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Bilder aus den vier Wänden

Felicitas Rose: Bilder aus den vier Wänden - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorFelicitas Rose
titleBilder aus den vier Wänden
publisherDeutsches Verlagshaus Bong und Co.
printrunZwölftes bis sechzehntes Tausend
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Mein Vetter Balduin.

Es ist zu jammerschade, daß ihr den Vetter Balduin nicht gekannt habt. Man sieht so etwas wie ihn heutzutage nicht mehr viel. Er war eine Midasnatur, alles wurde zu Gold, was er anfaßte oder es dünkte ihm wenigstens Gold, und das war ja dasselbe. Er sah nichts Häßliches auf der weiten Welt, und schon als Kind, als er einmal in den tiefsten Straßenschmutz fiel, hielt er seiner Mutter, die ihn weinend aufhob, lachend ein großes Silberstück entgegen, das in eben jenem Schmutzhaufen gelegen.

»Pfarrer'sch Balduin wird entweder was Grußes, oder er wird nischt,« sagte der Weiseste des Dorfes von ihm, »Mer missen erscht siehn, ob's Giete is, die in ihm steckt, oder Dummheit. Is es Dummheit, denn kann alles aus ihm werden.«

Es war Güte.

Wir andern Kinder freilich sagten öfter zu ihm: »Ach, Balduin, bist du dumm!«

Zum Beispiel, wenn wir zur Großbäuerin auf den Lindenhof zogen, um Speckkuchen zu essen, dann war es vorgekommen, daß Balduin derweile der untergehenden Sonne nachsah und darüber alles vergaß.

Balduin war kein prüder Junge und kein Spielverderber, aber er gebrauchte nie ein unschönes Kraftwort, und wenn ihm ein solches von der Dorfjugend entgegengeschleudert wurde, schüttelte er sich.

Über das obengenannte Speckkuchenessen sollten wir einmal einen Aufsatz schreiben, Balduin, Fabrikbesitzers Wolf, seine Schwester Therese, mein Bruder Erich und ich, die wir einen gemeinsamen Hauslehrer hatten.

Balduin, der Gewissenhafteste von uns, hatte den Aufsatz längst fertig und stand nun hinter mir und las über meine Schulter leise nach, was ich hastig zusammenschrieb.

Im Gegensatz zu ihm hatte ich eine Vorliebe für Kraftworte und für wahrheitsgetreue, nicht etwa schön gefärbte Schilderungen, und da wir bei der Großbäuerin unglaubliche Mengen Speck- und Zwiebelkuchen hinunterschlangen, so schrieb ich: »Gestern waren wir eingeladen zum Speckkuchenf...,« kam aber nur bis zum »f«, als Balduin jammernd aufschrie: »Du wirst doch nicht, Rose, du wirst doch nicht so ein entsetzliches Wort schreiben?«

Und weil er ein so unglückliches Gesicht machte, und wir so gute Freunde waren, verbesserte ich mich gleich, und brauchte nicht einmal wegzuradieren, was streng verboten war. Und so stand denn in meinem Aufsatzheft: »Gestern waren wir zum Speckkuchenfertilgen eingeladen.«

Balduin aber sagte: »Du bist ein geniales Mädchen,«

Beim Räuber- und Prinzessinspielen war bisher immer mein Bruder Erich die Prinzessin gewesen, weil Therese und ich es als Schmach angesehen hätten, nicht Räuber zu sein; nun bekamen wir einen neuen Organisten an die Kirche, der eine völlig verwachsene Tochter mitbrachte.

Wir »besahen« sie uns mit der rücksichtslosen Neugierde gesunder zwölfjähriger Schlingel, und ich wollte eben gegen Balduin mein tiefstes Bedauern äußern, daß »die Neue« gewiß nicht klettern könne, als Balduin schon mit strahlenden Augen auf mich zukam: »O, nun haben wir eine Prinzessin, endlich, endlich eine wunderschöne Prinzessin.«

Er achtete auch gar nicht auf unser verwundertes Aussehen, er hörte nicht das spöttische Fragen, er sah nicht unser Lachen, er schien überhaupt nicht zu merken, daß das arme Körperchen der Kantorstochter krumm und schief war, er sah nur die wunderschönen, stahlblauen, sanften Augen der Kleinen, aus deren schwermütigen Sternen schon der ganze Jammer über ein sieches Leben herausschaute.

Später zeigte mir der Fünfzehnjährige ein Bändchen »Storm« und schlug ein Gedicht auf: »Du, das hat der Dichter auf die Lissy gemacht.«

Da stand: »Sie hat die goldnen Augen der Waldeskönigin.«

Durch Balduins rückhaltlose Bewunderung nahm Lissy bald eine Ausnahmestellung in unserm Kreise ein, und zwar eine höchst geachtete. Wir brachten ihr die ersten Blumen aus dem Garten, und die ersten Proben des Weihnachts-, Pfingst- und Ostergebäcks, wir lasen ihr vor und halfen ihr bei Spaziergängen über gefährliche Stellen sogleich hinüber. Lissy starb sehr früh, kaum zwei Jahre später, du sie zu uns kam. Ihr Leiden hatte sich immer mehr verschlimmert, sie schien zuletzt ganz zusammenzuschrumpfen, dann hatte ein Herzschlag sie erlöst. –

Wir andern waren wenig mehr zu ihr gekommen, aber Balduin hatte seinen Vater, den Pfarrer, immer ins Kantorhaus begleitet. Nun war das Mädchen tot, aber während alle Gevattern und Basen des Dorfes sich über die Krankheit unterhielten, – über den Buckel, den schrecklichen Kopf, die dünnen Glieder, die spärlichen Haare, die großen Augen, – nahm mich Balduin still beiseite, und der große, starke Junge weinte und sagte: »Siehst du, Rosel, die Lissy ist nun ein Engel, sie war zu schön für diese Welt.«

*

Mit sechzehn Jahren kam Balduin nach der Stadt aufs Gymnasium. Sein Vater wünschte sehnlichst, daß er Pfarrer werden möchte, aber Balduin vertraute mir in der Abschiedstunde an, während wir im kahlen Osterwalde spazieren wandelten, daß er am liebsten Arzt werden möchte.

»Du?« fragte ich erstaunt, und setzte gleich darauf sehr überzeugt Hinzu: »Das kannst du gar nicht, du bist ja viel zu gut, um in 'n Menschen 'rum zu säbeln.«

Er wurde ganz rot und ordentlich etwas zornig, das war eine große Seltenheit.

»Das ist auch so 'ne Mädchenansicht, als ob Ärzte bloß säbelten. Ein Arzt kann vor allen Dingen helfen

Das kann ein Pfarrer auch, und braucht gar nicht zu säbeln.«

»O, man kann auch beim Säbeln einen hohen Zweck im Auge haben.«

»Na, welchen?« Ich war sehr neugierig geworden.

»Ich – ich – weißt du – ich – – –«

Balduin kriegte mich plötzlich beim Kopf und sagte mir so leise ins Ohr, daß ich ihn kaum verstand: »Ich will die Seele suchen.«

»Die Seele, Balduin?«

»Ja. – Der Adolf hat mir aus seiner Prima in E. ein Buch mitgebracht, das heißt: ›Es ist kein Gott!‹ Du brauchst nicht zu erschrecken, Rosel, es hört uns niemand. Das Buch hat mich riesig gepackt, es ist ja vielleicht ein unwahres Buch aber – – ich mag's dem Vater nicht zeigen, er würde es gleich in den Ofen stecken. Und dazu ist es doch zu schade.«

»Ach, Balduin, es muß ein schreckliches Buch sein. Was sagt denn der Adolf dazu? Hat der's gelesen?« »Freilich hat er. Der ist aber auch schon länger in der Stadt und hat es richtig kapiert, der will ja aber auch schon lange Mediziner werden und hat nie an Theologie gedacht, – der sagt, er wäre längst durch mit der Religion und der unsterblichen Seele und so'n Schwindel.«

»Balduin!!!« – Ich mußte es wohl laut geschrien haben, denn Ludl, der Hund, der unzertrennlich von Balduin war, bellte erbost, besonders, da ich seinen Herrn heftig schüttelte.

Balduin machte sich ruhig von mir los, sein Gesicht sah traurig aus.

»Ja, weißt du, Rose, ihr Mädels seid eben besser dran, kommt nicht von Mutters Rock fort und bleibt hübsch in den lieben, alten Märchen stecken.«

»Es sind aber keine Märchen,« rief ich zornig, und plötzlich! brach ich in heißes Weinen aus. »O, Balduin, paß auf, nun ist alles, alles aus, du hast etwas Wunder-Wunderschönes verloren.«

»Eben deshalb will ich's nun suchen, – die Seele,« entgegnete er ruhig und sah mich aus ernsten Augen und mit blassem Gesicht an. Dann nahm er sein Taschentuch, denn er wußte, daß ich meins stets suchte und nie fand, wischte mir die Tränen damit ab und ging mit festen Schritten dem Pfarrhause zu.

Die Frau Pfarrerin sah' mit heißer Muttersorge ihren Jungen in die Stadt ziehen. Sie war eine so echte Mutter, und er war ihr einziger. »Paß auf, Rosel,« klagte sie mir, als wir zusammensaßen und ein Paketchen für Balduin zurecht machten, »er wird in der Stadt hundertmal übers Ohr gehauen, und der Balduin ist imstande und hält die linke Backe auch noch hin, das ist so recht ein Mann nach der Bibel.«

Der Pfarrer, der in der Sofaecke saß und seine Pfeife rauchte, lachte behaglich.

»Nun hört bloß, – fängt mir Mutter an, auf die Bibel zu schelten.«

»Beileibe nicht,« verteidigte sich die Pfarrerin und wurde ganz rot, – »aber mir ist bang um den Jungen. Und wenn sie ihm in der Pension Steine zum Mittagessen vorsetzen, der merkt's nicht, der freut sich und meint wunder wie gut die Pensionsmutter ist, daß sie für seine Mineraliensammlung sorgt.«

»Das Sonnige, das hat er von dir,« sagte der Pfarrer und sah seine Frau strahlend an, und sie küßte seine Hand, die er immer wieder fortzog, und ich sah die Frau Pfarrerin auch an und dachte, daß der Balduin bei einer solchen Herzensmutter so hatte werden müssen, wie er eben geworden war. Dann dachte ich aber weiter über die Seele nach, die er suchen wolle und dabei strickte ich mit beinahe wütender Emsigkeit an einem Paar wollener Strümpfe für Balduin. – Die sollten durchaus mit in die Kiste, denn Balduin und Adolf hatten gewettet, daß ich nie ein Paar fertig kriegen würde, und daß auch mein zukünftiger Mann immer barfuß gehen müsse.

Tante Pfarrerin hatte mich eine ganze Weile nicht beachtet, sie packte lauter gute Sachen in das »Mutterkistchen«, Bücher und warme Schuhe und Socken und Schmalzgebackenes, das Balduin so gern aß, und von dem er behauptete, daß seine Mütter es in »reinem Schweinchenschmalz und Liebe« backe.

»Fertig!« schrie ich, – und sie schrak ordentlich ein wenig zusammen.

»Ist es denn möglich, Rosel?« rief sie freudig, und der Herr Pfarrer schmunzelte: »Her mit dem Kunstwerk!«

Ich hielt meinen Strumpf hin und wischte mir den Schweiß von der Stirn. –

»Himmel, Mädel, was hast du gemacht?« rief Tante entsetzt, aber fertig war der Strumpf, sie konnte es nicht leugnen, nur hatte ich die Spitze direkt an die Hacke gestrickt und dadurch ein mächtiges Stück Arbeit gespart. Der Pfarrer lachte Tränen und ließ sogar seine Pfeife ausgehen, dann legte er den ersten Strumpf neben den zweiten, und nun lachte das Ehepaar ein helles Duett, während ich dunkelrot vor Empörung daneben stand.

Freilich sahen die Unglückswürmer nicht so aus, als ob sie auf menschliche Gliedmaßen passen sollten, aber man hatte mir immer gesagt, die Liebe sei die Hauptsache, und Liebe war drinnen, das konnte mir niemand bestreiten.

»Nun, nun, nur nicht so zornige Augen,« meinte die Tante begütigend, und Onkel Pfarrer rief lachend: »Das Rosel sorgt für alles. In den Strümpfen kann man mit dem einen Bein die Schwindsucht und mit dem andern die Fettsucht haben, und ist doch nicht verloren.«

Nun kamen aber die Tränen bei mir mit Macht, und abends schrieb ich in mein Tagebuch:

»Es ist nicht wahr, mit der Liebe, sie ist schnuppe. Die Menschen haben keine Seele, es ist unnütz, daß sie der Balduin sucht.«

In der Folge hatte ich noch unendlich viel auszuhalten. Von allen Seiten wurde ich geneckt, jeder bestellte Strümpfe bei mir, ich mochte mich nirgends mehr sehen lassen. Aber da kam Balduins Antwortbrief, und dieser zeigte ihn als den alten, lieben Schönheitsapostel.

»Prächtig sind Deine Strümpfe, alter Kamerad, ich danke Dir vielmals. Es sind nicht so gewöhnliche, wie man sie sonst hat, aber Du warst ja auch immer ein ungewöhnliches Mädchen. Ich werde sie mir heilig aufheben, denn als Arzt kann man später alles brauchen. Du schreibst, daß sie Dich alle ausgelacht hätten, aber das ist sicher nur ein kleiner Irrtum von Dir, sie waren gewiß alle nur so lachfroh, weil Du so schön für Vetter Balduin sorgst. Lache nur tüchtig mit, denn Lachen ist so sehr gesund, und wenn ich Arzt werde, muß ich eine gesunde Familie haben, sonst kann ich mich zu wenig um die andern Kranken kümmern.«

Als die Jungens zu den Ferien heimkamen, war Balduin ganz toll vor Freude. Jetzt kann ich's ja dreist erzählen, daß ich sah, wie er heimlich die Bäume umarmte und das Gras küßte, – damals als ich, hoch auf dem alten Lindenbaum sitzend, ihm zuschaute, wurde ich für ihn rot und hatte es um die Welt niemand erzählen mögen, daß ich den großen Jungen bei »so was« ertappte.

Die anderen beiden, Erich und Adolf, fanden unser Dorf »vorsintflutlich«, die Häuser »viel kleiner, als vordem«, die Eltern, Gevattern und Verwandte »rückständig«. Mich begrüßte Erichbruder mit einem Knuff zwischen die kurzen Rippen und der liebevollen Bemerkung: »Na, schöner bist du ja nicht geworden,« Adolf versuchte, mich! »Sie« zu nennen, und als ich ihn darauf höflich fragte, ob er Tinte getrunken hätte, entschied er kurz entschlossen: »Aus dir wird nie was Höheres.«

Balduin allein war ganz der alte geblieben, jedem sagte er etwas Gutes, Liebes, und in einer so herzgewinnenden Weise, daß man im Innersten fühlte, wie grundehrlich er es meinte.

Sein Mutterchen, die allgemach, eine richtige, rundliche Landpfarrerin geworden war, fand er »so schön, so wunderschön, daß keine Sirene sie besingen könne«. (Er las gerade die Odyssee.)

Theresens Sommersprossen, die ihr grenzenlosen Kummer machten, fand er »interessant und gerade zu ihrem Goldhaar passend« (wir nannten es brandrot), ihre Stupsnase »ungeheuer niedlich«.

Mein widerspenstiger Lockenkopf, der immer ziemlich ungekämmt anmutete, war in seinen Augen »genial« und der Buckel, den ich immer beim Sitzen machte und für den ich manchen Hieb mit der Reitpeitsche von Papa »besah«, begeisterte ihn zu dem Prädikat: »lässige Grazie«.

Kurz, wir Frauenzimmer, alt und jung, hatten gute Tage und ließen uns tüchtig von ihm verwöhnen. Freilich gingen Erich und Adolf nun immer allein und ärgerten uns mit höhnischen Neckereien, aber wenn wir sie bei Balduin verklagten, lachte dieser: »Ach, sie meinen's nicht so!«

Und schließlich packte er mit seiner glühenden Beredtsamkeit jeden von uns an der rechten Stelle, so daß wir doch schließlich des Abends alle friedlich beisammen saßen und – Zukunftsträume spannen.

Es war nun ausgemacht, Balduin sollte nicht Theologie, sondern Medizin studieren, Onkel Pfarrer beseufzte zwar etwas das Stipendium, das nun brach liegen würde, aber Balduin ließ in wahrhaft glühenden, Farben die Herrlichkeit des ärztlichen Berufes vor uns erstehen, und in seiner Phantasie erledigte sich alles spielend leicht, die sämtlichen Kranken Europas lauerten nur auf Dr. Balduin Hunsberg, er konnte seine Praxis kaum bewältigen. Onkel Pfarrer paffte große Rauchwolken, er kam nicht so rasch mit wie ich, die ich begeistert an der großen Kinderklinik mit baute, die auch an demselben Abende noch fertig wurde.

»Ach Gott, die süßen Kinder!« rief Tante Pfarrer ganz glücklich aus, – sie hatte sich rasch mit dem Gedanken abgefunden, daß ihr Einziger nicht Pfarrer werden wollte, denn sie war immer glücklich, wenn Balduin es war und er hatte auch vom Mütterchen die »Lust zum Fabulieren« geerbt. »›Die süßen Würmer!‹ Aber, was versteht ein Mann von kleinen Kindern, da muß doch eine erfahrene Kraft da sein.«

»Jawohl, Mutting,« lachte Balduin mit strahlenden Augen, »dich rufe ich als Oberleitung.«

»Na ja, aber erst mache dein Abiturium,« meinte der Pfarrer trocken, und wir wurden etwas unsanft aus unsern Himmeln gerissen.

Nun folgten Jahre, in denen ich Balduin ganz aus den Augen verlor. Ich war im Sommer mit den Eltern auf Reisen und blieb im Winter bei Verwandten in der Residenz. Von Therese erhielt ich ab und zu Briefe, in denen sie schrieb: »daß die Jungens, je mehr sie ›Herren‹ würden, auch immer greulicher sich auswüchsen, daß nur Balduin derselbe bliebe, aber auch mit ihm sei kein rechtes Auskommen, denn er sei einfach Schönheits fanatiker, und das mache sie kribbelig. Dünger könne ja gewiß auf einzelne Naturen poetisch wirken, auf sie jedenfalls nicht, und wenn Dung gefahren würde, dann liefe sie eben davon, weit in den Wald hinauf, und bliebe nicht stehen, wie der Balduin, der behaupte ›der Ammoniak dufte köstlich aromatisch‹.« Ferner schrieb Therese, die Jungens Adolf und Erich steckten voll dummer Schülerredensarten, wie: »Jerade wat Scheenes«, oder »Halb so wild«, oder »Schwiejermutter bezahlt allens«, aber es sei eher auszuhalten, als Balduins Ermahnungen, sich einer schönen Sprache zu befleißigen. »Ich bitte Dich, liebste Rose,« schloß der Brief, »welches vernünftige Lebewesen sagt anstatt ›Rindvieh‹ – ›minder begabter Mensch‹.« – –

Dann kam ein Brief von Erich: »Alle zwölf Abiturienten haben bestanden, selbst Dein Strolch von Bruder, bloß der Balduin wäre beinahe gerasselt, weil er im deutschen Aufsatz über ›Kaiser Nero als Mensch‹, diesen Bluthund nicht wie wir andern alle, und wie die Herren Lehrer wünschten, in die tiefste Hölle verbannt, nicht alle seine Schandtaten lang und breit aufgezählt und schaudernd verdammt, sondern den Nero mit wahrhaft genialer Phantasie vollständig als Produkt der damaligen Zeit hinstellt und ›die ganze Menschheit für die begangenen Greuel verantwortlich gemacht hatte‹. Du, Rosel, ordentlich ›nett‹ war der Nero unter Balduins Feder geworden, das bringt auch nur der fertig. Aber genial war der Aufsatz doch, weshalb ihn auch niemand vom Kollegium verstand, außer unserm famosen Direktor und dem Doktor Ekert, der neckte den Balduin noch beim Kommers später und sagte, es sei schade, daß Balduin nicht schon damals Pfarrer in Rom gewesen sei, er hätte doch sicher den Nero zum Mitgliede des Jünglingsvereins gemacht.«

Von Balduin selbst kam ein lieber, kurzer Brief: »Meine kleine, geliebte Base, ich habe das Abiturium bestanden, meine Eltern sind sehr froh darüber. Nun geht es in das wunderliebe ›Alt-Heidelberg du Feine‹ und später nach dem herrlichen München. Wie bin ich dem Vater dankbar! Wir Freunde werden zerstreut, Dein Erichbruder wird Fahnenjunker in Erfurt, Adolf arbeitet zum Staatsexamen in Kiel, – nun wollen wir drei winzigen Räderchen der großen Maschine ›Welt‹ tapfer unsere Pflicht tun, damit die Menschheit auf eine höhere Stufe gehoben werde.« – – – – –

Nie werde ich den Tag vergessen, als ich nach Jahren den Vetter Balduin in München wiedersah. Ich sollte mit ihm und er mit mir überrascht werden, das hatte sich der etwas stark verbummelte cand. med. Adolf so ausgedacht. Wir trafen uns in einer großen, feinen Gesellschaft, meine Eltern waren mit im Komplott. Nun war ich ja zwar ein erwachsenes Mädchen, aber doch die wilde Hummel von einst geblieben, die das Herz immer mit dem Kopfe durchgehen ließ, und als ich die liebe, bekannte, hohe Gestalt meines alten Spielkameraden plötzlich vor mir, und seine guten, tiefen, braunen Augen auf mich gerichtet sah, lief ich unbekümmert um die fremde Umgebung, auf ihn zu, packte seinen Arm, seine Hände, schüttelte sie immer wieder, und rief atemlos vor Wiedersehensfreude und teilnehmender Neugierde: »Hast du sie, Balduin? Hast du die Seele gefunden?«

Erst als alle um uns herumstanden, lachten und zischelten, als ich Mütterchens verzweifeltes Gesicht sah und bemerkte, welch roten Kopf der Balduin bekam, fühlte ich auch, daß ich wohl eine Dummheit begangen, und schwankte, ob ich in kindisches Weinen ausbrechen, oder mein hochmütigstes Gesicht aufsetzen sollte, entschied mich jedoch für das letztere.

Aber plötzlich lachte der Balduin, – so ein gutes, herzliches, frohes Lachen, legte den Arm um mich und tanzte mit mir los, – so leicht, so schwebend, wie eben nur der Balduin tanzen konnte; dann befanden wir uns auf einmal in einer kleinen Nische, und er drückte mir ganz fest die Hand und sagte leise und gütig: »Bist doch ganz die alte Rösi geblieben, ganz unverändert, – aber nicht so das Herz auf der Zunge tragen, Rösi, – sieh – das mit der Seele weißt du, – das ist ein ganz liebes Geheimnis zwischen dir und mir, gelt, Kamerädchen?«

Ich sah ihn an und er nickte mir zu, aber so sehr ernst, fast traurig, daß ich mit einem Male wußte, er hatte nichts gefunden.

*

Als ich nach wieder einem Jahr in unser heimatliches Dörfchen zurückkehrte, waren auch die Freunde zu den Ferien da, aber Balduin wich mir aus, und so konnte ich ihn nicht einmal heimlich fragen, was mein Gemüt doch so stark beschäftigte.

Außerdem machten sich die Studenten den Spaß, in medizinischen Ausdrücken herumzuwüsten, und Erich, der bei der Artillerie eingetreten war, kam mit Kasernen-, Sport- und Pferdeausdrücken noch dazu, es war keine Freude für unser jungfräulich Herz, besonders nicht für Theresens, das tief in »Marlitts Romanen«, dem »Beruf der Jungfrau« und »Elise Polko« steckte, von einer verbissenen, zwanzig Meter langen Taenia saginata zu hören, derentwegen der Professor Laparotomie mit Enteroanastomosis machen mußte. – Auch ich entschloß mich ungern, auf Erichs »Bude« mitzukommen, wo gewöhnlich eine Menge »Präparate« lagen, die von den Jungens schauerlich erklärt wurden. Balduin beteiligte sich hierbei nicht, für ihn war alles, was mit seinem künftigen Berufe zusammenhing, »Tabu«, ich glaube auch nicht, daß er jemals aus dem Anatomiegebäude etwas mit heimgenommen hat, besonders nicht so schreckliche Sachen, wie »Herzen von Gerichtsvollziehern«, und »Lebern von Bankdirektoren«. All solche Dinge behauptete Adolf zu besitzen, und erklärte sie uns wenig geschmackvoll; als er uns aber ein winziges, greulich aussehendes Stückchen Schleim zeigte, und behauptete, es wäre das Durchschnittsgehirn einer »höheren Tochter«, da kündigten Therese und ich ihm für ewige Zeiten die Freundschaft.

Trotzdem aber meine Verlobung und Hochzeit in die nun kommende Zeit fiel, verfolgte ich Balduins Studium mit warmem Interesse, und als sein Staatsexamen kam, »büffelte« ich mit ihm von Station zu Station, so daß mir ein »komplizierter Schenkelbruch« interessanter wurde als das »Einlegen von Schneidebohnen«.

Es war ein schöner Tag, als der »Herr Dr.« fertig war, und er mir das erste Exemplar seiner Inauguraldissertation überreichte: »Die traumatischen Läsionen des Conus medullaris und der Cauda equina.« Ich strahlte, als ob ich sie selbst verfertigt, und las sie mit »wissendem Antlitz«, gab sie auch Theresen zu lesen, die gleichfalls ungeheuer gescheite Mienen aufsteckte, aber als sie mir nachher leise gestand, ihr Gehirn sähe nach dem Lesen wirklich so aus wie Adolfs oben beschriebenes Präparat, gab ich ihr mit innigem Händedruck zu, daß ich auch nichts verstanden hätte. –

Der »Doktorschmaus« war ein wirklich wolkenlos glücklicher Tag in unser aller Leben. Balduins Mütterchen strahlte beinahe noch mehr, als ihr Junge.

Welche Gelübde wurden an diesem Abende getan! Wir Jugendfreunde waren ja zum letzten Male in der Heimat vereinigt, – in wenigen Tagen wurden wir in alle Winde zerstreut. Nur Erich stand als Leutnant in derselben kleinen Universitätsstadt, die sich Balduin als Niederlassungsort gewählt; ein alter Patenonkel war gestorben und hatte dem jungen Arzt ein Sümmchen vererbt, so daß Balduin es sich ein Weilchen leisten konnte, auf Patienten zu »lauern«. Zum Schlusse unterschrieben wir alle ein Schriftstück, worin wir uns feierlichst verpflichteten, alle, ohne Ausnahme, nach I. zu kommen, wenn Balduin seinen ersten Patienten nachwiese.

Nun leb' wohl, du kleine Gasse,
Nun leb' wohl, du stilles Dach,
Vater, Mutter, sahn mir traurig,
Und die Liebste sah mir nach.

Das war unser Schlußlied, und es stimmte uns seltsam wehmütig, denn unser ganzes Dörfchen war ja seine »Liebste«, die ihm nachsah.

Nach einem halben Jahre bekam ich in mein eigenes Heim den ersten Brief von Balduin:

»Meine geliebte, kleine Base, – ich hab' ihn, – den ersten Patienten! Wie bin ich glücklich! Es ist doch ein Anfang! Und er soll gesund werden! Freilich liegt's ja nicht allein in meiner Macht, wir Ärzte sind nur Helfershelfer, aber ich darf doch nun endlich meine ganze Kraft einsetzen. – Bäschen, das war ein schwieriges Stück, ehe ich ihn kriegte. Es ist eine elend gesunde Gegend hier, und die alteingesessenen Ärzte haben das Vertrauen und die ganze Praxis. Ein Witzbold hatte schon das Rätsel aufgebracht: ›Was ist das ungezogenste Ding in ganz I.? – Die Klingel von Dr. Balduin Hunsberg‹. Aber im allgemeinen hielt man mich doch wohl für beschäftigter, als ich war, denn ich habe eine treue, gute Wirtin, die jeden Handwerker, der nach mir fragte, zu ›gelegener‹ Zeit wieder bestellte: ›Der Herr Doktor sind zu stark beschäftigt‹. Ein Riesenplakat an meiner Tür sagte, daß meine Sprechstunden von 8–10 Uhr vormittags seien, und nachmittags von 3–4 Uhr, und um diese Zeit sprach ich denn auch immer, – mit meiner guten Wirtin, deren Familiengeschichten ich schon auswendig weiß. Merkwürdig, was sie selbst und die Leute in I. für seltsame, schreckliche Krankheiten durchgemacht haben, ehe ich kam. Seit ich das Weichbild der guten Stadt betrat, sind sie alle gesund und, nicht wahr, Bäschen, das ist doch auch schön?!

War meine Sprechstunde vorbei, so raste ich mit nachdenklichem Gesicht durch die Straßen, ich mußte ja auch nachdenklich sein, weil ich nicht wußte, wohin ich meine Schritte lenken sollte. In den ersten Wochen ging ich immer in ein xbeliebiges Haus, wartete auf der Treppe 10–12 Minuten und raste dann wieder hinaus. Aber in so einer kleinen Stadt geht das nicht auf die Dauer, sie haben hier meist sogenannte ›Spione‹ an den Fenstern, und da war es abends an den verschiedenen Stammtischen sofort bekannt, und sie fragten den Hausinhaber: ›Haben Sie denn den alten Medizinalrat nicht mehr?‹ Ich brachte mich in tausend ärgerliche Verlegenheiten. – So hab' ich diese Treppenbesuche aufgegeben und renne die Landstraße entlang, immer ›wärtser‹, wie Väterchen sagt, aber auf den umliegenden Dörfern sind sie ebenso gesund, wie in I., außerdem haben sie für Brandwunden und Beinschäden einen klugen Schäfer. Aber gestern, Bäschen, – gestern, – ich bin noch ganz taumelig vor Glück, es war so richtig Matthäi am letzten, meine Börse sah schwindsüchtig aus und ich plante bereits eine Umsiedlung, – da – hielt ein hochvornehmes Gespann vor meiner Tür, Rappen, mattgraue Seidenpolster, Silbergeschirr, und Kutscher und Diener trugen auf ihren Armen den Verunglückten zu mir herein, eine entzückende junge Frau folgte. Verzeih, Bäschen, ich muß abbrechen, der Wagen hält schon wieder, man erkundigt sich, denn ich mußte wegen der Schwere des Falles den Patienten bei mir behalten. Einstweilen diese Benachrichtigung, – das Festessen kann ich, hoffentlich bald geben.

Dein treuer, glücklicher Spielkamerad Balduin.«

Dieser liebe, glückliche Brief! Der so treu meinen Kameraden kennzeichnet! Ich will ihn heilig aufheben, denn ich werde nie wieder einen von ihm bekommen.

Drei Tage später schrieb mir Erich: »Sag', Roseschwester, könntest Du wohl mit Deinem Manne auf einen Tag herüberkommen? Werde ich da gestern zu Balduin gerufen, und denke, er hat Sekt anfahren lassen, um seinen ›ersten Patienten‹ zu begießen, damit war es aber Essig. Seine alte Wirtin, häßlich wie des Teufels Urgroßmutter, machte mir auf und erzählte mir heulend, daß ihr lieber, guter Herr Doktor im Hospital läge – Blutvergiftung, Rosel, schwere Blutvergiftung. Von dem verd... ... ›ersten Patienten‹ hat er sie sich zugezogen, und weißt Du, wer dieser war? Ein Hund! So was kann ja nur dem Balduin passieren, daß sie ihm einen Köter ins Haus schleppen, mit einer schweren Eiterwunde. Na, und der Balduin hätte auch ohne die schönen Augen der jungen Besitzerin die Behandlung des Tieres übernommen, hält er ja doch jegliches Viehzeug für einen seelenbegabten, aber geistig zurückgebliebenen Bruder des Menschen. Und nun liegt der Balduin auf den Tod. – Tante Pfarrer hat den Fuß gebrochen, Du weißt es, sie kann nicht reisen, den Onkel hat der Schreck gelähmt, kannst Du kommen, alte Herzensschwester? Er verlangt sehr nach Dir, der Balduin. Rose, ich saß oft auf der Bank der Spötter, aber – jetzt geht es mir höllisch nahe. Etwas Gutes will aus unserm Leben scheiden, – der Balduin, – er war der beste von uns allen. – Leb' wohl, und auf Wiedersehen!«

*

Noch an demselben Abend standen wir im schlichten Hospitalkrankenzimmer. Die furchtbaren Schmerzen hatten Balduin traurig verändert, aber er war noch bei Bewußtsein, die Sehnsucht hielt ihn wach, – Sehnsucht nach seiner Mutter. – – – –

Mich erkannte er gleich. »Wie schön, daß du da bist,« sagte er mit seiner leisen, gütigen Stimme, »Mütterchen muß auch gleich kommen. – Es ist eine ärgerliche Geschichte, Rose, und sie ließ sich doch so schön, so wunderschön an, mit meinem ersten Patienten.« Ein Lächeln ging über sein blasses, schmerzverzogenes Gesicht. Dann schlummerte er ein Weilchen.

Plötzlich richtete er seinen Blick mit dem alten, sonnigen Ausdruck auf mich und drückte meine Hand fest, ganz fest. – Mein Herz schlug bis in den Hals hinauf, ich beugte mich näher zu ihm: »Rosel,« raunte er kaum verständlich, »ich will dir etwas Schönes sagen, – ich hab' sie gefunden, – die unsterbliche Seele. Nicht in den armen toten Körpern, die ich zerschnitt – Rose, aber« – – – – – – – – – – –

Die Tür knarrte leise, Balduin ließ heftig meine Hand los. »Mutter?« fragte er sehnsüchtig, »ist Mütterchen gekommen?«

Es war nur seine alte Wirtin. Weinend schlurfte sie herein und an sein Bett. Ja, sie war furchtbar ungestaltet, Erich hatte recht, – ich erschrak über ihre wahrhaft groteske Häßlichkeit.

Aber über Balduins Antlitz zog ein überirdisches Leuchten, er richtete sich auf, seine Hand legte sich auf den Kopf der Greisin, die an seinem Lager niederkniete. »Mutter!« rief er jauchzend, und dann leiser noch einmal: »Mutter!«

Dr. Balduin Hunsberg, mein lieber, lieber Kamerad, war tot.

»Sonderbarer Heiliger,« murmelte der Hospitalarzt neben mir, aber er wollte wohl nur seine tiefe Rührung verbergen.

*

Ende.

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