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Bilder aus den Niederlanden. Zweiter Band: Briefe aus den Niederlanden

Louis Lax: Bilder aus den Niederlanden. Zweiter Band: Briefe aus den Niederlanden - Kapitel 16
Quellenangabe
authorLouis Lax
titleBilder aus den Niederlanden. Zweiter Band: Briefe aus den Niederlanden
publisherVerlag von J. A. Mayer
year1838
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
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XV.
Schauspiele

 

Amsterdam hat ein Holländisches, Deutsches und Französisches Theater. Als Kompensation entbehren dafür die andern Städte, mit Ausnahme der Residenz Haag, durchaus einer stehenden, ja nur eine längere Zeit sich bei ihnen aufhaltenden Schauspielergesellschaft. In Rotterdam wird mitunter alle vierzehn Tage einmal gespielt. Beweis genug, daß für diese Unterhaltung der Sinn nicht allgemein ist oder daß wenigstens die damit verbundene Entsagung andere Gewohnheiten nicht überwiegt. Die Neederduitsche Tooneelgesellschaft von Amsterdam zählt eine beträchtliche Anzahl von Mitgliedern, so daß jedes Fach genügend besetzt ist. Die Kirmeß wirkt auch auf sie in so fern ein, als um diese Zeit mehr als sonst patriotische Stücke an's Licht gebracht werden. In der Regel beherrschen Uebersetzungen aus dem Deutschen und Französischen das Repertoir, und Kotzebue und Iffland sind noch immer Matadore. Sie kommen dort etwas langsam nach. Die gute liebe Weißenthurm würde Thränen der Rührung weinen, wenn sie läse, daß man am 22. September: »Welcher ist der Bräutigam?« zum sechsten Male, wie der Zettel besagt, »um de buitengewone toelop,« wiederholen mußte. Die Originalstücke sind größtentheils in der Manier Zieglers und Konsorten und erheben sich höchstens bis zur Birch-Pfeiffer. Pappendeckelne Ritter mit rasselnden Redensarten, ein derbes Stück schlechter Intrigue, das jedoch von der Tugend, die den Mund am Ende voll nimmt, glücklich weggeblasen wird. Züge und Gefechte dürfen nicht fehlen. Man muß die Sprache genau inne haben, um dem Schauspieler folgen zu können. Auf einen reisenden Italiener machten diese abgequälten Töne einen Eindruck, als ob er auf einem glühenden Roste stäke, der Deutsche lacht, wenn er seine platt ausgepreßte Kernsprache wieder über einem unnatürlichen Pathos abziehen sieht. Die Schauspieler haben durchweg die Französischen Manieren, was uns bei Franzosen nur darum weniger zurückstößt, weil es mit ihrem ganzen Wesen verwachsen, die leibliche Tochter ihrer Tragödie ist; aber die Affektation dieser Manier in einer fremden Sprache, bei einer Grundlage, die im schroffsten Widerspruche damit steht, wirkt oft gar komisch. Der Holländer fährt mit den Armen eben so windflügelmäßig herum, wie der Franzose, aber bei dem Letztern sind wir es aus dem Leben auf den Straßen gewohnt; der Andere muß sich mit Gewalt aus seiner Natur herausreißen. Bei dem Franzosen sprudeln die Worte ohnedieß ohne Widerstand heraus, bei dem Holländer kleben sie aneinander und es fließt ihm nicht wie Wasser, sondern wie Brei. Dafür, daß bei ihnen Worte etwas Ernstes und Hohes bedeuten, deren Klang bei uns für etwas Gemeines und Lächerliches gilt, können sie freilich nicht. Aber das Komische wirkt zu plötzlich, als daß die Vernunft immer dagegen ankommen könnte. Auch in Vaudevillen ahmt man in so fern den Franzosen nach, als man nicht, wie bei uns, den Couplets Opernmelodien unterlegt, wodurch doch wenigstens etwas Musik hineinkommt, sondern dieselben zerleierten Lieder dazu nimmt, nach denen im Originale gesungen wird.

Im Gamin de Paris treiben sie die Nachahmung so weit, daß sie den Straatjongen auch von einem Manne spielen lassen, aber der Heer Hammecher war kein Bouffé, sondern ein derber Mensch, mit einer rauhen Stimme, welcher der Tabak schon seit mehren Jahren ihre kindliche Weichheit genommen haben mochte. Am meisten scheint das Ballet kultivirt zu werden, das eine Universalsprache führt, die Hand und Fuß hat. Leider Gottes, daß es überall so ist, und mehr geschätzt wird, was auf die Sinne, als auf die Gesinnung wirkt.

Das Theater hat jedoch während der Kirmeß viele gefährliche Konkurrenten. Nicht weit von einander haben zwei Kunstreiter-Gesellschaften ihre Bühnen errichtet, die selten die Zahl der Gäste fassen können. Holland ist für diese Leute ein Goldland. Dort erholen sie sich, wenn sie bei uns kaum das Futter für ihre Thiere verdient haben. Je weniger im Allgemeinen in Niederland die Reitkunst gewürdigt wird, desto größere Bewunderung erregen die Leistungen dieser Cirques olympiques, aber man wird nicht müde, und wenn die Vorstellung auch, wie gewöhnlich, über fünf Stunden dauerte. Nicht daß sie jetzt etwas Besseres, Kühneres zum Besten gäben, als bei uns, aber jede einzelne Produktion wird zwanzigmal wiederholt, was unsere überreizten, schwächlichen Magen nicht so gut vertragen würden. Bei uns ist die vornehme Verdrießlichkeit schnell da, daß wir mit immer Neuem und Pikantem bei guter Laune erhalten werden müssen. In Amsterdam sind sie geduldiger und lassen sich selbst von Anfängern unterhalten. Wenn ihre Begeisterung aufs Höchste steigt, wenn die Schnelligkeit der Pferde ihren Culminationspunkt erreicht und dazu die Musik in ein förmliches Charivari übergeht, aus dem man nur die Pauke deutlich heraushört, die einen langen, ohrenzerschmetternden Wirbel schlägt. Des Hauptbeifalls ist jedoch immer die komische Scene gewiß, die nie fehlen darf und die nicht selten einen Grad von Derbheit annimmt, der an Unanständigkeit etwas mehr als anstreift. Aber die Kirmeß kennt keine Censur: es ist die Duldzeit, wo wirklich Alles erlaubt ist, und alle Poren sich der Ausgelassenheit öffnen. Ueberdies kann die Bevölkerung einer großen Handelsstadt nicht nach einem Maaße gemessen werden, und man hätte sehr Unrecht, von dem Treiben einiger Klassen auf die Sitten des Volks zu schließen, das im Gegentheil sich im Allgemeinen durch eine fast puritanische Strenge auszeichnet.

Was mich bei weitem mehr interessirte, war die Menagerie von Martin. In England wollen sie dem kühnen Löwenbändiger den Ruhm streitig machen, und erzählen, bei ihnen mache jemand noch ganz andere Sachen. Andere, mag seyn, aber gewiß nicht mit dieser ächt Französischen Grazie. Es ist wirklich ungeheuer, was dieser Mann leistet, wenn er der Hyäne das Fleisch aus dem Rachen reißt und sich von dem Tiger umhalsen läßt. Der Patriarch der Gesellschaft, ein gewaltiger Löwe, spielt nicht mehr mit und ist auf den Pensionsfond angewiesen. Aber man muß ihn sehen, den alten Schauspieler, wenn die Lampen vor der Bühne angesteckt werden, wenn der Vorhang aus einander geht. Dann erwacht die alte Leidenschaft, das abgekühlte Künstlerblut geräth noch einmal in Feuer, er wirft der jüngern Nachkommenschaft verächtliche Blicke zu, reißt unanständig den Rachen auf, gähnt kritisch über den Verfall der Kunst, springt ungeduldig herum und brüllt, statt zu pfeifen, daß es einem durch Mark und Bein geht. Er hat gut lärmen, es denkt niemand daran, ihn hinauszuwerfen, den ungezogenen Störenfried.

Während der Zeit spielt Martin aber eine rührende Familienscene. Die Hyäne weint und jammert wie ein Kind, und fleht ihren Vormund, den sie schmeichelnd mit aufgerissenem Maule Papa nennt, um Verzeihung und winselt, bis er die Reuige in seinen Arm schließt und so mit ihr abgeht. Was ist der Jammer eines Iffländischen Sekretairs dagegen? Was der Schauspieler, der während des besten Pathos an seine Schneiderrechnung denkt oder ganz vergißt, daß er zu jemandem auf der Bühne sprechen soll und statt dessen, sich nur an das Publikum wendet, das er zu ignoriren hat, bloß um neuen Applaus herauszufordern. Die Hyäne denkt nicht daran, aus ihrem Karakter zu fallen. Sie bleibt immer in der Rolle, hängt an den Blicken des Herrn Direktors und scheert sich den Henker um das ganze Publikum. Was ihr vorgeschrieben ist, macht sie. Sie will den Dichter nicht durch schlechte Improvisationen verbessern und nicht nach eigenen Intentionen etwas anderes schaffen, als der Verfasser gewünscht hat. Bescheidenheit ist eine der schönsten Blumen im Kranze ihrer Tugenden, und wenn ihr beim Abgange der Jubel der Menge folgt, so lehnt sie ihn bescheiden ab und begnügt sich mit einem Stücke Fleisch, das ihr in der Koulisse gereicht wird.

Und wie erhaben und doch wie wahr tritt erst der schöne Held, der Königstiger auf. Wie ungezwungen, ohne alle Steifheit und Verlegenheit kömmt er herein. Er weiß, was er ist und soll, und verliert nie seine Ruhe, denn er hat das Bewußtseyn seiner innern Kraft. Er braucht nicht erst zu rasen und etwa auf die Suffiten hinauszuspringen, wir glauben ihm ohnedies, daß er ein ächter Fürst ist. Es ist ein Fehler, daß Herr Martin in dieser Scene nicht als Frau gekleidet erschien, um wie viel ergreifender würden die Situationen seyn, wenn der Held ihm oder ihr dann zu Füßen fiele und um Gegenliebe flehte, und endlich, durch einen freundlichen Blick ermuthigt, sich aufrichtete und seine Arme mit den furchtbarer Tatzen um ihren Hals schlänge. Und dann erst der Kuß: wann die beiden Seelen sich gefunden und ihre Gefühle in Einem einzigen Kusse verschmelzen! Dieser Kuß ist der Triumph, der Schlußstein des ganzen Dramas. Da fühlen wir mit, da ist unser ganzes Interesse in Aufruhr. Was liegt mir daran, wenn Herr N. die Wange der Mamsell O. berührt, da ich nicht weiß, ob er ihr nicht dabei eine Sottise in's Ohr flüstert, die sie mit lächelndem Ingrimme verschlucken muß, wenn sie nicht vielleicht schnell aus Rache den Geliebten in den Arm zwickt.

Aber wenn dieser Tigerkünstler in Liebe entbrennt und den geliebten Gegenstand an sein Herz drückt, daß man nicht weiß, ob er ihm nicht dabei alle Knochen im Leibe zerdrückt, wenn er den Mund öffnet, und man besorgt, daß er ihn vor lauter Liebe anbeißen oder gar auffressen möchte, da sey einer nicht gespannt, da erwehre sich einer der Theilnahme, da leugne einer das tragische Interesse. Und dazu die Musik, welche die Pantomime melodramatisch begleitet, der schöne Chor, in dem der Bär den Baß so fest hält, während die Wölfe im Tenor mitheulen und die Affen in obligatem Sopran die Melodie aufführen, und man streite dann, daß hier allein noch Kunst und Natur in schönstem Vereine blühen, nachdem sie von andern Bühnen längst verschwunden sind. Martin ist ein großer Direktor, aber er hat auch Künstler unter sich, die noch die wahre Bedeutung des Wortes zu würdigen verstehen, die nicht auf äußern Prunk, auf Garderobenflitter sehen, die ohne Haß und Neid bloß ihrem Berufe leben, nichts von verstellten Krankheiten wissen und den innern Lohn des Bewußtseyns so hoch schätzen, daß sie dem Direktor gern die volle Einnahme gönnen und sich mit dem Knochenabfalle begnügen, den er ihnen hinwirft.

Einer andern Komödie muß ich doch noch erwähnen, die vielleicht einzig in ihrer Art ist. Einige Minuten entfernt vom Buttermarkte ist ein Haus, zum Storche genannt, in welchem jeden Sonnabend Abend theatralische Vorstellungen gegeben werden, in denen nur Juden figuriren, während das Publikum natürlich aus allen Parteien zusammengesetzt ist. In dem Hause ist ein ziemlich geräumiger Saal, auf dessen beiden Seiten Stühle und Bänke angebracht sind, so daß in der Mitte ein breiter freier Raum gelassen wird. Daß auch hier der Wirth Dir mit der Pfeife entgegen kommt, ist natürlich. Statt des Entrees mußt Du etwas verzehren, denn das Ganze ist Spekulation des Restaurateurs, der den Kunsteifer einiger Jünglinge und Jungfrauen für sich ausbeutet. Sie führten eben ein Vaudeville auf, mit langen Arien und Duetten, die fast schauerlich anzuhören waren. Sie plagten sich rechtschaffen, die Guten, und schrieen sich heiser und durstig, und mußten obenein sehen, wie dicht vor ihnen ihre Eltern und Geschwister ruhig ein Glas Bier nach dem andern tranken, die doch gar kein Recht hatten, durstig zu seyn. Aber die Liebe zur Kunst macht Alles leicht und der Beifall ersetzt Alles. Das Publikum war freilich nicht immer sehr andächtig, aber wenn der Lärm zu arg wurde, so stampfte der Wirth ärgerlich mit dem Fuße auf den Boden und gebot Stille. Es war ein dicker, untersetzter Kerl und er handhabte die Polizei gut.

Das Hauptvergnügen der Zuschauer waren aber die Zwischenakte. Dann wurde getanzt, Kinder und Erwachsene in bunter Mischung. Ein kleiner Mensch, mit blauem Frack und gelber praller Nankinhose, auf der ein Paar goldene Uhrketten herumhüpften, machte den Tanzmeister und ordnete die Paare. Auf und ab raste der Galopp, aber die Krone des Abends war ein prächtiger Cotillon, an dem nur die Coryphäen Theil nehmen durften, zu denen besonders ein langer Fleischerknecht in weitem, schlotterndem Ueberrocke gehörte, der seine Pas immer mit beiden Füßen zugleich machte und auf und ab hüpfte wie eine ungeheure Krähe, und dann ein Elegant mit fabelhaftem Jabot, der siegesstolz auf alle Schönen herabblickte. Dazwischen schrie der Tanzmeister mit der heisersten Kehle sein: »Dames! croisez!« und die Mütter versammelten sich um die Töchter und fragten, ob sie sich auch nicht erhitzten, und die Kinder liefen schreiend durch die Touren, daß es eine wahre Babylonische Verwirrung war, aus der es Zeit war, sich zu retten. Es war auch eine Komödie. Aber es leben die Bestien! Sie sind die letzten Römer. Wenn auch bei ihnen einmal die Natur untergeht, so ist alles Lüge und man kann sehen, was aus der Kunst wird.


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