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Gutenberg > Felicitas Rose >

Bilder aus den vier Wänden

Felicitas Rose: Bilder aus den vier Wänden - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorFelicitas Rose
titleBilder aus den vier Wänden
publisherDeutsches Verlagshaus Bong und Co.
printrunZwölftes bis sechzehntes Tausend
year1911
correctorreuters@abc.de
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Unsere Male auf Urlaub.

Sie ist schon fünfzehn Jahre bei uns, unsere brave Male. Was Wunder, daß sie uns alle unter dem Pantoffel hat, alle.

Mein lieber Mann nimmt sich zwar selbst aus, aber das ist eben der sicherste Beweis für meine Behauptung.

Male ist Köchin. Sie hält streng darauf, daß diese Stellung respektiert wird, sie blickt auf Stubenmädchen geringschätzig herab, und vollends »Jungfern« genießen ihre ausgesprochene Verachtung.

Male ist Ostpreußin, »Schmaleningken« ist ihre engere Heimat. Aber sie folgt uns in treuer Anhänglichkeit durch das ganze liebe Deutschland und will bei uns bleiben, bis »de jnädige Herrschaft Jeneral oder dod is«.

Wir haben mit ihr Vertrag für den ersteren Fall geschlossen, denn so dauert's sicher noch länger, als im zweiten.

Male ist streng konservativ. Sie hat von einem herumreisenden » Italiano non capisco« zwei schauderhafte Kaiserbüsten erstanden, – sehr billig, denn der einen fehlte die Nase, aber Male sagt: »En Kaiser ohne Nase is immer noch wertvoller, wien jewehnlicher Mansch mit 'ner jriech'schen.«

Sie betet jeden Abend für sich, für ihr Sparkassenbuch und für ihre Herrschaft, daran schließt sich ein Lied, aber kein Gesangbuchvers, sondern: »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben.«

Während der Reichstagswahl war sie beinahe tiefsinnig. Sie verwechselte Salz und Zucker und kochte unerhörte Gerichte. Als unser Stubenmädchen in dieser Zeit eine »nette Bekanntschaft machte« und die feste Absicht hatte, »mit ihm zu gehn«, vorher aber Male um Rat fragte, sagte diese dringlich: »Frag' ihm zuerst, wem er jewählt hat, Beinhauer oder Lattmann und wenn er sagt: Tischler Thiel, dann schmeiß ihm rrraus.«

Andern Tags war Ausgehsonntag. Das Stubenmädchen zog mit »ihm« ab. Als es wiederkam, nickte es Male ruhig-gelassen zu.

»Lattmann!« sagte das Stubenmädchen.

»Es is jut,« entgegnete Male, »du kannst ihm nu in die engere Wahl nehmen.«

Male kocht vorzüglich, sie ist im Krankenzimmer unvergleichlich, sie klatscht nicht mit anderen Mädchen, sie sieht auf den Vorteil ihrer Herrschaft und hält sich streng zurückgezogen und ist fleißig im Hause. So könnte ich ihr ins Dienstbuch schreiben. Male ist alles in allem eine »Perle«. Nicht solche, wie die Mädchen von der Majorin Dallberg, die in jedem Kaffee erzählt: »Ohhh, meine Neue ist 'ne Perle!«

Aber schon nach kaum einem Monat geht die Perle fort mit dem Dienstbuchvermerk: »Unsauber, unfleißig. Entspricht nicht meinen Erwartungen.«

Mit wieviel »Perlen« mußte sich schon die arme Majorin zum »Sühnetermin« ein Stelldichein geben!

Male ist eine echte Perle.

Aber – Perlen bedeuten Tränen.

Sie wurde seit einigen Wochen weich- und wehmütig, »gnittrig und gnattrig«, »strambulstrig und naupertschig«, wie die Jungens sagten.

Ich nahm sie mir vor.

»Male, wo fehlt's?«

»I Jott, jnedich Frauchen, – wo soll's fehlen? Der Mansch arbeit' eben, bis er liejen bleibt un se ihn verscharren wie 'n Hund.«

»Aber Male, das hört sich ja fürchterlich an, und ist doch gar keine Antwort auf meine Frage.«

»I Jott, jnedich Frauchen, was soll ich da groß antworten? Das Jammerleben is kei Dittchen wert.«

»Na, nun mal raus mit der Sprache! Hat dir jemand was getan?«

»I Jott, jnedich Frauchen, wer soll mir denn was tun? Man schleppt sich eben hin, trägt sei Kreiz un stirbt in der Blite der Jahre.«

Ich sah sie zweifelhaft an. Sie hatte die »Blite« schon lange und, wie es schien, sehr gut überstanden. »Was sollen denn nun diese dunkeln Andeutungen, Male? Bist du krank?«

»I Jott, jnedich Frauchen – nnein! Aber jnediche Herrschaft war neilichs auch nicht krank und jing doch nach Lakolk un stärkte sich und ich blieb hier.«

»Du wolltest ausdrücklich nicht mit, Male.«

»I nei, – ich wollt' auch nich, aber nu mecht' ich.«

»Male!!! Nach Lakolk?«

»I nei! – nach Thiringen.«

»Male, wohin denn?^

»Nach'n Dörrberger Hammer.«

»Wie kommst du nur so plötzlich darauf.«

Male fing an zu weinen.

»Wenn schon so viel gefragt wird, achott, da bleib' ich schon lieber, – ich sag's ja – so'n armer Dienstbote muß schanzen, bis'r eingescharrt wird.«

»Male, wenn ich nicht wüßte, daß Du Lattmann gewählt hast – – ich würde auf ›Tischler Thiel‹ raten.«

Ihr Weinen steigerte sich zum Schluchzen.

»Komm! Sei ruhig! Erzähl' mir alles vernünftig.«

Und nun kam's heraus.

Vorigen Sonntag war sie ein paar Stunden bei der Portiersfrau zum Geburtstag eingeladen, und da hatten alle Mädchen von ihren Sommerreisen erzählt. Die »Mine« von Rittmeisters war in »Soden an der Werra« gewesen. Die »Julie« von Generals in »Meran«, die Dora von Postrats in Kiel, die »Selma« von Präsidents gar in Nizza, und selbst die Marjell von Rektors hatte oben mit auf Wilhelmshöhe gewohnt. Nur sie, »Amalie, Karoline, Josephine, Hermine, Jesuliebe Buttgereit«, war »nirgends jewesen«, – – »achott, achott, jnedich Frauchen, was mußt' ich mir schämen!«

»Da ist gar nichts zu schämen, Male,« schalt ich liebevoll, »tausend und aber tausend Leute bleiben zu Hause und fühlen sich wohler dabei, als im Trubel des Badelebens.«

»Der Dörrberger Hammer is auch kei Bad.«

»Na ich sehe schon, du hast dir diese Sommerreise in den Kopf gesetzt und du sollst sie haben. Jawohl, meine gute Male, du sollst reisen, die Anna wird dann etwas mehr tun müssen, kochen kann ich selbst.«

»So?« rief Male entrüstet. »So leicht is das man jar nich, un wo jnedich Frau schon stimmer die fliegende Hitze in die Kiche kriejen. Un ›Kenigsbarjer Klobse‹ und ›Flack‹, – wer kocht das für'n Herrn Major?«

»Na, Male, das werde ich wohl auch noch fertig bekommen!«

»Is de Meechlichkeit!!!« Male stemmte beide Arme in die Seiten. »Fertig bekommen! Wissen gnä Frau nich vom letztenmal noch, wie der Herr Major sagten: ›Bringt das Zeichs weg, das is ohne Liebe gekocht?‹ Liebe! Frau Majorin, Liebe is 's einzigste! Un wo wollen gnä Frau Liebe herkriegen? Hä?«

»Nun ich dächte doch – – –«

»I nei, Kenigsbarjer Klops un Flack wird nur von Male gekocht und wenn ich nu reise, denn wird's ebend nich jekocht.«

Ich senkte bejahend mein Haupt.

»Freilich, wenn's Herr Major befehlen, denn muß ich eben hier bleiben – – –«

»Nein, nein,« rief ich angstvoll, »reise nur, liebe Male! Es ist ja ganz gut, auch mit den Jungens. Karsten und Friedel können sich schon allein anziehen und zur Schule befördern, ich werde ihnen das Frühstück streichen, und Anna kann sich währenddem um Bubi kümmern.«

Wieder schlug Male ein Hohngelächter auf.

»So? Um Bubi kümmern! Is die Meechlichkeit! Un wer singt ihm in Schlaf? Die Annchen? Wo sie keine musikalische Bildung hat? Oder gnä Frauchen mit ihrem schwachen Gepiepse? Das schlägt bei unserm Jungchen nicht durch. Da muß die Male ran.«

»Ja, aber – wenn du doch reisen willst – –«

»Un denn Karsten un Friedel? Wer stopft die Driangels jeden Tag in Karstchens Buxen? Wer steckt den Rohrstock in'n Ofen, wenn der Herr Major in Sicht is? Wer streicht Friedelchens Kaffeesemmel, auf die eine Seit' Honig, auf das dritte Viertel Mus un auf das vierte Viertel Butter?«

»Du hast die Bengels greulich verwöhnt, Male.«

»Die trautsten Jungens!!! Achott, ich bang' mich all jetzt nach ihnen. Ich werd' sie nich der Frau Majorin und der Annchen allein iberlassen können.«

»Aber Male, ich bin doch die Mutter!«

Male klopfte mir gönnerhaft auf die Schulter und lächelte mir beruhigt zu. Aber in ihrem Gesicht standen »Bände« zu lesen, und wenn ich auch in der kurzen Zeit nicht das ganze Gesicht durchlas, so sah ich doch sofort, daß Male mich nur mangelhaft der Ehre für würdig hielt, drei solche Prachtbuben zu besitzen, und sich selbst viel eher die Erziehung zutraute.

»Na was meinst du denn, Male?«

»Ich mein', – wenn gnä Frau mich fest in die Hand versprechen und dann noch ›warrraft'gen Gott‹ dazu sagen, daß alles mit de Jungchens in meine Abwesenheit so bleibt, wie's die Engelchen jewehnt sin – –«

Ich nickte matt und streckte ihr meine Hand entgegen.

»Nu bin ich schon ruhiger,« meinte Male.

»Zu wem willst du eigentlich in Dörrberg?«

»Zu Frau Labkau. – Was der Labkau ihr Mann is, mit den seiner Kasine bin ich in Schmaleningken en paar Jahr zur Schul jegangen.«

»Ist die Verwandtschaft nicht ein bißchen weit?«

»Na ich leb' doch da nich vor umsonst. En Schnorrer bin ich nich. Für'n Tag 'n Dahler, so will's die Labkau, un mir is recht, davor hab' ich mein Sparkassenbuch.«

»Und wie lange dachtest du – – –?«

»So'n Tagener achte.«

»Nur? Hetz' dich ja nicht ab, Male, wie gesagt, Anna und ich werden schon fertig.«

»Ne, Frau Majorin, das schlagen Se sich man aus'n Kopp, fertig werden Se nich mit die dumme Marjell, die Anna, un mir graut schon, in was für 'ne Pastete ich neintrete, wenn ich wiederkomme – –«

»Male!«

»Ne ne, gnä Frau, ich meine das nur gut mit Sie un besonders mit'n Herr Major, – aber Frau Majorin, ich kenn' Ihnen ja, – Sie geben sich Mihe un sin auch soweit akkrat, aber Sie ham's doch mehr mit's Leschere un mit'n ›Idealen‹.«

Ich nahm die Zurechtweisung mit geziemender Demut hin.

»Wann willst du fort, Male?«

»Wenn ich mir spute mit all die Arbeit, die noch jetan werden muß, denn kann ich in vierzehn Tagen ungefähr so weit sein,« antwortete Male nachdenklich.

»Um Gottes willen!« rief ich angstvoll. »Solange willst du warten? Auf keinen Fall!«

Vor meinem geistigen Auge stiegen in unheimlicher Klarheit eine Reihe von Tagen auf, die dem heutigen glichen, Tage voll Reisevorbereitungen und Erörterungen; Tage, die buchstäblich auf unheilbare Nervosität geeicht waren.

»Also Male, ich denke, morgen oder übermorgen geht's los,« bemerkte ich mit einiger Festigkeit.

»Mmmorgennnn?«

Sie ließ sich fassungslos auf einen Stuhl sinken.

»Oder übermorgen! Melden Sie sich nur gleich bei Frau Labkau an, und dann – – los!«

Ein Weinen, so bitterlich, wie ich es nicht einmal von meinen kleinen Buben gewöhnt, war die Antwort.

»Sie woll'n mir loswer'n! Sie woll'n mir loswer'n.«

Ich verließ wortlos die Küche. Was sollte ich auch sagen? Males ungestümes Schluchzen hätte ja doch alles übertönt. So setzte ich mich denn in mein Zimmer, nahm eine Handarbeit vor und träumte ein wenig.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und Friedel und Karsten stürmten zu gleicher Zeit herein, stolperten über die Schwelle und schlugen lang zu meinen Füßen hin.

»Nicht wahr, Mutterchen, das darf sie doch nicht?«

»Wer? Was? Steht erst gleich einmal auf. Habt ihr euch weh getan?«

»Ich weiß nicht!«

»Ich auch nicht!«

»Mutterchen, das darf sie doch nicht, die Male? So einfach fortgehen ins Spital und dort sterben. Bloß weil du nichts mehr von ihr halten tust und sie los sein willst.«

»Arme Male,« wimmerte Karsten, »soll nicht sterben!«

Ich schlug meine Augen gen Himmel und nahm ihn zum Zeugen für Males Verbohrtheit. Da aber die Augen meiner Buben vorwurfsvoll auf mich gerichtet waren, so verwirrte mich das einigermaßen, und ich ging, beide Kinder an der Hand, in die Küche zurück. Male weinte immer noch. Sie schien auch dies Geschäft so bald nicht aufgeben zu wollen und alles Zureden von »die Annchen«, unserm Stubenmädchen, das ratlos in der Küche herumwirtschaftete, nützte nichts.

Als nun Male vollends die beiden Jungens, ihre Lieblinge, wieder erblickte, wurde ihr Wimmern erbärmlich.

Ich seufzte schwer auf.

»Male, du kannst einen doch wirklich zur Verzweiflung bringen,« bemerkte ich ernst.

»Das weeeiß ich ja und deshalb jehe ich ja schon,« heulte sie, »aber den Abschied von die Jungchens un den Herrn Major werden mir doch jnedig Frauchen nich versagen un denn jeh' ich, – – jawoll – ins Spittel, un denn sterb' ich. Un 'n jelben Sarg möcht' ich – – – huuuh – –«

Friedet, der Schulbub, vermengte seine Tränen mit denen der geliebten Male, Karsten, der Dreikäshoch, dagegen folgte mir mit trippelnden Schritten, als ich zum zweitenmal das Lokal verließ.

»Male ist unmännlich, nich wahr, Mutterchen?« fragte er und ich nickte bestätigend.

Zum Abend kam mein Mann in allerrosigster Laune. Er hatte einen scheidenden Kameraden »weggegessen« und wohl noch mehr »weggetrunken«, wie ich aus dem federnden Gange wahrnahm, mit dem er trotz des beginnenden leisen Embonpoints die Treppe heraufstieg und den Drücker der Tür öffnete. Welches liebende Weib hat nicht so seine kleinen untrüglichen Anzeichen erhöhter Stimmung an »ihm, dem Herrlichsten von allen«?

Male stand schon breitspurig auf Posten, um » ihrem« Herrn Major Mütze und Säbel abzunehmen, sie scheuchte »Willem«, den Burschen, mit drohender Miene zurück, ich dagegen bekam einen unendlich vorwurfsvollen Blick, den ich mit schlecht gespielter Gleichgültigkeit erwiderte.

Mein Mann sah in dem dämmerigen Flur etwas schärfer auf Males dickverheultes Gesicht.

»Na, altes Haus, – wieder mal Zwiebeln gerieben? Was gibt's denn heute abend Gutes?« fragte er jovial.

»Pufferte, Herr Major!«

»Puffer? Das ist ja famos!«

Ich war starr, – denn ich hatte »Matjeshering und Pellkartoffel« bestimmt.

»Es ist wirklich gut, daß mir unser Küchendragoner noch mein Leibgericht auftischt, liebes Weib,« fuhr mein Gatte fort und zog mich samt den Buben ins Eßzimmer, während die dienstbaren Geister in den hinteren Regionen verschwanden. »Der neue Kasinowirt liefert einen – – mir fehlt jeder parlamentarische Ausdruck für besagten Fraß, – und so muß man sich halt immer mehr an die Weine halten, – bis der Kerl mal fliegt.«

Bei der Bemerkung, daß er sich mehr an die Weine gehalten habe, sah ich ihn, an. Mein Mann nennt das »blicken«.

Sofort verteidigte er sich sehr wortreich.

»Du meinst ›knüll‹, liebes Weib? Aber nicht die Spur! Keine Ahnung von das und sowas! 'ne Meile könnt' ich auf der Dielenritze marschieren. Kunststück!«

Ich schwieg. Du lieber Gott, wenn er schon anfängt so abzustreiten, – man weiß ja Bescheid. –

Aber er ist so ein prächtiger, lieber Kerl, mein Major, und wie er so stattlich und glücklich in seiner hübschen Dragoneruniform dastand, legte ich beide Arme um seinen Hals.

»Ich bin so froh, daß du da bist,« sagte ich aus ehrlichem Herzen.

»Na? Was ist los? Hat's was gegeben?«

Ich erzählte ihm von Males Verdrehtheiten, aber er nahm alles auf die leichte Achsel.

»Es ist gut, wenn sich Male mal auslüftet,« bemerkte er sorglos, »in so ein altes Stück Möbel setzen sich gerne die Motten.«

Wenn mein Mann diesen Ton anschlug, da wußte ich schon, daß man ihm mit ernsten Dingen nicht kommen konnte, und als er gar noch anfing, mir Witze erzählen zu wollen, – mir – Witze vom »Obersten«, bei denen er sich schon eine halbe Stunde vorher »kringelte« vor Lachen, da »blickte« ich wieder, und er verstummte jäh. Einige hat er mir aber doch noch später versetzt, ganz meuchlings.

Nun gingen wir zu Tisch, auf dem die Matjesheringe und köstliche mehlige, geplatzte Kartöffelchen prangten, aber sieh da, nach einer kleinen Weile erschien Male höchst eigenbeinig, während sonst »Willem« servierte, und brachte vier knusperige Püfferchen, die sie vor meinen Mann hinsetzte mit den energischen Worten: »Mehr jibt's nich, der Herr Major essen immer bloß vier.«

»Mir scheint, du bist elend kaltgestellt, liebes Weib,« sagte mein Mann verdutzt, als die Tür sich hinter Male geschlossen hatte, und dann legte er mir liebevoll zwei der allerknusprigsten Puffer auf den Teller. Unser Mahl verlief sehr heiter, dann brachte ich Friedel und Karsten zu Bett und stand eine Weile noch, nachdem die beiden ihr Abendgebet gesprochen, vor Bubis, unseres Jüngsten, Gitterbettchen, vor dem schon bei meinem Eintritt eine andere Gestalt kniete, – Male.

Sie erhob sich jetzt, haschte nach meiner herabhängenden Hand und küßte sie. Das süße, kleine, im Schlaf wahrhaft engelhafte Gesichtchen unseres »Einjährigen« hatte sie milde gestimmt.

»Ich habe mir umbesonnen,« flüsterte sie, »ich habe auch schon 'ne Karte an die Labkau'n jeschrieben un sie soll mir returnierend antworten.«

Das Wort war mir nicht ganz klar, aber ich nickte verständnisvoll.

Als wir beide in das Zimmer meines Mannes traten, Male, um »Gutenacht« zu sagen, ich, um noch ein wenig mit ihm zu plaudern, saß dieser schon vor dem Kursbuch, eifrig studierend.

»Na, Male, wie ist es?«

»I ja, Herr Major, ich mecht'!«

»Schön! Ich habe Ihnen das Nötige bereits herausgezogen. Hier – Abfahrt 11.30 Schnellzug. Ankunft Dietendorf 2 Uhr. Umsteigen in den Zug nach Oberhof.«

»Achott, wenn ich da man nich den verkehrten krieje.«

»Dafür sind die Schaffner da. Nur immer hübsch fragen.«

»Was die Labkaun is, kennte die mir nicht bis hier entjejenfahren?«

»Aber Male, du bist doch kein Säugling mehr und die Labkau wird sich dreimal bedanken, das viele Reisegeld auszugeben, für nichts und wieder nichts.«

»Na scheen, denn muß ich ja woll.«

»Ja du mußt!«

»Un denn werd' ich schon nich in den unrechten Zug kommen.«

»Das denke ich auch. Male, hast du Geld?«

»I wo werd' ich kein Geld haben! Freilich hab' ich.«

»Die Reise kostet hin und zurück 12 Mark. Dann 14 Tage Aufenthalt zu drei Mark täglich gerechnet, sind 42 Mark. – Trinkgeld kommt auch noch und sonstige kleine Drumrum. Tue Geld in deinen Beutel, Male.«

»Ich werd' schon,«

Mein Mann stand auf, und da er 1 Meter 87 Zentimeter mißt, konnte er seine beiden Hände ganz bequem segnend auf Males Haupt legen.

»So leb' denn wohl, du treue Maid,« rief er salbungsvoll, während Male in bitterliches Weinen ausbrach, – »möge dich das Schicksal mit linder Hand in unsern liebenden Schoß zurückführen.«

Dies Pathos war mir nicht neu. Mein Mann schlug es jedesmal an, wenn er etwas »im Krönchen« hatte und entschuldigte sich dann damit, daß sein Vater früher mal hätte Theologie studieren wollen.

Um nicht gerade heraus zu lachen, verdeckte ich mein Gesicht mit dem Taschentuche, was sehr natürlich ausgesehen haben muß, denn Male streichelte mich und sagte schluchzend:

»Ach Gottchen, jnedich Frauchen, weinen Se nich, ich habe Ihnen alles verziehen.«

Male wankte hinaus.

Mein Mann umfaßte mich lachend und wollte einen seiner gefühlvollen Walzer mit mir riskieren, da er aber überall bedenklich aneckte und unser Büfett voll neuer Gläser stand, so tat ich seinen Gelüsten Einhalt, um so mehr, als »Willem« plötzlich stramm in der Tür stand und fragte, ob der Herr Major weitere Befehle für ihn hätten. Nun, die hatte er nicht, Willem verschwand, dann kam »die Annchen«, um Gutenacht zu sagen und da ich nicht einsah, weshalb ich mich mit meinem Major noch länger angähnen sollte, verschwanden wir gleichfalls.

Andern Tags weckten mich heftiges Türzuschlagen, Herumtrampeln und laute, scheltende Worte, die aus den Dienstbodenräumen kamen. Ich klingelte und Annchen erschien sehr aufgeregt.

»Ein Wunder ist's nicht, wenn gnädige Frau nicht schlafen können,« berichtete sie aufgeregt und dabei flüsternd, um meinen schlafenden und schnarchenden Gatten nicht zu stören, »es ist wirklich, als ob, mit Respekt zu sagen, der Teufel los wäre.«

»Aber Anna!«

»Jawohl, gnädige Frau! Um vier Uhr hat uns die Male schon geweckt, den Willem und mich und hat keine Ruhe gegeben, weil sie nicht den Zug versäumen will, und der geht um halb zwölf. Und sie selbst ist die ganze Nacht aufgeblieben und hat gepackt, jetzt ist sie fertig. Sie schnallt bloß noch ihren Nähtisch auf den Koffer.«

»Sie ist wohl rein unklug? – Aber deshalb braucht ihr doch nicht so mit den Türen zu bollern und euch so unmanierlich zu betragen!«

»Das ist nicht mit den Türen gebollert, gnädige Frau, das war nur Male ihre Lade, die sollte Willem jetzt schon nach der Bahn tragen und er ließ sie fallen, sie war ja hundertmal zu schwer für jedes Pferd.«

»Ich werde gleich kommen,« sagte ich seufzend und kleidete mich rasch und ärgerlich an.

Ja, drüben war wirklich der Teufel los und er schien in Male gefahren zu sein. Sie fuhrwerkte in ihrer Kemenate herum, als ob sie irgendeinen grimmigen Schmerz austoben wollte und als sie mir ihr Gesicht zuwendete, war dies beinahe bis zur Unkenntlichkeit geschwollen durch Tränen, Wut und schlaflose Stunden.

»Aber Male!« kopfschüttelte ich betrübt und vorwurfsvoll.

»Ich weiß schonst, was jnedig Frauchen sagen wollen,« fuhr mich unser lieber Drache an, »ich jehe aber schonst, un wenn der Willem und die Annchen nach vierzehn Tagen noch da seind, denn komme ich, was ich bin, iberhaupt nich wieder. So'n naupertschiger Lorbaß.«

Ich ignorierte die zarte Bezeichnung und bemerkte nur ganz ruhig:

»Also vierzehn Tage willst du bleiben?«

»Aber warum schleppst du diese unmögliche Bundeslade mit, du hast ja mindestens zwanzig Mark Überfracht!«

»Das weiß ich nich, ich weiß bloß, daß ich da nich als wie 'n Schnorrer un Pracher ankommen will.«

»Aber den Nähtisch mußt du hierlassen, liebe Male, den befördern sie dir gar nicht.«

Meine Stimme schmolz schier in Weichheit, um sie nicht zu reizen.

»So'n Pack, so'n ...« (hier folgte ein gänzlich unparlamentarischer Ausdruck, so daß ich schreckhaft zusammenzuckte).

Male löste mit wuchtigen Schnitten das Nähtischungetüm los. »Und wenn mich nun was platzt?« fragte sie barsch.

»Dann haben sie dort wohl auch Nähnadel und Zwirn, beste Male, im übrigen genügt ein kleines Kästchen mit dem nötigen Material.«

Die »beste« Male brummte noch was Unhöfliches und ich ging ins Eßzimmer, dessen Tisch ich heute selbst decken mußte trotz dreier Dienstboten.

Nachdem Friedel und Karstel zur Schule befördert waren, wobei Male, um nicht weich zu werden, ihr wütendstes Gesicht aufgesteckt hatte, was den Abschied sehr erleichterte, kam mein Mann.

Die Weine des Kasinowirtes schienen ebenso miserabel gewesen zu sein, wie das Essen, denn der Herr Major waren unglaublich gnittrig. Selbst Bubi hatte mit seinen goldigen Späßchen und Sprechversuchen keinen Lacherfolg und schob die Unterlippe bedenklich vor.

Während mein Gatte noch die Zeitung las und den Mokka mit so krauser Stirn schlürfte, als sei es ein Schierlingsbecher, erschien Male mit einem geheimnisvoll eingewickelten Gegenstand. Sie tat ein Paar Schritte zu meinem Manne hin, besah den eifrig Lesenden von allen Seiten und schritt wortlos wieder hinaus.

Dann erhob sich mein Mann, klingelte nach Willem und zog sich mit diesem ins Schlafzimmer zurück. Ich wußte, – er mußte Gala anlegen, der Kommandierende hatte befohlen. Endlich kam er wieder im höchsten Glanz, aber auch sehr eilig und verdrießlich. Ich bekam den hundertsten Teil eines normalen Kusses und er wollte eben fortrennen, als sich Male breitspurig hinstellte.

»Ich mecht' bitten, Herr Major, – ich reise nachher und nu wollt' ich mein Sparkassenbuch iberjeben, es is um Leben un Sterben.«

»Konnten Sie denn das nicht vorhin tun?« donnerte mein Mann.

»Ne, Herr Major, so was Ernstes kann man nich mit jemand besprechen, der bloß 'ne Litewka anhat. In Uniform – so gehört sich's. Un alle Ordens, Kreuz, Kringel und Zwieback – so gefällt mir's.«

»Male, Sie sind übergeschnappt,« schrie mein Mann, aber das Unglaubliche geschah dennoch, er schloß das Sparkassenbuch in seinen Schreibtisch und schrieb Male noch einen Schein, den sie sich gleich in den Busen als sichersten Aufbewahrungsort steckte. Dann raste er fort, ohne Male Lebewohl zu sagen, was sie ihm aber nicht übelnahm. »Es hätte mir doch nur übermannt,« sagte sie mild und »der Herr Major können mir nich beleidigen.«

Um 9‹1/2› Uhr klingelte es und der Bote brachte ein Telegramm. Male trug es mir totenblaß mit zitternden Fingern zu.

»Es ist ja an dich,« sagte ich seelenruhig, »sieh, da steht es: ›Amalie Buttgereit bei Herrn Major von Tannern.‹ Mach' es nur auf.«

»Nich um de Welt,« schrie Male.

»Aber warum denn nicht?« »Achottachott! Da is jewiß jemand jestorben.«

»Das ist doch nicht nötig, es kann ja auch jemand geboren sein,«

»Ne, ich hab' niemand, der geboren werden kann un ich rihr' das Ding nich an.«

»Sei doch nicht töricht. Ein Telegramm ist doch immer was Wichtiges.«

»Natierlich! Ich weiß schon! Was Wichtiges! Was Schreckliches! Die Linachen is jestorben, meine Schwäjerin, die hatte es immer so uff der Brust. Ach das Unjlick, das Unjlick! Mein armer Bruder! Uuuuuuh! Un sieben Kinder! Un das Jüngste noch nich aus die Schule! Uhhhhhh! Und ich muß zu die Beerdigung nach Schmaleningken. Und ich hab' nichts anzuziehn! Uuuuuuihh!«

»Male, du bist doch unglaublich! Anstatt nun das Papier zu lesen, quälst du dich mit schwarzen Gedanken. Komm her, öffne es, es kann ja auch was Erfreuliches drin stehen.«

»Achottachott!« Male streckte unsicher die Hand aus, zog sie aber im nächsten Augenblick wieder zurück.

»Ich kann's nich, es jeht mir kunträr jejen alles Jefiehl. Es steht was Schreckliches drin, – telejraphen tut nur einer, der dod is.«

Mit einem Ruck entfaltete ich das Papier, ein Schrei von Male und zwei weitere von »die Annchen« und »Willem« begleiteten meine Tat.

»Schön willkommen in Dörrberg. Familie Labkau« – las ich und warf Male ärgerlich das Telegramm zu. »Frau Majorin haben Mut,« sagte sie bewundernd, »ich hätt's nich jekonnt. Aber dieser Halunke, der Labkau, braucht mir auch nich so zu erschrecken, so'n Neumodscher. – – Postagente is er jeworden, da is ihm der Grugel vor die Dingers abjekommen. Na scheen, nu kann ich ja reisen.«

Male glättete das Papier sorgfältig und steckte es gleichfalls als wichtige Sache in ihre Taille, und da noch einige Zettel folgten, knitterte und knisterte Male bei ihrer Abreise nur so vor lauter Literatur.

Um 10 Uhr brachten »die Annchen« und »Willem« unsere Male zur Bahn. Vorher wurde ich noch von ihr bis aufs Blut mit Ermahnungen und Ratschlägen gepeinigt. Drei davon sind mir besonders lebhaft im Gedächtnis geblieben:

1. Immer de Kinder um sich drumrum haben!

2. Immer hibsch horchen, wenn der Herr Major ruft.

3. Nich im Bette lesen!

Endlich war sie fort! O dieses Aufatmen! Ich war um mindestens zehn Jahre verjüngt, nahm Bubi auf den Arm und tanzte mit ihm herum.

Gegen 12 Uhr kamen Willem und Anna zurück, »Male hätte beinahe den Zug versäumt,« berichteten sie, »und die Bundeslade wäre jedenfalls nicht mitgekommen.«

»Aber ihr seid doch 1½ Stunden vorher fortgegangen, wie ist denn das nur möglich?« fragte ich ärgerlich.

Willem griente. »Das is man, Frau Majorin, weil niemand das Undiert schleppen konnte, ich bin auch schon buglahm un habe mir in die Fesselgelenke lädiert. Der Kerl von Ziviliste aber, der sich ›Kofferdräger‹ schimpfte, war nur Haut un Mehlspeise ohne Schellatine, der ließ das Luder fallen, – da lag's.«

Willem griente wieder.

»Na und da liegt es wohl noch?« fragte ich erschrocken.

»Neee, das schonst nich. Aber Male haute dem Dienstmann gleich 'ne Horbel runter, un er ließ sie ja auch unsanft an; – sie is ja noch so mit'n blauen Auge davon gekommen, aber sehr blau is es un auch stark geschwollen. Un der Kofferträger will ihr auch noch verklagen, ein Schutzmann hat allens uffjeschrieben. Ich bin Zeuge!«

Willem strahlte, als hätte er damit was besonders Schönes verkündet, während ich ganz geknickt war und eine Reihe unabsehbarer Scherereien vor mir erblickte.

Arme Male! Ich widmete ihr einen mitleidigen Seufzer, konnte mich aber nicht lange bei ihr aufhalten, denn es erschien Besuch. Die Frau Oberstleutnant Hartlin kam, dazu die Frau Rittmeister von Kauffungen, ja ganz zuletzt als schönste Überraschung unsere Oberstin selbst, Frau von Willusch, die überhaupt die Damen angestiftet hatte, zu mir zu gehen. Sie brachte die Botschaft, daß unsere Herren alle beim General speisen sollten, so machte uns denn »die Annchen« ein sehr feines, nettes, kleines déjeuner dînatoire zurecht, das bei allen Beteiligten Entzücken hervorrief. Na und Weinkenner bin ich selbst, – es waren nicht die schlechtesten Marken, die ich kalt stellen ließ, – wir wurden schließlich sehr fidel und ich gab Males Abenteuer zum besten, was die Heiterkeit noch erhöhte.

Gegen 4 Uhr holten die Herren ihre Damen ab und tranken noch recht gemütlich den Kaffee bei uns, der Kampf mit dem Drachen und die zeitweilige Befreiung davon wurde gebührend belacht und besprochen, bis ich sagte: »Aber 'ne Perle ist sie doch, und ich wollte sie nicht um die Welt missen.«

»So ist's recht, meine Gnädigste,« stimmte unser Oberst bei, während einige Damen lauten Einspruch erhoben. »Unsere altmodischen, groben, aber goldtreuen Dienstboten sterben allmählich aus, wohl Ihnen, verehrte Frau, daß Sie noch solch ein Kleinod bergen.«

»Aber der Respekt!« fiel hier die Rittmeisterin ein, die jedes Vierteljahr eine »Neue« hat.

»Ach, was Respekt!« Unser Oberst wurde ganz warm. »Nehmen wir lieber das gute, deutsche Wort ›Achtung‹! Und Achtung haben diese alten, treuen Dienstboten noch vor ihrer Herrschaft, sie halten ihre Ehre hoch und geigen jedem die Wahrheit, der mal ein angreifendes Wort fallen läßt. Wir sind gute Freunde, die Male und ich. Sie steht immer stramm wie'n alter Soldat, wenn ich komme, das hinderte sie aber nicht, mir neulich zu sagen: ›Bitte, kratzen der Herr Oberst die Stiebeln noch'n bißchen besser ab, sonst liegt wieder die halbe Kaiserstraße auf'n Parkett un die Frau Majorin schimpft!‹«

Die schreckliche Male! Ich wurde natürlich glühend rot und verlegen, aber unser lieber Oberst lachte so herzlich und alle stimmten tosend ein.

Gegen Abend waren wir wieder allein.

»Du bist ja so still,« fragte mein Mann, »hat dich der Überfall zu sehr angestrengt?«

»Ach nein,« entgegnete ich, »ich sorg' mich um Male.«

»Na nu?«

»Ja, sie ist das Reisen nicht gewöhnt. Ob sie wohl glücklich angekommen ist? Ich wollt', sie wäre wieder da!«

Draußen klingelte es, das heißt, man mußte schon scharfe Ohren haben, um dieses traurige »Pink« als Klingeln aufzufassen.

Willem öffnete, wir hörten Ausrufe und erregtes Sprechen, dann den jubelnden Schrei der beiden Buben: Male! Liebe Male! Unsere Male!«

Sie war es, sie schritt herein in Lebensgröße, und außer dem stark geschwollenen, blauen Auge unverändert. Langsam kam sie auf uns zu und reichte uns stumm die Hand.

» Male, wo kommst du her?«

»Von Dietendorf. Ich bin ja da woll jleich wieder in den Zug gestiegen, der nach C. zurick jeht, ich hab' das erst jemerkt, wie ich hier den bekannten Bahnhof sah.« Die Tränen stürzten ihr aus den Augen, sie küßte meine Hand, meinen Rocksaum und schüttelte meinem Mann beinahe den Arm aus der Kugel. Die Jungens wurden geküßt und gestreichelt, »herrje, seid ihr jewachsen,« rief sie erstaunt und dann preßte sie Bubi stürmisch an ihr altes, braves Herz.

»Mein Jungchen, mein Einziges, mein Trautstes, mein Dickus, wie hab' ich mir jebangt!«

Also Male war wieder da.

Sie revidierte sofort gründlich den ganzen Haushalt, fand ein von meinem Manne zerbrochenes Glas, das sie ihm mit den Worten unter die Nase hielt:

»Man kann doch auch nich den Ricken wenden.«

Male will nie wieder auf Urlaub. Aber ihre Zeitrechnung datiert nur noch von ihrer Reise an.

»Als ich damals nach Dörrberg wollte!« »Als damals meine Lade nich mitkam.« »Als ich mich damals mit'n Dienstmann prijelte.« Jedenfalls ist der Zweck erreicht, sie kann jetzt mitreden, wenn von »Erholungsreisen« die Rede ist, ach und ich segne die Reise auch in anderer Beziehung: Male ist so sanft seitdem, denn ein Schreckgespenst steht ihr vor Augen, der drohende »Termin«. Male hat eine Vorladung bekommen und es tröstet sie wenig, daß Willem sagt:

»Male, wenn Sie sitzen müssen, besuch' ich Ihnen.«

Brave Male!

*

Ende.

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