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Bilder aus den Niederlanden. Erster Band

Louis Lax: Bilder aus den Niederlanden. Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLouis Lax
titleBilder aus den Niederlanden. Erster Band
publisherVerlag von J. A. Mayer
year1838
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
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Der Musikus von Amsterdam

In einer der engen Gassen, die auf die Warmoes-Straat ausgehen, unweit der alten Kirche, stand vor einer Reihe von Jahren ein schmales, niedriges Haus, das vor den übrigen sich noch durch sein baufälliges, verwahrlostes Aussehen auszeichnete. Es gehörte einem reichen Holländer vom Herrengracht, der keinen Stüber daran verwendete, es in Stand und wohnbar zu erhalten, und sich damit begnügte, auf das Strengste den Miethzins von den Bewohnern desselben einzutreiben. Denn trotz dem Verfall des Gebäudes stand es doch nicht leer. Was vermag die Noth zurückzuschrecken, wenn sie weiter keine Wahl hat? Das Dach war seit Jahren nicht ausgebessert und ließ den Regen ohne Widerstand durchdringen, die Mauern trieften von Feuchtigkeit, hatten sich vor Altersschwäche weit vorgebeugt und drohten jeden Augenblick bei den Gegenüberwohnenden einen Besuch abzustatten. Das erste Stockwerk war von der Nässe zerstört, aber unten lebte in zwei kleinen Zimmern eine Familie, der trotzdem nur wenig fehlte, um glücklich zu seyn.

Aber das Wenige war genug, um sie oft der Verzweiflung nahe zu bringen. Sie hatte nur die allergeringsten Bedürfnisse und Wünsche, die so leicht zu befriedigen scheinen, aber die furchtbar werden, wenn selbst mit ihnen der Kampf bestanden werden muß. Und doch hätte sie ein besseres Schicksal verdient. Nur selten schafft die Natur Gemüther, die so heiter, und zufrieden in sich, für das Geringste so dankerfüllt sind und selbst dem Mangel lachend in das Gesicht zu blicken vermögen, als sie diese kleine Familie besaß, die nur aus Vater und Tochter bestand, dem alten Musikus Roos mit seiner Marie. Wenn er an seinem kleinen Spinette saß, blickte er froh zum Himmel auf und vertiefte sich dabei in die tiefsinnigsten Sätze, Fugen und Imitationen, daß er der ganzen Welt vergaß und nur, wenn er das Auge wendete und sein Blick dem seiner bleichen Marie begegnete, wurde ihm weh um's Herz und er ging wohl, nur sich selbst Muth zu machen, in einen schönen Choral über oder ließ auch wohl die Hände wie vor plötzlicher Ermattung sinken und es überkamen ihn dann die Thränen, die Marie aber schnell wegküßte. Marie war ein herrliches Geschöpf; schön, wenn auch mancher Kummer die Rosen ihrer Wangen weggebleicht hatte, aber noch besser, als schön. Sie war nicht blos den ganzen Tag über beschäftigt mit der kleinen Wirthschaft und mit sonstigen Hausarbeiten, die ihr ein kleines Verdienst abwarfen, sondern sie nahm auch noch, ohne daß es der Vater ahnte, die Nacht zu Hülfe. Woher hätten sie auch sonst das Nöthigste herbeischaffen sollen? Der alte Roos konnte, wollte nicht. Er spielte zwar mehre Instrumente, aber nie hatte sein Stolz früher es zugegeben, daß er sich das in irgend einem Neben-Orchester zu Nutze gemacht hätte. Jetzt war er zu alt dazu und hätte höchstens noch in einer herumziehenden Truppe ein ärmliches Plätzchen gefunden. Aber das wäre sein Tod gewesen, und ein langer, martervoller obenein. Er war ein gründlicher Musiker und die Kunst seine Gottheit, sein Alles. Er fühlte, daß er Talent habe, er hatte das Bewußtseyn seiner Kraft, und daß ihm trotzdem die Bahn zum irdischen Glücke verschlossen war, machte ihm seine Kunst nur theurer, die Menschheit nur verächtlicher. Seine Kompositionen waren tief, voll Gehalt, aber es gehörte hohe Bildung oder ein reines, unverfälschtes Gefühl dazu, um sie würdigen und in sich aufnehmen zu können. Es war eben ein Unglück, daß er mit einer solchen Richtung in Holland geboren wurde, wo die Musik fast mehr als irgendwo nur zur Dienerin herabgewürdigt wird, nur mit leichtfertigem, frivolem Putze die Ohren umgaukeln soll, ohne das Innerste der Seele zu berühren. Roos knirschte Anfangs aus Wuth über diese Verkehrtheit und brach in heftige Ausfälle aus, wenn man ihm seine Kompositionen zurückschob und Tänze und Modekram bestellte, zuletzt aber lächelte er nur verächtlich und schrieb lieber für Andere Noten ab, als daß er selbst an dieser Entwürdigung seiner Göttin Theil genommen hätte. Aber mit den Noten half er der Noth nicht ab. Marie duldete still und konnte sogar heiter seyn in Gegenwart des Vaters, dem sie das ganze Elend, so viel sie konnte, zu verbergen suchte. Und der Alte war so glücklich, wenn er seine eigenen Kompositionen oder die anderer Meister von gutem Korne spielte und konnte darin schwärmen von Morgen bis Abend, ohne an etwas Anderes zu denken.

Einen andern Kummer hatte Roos seiner Tochter damit gemacht, daß er trotz der undankbaren Behandlung, die ihm sein Vaterland zu Theil werden ließ, dasselbe durchaus nicht nicht lassen wollte. Er fühlte es schmerzlich, daß Holland nicht das Asyl der Musik sey, aber dennoch konnte er ihm den Rücken nicht wenden. Er wollte auf der Bresche sterben. Und doch drohte dieser Entschluß alles Lebensglück seiner Tochter zu zerstören!

Der Alte wurde in seinem Phantasiren durch ein leises Klopfen unterbrochen. Ueber Mariens blasses Gesicht flog eine leichte Röthe. Sie stand auf und ging dem Eintretenden entgegen, der ihre Hand ergriff und sie herzlich drückte. Der Alte nickte ihm freundlich zu. Der Fremde war nicht groß, aber edel gebildet und obwohl ärmlich, doch höchst sauber gekleidet. Es war auch ein Musiker, dem Roos von Kindheit an Unterricht ertheilt, weil er in ihm Talent und Beruf erkannt hatte. Anton Steen hatte dem Meister Ehre gemacht und war ein tüchtiger Mensch und Künstler geworden, aber mehr noch als die Musik, hatte Marie sein Herz eingenommen. Von Kindheit an fast täglich beisammen, hatten die beiden jungen Leute eine Liebe zu einander gefaßt, die um so tiefer wurzelte, je langsamer sie aufgewachsen war. Anton wurde vom Alten immer als zur Familie gehörig betrachtet und dieser fand das Verhältnis ganz natürlich. Er hätte sich keinen bessern Schwiegersohn gewünscht, wenn nur eine Aussicht zu einer Verbindung gewesen wäre. Einmal hatte sich eine solche eröffnet. Es war erst eine Woche darüber vergangen und Marie war so glücklich. Aber in den wenigen Tagen war alle Hoffnung wieder erloschen. Ein Fremder, der Gelegenheit gehabt hatte, Anton kennen zu lernen, hatte ihm eine Stelle bei der Kapelle eines Deutschen Fürsten verschafft. Er war jubelnd mit der Nachricht zu seiner Marie geeilt. Die Stelle reichte hin, sie, bei ihren mäßigen Forderungen, zu ernähren, und ihre Liebe konnte endlich das längst ersehnte Ziel erreichen. Aber Roos war nicht zu bewegen, in ein fremdes Land auszuwandern und Marie wollte sich um keinen Preis von ihrem Vater trennen. Das Herz brach ihr fast dabei, aber die Pflicht gegen den Vater stand ihr doch höher.

»Nun, Anton,« fragte der Alte, ohne sein Klavier zu verlassen, »wann reist Du?«

»Ich habe abgeschrieben,« antwortete dieser trübe, »ich bleibe hier.«

Marie sah ihn liebevoll an, drückte ihm die Hand, ließ aber dann trübe den Kopf sinken.

»Gott wird helfen!« setzte Anton hinzu, mit mehr Freudigkeit, als er selbst fühlte. Denn es war ihm auch recht wehe um's Herz, daß die Träume, in die er sich schon so selig gewiegt, nun wieder zerronnen waren. Und wer wußte, ob der Himmel ihnen je wieder einen freundlichen Blick schenken würde?

Es trat eine tiefe Stille ein, in die nur einzelne Töne, wenn der Alte zerstreut mit den Fingern die Tasten berührte, schneidend einfuhren, daß es die Nerven erregte. Alle drei waren in schwere Gedanken versunken und hier und da mochte wohl im Stillen ein Murren gegen die Vorsehung auftauchen. Der Alte schüttelte sich, als ob er die unangenehmen Gedanken dadurch abwerfen konnte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Komm, Anton,« sagte er, »nimm die Geige und begleite mich.«

Anton stand auf, nahm, ohne etwas zu sagen, eine alte Violine von der Wand und stimmte. Roos legte ihm seinen Part hin und begann das Vorspiel. Es war eine seiner eigenen Kompositionen, auf die er am meisten hielt. Er hatte sie gedichtet, als er seine geliebte Frau zu Grabe begleitet hatte. Er glaubte es damals nicht überleben zu können. Aber die Poesie ist eine gewaltige Trösterin. Im Dichten wurde es immer ruhiger in ihm und es war, als ob aller Schmerz in die Noten ausströmte, so daß er am Schlusse voll freudigen Vertrauens seyn konnte.

Aber der Schmerz war zu lang gedehnt, und die Kräfte reichten jetzt nicht mehr aus, daß sie bis zu den letzten Takten der muthigen Erhebung kommen konnten. Dem alten Roos traten zuerst nur einzelne Thränen in die Augen, aber bald strömten sie immer heftiger, und es war gut, daß er die Noten auswendig wußte, denn lesen konnte er sie nicht mehr. Aber die Musik und die Trauer des Greises hatten auch den jungen Mann ergriffen; die Bewegung überwältigte ihn, der Bogen schwankte nur unsicher noch über die Saiten hin, und er mußte die Geige weglegen. Er setzte sich wieder zu Marien und barg den Kopf in beiden Händen.

Der Alte schlich hinaus, um sich draußen auszuweinen. Marie wollte ihn zurückhalten, denn es war ein unfreundliches, feuchtes Wetter draußen, er wehrte sie aber sanft ab und ließ sich nicht halten.

Die beiden jungen Leute saßen lange, Hand in Hand, ohne zu sprechen.

»Du hättest doch gehen sollen,« sagte Marie endlich, »ohne an mich zu denken.«

»Ist das Dein Ernst?« fragte er vorwurfsvoll. »Kann ich denn ohne Dich leben? Für meine Bedürfnisse wäre durch die Stelle dort ausgesorgt gewesen. Aber gibt es denn nicht noch eine andere Stimme, die lauter und eindringlicher ruft? Selbst der Reichthum ohne Dich wäre nur bittere Armuth für mich, ein glänzendes Elend, das ich nicht mit der Noth hier vertauschen möchte. Nein, nein, lieber hier vergehen, als dort in Ueberfluß leben. Und stürbe ich hier, so gibt mir doch ein Blick aus Deinen Augen Muth dazu und ein Lächeln von Deinem Munde mir Trost für lange Leiden.«

»Aber was soll am Ende daraus werden? Was aus Dir? Ist auch mein Leben geknickt, was liegt daran. Aber Deines voll so schöner Hoffnung, das zu bessern Ansprüchen berechtigt ist –«

»Sprich nicht von mir. Mein Leben ist nichts ohne Dich, eine Seifenblase, die zerfließt, so wie Dein Hauch sie nicht mehr trägt. Laß uns auf Gott vertrauen und in unserer Liebe glücklich seyn.«

»Ich schon! Aber der Vater –«

»Ist er nicht selbst Schuld an Allem? Konnte er nicht mit uns ziehen und uns Alle glücklich machen? Konnte er nicht, seiner Kinder wegen, sich bequemen und sich etwas mehr in die Forderungen der Menschen fügen? Er hatte einen guten Namen, aber durch seinen Eigensinn hat er Alles verscherzt. Er hätte sich früher besser betten können.«

»Du weißt nicht, was er selbst dabei leidet! Und doch kennt er das Aergste noch gar nicht. Die Noth steigt immer mehr, und ich sehe mit Schrecken dem Ende des Jahres entgegen. Meine Arbeit reicht nicht mehr aus, nur das Dringendste zu bestreiten und wenn wir nicht den Miethzins entrichten können, läßt der Hausherr, wie er schon gedroht, uns auspfänden.«

Anton schlug sich vor die Stirn und ging mit großen Schritten auf und ab. »Und selbst so arm zu seyn!« rief er. »Trotz allem Arbeiten nichts thun zu können, geliebte Personen aus solchen Qualen zu befreien! Zu wissen, daß Du Tag und Nacht Dich aufopferst, und nicht helfen zu können!«

»Du hast schon zu viel gethan,« antwortete sie schmerzlich lächelnd. »Die Liebe ist eine Rosenzeit, aber sie hat für uns fast der Dornen zu viele.«

Der Alte riß die Thür auf und schwankte hinein. Niemand hatte ihn in das Haus treten hören. Er war todtenbleich. Die jungen Leute eilten auf ihn zu, um ihn zu stützen und fragten ihn, was ihm begegnet sey. Er schüttelte mit dem Kopfe und küßte dann beide. Marie sah Anton an, dem das Blut in das Gesicht schoß. Er ahnte, daß Roos gehört hatte, was sie miteinander gesprochen.

»Vater!« sagte er beschämt.

»Ihr seyd ein Paar Engel,« antwortete er, »und ich verdiene gar nicht, daß Ihr meine Kinder seyn wollt. Aber es soll anders werden, es muß, bei Gott, es muß anders werden. Verlaßt Euch auf den alten Roos. Ich will keine falsche Quinte mehr in Eurer Harmonie seyn, sondern die Dissonanz auf eine schöne Weise auflösen. Gönnt mir nur etwas Ruhe, denn ich bin ein schwacher Mann.«

Er sank erschöpft in seinen Stuhl. Marie und Anton lagen an seinem Halse und weinten mit ihm und küßten ihn, bis er wieder lächelte und ihnen freundlich in die Augen sah. Anton aber nahm die Violine herunter und spielte ein Lied, das Roos variirt hatte. Aber die Variationen waren keine bloßen, in unzählige Theilchen gehackte Noten, die über die Melodie gestreut waren, wie der Sand über die Leichen, daß man nichts mehr von ihnen sehe, sondern der Gedanke blickte immer wieder durch, wie eine große Blüthe aus einem Laubgewinde, das der Wind hinüber und herüber weht, und so oft die Blüthe sichtbar wurde, legte sie sich wie ein weicher kühlender Balsam auf die brennende Herzwunde des alten Musikers und besänftigte seine zuckenden Nerven, bis er zuletzt in einen sanften Schlummer fiel, in dem er noch immer leise vor sich hinlächelte.

Anton spielte aber noch die letzten verhallenden Accorde und legte erst dann das Instrument wieder fort, und nahm seinen Platz neben der mit ihrer Arbeit beschäftigten Marie ein.

Das Ende dieses Jahres kam immer näher. Jeder Tag, um den es leichter wurde, drückte schwerer auf die unglückliche Familie, denn immer mehr rückte der furchtbare Termin heran, an dem die Miethe für die elende Wohnung bezahlt werden sollte. War das Geld bis dahin nicht aufgebracht, so legte das Gericht seine unerbittliche Hand an die wenigen, noch übrigen Meubeln, und was das Schrecklichste war, an die Instrumente des Musikus, an sein Herz und Blut. Wie hätte er ohne sie leben können? Sie ersetzten ihm Speise und Schlaf; Wachen und Hungern wurden ihm leicht, selbst der Kummer über das Schicksal seiner Marie wurde milder, wenn er an seinem Spinette saß und sich in seine Phantasien wiegte. Er hatte seinen Stolz gebeugt und war zu dem Eigenthümer des Hauses gegangen und hatte gebeten, ja gebettelt um Stundung der Schuld: er hatte sogar, was ihm schwerer ankam, seine sonst so starre Redlichkeit zum Schweigen gebracht und Hoffnungen auf baldigen Gewinn vorgestellt, zu denen er selbst gar keine Aussicht hatte. Aber der reiche Mann von der Herrengracht blieb taub gegen alle Vorstellungen. »Mein Geld oder gepfändet,« war seine einzige Antwort. »Aus der Wohnung auf jeden Fall,« hatte er hinzugefügt, »ich mag keinen Miethsmann, der mir nur solche Zumuthungen macht. Ich war ein Narr, daß ich mich nur Einmal mit einem Künstler eingelassen habe. Wenn das Volk etwas hat, ist es hochmüthig und selbst in der Armuth thut es noch groß und bildet sich etwas ein.«

»Und mit Recht,« antwortete Roos, das gebeugte Haupt wieder erhebend und über den Künstler den Menschen vergessend, »und mit Recht, auch der arme Künstler ist noch reicher als der Reiche, der nichts hat, als Gold in der Tasche, und im Leibe ein bleiernes Herz, eine bleierne Seele, die keinen Ton von sich gibt und ihn nicht trösten noch erheben kann, wenn das Geld einmal nicht ausreicht in irgend einem Drangsale. Ja der Künstler ist immer reich, denn er hat eine Welt in sich, über die er herrscht, wenn auch die außen ihn martert, und in dieser Welt spricht Gott zu ihm und seine Engel, und ihre Stimme stählt ihn und ermuthigt ihn gegen die Gemeinheit, die ja doch das Unglücklichste ist von Allem, denn sie empfindet nicht das Wohl und Wehe, die Freuden und Leiden der unsterblichen Seele, wie eine blüthenlose Pflanze, die aus dem schilfigen Sumpf auftaucht und die Strahlen der Sonne nie erblickt.«

»Gepfändet!« sagte der Geizige, höhnisch lachend, und kehrte dem Musikus den Rücken zu.

Aber die Aufregung war in dem armen Roos nur kurz gewesen. Schon als er nur das Haus verlassen, war sie verschwunden und hatte einer desto tieferen Niedergeschlagenheit Platz gemacht. Die bittere, nackte Wirklichkeit trat in seine Augen und drückte ihre kalte Hand auf sein klopfendes Herz, daß er fröstelnd am ganzen Körper zu zittern anfing. Es war ihm sehr wehe, als er in sein enges Stübchen trat. Marie warf ihm nur einen Blick zu und fragte nicht weiter. Auf seinem Gesichte stand mit blutiger Schrift die Antwort, die er zurückbrachte. Eine Thräne fiel auf ihre Arbeit, aber sie wischte sie schnell weg und suchte ihren Schmerz zu verbergen.

Roos trat an das Fenster und sah in den Nebel hinaus.

»Es ist kalt hier,« sagte er leise. Er wollte ein Gespräch anknüpfen, um sich die Erinnerung an seinen leidigen Gang aus dem Sinne zu schlagen.

Marie senkte den Kopf tiefer in die Arbeit und antwortete nicht.

Roos seufzte. »Es ist wahr,« sagte er schmerzlich lächelnd, »wir müssen unsere Paar Kohlen zu Rathe halten. Ach, er hatte Recht, wenn er lachte. All unser besseres Gefühl macht uns doch nicht unempfindlich gegen Frost und Hunger. – Aber ich tausche doch nicht mit ihm!« setzte er nach einer Pause hinzu und drehte sich um, seinen Blick auf die Instrumente werfend, die er so lange aus dem Schiffbruche seiner Habe gerettet hatte. »Auch von euch,« stöhnte er, »soll ich mich trennen, meinen theuersten Freunden, meinem Troste, meinem besseren Leben. Was bleibt mir ohne euch? Furchtbare Leere! Nein, nein, nimmermehr!«

Roos ging einige Male durch das Zimmer, nahm dann ein Paket Noten und verließ noch einmal das Haus. Er lief von neuem zu den vornehmsten Musikhändlern, aber niemand wollte ihm auch nur ein Geringes für die theuren Kinder seiner Phantasie und seiner Studien geben. Er, der sie so hoch liebte, bot sie für die elendeste Summe aus, aber nicht einmal auf ein Gebot ließ man sich ein. Man rieth ihm lächelnd, den Versuch aufzugeben, da er doch zu nichts führen könnte. Nicht einmal umsonst wollte man die Komposition. Was sollte man auch damit machen? Wer sollte die schweren Druckkosten tragen? Die Leute handelten nur in ihrem Interesse.

Die Musik wurde in dem praktischen Lande wie ein Stiefkind und schlimmer behandelt, der Jünger, die sich ihr mit ganzer Seele widmeten, waren nur wenige. Die Masse, wenn sie irgend Musik begehrte, verlangte leichte Waare, bunten Flitterstaat, nichts, was den Geist in Anspruch nimmt. Und selbst dafür hatte der Händler ja kein Honorar auszugeben, wenn er nur Fremdes, aus dem er ohnehin die unbeschränkte Wahl hatte, nachzudrucken brauchte. Der arme Roos fühlte, daß die Kaufleute Recht hatten, aber es war eine Ueberzeugung, die ihn schwer drückte, um seinet, um seines Vaterlandes willen, das er so innig liebte. Der Patriotismus war sogar stärker noch, als die Eigenliebe, und er grollte noch lange über sein Volk, daß es in Allem den Fremden nachrede und doch Kräfte genug habe, selbstständig aufzutreten und nicht bloß Sklave, sondern Meister zu seyn.

Er ging noch zu einigen Freunden, aber sie kannten ihn nicht mehr. Selbst der Chef eines Musikertrupps, der in Wirthshäusern zum Tanz aufspielte und schlecht genug war, wollte nichts von ihm wissen, da er ihm nicht Kraft genug zutraute, Nächte hindurch seinen Posten zu versehen.

Die letzte Aussicht war ihm abgeschnitten.

Nicht weit von seinem Hause lag ein Papier auf der Straße. Mit der Hastigkeit eines Verzweifelten, der, nachdem alle Rettungsversuche gescheitert sind, nach dem Unbedeutendsten greift, weil er darin eine plötzliche Hülfe, ein Werk der Vorsehung zu sehen glaubte, hob er es auf. Es war ein Zeitungsblatt. Er wollte es ingrimmig zerreißen. Auf der ersten Seite stand mit großen Buchstaben: »Wichtige Erfindung. Der Mensch kann fliegen.« Darauf folgte eine lange, ausführliche Beschreibung einer neuen Maschine, mit deren Hülfe man bequem mit den Vögeln sollte wetteifern können und mit der bereits in Deutschland die glücklichsten Versuche gemacht worden wären, die dem kühnen Unternehmer große Summen von den Zuschauern eingetragen hätten.

»Das ist nicht umsonst!« sagte Roos vor sich hin. »Nicht umsonst hat mir das Schicksal diese Schrift in den Weg gelegt! Was habe ich zu verlieren? Greift doch der Ertrinkende nach einem Halme, warum soll ich nicht versuchen, was vielleicht noch mir Rettung bietet. Es ist ohnehin aus. Ich kann nichts mehr thun, nichts unternehmen, und mein Kind verhungert, verzehrt sich. Und das Alles um meinetwillen. Weil ich nicht fort will, geht das Glück meiner beiden Kinder zu Grunde. Sie arbeiten sich zu Tode für mich. Vielleicht kann ich es vergelten.«

Der Entschluß, der in ihm aufgetaucht war, hatte einen wahren Freudenschimmer über sein Gesicht gegossen. Marie sprang auf und fragte, ihm entgegen eilend: »Du hast Deine Sachen verkauft?«

Roos zog die Noten unter dem Rocke hervor und legte sie verdrießlich auf das Klavier. »Ach, nein,« antwortete er, »damit ist es nichts. Es will niemand etwas verlegen, und wenn es auch die Sphärenmusik selber wäre. Aber sey nur ruhig, ich schaffe doch Hülfe. Seyd guten Muthes, Du und Anton, der alte Vater soll Euch nicht mehr ein Hindernis sehn. Ihr habt ihn lange genug gefüttert und gepflegt, er wird es wett machen, und wenn er auch darüber stürbe,« setzte er leise hinzu. »Nach meinem Tode wird der Anton schon sein Fortkommen finden.«

Marie begriff nicht, was den Vater so fröhlich stimmte, aber da er ihr nicht Rede stehen wollte, so ging sie zweifelnd an ihre Arbeit zurück und hatte eine Angst mehr, der Kummer möchte den Verstand des Vaters angegriffen haben.

Es vergingen vierzehn für die arme Marie recht peinliche Tage. Selbst Antons Nähe vermochte nicht mehr, sie aufzuheitern. Der Vater hatte sie in der ganzen Zeit fast immer allein gelassen und sich oben in den verfallenen Zimmern eingeschlossen. Nur Mittags und Abends kam er herunter, aber sehr geheimnisvoll und gab keine Antwort oder doch nur eine ausweichende, wenn sie ihn fragte, was er oben in Kälte treibe. Sie hörte ihn häufig pochen und hämmern und einen Lärm machen, der ihm sonst so zuwider war. Drang sie recht in ihn, so lächelte er nur still vor sich hin und sagte bloß: »Geduld, ich bin bald am Ziele und dann werdet Ihr mich segnen.«

Marie theilte dem Geliebten ihre Besorgnisse mit. Denn der Vater wurde dabei immer bleicher, elender und in sein abgemagerten Zügen lag oft ein Ausdruck von starrer Verzückung, der ihr Angst machte. Wenn er so aus den eingefallenen Augen vor sich hinblickte und dabei die Lippen verzog, so schien er ihr wie das furchtbare Bild des Wahnwitzes. Sie konnte nicht begreifen, was ihm oben in den öden Räumen beschäftige, denn selbst die Musik war ihm gleichgültig geworden, und seit er zuletzt den schweren Gang gemacht, hatte er keine Taste angerührt. Es war ihr unerklärlich.

»Vielleicht sucht er einen Schatz!« meinte Anton.

Marie schüttelte wehmüthig den Kopf.

»Wir können ja bald dahinter kommen,« bemerkte Anton. »Laß uns hinaufgehen und ihn belauschen.«

Marie wollte Anfangs nicht, aber die Sorge um den Vater überwog zuletzt ihre Bedenklichkeiten und so schlichen sich Beide die Treppe hinauf. Die Thüre des Zimmers hatte Spalten genug, um ihnen einen Blick in das Innere zu erlauben. Drinnen saß der alte Musikus und hatte eine Menge schmaler, langer und kurzer Latten vor sich stehen, die zum Theil mit Bindfaden aneinander befestigt waren. Er war eben beschäftigt, sich einige dieser Hölzer an die Arme festzubinden, und als er damit zu Stande gekommen, sprang er im Zimmer herum und schlug mit den Latten um sich, als ob er im Wasser läge und zu schwimmen suchte. Im Umwenden traf er die Thür, deren Schloß längst verrostet war, daß sie aufflog und die dahinter Stehenden fast umgeworfen hätte.

»Aha,« rief der Alte, »Ihr habt mich belauscht, Ihr neugierigen Geschöpfe. Aber es thut nichts. Einmal mußte es doch bekannt werden und es ist besser so. Ja, ja, seht mich nur an und wundert Euch. Arme Marie,« fügte er hinzu und wollte auf seine Tochter zugehen und sie umarmen, aber die Hölzer hinderten ihn, »arme Marie, ich habe es Dir wohl angesehen Du hast mich für krank gehalten, weil Du Dir mein Treiben nicht erklären konntest. Aber ich bin glücklich heute und Ihr sollt es auch werden, denn ich habe es jetzt gefunden, was mir so viel Mühe gemacht. Das Schwerste ist überstanden. Die Saat ist aufgegangen und bald wird eine Erndte erfolgen, die Euch reich machen wird.«

Anton schüttelte mit dem Kopfe.

»Ihr Ungläubigen,« zürnte Roos, »die Ihr zweifelt, so lange Ihr es nicht in der Tasche habt. Verderbt mir meine Freude nicht und kommt herunter. Heute muß wieder musicirt werden, aber erst habe ich noch einen kleinen Gang zu machen.«

Roos hatte früher in dem Hause eines Zeitungseigenthümers Unterricht gegeben und dieser wollte ihm noch immer gut, wenn er ihn auch nicht mehr beschäftigen konnte. Zu ihm eilte er jetzt und erzählte ihm, das er nach langem Studium und Fleiße die Erfindung, sich durch ein Flugwerk in der Luft bewegen, die jetzt das allgemeine Tagesgespräch war, gemacht habe und geneigt sey, nächstens einen öffentlichen Versuch damit anzustellen, wenn die Theilnahme groß genug sey, seine Kosten zu decken und seine Mühe zu belohnen. Der Redakteur hörte ihn Anfangs nur ungläubig an, der Alte geriet darauf in eine solche Begeisterung, sprach mit Enthusiasmus und solcher Sicherheit von seinem Unternehmen, setzte dies so bestimmt und ausführlich auseinander, das der Andere sich seiner Beredtsamkeit ergeben mußte und Alles zu einer Unterstützung zu thun versprach. Man kam überein, daß der öffentliche Versuch schon in nächster Woche geschehen sollte und daß bis dahin das Publikum gehörig davon in Kenntniß gesetzt und seine Theilnahme so viel als möglich gesteigert werden sollte.

Roos lief froh nach Hause und erzählte seinen Kindern, was geschehen war. Anton und Marie waren wie betäubt und konnten es noch immer nicht fassen. Es war ihnen zu unbegreiflich, wie der stille, nur in seine Noten vertiefte Vater zu einer solchen Idee gekommen sey und sie fürchteten mehr als je ein schlimmes Ende. Roos ärgerte sich, daß die Kinder nicht seine Freude theilten und hatte nichts zu thun, als sie zu beruhigen.

»Ich bin meiner Sache gewiß,« sagte er mehr als einmal. »Ich habe es genau studirt, wie man es in Deutschland versucht und alles genau nach der Vorschrift zusammengesetzt. Ich fühle, daß es geht. Hole eine Flasche Wein, Anton, wir brauchen nicht zu sparen. In acht Tagen sind wir reich und können mehr verdienen, als wir je brauchen. Wir wollen einmal wieder recht vergnügt seyn. Ueber vierzehn Tage ist Hochzeit. Werde nicht roth, Mariechen, der Gedanke daran hat mir allein Muth gegeben, mich so lange da oben einzusperren. Viel länger hätte ich es aber nicht ausgehalten in der Nässe und Kälte.«

Anton brachte Wein und über die Freude des Alten vergaßen selbst die Kinder ihre Sorgen und gingen zuletzt in die Gedanken des Vaters ein. Der war so fest überzeugt, daß auch sie sich einer Hoffnung hingaben, die ihnen eine so schöne Zukunft öffnete. Als die Flasche leer war, setzte sich der Alte an das Klavier und phantasirte mit einem Gefühle und Schwunge, wie es nur geschehen kann, wenn keine irdischen Sorgen die Phantasie lähmen.

»Seyd Ihr zufrieden?« schmunzelte der Musikus. »Ja, ich kann auch jetzt fliegen.«

Der Redakteur hatte Wort gehalten. In ganz Amsterdam sprach man von nichts, als von Roos und seinem Wagstücke. Alles war gespannt darauf. Der Tag, an dem das Schauspiel Statt finden sollte, war bestimmt. Von dem Thurme des Palais aus sollte Roos seinen Flug antreten. Die Preise der Plätze in seiner Nähe waren auf Veranlassung des Zeitungsunternehmers, der die ganze Besorgung freundlich übernommen hatte, sehr theuer und selbst die auf dem großen Platze vor dem Palais noch ziemlich hoch angelegt. Man riß sich um die Billets, die in wenig Stunden verkauft waren, und bald in den Händen der Käufer Gegenstand von Spekulationen wurden. Am Morgen des wichtigen Tages erhielt Roos eine Summe eingehändigt, die seine kühnsten Erwartungen überstieg und die er stolz seiner Marie übergab. Er selbst war voll Zuversicht und mit seiner Maschinerie nach dem Palais gefahren. Marie war in einer fieberhaften Aufregung. Todesangst lag auf ihrem Herzen. Sie zitterte für den Vater und war durchaus nicht zu bewegen, nach dem Platze zu gehen, um dem Schauspiel beizuwohnen.

Es war ein herrlicher Tag, eine kalte, aber durchsichtig klare Luft. Der Thurm des Pallastes sah ernst auf die Menschenmasse herab, die zu seinen Füßen auf und ab wogte und schon zu murren anfing, daß man sie so lange warten ließ. Aber es verging eine halbe Stunde über die festgesetzte Zeit und noch immer sah man oben auf der Platform, die sich unter dem großen Glockenspiele befindet, keine Anstalten treffen. Roos hatte im großen hohen Saale des Palais einen Versuch anstellen müssen und von dem Balkon, der in demselben angebracht ist, sich herabgelassen; aber er war dabei gestürzt und hatte sich das Bein verrenkt. Er war halb ohnmächtig. Ein Beamter sprach davon, daß das Ganze eingestellt und dem Publikum das Geld zurückgegeben werden müsse, da es klar sey, daß das System des Erfinders sich nicht bewährt habe.

Diese Worte brannten dem alten Mann in die Seele. Er sprang auf und rief: »Das darf nicht geschehen. Man darf mich nicht hindern. Ich wußte vorher, daß es hier in diesem engen Raume mißglücken würde. Draußen, wo die Luft mich zu tragen vermag, bin ich meines Erfolges gewiß.«

Mehre Andere, die ihn umstanden, wollten ihm in Güte zureden, sein tollkühnes Wagstück aufzugeben, das ihm das Leben kosten könne, aber er war nicht zu bewegen.

»Das Geld zurückgeben!« sagte er leise vor sich hin, als er die Treppe zum Thurme hinaufstieg. »Was fingen dann die armen Kinder an? Alle Quellen sind versiegt; meine Thorheit hat ihnen das Letzte geraubt und ich soll ihnen jetzt wieder zur Last fallen, zusehen, wie sie sich zu Tode arbeiten und grämen, weil ich ein Narr war. Hinausgestoßen in Wind und Wetter, ohne Brod, ohne Dach, ohne Kleid und Alles um meinetwillen. Sie würden es mir nicht zeigen, aber jeder erdrückte Seufzer würde mir auch wie ein feuriges Schwert durch die Brust fahren und mir Höllenqualen bereiten. Im Leben war ich ihnen eine Last, so will ich ihnen im Tode helfen. Lärmt nicht, lärmt nicht,« fügte er hinzu, als das Toben des ungeduldigen Volkes ihm immer deutlicher zu Ohren kam, »Euer Opfer kommt schon.«

Er hatte die letzte Stufe erreicht. Das Volk brach bei seinem Anblick in ein anhaltendes Hurrahrufen aus und klatschte freudig in die Hände.

Roos lächelte schmerzlich. »Klatscht nur! Die Römer haben es auch gethan, wenn ein Gladiator fiel, um nie wieder aufzustehen.«

Er sah herunter, ob er keines seiner Kinder erblicken könnte. Aber unten war Kopf an Kopf gedrängt und aus dieser Höhe nichts zu unterscheiden. »Es ist besser so!« sagte er. »So ist ihnen der erste Schreck geschenkt und weinen werden sie doch um mich. Ach, ich weiß ja jetzt, daß keine Hoffnung mehr für mich ist und daß es nichts ist mit meiner geträumten Kunst.«

Er legte langsam seinen Apparat an. Unten war alles still, wie das Grab.

»Nur noch einmal möchte ich Musik hören,« sagte er und trat auf das Brett, das über das Geländer der Plattform gelegt war.

In demselben Augenblick schlug es drei und das Glockenspiel über ihm fing an zu rasseln und stimmte mit seiner hellen Metallstimme einen Choral an, den er selbst in seiner Jugend komponirt hatte. Roos sprach nicht, seine Lippen bewegten sich nur. Er betete. Sein Gesicht strahlte von einer himmlischen Freude. Noch einmal blickte er zum Himmel auf, breitete die Arme aus und sprang vom Brette.

Ein furchtbarer Schrei zerriß die Luft, ein einziger Schrei, er kam aus tausend Kehlen.

Roos war mit einem seiner Flügel gegen die kolossale Statue der Gerechtigkeit gefahren, die sich dicht unter der Thurmbrüstung an dem Rande des Vordaches erhebt, er war in das Dach gefallen und von diesem zurückgeschleudert worden und aus der furchtbaren Höhe auf das Pflaster herabgestürzt.

Der Apparat hatte den Fall etwas geschwächt. Der Unglückliche war zerschmettert, athmete aber noch.

Ein Mädchen und ein junger Mensch hatten sich durch die erstarrte Menge Platz gemacht und warfen sich verzweiflungsvoll über den Armen. Es war Marie mit Anton, die die Unruhe doch nicht zu Haus geduldet hatte und die gerade zu diesem furchtbaren Moment gekommen waren.

Der Vater hatte die Augen geschlossen, er sah nicht, er hörte nicht.

Man hatte schnell eine Bahre herbeigeschafft, auf die man ihn legte und ihn so nach Hause trug.

Das Volk verlief sich. Viele folgten theilnehmend dem Zuge.

Die Börse war gerade aus. Der reiche Mann vom Herrengracht kam eben aus diesem alten Gebäude. Sein Begleiter frug, was geschehen sey. »Der arme Mensch!« sagte er, als man ihm das Schicksal des Luftschiffers erzählte.

»Die Neapolitaner sind um ein Achtel gestiegen,« sagte Hauseigenthümer des Musikus ruhig, und ging gelassen weiter, ohne sich umzusehen.

Roos lag auf seinem Bette. Der Wundarzt hatte erklärt, daß hier nichts zu thun sey. Die kleine Familie war allein, Marie und Anton bewachten die Athemzüge des Vaters. Das Unglück war zu fürchterlich über sie gekommen. Sie konnten nicht einmal weinen.

So verging eine schreckliche Stunde.

Da öffnete Roos die Augen und versuchte zu lächeln, als er seine Kinder sah. Aber der Schmerz verzerrte ihm den Mund. Marie warf sich über ihn.

»Richte mich etwas auf,« sagte er endlich mit schwacher Stimme zu Anton.

»Es ist vorbei mit mir!« flüsterte er. »Mir ist wohl. Seyd glücklich. Mein Tod ist Euer Leben.«

Marie schluchzte.

»Seyd glücklich zusammen. – Anton, bleibe der Musik treu, aber verlaß das Land. Wer hier steigen will, fällt schwer. Und das schmerzt. Eure Hand – Lebt wohl.«

Roos hatte sich höher aufgerichtet und sank bei den letzten Worten zurück. Er hatte ausgelitten.

Zwei Monate später erhielt der Bürgermeister von Amsterdam zur Vertheilung an die Armen eine Summe Geldes aus einer Stadt Deutschlands zugeschickt. Anton hatte dort eine Stelle gefunden, die ihn und Marie reichlich ernährte. Das Geld war die Einnahme des armen Roos bei seiner traurigen Luftfahrt.

Marie wollte das Blutgeld nicht.

 


 

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