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Gutenberg > Felicitas Rose >

Bilder aus den vier Wänden

Felicitas Rose: Bilder aus den vier Wänden - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
authorFelicitas Rose
titleBilder aus den vier Wänden
publisherDeutsches Verlagshaus Bong und Co.
printrunZwölftes bis sechzehntes Tausend
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Das Tagebuch einer Närrin.

Die Närrin bin ich. – – Jedes Lebewesen soll ja nach untrüglichen Beweisen seinen Sparren, mindestens sein Spärrchen haben. Man kann alt dabei werden und hochangesehen sterben. Ersteres habe ich vor, letzteres hoffe ich. Eine alte Jungfer, welche Tagebuch führt, hat ja immer in den Augen der lieben Nächsten etwas Anormales, wofern sie nicht in schweren Kriegszeiten, oder umgeben von großen Menschen, Dichtern, Denkern und Feldherrn gelebt hat, und das habe ich nicht. Deshalb wird mein Buch im Kleinkram stecken bleiben, im Kleinkram meiner Vaterstadt Wiedenburg. Früher galt ich als die gescheiteste in der Familie, jetzt faßt man sich an den Kopf, wenn von mir die Rede ist. – Und als ich dies vor mir liegende Buch, von welchem man wußte, daß es meine Bekenntnisse aufnimmt, neulich einmal auf meinem Schreibtisch vergessen hatte, fand ich andern Tags von Onkel Heinrich von Berndt's Hand hineingekritzelt: » Tagebuch einer Närrin«. – Ich tat nicht dergleichen, denn Onkel Heinrich ist leberleidend, und wenn ich bei den Angehörigen auch oft als respektlos gelte, – vor Lebern, Nieren und Herzen meiner Sippe habe ich achtungsvolle Scheu. – Es hat stille Stunden der Einkehr gegeben, in denen ich mich fragte, ob es nicht an Wiedenburg und seinen verrückten, engherzigen Anschauungen läge, daß ich ein so hoffnungsloser Fall für meine zärtlichen Verwandten geworden bin, aber ich weiß es jetzt ganz genau, daß es an mir liegt. Tiefe Selbsterkenntnis ist nicht der bekannte Weg zur Besserung, – bei mir nicht. Ich bin eine bewußte Närrin.

Aber ich fletsche weder die Zähne, noch trage ich Stroh im Haar, ich belästige meine Mitmenschen nicht mit zu vielem Reden, noch durch unheimliches Schweigen, niemand kann eigentlich seinen Weg unauffälliger gehen als ich.

Aber in Wiedenburg falle ich unausgesetzt auf, ja man hat schon oft mit Fingern auf mich gezeigt und ist stehen geblieben in ganzen Rudeln, bis ich um die nächste Straßenecke verschwunden war.

Wäre ich gescheit, oder überhaupt nur ein normales Menschenkind, dann schüttelte ich den Wiedenburger Staub von meinen Füßen, ginge in die schöne, weite Gotteswelt, suchte mir ein liebes, efeuumranktes Häuschen in einem Waldtal oder in roter, weiter, birkenumstandener Heide, – – aber, – ich bin eben verrückt, hoffnungslos närrisch.

Da gibt's in Wiedenburg einen schmalen Feldweg, der führt zum Tannenwald hinauf und am Fuße dieses Tannenwaldes liegt der kleine Friedhof. Auf diesem Friedhof gibt es ein Stellchen mit zwei stillen Hügeln, von einem einfachen Gitter eingefriedigt, ein schlichtes Marmorkreuz ragt zwischen beiden Hügeln in die Tannengipfel hinauf, darauf steht: »Sei getreu bis in den Tod«.

Hier ist meine Heimat.

Ich kann nicht weg davon. Wenn ich die kleine Tür im Eisengitter hinter mir zuziehe und mich auf die Holzbank setze, wenn ich die beiden immergrünen Gräber anschaue und an Vater und Mutter denke, die darunter schlafen, – – – Herrgott, dann spüre ich den Frieden, der von dem Stellchen ausgeht. Wiedenburg ist nicht schön. Weder Natur noch Kunst sind seine Paten gewesen, und im Baedeker ist kein Stern bei seinem Namen, Aber ein frischer, klarer, forellenreicher Fluß durchsprudelt sein Gelände und treibt ein altes Mühlenrad am rauschenden Wehr, und in der malerischen, alten Mühle wohnten meine Urgroßeltern und Großeltern, und im schlichten, grauen Schlosse dicht dabei hatte mein Vater, der Amtsgerichtsrat, seine Dienstwohnung. Schloß und Park, Mühle und Fluß, – o du selige Kinderzeit!

In der Schweiz, in Tirol, auf hoher Alp, an Nord- und Ostsee, im norwegischen Fjord und in Rom, in der Campagna, auf weiter Heide und in Bayreuth, als die Gralsglocken klangen und ich mit Parsifal in die Kirche schritt, – immer brach das Heimweh über mich herein mit verzehrender Gewalt, und erst auf dem schmalen Feldweg bei Wiedenburg, dem Feldweg, der zum Tannenwäldchen und dem schmucklosen Friedhof führt, erst auf der Holzbank neben den grünen Hügeln kam mir die Schönheit unserer lieben Gotteserde recht zum Bewußtsein.

Heimat, Heimat!

Nein, ich kann wohl nicht dauernd fort von Wiedenburg.

Und passe doch in meiner Verrücktheit so gar nicht hin.

Es sind hier alles Leute, die im Geleise gehen, während ich so gern zwischen meinen Luftschlössern herumsfliege.

Sie kopfschütteln über mich, und das ist schlimmer als Schelten. Liebe vermag zu schelten, Gleichgültigkeit schüttelt den Kopf.

Was können die Wiedenburger an mir nicht vertragen?

Worin zeigt sich nach ihren Begriffen meine Narrheit?

Daß ich eine angehende, alte Jungfer bin und trotzdem meine schweren, blonden Zöpfe noch in schlichtem Defreggerkranz um mein Haupt lege? Daß ich das sechsundzwanzigste Jahr zurücklegte, ohne mich je zu verlieben? Nicht einmal in einen Wiedenburger, die doch alle so wohlhabend, so selbstgerecht und satt herumlaufen, jedes einzelne Mannsbild eine – »Partie«.

Daß ich beinahe immer erster Klasse fahre, um allein zu sein und sehr oft vierter, um mich zu unterhalten? Daß ich meine Kleider selbst entwerfe, selbst nähe und immer mit der neuesten, aber schlichtesten Mode gehe, ohne ihr voranzueilen oder dahinter zurückzubleiben? Daß meine Hüte kleine Kunstwerke sind, ohne die Form von Wagenrädern oder gefüllten Windbeuteln zu besitzen? Daß ich nicht allsonntäglich zu Füßen des Herrn Konsistorialrats D. Fernheim sitze und mir die schwarze, zum Himmel schreiende Sündhaftigkeit der Menschheit vordonnern lasse, sondern lieber durch Regen und Sonnenschein, allerdings auch allsonntäglich, nach dem stillen Dörflein Kronshagen wandere, wo mein alter, gütiger »Zupperdent« herzfrohe Predigten hält. Und nach der Predigt gibt's einen magenfrohen, duftenden Mokka mit selbstgebackenem Brot und frischer Landbutter bei der Frau »Zupperdentin«. Das ist Tradition noch von den Eltern her, denen auch die düstere Lebensphilosophie des Konsistorialrates auf die Nerven fiel. – Und nun zu den beiden schwärzesten Sünden meines Erdendaseins, die mir die Wiedenburger nie verzeihen werden. – Ich möchte erstens gern heiraten, was ich ja von allen meinen lieben Mitschwestern auch glaube, aber ich besitze die Verruchtheit, es laut und deutlich auszusprechen. Ja, ich möchte für mein Leben gern einen Mann, freilich einen ganzen, besonderen Mann, diesen meinen Idealmann lieb haben, dazu drei, sechs, neun, – am liebsten vierundzwanzig Kinder. Meine Altersgenossinnen in Wiedenburg haben nun zwar alle ähnliche Wünsche gehabt, wenn sie auch nicht hartnäckig auf Idealmänner bestanden, sie sind alle längst verheiratet und besitzen drei, sechs, neun und will's Gott auch einmal vierundzwanzig Sprößlinge, aber sie haben es nie »schamlos ausgesprochen«, es war das alles: »Himmelsfügung«.

Und nun kommt das Schlimmste, der fürchterliche i-Punkt, die Krone des Ganzen, – ich habe dem Herrlichsten von allen, der besten Partie, »Ihm« schlechthin, dem Herrgott von Wiedenburg habe ich einen Korb gegeben, ich, die »Gott danken sollte«, die »mit ihren lumpigen zweitausend Mark Zinsen«, die, »die nächstens vollends überschnappt«, die »wohl auf einen Prinzen wartet«, die »Närrin«. –

Eigentlich dürfte ich mich bei Tage gar nicht mehr in Wiedenburg sehen lassen, müßte nur noch in der Dämmerung verstohlen Luft schnappen und mich dann wieder errötend und ungesehen in meinen Altjungfernzwinger schleichen, ein kleines, altes, graues Häuschen im Schloßpark, so eine Art Altenteil und buen retiro meiner Ahnen, der Herren von Holsten. Freilich ist ein »Aber« bei diesem Besitz, doch ich verscheuche die Gedanken an dies » Aber«. Vier Zimmer und Küche sind nur darin, klein, aber mein. Die Möbel sind Urväterhausrat, die Bilder wertvolle Stiche und Ölgemälde, meine Ahnengalerie. Die Holstens sind alle, wie sie da hängen, Dickköpfe gewesen, innerliche Dickköpfe, äußerlich ein stattliches, schönes Geschlecht. Mit mir, Rose von Holsten, stirbt es aus, das ist ein wehmütiger Gedanke, aber ich gebe mich ihm nicht lange hin. Besser doch, ich kann auf lauter tüchtige, ehrenvolle Holsten zurückblicken, als daß irgendwo ein verkrachter Träger unseres guten Namens steckte und ich in ewiger Angst um seine Verdunkelung leben müßte.

Durch meine Verrücktheit wird unser Name nicht weiter verdunkelt, ich bin ja soweit ganz zahm.

Aber mit Wiedenburg habe ich's verdorben.

Es sah mich bereits in »Villa Herkules« wohnen, welch schrecklicher Name! Aber Name ist Schall und Rauch, – und »Herkules« mag ja ein achtbarer, biederer Mann sein, nach welchem sich zehn Meilen im Umkreise die Mädchen die Finger lecken, wie er selbst sich geschmackvoll ausgedrückt hat. Und daß ich nicht mitgeleckt habe, ist ja meine eigene Schuld und sollte eigentlich gänzlich meine eigene Angelegenheit bleiben, aber Wiedenburg macht es zu einer städtischen Angelegenheit und hätte es am liebsten in der Stadtverordnetenversammlung vorgebracht. O Himmel, welch ein Sturm im Wasserglase!

Als vor nunmehr vierzehn Tagen am 20. Oktober der Riesenstrauß von feuerroten Nelken, Dahlien und Astern, ein wahres Ungetüm an Geschmacklosigkeit, bei mir abgegeben worden war, gratulierten mir schon wenige Minuten drauf mein altes Dienstmädchen, die Dorette, sowie das Faktotum des Amtsgerichts, Bureaudiener Lamprecht, der mich schon als Kind gekannt.

Gratulierten zur Verlobung mit dem Herrn Gutsbesitzer und Fabrikanten August Murpitz, alias Herkules. Letzteres ist sein Spitzname, auf den er ungeheuer stolz ist und nach welchem er auch seine neue Villa benannt hat. Name ist Schall und Rauch, aber »August Murpitz« ist ein Schall, der mich umwirft und ein Rauch, der in die Augen beißt.

Und während mir die alten, guten Seelen wortreich gratulierten, entwarf ich den Absagebrief mit einem wehen, bitteren Gefühl im Herzen und einem eklen Geschmack auf der Zunge. Wie hatte er es wagen können! Nach meinem durchaus ablehnenden Verhalten ihm gegenüber! War ich denn ganz schutzlos?

Ja, ich war es. Ich spürte es, als am Nachmittage die zärtlichen Verwandten anrückten. Denn schon am Nachmittage war es »herum«, daß ich einen Korb erteilt hatte, der Herkules selbst mußte das »Ungeheuerliche« verbreitet haben, anders kann ich es mir nicht erklären. Und so traten sie bei mir an, der Onkel Heinrich von Berndt, der Amtsgerichtsrat und Nachfolger meines Vaters, seine Gattin Klothilde, geborene Freiin Diers-Herweg, die Tante Rosine von Brankwitz, Stiftsdame zu Wiedenburg, welche genau wie ihr Vorname aussieht und sich auch immer in einem Zustande vertrockneter Süßigkeit befindet. Auch Onkel Gustav von Berndt, der pensionierte Oberst, fehlte nicht, ein wahrer Eisenfresser alten Schlages und der einstige Schrecken und Liebling zugleich seines Regimentes. Er wohnt erst seit ein paar Wochen in Wiedenburg, ist kinderloser Witwer und seine Schwester Leonore führt ihm den Haushalt, liest ihm in sanfter Weise die Leviten und strickt Missionsstrümpfe. Auch zu dieser Familienberatung hatte sie solch einen Strumpf mitgenommen. Und sie alle wollten mich bevatern und bemuttern, wie es zärtliche Verwandte immer wollen, solange man keinen Anspruch auf ihr Portemonnaie erhebt.

»Es ist nicht möglich, nein, es ist nicht möglich,« wimmerte Tante Klothilde, »ich muß aus deinem eigenen Munde hören, daß du – – hm – –«

»Total verrückt bist,« vollendete der Oberst mit seiner scharfen Kommandostimme.

»Ist dein Tagebuch bald fertig?« fragte Onkel Heinrich mit höhnischer Betonung, »sonst könntest du die Bekenntnisse einer Närrin noch um diesen Fall bereichern.«

»Ja, dieser Fall kommt mit hinein,« entgegnete ich ruhig, »ihr kommt alle mit hinein, die Närrin muß doch ihr ›milieu‹ haben.«

»Ach Gott, nur keine Spitzen jetzt,« klagte die Stiftsdame. »Liebe Rose, wir wollen ja nur Gründe wissen. Ich sagte schon zu Heinrich Berndt, es sei der Name Murpitz – hm – der dich abstieße, – es ist ja auch für ein feines Ohr etwas merkwürdig, – Murpitz – – – und nun vollends Rose Murpitz, – du nahmst gewiß Rücksicht auf mich, die ich doch deine Patin bin und dir meinen Namen gab.«

Die gute Seele. – Nein, ich hatte noch niemals diese beiden Namen zusammengestellt.

»Das sind ja Dummheiten,« rief scharf der Amtsgerichtsrat. »Es kommt heutzutage gar nicht mehr in Betracht, ob einer Müller, Schulze oder Murpitz, meinetwegen Mumpitz heißt, wenn er zwei Millionen schwer ist.«

Die Stiftsdame wand und krümmte sich unter diesen Worten, welche sie zu »demokratisch« fand, sie sprach sehr schön und sehr lang über den Begriff »Traditionen«, wurde aber ziemlich heftig von allen, außer mir unterbrochen, und dann fiel die Gesamtheit über mich her.

Als es mir zu bunt wurde, nahm ich den »Antrag« aus meiner Briefmappe und reichte ihn wortlos dem Amtsgerichtsrat, Onkel Oberst sah über seine Schulter und las mit:

»Mein geehrtes Fräulein!

Sie haben wohl schon seit einiger Zeit gemerkt, wie es mit mir steht. Ich bin mit Haut und Haar in Sie verliebt und schon beinahe nicht mehr zurechnungsfähig. Ihre Kälte und Schroffheit in den letzten Wochen haben mich vollends zum Narren gemacht, – war vielleicht ein wenig Berechnung dabei? Ich kenne die Frauen so ziemlich. Nun jedenfalls biete ich Ihnen meine Hand und gestehe Ihnen offen, daß ich die Stunden zähle, bis Ihr Jawort hier eintrifft. Wiedenburg wird Kopf stehen.

Ihr glücklicher Murpitz.«

»Prolet!« sagte verächtlich Onkel Heinrich und sah noch gelber aus als sonst.

»Der Kerl ist doch nicht etwa Reserveoffizier?« fragte scharf der Oberst.

»Nie Soldat gewesen.«

»Gütiger Himmel,« jammerte wieder die Stiftsdame, während Frau Klothilde mich durch ihre langgestielte Lorgnette beobachtete, was ich auf den Tod nicht leiden kann, – »gütiger Himmel, so lest doch den Brief vor, man erfährt ja nichts, man weiß nichts. Warum ist er nun mit einmal ein Proletarier?«

Ich nahm den Brief und hielt ihn an die Kaminflamme, sie verzehrte ihn rasch. »So!« rief ich aufatmend, »nun laßt mich euch etwas sagen. Tante Rosine hat ganz recht, warum ist August Murpitz jetzt mit einmal ein Proletarier? Er war es immer, und ich habe es auf den ersten Blick gewußt. Ihr saht nur die zwei Millionen, bis euch dieser lachhafte Brief den Unterschied zwischen ihm und mir plötzlich klarmacht. Ich möchte euch nun bitten, von heute an überhaupt gar nicht mehr in meine Angelegenheiten hereinzureden, sondern mich nach meiner eigenen Fasson selig werden zu lassen.«

»Das war deutlich,« schnarrte der Amtsgerichtsrat und griff nach seinem Zylinder. Eine knappe, kurze Verbeugung, ein schattenhafter Gruß von Tante Klothilde, und die beiden hatten das Zimmer verlassen. Onkel Oberst rieb sich grimmig ausschauend die Hände. »Du bist sozusagen ein verteufeltes Mädchen, Nichte Rose, und ich sollte eigentlich denselben knappen Abgang nehmen, wie Vetter Heinrich, aber mich hindert da etwas, und das ist, daß du recht hast, du Teufelsmädchen.«

Tante Leonore zuckte nervös zusammen. Eben zog sie den Faden durch die letzten Maschen des vollendeten Strumpfes und verfestigte mit einer Stopfnadel das abgeschnittene Ende. »Ich wünsche, daß der Herr unsere Nichte erleuchte, auf daß sie ihr Heil in der Unvermähltheit dauernd erblicken möge,« bemerkte sie salbungsvoll. »Herr Konsistorialrat läßt dich fragen, ob du nicht in den Jungfrauenbund eintreten möchtest, dem auch ich angehöre. Wir dienen der äußeren Mission, wie du weißt, und – –«

Onkel Oberst fuhr sich grimmig durch sein volles Haupthaar. »Und du weißt, wie ich diese Propaganda hasse,« schrie er seine Schwester an. »Laß die Rose in Frieden.«

Ich lachte herzlich. »Ruhig, Onkel Berndt, ich wehre mich schon selbst. Deine Tätigkeit in allen Ehren, Tante Leonore, aber mir liegt die innere Mission noch mehr am Herzen. Gerade jetzt richten meine Freunde in Kronshagen ein Asyl für elternlose und etwas verwahrloste Kinder ein, da will ich mit Rat und Tat und persönlichen Opfern dabei sein,«

Tante Leonore lachte spitz. »Superintendent Renke,« meinte sie geringschätzig, »ich glaube nicht, daß auf seinen Veranstaltungen viel Segen ruht, er ist die Reblaus im Weinberg des Herrn.«

Jetzt lachte der Oberst laut und schallend. »Ja, reiße nur deine Augen auf,« rief er mir in das verblüffte, erschrockene Gesicht, – »solche geschmackvolle Vergleiche werden im Jungfernbunde geprägt und in die Missionsstrümpfe gestrickt, – wenn nur die Heiden keine Hühneraugen davon bekommen.«

Nun packte auch Tante Leonore tief erbittert ein, streckte mir frostig ihre Hand zum Abschied hin und nickte ihrem Bruder ungnädig zu. Als er keine Miene machte, sie zu begleiten und auch die Stiftsdame sich ablehnend verhielt, ging sie allein. Tante Rosine sah mich etwas unsicher an. »Rosa, Rosa, ich weiß nicht, was recht ist. Dieser Murpitz hat mich monatelang beschäftigt und nun sagst du, er sei immer ein Proletarier gewesen. Das bedrückt mich. Habe ich denn so wenig Menschenkenntnis? Ich hörte nur immer von seinem großen Reichtum und auch, daß er sich die Hörner abgelaufen und ein netter, solider Mensch geworden sei. Und mir schickte er Blumen ins Stift und benahm sich höflich und angemessen und ich hörte, daß er dich liebte und dir sehr den Hof machte, – ich sah dich wirklich schon als Hausfrau in seiner herrlichen Villa, und es beängstigte mich nur der Name Murpitz und daß seine Großmutter noch für Wiedenburg gewaschen hat und sein Großvater Schlossergeselle war.«

Ich faßte das hilflose Tantchen um.

»Solche Beängstigungen wären mir nun nie gekommen,« meinte ich heiter, »aber du weißt ja, Rosinentantchen, ich bin etwas demokratisch aus der Art geschlagen. Aber nun wollen wir doch den Millionär Murpitz fallen lassen und uns erfreulicheren Dingen zuwenden.«

So endete jener Tag noch ganz friedlich. Onkel Oberst und Tante Rosine sind meine Bundesgenossen, im feindlichen Lager stehen der Amtsgerichtsrat, Tante Klothilde, Tante Leonore und – beinahe ganz Wiedenburg. –

Andern Tags bekam ich einen Brief von Tante Klothilde Berndt.

Liebe Rosa!

Du hast uns gestern nichts über Deine Reisepläne gesagt. Meine Schwester in Dresden ist gern bereit, Dir über die ersten Wochen des peinlichen Vorfalles hinwegzuhelfen. Herr Murpitz kann den ausgedehnten Betrieb seiner Fabrik jetzt nicht verlassen, wie wir annehmen, würde wohl auch nicht Gentleman genug sein, um einzusehen, daß eigentlich er das Feld zu räumen hat. Gib mir oder Lina von Diers-Herweg baldige Antwort, wann Du zu reisen gedenkst.

Deine Tante Klothilde.

Meine Antwort lautete:

»Verehrte Tante, es fällt mir gar nicht ein, zu reisen. Weder Herr Murpitz noch ich haben etwas Böses getan. Er hat sich nur verrechnet, und das kann selbst dem gewiegtesten Kaufmann zustoßen. Ich habe alle Hände voll zu tun und möchte die fröhliche selige Weihnachtszeit nicht in der Fremde verbringen, da es viel Sorge in der Nähe zu lindern gilt. Wiedenburg wird sich schon wieder beruhigen.«

Aber es beruhigte sich nicht so rasch. Drei Kaffees wurden um meinetwillen kurz hintereinander gegeben, drei hitzige Schlachten, bei welchen viele auf dem Felde der Ehre (oder Unehre?) liegen bleiben, darunter ich.

»Murpitz ausschlagen!«

»Worauf wartet sie noch?«

»Die Närrin.« Ich hörte diese Einzelheiten von Lamprecht, dem Aktendiener, Pförtner und Faktotum des Amtsgerichtes. Dies alte Thüringer Original kam in der Dämmerung zu mir: »Gnädches Freilein, machen Se hinn, machen Se fort, ich kann Sie bloß raten, bleiben Se enne Weile wack, Se haben hier in ä Fettdöppchen getreten, un das vergibt Ihnen Wiedenburg nich.«

Ich lachte: »Lamprecht, wenn ich Sie nicht hätte, Sie wachen doch wirklich über mein Wohl.«

»Das dhu ich auch. Se haben die Dummheit nune mal gemacht, – Bungdum, nune leffeln Se de Suppe aus, da hilft Ihnen kei Ferscht von Rudelstadt derbei.«

»Soll er auch nicht, Lamprecht, – aber finden Sie denn wirklich, daß die Dummheit so groß ist, die ich gemacht habe?«

»Riesenstaudenhaft, gnädches Freilein. Er hat rund zwei Millionen un Sie sind kein heuriger Has mehr.«

Ich schwieg etwas geärgert und wollte mich von dem Alten abwenden, aber da traf mich so ein guter, lieber Blick aus seinen Augen, die mich väterlich – treu – bekümmert ansahen. Er hatte mich noch auf den Armen getragen und die ersten Schritte gelehrt, das vergaß ich immer wieder. –

»Nich ibelnehmsch werden,« mahnte er, und seine alte Stimme zitterte dabei, »ich steh so hallwege an Herrn Vaters Stelle, der sagte immer zu mir: ›Lamprecht, Sie habens Herz aufen rechten Flacke, gehm Se mir Ihre Hand‹. Das hat noch niemalen der Herr Onkel von Berndt zu mir gesagt und ich estimier' ihn nich auf Menschenkenntnis. Un der Herr Vater selig hätte etze gesaht: Rosa, überleg dersch dreimal. Die Holstens sin ä vornehmes Geschlecht un Murpitz klingt nicht schön. Aber zu en vornehmes Geschlecht geheert leider Gottes was Klimpriges, – und das hat der Herr Murpitz. Un kein schlechter Kerl is er nich, wenn er auch zu dir paßt, wie die Mistgabel zum goldenen Deelöffelchen. Das hätt' er gesagt, der Herr von Holsten Vater selig.«

»Ich danke Ihnen, Lamprecht, – aber nun ist's einmal geschehen, – und ich hab' mir's dreimal überlegt, glauben Sie es mir.«

»Un is gar nichts mehr reduhr zu machen?« fragte die bekümmerte Stimme eindringlich. »Un haben Sie dran gedacht, daß wenn der Herr Onkel von Berndt stirbt, daß denn die Gerechtsame uffheert und daß denn das kleine Altenteil von die Holstens eingezogen wird? Ja, – hätten der Herr von Berndt en Sohn, – denn wären ebend noch zwei Augen da, aber nichemal das hat die Frau Klothilde vor Sie getan, nich emal den kleinsten Jungen hat se gekriegt.«

»Lassen Sie's gut sein, Lamprecht. Alles habe ich mir überlegt, ich weiß, daß ich heimatlos sein werde, wenn – Onkel Berndt sterben sollte. Aber sein Leiden hat sich eher verbessert als verschlimmert, warum wollen wir an Tod und Verlassenheit denken?«

»Dod und Verlassenheit sind äbend zwei Dinge, die mer nich außer acht lassen soll, ganz besondersch, wenn mer jung und froh ist,« bemerkte der alte Philosoph. »Unglücke kömmt über Nacht.«

Nachts 2 Uhr.

Bim, bam, tuhht. Bim, bam tuhht. Beinahe kann ich's nicht mehr ertragen, diese ununterbrochene Reihenfolge wimmernder, klagender Töne zu hören. Bim, bam, tuhht. Ohrzerreißend, – herzzerreißend. Wiedenburg brennt. Nicht ein Haus, nicht eine Scheune oder ein Stall, nein Wiedenburg. Ein Feuermeer ist über das Städtchen ausgebreitet, und ich sitze beim prasselnden Kaminfeuer mitten in der Nacht und schreibe. Nun kann ich mich zum stillen Abwarten zwingen, zur inneren Ruhe. Wenn es doch hier brennte, in meiner unmittelbaren Nähe, hier, wo die vornehmen Villen einzeln in den weiten Gärten liegen, wo das Feuer niemals solchen Schaden anrichten könnte, wie in dem Stadtteil, da die kleinen Arbeiterhäuser dicht aneinandergereiht stehen, Holzhäuser, die der Fabrikherr Murpitz im Frühjahr abreißen lassen wollte, um feste, steinerne Gefüge aufzuführen. Bim, bam, tuhht, – es ist furchtbar. Feiner, beißender Rauch wird vom Novemberwind durch die Fugen der Fenster in mein Zimmer geführt, und wie ich die Fenster öffne, vermag ich kaum zu atmen. Und der Himmel so blutig rot, ein fernes, wildes Schreien in der Luft. Im Schlosse, im alten Amtsgericht ist alles erleuchtet, jetzt rasseln Spritzen vorüber, sie kommen von Kronshagen, von Henneberg und Dassau, – sie kommen zu spät. – Durch die Tür schiebt sich meine alte Dorette. »Jesus, Fräulein Rose, was für 'ne Nacht!« »Wie kam es, Dorette, und wie sieht es draußen aus?« »Wie es kam? – Die armseligen Baracken waren alle reif. Vielleicht wollt' auch der eine oder andere den Fabrikherrn zwingen. Aber vor dem Frühjahr kann er ja doch nicht bauen. Es wird 'ne Not, sag' ich, Fräulein Rose.«

»Diese Not wird vorübergehen, alte Dorette. Herr Murpitz wird neue bessere Häuser aufführen, und wir alle werden die heutige Feuersbrunst segnen.«

»Gott geb's, Gott geb's, Fräulein Rose. Aber der Herr Murpitz tut viel an seinen Arbeitern und tut ihnen doch nicht genug. Der hat kein leichtes Leben, der geht zwischen Drohen und Murren seinen Lebensweg, – und ich wundre mich kein Augenblickchen, wenn er selbst rabiat wird, und wie'n Löwe brüllt. Der hat's oft gut gemeint und ist immer mißverstanden worden, gestern erst hat er zwei Arbeiter nausgeworfen, die gar so unverschämt wurden, na und heute brennt sein ganzes Gewese – – –«

»Dorette! Brandstiftung? – – «

»Was weiß ich. Gemunkelt wird's überall. Und der Murpitz hat sich ja auch nie ein bißchen in acht genommen. Immer geradezu und durch, wie's seine Überzeugung war, das paßt den Dickköpfen nicht, 's sind ja nicht mehr die Arbeiter, die sein Vater hatte, und er ist auch nich so dimide, wie sein Vater selig, – er is 'n grober Schlagetot.«

Ich mußte ein wenig verwundert lächeln, trotz des Ernstes dieser Nacht. Denn aus Dorettens Worten sprach eine gewisse Hochachtung vor dem Fabrikherrn, von dem ich doch überzeugt war, daß ich das Recht hätte, durchaus auf den »Proletarier« herabzusehen.

»Eben ist der Herr Amtsgerichtsrat wieder ins Schloß zurückgekommen,« berichtete Dorette weiter, »er war gleich hinausgegangen, aber der Herr Doktor hat ihn wieder zurückgeschickt. Zu helfen und zu raten gibt es nichts, das brennt und brennt. Und wo's irgend was zu retten gibt, ist ja der Herr Murpitz da, – der hat ja Kräfte wie'n Goliath und Mut für sechse.«

Wieder diese unumwundene Anerkennung. Beinahe wurde sie mir etwas unbequem. Ich war innerlich so fertig mit dem Wiedenburger Millionär, daß mir das Betonen seiner etwaigen Tugenden mindestens überflüssig erschien. Ich antwortete Dorette nicht auf ihren langen Herzenserguß und wir beide saßen nun stumm nebeneinander und horchten nach draußen und sahen, wie die glühende Röte des nächtlichen Himmels allgemach in ein düsteres Grau überging, hörten die abziehenden Spritzen polternd zurückfahren und das erregte Sprechen vorübereilender Menschen. Dann plötzlich kurze, gellende Schreie, Schreie, wie sie ein Kind in Schmerz, Wut und Eigensinn im höchsten Maße gesteigert hervorstoßen kann. Dieses Schreien und beinahe tobsüchtige Weinen kam immer näher zum Schloß.

Ich öffnete wieder das Fenster, sah einen Trupp laufender Gestalten und emporgehobene Laternen und hörte eine Männerstimme: »So fangt ihn doch, dort hinaus ist der Bengel.«

»Um Gottes willen, Fräulein Rose, Sie werden doch jetzt nicht hinausgehen,« rief Dorette, – rief es mir nach, denn ich war schon hinausgelaufen. Da stand ich vom hellen Lichte meines geöffneten Fensters beleuchtet und mir entgegen lief eine kleine Gestalt, die immer von Zeit zu Zeit diese Schreie ausstieß, die aber nicht mehr gellend, sondern heiser und unartikuliert klangen. Ein Knabe war es, ein Kind von vielleicht sechs, höchstens sieben Jahren.

Jetzt flog er mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, und wühlte seinen Kopf so in meine Kleider ein, daß ich von dem Anprall beinahe das völlige Gleichgewicht verloren hatte.

Noch ehe ich das schreiende Bündel näher betrachten konnte, waren die Männer mit den Laternen schon da, sie rückten kaum ihre Mützen, so erregt waren sie alle, sie gaben mir auch alle keine Erklärung, sondern warteten, bis eine Gestalt aus dem Dunkel des Parkweges hervorkam und dann stand ich August Murpitz gegenüber, der sehr rot und aufgeregt aussah, aber ebenso schnell erblaßte, was ich trotz der mangelhaften Beleuchtung bemerkte.

Er zog etwas ungeschickt den Hut und wollte sprechen, aber dann bückte er sich nur zu dem Knaben nieder, der seinen Kopf immer noch in meine Kleidfalten gedrückt hielt und sagte heiser: »Du kommst jetzt mit mir.«

Ein neuer herzzerreißender Schrei und nun hob das Kind den Kopf und sah mich an mit seinen vom Weinen verschwollenen Augen in einem abgezehrten, schmutzigen Gesicht. »Nein, nein, nein, ich will nicht.«

»Seine Mutter ist heute gestorben,« raunte mir Murpitz zu, die Stimme klang heiser, seine Hände zitterten, Gesicht und Kleidung waren mit Staub und Ruß bedeckt. »Ich will das Kind zu mir nehmen, aber es ist wie von Sinnen.«

»Nein, nein,« schrie der Knabe wieder. Und dann ballte er die Faust gegen den Fabrikherrn. »Mutter ist nicht gestorben, Mutter ist verbrannt.«

Die andern Männer standen schweigend mit gesenkten Köpfen da, Murpitz streckte wieder seine Hand nach dem Kinde aus. »Laß die Dame los, Franz, – sei vernünftig, ich meine es gut. Du kannst nicht auf der Straße schlafen, komm!«

»Wenn der Junge kein Obdach hat, so will ich ihn gern bei mir aufnehmen,« wendete ich mich an Murpitz. Auch ich zitterte vor Kälte und vor Aufregung über die seltsame Lage, in der ich mich befand.

»Das ist kein dummer Gedanke, Fräulein von Holsten, und er sieht Ihnen ähnlich.« August Murpitz lachte etwas verlegen. »Der Junge ist der Franz Dersau, – sein Vater verunglückte vor einem halben Jahre in meiner Fabrik und heute – – –« Die Stimme des Fabrikherrn war nicht recht sicher. »Darf ich morgen das Kind selbst holen? Irgendwo muß es ja untergebracht werden und Verwandte besitzt es nicht.«

Ich nickte ernst. »Kommen Sie nur, und nun gute Nacht.«

Er grüßte wieder, und jetzt nahmen auch die drei Arbeiter die Hüte ab. Ich faßte den Knaben bei der Hand und führte ihn über die Schwelle meines Hauses.

Noch einmal riß er sich los und schüttelte die geballten Fäuste nach der Richtung, wohin Murpitz gegangen war. Dann tappte er scheu vor mir her in mein Wohnzimmerchen hinein und warf sich aufstöhnend auf die Erde.

»Armes Kind,« sagte ich voll tiefen Erbarmens, »ach du armes Kind!«

*

Das war eine schlimme Nacht. Trotzdem wir uns alle erst im Morgengrauen niedergelegt hatten, wollte es nicht Tag werden. Der Knabe, den wir mit in mein Zimmer gebettet hatten, warf sich unruhig herum und ließ mich nicht einschlafen, und als ich morgens in kurzen, schweren Schlaf gefallen war, erwachte ich von einem jähen Schrei. Das Kind saß in seinem Bette hoch und starrte zu mir hinüber, dann war er mit einem Satz aus seiner Liegestatt und lief zu mir über den weichen Teppich. Mit beiden Händen packte er meine Rechte und zum ersten Male hörte ich ihn sprechen.

»Ich hatte so Angst, – ich wäre nicht mehr bei dir.«

»Bist du gern bei mir, Franz?«

»Ich weiß es nicht, Frau. – Aber ich möchte, du sagtest noch einmal zu mir › armes Kind!‹«

*

Volle acht Tage sind seit jener Nacht verflossen und ich bin nicht ein einziges Mal dazugekommen, in mein Buch zu schreiben. Trotzdem die Närrin immer närrischer wird.

Aber ich habe jetzt ernste Pflichten, ernste und ungewohnte. Will sehen, ob ich die Erlebnisse der letzten acht Tage knapp zusammenfassen kann.

Ich saß am Tage nach dem Brande mit Franz Dersau beim Morgenkaffee, er trank ihn appetitlich und benahm sich fast wie ein Kavalier, als mir Murpitz gemeldet wurde.

Dieser Name verscheuchte sofort den Buben, er ließ das ganz leckere Frühstück im Stich, schoß zur Tür hinaus und versteckte sich in die äußerste Ecke des von ihm benutzten Gastzimmers im Giebel oben. Ich ließ ihn einstweilen dort, mochte ich doch in der Unterredung mit Murpitz ungern einen Zeugen haben. Sie war sonderbar genug.

»Guten Morgen, Fräulein von Holsten, ich will den Knaben holen.«

»Der wird schwerlich mit Ihnen gehen, Sie sehen, er ist bereits unsichtbar.«

»Haben Sie es dem Jungen auch schon angetan, – wie allen? Und besonders mir?«

Keine Antwort.

»Kannten Sie denn den Franz? Warum flüchtete er zu Ihnen?«

»Ich weiß es nicht.« »Aber ich weiß es. Sie haben etwas in Ihrer Stimme, in Ihren Augen, das einen nicht los läßt.«

»Herr Murpitz!«

»Sehen Sie mich nicht so an. Ich weiß es, daß ich ein Bär bin, ein plumper Taps, ein Emporkömmling, aber Sie könnten es doch wenigstens versuchen, sich an mich zu gewöhnen. Wenn Sie ja sagen, dann lassen wir den dummen Absagebrief ungeschrieben sein, – wollen Sie?«

Ich schüttelte abweisend den Kopf.

»Nein, Herr Murpitz, ich ahnte nicht, daß Sie diese Sache noch einmal berühren würden, sonst hätte ich Sie nicht angenommen. Ich fühle nichts für Sie und die Selbstverständlichkeit, mit der Sie annahmen, ich würde, weil ich arm bin, gleich mit beiden Händen zugreifen, hat mich bis ins Innerste abgestoßen und verletzt.«

»Das tut mir leid.« Ehrliche Trauer sprach aus seinen Worten. »Und das ist sehr schlimm für mich, – sehr. Sie hätten was aus mir machen können, Sie sind gar nicht arm, Sie sind ein großes Geschenk auch für den Reichsten – es ist wirklich schlimm für mich.«

»Sie werden mich verschmerzen, Herr Murpitz, – ein Mann, wie Sie – – –«

»Ach, reden Sie doch nun keinen Unsinn, Fräulein von Holsten,« unterbrach er mich barsch, »ich habe zwar keine so große Bildung, wie Sie, aber danach fragt doch die Liebe nicht, – – ich, – ich habe Sie eben lieb. Und das vergißt sich nicht so rasch, – – wenn ich's überhaupt jemals vergesse.

Aber da hilft nun weiter gar nichts, – ich wollte Ihnen nur sagen, – es wäre wohl anständig von mir, wenn ich Ihnen meinen Anblick für einige Zeit entzöge, nicht wahr, und etwa auf Reisen ginge? Aber ich kann das nicht, gnädiges Fräulein, die Feuersbrunst hat zu viel zerstört und meine Anwesenheit, meine ganze Arbeitskraft ist jetzt hier notwendig.«

Ich streckte ihm rasch die Hand hin. »Jetzt muß ich sagen, reden Sie keinen Unsinn. Sie haben mich ehrlich gefragt, und ich habe Ihnen ehrlich geantwortet. Das ist doch kein Grund, weshalb wir voreinander davonlaufen müssen. Und wenn ich irgendwie mit persönlichen Opfern Ihnen helfen kann bei dem Unglück, das Ihre Arbeiter betroffen – – –«

Er drückte meine Hand herzlich. »Sie sind noch viel besser, als ich schon glaubte,« rief er mit ehrlicher Bewunderung, »es ist wirklich der größte Jammer, daß – – –«

Er brach plötzlich ab und setzte eine unglückliche Miene auf, darauf wurde er sehr rot. »Und nun wird es wohl Zeit, daß der Junge geholt wird,« rief er hastig und überlaut.

Aber ehe ich noch meine Hand aus der seinen ziehen konnte, hatte sich die Tür geöffnet und Tante Klothilde von Berndt erschien in deren Rahmen. Der Ausdruck ihres Gesichtes bei unserm Anblick spottete jeder Schilderung, – deshalb unterlasse ich sie. Murpitz unterließ aber gleichfalls jegliche Verbeugung, stolperte höchst ungeschickt über die Schwelle und raunte mir nur zu: »Schicken Sie mir den Franz Dersau nach meiner Villa, leben Sie wohl, Fräulein von Holsten.« Und rannte spornstreichs aus dem Bereich meines Hauses.

»Das muß ich sagen!« Tante Klothildens Stimme war in Erstaunen und Hohn getränkt. »Du änderst die wichtigsten Entschlüsse, wie ein anderer seine Handschuhe wechselt. Also doch angenommen? Decken die Millionen den Proletarier zu?«

»Du weißt nicht, was du sprichst,« entgegnete ich ruhiger, als es mir eigentlich ums Herz war. »Aber es ist gut, daß ich's dir sagen kann, und du kannst es Onkel Berndt wiedererzählen, daß es mir von ganzem Herzen leid tut, dies Wort Proletarier über Herrn Murpitz gebraucht und gehört zu haben.«

»Nun – und?«

»Und damit ist die Sache wohl endgültig erledigt, – wir haben uns leidlich als gute Freunde, jedenfalls getreue Nachbarn getrennt – – –«

»Und glaubst du, ich ließe mir so etwas weismachen?« fragte Tante Klothilde mit entrüstetem Tonfall. »Wozu dies Komödiespielen? Weshalb setzt du dann erst gestern den ganzen Ablehnungsapparat in Szene, wenn du nun doch? – – Wie gesagt, ich verstehe dich ganz und gar nicht, finde dich höchst unpassend Hand in Hand allein mit dem Fabrikherrn, dem du angeblich einen endgültigen Abschied gegeben hast – – –«

»Liebe Tante Klothilde, den Ehrgeiz, von meinen nächsten Verwandten verstanden zu werden, habe ich nie besessen. Am besten ist's schon, mich nach meiner Fasson selig werden zu lassen. Komm, ärgere dich nicht, das schadet dir immer, wie du weißt; sage mir lieber, wie es Onkel Berndt geht.«

Tante Klothildens Gesicht sah plötzlich weniger streng, sah müde, traurig und verfallen aus.

»Ach Kind, die Schmerzen sind größer geworden, – er war in unbeschreiblich galliger Stimmung heute. Ich kann dir nicht verhehlen, daß deine Absage an Murpitz ihn einer langgehegten Hoffnung beraubte. Der Gedanke quält ihn, daß mit seinem Tode dein Heimatsrecht in diesem Hause erlischt.«

»Warum quält er sich damit? Heutzutage hat ein Frauenzimmer, das will, tausend Möglichkeiten, sich im Kampfe ums Dasein über Wasser zu halten.«

»Und Murpitz?«

»Laßt ihn ganz und gar aus dem Spiele. Ich verkaufe mich nicht. – Aber ich habe ihn heute besser kennen gelernt und weiß, daß ich sehr vorschnell über ihn geurteilt habe, – das machte mich unfrei und klein ihm gegenüber.«

»Rose, du bist – –« »Eine Närrin, ich weiß wohl. Wolltest du das sagen, Tante Klothilde?«

»Nein. – Im Gegenteil, ich bewundere dich manchmal, wie du dem Leben ins Gesicht siehst. Aber du bist zu spät, oder zu früh für uns übrige Verwandte auf die Welt gekommen, wir haben alle nicht deine Art, und so gibt es ewig diese Reibereien.«

»Zu spät bin ich gekommen, Tante Klothilde, viel zu spät. Unsere Ahnen waren Raubritter, und zu denen hätte ich wundervoll gepaßt.« –

»Ist sie fort?« fragte eine trotzig-klägliche Knabenstimme, als ich Frau von Berndt durch den Park geleitet hatte und in mein Hüttchen zurückkehrte. Franz Dersau kauerte auf der Schwelle, und sein von Tränenspuren kreuz und quer durchzogenes, unglaublich schmutziges Gesicht sah mich flehend an.

»Wie hast du dich zugerichtet?« war meine Gegenfrage, »wie siehst du aus?«

»Ich war im Stall, auf dem Boden, überall,« gestand er. »Der große Murpitz sollte mich nicht finden, ich gehe nicht mit ihm, nein, ich gehe nicht mit ihm.«

Ziemlich ratlos saß ich dann mit dem Jungen im Zimmer, nachdem er sich noch einmal einer gründlichen Reinigung unterzogen hatte. Ein Ausdruck des Jammers lag auf dem Kindergesicht, der mich erschreckte. Und ich dachte zum ersten Male wieder so recht daran, daß ein armes Waislein neben mir saß und schämte mich in den Grund meiner Seele, daß ich mehrere Stunden meinem eigenen Interesse nachgegangen war, ohne an das herzbeklemmende Unglück des Kindes zu denken. –

»Willst du mir alles erzählen, wie es gestern nacht kam?« fragte ich ruhig und herzlich.

»Die Mutter« – begann er, von schwerem Schluchzen unterbrochen – –»immer krank war sie, aber so gut. Der Vater war in der Fabrik in den Siedekessel gefallen, der große Murpitz hatte noch keine richtige Bewehrung drum rum gemacht, da ist der Vater verbrüht. O, der hat Schmerzen gehabt! Und geflucht hat er und ich mußte auch mitfluchen. Mich wundert's doch bloß, daß der große Murpitz immer noch mit Armen und Beinen herumläuft.«

»Und die Mutter?« unterbrach ich ihn.

»Dann ist Vater gestorben,« fuhr er fort, ohne meinen Einwurf zu beachten, »und der große Murpitz war dabei und hat dem Vater in die Hand versprochen, er wollt' die Häuser abreißen und neu bauen lassen. Hat's doch nicht getan. Und gestern wurde es auf einmal so hell und die Mutter sagte: »Hilf mir, mein Junge«, denn sie hatte ja das schlimme Bein immer schon und ihr Herz war auch schlimm krank, seit Vater tot ist. Aber ich konnte sie nicht aus dem Bett heben, ich habe noch keine Muskeln, dann wurde es immer Heller und unser Haus brannte lichterloh und der große Murpitz kam und guckte Mutter an und ließ sie liegen und mich trug er aus dem Hause, ich habe ihn gebissen und gekratzt, aber er ist ja doch so groß und stark. Und grad wollt' auch das Haus neben uns zusammenbrechen, was der fremde Doktor gemietet hat, sie heißen's das ›Hüttchen‹, – da ist der große Murpitz reingelaufen und hat das blinde Mädchen rausgeholt. Aber meine Mutter ist verbrannt.« Der Junge schrie es hinaus. Er zitterte am ganzen Körper und dann brachen wilde Flüche und Verwünschungen aus seinem Munde, wie ich sie nie von einem Erwachsenen, geschweige denn von einem Kinde gehört habe.

Ich war tief erschüttert.

»O du Armes, Armes!« Ich drückte den Knaben an mich und er wurde ruhiger. »Hast du nie zum lieben Gott gebetet?« fragte ich leise.

»Den gibt's ja gar nich,« war die verächtliche Antwort. »Nur der Lehrer spricht von ihm, aber die Mutter sagte, der große Murpitz, das wäre der Herrgott von Wiedenburg und zu dem will ich nicht beten.«

»O du Armes, Armes!«

Weiter fand ich keine Worte. Stumm saß ich mit dem Knaben im Arm, sein Kopf ruhte an meiner Brust und seine Hände umklammerten die meinen. Eine schwere Unruhe war in mir, ich wollte mehr wissen über alle Geschehnisse dieser Nacht, mehr wissen über Franz Dersau und seine Eltern, über die ganze Arbeiterkolonie da draußen und den Fabrikherrn, der so nah in mein Leben getreten war, und der mir durch die Erzählung des Knaben immer unverständlicher wurde. Und wie hatte ich mit geschlossenen Augen dahingelebt! In die weltferne, vornehme Abgeschlossenheit meines buen retiro waren die erschütternden Ereignisse, die sich in der Arbeiterkolonie abspielten, nicht gedrungen und durch meine häufigen Reisen in wunderherrliche Fernen war mir das nahe Elend fremd geblieben. Gelebt wollte ich haben? Vegetiert hatte ich. Meine krasse Selbstsucht stand riesengroß vor mir auf, und »Närrin, Närrin« rief ich mir selbst viel lauter und eindringlicher zu, als es jemals meine Verwandten getan hatten.

Fester drückte ich das unglückliche Kind an mich und strich liebkosend über seinen Blondkopf.

»Du bist so gut, meine Frau,« sagte Franz Dersau und sah, sich aufrichtend, mich ernsthaft an. »Bist du eine Mutter?«

Da sprang ich auf, lief an meinen Schreibtisch und setzte mich zum Schreiben hin. Von zitternder Hand gehalten, flog die Feder über das Papier, aber sie stockte nicht einen Augenblick, es war, als hätte das, was ich nun schrieb, immer in meiner Seele und meinen Gedanken gelebt, und nur gewartet, bis man mir erlaubte, es auszusprechen. Ich siegelte den Brief und adressierte ihn an Herrn Murpitz, dann schickte ich Dorette sogleich damit fort.

Sie sah mich prüfend an und hielt den Brief, als brenne er ihr zwischen den Fingern. Weiß Gott, was die gute, alte Seele vermutete.

Als ich wieder zu Franz Dersau kam, sah mir sein abgehärmtes, altkluges Gesicht mißtrauisch entgegen.

»Du mußt nicht an den großen Murpitz schreiben, meine Frau, – ich gehe doch nicht zu ihm,« sagte er müde und kopfschüttelnd.

Meine lieben Verwandten!

Gestern habe ich einen Sohn bekommen.

Findet Euch mit dieser Tatsache ab, so gut Ihr eben könnt. Da mir der Herrgott den Jungen gleich hübsch groß und ziemlich verständig in die Wiege legte, so befinde ich mich körperlich äußerst wohl und seelisch sogar über-überglücklich. Herr Murpitz ist Vormund und, sozusagen, Pate.

Eure Närrin.

Daraufhin kamen sie.

Onkel Berndt, der Ärmste, beinahe quittengelb vor Ärger, Leber und Galle. Tante Klothilde händeringend. Sie fand meinen Brief » shocking« und verstand mich weniger als je. Sie bewunderte mich auch jetzt gar nicht, – die Stunde, da wir uns naher gekommen waren, schien völlig ausgelöscht in ihrem Gedächtnis. Onkel Oberst von Berndt fragte mich, wieviel Narrheiten ich noch auf Lager hätte, diese letzte hätte er mir, offen gestanden, nicht zugetraut, Tante Leonore aber ließ vor tugendhafter Entrüstung mindestens zehn Maschen am Missionsstrumpf fallen, und mit zitternder Stimme beschwor sie mich, den Stein des Anstoßes wieder zu entfernen. »Was werden die Leute sagen?« wimmerte sie, »schon jetzt hat dein unverantwortlicher Brief willkommenen Anlaß zu allerhand Klatsch im Dienstbotenzimmer gegeben. Ich wage gar nicht dem Herrn Konsistorialrat unter die Augen zu treten, seit meine Nichte, eine Holsten aus dem Hause Holsten-Berndt, von der ich weiß, daß sie als tadellose Jungfrau gelebt hat, mir schrieb: »Ich habe einen Sohn bekommen.«« Ich lachte ihr hell und gerade ins Gesicht und bekam eine ungeahnte Hilfe in Tante Rosine.

»Himmeltausend Wetter,« fluchte diese höchst unchristlich in den Sermon hinein, »ich kann nichts Unrechtes in Roses Handlung erblicken. Im übrigen ist die Jungfrau mit dem Kinde eine unserer schönsten Bibelgestalten, also Hand davon! Ich verstehe Rose. Ein echtes Weib will sorgen und lieben, wir haben leider nicht alle den Schneid, uns unser Schicksal selbst zu schmieden; kommt der Rechte nicht zur rechten Zeit, so vertrotzen und verbittern wir uns zu alten Jungfern; Rose wird nie eine alte Jungfer werden, – auch ohne Mann nicht.«

Tantchen Rosine seufzte tief auf. »Dein Leben hat einen Inhalt bekommen, Nichte Rose, ich beneide dich!«

Onkel Oberst streckte ihr die Hand hin. »Muß sich so'n alter Soldat von einem Frauenzimmer beschämen und überzeugen lassen. Also du hast recht, Rosine, und du meinetwegen auch, Rose. Aber nicht übermütig werden, – noch nicht. Du wirst nicht über Nacht aus dem Arbeiterbengel einen Aristokraten aufziehen.«

»Wer weiß!« entgegnete ich ernst, »Natürlich nicht im landläufigen Sinne des Wortes ›Aristokrat‹, aber vielleicht so, wie – es mein Vater verstand,«

»Eine Proletarierherberge wird das Altenteil der Holstens werden,« warf jetzt Onkel Berndt grämlich-zornig ein, »warte nur, bis die ganze Bande von Verwandtschaft anrückt – – –«

Ich erwiderte etwas heftig, unsere Stimmen hoben sich merklich und auch Tante Klothilde und der Oberst mischten sich für und wider ein, da öffnete sich die Tür, stürmisch flog Franz Dersau herein und umschlang mich.

»Wollen sie dir was tun, meine Frau?« fragte er besorgt und dann maß er mit trotzigen, kampflustigen Blicken meine ganze, liebe Sippe. –

Eine ziemliche Pause trat ein, bis Tante Rosine heftig aufsprang und dem Jungen die Hand hinstreckte: »Guten Tag, mein Kind, ich bin die Tante Rosine von Berndt.«

»Guten Tag, Tante Rosine von Berndt.« Es klang ohne Scheu, aber nicht unehrerbietig. »Ich bin Franz Dersau und dies hier,« ein leuchtender Blick traf mich, »dies hier ist meine Frau, bei der ich jetzt bleiben darf.« Niemand lachte. Sie hatten sich wohl alle meinen Sohn anders vorgestellt, linkischer und gewöhnlicher, – dieser kleine, schlanke Bursche mit dem blonden Lockenschopf, den grauen ernsten Augen und dem frühreifen, nachdenklichen Gesicht entsprach durchaus nicht ihren niedrig gespannten Erwartungen.

Es reichte ihm niemand sonst die Hand, und er gab sie von selbst niemandem. Aber Onkel Oberst bog ihm den Kopf leicht zurück, sah ihm in die Augen und knurrte: »Mach' ihr Freude, deiner Pflegemutter, – sie verdient es.«

Das tat mir wohl. – – – Ich werde doch manchmal Mannestat brauchen, – so werde ich zu Onkel Oberst gehen, nun ich weiß, daß er mein Freund ist.

»Bist du nun meine Pflegemutter?« fragte Franz, als alle gegangen waren.

»Wenn du es willst, ja.«

»Nein, ich will es nicht. Ich will dich pflegen. Was bin ich dann?«

»Mein Pflegekind, mein Pflegesohn.«

»Kann ich auch dein Pflegejunge sein?«

»Das kannst du.«

»So sag' es einmal zu mir.«

»Mein Pflegejunge, mein lieber, lieber Junge!«

Und ich küßte zum erstenmal die grauen, ernsten Augen und den roten Kindermund.

*

Alle Formalitäten sind erledigt, Franz gehört mir. Es ist ein liebes, etwas wunderliches Hausen mit ihm. Er hat wohl niemals früher ganz Kind sein dürfen, ist immer mehr Freund und Berater seiner Mutter gewesen, so jung er auch noch ist. Acht Jahre ist er erst alt, – man merkt es eigentlich nur an seinem Lachen, das glockenhell und herzlich wie bei einem ganz kleinen Kinde klingt, – – wenn er ja einmal lacht. Gewöhnlich ist er ein altes Haupt auf jungen Schultern, betrachtet alles ernsthaft und man sieht, wie er sich innerlich über jedes sein Urteil bildet, über Menschen, Tiere und Sachen. Freilich bildet er sich dies Urteil nach dem Verhältnis, in dem die Dinge zu mir stehen. Er geht in großem Bogen um Onkel Heinrich von Berndt herum und verhält sich ablehnend gegen Tante Klothilde. Er scherzt mit dem Oberst und kann Tante Leonore und ihren Strumpf nicht leiden, er achtet Dorette, mein altes Hausinventar, und liebt Tante Rosine. Dem alten Bureaudiener Lamprecht begegnet er mit einer gewissen Hochachtung. Nur einen haßt er, trotzdem er genug Beweise seines Wohlwollens und Interesses für sich und mich hat, und das ist – Murpitz. Ich habe den Fabrikherrn schon oft wiedergesehen, – mir ist wunderlich dabei zu Sinn. Ich sehe nur Gutes von ihm und bereue namentlich immer mehr, was ich selbst über den »Proletarier« sagte. Aber was mir Franz erzählte, das stimmt nicht mit dem zusammen, was meine Augen sehen; rastloses Arbeiten, nimmermüdes Sorgen für das Wohl seiner Fabrik und seiner Arbeiter. Was Franz mir erzählt, ist häßlich, – häßlich. Wem soll ich glauben, meinen Augen oder dem Kinde? – Wir haben schon zusammen Besuche gemacht, Franz und ich. Überall, wo wir vorbeikommen, grüßen uns die Leute, Arbeiter ziehen ihre Mützen, Frauen nicken uns lächelnd oder teilnehmend zu, Kinder stoßen sich kichernd an und knicksen dann plötzlich ernsthaft. Wir waren auch in Kronshagen bei Pfarrer Renckes. – Der liebe Herr »Zupperdent« und seine gute Frau hatten sich den köstlichen Scherz erlaubt, mir eine »Wochensuppe« zu bringen in Gestalt von einem fetten Gänschen und ein paar Mandeln köstlich frischer Eier. Leider waren Tante Leonore und ihr Missionsstrumpf auch gerade bei mir, und so wurde der harmlose Spaß für eine »unerhörte Unanständigkeit, unwürdig eines Pfarrers« erklärt.

Aber mich macht der Besitz meines lieben Kinde so froh, daß ich leichter über diese Nadelstiche hinwegkomme. Ich muß ja jetzt durch Beispiel wirken und mein Junge soll mich niemals klein, grämlich oder nörgelnd sehen, damit er selbst frei und groß sich entwickelt. Mein Herz ist jetzt ein frisch gepflügtes Land, drin künstlicher Samen treibt und drängt, es hatte so lange, lange Zeit brach gelegen, so wenig Liebe hatte ich gegeben und empfangen. Vielleicht habe ich dadurch Kraft gesammelt, jetzt doppelte und dreifache Liebe auszuteilen, wie sich ja auch in der Natur der Acker von der früheren Bebauung erholen muß, aber ich fühle, es ist mit der Liebe ein ander Ding, – man gibt und gibt und sie ersetzt sich selbst wieder, – unerschöpflich ist ihr Reichtum.

Jetzt ist's vorbei mit Handarbeiten und Lesen und Träumen.

Arbeit gibt es in Hülle und Fülle für mich.

Meine alte Dorette muß ich noch etwas zur Liebe erziehen für meinen Pflegejungen, den sie in völlig unbewußter Komik: »Flegeljunge« nennt. Deshalb zeigt sie sich auch noch sehr zurückhaltend seinen zerrissenen Hosen gegenüber und schilt über die vielen Ausgaben. Etwas neu mußte ich ihn doch einkleiden, seine vorhandenen Sachen waren gar zu arg geflickt, wenn auch sehr sauber instand gehalten.

Von seiner Mutter hat er noch nicht wieder gesprochen. Bei ihrer Bestattung war er nicht dabei, Herr Murpitz wünschte es nicht, weil der Knabe noch zu erregt war und man einen Gewaltstreich fürchtete; Franz selbst aber hatte nicht danach verlangt. Ich führte ihn später an das frische, mit Tannen und Kränzen verhüllte Grab droben am Tannenwald, nicht weit von meiner eigenen Heimat, drin meine Eltern ruhen.

»Hier wohnt nun dein Mütterchen, hier schläft sie, und hat nun keine Schmerzen mehr,« sagte ich zu ihm.

Er schüttelte den Kopf und dann sah er mich hilflos an. Ich glaube, sein kleines Herz faßte es einfach nicht, daß in so engem Raum, wie dieser Hügel ihn andeutete, die ganze große Mutterliebe verborgen sein sollte, die sein Leben bisher getragen, durchleuchtet und durchwärmt hatte. – So mußte ich wieder mit ihm fortgehen, ohne daß das arme, verwaiste Büblein dort Trost gefunden hätte.

Meine Aufgabe, diesem Kinde Liebe zu geben und es zu einem wahrhaft guten, nützlichen Menschen zu erziehen, wird mir erschwert durch einen Umstand, der bei einem weiblichen Erzieher wohl doppelt ins Gewicht fällt, – – Franz Dersau hat noch nie gebetet.

Ich glaube ja wohl, daß viele tüchtige Menschen in der Welt, die ihren Herrgott verloren, oder wissentlich nie besessen haben, über mich lachen würden, wenn sie meine Klage hörten. Aber das Lachen nützt mir nichts. Er kennt den lieben Weg nicht, den ich allabendlich am Herzen und an der Hand meines guten Mütterchens wanderte, den Weg durchs Kinderland, unter leuchtenden Sternen, von denen jeder einzelne auch ein leuchtendes Märchen war.

Jeden Abend falte ich seine kleinen Hände und bete mein altes Kindergebet: »Lieber Gott, mach' mich fromm, daß ich in den Himmel komm.« Aber der kleine Zweifler zerpflückt mir meine Worte und meine Andacht durch seine vielen »Warum«, durch närrische Fragen und wunderliche Auslegungen.

Ich muß ganz umlernen. Mit seinem Lehrer habe ich auch schon gesprochen, aber der hat bei meinem Franzel am verkehrten Ende angefangen, – es ist ein junger Heißsporn, frisch vom Seminar, der Gottes Wort einprügeln will, noch dazu unter Zeugenschaft des Herrn Rektors, – das ist bei meinem Jungen verfehlt.

Franz weigert sich sowohl in der Schule, als auch bei mir, das Gebet nachzusprechen. Was soll ich tun?

»Bist du sehr traurig, meine Frau, wenn ich es nicht sage?«

»Ganz gewiß, Franz.«

»Wirst du die ganze Nacht kein Auge zutun, wenn ich es nicht sage?«

»Das weiß ich natürlich jetzt noch nicht, Franz.«

»Nun dann will ich warten, bis du ganz gewiß einmal die Nacht nicht schläfst.« –

So stehn die Sachen. – Lacht nur, mir nützt es nichts, ich muß umlernen und ich will's.

Heute ist der erste Advent.

In meiner Kinderstube kam an diesem Tage jedes Jahr der Knecht Ruprecht, ich mußte Weihnachtslieder singen, Verschen aufsagen, oder beten und dann warf Knecht Ruprecht die Stube voll Äpfel und Nüsse.

Das war so weihnachtlich – feierlich – fröhlich.

Als ich acht Jahre alt war, raunte mir einmal ein Nachbarsjunge zu, den wir zum ersten Advent eingeladen hatten: »Du, Rose, das ist gar nicht der Knecht Ruprecht, das ist der Diener Lamprecht.« Aber anstatt meine Begeisterung zu ernüchtern, sah ich eben von nun an den alten Lamprecht als etwas besonders Liebes und Feierliches an und belehrte meine Spielgefährtin: »Das ist gar nicht der Lamprecht, das ist eigentlich der Knecht Ruprecht.« –

Und so ließ ich auch heute meinen alten Freund kommen, er stand sehr feierlich in langem weißen Bart und Haar vor meinem Pflegejungen. Aber Knecht Ruprecht mußte sich zu einem Frage- und Antwortspiel bequemen.

»Wie heißt du?« begann Knecht Ruprecht.

»Franz Dersau, und wer bist du?«

»Ich bin der Knecht Ruprecht. Kannst du beten und singen?«

»Beten kann ich schon, aber ich tue es nicht gern, aber Lieder kann ich viel. Ich singe sie aber immer nur für meine Frau. Wer schickt dich denn?«

»Ich komme vom lieben Gott, der schickt mich zu guten Kindern mit vielen Äpfeln und Nüssen und zu bösen Kindern mit der Rute.«

»Ach, mit der Rute will ich nichts haben, das tut meiner Frau weher als mir, aber Lieder will ich dir eine Menge singen, – Paß auf!«

Und Franzel schmetterte los, – so herzfreudig, so glockenrein:

»Nun fangen die Weiden zu blühen an.«

»Is 'en das au ee Weihnachtslied?« polterte Knecht Ruprecht in gänzlicher Außerachtlassung des Himmelsdialektes.

»Nein, Herr Lamprecht, ein Frühlingslied,« lautete die verblüffende Antwort.

Da faßte sich Knecht Ruprecht augenblicklich und sprach im getragensten Hochdeutsch: Du hast brav gesungen, mein Sohn, hier ist der Himmelslohn,« und Äpfel und Nüsse prasselten auf die Dielen.

Franzel jauchzte vor Glück.

»Ich will dir keine Rute geben, weil's dem Fräulein weh tut,« sprach Knecht Ruprecht weiter, »aber daß du nicht beten willst, tut ihr noch viel weher.« Damit schritt er ruhig und bedächtig hinaus.

Franzel sah ihm still nach, dann sammelte er alles auf, mit heißen Wangen und leuchtenden Augen: »O der ist arg gut,« murmelte er vor sich hin.

»Wer denn, mein Junge?«

»Na der, – der ihn geschickt hat, den Herrn Lamprecht.«

Ich sagte nichts weiter, ich zog ihm das warme Mäntelchen an und wanderte mit Franzel hinaus in den wunderbar sonnigen Wintertag. Der Junge hatte sich beide Überziehertaschen voll Nüsse gesteckt und einen roten Riesenapfel außerdem mitgenommen. Ich lachte glücklich dazu, denn abgeben, das ist Franzels Wonne und darin bestärke ich ihn, wie ich nur kann. Sobald uns unterwegs Kinder begegneten, griff der Junge in die Tasche und teilte aus: »Von Herrn Lamprecht!« Es war ein fröhliches Wandern.

Wir kamen auch an einem ziemlich einsamen kleinen Hause vorüber, das, so lange ich denken kann, immer unbewohnt war, seit die Eltern des Fabrikherrn Murpitz drin gestorben waren. Ein verwilderter Garten umgibt das im Sommer von Kletterrosen umrankte Häuschen, die hohen Bäume verdecken es ganz vor der Außenwelt, aber im Winter, da kann man's nach Herzensluft anschauen, wenn man will.

Und Franzel wollte augenscheinlich, denn plötzlich blieb er stehen, fuchtelte aufgeregt mit den Armen umher und rief: »O, die Sigrid! Guck hin, Frau, die Sigrid wohnt auf einmal hier drin.«

Ich sah an die beiden Fenster zu ebener Erde und entdeckte hinter den Scheiben ein zartes Kindergesicht, daneben eine alte Frau in weißer Haube und weißer Schürze. Franzel stieß einen Pfiff aus und da riegelte die Frau das Fenster auf: »Franz, bist du es denn wirklich?«

»Ich komme, ich komme,« rief mein Junge und zog und zerrte mich hinter sich her durch das Holzpförtchen hinein in den fremden Garten.

»Franzel, das geht doch nicht,« wehrte ich, »ich kenne diese Menschen gar nicht.«

»Aber ich.« Franzel war sehr aufgeregt. »Siehst du, meine Frau,« predigte er, während wir durch den Vorgarten schritten, »ich hatte die Leute ja ganz vergessen, weil ich immer nur an Mutter dachte und – an dich, aber jetzt muß ich hin. Es ist ja die Sigrid und ihr Vater ist der Doktor Jürgen Kyldrild, der die großen Hünengräber aufgräbt, komm nur mit, sie freut sich.«

Die alte Frau kam uns entgegen. Sie ist schon sehr alt und scheint etwas Besseres, als nur eine Kinderfrau zu sein. Freundlich knickste sie. »Das ist eine Ehre für Sigrid,« sagte sie schlicht mit etwas fremdem Tonfall in der Sprache. »Ich habe von dem Liebeswerk des Fräulein von Holsten gehört.«

»Guten Tag, Franz Dersau, – grüß' dich Gott!«

Ich war im Zimmer, ehe ich mich's versah und stand einem zarten, blassen Mädchen von zwölf Jahren gegenüber, das in einem Sessel saß und mich mit gespannten Zügen, aber toten Augen anschaute, – Sigrid Kyldrild ist blind.

Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich das Hauptsächlichste. Daß Herr Murpitz den gelehrten Archäologen vor ein paar Wochen hergerufen, um die Hünengräber in Wiedenburgs nächster Nähe fachgemäß zu öffnen, daß diese Hünengräber auf Grund und Boden des Herrn Murpitz liegen und Wichtiges enthalten, daß das Haus, in welchem der Doktor zuerst wohnte, abgebrannt und Sigrid von Herrn Murpitz gerettet sei, und nun hier mit dem Vater und der Pflegerin Unterkunft gefunden habe. Ich wollte natürlich gleich wieder fortgehen, aber die Kinder hielten mich flehentlich zurück und die alte Frau Karen Christy bat herzlich um längeres Bleiben.

»Papa ist verreist, ich bin so einsam,« erklärte Sigrid mit weicher, herzbeweglicher Stimme. So blieb ich in dem fremden Hause und saß auf dem Sofa, darauf manches Jahrzehnt die Murpitzleute gesessen, denn das Haus war mit allem, was drin und dran war, dem fremden Doktor zur Verfügung gestellt, weil dessen gesamtes Hab und Gut verbrannt war.

»Eine furchtbare Nacht war es,« gestand die alte Frau schaudernd und strich über Franzels Haar. »Aber ihm ist alles zum Glück ausgeschlagen.«

»Gott gebe es!« sagte ich leise.

Dann hörten wir auf das Geplauder der Kinder.

»Ja, sie ist furchtbar gut, meine Frau,« berichtete Franzel strahlend seiner kleinen Freundin.

»Ich weiß es, – ich hörte es an ihrer guten Stimme. Sie kann gewiß singen.«

»Ja, sie singt prachtvoll und ich habe viel gelernt.« Wieder sang Franzel sein Frühlingslied.

»Es ist sehr schön,« gab Sigrid zu. »Aber jetzt mußt du Weihnachtslieder lernen, ›Stille Nacht‹, oder ›Es schwebt auf Engelsflügeln‹ oder ›Ihr Kinderlein kommet‹.«

Franz machte ein unglückliches Gesicht. »Ich darf ja nicht,« murmelte er, »ich muß ja erst beten lernen.«

»Du Dummerchen!« lachte Sigrid, »das braucht man doch nicht zu lernen. Man spricht einfach mit dem lieben Gott.«

»Wenn's ihn doch nich gibt!« murrte Franz. Sigrids zartes Gesichtchen wurde traurig. »Spürst du ihn immer noch nicht?« fragte sie. »Er war doch da, als es so schlimm brannte. Du und ich, wir wären doch tot, wenn er damals nicht dagewesen wäre.«

»Wer denn? Der Murpitz?«

»Der liebe Gott.«

»Aber der liebe Gott hat mich nicht rausgetragen, der Murpitz war's.«

»Freilich, aber der hätte es von alleine nicht gekonnt, erst mußte der liebe Gott das auch wollen.«

»Ist denn der stärker? Kann denn der mehr? Noch mehr als Murpitz?«

Hinter jeder Frage nickte Sigrid eifrig und des Knaben Augen hingen an ihren Lippen. Aber plötzlich wurde er blaß. »Und die Mutter,« raunte er, »die Mutter, Sigrid, warum ist sie verbrannt?« Seine Hände umklammerten dringend die Hände der kleinen Freundin.

»Sie ist nicht verbrannt,« entgegnete diese eifrig, »Herr Murpitz hat es meinem Vaterli erzählt und Herr Murpitz lügt nicht. Deine Mutter war immer krank, da ist ihr Herz einfach stehengeblieben, und ganz rasch ist sie gestorben, daß du es gar nicht gemerkt hast. Aber Herr Murpitz hat's gesehen und hat dich nun natürlich zuerst herausgetragen, und dann auch noch mich, der Gute – Liebe, und dann war's zu spät, dann konnte er nicht mehr ins Haus. Aber deiner Mutter hat doch auch nichts mehr weh getan.« Franz atmete tief und schwer. »Weißt du's gewiß? So war's?«

Sie nickte ernsthaft.

»So sag' mir, wie man betet.«

Sigrids Händchen falteten sich über denen des Knaben. »Sprich mir's nach, Franzel: Lieber Gott, ich danke dir, daß ich wieder eine Mutter habe.«

Ein wunderbar strahlender Ausdruck trat auf Franzels Gesicht. »Ja das will ich gern beten,« sagte er, »du meinst doch meine Frau? Lieber Gott, ich danke dir, daß ich wieder eine Mutter habe und schicke für Sigrid auch eine.«

»Nun sag' noch Amen, dann ist's gut.«

»Amen! Weiß der liebe Gott nun Bescheid?«

Sigrid nickte und Franz atmete befreit auf.

»Seltsame Kinder,« raunte mir Frau Christy zu. »Der Herr Doktor hört gar zu gern zu, wenn die zwei beisammen sind. Darf der Franz wieder öfter kommen? Oder darf ich Sigrid manchmal schicken, sie hat niemand sonst zum Spielgefährten.«

Ich nickte eifrig und trat dann zu den Kindern, welche unsere letzten Worte gehört hatten und glückselig über die neue Aussicht waren.

»Darf ich kommen?« fragte Sigrid. »Darf ich dann Ihr schönes, liebes Häuschen sehen und Ihren Flügel?«

Ich küßte sanft und sacht die toten Augen des Kindes. »Alles darfst du sehen, mein süßes Kind, komm bald!«

*

Der gestrige Tag hallt in mir nach. – Er hat mir unendlich viel gegeben. Ich tue heute meine Arbeit unter einem seltsamen Bann. Immer sehe ich die beiden Kinder nebeneinander und höre, wie das blinde Mädchen meinen Knaben das Beten lehrt. In wenigen Minuten, – was mir in vielen Tagen nicht gelang. Ich muß immer an den Spruch denken: »Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.« Franz fertigt neben mir seine Schularbeiten, aber ich merke wohl, wie er mich beobachtet in seiner merkwürdigen Art. Er sieht einfach alles.

»Laß doch alles Kramen, meine Frau,« sagte er vorhin zu mir. »Es wird ja doch nichts Richtiges. Du machst so Augen, wie die Sigrid.«

»Als ob ich blind wäre?« fragte ich verblüfft. »Du magst wohl recht haben, Franz, – ich suchte den gestrigen Tag und kann ihn nicht mehr finden.«

Franz lachte glücklich. »Das kann ich gut verstehen, meine Frau, – wart, ich hole ihn dir.« Da schoß er auch schon zur Tür hinaus und ließ mich verblüfft stehen. Aber das dauerte bei mir nicht lange, ich habe ja genug Arbeit, meine Briefe, meine Handfertigkeiten, mein Reißteufelchen Franz, meinen Flügel und – das Tagebuch einer Närrin. Außerdem bin ich der Ansicht, daß mein Flegeljunge seine närrischen Einfälle austoben muß, sonst wäre er ja kein richtiger Bub, und man soll ihm auch durchaus nicht später die Altjungfernerziehung ansehen. –

Eine gute halbe Stunde saß ich allein, die Dämmerung brach an und ich träumte vor mich hin, wie ich das so gerne tue. Ein Dämmerstündchen in der Adventszeit ist etwas Köstliches, man wird wieder zum Kinde und steht in Erwartung eines lieben Besuches: »Christkindlein kommt!« – Horch, da knirschte schon der Kies in meinem Vorgarten, ein Wagen wurde herangefahren, ich hörte Franzels glückliches Lachen und die sanfte Stimme der alten Frau Christy. Rasch sprang ich auf und half Sigrids Krankenstuhl in mein Zimmer heben und fahren. Frau Christy verabschiedete sich eilends. Der Franzel habe sie überrascht und ihr die Sigrid einfach fortgenommen, sie sei aus seinen närrischen Worten gar nicht klug geworden. Und nun müsse sie heim, zu Hause gehe und stehe alles drunter und drüber.

»Kein Licht,« rief Franzel ungestüm und nahm mir einfach die Streichholzschachtel wieder aus der Hand. »Kein Licht,« bat auch Sigrid und ich fügte mich. O dies liebe Dämmerstündchen mit den beiden Kindern! Wir sangen Weihnachtslieder und der ganze Zauber der Adventszeit breitete sich aus über mein Stübchen und uns drei Waisen.

»Nun muß meine Frau noch von der Jugendzeit singen,« bestimmte Franzel, »da hört die Sigrid, wie schön du singst und wie schön dein Flügel klingt. Du darfst nun auch Licht anstecken,« erlaubte er gnädigst.

Ich tat es und stellte meine trauliche Arbeitslampe mit dem grünen Schirm auf den Tisch, Franz saß neben Sigrids Stuhl, hatte den einen Arm um ihre Schulter gelegt und sich an sie geschmiegt. Ich schritt zum Flügel, öffnete ihn, strich liebkosend über die Tasten, wie ich es immer vorher tue, und dann sang ich: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar, o wie liegt so weit, o wie liegt so weit, was mein einst war.«

Die Kinder rührten sich nicht, ja sie atmeten kaum und ich ließ meine Stimme schwellen und vergaß alles um mich her. Meine Kinderzeit erstand vor meinem geistigen Auge, Väterchen und Muttchen grüßten und nickten lebendig aus ihren goldenen Rahmen an der Wand. Mein Blick umflorte sich: »Keine Schwalbe bringt, keine Schwalbe bringt dir zurück, wonach du weinst, doch die Schwalbe singt, doch die Schwalbe singt im Dorf wie einst.«

Tiefe Stille im Stübchen. Ein leiser, kalter Luftzug ließ mich aufblicken und da stand in der halbgeöffneten Tür ein hochgewachsener Mann, ein Fremder. Seine scharfen Brillengläser funkelten zu mir herüber.

»Ich muß um Verzeihung bitten,« sagte eine tiefe, klangvolle Stimme, »niemand hörte mein Klopfen.«

»Väterchen,« rief Sigrid glücklich und nun wußte ich, daß Doktor Jürgen Kyldrild vor mir stand.

Er kam mit schleppendem Schritt auf mich zu. Er hinkt stark und zieht den linken Fuß hinter sich her, macht aber doch den Eindruck eines starken, großen Mannes. Seine Augen sind hinter einer goldenen Brille verborgen, das leicht ergraute Haar legt sich in denselben starken Wellen um den feinen Kopf, wie bei Sigrid und ein brauner Bart beschattet Mund und Kinn. Wie er sich dann über sein blindes Töchterlein neigte, machte er beinahe einen mütterlichen Eindruck, so weich war seine Stimme, so zärtlich die Ausdrucksweise, so liebevoll-kosend die Umarmung.

»Das glaube ich, – hier mag's dir schon gefallen,« lächelte er und ließ seine Augen über mein Stübchen und dessen feine, altväterische Einrichtung gleiten. –

»Aber was sagen Sie nur zu uns Eindringlingen, gnädiges Fräulein? Das Töchterlein ist ohne weiteres hier abgestiegen und nun macht der Vater es nach.«

»Das ist meine Frau so gewöhnt,« belehrte Franzel, »wir haben hier immer Besuch.«

»Wie geläufig dem Jungen das ›wir‹ von den Lippen geht,« meinte Doktor Kyldrild; »Sie müssen eine große Pädagogin sein, Fräulein von Holsten; – was ist aus dem scheuen, verschlossenen Jungen geworden!«

Der Ausruf kam so herzlich aus dem Munde des ernsten Mannes, daß es mir unendlich wohltat. Ich bat ihn dann, sich noch ein Weilchen zu setzen, mir »nicht die Ruhe mitzunehmen«, wie der Thüringer Volksmund sagt. Und dann kamen wir ins angeregte Plaudern, denn ich forschte mit wahrem Wissensdurst nach seinen Ausgrabungen in den Hünengräbern, für welche ich immer tiefes Interesse hatte.

»Ei, so müssen Sie uns bald besuchen, gnädiges Fräulein,« rief er lebhaft, »ehe ich die Gräberfunde dem Museum in E. schicke. Wo mir wirkliches Interesse und nicht nur frauenhafte Neugier, – verzeihen Sie – entgegentreten, stehe ich gern als Cicerone zur Verfügung.«

»Werden Sie dauernd in Wiedenburg bleiben?« fragte ich.

»Ich weiß es nicht,« entgegnete er, »aber vorläufig habe ich noch Arbeit in Hülle und Fülle. Die ganze Gemarkung liegt voll Dolmen. Es sind megalithische Gräber aus großen Steinblöcken,« erklärte er, »und nur durch einen Gang zu erreichen, Herr Murpitz macht sich gewiß ein Vergnügen daraus, Sie zu solch einem ›Teufelsbett‹, einer ›Riesenstube‹ hinzufahren, – bestimmen Sie uns nur die Zeit.« Lebhaft und unbefangen sprach der Doktor und wir waren so vertraut wie alte Freunde aus dem Hundertsten ins Tausendste gekommen, als meine Dorette wieder neuen Besuch meldete, Onkel Oberst und Tante Leonore. Sie kamen recht ungelegen, das muß ich sagen, und der Doktor wurde ein ganz anderer unter den greulich beobachtenden Augen der strumpfstrickenden Missionsdame. Heftig und ungeschickt verabschiedete er sich von mir, machte meinen Verwandten eine halbe Verbeugung und trieb den Franzel förmlich vor sich her und zur Tür hinaus, während er mit dem schweren Wagen folgte. Ich konnte Franz nur eben noch leise zuraunen: »Hilf dem Herrn Doktor schön und bringe Klein-Sigrid heim,« dann waren sie schon davon und ich kehrte beinahe verlegen zu meinen Leuten zurück.

»Das muß ich sagen,« lächelte Tante Leonore sauersüß. »Man findet dich täglich in neuen Situationen. Das geht ja wie in einem Taubenschlag. Aber ich hatte doch nicht vermutet, diesen Antichristen bei dir zu finden, von dem man weiß, daß er sogar Sonntags seine heidnischen Stätten aufgräbt und nie eine Kirche besucht. Sein blindes Kind ist eine Strafe des Herrn,« eiferte sie.

Ich wurde sehr zornig, diese Menschen zerstören mir immer meine liebsten Stunden, da kann ich nicht ruhig bleiben. –

»Sein blindes Kind hat meinen Knaben das Beten gelehrt,« rief ich, »und ich bitte dich, Tante Leonore, nicht so hart zu urteilen.«

Onkel Oberst fuhr sich verzweiflungsvoll in die Haare. »Menschenkinder, ich kam so friedlich her. Leonore, du kannst ein Lamm reizen. Ich denke, wir hatten beide Sehnsucht nach der einsamen Rose, – war's nicht so? Zum Henker, so krakeel' doch nicht gleich wieder.«

Das half. Onkel Oberst ist wirklich lieb. Seine hallenden Worte schlagen urwüchsig ein, wo es not tut. Ich kann es gut vertragen, wenn ein ehrlicher Mensch grob mit mir verfährt, sobald ich im Unrecht bin, vorausgesetzt, daß der Grobian immer ritterlich bleibt. Das beides läßt sich merkwürdigerweise sehr gut vereinigen. Onkel Oberst ist vom Wirbel bis zur Zehe chevalier sans peur et sans reproche, auch wenn er flucht wie ein Stadtsoldat.

Tante Leonore kann aber nichts vertragen, sie entschwand tief gekränkt und entrüstet und ließ Onkel Oberst mürrisch zurück.

»Es ist merkwürdig, daß du mit all deinem Tun die Tanten, Vettern und Basen immer gegen den Strich kämmst,« brummte er.

»Kämme ich dich auch gegen den Strich?« fragte ich leise und schuldbewußt.

»I wo doch. Mich nicht, aber ich habe auch keine Haare mehr.« Nun lachte er schon wieder und setzte sich gemütlich zu mir hin. »Es ist wohl nur der Neid der besitzlosen Klasse. Alte Schachteln haben es noch nie vertragen können, wenn ein junges, schönes Weib seine Künste spielen ließ,« rief er derb und steckte sich dann behaglich eine gute Zigarre an.

»Welche Künste?« fragte ich erstaunt-abweisend.

»Na, mein Rosenkind, ich meine dich jetzt nicht direkt, – – du kannst nicht dafür, daß die Kienspäne in Brand geraten und verstehst vom Kokettieren so viel, wie ich vom Straminsticken. Aber trotzdem, es ist wahr, daß du alle Nasen lang einen andern am Bändel hast, – na – gesteh mal, war das der Kronprätendent?«

»Onkel Gustav!!!!!«

»So heiße ich. Sei so gut und friß mich nicht, Rosenkind. Und entrüste dich auch nicht unnütz, – ich habe nämlich nur Gutes von diesem Hans Huckebein gehört. Ist Schwede von Geburt, hat aber hier studiert, auch hier gedient. Als Einjähriger rettete er seinem Kompagniechef das Leben, dabei ist er zum Krüppel geworden und sie haben ihm die Rettungsmedaille am Bande gegeben. Die nährt aber nur schlecht ihren Mann, – 's ist ein armer Schlucker, der ›schwedische Hühnergräberonkel‹.«

»Wo hast du denn das alles her, Onkel Gustav?«

»Vom Stammtisch, – er ist das männliche Waschfaß, – Ich weiß auch noch mehr. Nämlich, daß der Doktor durch Feuer und Wasser für Murpitz läuft, ein wortkarger, verschlossener Geselle ist, in seinem einzigen Kinde aufgeht, als Witmann hier lebt und eine Frau sucht, mehr noch eine Mutter für sein Kind.«

»Schön! Schließlich, – was geht es uns an, Onkel Gustav?«

»Na, na, na. Rosenkind sei vorsichtig. Hünengräber sind verdammt interessant und du bist verteufelt hübsch, – – was lachst du dumme Lise?«

»Onkel, ich frage mich, wie du zu der frommen Schwester gekommen bist, – wenn sie deine Ausdrücke hörte – – –«

»Dann würde Tante Leonore vor Entsetzen ums Morgenrot fahren, das weiß ich, – aber du sollst nicht das Thema wechseln, sondern Farbe bekennen, Rosenkind.«

»Gut denn, lieber Onkel Gustav. Ich habe also den Doktor Kyldrild heute zum ersten Male gesehen, finde ihn gut und gescheit aussehend, – im übrigen habe ich noch gar nicht über ihn nachgedacht und es gehört schon Wiedenburger Phantasie dazu, um da etwas herauszuspüren.«

»So! Na gut! Ich wollte auch nur warnen. Ich bin ein alter Praktikus und dachte so: ›Wenn in solch gefährlichem Alter, wie du bist, zwei Bewerber auf einmal anschwirren, so ist bei deinem Idealismus zehn gegen eins zu wetten, daß ein Vermögen von zwei Millionen ausgestochen wird von einem braunen Spitzbart und ein Paar gescheiten Augen‹. Und das wäre die dämlichste Dummheit, die du begehen könntest, Rosenkind. Schönheit vergeht, Schweinsleder besteht, – womit ich ein solides Einkommen meine.«

»Ich würde mich freuen, Onkel, wenn du von der Hummermayonnaise zulangen wolltest, und dein geliebter Chateau Margaux hat auch Zimmertemperatur,« bemerkte ich unvermittelt.

»Schön, ich verstehe schon. – – Das muß ich sagen, Mayonnaisen sind deine Hauptstärke, und ich frage mich nur, wie du bei deinen knappen Zinsen mir immer noch 'ne Hummerfreude machen kannst, – bei Leonore wäre das undenkbar, obschon sie ein sündhaftes Wirtschaftsgeld verbraucht.«

Ich lachte, – hütete mich aber wohl, von Tante Leonorens außerordentlichen Abgaben für Heidenkinder zu sprechen, diese Verwendung des Hausstandsgeldes hätte dem alten Epikuräer am Ende nicht eingeleuchtet.

»Die Beurteilung der Höhe oder Tiefe des Wirtschaftsgeldes entzieht sich dem normalen Mannesgehirn,« wagte ich zu bemerken, kam aber schlecht damit an.

»Oho, ich bin kein Idiot,« rief Onkel Oberst scharf, »aber ich drücke aus reiner Ritterlichkeit gegen meine alte Schwester ein Auge zu, manchmal auch beide Augen. Sie ist ein wunderliches Gebäude, – und denkt, ich merke ihre kleinen Finten nicht. Dabei betrachte ich ihr Wirtschaftsbuch als größte Humoreske meiner gesamten Bücherei. Unter dem Namen: ›frische Gutsbutter‹ bucht sie Strumpfwolle für die Heidenkinder, kleinere Groschenbeträge laufen unter ›Zucker‹ oder ›Senf‹ und als ich neulich ganz harmlos nach einer Versammlung fragte: ›Na, hast du denn auch deinen Senf dazu gegeben?‹ wurde sie puterrot. Ich kann dir sagen, Rosenkind, – im Befolgen des Spruches: ›Der Zweck heiligt die Mittel‹, ist meine Leonorenschwester der reinste Ignaz Loyola.«

Wir saßen dann noch lange beisammen, der Onkel und ich. Der alte Haudegen ist eine wunderbare Mischung von tiefem Ernst und sprudelndem Humor. Das macht, er ist ein Musikante, wenn auch kein ausübender. Musikanten sind alle gleichmäßig voll Humor und Ernst, d. h. die echten. Simili sind manchmal kaum von ihnen zu unterscheiden, aber der Kenner oder Könner findet sie heraus. Onkel Oberst ist echt. Und so saßen wir bis Mitternacht noch und musizierten. Ich saß am Flügel, Onkel Oberst war mit Augen, Ohren und seiner Seele dabei. In der Nacht hatte ich einen närrischen Traum. Von irgendeiner unsichtbaren Macht wurde ich herumgejagt und mußte suchen, suchen, suchen. Wie Ahasver zog ich durch die Weite landauf, landab, flog auch des öfteren, was charakteristisch für meine Träume ist. – Was mußte ich suchen? Eine Frau für Doktor Kyldrild, eine Mutter für sein Kind. Und ich fand sie wirklich, fand sie in einem Schloß mit hohen Mauern und vielen Türmen, kaum konnte ich zu ihr gelangen, so viele Schlösser und Riegel sperrten mir den Weg. Dann wachte ich auf, schweißgebadet, – tränenüberströmt. Ein närrischer Traum –

*

Schon lange habe ich nicht in mein kleines Buch schreiben können. Ich hatte keine Zeit, den Gelüsten einer Närrin nachzugeben, denn ich saß am Krankenbett. Am Krankenbett meines Onkels Heinrich von Berndt, dessen Leben oder Tod buchstäblich entscheidet, ob ich ein eigenes Dach über meinem Kopfe habe, oder ganz heimatlos bin. Tante Klothilde schickte in ihrer Herzensnot zu mir und ich bin dankbar. Die Schmerzen des armen Patienten hatten sich furchtbar gesteigert und die Morphiumeinspritzungen drohten das schwache Herz zum Stillstand zu bringen. Tante Klothilde klammerte sich körperlich und geistig an mich an, sie ist schweren Ereignissen gegenüber wie ein unmündiges Kind, sie sieht ja, wenn ihr der Gatte genommen wird, in eine arme, öde Zukunft. Das Schloß, wenn auch seit vielen Generationen immer von den Holstens oder Berndts bewohnt, ist Dienstwohnung, alles und jedes Recht der Linie an Schloß, Park und Altenteil, das einst vom Könige verbrieft ward, erlischt, wenn sich Onkel Heinrichs Augen schließen. Und sie sind sehr müde, diese Augen, wiewohl das Schlimmste noch einmal vorüber gegangen ist. Ich ging nur zu den Mahlzeiten nach Hause, teils um meinem Kinde Franzel etwas näher sein zu können und sein liebes Gesicht zu sehen, teils um nicht noch öfter mit dem Assessor zusammenzutreffen, den man mit Onkels Vertretung betraut hat. Dessen Augen gefallen mir nicht. Sie schauen so besitzergreifend umher, als zähle der Kranke gar nicht mehr, als mäßen sie bereits die Flächen und Ecken der Zimmer aus, um neue Möbel in das alte Schloß zu stellen, in das über kurz oder lang der Nachfolger ziehen darf. Und ich will es diesem treuen Buche nicht verhehlen, daß die Augen des Herrn Assessors von Thorau auch auf dem lebenden Inventar des Schlosses besitzergreifend haften. Als klügelnder und gewissenhafter Jurist kennt er längst unsere Gerechtsame. –

Mitten in Onkel Heinrichs Fieberstunden hinein, denen immer der bleierne Schlaf folgte, von welchem wir nie wußten, ob er zum Erwachen oder zum ewigen Verstummen hinleitete, – faßte mich einmal Tante Klothildes Hand mit eisernem Griff. Ganz nahe bog sie sich zu mir hinüber und flüsterte: »Das wäre die allerbeste Lösung!«

Meine Verblüffung war so groß, daß sie gleich hinzusetzte:«

»Wenn Herr von Thorau dich begehrte. Alles könnte dann beim alten bleiben, du weißt, daß diese Stelle immer lebenslänglich besetzt wird. – Die Thoraus sind ein altes, gutes Geschlecht.«

»Aber die Holstens verkaufen sich nicht, nicht um Millionen, und auch nicht um ein Schloß, selbst wenn dieses die alte Heimat wäre.« Ich hatte es heftig gesprochen, zorniger, als es sich für ein Krankenzimmer schickte und ich habe nur eine Entschuldigung dafür, daß mich herbe Bitterkeit gepackt hielt und beinahe übermannte. Ich bin doch keine Ware. Ich kann doch arbeiten. Ja, es tut mir ordentlich leid, daß ich nicht arbeiten muß, anhaltend alle Kräfte anspannen, um mir das tägliche Brot zu verdienen, wie es so viele Mitschwestern tun, die doch helle Augen und ein frohes Herz dabei behalten. Ich bin anspruchslos und komme gut durch mit meinen Zinsen, möchte auch niemand eine Stelle fortnehmen, der bedürftiger ist als ich. Aber ohne Entgelt Kranke pflegen, Kinder betreuen, oder wie bei meinem Franzel versuchen, aus armen, verlassenen Waislein tüchtige Menschen zu erziehen, das möchte ich wohl.

Tante Klothilde hatte mich die ganze Zeit mit Bekümmernis angeschaut und wiewohl sie sonst nie eine Gedankenleserin war, seufzte sie doch jetzt: »Was du denkst, ist alles Unsinn, – mit Idealismus verhungert man heutzutage.«

Franzel war glückselig, als ich wieder in meine Klause kam. Ich fand Lamprecht und Dorette bei ihm. »Nehmen Se mirsch nich übel,« empfing mich der alte Diener, »en Kind braucht ebend Liebe um die Weihnachtszeit, viel mehr Liebe als son Amtsgerichtsrat,« setzte er vorwurfsvoll hinzu.

»Onkel Heinrich von Berndt ist sehr krank, Lamprecht,« entgegnete ich, »wir glaubten gestern, er würde sterben.«

»Er soll sich nicht unterstehn,« brauste der Alte auf. – Sein Zorn hatte etwas Rührendes für mich, – er kann es sich eben gar nicht vorstellen, daß die Tochter seines vergötterten alten Herrn von Holsten jemals heimatlos von dieser Schwelle vertrieben werden könnte. Dorette sah mich kläglich an und Franzel hatte beide Fäuste geballt, ich kenne diese Kämpferstellung an ihm zur Genüge, und es war mir durchaus nicht recht, daß Lamprecht das junge Gemüt in all diese Fragen eingeweiht hatte, die meine Zukunft berühren. »Mußt du denn wirklich fort, meine Frau?« fragte Franzel, »ich möchte immer hier bleiben,«

Ich lächelte. »Das kannst du ja, Franzel, aber dann mußt du dich ohne mich behelfen.«

»Wenn ich dir aber ein Haus baue, meine Frau?«

»Das würde zu lange dauern, mein Franzel!«

»Wenn ich aber – – wenn ich – – oh – – wenn ich den Murpitz drum bitte, mir zu helfen?«

»Mein Herzensjunge!!!« Ich schloß den lieben, kleinen Bengel in meine Arme. Die Überwindung von ihm war heldenhaft gewesen. »Nein, nein, Franzel, – lieber warte ich, bis du allein das Haus fertig hast.«

Er strahlte. – »Gelt, es braucht ja kein großes Haus zu sein,« fragte er kindlich lieb, »'s kann doch so'n liebes Hüttchen werden, wie das, wo Doktor Kyldrild drin wohnt?«

Ich nickte ihm zu und dann wechselte ich rasch das Thema. Es widerstrebte mir, so zu sprechen, als sei ich bereits heimatlos, und Onkel Berndt ist doch wieder außer Bett und hilft sich wohl noch einmal mit seiner guten Natur durch den Winter.

Die stillen Abende sind jetzt so köstlich. Franzel und ich kleben und flechten silberne und goldne Ketten an den Weihnachtsbaum. Es wird wohl ein unglaublich buntes Bäumchen werden, aber ich tue meinem Buben den Gefallen, – er soll alles so haben, wie seine Mutter es ihm schmückte, ich trage schon so viel Neues in sein junges Leben, – dies wenigstens, diese köstlichste aller Erinnerungen, den heimatlichen Weihnachtsbaum soll er unwandelbar fest behalten.

Was ist er für ein seltsamer Junge!

Jeden Abend betet er treulich: »Lieber Gott, ich danke dir, daß ich wieder eine Mutter habe und gib der Sigrid auch eine Mutter,«

Aber zu unserm Weihnachtsevangelium schüttelt er den Kopf und die Gestalt des Christkindes will nicht in sein Herz und nicht in seine Sinne. Wieviel Liebes und Gutes ist in ihm zerstört worden!

Manchmal kämpfen wir buchstäblich miteinander.

Ich hatte ihm vorgelesen, hatte ihm, fortgerissen von meinem eigenen innersten Empfinden, vom Heiland aller Menschen erzählt, aber die fragenden, großen, ängstlichen, forschenden Augen des Knaben machten mich ganz traurig und seine Worte noch viel mehr.

»Es ist eine schöne Geschichte,« sagte er leise und ernst, »aber so ein guter Heiland, der hätte doch meine Mutti nicht sterben lassen und hätte den großen Murpitz nicht so böse gemacht, und hätte dir nicht all die Arbeit mit mir gegeben. Und der ließe doch auch den Herrn von Berndt nicht sterben, wo du nachher kein Haus mehr hast. Der könnte doch noch so Wunder tun und dir rasch ein Haus geben. Und das Christkind? Ne – das ist gestern zu dem Rüpel, dem Alois gekommen, der die Katze gequält hat. – Hat ihm Pfefferkuchen gebracht. Ist das gerecht, meine Frau?«

»Die Menschen sind häßlich und schlecht geworden,« rief ich. »Aber das Christkind ist immer gut, Franzel, immer und zu allen Menschen. Nur richtige Wunder, wie einst, tut es nicht mehr, weil wir's nicht verdienen.«

»Aber du doch, meine Frau? Du bist doch sooooo gut, du bist doch wie ein Engel.«

Ganz verklärt sah er mich an und ich kam mir beschämt und klein vor.

»Franzel, – vielleicht bekomme ich ja auch ein Haus, – man kann es ja jetzt noch nicht wissen.«

»So will ich es abwarten,« entgegnete der kleine Zweifler, der eben immer erst alles sehen will, ehe er glaubt.

Aber trotz des ungläubigen kleinen Thomas liegt tiefer Weihnachtszauber auf meinem Häuschen und sitzt bei uns im warmen Stübchen. Die alte Dorette kommt dem Jungen auch innerlich näher. Sie mag aber nicht von seinen religiösen Zweifeln hören, sie wehrt entsetzt ab, wenn er davon anfängt und ruft: »Jung sing, – Jung sing!« Denn wenn er singt, tritt ein lieber, frommer Ausdruck auf sein Gesicht, als ob gerade dies Kind dazu bestimmt sei, der Verkünder des Weihnachtsevangeliums zu sein und seine reine Stimme tönt wunderbar klar und hell wie eine Gralsglocke. Es ist etwas Heiliges um die Musik, sie adelt jeden, der sie wahrhaft liebt. – –

*

Heiligabend! Weihnachtsnacht! Tief verschneit Flur, Feld und Wald, und der Park mit seinen dunkeln Tannen, die mein Haus umrahmen. Ich werde die Erlebnisse des heutigen Tages nicht vergessen in hundert Jahren. Und mein Herz schlägt hart in meiner Brust und ist doch müde.

Der Mond scheint hell in mein Zimmer und läßt mich nicht schlafen. So will ich schreiben im Tagebuche der Närrin. – – –

Franzel lief den ganzen Tag geschäftig umher. Irgend etwas Geheimnisvolles hatte er sich ausgedacht und Lamprecht darin eingeweiht.

Ich putzte den Baum mit den roten und silbernen Ketten, hing Äpfel und Nüsse, Zuckersterne und Lebkuchenherzchen daran, genau wie es Franz mir beschrieben. Aber für mich selbst schmückte ich auch noch eine kleine Edeltanne, die mir am frühen Morgen wie alljährlich der alte Förster Edmund brachte. Er kam von Kronshagen durch Schnee und Eis gewandert, nur weil er weiß, daß ich an der Erinnerung hänge, weil er weiß, daß mein Väterchen mir solch ein Bäumlein hinzustellen pflegte mit Lichtchen bestellt und mit silberner Lametta behangen. Ein wahrhaftes Thüringer Edeltännchen, einfach und schlicht und doch so leuchtend! Vor diesem Baum hielt ich meine erste, stille Weihnachtsandacht, nachdem ich vom Friedhof heimgekehrt war. Im Schlosse hatte ich vorgesprochen und Onkel Heinrich frischer als je vorgefunden. Die ganze Verwandtschaft war beisammen und überreichte mir wertvolle Gaben, die ich mit frohem Herzen annahm und in kleinem Maßstabe, aber liebevoll ausgedacht erwiderte. Ich versprach auch, am späteren Abend noch einmal vorzukommen, wenn »mein Kind« zu Bett sei.

Gerade als ich so still vor dem Baum stand und Zwiesprache mit meinen verstorbenen Eltern und meiner vergangenen Jugend hielt, klopfte es rasch an die Tür. Sie wurde auch gleich darauf geöffnet und Doktor Kyldrild trat ungewöhnlich rasch herein. Sein Gesicht war von Winterluft und eiligem Gange leicht gerötet, aber seine Augen schauten mich ernst, beinahe gramvoll an, wie es mir schien. »Fräulein von Holsten, ich komme als herzlich bittender – und heute ist Heiligabend – – –«

Seine Stimme schwankte.

»Eine ernste, unaufschiebbare Reise ruft mich plötzlich von Sigrid fort. – Mein blindes Kind ist untröstlich darüber – – – aber – wenn ich es Ihnen bringen dürfte, – Sigrid hat Sie ganz ins Herz geschlossen – hier würde sie sich wohl trösten lassen – – verzeihen Sie – ich bin einfach hierhergelaufen, als mir der Gedanke kam. Weisen Sie mich fort? Oder – – –«

Ich reichte ihm wortlos meine Hand, – und, – es klingt gewiß seltsam, – aber ich hatte plötzlich das Gefühl, als sei heute das köstlichste Weihnachtsfest, das ich je erlebt, – alle Glocken des Städtchens fingen mit einemmal an zu läuten, – Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen – – ich stand noch immer stumm, sah wie die Tür sich hinter der hohen Gestalt schloß und hörte die eiligen Schritte sich entfernen.

Dann setzte ich mich an mein Harmonium. »Ehre sei Gott in der Höhe!« Wieder öffnete sich die Tür, – die alte Dorette und Lamprecht schoben sich herein, und Franzel stellte sich sacht an meine Seite. – Unsere kleine Familie war beisammen und sang nacheinander die lieben, alten Weihnachtslieder und das Läuten in der Stadt und in meinem Herzen wollte nicht aufhören. Nach einer weiteren halben Stunde hatte ich auch Sigrid bei mir, die von Frau Christy gebracht wurde, der Herr Doktor war eilig mit dem Abendschnellzug fortgefahren. – – –

Die Freude meines Jungen über die Gaben des Christkindes war nicht laut jubelnd oder stürmisch, ich sehe immer wieder, daß er ein seltsames Menschenkind ist. »Du bist gut,« sagte er leise, »du bist eine Mutter.«

Sigrid hatte ich rasch ein Püppchen hingelegt, – ein altes Dinglein aus meiner Kinderzeit, das ich einst sehr geliebt. »Sunne« hieß es, und ich dachte an das Weihnachtsfest vor 23 Jahren, da mir der kleine Puppenjunge mit Samthöschen und weißseidener Bluse von meinen Eltern in die Arme gelegt worden war. Und Vater hatte damals gerufen: »Welch hübscher Junge!« und ich Dreijähriges geantwortet: »Mein Sunne.« Jetzt war Sunne altmodisch und vom vielen Küssen und Liebhaben abgeblaßt und ziemlich ruppig geworden, aber Sigrids Händchen tasteten über seine Gestalt und sie rief strahlend vor Glück: »Wie ist er schön!«

Als ich umschlungen von Sigrid und Franz auf dem Sofa saß und den Kindern die Weihnachtsgeschichte erzählte – Frau Christy und Dorette hörten aufmerksam zu, – da wurde ein prunkendes Blumengewinde bei mir abgegeben. Beinahe ein ganzer Blumentisch war es, mächtig in Höhe und Breite, und der Geber trat eine Viertelstunde darauf selbst ins Zimmer. Diesmal schoß Franzel nicht zur Tür hinaus, aber er hielt mich so fest auf dem Sofa, daß ich nicht aufstehen konnte, um meinen Gast zu begrüßen. Murpitz reichte mir die Hand, die ich unbefangen nahm, dann gab er sie auch dem Knaben, der aber nicht einschlug.

»Gastfreundschaft gehört nicht zu seinen Tugenden,« bemerkte Murpitz spöttisch. Er holte sich dann einen Stuhl heran und tat so ziemlich, als sei er hier zu Hause. »Man sagte mir, daß die ehrenwerte Frau Christy und Sigrid heute abend Ihre Gäste seien, so konnte ich es wagen, hier ein Stündchen zu verbringen.«

Ich erwiderte nichts. Der Mann ist mir rätselhaft, und er zwang mich auch im Verlaufe unseres Gespräches buchstäblich zum Nachdenken über ihn.

Sein Auge fiel auf sein eigenes Geschenk. »Es paßt nicht hierher,« murmelte er mißmutig, »ich habe keinen Geschmack.« Dabei machte er ein so trauriges Gesicht, daß ich ihm begütigend zunickte, worauf er sofort tölpelhaft beifügte: »Das heißt nur in Blumengeschichten, sonst – den besten!«

Dabei sah er mich bedeutungsvoll an. Ich wurde sofort abweisend, aber das schien er nicht zu merken, und dann erzählte er so beredt und fließend von seinen Plänen für die neuen Arbeiterwohnungen, erzählte von andern Wohlfahrtseinrichtungen, die er auf einem Kongreß für Volkshygiene kennen gelernt, und die großen Summen, die er ohne Protzerei nannte, zogen imponierend an meinen Ohren vorüber. Plötzlich streckte sich ihm Dorettes Hand hin, und die biedere Seele rief lebhaft: »Ach, das ist ja alles gewiß schön und gut, dafür werden Sie auch allenthalben geehrt, aber das Stille von Ihnen, Herr Murpitz, das weiß niemand, – aber ich weiß es. Gott, wenn Sie heute die Freude von Balians Wilhelm hätten sehen können über seine neuen Krücken und die neue Tischlereinrichtung,« – Murpitz winkte vergeblich und unbehaglich ab, denn jetzt wurde seine andere Hand von Frau Christy erfaßt, und Sigrids blasses Händchen legte sich mit darauf. »Viel zu viel war es für mich,« stammelte die alte Frau, »und die Sigrid, die war ja ganz sprachlos vor Glück.«

»Väterchen hätte mir ja nie die Märchen kaufen können,« rief Sigrid, und ihr zartes Gesicht färbte sich mit freudigem Rot, – »nun kann ich wieder selbst lesen, wenn Frau Christy immer die Augen weh tun und ich nicht zu Rosentantchen kann.« Dabei schmiegte sie sich aufs neue an mich an. »Rosentantchen,« wiederholte der große Mann sinnend und sah mich so durchdringend an, daß ich heftig errötete.

»Das Buch ist in erhabener Schrift geschrieben,« berichtete inzwischen Sigrid glückselig weiter, »ich kann es mit den Fingern lesen, wie wir in der Anstalt taten, – o Onkel Murpitz, Väterchen sagt, es sei furchtbar arg teuer und wir müßten dir unser Lebtag dankbar sein.«

Murpitz streichelte sacht ihr Händchen, ich hatte dem ungeschlachten Bären gar nicht so viel Zartheit zugetraut.

»Aber die große Puppe,« fuhr Sigrid lebhaft fort, »o Onkel Murpitz, was hast du dir wohl dabei gedacht? Zum Spielen damit bin ich doch viel zu alt, – aber ich will sie immer ansehen und an dich denken.«

»Zu alt?« fragte Murpitz und schaute auf das Püppchen in ihrem Arm. »Da hast du doch auch so was.«

»Das ist keine gewöhnliche Puppe, das ist Sunne,« entgegnete Sigrid mit größter Zärtlichkeit, »die ist nicht zum Spielen, die ist zum Liebhaben.« – »Sunne? Närrischer Name und ein grauenhaftes altes Ding.«

Sigrid verfärbte sich, und Franz verzog höhnisch den Mund, als wollte er sagen: »Pah, er versteht's nicht besser, der große Kerl.« Seltsam unkindlich sahen die beiden Kinder plötzlich aus.

»Sunne ist ein Jugendfreund von mir,« nahm ich heiter ablenkend das Wort, »ich habe mit ihm gespielt und ihn nun Sigrid geschenkt.«

»Ich bin doch auch etwas wie Jugendfreund von Ihnen,« raunte Murpitz mir zu, »aber ich lasse nicht mit mir spielen und mich auch nicht verschenken –«

Ich sah ihn erschrocken an und stand auf.

»Du hast mir weh getan, Onkel Murpitz, Sunne ist so schön,« sagte Sigrid leise.

Inzwischen hatte es draußen auf dem Flur schon lange geheimnisvoll gerumpelt, jetzt öffnete sich die Tür und ein ganzer Spielwarenladen wurde nach und nach hereingeschoben, ein Riesenschaukelpferd, Kanonen und Soldaten, Armbrust und Eisenbahn, Baukasten, Kegelspiel, – wir mußten hell auflachen, es nahm kein Ende. –

»Da, Franzel, es gehört dir,« sprach Murpitz verlegen.

Franzel saß noch immer im Sofa, seine Augen weideten sich. Solche Pracht war ja unerhört in seinem armen Dasein. Dann wurde er plötzlich blaß und finster und ließ sich ins Sofa zurücksinken. »Sie können alles wieder mitnehmen, Herr Murpitz, ich will nicht.« Kurz, rasch und feindlich kam es von seinen Lippen.

Jetzt stand Murpitz auf, – er tat mir leid. »Sie sehen, Fräulein von Holsten, ich habe kein Glück in der Liebe.« Es sollte scherzhaft klingen, mißlang aber. Dann reichte er mir ruhig die Hand, ging mit einer kurzen Verbeugung gegen die Anwesenden hinaus, und draußen hörten wir ihn den noch wartenden Leuten Befehle geben, die Sachen wieder mitzunehmen. In höchst unbehaglicher Stimmung blieben wir zurück. Frau Christy und Dorette erschrocken und verlegen, Franz blaß bis an die Lippen mit einer tiefen, bösen Falte auf der Stirn, – Sigrid leise vor sich hinweinend und ich selbst sehr traurig.

Es war doch das Fest der Liebe –

Eine Viertelstunde später war ich im Schloß, – weiß kaum, wie ich hinübergeflogen bin. Tante Klothilde schickte nach mir in kopfloser Angst, aber ich kam zu spät, – Onkel Heinrich von Berndt war tot. Vor dem brennenden, leuchtenden Christbaum hatte ihn der Schlag getroffen, und ich stand stumm der herben Majestät des Todes gegenüber. Die Verwandten kamen, die Frauen jammerten und weinten, ich fror bis ins Herz, denn nun wußte ich ja, daß ich heimatlos war. Es war ein Segen für mich, daß Onkel Oberst mich an der ganzen traurigen Arbeit teilnehmen ließ, die so ein Todesfall mit sich bringt.

So kam ich über das Grübeln fort, über den nagenden Schmerz, daß ich das letztemal im alten Wiedenburg das Weihnachtsfest gefeiert hatte. Warum war mir plötzlich der Gedanke so tiefschmerzlich? War es nur das Stellchen droben am Tannenwald, das ich nicht verlassen zu können meinte?

Assessor von Thorau war auch da. Umsichtig stand er Tante Klothilde bei und erledigte alle gerichtlichen Sachen mit Onkel Oberst. Zu mir war er ernst und ritterlich in jeder Weise und bat mich, ihm sein Vertrauen zu schenken.

Als alles erledigt war, ging ich still durch den Part des Schlosses nach meinem verschneiten Hause, Stumm schritt der alte Lamprecht neben mir her. Nur als er mir die Haustür aufgeschlossen hatte, streckte er mir plötzlich die ehrliche Hand hin, und ich sah beim Schein der Laterne, wie helle Tropfen in seinen Augen standen: »Freilein Rose,«– sagte die gute Thüringer Stimme, »seien Sie nur mal ä Linschen gescheit, – – es is de Heimat, – ich hab's gesagt, es is de Heimat.« Dann ging er fort, und die Laterne schaukelte im Winterwind und warf lange, gespenstige Schatten auf den Schnee. –

Drinnen im weihnachtlichen Zimmer kamen mir Dorette und Frau Christy entgegen, letztere nahm sich kaum Zeit, mich zu begrüßen, sie zeigte auf mein breites Sofa, auf welchem Sigrid und Franz eng umschlungen schliefen.

»Wir warteten so lange auf das gnädige Fräulein, und Lamprecht hat ja wohl rein vergessen, daß er mir den schweren Wagen heimschieben muß. Sigrid kann auf Schnee und Eis nicht gehen, das ist unmöglich.«

»Wir tragen Sigrid gemeinsam auf mein Zimmer und betten sie dort auf das Schlafsofa,« schlug ich vor, »Ihr Herr ist ja doch verreist und für Sie selbst wird Dorette mitsorgen, wir können viele liebe Menschen unterbringen, das Häuschen hier hat Harmonikawände.«

Frau Christy war dankbar und froh, nicht wieder in die Winternacht hinaus zu müssen und so trugen wir zuerst sanft den schlafenden Franzel hinauf in sein Bett. Er ließ sich ruhig ausziehen und öffnete kaum einmal die Augen, aber als ich ihn in sein Kissen gleiten ließ und einen Kuß auf seine Stirn drückte, rief er schlaftrunken: »Gute Nacht, Mutter,« um gleich darauf fest zu schlummern. »Gute Nacht, Mutter,« wiederholte plötzlich Sigrid leise, und richtete ihre blinden Augen nach dem Platz, wo ich stand. Ich lief zu ihr hm. Mit beiden Armen umfing ich das süße Kind und zum erstenmal kamen mir linde Tränen, die mir am Lager meines heimgegangenen Verwandten fern geblieben waren.

Als Frau Christy und ich nach dem Bescherungszimmer zurückgingen, – um noch etwas zu räumen und zu ordnen, schloß Dorette Tür und Gartentür, und während sie draußen war, fand ich den Mut zu fragen:

»Kannte Sigrid ihre Mutter noch?«

Frau Christy nickte stumm.

»Wie alt war das arme Kind, als sie starb?«

Ein wehes Aufschluchzen. »Um Gott, Fräulein von Holsten, – sie lebt ja noch, die Mutter. Nur krank ist sie, – unheilbar krank.«

Frau Christy faßte bezeichnend an ihren Kopf und ich dachte an meinen seltsamen Traum, als ich eine Mutter für Sigrid suchen mußte und sie endlich fand hinter hohen Mauern, hinter Schloß und Riegel. – Und zu ihr ist – heute – Herr Doktor Kyldrild gerufen worden?« fragte ich mit einer seltsam klanglosen Stimme.

Die alte Frau nickte. Dann jäh aufschreckend rief sie: »O was muß der arme Herr leiden! Neun Jahre sieht er jetzt das Elend an, – beinahe jeden Winter hat sie irgendeine schwere Krisis zu überstehen und immer hoffte ich, Gott würde sie und uns alle befreien, – aber ihr Körper ist so stark und mächtig, – sie wird uns alle überleben.«

Frau Christy schlug beide Hände vor das Gesicht und ich – – ich löschte still ein letztes Lichtchen am Weihnachtsbaum.

Ich wußte mit einem Male, daß ich wirklich meine Heimat verloren hatte.

*

Was heute für ein Tag ist, ist mir im Augenblick nicht gegenwärtig. Wir leben zwischen Weihnachten und Neujahr, die endlosen Feiertage sind vorüber, ich habe sie in angestrengter Arbeit verbracht, teils im Schlosse, wo ich mit Onkel Oberst rechnen und bedenken mußte, teils bei Tante Klothilde, welche in das Haus von Onkel Oberst übersiedelt, weil sie in Wiedenburg bleiben will. Sie hat natürlich noch Anspruch auf das Gnadenvierteljahr im Schlosse – aber auch dieses mußten wir ablehnen.

Und wieder treffen mich die vorwurfsvollen Blicke meiner Verwandten und niemand ahnt, wie es in mir aussieht.

Vielleicht, wenn Assessor von Thorau etwas gewartet hätte – – ich bin recht müde und mürbe, – vielleicht hätte ich Tante Klothilde das Wohnen im Schlosse ermöglicht, vielleicht hätte ich mir selbst die Heimat erhalten. Aber der Begriff ›Heimat‹ ist für mich ein so heiliger, daß ich ihn gar nicht mit Herrn von Thorau zusammenbringen kann, der mir trotz seiner sympathischen Erscheinung so fremd gegenübersteht.

Heute kam ich in der Nachmittagstunde beim behaglichen Kaminfeuer ordentlich ins Philosophieren. Der hohe schräge Spiegel über dem Kamin zeigte mir meine Gestalt, die im düsteren, schwarzen Trauerkleide und mit dem blassen Gesicht ziemlich gespenstisch im Sessel hockte. Und der Handspiegel hatte mir heute morgen das erste graue Haar gewiesen. – Ich war nie mein eigener Geschmack gewesen; mir gefiel eigentlich kaum etwas an mir selbst. Mein Haar war zu schwer, zu üppig und von ganz unbestimmter Farbe, meine Augen grau und gewöhnlich, die Augenbrauen wunderlich stark, die Nase weder griechisch noch römisch, der Mund nicht allzuklein und nur über meine blitzenden Zähne freute ich mich, lediglich, weil sie gesund waren und mir versprachen, mich bis ans Lebensende zu begleiten. Aber Wiedenburg weist unter vielen hübschen Durchschnittsgesichtern sogar drei Schönheiten auf, die nebenbei gut erzogen und wohlhabend sind. Was also führt gerade die beiden sogenannten »besten« Partien zu mir? Und vor allen Dingen: Weshalb soll ich durchaus einen von ihnen »erhören«?

Pflicht! Pflicht! In allen Tonarten habe ich dies Wort gehört. Man hat mich buchstäblich damit verfolgt.

Mein Väterchen lehrte mich einst einen ganz andern Begriff von Pflicht, daher kommt es wohl, daß ich die Leute um mich herum nicht verstehe. Es scheint, als ob alleinstehende, unbeschützte Frauen mehr Pflichten hatten, als alle übrigen Menschen zusammengenommen, nur an die Pflicht, sich vor allen Dingen die Selbstachtung zu erhalten, denkt niemand.

Assessor von Thorau soll »tief verletzt« über meine Absage gewesen sein.

Dazu hat er keinen Grund.

Aber beinahe alle meine Leute machen wieder seine Angelegenheit zu der ihren, nur mich lassen sie einsam, aber mit ihren guten Ratschlägen und bösen Spitzen beladen, meinen Weg gehen.

Onkel Oberst bildet auch jetzt wieder eine rühmliche Ausnahme.

»Es ist deine ureigene Angelegenheit,« ermutigte er mich gestern wieder, »und du sollst nicht heiraten ohne einen Funken von Liebe, bloß damit der Jammerlappen von Tante Klothilde im Schloß bleiben kann. Der Thorau ist ein Schafskopp mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe. Wenn ich ein Mädchen haben will, dann warte ich, bis sich ihr Herz mir zuwendet, und setze ihr nicht die Pistole auf die Brust am offenen Grabe ihres letzten Verwandten, mit dem sie obendrein die Heimat verliert. Das ist ja Räuberpolitik, pfui Teufel.«

Und Tante Rosine meinte: »Na ich weiß nicht, wo der Schafskopp mit Eichenlaub und Schwertern steht. Rose kann doch nicht ihr Lebtag die Turandot spielen, dann ist sie einfach verrückt. Eine alte Jungfrau ist was sehr Ehrenwertes, das braucht man mir nicht zu sagen, aber doch nur halber Kram. Aber recht hat sie!«

Diese letzte Anerkennung kam so unvermittelt, daß ich lachen mußte. Dann bot sie mir eine Wohnung im Stift bei sich an, – sie hat als Oberin drei Zimmer und kann sich eine Gesellschafterin halten, aber das wies ich weit von mir, Drohne will ich nicht sein.

Den schwerwiegendsten Grund für meine beiden Nein an Thorau und Tante Rosine spare ich mir bis zuletzt auf, – Franzel.

Was soll aus dem Jungen werden, wenn ich ihn jetzt schon verlasse? Er weicht gar nicht von mir in den letzten Tagen, gerade als ob er das Damoklesschwert ahne. Und mein Franzel stempelt mich wieder zu einer Hauptnärrin in den Augen der anderen. Sie finden es – – – oh, es gibt gar keine Bezeichnung für meine Narrheit, des fremden Buben wegen sich alles zu verscherzen. Alles! Und meine goldene Freiheit und meine köstliche Selbstbestimmung bedeutet für sie nichts. Herr von Thorau betrachtet natürlich Franzel als eine Marotte von mir, es war für ihn ausgeschlossen, daß ich diese Marotte mit in sein Haus bringen könnte.

Murpitz dagegen will mich mit dem Jungen haben, das imponiert mir, Franzel aber möchte mich ganz ausschließlich und allein besitzen und nach ihm werde ich mich richten, sonst wäre ich ja keine Närrin. In einem Punkte tue ich den guten Wiedenburgern wenigstens einen Gefallen, nicht aus Schicklichkeitsgründen, sondern der Sparsamkeit halber. Ich ziehe von hier fort nach Kronshagen, wo meine lieben Superintendents neben dem gemütlichen Pfarrhause ein unendlich kleines, billiges Hüttchen gemietet haben, das mir aber völlig genügt. Hier will ich von Januar ab hausen, den Jungen über die Klippen der Umschulung bringen, was mir nicht schwer fallen wird, da er sehr begabt ist, und zum April lege ich mein Pflegemutteramt in die Hände der guten Frau »Zupperdent«, um selbst gründlich die Krankenpflege zu erlernen. Dies soll später mein heiliger Beruf werden.

*

›Tagebuch einer Närrin‹ steht auf dem Titelblatt dieses Schriftstückes und die Närrin wird sich auch nie verleugnen, aber ein Tagebuch ist's nicht. Ich bin des Abends todmüde in meine Kissen gesunken in den letzten drei Wochen, wenn ich ja dazu kam, überhaupt meinen schmerzenden Kopf betten zu können.

»Reichtum einer Närrin« könnte ich die bis jetzt beschriebenen Seiten nennen, wenn ich daran denke, wie furchtbar arm ich geworden bin. Aber ich will meine Armut in Segen wandeln und meine trostlose Verlassenheit in Glück, das ich andern gebe, – den Kranken, den Schwachen, den Siechen und den Genesenden, allen, die meiner bedürfen. Denn ich habe auch wieder in den drei letzten schrecklichen Wochen gesehen, daß mir unser Herrgott ein reiches Pfund gab, damit zu wuchern. So will ich's auch nicht eingraben in die Erde, – in acht Tagen gehe ich als Lernschwester ins rote Kreuz nach Berlin. Wie wird mich die laute, lärmende Großstadt anmuten nach der unbeschreiblichen Stille des alten Wiedenburg. Närrin, Närrin! rufen wieder alle, aber ich weiß, daß ich recht tue. Und nun will mein Stift die grausamen letzten Wochen zeichnen. Die Silvesterglocken hallten über die Erde und auch am Marienturm, unserer großen Kirche, läuteten sie feierlich. Ich war mit meinem Pflegesohn im Nachmittagsgottesdienst gewesen, der mir aber nur in der schönen Liturgie und dem reinen, klaren Gesang des Kirchenchores gefallen hatte. Die Predigt selbst war wieder ein allzulautes Eifern und Schelten und am Silvesterabend sollte doch noch mehr, als sonst, Liebe gesäet werden in die Herzen derer, denen vielleicht ein hartes, liebeleeres Jahr bevorsteht. Auch ich hatte mich nach Wärme gesehnt und war bis ins Herz erkaltet heimgekommen.

Franz war nicht ganz wohl, doch begleitete er mich gern in die nahe Stadtkirche, der tiefe, schneebedeckte Weg in unser liebes Kronshagen war ihm zu beschwerlich. Aber die Stadtkirche war kalt und ungemütlich, Franzel fror und hustete oft in die gleichfalls kalte, ungemütliche Predigt hinein, die mit heftigen, lauten Scheltworten verbrämt war, ohne einen wirklich heiligen Zorn zu verraten.

»Warum schilt der Mann da oben so?« fragte mich Franzel einmal ziemlich laut.

Ich legte den Finger auf den Mund und bedeutete ihm, zu schweigen.

Da beugte sich das Kind noch näher zu mir und sagte nun flüsternd: »Ich bin ja auch nur klein, aber ein Großer könnte doch aufstehen und ihm sagen, daß man in 'ner Kirche nicht so krakeelen darf.«

Dann folgte Franzel mir müde und unlustig nach Hause, wir verzehrten ziemlich schweigsam unser Abendessen, das ich so früh bestellt hatte, um noch mit Franzel und Sigrid um Pfefferminze zu spielen, unser uraltes, geliebtes »Glocke und Hammer«. Aber Sigrid erschien nicht und Franzel schlief ein. So saß ich still am Fenster und schaute mit gefalteten Händen in den dämmernden Abend, dachte und grübelte über das wunderliche alte Jahr nach und träumte mich in das neue hinein. In diesen Träumen störte mich Onkel Oberst, der, mit einer Flasche Silvesterpunsch bewaffnet, bei mir eintrat, hinter ihm kam ein Bäckerjunge mit einer unglaublich großen Tüte Thüringer Kräpfel.

»Meine Schwester ist schon in der Klappe,« bemerkte Onkel Oberst voll Heiterkeit, »sie glaubt ja an Silvesterträume, und deshalb verlängert sie sich den Silvesterschlaf. Rosine muß im Stift feiern, so will es die Satzung, und Klothilde ist gleichfalls für Schlaf. Ergo bleibe ich mit meiner unvernünftigen Zuneigung zum Rosenkind zurück und bin fest entschlossen, mit dir durchzukneipen in ein, will's Gott, froheres neues Jahr hinein.«

Er entließ den Bäckerjungen mit einem Trinkgeld, dessen Höhe den Burschen zu heftigen Luftsprüngen veranlaßte und wandte sich dann ins Zimmer.

»Dein Kronprätendent schläft ja,« bemerkte er erstaunt, »und wo ist das Hünenkind Sigrid?«

Die Antwort gab Frau Christy, welche in atemloser Hast durch den Vorgarten auf mein Häuschen zulief. Ich erkannte sie sofort trotz der Dämmerung und sagte es Onkel, den es aber heftig verstimmte.

»Alte Weiber am Silvesterabend bedeuten dasselbe, als wenn sie einem, vor der Jagd begegnen,« grollte er, »schick' sie bald wieder fort.«

Ja, sie ging bald wieder, aber mich nahm sie mit. – In die eisig kalte Winternacht schritten wir rasch hinaus. Sigrid war am Scharlachfieber erkrankt.

»Heute abend wollte der Herr zurückkommen,« berichtete Frau Christy, »aber er hat es nicht getan und ich konnte nicht mit dem Kind zu Ihnen, weil es Fieber hatte. – Nun fuhr unser alter Herr Doktor gerade vorbei und sagte mir, daß es Scharlach sei, aber das Kind erkennt mich nicht und phantasiert, und der Arzt will bei ihm sitzen und Umschläge machen, bis ich wieder von Ihnen zurück bin.«

Wir verdoppelten unsere Schritte und dann stand ich am Lager des kranken Kindes und hörte aufmerksam den ruhigen Anordnungen des Arztes zu, während Frau Christy ziemlich kopflos vor sich hin weinte.

»Es ist dem Herrn sein Einziges,« wandte sie sich zu mir, als der Arzt gegangen, »ich weiß nicht, was werden soll, wenn der Herrgott grausam ist. Und ich mußte Sie rufen, Fräulein von Holsten, verzeihen Sie mir.«

»Ich bleibe heute bei Ihnen, liebe Frau Christy, und wache mit Ihnen.«

An Onkel Oberst schickte ich raschen Bescheid, wie ich Sigrid gefunden und irgendein Wiedenburger Kind trug mir folgenden Antwortbrief zu: »Rosenkind! Des Menschen Wille ist sein Himmelreich und 'ne geborene Krankenpflegerin geht ihr Lebtag nicht zum Ballett. Ich habe bereits das vierte Glas Schlummerpunsch intus und warte drauf, daß Dein Sohn und Erbe erwacht, um ihn gleichfalls auf Dein Wohl unter Alkohol zu setzen. Aber sein Schlaf ist murmeltierartig. Über mich beunruhige Dich nicht, ich werde als getreuer Eckart Wache sitzen, bis es Dir beliebt aus dem Hünengrab zu steigen. Prosit! Dein alter Ohm Berndt.«

Sein derber Humor wirkte aufrichtend auf mich. Ich weiß, daß Ohm Berndt sorgsam bei meinem Jungen wachen, daß er ihn mütterlich treu in sein Bettchen geleiten wird, nachdem Franzel noch ein Glas Milch getrunken, – die kleinen Scherze mit dem Alkohol sind nur Neckereien des Biederen, der so genau weiß, wie ich den Jungen bewahre.

Es war ein trauriges Wachen bei Sigrid. Das Fieber war hochgestiegen, immer wieder legte ich das Thermometer unter die Achselhöhle und notierte den erhöhten Grad, immer wieder erneuerte ich die Umschläge, und drückte das Kind sanft in die Kissen zurück, das sich fortwährend hochsetzen und aus dem Bett herauspringen wollte. Ich erkannte die sanfte, stille Sigrid gar nicht wieder. – Schon nach der ersten Stunde bat ich Frau Christy, sich im Nebenzimmer auf das Ruhebett zu legen, sie war erschöpft und mutlos und ihr Aufschluchzen schien das kranke Kind zu beunruhigen. Frau Christy folgte meinem Rat auch willig, ihr vergrämtes Gesicht beugte sich dankbaren Blickes über meine Hand und mir war es, als hätte ich zwei Kinder hier zu betreuen, zwei Kranke zu pflegen, – der Anfang meines neuen Berufes. –

So wachte ich in die Silvesternacht hinein. Einmal öffnete ich das Fenster und atmete tief die reine Winterluft und da schlug es zwölf Uhr vom Marienturm; ich faltete die Hände. Wie schreitest du zu mir, du seltsames neues Jahr?

Ich schloß das Fenster, noch drang der langgezogene Pfiff der Lokomotive zu mir, die den letzten Zug ins alte Wiedenburg führte. Still nahm ich meinen Platz am Krankenbett wieder ein.

Der Schnee knirschte unter sich nähernden Schritten, ich hörte die Hauspforte aufschließen, hörte eine Männerstimme sprechen und fragen und Frau Christy klagend antworten. Ein leises, rasches Klopfen an der Tür, – dann trat Doktor Kyldrild ein.

»Ich danke Ihnen,« begann er ruhig. Sein Gesicht erschien mir blaß, seine Augen waren müde und verwacht, sein Haar grauer als sonst. »Menschen wie Ihnen braucht man nicht viel Worte zu geben, das tut wohl.«

Dann sprachen wir leise über Sigrids Krankheit und ich erneuerte wieder die Umschläge und maß die Temperatur. Das Fieber war zurückgegangen und Sigrid atmete ruhig.

»Ich werde Sie jetzt nach Hause bringen, Sie brauchen neue Kräfte für einen neuen Tag.«

Doktor Kyldrild rief Frau Christy herein, deren Glückseligkeit über Sigrids ruhigen Schlaf ganz rührend anzusehen war, und dann schritten wir beide mit einem Laternchen zu meiner Behausung. Die kalte Luft wirkte belebend und erfrischend, aber es blieb still zwischen uns. Vor meiner Gartenpforte verweilte er einen Augenblick.

»Sie werden morgen wiederkommen?« »Ja, Herr Doktor.«

»Ich wußte es. Mein Kind liebt Sie sehr –« »Und ich das Kind auch,« wollte ich erwidern, wollte vieles noch hinzusetzen, aber da hatte er schon tief und ehrerbietig den Hut gezogen und war gegangen. –

Ich bin nicht zu Sigrid gekommen.

Bei mir daheim fand ich den Würgengel Diphtheritis, der hatte meinen Franzel gepackt. Onkel Oberst stand mir wie ein geprüfter Krankenpfleger zur Seite und der Assistenzarzt des alten Doktors kam dreimal täglich zu uns. Und noch jemand kam und ließ sich nicht abweisen, – Murpitz. Man hatte mir schon gesagt, daß Scharlach und Diphtheritis als Epidemie durch Wiedenburg zögen, daß der Fabrikherr Isolierbaracken errichten ließe und sich um alles kümmere, das war mehr als Besorgnis, das war quälende, wilde Angst um das Leben des Knaben. Die unsinnigsten Vorschläge machte Murpitz, – ich sollte mit Franzel in seine Villa ziehen, dort seien größere, luftigere Räume, dort sei Bedienung in Hülle und Fülle und er selbst könne immer den Jungen sehen.

»Mir genügt Dorette,« entgegnete ich ihm ruhig, »Sie wissen ja selbst nicht, was Sie fordern, Herr Murpitz.«

»Sie denken nur an sich und an das verdammte Gerede der Leute,« fuhr er mich barsch an. »Ich – ich will den Knaben jede Minute sehen.«

Ich zuckte die Achseln, aber dann sah ich in sein verstörtes, gramvolles Gesicht, daß auf dem fiebergeweiteten Antlitz des Knaben ruhte mit einem Ausdruck von Angst, den ich nicht verstand an ihm.

O wie häßlich war das alles, was ich erlebte! Warum erzählte man mir so abscheuliche, erniedrigende Dinge! Beruhten sie auf Wahrheit? Waren sie müßiges Geschwätz? Ich wies alles von mir, – ich pflegte den kleinen, guten Franzel Dersau, meinen Pflegejungen, und rang mit der finsteren Macht, die immer näher an sein Bettchen trat. Und neben der heißen Angst, die auch mich ergriff, als ich das tiefernste Gesicht des jungen Arztes sah, lebte in mir ein tiefes Heimweh nach dem kleinen Hause, das ich in der Silvesternacht betreten und wieder verlassen hatte, Heimweh nach – – Sigrid. Sie war in der Besserung und ich konnte nicht zu ihr. Jeden Tag kam eine kurze Mitteilung ihres Vaters, aber immer lag etwas Liebes in dem Brief, eine Christrose, oder ein Veilchen, ein Tannenzweiglein, oder ein Paar Faden leuchtende Lametta.

So trug mir Sigrid lieben Weihnachtszauber in meine Vereinsamung. – – –

Franzel, kleiner Franzel, was tat ich dir? Warum wolltest du nicht bei mir bleiben? Warum stießest du mich zurück in Einsamkeit und Leere? Mein Herz schreit nach Liebe, nach der Betätigung mütterlicher Sorge – – ich stehe allein im Schatten und friere und war doch allzeit ein Sonnenkind. Und wieder kamen gute und böse Zungen und stachen.

»Er hat die Mutter geliebt,« sagten sie, »aber seine Eltern wollten es nicht zugeben. Er sollte durchaus ein feiner Mann werden und die Mutter des Knaben war eine Dienstmagd. Aber die Liebenden wußten sich allüberall zu treffen und der junge Herr Murpitz war fest entschlossen, sie zu heiraten. Da schickten ihn die Eltern auf ein Jahr ins Ausland in die Filiale über dem großen Wasser und als er wiederkam, war seine Hanna Frau Dersau. Und der Arbeiter Dersau, welcher der Hanna auch seit Jahren vergeblich nachgegangen war, hat seinen Brotherrn gehaßt bis aufs Blut, bis in den Tod und darüber hinaus, denn er lehrte dem kleinen Franz das Fluchen und denselben Haß.«

So sagten mir die Leute und ich verbot Herrn Murpitz mein Haus. Ich tat es in ruhigen Worten, denn ich war tief erschüttert und ich sah schärfer und tiefer. Ich sah die Tragik in dem Leben des großen, reichen, beneideten Mannes.

Täglich erschienen Sendungen von Murpitz, mein Haus glich einem Spielwarenladen. Köstliche Erfrischungen, auserlesene Delikatessen kamen für Franzel, die er doch nicht genießen konnte, der arme kleine Junge, und die ich umgehend zurückschickte. Und der Fabrikherr stand wie ein Bettler an meiner Gartenpforte und fragte jeden, der herauskam, nach dem Befinden des Knaben.

An dem Abend, da der Arzt meinen Pflegesohn aufgab, ließ ich Murpitz rufen. Er lief durch den Vorgarten und polterte ungeschickt und laut in mein Zimmer. Alle Politur fiel von ihm ab, er war ein armer Mensch, dem etwas Liebes sterben wollte, – er sah weder mich noch Dorette, noch den Arzt, der still das Haus verließ, er warf sich über den Knaben, als könne er das fliehende Leben aufhalten, und sah den Tod nicht, der mit ihm zur Tür hereingeschritten war.

In der Nacht kamen der junge und der alte Arzt und ein Wagen jagte durch das stille Städtchen und hielt vor meinem Hause. Murpitz hatte einen Spezialarzt aus Jona telegraphisch herangeholt. Der alte Geheimnrat mit dem geistvollen Gesicht operierte sicher, voll bewußter Ruhe, die sich auch uns andern mitteilte, und ich durfte den Ärzten Handreichungen tun, obgleich mir manchmal die Füße treulos den Dienst versagen wollten. Murpitz blieb im Nebenzimmer. Nach einer Stunde rief ihn der Geheimrat herein, der Knabe schlief. Ich ging nun mit den drei Herren in das Stübchen und der Geheimrat wendete sich an mich: »Das ist eine wunderliche Sache, – mein Wiedenburger Kollege hat mir alles erzählt. Nun, das Jungchen ist dort oben wohl besser aufgehoben, als in dieser harten Welt. Es wird sanft einschlafen. Sie sind ein tapferes Kind, Fräulein von Holsten, wir können solche Pflegerinnen brauchen.« Von drüben hörten wir ein Geräusch, es klang wie ein Aufschrei. Die Ärzte verließen das Haus und ich trat ins Krankenzimmer. Murpitz hielt die Hand des Knaben, sein Gesicht war fahl.

Ich drückte dem Franzel die Augen zu, die lieben Kinderaugen, die nun kein Elend mehr sahen.

Noch in derselben Nacht siedelte ich zu Onkel Oberst und Tante Leonore über. Murpitz übernahm alle traurigen Obliegenheiten, dann wurde das Haus desinfiziert und verschlossen.

Gestern sprach ich Murpitz. Ich kannte ihn kaum wieder.

»Vergessen Sie mich nicht,« bat er heiser, – »Sie waren gut zu meinem Kinde – –« Er wendete sich rasch, und nun ist er ins Ausland gereist.

Auch meine Koffer steht gepackt. An Sigrid und ihren Vater habe ich ein Paar kurze Abschiedsworte geschrieben. Ja, das klingt seltsam. Mein Mut reicht nicht dazu, Doktor Kyldrild und sein blindes Kind wiederzusehen, und ich muß stark und mit klaren Augen in meinen Beruf gehen. Der gestrige letzte Abend gehörte meinen Verwandten.

Onkel Oberst schilt und jammert und will mich nicht fortlassen und hat doch liebe Worte tausendfach für mich und nicht nur Worte, sondern auch klingende Münze. Tante Rosine wettert über die neue Zeit und über Murpitz' Reise ins Ausland, sie versteht mich nicht, aber sie hat mich lieb und wünscht mir alles Gute. Nur Tante Leonore ist glatt einverstanden mit meinem Entschlusse, Krankenpflegerin zu werden. Sie hält es für das Beste für eine Jungfrau, in einem frommen Hause sozusagen hinter Schloß und Riegel zu sein. –

Nachtrag.

Silvester! Silvester! Wie klingen sie wunderbar schön, die Glocken der Heimat. Wohin sind meine Pläne, meine Träume, erst nach Jahren in festem Beruf mein altes Wiedenburg wieder aufzusuchen? Ich bin in meinen Zimmern beim guten Onkel Oberst, hier steht die Kiste, die ich vor Jahresfrist so fest verschloß und dies Tagebuch liegt obenauf und lacht mich an, – lacht über die Närrin, die Närrin war, und Närrin ist und ewig Närrin bleiben wird.

Deshalb auch nach dem feierlichen Abschied der närrische Nachtrag. Es war ein reiches Jahr, ein gesegnetes Jahr, ein Lern- und Lehrjahr, das mir in Ewigkeiten nicht verloren ist.

Arbeit und wieder Arbeit die Losung und diese köstliche Arbeit der wahre Sorgenbrecher und der alleinige Sieger über das nagende Heimweh. Der Oberin kluge Augen sahen mich oft scharf an, ich errötete ein paarmal heftig unter ihrem Blick. Denn sie hatte uns Lehrschwestern erzählt, daß gewöhnlich die Schwestern am tätigsten und unermüdlichsten wären, die eine tiefe, schmerzliche Entsagung niederzukämpfen hätten. – –

In der stillen Adventszeit packte mich das Heimweh mit weher Gewalt. Nie in meinem Leben hatte ich das alte Wiedenburg so geliebt wie zu den Stunden, als ich in den Straßen und den Häusern der Großstadt zur Weihnachtszeit herumging.

Am heiligen Abend hielt ich einen Brief von Onkel Oberst in der Hand. Ein Riesenschriftstück war's, – ein liebes:

Rosenkind, ich rufe Dich! Am liebsten wär's mir schon, Du kämst einfach her auf diesen Ruf und ich könnte Dir schön mündlich alles Nähere ausdeutschen. Also Du fehlst mir – und andern ebenso. – Ich brauche wohl nicht zu fragen, ob Du Dich des Hühnergräbermannes entsinnst, – wenngleich Du nie mit einer Silbe nach ihm und seinem Kinde gefragt hast. Sieh mal, das letztere war unrecht von Dir, mein altes Rosenkind. Eben dieses kleinen, blinden Lebewesens halber rufe ich Dich heut. Das Kind lischt aus wie ein Licht – – vor Heimweh nach Dir. Ich habe es nicht für menschenmöglich gehalten von einem so jungen Geschöpf, aber dies ist ja ein ganz besonderes.

Woher ich es weiß? Sein Vater war bei mir. Von Griechenland kam er her, wohin ihn die Regierung geschickt hatte, den berühmten Archäologen Professor Doktor Kyldrild. Denn daß sie ihm den Titel um den Hals gehängt haben, weißt Du auch noch nicht. Klein-Sigrid hatte er mit nach dem fernen Land genommen, aber das Schneeglöckchen verdorrte dort genau so, wie hier. (Du siehst, ich werde noch poetisch, donnerja, – das Kind tut's einem an.) Und auf alle Fragen, die der besorgte Vater dem Kinde vorlegte, immer die eine Antwort: Warum kommt das Rosentantchen nie mehr? Warum liebt mich das Rosentantchen nicht mehr? Nun ist er wieder in Deutschland, das Kind soll auf der Reise buchstäblich aufgelebt sein, aber es muß wohl gedacht haben, alles sei in Wiedenburg noch beim alten. – Als Sigrid Dich hier nicht gefunden und von Dorette gehört hatte, Du wolltest jahrelang fortbleiben, da hat sie sich still in ihren Sessel gedrückt und seitdem, – – –. Rosenkind, heute war der Vater als bei mir, in der höchsten Herzensnot. Er ist der festen Überzeugung, daß durch Dein Kommen, durch Deine Sprache, Dein ganzes Wesen, Deine bloße Anwesenheit sein Kind gesundet. Kannst Du kommen? Denn daß Du kommen willst, wenn Du weißt, jemand leidet um Dich Not, das weiß ich ohnedies. – Professor Kyldrild gefällt mir sehr, – nichts von Überhebung, nichts von akademischem Dünkel, oder daß ihm etwa die plötzliche Berühmtheit zu Kopf gestiegen wäre. Er kam als bittender und doch als aufrechter Mann. Himmel, was hat er doch durchgemacht! Rosenkind komm! Das Herz lacht mir im Leibe, denk' ich an unser Wiedersehn. Und ich meine, auch das Hünengrabwurm rappelt sich zusammen, wenn's in Deine Augen schaut, – ach so – also, wenn's Deine Nähe spürt. Deiner Frau Oberin empfiehl mich, und wenn sie Dir keinen Urlaub gibt, dann soll ein siedendes, – nein, das meine ich nicht, ich wollte sagen, dies hier ist auch 'ne heilige Mission. Gruß und Handschlag

Dein Ohm Berndt.

Heimat! Heimat! O ich hab's gespürt, was das bedeutet. Getrunken habe ich die Heimatluft und mich daran berauscht. Wie ein Kind bin ich durch die Straßen gelaufen und hinauf zum Tannenwäldchen und an mein liebstes Stellchen. »Heimat, Heimat,« jauchzte und sang es in mir, – ich weinte nicht vor den Gräbern meiner Eltern, ich kniete nieder und küßte den heiligen Boden und die grenzenlose Freude, »daheim« zu sein, sprengte beinahe mein Herz. Dann schritt ich still zu Franzels Grab und hier erst übermannte mich ein tiefes Weh. Ich hatte es ja noch nie gesehen, das Fleckchen, darunter mein kleiner, guter Pflegesohn schlief – – –

Und dann daheim bei Onkel Oberst. Er und Tante Rosine, die sich sofort einfand, sowie meine alte Dorette, die der Gütige ganz in sein Haus genommen hat – sie rissen mich ja beinahe in Stücke vor lauter Wiedersehensfreude.

Jeder wußte etwas Neues zu erzählen und Dorette nahm mich noch besonders heimlich beiseite ... »Der Herr Murpitz, Fräulein Rose, – – der ist auch wieder da und ein arg ernster Mann ist er jetzt, aber gut und wohltätig. Seine wunderschöne Villa ist Spital geworden und Wohnung für den Fabrikarzt und der Herr selber wohnt im Altenteil vom Schloß.«

»In meinem alten Hause?« Dorette nickte eifrig. »Herr Murpitz hat ja alles gekauft, Park und Haus, es wurde ja losgelöst von der alten Gerechtsame – – gleich legte der Fabrikherr Beschlag darauf.«

»Davon hat Onkel nie etwas geschrieben.«

»Das wollte er auch nicht, um Fräulein Rose nicht zu verstören, denn es war ja mit der Hand zu greifen, weshalb der Herr Murpitz das kaufte und wem das alte, liebe Häuschen einstens wieder gehören sollte. – Ach, Fräulein Rose! Und so erkundigt hat sich Herr Murpitz nach Ihnen, – so warm und so gut. Und kein Mädchen sieht er an, – – Fräulein Rose, er denkt nur – –« Dorette stockte, als sie mein ernstes, abweisendes Gesicht sah, dann setzte sie hastig hinzu: »›Und morgen will er Ihnen seine Aufwartung machen‹, hat er gesagt.«

»So'n altes Weib muß natürlich gleich mit der Tür ins Haus fallen, Rosenkind,« schalt Onkel Oberst. »Na ich will's gestehen, wir haben diese Frage und die Person des Fabrikherrn des öfteren besprochen, da mag es bis zur Küche durchgesickert sein, Dorette nimmt überdies eine Ausnahmestellung ein. Du wirst den Mann sehr zu seinem Vorteil verändert finden, liebe Nichte – –« (Onkel Oberst wurde plötzlich sehr förmlich und daran merkte ich, daß er nur ein Dolmetsch für die Gefühle der drei Tanten war) »und – und – sein ungeheures Vermögen, seine soziale Stellung – – seine rührende Anhänglichkeit an dich– – –« Er stockte. Mein ernst auf ihn gerichteter Blick schien ihm unbehaglich zu sein.

Nun trat Tante Rosine in den Vordergrund. Liebevoll nahm sie meine Hand. »Nur überlegen sollst du noch einmal, Rose, überlegen. Er ist ein guter, treuer Mensch, – richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet – – –«

»Ohm Berndt,« rief ich laut, »ich möchte jetzt meine Mission erfüllen, deshalb riefst du mich.« Ich wendete mein erblaßtes Gesicht ihm zu und er reichte mir die Hand.

Dann schritt ich, ohne mich umzuwenden, fort, die Treppe hinab und in die Dämmerung hinaus. Immer schneller lief ich, bis ich vor der Pforte stand, die zu meiner kleinen, treuen, blinden Freundin führte.

Da stockte jäh mein Fuß, denn aus dem Hause trat Doktor Kyldrild. – Ahnungslos wollte er an mir vorübergehen, plötzlich stutzte er und dann – – Ich erkannte den verschlossenen Mann kaum wieder.

»Sie sind da – wirklich und lebendig vor mir – ich kann es nicht glauben,« brach es von seinen Lippen in mühsam unterdrücktem Jubel. Er nahm meine beiden Hände in die seinen und drückte sie stark. Dann zog er ohne weiteres meinen Arm durch den seinen. – »Wir können jetzt nicht hinein, – Sigrid schlummert eben ein wenig und das tut ihr bitter not. Ich wollte die Zeit zu einem Spaziergang durch meinen Garten benutzen. »Herrgott, es ist wahr, wahr, – Sie sind bei uns!« »Ich bin gern gekommen, so gern!«

War ich es, die da sprach? Kaum kannte ich meine eigene Stimme. Ich wich dem liebevoll forschenden Blicke des Mannes aus, – ich meinte, er müsse mit seinen klugen Augen sehen, wie es um mich stand und das – – das sollte er nie, nie erfahren.

»Wir wollen umhergehen,« sagte ich leise, und wieder nahm er meinen Arm. Dann erzählte er. Erzählte mir alles aus seinem Leben, von seiner traurigen Jugend, von seinem ersten Glück mit seiner gleichalterigen Jugendliebe, von Sigrids Geburt und Blindsein, von dem unheilbaren Leiden seiner Gattin, zwölf lange Jahre hindurch und – – von ihrem Sterben. Ja, von ihrem Sterben. – Ich mußte mich plötzlich auf einer der Steinbänke niederlassen, die am Wege standen, meine Füße trugen mich nicht mehr.

»Wann starb sie?« fragte ich heiser.

»Als ich vor Jahresfrist an Sigrids Krankenlager trat, kam ich von ihrem Begräbnis,« entgegnete er düster. »Und dann gingen Sie fort nach Berlin, es kamen furchtbare Stunden für mein Kind – und für mich.«

»Furchtbare Stunden,« wiederholte ich tonlos.

Dann sprang ich mit hastigem Entschlüsse auf.

»Lassen Sie mich zu Sigrid gehen,« rief ich, »jede Minute ist kostbar. Vielleicht ist sie wach und – o – das Kind hat sich nach mir gesehnt – –«

Doktor Kyldrild sah mich an, forschend, fragend und seine Lippen bewegten sich, als wollten sie Worte formen, – ich aber lief ins Haus. –

In der Diele standen Frau Christy und der alte Lamprecht.

»Jesus, unser Fräulein!« rief der Alte in hellem Jubel und Frau Christy wurde ganz blaß vor innerer Erregung. Aber ihre Augen leuchteten hell, »O nun wird alles gut, alles, – das ist mir, als ob das Christkind einen guten Engel schickte – o Fräulein Rose, liebes Fräulein Rose!«

»Hab' ich's nicht gesagt? Hab' ich's nicht gesagt?« frohlockte Lamprecht, – »sie ist die leibhaftige Tochter von meinem alten Herrn, Gott hab' ihn selig. Gelle, das is se? M'r ham uns ja rein zu Tode gesehnt, Freileinchen.«

Er wischte sich die Augen – – mein Herz tat sich weit auf für den alten biederen Mann. Heimat! Heimatklang!

Dann öffnete ich langsam und sacht die Tür, die altbekannte, die von der Diele ins Wohnzimmer führte. Da lag mein blinder Liebling und schlummerte, wie es schien und niemand war bei ihm. Ich trat an Sigrids Ruhesessel und da sah ich, daß die blinden Augen weit geöffnet waren.

»Bist du da, Frau Christy?« fragte das müde Stimmchen.

Kein Wort vermochte ich hervorzubringen und da sah ich, wie die seinen Nasenflügel sich bewegten, als witterten sie etwas Neues, tief bog ich meinen Kopf zu dem Kinde herunter, daß die Fingerchen mein Gesicht betasten konnten.

»Rosentantchen!«

Ich vergesse nicht den Ruf, nein, ich vergesse ihn nie, – nie. – – Meine Tränen rannen unaufhaltsam, rannen auf das seidige Lockengewirr des Kindes und dieses lag an meinem Herzen, au meiner Brust – – glücklich, blaß, lächelnd, wunschlos.

»Du bleibst bei mir?« fragte die sanfte Stimme wieder.

»Ja, Sigrid.«

»Immer? Rosentantchen sag' – immer?« Wieder nickte ich, ohne zu wissen, was ich tat, nur um diese feierliche Glücksstunde des geliebten Kindes nicht zu stören.

»Hast du mich lieb, Rosentantchen?« »Ja, mein Liebling. Sehr, sehr lieb!« »Hast du auch mein Väterchen lieb, Rosentantchen?« »Ja.« Halb erstickt klang meine Stimme.

Da trat er schon herein, ebenso sacht als ich vorher, aber sein Kind hörte ihn sofort. Mit ein paar Schritten war er bei uns. Sigrids Köpfchen hob sich nicht von meiner Brust, aber ihr Lächeln wurde noch leuchtender.

»Sie ist da, – Väterchen – sie ist da – und sie bleibt immer hier, ich habe sie gefragt. Und sie bleibt bei mir und sie hat mich lieb und dich auch, Väterchen, – sehr lieb, sie hat es mir gesagt – –«

Der Plaudermund verstummte und nun richtete sich doch ihr Köpfchen etwas auf. Es hatte wie ein Aufschluchzen geklungen neben uns.

»Väterchen – weinst du? Ich bin doch jetzt gesund – – –«

Langsam stand ich auf, das Zimmer schien seltsam zu schwanken, aber da umfingen mich zwei starke Arme und ich sah tief hinein, in die liebsten Augen auf Gottes weiter Welt. – – Er küßte mich –

»Warum seid ihr so still?« fragte Sigrid ängstlich.

Mit starkem Arm hob Jürgen Kyldrild sein Töchterchen aus dem Stuhl und setzte es auf das breite Sofa.

»Bist du noch da. Rosentantchen?«

Da saß ich auch schon an Sigrids Seite.

»Nicht Rosentantchen,« bat die bewegte Stimme des geliebten Mannes, »sag' Rosenmütterchen! Frage sie, Sigrid, ob sie es sein will.«

Ich umfing sie beide.

»Wenn ihr sie wollt – – die Närrin – –«

*

Ende.

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