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Bilder aus den Niederlanden. Erster Band

Louis Lax: Bilder aus den Niederlanden. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorLouis Lax
titleBilder aus den Niederlanden. Erster Band
publisherVerlag von J. A. Mayer
year1838
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
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Liebes-Glück und Unglück

I.

 

Der größte Dichter und Maler bleibt der Mond. Seine silbernen Strahlen schmelzen das sprödeste Gemüt in weichen Fluß sehnsüchtiger Empfindung um, sein Licht wirft über die trockensten Formen einen zauberhaften Schleier. Wie erst, wenn ihm ein poetischer Sinn entgegenzittert, wenn ein erhabener Bau die Brust in seinen geheimnißvollen Schein taucht! Es war eine milde, süße Nacht. Das stolze Antwerpen, das schimmernde Juwel Belgiens, lag schlummernd zur Seite des leise rauschenden Stromes. Die prächtige Stadt, mit ihren Domen und altehrwürdigen Gebäuden, den Denkmälern einer gewaltigen Zeit, schwamm im Mondlichte, in das die hohen Thürme ihre langen Schatten warfen. Nirgends regte sich ein Laut, nur in Pausen tönte von hier und dort ein Glockenspiel durch die klare Luft, das in dieser Stille fast feierlich erklang. Kein Mensch war auf den Straßen zu sehen. Nur auf der Place de Meir hörte man eine laute Stimme. Sie kam aus einem großen, ansehnlichen Hause. Der Mond, der sich in dem blanken Schilde an der Thür spiegelte, verrieth den Namen des Eigenthümers, des Herrn Wilhelm Verlaenen, eines der reichsten Handelsherrn von Antwerpen. Aber die Stimme klang wie von gewaltigem Zorne, und stach schneidend ab gegen die Ruhe, die überall herrschte.

In der Stube des untern Stockwerks lag ein reizendes Mädchen zu den Füßen eines schon bejahrten Mannes, der sie mit Wuth in den Blicken unsanft zurückstieß, während eine ältliche Frau, deren Gesicht Angst und Schrecken verrieth, sich zwischen sie warf und um Schonung zu flehen schien.

»Erbarmen, Vater,« rief das Mädchen, die Hände ringend, »Erbarmen für mich und Edward.«

»Nimmermehr! Nenne mir den Namen nicht mehr oder Du hast meinen Fluch.«

»Sey nicht so hart gegen sie,« beschwor ihn die Mutter zitternd. »Gönne ihr etwas Ruhe. Wir sprechen morgen weiter darüber und ich bin überzeugt, daß dann Marie –«

»Was soll das? Eine undankbare, entartete Tochter verdient keine Nachsicht. Warum trotzt sie mir, warum schlägt sie den Mann aus, den ich für sie bestimmt habe, den reichsten Mann von Brügge, meinen Neffen, mein Adoptivkind? Und wem zu Liebe? Um eines Fremden, eines elenden Menschen willen, der weder Name, noch Familie, noch Vermögen besitzt. Nachsicht? Sie wäre schlecht angebracht. Kein Wort! Höre mich an, Marie, mein Wille ist unerschütterlich. Karl Ruttens ist mein Verwandter, der Sohn meines besten Freundes, der mir, als es Noth that, mit Geld und Rath beisprang, eines Mannes, dem ich die Erhaltung meiner Ehre verdanke, der es möglich machte, daß ich meine Verpflichtung erfüllen konnte. Karl selbst reiste vor drei Jahren nach Holland und rettete mir beträchtliche Summen, die mir sonst durch den schlechten Bankerott eines Amsterdamer Hauses verloren gegangen wären, und schützte mich so vor dem schauderhaften Unglück eines Falles. Seine Verbindung mit Dir verschmilzt das Vermögen beider Familien und verschafft mir die einzige Möglichkeit, einen Theil meiner Schuld abzutragen. Die Verbindung ist am Sterbebette des Herrn Ruttens verabredet und beschlossen worden. Sie war von je her mein Lieblingsgedanke, mein schönster Traum, und ehe ich ihn aufgäbe, wollte ich Dich lieber todt zu meinen Füßen sehen. Du kennst jetzt meinen Willen. Verschone mich mit Deinen Zierereien. Man umfaßt nicht die Kniee eines Vaters, wenn man ihm so trotzig zuwider handelt. Steh auf! Steh auf! Ich will nichts von dieser Heuchelei wissen. Gehorche, das ist das Beste, was Du thun kannst, für Dich und für mich.«

Und damit stieß er seine Tochter zurück, verließ schnell das Zimmer und befahl seiner Frau, ihm zu folgen.

Die Verzweiflung Mariens aber war so ergreifend, daß ihre Mutter nicht sogleich sich von ihr zu trennen wagte; sie fing sie auf, schloß sie in ihre Arme und suchte sie zu beruhigen.

»Sieh nur,« sagte sie, »wohin uns Deine thörichte Liebe führt. Marie, meine gute Marie, beruhige Dich. Willige nur ein, daß Dein Bräutigam, den Du noch gar nicht kennst, Dir vorgestellt werde, und ich verspreche Dir, der Vater wird freundlicher gegen Dich gestimmt.«

»Wird's bald? Kömmst Du wohl?« rief Herr Verlaenen heftig aus der andern Stube.

»Ich komme schon, lieber Mann. Sey vernünftig, Marie, und rechne auf die Zärtlichkeit Deiner Mutter.«

Sie umarmte noch einmal ihre Tochter und entfernte sich voll Angst über den Zorn ihres Mannes.

Als Marie allein war, stand sie auf und verriegelte die Thür, die zu den Gemächern ihrer Eltern führte, blickte zitternd auf die Uhr, die schon auf halbzwölf zeigte, und sank dann wieder erschöpft auf das Sopha. Die Thränen, die unaufhaltsam ihren Augen entströmten, das krampfhafte Zittern, das sie ergriff, alles verrieth den schweren Kampf, der sie bewegte.

»Was soll ich thun?« flüsterte sie vor sich hin und rang die Hände. Aber immer wieder ließ sie den Kopf sinken, keine Aussicht öffnete sich aus diesem Leiden.

So verging eine lange Stunde. Plötzlich ließ sich ein Geräusch aus einem Gange vernehmen, der aus ihrem Zimmer nach dem Garten führte. Marie schrack zusammen, stürzte aber sogleich nach der Thür und öffnete einem Manne, der, in einen Mantel gehüllt, in das Zimmer trat. Sie warf sich an seine Brust.

Der Fremde mochte etwa dreißig Jahre alt seyn, er war stattlich gewachsen und sein Gesicht regelmäßig. Die dunklen Augen schossen Flammen.

»Nun?« sagte er leise.

»Keine Hoffnung!« seufzte sie.

»Sie wollen es also? So mögen sie es haben. Nimm Deinen Mantel und komme.«

»Edward, o mein Gott, was soll ich thun? Das Haus meiner Eltern verlassen, mich an immer der Verachtung der Welt Preis geben?«

»Gibt es noch ein anderes Mittel, Deinen Vater zur Einwilligung in unsere Verbindung zu zwingen? Bist Du fort, muß er nachgeben.«

»Du kennst ihn nicht, Edward. Er wird mich verfluchen und nichts mehr von mir wissen wollen.«

»Hast Du ihm Alles entdeckt?«

»Ich wäre zu seinen Füßen gestorben, hätte ich ihm meine Schande verrathen.«

»Man stirbt nicht so leicht. Und was willst Du denn? Hier bleiben? Dich Karl Ruttens vorstellen lassen, dem Du bald nicht mehr wirst verbergen können –«

Marie stieß einen Schrei aus. »Du hast Recht,« rief sie mit erstickter Stimme, »ich muß fliehen, sogleich fliehen. Komm, ich bin bereit.«

»Hast Du Dein Geld, Deinen Schmuck genommen.«

»Nichts. Alles, was hier ist, gehört meinem Vater.«

»Doch nicht das, was er und Deine Mutter Dir geschenkt haben.«

Der Fremde öffnete einen Schrank und nahm den Schmuck und die Börse heraus, die sich darin befanden. Darauf reichte er Marien den Arm.

»O Gott!« stöhnte sie. Ihre Augen starrten wie verwirrt umher und die Hände preßten die brennende Stirn.

Einige Minuten später und die Lampe brannte nur noch in einer leeren Stube.

 

II.

 

Sechs Monate waren vergangen. Es war zu Brüssel, in einem kleinen Hotel garni in der Straße Notre Dame. Ein junger Mann trat eben hinein und verlangte von der Wirthin den Schlüssel zu seinem Zimmer.

»Hier ist ein Brief von Brügge an Sie,« sagte die alte Frau.

»Geben Sie her, Frau Migure.«

»So warten Sie doch. Ich habe Ihnen noch viel Neues zu erzählen.«

»Ich habe heut keine Zeit.«

»So, und doch wollten Sie immer etwas von Madame Livingston wissen? So sollen Sie es auch nicht erfahren.«

Der junge Mann blieb stehen; eine leichte Röthe überflog sein Gesicht.

»Wie!« sagte er. »Ist sie wieder nach dem Hotel gekommen?«

Frau Migure verließ ihre Stube, sah sich erst auf der Treppe um, ob auch niemand lausche und zog dann den jungen Mann bei Seite.

»Ach, lieber Herr Ruttens,« sagte sie, »das ist ein wahrer Jammer. Sie wissen, daß der schändliche Mensch, ihr Mann, sie eben, wie sie ihrer Entbindung nahe war, fortgejagt hat. Heute kömmt das arme Weib wieder, das Kind auf den Arm, das unschuldige Ding, das der Tiger von Engländer noch nicht einmal gesehen hat. Sie steigt hinauf und denken Sie sich, ich glaube, er hat sie nicht einmal hereingelassen. Herr Livingston will nicht aufmachen, und ich vermuthe gar, er ist nicht einmal allein. Denn ich sehe jetzt immer Leute, auch Frauenzimmer heraufgehen, die nach nichts Rechtem aussehen. O die Männer, die Männer! Aber wenn ich könnte, der sollte es mir bezahlen.«

Ruttens hatte dem Anscheine nach ruhig zugehört. Aber wer ihn genauer betrachtet, hätte sehen können, wie er vergebens seine Bewegung, seinen Schmerz zu verbergen suchte. So wie Frau Migure aufgehört hatte, sprang er hastig die Treppe hinauf. Aber auf dem Flur des ersten Stocks stieß er fast gegen eine Frau, die auf dem Boden saß, mit dem Rücken gegen eine Thür gelehnt, bleich, abgezehrt, in ärmliche Kleider gehüllt und ein Kind auf den Knieen. Als sie ihn erblickte, stöhnte sie laut auf und schlug beide Hände vor das Gesicht. Ruttens wollte sie anreden, aber er ahnte ihren tiefen Schmerz und zog sich in sein Zimmer zurück. Der Antheil, den er an ihr nahm, trieb ihn jedoch an die Thür, um Acht darauf zu geben, was vorgehen würde.

Die Frau klopfte wieder leise an die Thür.

»Edward,« sagte sie mit zitternder Stimme, »mach auf. Marie, die Mutter Deines Kindes beschwört Dich darum.«

Alles blieb still. Keine Antwort.

Der Elende hatte die unglückliche Marie wirklich verstoßen, nachdem sie von Madame Verlaenen einen Brief erhalten, worin sie ihr anzeigte, daß ihr Vater sie enterbt habe, und ihr verbiete sich je wieder vor ihm blicken zu lassen. Herr Verlaenen – Marie wußte nur zu gut – war unerschütterlich, wenn er einmal etwas beschlossen hatte. Madame Verlaenen versprach zwar, sie werde ihre Tochter nie ganz verlassen und sie zu unterstützen suchen, aber das genügte dem Herrn Edward Livingston nicht, der auf eine reiche Heirath spekulirt und in Marie nur die glänzende Mitgift gesehen hatte. Er hatte durch seine Entführung dem Vater Mariens die Einwilligung abzutrotzen geglaubt, aber sich geirrt. Sobald er dies erkannte, sobald er wußte, daß Marie ihm nur eine Last, kein Gewinn seyn werde, war er auch sogleich entschlossen, sich ihrer zu entledigen. Der Schmuck Mariens war bald durchgebracht, zuerst deutete er ihr an, sie thue besser, wenn sie zu ihren Eltern zurückkehrte, und da sie sich weigerte, überschüttete er sie mit Mißhandlungen. Marie trug alles mit Engelsgeduld, als Strafe ihres Vergehens. Als auch das nicht fruchtete, schritt der Bösewicht zum Aeußersten und stieß sie mit Gewalt aus dem Hause.

Marie war Mutter geworden. Kaum hatte sie wieder Kraft genug, zu gehen, so kehrte sie zu ihrem Verführer zurück, sein Mitleid anzuflehen.

»Edward,« rief sie von Neuem, »antworte! Willst Du Dein Kind nicht sehen?«

In diesem Augenblick öffnete sich endlich die Thür. Eine Frau trat aus dem Zimmer Edwards und fragte mit frecher Miene: »Was wollen Sie? Was schreien Sie nach meinem Manne?«

Die junge Frau starrte sie sprachlos an.

»Ihr Mann?« sagte sie endlich. »Wohnt hier nicht Herr Edward Livingston?«

»Allerdings.«

Ein Mann näherte sich der Thür. Edward trat heraus.

»Das wird unerträglich,« sagte er mit Härte. »Ich habe Ihnen verboten, wieder zu kommen. Sie entfernen sich sogleich aus dem Hotel, Madame, und lassen sich nicht wieder sehen, so lange ich hier wohne.«

Marie war, wie krampfhaft, aufgesprungen. Sie wollte das letzte versuchen. »Edward,« sagte sie und hielt ihm ihr Kind hin, »Edward, es ist unser Sohn. Du kannst ihn nicht zurückstoßen«.

»Ich kenne weder Sie, noch Ihr Kind.«

Das war zu viel. Karl, der alles gehört hatte, stürzte aus seinem Zimmer und sagte zu Edward:

»Haben Sie denn gar kein Gefühl! Wie! Sie haben die arme, unglückliche Frau verführt, und geben sie nun ohne Erbarmen dem Elende Preis!«.

Edward zitterte vor Wuth. »Ich begreife nicht,« sagte er, »wie Sie sich in Sachen mischen können, die Sie nichts angehen. Entfernen Sie sich oder ich werde Ihre Anmaßungen zu züchtigen wissen.«

»Sie sind ein Schurke!«

Marie hörte nichts mehr. Ohnmächtig sank sie auf die Stufen der Treppe. Als sie wieder zu sich kam, lag sie in schrecklichsten Phantasien. Ein hitziges Fieber tobte in ihren Adern und erst viele Tage später, während deren sie mehr als einmal am Rande des Grabes geschwebt hatte, erkannte sie, daß sie sich in Karls Zimmer befand, und daß sie und ihr Kind auf das Sorgfältigste von Frau Migure gepflegt worden.

 

III.

 

Sobald Marie wieder zum Bewußtseyn gelangt war, erfuhr sie von der Wirthin, daß die beiden jungen Männer sich geschlagen hatten. Karl Ruttens war verwundet worden und Edward hatte das Hotel verlassen. Karl hatte Marie in sein Zimmer schaffen lassen und die Wohnung Edwards bezogen. Solange Marie in Gefahr war, hatte er ihr Bett nicht verlassen, ohne an seine eigene Wunde zu denken, und Tag und Nacht mit der Frau Migure bei ihr gewacht.

Als die junge Frau sich wieder etwas hergestellt fühlte, erklärte sie, daß sie das Hotel verlassen werde, da sie nicht länger einem Fremden zur Last fallen könne.

»Und wo wollen Sie hin?« fragte Karl. »Bleiben Sie wenigstens, bis ich Ihnen irgendwo eine passende Arbeit verschaffen kann, die Sie und Ihren Sohn ernährt.«

Karl fühlte zart genug, um ihr selbst das Drückende seiner Großmuth ersparen zu wollen, und ließ ihr ins Geheim die Stickereien, für die er ihr Aufträge besorgt, mehr als den doppelten Werth bezahlen.

Erst spät und zufällig erfuhr sie den Namen ihres Wohlthäters. Es war der härteste Schlag von allen. Er, dessen Hand sie einst ausgeschlagen, um dem schändlichen Edward zu folgen, ihr Verwandter, mußte sie jetzt in einer solchen Lage finden. Es war ein schwerer Kampf, den sie mit sich zu kämpfen hatte. »Karl,« sagte sie, »Sie haben mich getäuscht, und ich kann jetzt nicht mehr hier bleiben. Sie selbst werden es fühlen, wenn ich Ihnen meinen Namen nenne. Ich bin Marie Verlaenen.« »Ich wußte es, theure Cousine,« sagte er mit einem trüben Lächeln.

Marie wollte fort. Aber den dringenden Bitten Karls, den Vorstellungen der Frau Migure war nicht zu widerstehen. Sie hatte den Muth nicht, die letzte Stütze von sich zu stoßen, die ihr auf der weiten Welt geblieben war.

So saß sie eines Abends allein an der Wiege ihres Kindes, als der Wächter hereintrat und ihr einen Brief übergab.

Er war von ihrer Mutter. Sie drückte ihn an ihre Lippen, öffnete ihn und las:

»Dein Vater wird nie einer Tochter verzeihen, die das elterliche Haus verlassen hat, aber auf meine Unterstützung hättest Du immer rechnen können. Ich bin nach Brüssel gekommen, um es meinem Kinde selbst zu versichern, um es zu trösten, es in meine Arme zu schließen. Aber was mußte ich hier hören! Gerechter Gott, nicht genug mit Einer Verirrung, verläßt Du auch den Vater Deines Kindes, ihm, dem Du alles geopfert hast, Deine Eltern, Deine Zukunft – und warum? – um einem andern Unbekannten zu folgen, mit ihm unter Einem Dache zu leben! Muß denn immer der erste Fehltritt zum Abgrunde führen? Dein Vater hat Recht und ich trete ihm jetzt bei. Auch ich will nichts mehr von einer Tochter wissen, die so sehr allem Ehrgefühl, aller Schaum entsagt hat. Ich sage mich los von Dir und bin Deine Mutter nicht mehr.

» Louise Verlaenen

Marie war erstarrt und sprachlos.

»Sie haben Recht,« seufzte sie endlich. »Alle haben Recht. Nach dem Verrath Edwards blieb mir nichts, als der Tod. Ich hätte ihn sogleich suchen müssen. Ich darf nicht mehr hier bleiben. Ich muß fort.«

Marie nahm ihr Kind und eilte fort. Unten begegnete sie der Wirthin, die vor ihrem Aussehen zurückschrack.

»Mein Gott, wo wollen Sie hin, so spät, und in dem Wetter.«

»Ich muß,« antwortete sie. »Der Brief ruft mich zu einer Person, die mich augenblicklich erwartet.«

»Aber es gießt in Strömen. Wollen Sie Ihr Kind diesem Sturme Preis geben?«

»Ich fürchte das Wasser nicht,« sagte Marie mit bitterm Lächeln und fester Stimme. »Aber mein Kind! Sie haben Recht, Frau Migure. Bewahren Sie es bis zur Rückkehr des Herrn Ruttens und übergeben Sie ihm das Billet, das ich sogleich schreiben will.«

»Sie weinen ja. Mein Gott, so beruhigen Sie sich doch und warten Sie ab, bis Herr Ruttens wieder da ist.«

»Es ist nichts, Frau Migure. Ich danke Ihnen.«

Marie schrieb schnell einige Zeilen, die sie zusiegelte und der Wirthin übergab. Noch einmal drückte sie krampfhaft ihr Kind an die Brust und eilte dann schnell die Montagne de la Cour hinab.

Die Wirthin sah ihr lange kopfschüttelnd nach. »Da steckt etwas dahinter,« sagte sie, »Ich wollte, Herr Ruttens wäre da.«

Aber er kam diesmal nicht so früh zurück, wie gewöhnlich, und die Nacht sank immer tiefer und dunkler herab, ein kalter Wind pfiff durch die Straßen und jagte Ströme von Regen vor sich her.

Endlich kam Karl. Die Wirthin übergab ihm das Billet! Es enthielt nur folgende Zeilen:

»Karl!

«Verlassen Sie mein Kind nicht, bis Sie es in die Arme meiner Mutter gelegt haben. Sie thun es, ich weiß, Sie thun es. Auch sie verläßt mich; Ihretwegen denkt sie Böses von mir und verachtet mich. Karl, beten Sie für mich und erfüllen Sie die letzte Bitte der unglücklichen

»Marie.«

Karl stieß einen Schrei des Entsetzens aus.

»O Gott, sie ist todt!« rief er, sich verzweiflungsvoll vor die Stirn schlagend.

»Jesus!« schrie Frau Migure, »meine Ahnung!«

»Wo ist sie hin? Welchen Weg hat sie genommen?«

»Dort, die Madeleine hinab, nach der untern Stadt.«

Karl lief wie wahnsinnig nach, und Frau Migure sank erschöpft in einen Stuhl.

 

IV.

 

Karl war seiner Sinne nicht mächtig. Die Ruhe, welche sonst in seinem ganzen Wesen vorherrschte, hatte der furchtbarsten Aufregung Platz gemacht. Die Häuser, die Wagen, alles flog an ihm vorüber, ohne daß er etwas bemerkte. Marie war todt. Es war der einzige Gedanke, der ihn erfüllte, das einzige Bild, das seinen Augen vorschwebte.

Endlich hatte er den Kanal erreicht. Dort mußte sie seyn. Er stieß auf einen Mann.

»Haben Sie eine junge Frau mit Hut und Mantel gesehen?« fragte er zitternd.

»Sie war eben am Bassin,« antwortete der Mann kurz und ging seines Weges.

Karl lief athemlos weiter. Angestrengt blickt er in die Nacht und sah nichts. Niemand war am Bassin. Er war bis zur schmalen Brücke gekommen, die das Bassin von einem der kleinen Kanäle trennt. Er bangte, daß er eine falsche Richtung eingeschlagen habe. Bebend lehnte er an einen Stein. Eine einzelne Laterne, die sich im Winde schaukelte, warf plötzlich einen schwachen Schimmer über den Platz. Er erblickte eine Frau, die auf einem der über das Wasser gestreckten Balken mehr lag, als saß. Es war Marie.

Nur von ihren Todesgedanken eingenommen, hörte sie nichts, sah sie nichts. Sie gehörte schon der Welt nicht mehr an.

Karl starrte sie einen Augenblick an, ehe er selbst zur Besinnung kommen konnte. Aber als er sah, wie sie sich erhob, und einige Schritte machte und hinabblickte in das Wasser, wie um seine Tiefe zu ergründen, sprang er, sich plötzlich ermannend, auf sie zu, und ergriff sie beim Kleide. Erschrocken wendete sie sich um, erkannte ihn und sank zu seinen Füßen.

»Was thun Sie hier, Marie?« fragte er mit einem Tone, in den sich Liebe und Tadel mischte.

»Ich suche ein Mittel gegen meine Leiden. Aber ich habe keinen Muth. Der eisige Tod entsetzt mich. Ich habe gezögert und nun –«

»Unglückliche! Und Ihr Sohn und Ihre Mutter!«

»Mein Sohn? Er wird mir einst fluchen. Meine Mutter haßt, verläßt mich. Die Welt verachtet mich. Für wen soll ich leben? Ich muß sterben.«

»Nein, nein,« sagte er, sie an sich ziehend. »Der Sturm hat Dich geknickt, aber ein Sonnenstrahl kann Dich wieder aufrichten. Gott verläßt Dich nicht. Er hat Dir in mir einen treuen Freund gegeben. Was kümmert mich das Urtheil der Welt? Du bist mein, Dein Sohn wird mein Sohn seyn. Niemand wird an Deiner Ehre zweifeln, wenn Du an meinen Arm erscheinst. Marie, schlägst Du die Hand eines Mannes aus, der Dich liebt, Dich verehrt?«

Marie gab keine Antwort. Sie lag besinnungslos in Karls Armen.

Alles war öde, weit und breit keine lebendige Seele. Der Sturm heulte über das Wasser. Der Regen fiel noch immer kalt und schaurig herab. Und doch waren hier zwei Glückliche, die nichts fühlten von der Wuth des Ungewitters.

 

V.

 

Drei Wochen später hielt ein Wagen auf dem Meirplatze zu Antwerpen, vor dem Hause des Herrn Verlaenen. Ein Mann und eine Dame, deren Gesicht von einem schwarzen Schleier verdeckt war, stiegen aus und verlangten den Hausherren zu sprechen. Im Wagen hatten sie eine Dienerin gelassen, die ein schlummerndes Kind auf ihrem Schooße wiegte.

»Herr und Madame Ruttens,« meldete der Bediente, indem er die Thür des Empfangzimmers öffnete.

»Ich reise,« sagte Karl, »wahrscheinlich auf einige Jahre nach Deutschland, will Ihnen aber zuvor meine Frau vorstellen, da ich nie vergessen kann, daß Sie mein zweiter Vater sind.«

»Wie!« rief Madame Verlaenen mit schmerzlichem Erstaunen, »Sie sind verheirathet?«

»Sie hätten mich vielleicht erst um Rath fragen sollen,« sagte Herr Verlaenen bitter, »ehe Sie einen solchen Schritt thaten, aber ich habe es gelernt, mich über nichts mehr zu verwundern und zu betrüben. Uebrigens bürgt mir Ihre Klugheit für die Wahl, die Sie getroffen. Sie wissen, daß ich einstmals andere Absichten mit Ihnen gehabt hatte. Aber der Himmel hat es anders gewollt. Nehmen Sie dennoch meine besten Wünsche für Ihr künftiges Glück an.«

Die junge Frau kniete nieder vor ihm und hob den Schleier, der sie bis jetzt bedeckt hatte.

»Marie!« riefen Herr und Madame Verlaenen zugleich.

»Nicht mehr Marie,« sagte Karl, »sondern Madame Ruttens, die Mutter des Kindes, das ich adoptirt habe. Sie müssen das Geschehene vergessen, Vater; und nur Eine Familie mit uns machen. In drei Jahren sehen wir uns in Brüssel wieder, denn wir verlassen Antwerpen auf immer. Aber wollen Sie vor unserer Abreise nicht Ihre Tochter umarmen, die Gattin des Schwiegersohnes, den Sie selbst gewählt haben.«

Herr Verlaenen schwankte noch; aber die Thränen traten ihm in die Augen. Er beugte sich herab zu Marien und zog sie an seine Brust.

»Möge sie Dich glücklich machen, Karl. Es ist die einzige Bedingung, unter der ich ihr einst verzeihen kann. Der Himmel möge den Fluch zurücknehmen, den ich über sie herabbeschworen, wie ich ihn jetzt zurücknehme und wie ich Dich segne, mein Sohn, der Du uns zum zweitenmale vor der Schande errettest.«

»Karl!« riefen Mutter und Tochter und schlossen ihn ihre Arme.

Er war überreich belohnt!


 

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