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Bilder aus den Niederlanden. Zweiter Band: Briefe aus den Niederlanden

Louis Lax: Bilder aus den Niederlanden. Zweiter Band: Briefe aus den Niederlanden - Kapitel 3
Quellenangabe
authorLouis Lax
titleBilder aus den Niederlanden. Zweiter Band: Briefe aus den Niederlanden
publisherVerlag von J. A. Mayer
year1838
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
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II.
Von Lüttich nach Brüssel

 

Die Fahrt von Lüttich bis nach Namur gehört zu den schönsten, die man machen kann; einzelne Punkte, wie die Lage von Chokier und Huy, nehmen es mit den herrlichsten auf, die der Rhein darbieten kann. Leider muß man das Vergnügen später durch den langweiligen Weg von Namur bis Brüssel erkaufen, der kaum zu ertragen wäre, wenn nicht an diesen breiten Ebenen so viele historische Erinnerungen klebten. Kaum daß man Einen Ort nennen hört, der nicht in den letzten fünfzig Jahren irgend einer Schlacht oder wenigstens einem Scharmützel seinen Namen geliehen hätte, bis man endlich nach Quatrebras gelangt, an dem sich die Gewalt der unerhörtesten Soldatenherrschaft noch einmal gebrochen, um endlich wenige Stunden davon, in Waterloo, ihr letztes Ende zu finden. So lange die Geschichte existirt, hat es sicher keinen Mann gegeben, der so schnell nach seinem Tode fast schon zur fabelhaften Person geworden wäre, wie dies mit Napoleon der Fall ist. Alexander und Napoleon wollten beide bei Lebzeiten Götter seyn, aber die Leere nach dem Verscheiden des Ersten war verhältnismäßig zu groß, als daß er nicht noch lange den Nachkommen in seiner alten körperlichen Gestalt erschienen wäre. Zwischen Napoleon aber und uns ist eine Zeit, die reicher an Bewegungen gewesen ist, als je eine ähnliche. Die Völker und ihre Interessen haben einen Aufschwung genommen, wie nie; der durch die langen Stürme aufgerüttelte Geist hat sich auf Kunst, Wissenschaft und Industrie geworfen und sie mit der ungeheuersten Triebkraft, weil sie eben vorbereiteter war, als sonst, auf eine Art entwickelt, die alle Aufmerksamkeit auf die Gegenwart richten mußte. Es haben sich so viele Gegenstände zwischen uns und diesen neuen dreißigjährigen Krieg gedrängt, daß die Helden desselben nur wie ferne Nebenbilder noch heraufdämmern. Darin liegt es, nicht in der Größe Napoleons selbst, daß wir schon jetzt nur die schönsten Züge desselben sehen, seine Ecken und Fehler vergessen und daß selbst seine Feinde ihn idealisiren. Es war ein guter Scherz von dem Franzosen, der bewies, daß Napoleon gar nicht existirt habe und nur eine mythologische Person gewesen sey, was er sehr sinnreich zu beweisen suchte. Aber hinter dem Scherze liegt etwas Wahrheit. Der Kaiser ist so schnell in den Hintergrund getreten, daß die kleineren Stufen, auf denen er seine Höhe erstiegen hat, verschwinden und wir nur noch die starre, glänzende Figur auf dem hohen, steilen Postamente erblicken, und statt zu beurtheilen, nur noch bewundern. Das Unglück, das er geschlagen, ist zu schnell geheilt worden, als das man es ihm lange hätte nachtragen können. Nur die werden unversöhnlich seyn, die das Glück der Welt in der Vernichtung der Religion und der Monarchie träumten und die Erfüllung dieser Chimaire von ihm erwarteten. Daß er beides aber nicht der Idee wegen, sondern nur zu seinem Zweck herstellte, war sein Ruin. Dafür, daß er überhaupt die Gewalt der Ideen verkannte und nur auf seine eigene ungeheure Thatkraft sich verließ, mußte er jetzt scheitern. Der Egoismus kann zu großen Resultaten führen, wenn er der Eitelkeit Anderer schmeichelt und ihre Kräfte zu einem einzigen Ziele vereinigt, aber in der Masse der Menschheit liegt doch noch etwas Höheres, als die bloße Sucht nach Glanz und Macht, und der Gewalt einer moralischen Begeisterung kann die Materie, und sey sie noch so gedrungen, nicht widerstehen. Hier – längs dieser Straße standen die Englischen Schaaren, den ganzen Tag über erschüttert, zermalmt von dem Anprall der kernhaftesten Truppen, die ihr Kaiser in immer erneuertem Sturme gegen sie anführte. Sie sanken nieder und wurden von andern ersetzt; ihre Reihen waren zerrissen, vom Feinde überflügelt, sie waren geschlagen und wichen doch nicht, bis dort aus jenem Waldsaume die Hörner der Preußen erschalten, die eben erst in einer blutigen Schlacht geworfen, doch wieder zu neuem Kampfe herbeieilten. Das war es eben, was Napoleon nicht bedachte. Er glaubte, der Feldherr könne noch den Kaiser retten. Aber es war kein Kriegsspiel mehr, wo die gewonnene Schlacht entscheidet, der Geschlagene die Flucht ergreift und der Sieger die Bedingungen des Friedens diktirt. Es waren keine Armeen mehr, die handgemein wurden, sondern Völker, die miteinander rangen und deren Lebenskraft nicht ausgeht, so lange sie noch athmen, die, zu Boden gestreckt, wieder aufspringen und ihren Gegner immer wieder packen, bis Eins oder das Andere sich nicht mehr erheben kann.

Eben ging die Sonne unter hinter jenem künstlichen Hügel, zu dessen Füßen ganze Regimenter eingescharrt sind, die letzte Blüte der Französischen Garde. Der Löwe auf seiner Spitze, der drohend nach Frankreich hinüberblickt und es mit der erhobenen Tatze zur Ruhe mahnt, leuchtete im feurigen Lichte; die eisernen Denkmäler zur Seite der Straße funkelten in den letzten Strahlen. Es war ein feierlicher Anblick. Dieselbe Sonne hatte vor zwei und zwanzig Jahren das Leben von Tausenden, die sich hier zerfleischten, scheiden sehen, und als sie herabsank unter den fernen Horizont, war auch die Sonne des gewaltigen Kriegsgottes in den Ozean hinabgestiegen, aber um nie wieder aufzugehen. Das eiserne Band zerriß, das seinen Namen um die Welt schlang, das den Ruhm seiner Nation, das Geschick seiner Familie zusammenhielt. Frankreich mußte sein Haupt beugen, die Bonapartisten wurden in den weiten Weltraum, wie Stücke eines feurigen Kometen, gesprengt, um unbemerkt und vereinzelt ihre dunklen Kreise zu ziehen.


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