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Bilder aus den Niederlanden. Zweiter Band: Briefe aus den Niederlanden

Louis Lax: Bilder aus den Niederlanden. Zweiter Band: Briefe aus den Niederlanden - Kapitel 8
Quellenangabe
authorLouis Lax
titleBilder aus den Niederlanden. Zweiter Band: Briefe aus den Niederlanden
publisherVerlag von J. A. Mayer
year1838
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
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VII.
Nymwegen

 

Es war ein schöner, frischer Herbstmorgen, als wir das Dampfschiff an der Kölner Brücke bestiegen. Der Nebel lag noch wie ein leichter, durchsichtiger Flor auf dem Wasser und röthete sich in den Strahlen der gegen ihn andringenden Sonne. Es war noch ziemlich still. Auf den Packhöfen, die sich längs dem Rheine hinstrecken, der dem alten Köln jetzt ein jugendliches Leben einströmt, war noch nichts geschäftig. Die Glocke, die vom Schiffe herläutete, klang laut durch die Luft, wurde aber auf gar trübe Weise durch das Kettengerassel der Sträflinge unterbrochen, die in ihrer scheckigen Kleidung, von Soldaten begleitet, an das jenseitige Ufer getrieben wurden, dort zu arbeiten. Ich kann mich nie mit dieser Ansicht versöhnen, die den Verbrecher täglich dem Volke zum Schauspiel dienen läßt und ihn in sich selbst verhärtet und abstumpft gegen jede Schaam. Es ist nicht möglich, daß auf die Länge, so den Blicken der Welt Preis gegeben, irgend ein Gefühl eigenen Schande sich erhalten kann, und mit der Schaam vor dem Verbrechen und der Strafe hört auch die sittliche Reue auf, und der Weg zur Besinnung ist abgeschnitten. Jede Strafe hat nur zum Zweck, der Gesellschaft Genüge zu thun und die Missethäter zum Guten zurückzuführen. Der Gesellschaft wird aber genügt, wenn der Schlechte unschädlich gemacht wird; und Ein gebesserter Bösewicht ist von wohlthätigerem Beispiel, als der Anblick so vieler Züchtlinge. Die Ketten klirrten so hart durch die helle Luft; vielleicht machte einer dieser Unglücklichen zum erstenmal diesen Weg, und er sah nach langer Entbehrung zum erstenmal den prachtvollen Strom wieder, der gewaltig und frei unter seinen Füßen sich fortwälzte, und das Leben und Treiben am Ufer, und den blauen Himmel und die warme Sonne und dabei selbst mit Eisen festgeschmiedet, in höhnisch bunter Jacke – welch niederschmetterndes Gefühl! – Wenn nur nicht Ein Tag den Eindruck des andern verwischte, ein Schlag abhärtete gegen den andern. Nur die Einsamkeit macht mürbe und dringt den Mensch seinem Gewissen gegenüber, daß er ringen muß mit dem Teufel in seiner eigenen Natur, bis eins von Beiden unterliegt, der Leib oder das Böse.

Es läutete wieder. Immer mehr Menschen drängten sich auf das Schiff. Koffer und Kisten wurden übereinander geschichtet, der Rauch fuhr zischend und brausend aus der eisernen Röhre; auf der anderen Seite der Brücke läutete es ebenfalls, und hüben und drüben wendete ein Schiff vom Ufer ab, das Eine zur lustigen Fahrt den Rhein hinauf zwischen Burgen und Reben, Dörfern und Städten; dem Schmuck des lieben Deutschlands zu, das andere hinunter den breiten Strom zwischen den Ufern, deren sich der alte Vater Rhein schämt, daß er sie selbst lieber verläugnet und incognito seinen Weg fortsetzt ins gewaltige Meer. Unser Fahrzeug hieß zur »Stadt Nymwegen«, ein mäßig großes Gebäude, das an Eleganz den Oberrheinischen nachstand und mit seinen sechszig Pferden Kraft und der schweren Fracht, die es geladen, sich nur langsam mit dem Strome fortbewegte. Dampfschiffe sind die schönste Erfindung der neuern Zeit und bei weitem den Eisenbahnen vorzuziehen. Mehr als irgend ein Transportmittel erhalten sie dem Reisenden seine Freiheit. Unbeengt und ungezwungen wandert eine kleine Karavane durcheinander, an keinen Platz gebunden, geht und wählt sich ihre Gesellschaft und kommt immer vorwärts. Es gibt nichts Anmuthigeres bei freundlichem Wetter. Wandernd mit freundlichen Bekannten hatten wir Düsseldorf in Sicht, dem wir nur einen kurzen Blick schenkten, und schon war es wieder entschwunden, die Stadt sammt allem Hohen und Guten, das sie umschließt, die, eine kleine Residenz, doch Alles in sich birgt, was eine Fürstliche Stadt wahrhaft zur solchen macht, einen Kranz der herrlichsten Künstler, umwunden mit poetischen Blüthen. Immer nackter und flacher wird die Gegend. Der Rhein dehnt sich immer mehr breit und bequem, als ob er sich vor niemand mehr zu fürchten brauchte, vor keinem kühnen Ritter, vor keinem stolzen Fürst und Abte. Er hat sein enges Festkleid abgeworfen und ist nun in langem, weitem Schlafrocke, der alte Herr kann die Augen zumachen, denn jetzt ist nichts mehr zu sehen. Kaum daß sich das Ufer über seine Füße erhebt, aber er siehet nicht weg darüber, denn es lohnt ihm nicht der Mühe, sich dort umzuschauen, so platt und eintönig ist Alles – grüne Flächen, einzelnes Busch- und Strauchwerk, eine Thurmspitze, eine Windmühle und es ist fertig. Dort liegt Duisburg, mit seinen Werften und seinen Tabaksfabriken. Aber du bekömmst nichts davon zu sehen, nicht einmal von Wesel und dem Grabe der tapfern Jünglinge, die einer eisernen Tyrannei zum Opfer fielen, dem letzten Bollwerk des Deutschen Rheines. Kaum hat man Zeit, mit Muße zu speisen und man ist schon zu Emmerich, der äußersten Gränze Preußens. Lebe wohl, Vaterland!

Es hat mich oft mit den rohsten Karakteren versöhnt, daß sie, wenn auch sonst das Gefühl unter einer faustdicken Schale begraben schien, doch sich beklommen fühlten, wenn der Fluß endlich aus dem Vaterlande hinaustrat und es nun wohl auf lange geschieden seyn sollte von den süßen Tönen, die wir an der Mutterbrust gelernt. Ich habe Menschen, die nur ein Herz für Wolle und kurze Waaren zu haben schienen, tief und froh aufathmen sehen, als sie nach langer Trennung wieder zurückkehrten in die Heimath, wenn auch weder Freund noch Familie ihrer warteten. Es muß also doch wohl etwas Besonderes seyn um das Gefühl des Vaterlandes, das sich nicht wegräsonnieren läßt, außer von gemachtem, berechnetem Egoismus, von gebrannten blasirten Herzen. Die Luft, die wir in der Heimath athmen, die Töne, die wir hören, die Gesichter, die wir sehen, alle die tausend Erinnerungen an tausend scheinbare Kleinigkeiten lassen unsichtbare Häckchen in unserer Brust zurück, die wir anfangs nicht fühlen, aber die, so wie die erste Zerstreuung nachläßt, an unserm Fleische zerren und reißen mit ihren unsäglichen Schmerzen, die wir nicht los und ledig werden, als bis der Magnet des Vaterlandes die Spitzen herausholt und wir gesunden. – In Lowith nahm uns die erste Holländische Stadt auf. Wir mußten anlegen, um unsere Sachen von den Zollbeamten visitiren zu lassen. Sie waren sehr artig und begnügten sich, fast nur die Frachtgüter zu untersuchen. Indeß brauchten sie doch mehr als eine Stunde dazu und wir hatten Zeit, uns das Oertchen zu betrachten, das aus wenigen Häusern besteht. Aber es ist schon alles sauber, rein gewaschen, die Mädchen sind hübscher, frischer, als zwischen Düsseldorf und Mainz. Wer Holländisch sprach, suchte mit einigen derselben im Wirthshause bei einem »Glasje Klaren« leichte Bekanntschaft zu schließen; ein junger Chorist, der zur Amsterdamer Oper wallfahrte, ging mit seiner Choristin, die er sich als Frau mitgenommen, aus Angst, er würde dort keine wirkliche, gleichgestimmte Seele finden, in einer Allee sich des täglichen Seufzerbedarfs zu entledigen. Ich setzte mich auf eine Bank mit ein Paar Rheinländern und einem alten, gemüthlichen Schwaben. Eben fuhr ein großes Dampfschiff von der Herkules, den die Holländische Regierung nebst noch einigen gemiethet hat, um die Schiffe den Rhein hinauf schleppen zu lassen. In Rotterdam wird noch ein eisernes gebaut, das 400 Pferde Kraft haben soll. Der Herkules hatte drei schwer beladene Kähne am Tau, die mit ausgebreiteten Segeln im Bediententroß hinter ihm her in unsicherem Laufe kamen.

»Das fällt auch zusammen,« sagte der Rheinländer, »wenn die Eisenbahnen fertig sind.«

»Wenn nur nicht noch mehr zusammenfällt,« antwortete Schwabe in seinem breiten, weichen Dialekte, der das Gewöhnlichste spaßhaft erscheinen läßt. »Ich bin a alter Kerl, aber Ihr werdet's erleben. Mit den Eisenbahnen ist's gar mit dem Handel und jeder kauft sich selber, was er braucht.«

»Es gleicht sich Alles aus in der Welt,« meinte der vom Rheine; »wo neue Wege entstehen, kommen auch neue Bedürfnisse und neue Konsumenten.«

»Wir haben schon so z'viel,« erwiederte der Andere. »Der Luxus ist schon genug gestiegen und drückt auf die Aermeren, daß sie nicht mehr bestehen können und auswandern müssen von Hof und Heerd.«

»Und dann die Freude, von einem Punkte der Welt zum andern fliegen zu können.«

»Das wird Anfangs a Pläsir seyn, aber keins mehr bleiben. Die Eisenbahnen sind einmal da und was ist, da läßt sich nichts gegen anfangen. Man muß abwarten, was für Folgen daraus kommen werden und wer's kann, sein Geld zu Rathe halten. Geschäfte im Großen wird man, wie es jetzt scheint, nicht mehr machen, denn wer kann noch viel kaufen und lange auflagern, wenn der Kleinere jeden Augenblick sich seinen Bedarf selber im Hafen holen kann. Aber mit dem Pläsir! Jetzt reisen Sie nach Paris, nach London und Sie sehen Paris und London, und haben Ihre Freud' daran, denn Sie finden ein Französisch Paris und ein Englisch London. Glauben's dann, es wird in zwanzig Jahren noch das Nämliche seyn? Wenn alle Welt in einem Tage hinreisen kann, wird auch alles hinlaufen und weil so viele zusammen kommen, so werden sie auch ihr Stuttgart, ihr Berlin und ihr Wien mitbringen und mit Ausnahme von ein Paar Häusern und Palästen, und der Seine und der Themse werden sie überall ihr Berlin und ihr Wien wiederfinden, denn das ächte Leben, das Volksleben, das am meisten Spaß gemacht, das ist aus. Es ist überall egal und ohne Karakter und die Pariser Fiaker werden Deutsche Hauterer und die Berliner Droschken werden schneller fahren und die Wiener werden nicht mehr die guten, lieben Narren seyn und nur die Engländer werden noch gröber werden, weil sie auf den Straßen nicht mehr werden schnell genug laufen können vor fremden Gaffern. Lassen's mich aus –«

Der Schwabe war im Zuge; zum Glück schellte es und wir mußten wieder aufs Boot. Es war kühl und dunkel geworden und alles eilte in die Kajüte, wo es sich jeder bequem zu machen suchte, bis wir in der Ferne die Lichter von Nymwegen schimmern sahen. Abends sein Gepäck auf einem schwerbeladenen Dampfschiffe zusammen zu suchen, gehört zu den unangenehmsten Geschäften der Welt. Nach vieler Mühe war es jetzt gelungen, zu dem Seinigen zu kommen, nicht ohne im Dunkeln manchen Stoß bekommen zu haben und von dem Geschiebe und dem Tumulte halb betäubt zu seyn. Die ganze Gesellschaft stieg endlich an's Land und wanderte in's Hotel zu Mynheer Holtermann, an dem nichts Interessantes war, als daß er in Gestalt und Gesicht sprechende Aehnlichkeit mit Spohr hatte!


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