Dienste bezahlt, die der Stadt geleistet waren von Fremden und Einheimischen. Wer eine gute Neuigkeit brachte, erhielt sein Botenbrot in Geld und Wein, sogar wer auf häufigen Reisen in der Umgegend Neues zu erfahren pflegte, dem wurde gelohnt, wenn er vor dem Rat seinen Sack auftat, er empfing ein Trinken oder Badegeld zur Erfrischung. Diese Geschenke waren der Stadtkasse die größte Last, sie ruinierten mehr als einmal die Finanzen, und gerade sie wurden von den Geschlechtern zu ihrem eigenen Vorteil unmäßig verwandt und machten die Bürgerschaft aufsässig.

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