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Bilder aus den Niederlanden. Zweiter Band: Briefe aus den Niederlanden

Louis Lax: Bilder aus den Niederlanden. Zweiter Band: Briefe aus den Niederlanden - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLouis Lax
titleBilder aus den Niederlanden. Zweiter Band: Briefe aus den Niederlanden
publisherVerlag von J. A. Mayer
year1838
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
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V.
Gent

 

Am andern Morgen bei Zeiten waren wir schon auf der Station der Eisenbahn, wo noch mehr Leben, als gewöhnlich herrschte. Es waren so viele Menschen da, um nach Mecheln zu kommen, daß man an der Kasse Queue machen mußte. Die Bahn von Mecheln nach Löwen sollte heute eröffnet werden, und auch ich wollte Zeuge der Festlichkeiten seyn, die dabei Statt finden sollten. Nur mit Mühe erhielt ich einen Platz, und als ich in Mecheln ankam, fand ich schon alles, so früh es auch noch war, in der geräuschvollsten Lebendigkeit. Mehrere Convois waren mit unzähligen Decken, Fahnen und Guirlanden ausgeschmückt und warteten auf die Behörden der ganzen Umgegend, auf Minister, Generalität und was weiß ich, um sie nach Löwen zu bringen, wo der neuen Kommunikation die Weihe gegeben werden soll. Mich führt mein Weg eine andere Richtung, nach Termonde und Wetteren; doch hatte ich auch die Ehre, einen bewimpelten Wagen zu erhalten, da mein Convoi erst noch die Autoritäten jener beiden Orte abholen sollte. Wir fanden sie auch schon dort harrend vor, in gehöriger Galla und sich einstweilen mit einem Glase Faro die Zeit vertreibend. Von Wetteren fuhren wir mit der Diligence weiter, konnten aber dabei sehen, daß fast die ganze Bahn schon bis Gent ziemlich fertig ist und wirklich versprochener Maßen noch in diesem Monate dem Gebrauche überlassen werden kann. Wird die Bahn bis Lüttich ebenfalls beendet, so kann man allerdings eine schöne Strecke auf schnelle Weise zurücklegen und die Belgische Regierung hat ihr Wort gut gelöst. Woran es noch sehr mangelt, ist Ordnung, die, wie in die Post, hier im Allgemeinen schwer irgendwo hineinzubringen zu seyn scheint. In ein Paar Stunden waren wir in Gent.

Es geht dieser Stadt wie den Leuten, die in der Jugend bei Fleisch gewesen sind und in ihrem Alter noch mit den breiten, schlotternden Kleidern herumkriechen müssen, »die Hosen um eine Welt zu weit.« Es wird einem nicht behaglich dabei. Die Römer sind auch zusammengeschrumpft, aber sie wissen sich mit ihren Trümmern und ihrem Elend zu drappiren, und aus dem künstlichen Faltenwurf sieht noch das alte, welterobernde Auge heraus, daß man der Mattigkeit und Thatlosigkeit darunter vergißt. Flandern, das lustige, reiche Flandern, mit seinen kecken, lebensfrischen Männern, mit seinen feinen Frauen, der Sitz des Welthandels und der Ueppigkeit, ist jetzt zur Wüste der Langeweile geworden und das ewige Glockenspiel läutet noch immer den alten Glanz zu Grabe. Die Frauen sind noch schön gestaltet, aber es fehlt ihnen das leichte, muntere Blut, und selbst ihre bleichen, zarten Gesichter sprechen von verlornem Glück. Bei alledem sah ich doch gern den alten St. Bavon wieder, mit seinem mächtigen Innern, das so reich an Skulpturen und Bildern ist. Erlassen Sie es mir, das alte Kunstgeschwätz über den wunderherrlichen Van Eyk aufzuwärmen, der allein die Reise hieher belohnt und alle andern Denkwürdigkeiten Gents aufwiegt. Ein andermal mehr davon, wie von so vielen andern Sachen, die ich jetzt nur berühre. Ich bin in diesen Tagen von Gemälden so müde gemacht worden, daß mir der Sinn fast dafür abgestumpft ist. Niemand sieht lieber ein schönes Bild, als ich, und keine großartige Schöpfung kann mich ungerecht oder abgespannt gegen ein weniger Gutes machen. Aber der Genuß muß nur nicht zu schnell folgen. Man muß das Eine verdaut haben, ehe das Andere aufgetragen wird. Wenn jener Engländer eines Abends in Rom tief aufseufzend ausrief: »Gottlob, wieder drei Kirchen und ein Museum abgemacht!« so finde ich das jetzt gar nicht mehr lächerlich. Man glaubt eine Sünde zu begehen, wenn man unterwegs nicht Alles sieht, und muß man dabei schnell reisen, so begreift sich's, wie der Genuß jetzt zur Arbeit wird, die nicht immer erquicklich ist. Ich sehe mir in den ersten acht Tagen kein Bild mehr an und lebe bloß der Erinnerung an das Gesehene.

Bei meinen Streifereien durch die Stadt kam ich vor das Arresthaus, das man mir als interessant schilderte und das es wirklich ist. Denken Sie sich ein ungeheures, von einer Mauer und einem Graben umgebenes Oktogon, in dem die Sträflinge zweier Provinzen vereinigt sind. Das Gebäude besteht aus acht Theilen, die sämmtlich nach einem großen Hofe auslaufen und deren jeder einer bestimmten Klasse von Verbrechern zugetheilt ist. Der Eine nimmt die zu lebenswieriger Zwangsarbeit Verurtheilten auf, deren jetzt nicht weniger als 248 hier versammelt sind. Da es gerade Sonntag und schönes Wetter war, so befanden sich alle auf dem Hofe, wo sie spielten und sich ergingen. Ihre Kleidung war einförmig und einfach, aber trug nicht die widerwärtigen Abzeichen, womit man diese Klasse bei uns brandmarkt, um jedes Gefühl in ihnen zu ersticken. Man bereitete eben ihr Essen. Es schien reinlich und gut zu seyn; Schüsseln und Geräthe waren ungemein sauber, eben so wie ihre Zellen, wo jeder allein auf einem guten Strohsack mit mehreren wollenen Decken schläft. Es schien in jeder Hinsicht auf das Zweckmäßigste für sie gesorgt zu seyn, und der Aufseher bemerkte, daß er nur selten Ursache habe, Strafen anzuwenden. Die härteste besteht in gänzlicher Absperrung, aber in diesem Augenblicke war nur ein Einziger zu dieser gezwungenen Einsamkeit verurtheilt. Auffallend war das starke Verhältniß der Mörder unter dieser Klasse, so wie daß die beiden Flandern in Belgien die mehrsten Verbrecher dieser Art liefern.

Ein anderer Rayon des Hauses war für die blos zu Zuchthausstrafe Verurtheilten, noch einer nur für die in Anklagestand Versetzten und für die Schulden halber Sitzenden bestimmt. Kurz für jede Abtheilung von Vergehen war ein besonderer Raum angewiesen. Und nicht blos das. Diese einzelnen Abtheilungen zerfielen wieder in besondere Quartiere, für Männer, Frauen und Kinder, eine Rücksicht, die in allen Staaten mehr nachgeahmt werden sollte, da nichts mehr zur Bestärkung im Laster beiträgt, als das Beisammenseyn, wäre es auch nur wenige Tage, von Bösewichtern mit Menschen, die vielleicht nur ein leidenschaftlicher Augenblick vor Gericht geführt hat. Wie manches Gemüth ist dadurch schon unwiederbringlich verdorben worden! Wie mancher böse Keim ist zur schauderhaften Saat angereift, der leicht hätte erstickt werden können!

Dieselbe Ordnung und Reinlichkeit zeichnet das gewöhnliche Verhaftsgebäude aus, das hier, wie fast überall in Belgien und am Rheine, seinen eigenthümlichen Namen hat. Man nennt es hier den Mamelken, wahrscheinlich weil über dem Thore die Römische Scene ausgehauen ist, wo eine Tochter ihrem hungernden Vater im Gefängnisse die Brust ( mamelle) reicht.

Großes Wesen machen die Genter auch von ihrem Tollhause, an dem sie den Narren gefressen zu haben scheinen. Es steht jedoch bei weitem z. B. dem Spitale in Würzburg nach. Ein Mann, der mich dort empfing, schien selbst zu den Patienten, wenigstens früher, gehört zu haben und seine Gesellschaft war nichts weniger als erquicklich. Seine halb Französischen, halb Flandrischen Redensarten hatten keinen Ueberfluß an gesundem Menschenverstand. Mit den Irren schien er auf gutem, freundlichem Fuße zu leben. Uebrigens waren die meisten Bewohner mehr stumpfsinnig, als von eigentlichem Wahnsinn befallen. Nur ein ehemaliger Offizier schleuderte drohende Blitze aus seinen funkelnden Augen. Ein Pfeil, erzählte er, war ihm durch den Arm in das Gehirn gedrungen und die Splitter inkommodirten ihn zu Zeiten. Jetzt gehe es ihm aber besser, meinte er. Ein Anderer, der im Garten umherging, brach mit einer unermüdlichen Beredtsamkeit auf mich ein und beschwor mich um meine Verwendung, da er das Opfer einer schrecklichen Tyrannei sey. Man habe ihn hieher geschleppt, obgleich er ganz gesund und ein Fremder sey, auf den man gar kein Recht habe. Jetzt wurde er so heftig, daß mir bange wurde in der Gesellschaft aller dieser Verrückten, da ich für den Schutz meines Führers wenig gab. Dieser brachte ein Buch, in das ich meinen Namen einschreiben sollte. Kurz vorher hatte ein Major aus Lissabon sich eingezeichnet. »Lissabonne,« sagte er, mich scheu ansehend, »ah oui, c'est un port de la Hesse electorale.« Und der Mann hatte studirt! Es war Zeit, daß ich mich fortmachte.

Und das sind die Vergnügungen, die Gent darbietet, die zweite Stadt des Königreichs. Das Theater ist eingerissen und soll nun erst wieder aufgebaut werden. Die Estaminets sind düster, ohne alle Eleganz. Es bleibt nichts übrig, als früh Abendbrod zu essen und früh zu Bett zu gehen. Es ist kein amüsanter Ort, Gent.


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