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Bilder aus den Niederlanden. Erster Band

Louis Lax: Bilder aus den Niederlanden. Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorLouis Lax
titleBilder aus den Niederlanden. Erster Band
publisherVerlag von J. A. Mayer
year1838
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20181217
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Das Ende einer Reichsstadt

 

»Aber was mißfällt Dir denn an ihm?«

»Man kann sich ja überhaupt keine Rechenschaft davon ablegen, warum einem irgend etwas gefällt oder nicht. Ich wenigstens kann es nicht. Sieh mal das alte, verräucherte Bild dort über dem Kamine; Joseph sagt, es sey nicht zehn Buschen werth, aber es gefällt mir. Er sagt, es wäre schlecht gemalt, schlecht gezeichnet, es tauge gar nichts, aber es gefällt mir einmal; die Engelköpfe und das Gesicht der Mutter Gottes sehen mich so fromm, so lieb, so herzig an, daß ich stundenlang davor sitzen und den Kopf nicht abwenden kann, und ich gäbe das Bildchen nicht für das beste Stück aus der Gallerie unseres Herrn Bürgermeisters weg. Du kannst sagen, das sey Unverstand. Mag seyn; aber es soll ja auch nur mir gefallen, und was hilft mir das Bessere, wenn es auf mich nicht den Eindruck macht, als das minder Gute.«

»Und wer ist – aber nicht von und in Bildern gesprochen – der minder Gute?«

»Du bist bös, liebe Agnes, aber mit Unrecht. Dein Vetter ist ein braver Mensch, und Du meinst es gewiß auch gut mit ihm, wenn Du ihm so eifrig das Wort redest, daß Dir jetzt schon die Thränen in den Augen stehen, aber das Herz hat doch auch eine Stimme, Ich kann ihn einmal nicht lieben.«

»Die Zeit, Marie –«

Marie schüttelte mit dem Kopfe, während ein leises, selbstgefälliges Lächeln ihre Lippen umspielte.

»Aber was hast Du denn an ihm auszusetzen,« fragte Agnes heftiger werdend, »wie müßte er denn seyn, um Dir zu gefallen? Ist er nicht ein guter, durch und durch wackerer Junge, ist er nicht, ja ist er nicht auch hübsch?«

Marie rückte hastig mit dem Stuhle zurück und sah ihrer Freundin mit den großen, schmachtenden Augen verwundert in das erhitzte Gesicht.

»Hübsch?« wiederholte sie gedehnt. »Ach, siehst Du, da muß ich Dich schon wieder auf das Bild verweisen. Hübsch? Aber ich frage Dich, wer kann mit den grauen Augen, mit der kurzen, untersetzten Figur hübsch seyn?«

Agnes sprang unwillig von ihrem Sitze auf und trat an das Fenster, gedankenvoll vor sich hinstarrend, ohne das ungewöhnliche Getümmel und Getreibe zu betrachten, das sich draußen auf der Straße laut machte. Es war noch kaum Abend, aber das trübe Dezemberwetter hatte schon früh die Häuser in seine dunkeln Schatten gehüllt und das Drängen der Wagen, Reiter und Fußgänger, die sich in einen dichten Knäuel zusammengeschlossen hatten und von denen jeder einzeln eifrig sich weiter zu arbeiten schien, aber doch nur von der Masse geschoben wurde, machte einen unheimlichen, ängstigenden Eindruck. Es war ein Zug, der kein Ende nehmen wollte. Große Frachtwagen, in der Eile mit den werthvollsten Gegenständen eines Hausrathes beladen, Betten, Spiegel, Gemälde mit kostbaren Rahmen bunt durcheinander, dort Aktenstöße, Kirchengefäße und Priestergewänder, hier ganze Familien, Männer, die ihre Frauen stützten und weinende Kinder auf den Armen trugen, dazwischen einzelne Leute, die mit heiterer, unbesorgter Miene dem Strome folgten, Mönche aller Farben – alles Flüchtlinge, die aus Schreck vor der Annäherung der Franzosen, vor den Drohungen, gleichwie vor den Versprechungen Dumouriez, ihre Heimath verlassen hatten. Es waren Lütticher, die zunächst in der alten Kaiserstadt Aachen Schutz und Sicherheit zu finden hofften. Die Franzosen hatten nach der entscheidenden Schlacht von Jemappes in schnellen Märschen fast ganz Belgien überschwemmt und bei einem Theile des Volkes die willkommenste Aufnahme gefunden, während alles, was an Oesterreich, an Aristokratie und Kirche hing, sich schleunig vor den gefürchteten republikanischen Excessen zu retten suchte. – Aachen war schon lange der Sammelplatz aller dieser Auswanderer geworden, die noch immer nicht begreifen konnten, wie eine Nation in ihrer Zügellosigkeit ein geordnetes und siegreiches Heer erzeugen könne, und die mit unerschütterlicher Zuversicht erwarteten, daß die Schänder der Krone bald den verdienten Lohn erhalten würden. Der Generalgouverneur von Belgien, der tapfere und brave Herzog von Teschen, und seine treffliche Gemahlin, die Erzherzogin Christine, warteten hier auf den Augenblick, wo sie im Gefolge der heranrückenden Kaiserlichen Truppen in ihre Residenz zurückkehren konnten. Eine große Menge Adliger und Geistlicher waren ihnen gefolgt und bildeten hier einen kleinen Hof, der noch durch eine zahlreiche Menge Französischer Emigranten verstärkt wurde, die immer hoffnungsvoll und übermüthig sich betrugen, als ob sie aus eigener Willkühr ein Paar Monate über die Saison hinaus an dem berühmten Badeorte verweilten. An eine weitere, größere Gefahr dachte noch niemand.

Man war dieses Lärmens und Jagens in Aachen schon zu gewohnt, als daß es noch sonderlich beachtet worden wäre. Auch warf Marie, die ihrer Freundin nachgeeilt war, kaum einen Blick auf die noch immer nachkommenden Flüchtlinge, sondern nahm Agnes bei der Hand und fragte sie mit ihrer sanften Stimme: »Aber sage mir, Liebe, warum bemühst Du Dich so unablässig mir zuzureden?«

»Er ist mein Vetter,« antwortete sie, ihr Gesicht gegen die kalte Scheiben pressend, »und,« setzte sie nach einer Pause hinzu, ohne ihre Stellung zu verändern, »er hat mir erklärt, er könne nicht ohne Dich leben.«

»So sag' ihm –« erwiederte Marie.

»Was?« fragte Agnes, indem sie sich schnell umwendete, aber noch schneller wieder ihre glühende Stirne gegen das trüb angelaufene Fenster lehnte.

»Sag' ihm,« fuhr Marie fort, nachdem sie einige Augenblicke ihre Freundin erstaunt angeblickt hatte, »sag' ihm, daß ich ihm für seine freundlichen Wünsche herzlich danke, daß ich seinen Werth ganz erkenne, daß dies Alles aber nicht genüge, aber auch das kannst Du ihm ersparen, wenn Du ihm bloß sagst, mein Oheim würde nie in eine Verbindung mit ihm einwilligen. Die kennst ja seine Ansichten und Vorurtheile.«

»Und wenn dies einzige Hindernis gehoben wäre?« fragte Agnes, Marie mit einem beinahe strengen Ausdrucke in das Auge blickend.

»Es wird aber nicht gehoben werden!« antwortete eine tiefe Stimme hinter ihnen.

Die beiden Mädchen fuhren erschrocken zusammen und wendeten sich zu dem Manne um, der, unbeachtet von ihnen, in das dunkele Zimmer getreten war und ihre letzten Worte gehört haben mußte. Marie, die sich am schnellsten gefaßt hatte, verließ sogleich das Zimmer, nahm dem Manne Hut und Stock ab, rückte einen großen, mit Leder überzogenen Lehnstuhl an das Kamin, ergriff das an einem Nagel hängende Schüreisen und rüttelte damit die brennenden Kohlen zusammen, daß sie in kleinen blauen und rothen Flämmchen erglühten, die einen kurzen, zuckenden Schimmer in die Stube warfen. Man konnte jetzt die Umrisse des eben Eingetretenen, der sich bequem niedergesetzt und die Füße behaglich auf ein schmales Kissen gestreckt hatte, um sich nicht auf dem mit breiten rothen und grauen Steinen ausgelegten Fußboden zu erkälten, etwas deutlicher erkennen. Es war ein großer, wohlbeleibter Mann, dessen kahler, nur von wenigen schneeweißen Haaren umkränzter Schädel von hohem Alter zeugte, wie seine ungebeugte Stellung und die fast zu blühende Gesichtsfarbe ungeschwächte Kraft und Gesundheit verrieth. Seine Züge waren, wenn auch nicht edel, doch ziemlich regelmäßig; der hohe Blick seiner blauen Augen und der feine, etwas spöttisch gezogene Mund gaben der ganzen Erscheinung etwas Anziehendes. Nichts desto weniger sprach aus der Emsigkeit, mit welcher Marie sich um ihren Oheim – denn das war er – bewegte, weniger liebende Zuvorkommenheit, als furchtsame Scheu.

»Und warum kann dieses Hinderniß nicht gehoben werden?« erneuerte Agnes ihre Frage, indem sie sich ebenfalls dem Feuer näherte.

»Warum?« antwortete der Alte, sich halb aufrichtend und noch rother werdend, »warum? Weil ich Diener des hohen Rathes der Stadt Aachen bin und der Joseph Schramm nichts ist, als ein Goldschmiedegesell –«

»Der alle Tage Meister werden kann,« unterbrach ihn Agnes eifrig.

»Ich aber,« rief der Alte, sich auf die breite Brust schlagend, »bin vom Rathe und die Goldschmiede können nicht in den Rath kommen, weil sie nicht zu den vierzehn Zünften gehören, also bekommt er auch meine Nichte nicht. Wißt Ihr, was das heißt, vom Rathe? Mein Großvater war vom Rathe, mein Vater war vom Rathe, ich habe leider keinen Sohn, aber in meiner Familie will ich wenigstens einen Nachfolger haben. Mein Vater wollte mich studiren lassen, ich sollte oben hinaus, ich that seinen Willen, aber als er starb – Gott habe ihn selig – bewarb ich mich um seine Stelle, deren Verdienst und Hoheit ich noch besser hatte erkennen lernen. Und ich sollte einem Schmiede – aber ich will mich nicht ärgern, denn es ist gegen meine Grundsätze. Also ein für allemal, es bleibt bei dem Hinderniß, Jungfer Agnes, und Sie kann das Ihrem Vetter sagen, auch habe ich bereits für die Marie gesorgt und sie meinem Kollegen, dem Herrn Houbben, zugesagt.«

Agnes sah ihre Freundin fragend und halb spöttisch an, diese aber schüttelte bloß, doch nicht unbemerkt von ihrem Oheim, ganz leise das Köpfchen.

Der Alte wollte eben dieser stillschweigenden Protestation mit strafenden Worten ihr Recht widerfahren lassen, als es leise anklopfte und auf das Herein! des Hausherrn ein kleiner, magerer Mann hereintrat, der die Mädchen mit glattem Lächeln grüßte und dem Alten am Feuer die Hand schüttelte. Es war der Vogtsdiener, Herr Houbben, eine unscheinbare Figur, der Jedoch ein gewisser Anflug von Geist, auch wohl Bosheit auf dem blassen Gesichte, mit seiner kurzen Stirn, der aufgeworfenen Nase und den kleinen, brennenden Augen, etwas Bedeutung gab.

»Eben von Euch gesprochen,« sagte Mariens Oheim.

»Doch in Gutem, Herr Lambert?« antwortete der Vogtsdiener.

»Jesus,« rief Marie, welche dem Gespräche gern eine andere Richtung geben wollte, »was der Lärm draußen zunimmt.«

»Bring Licht herein und mach die Schläge zu,« gebot der Oheim, »und laß mich ungehudelt mit allem, was uns nicht geradezu angeht. In welch leidiger Zeit leben wir,« fuhr er fort, während Maria ein Licht auf den breiten, an dem Rande verzierten Eichentisch setzte und die Läden schloß; »es ist, als ob die Mauern von den Häusern eingerissen wären, daß jeder Gassenjunge die frechen Blicke in unser Allerheiligstes werfen dürfte! Wie sich jedes Kind, sogar die Mädchen um die Anlegenheiten des Staates bekümmern, so spricht uns auch alle Welt in unsere Verhältnisse. Es gibt keine Schranken mehr und ich sehe kommen, daß alle Sitte und Ehrbarkeit mit zu Grabe gehen wird. Politik und Politik und darüber denkt man nicht mehr an das Zunächstliegende. Das ewige Geschwätz: wie sieht es in Paris aus? was haben sie in Brüssel angefangen? was sagt ihr zu dem Dekret? habe ich von Grund aus satt. Ich will meine Ruhe. Kümmern sich, was ein Paar hundert Narren in fremden Ländern zusammenbauen, und rezensiren und kritisiren darüber, und deduciren die letzten Folgen davon, als ob sie dem lieben Gott in die Karten gesehen hätten, und wissen ganz genau, wie es hätte besser gemacht werden können, und bei ihnen in dem eigenen Hause geht die Wirthschaft drunter und drüber, und die Kinder machen ihnen ein X für ein U nachdem andern.«

»Es ist ein Schwindel,« bemerkte Herr Houbben, »nur schlimm, daß er ansteckt. So etwas nimmt den Kopf ein und da können Dummheiten nicht ausbleiben.«

»Mir,« sagte der Alte, einen Blick auf die beiden Mädchen werfend, die in einem Winkel der Stube zusammensaßen und miteinander plauderten, »mir soll diese Freiheitswuth aus meinen vier Pfählen bleiben. Hier bin ich Herr und König und ich will den sehen, der mich absetzt. Wie kann jemand dem Staate gute Dienste leisten, wenn er in seinem Hause unglücklich ist? Hier also muß vor Allem ein jeder es sich bequem und behaglich machen, damit er seine übrigen Pflichten redlich erfüllen kann. Es geht mir nichts über meinen Dienst, aber um ihn von ganzem Herzen leben zu können, muß mir hier an diesem Heerde alles nach Wunsch und Willen gehen. Krieg, Frieden – dummes Zeug. Ich kann nichts zu dem einen, noch zu dem andern beitragen. Mögen die Franzosen sich meinetwegen auf den Kopf stellen, wenn es ihnen Spaß macht, was geht es mich an? Ob sie es lange aushalten, ohne überzuschlagen, was kümmert's mich? Ich will meine Ruhe. Marie, bring' uns eine Flasche Faro und zwei Gläser.«

»Es ist keine mehr da,« antwortete die Nichte, »auch nirgends eine zu haben.«

Der Alte machte ein sehr böses Gesicht. »Nachlässigkeit!« brummte er.

»Nicht doch,« entgegnete Agnes spöttisch, »blos die Politik. Wären die Franzosen nicht in Brüssel, hätten wir noch Brüsseler Bier hier, und so wirkt fremder Krieg und die Revolution sogar auf Küche und Keller und schlägt in das Bereich von uns Mädchen.«

»So bring etwas Anders,« rief Herr Lambert noch verdrießlicher. »Kein Faro! Hol der Teufel die Franzosen!«

»Und möge es ihnen ergehen,« fügte der Vogtdiener hinzu, »wie dem König Pharao, mögen sie ertrinken in dem rothen Blutmeere, das sie selber geschaffen.«

Marie war eben beschäftigt, eine Flasche des herzlich schlechten Stadtbiers, Gläser und ein Paar frische irdene Holländische Pfeifen und Tabak auf dem Tische aufzustellen, als die Thür hastig aufgerissen wurde, und ohne anzuklopfen, ein junger Mensch, von blühendem Aussehen, mit schwarzem Lockenkopfe und feurigen Augen in das Zimmer stürzte und ein Papier in die Höhe haltend, »Sieg! Sieg!« schrie.

»Wer hat gesiegt?« fragte der Vogtsdiener aufspringend und den Jüngling gespannt anblickend.

»Thu mir den Gefallen,« fuhr ihn dagegen Herr Lambert an, »und komm ein andermal, wenn Du uns wieder beehrst, säuberlicher in die Stube und fahr nicht herein wie der Sturmwind. Ich will meine Ruhe und brauche Deine Nachrichten nicht. Was mich nicht trifft, macht mich nicht neugierig, und was mich trifft, erfahre ich immer noch zu früh.«

»Die Oesterreicher sind wieder geschlagen und in vollem Rückzug. Ihr Hauptquartier ist schon auf Henri-Chapelle zurück, die Französischen Vorposten sind in der Nähe von Herve, in Lüttich ist die alte Verfassung umgeworfen und ein Nationalkonvent dekretirt. Der Jubel ist an der Tagesordnung. General Dumouriez wird überall auf Händen getragen, aller alte Wust wird ausgefegt, es gibt keine Vorrechte mehr, Freiheit und Gleichheit ist die Losung und jeder kann werden und erreichen, was er will, wenn er das rechte Zeug dazu in sich fühlt.«

»Auch aus einem Taugenichts ein braver Kerl?« fragte der Alte trocken.

»Danke für das Kompliment, Herr Pathe,« antwortete lachend der junge Mensch, »aber in ein Paar Jahren, wenn der Himmel uns noch so lange Krieg beschert, sollt Ihr Antwort haben. Was Donner, wie konnte man denn ehrlich bei dem jetzigen Kram bestehen? Das ganze Wesen und Handthieren war ja eitel Qual und Erbärmlichkeit. Zwischen Beichtstühlen und Aktenstößen konnte einem ja der Athem vergehen. Wie es vor hundert und fünf hundert Jahren getrieben wurde, so schleppte es sich mit faustdickem Staube unbeholfen und widerwärtig bis auf den heutigen Tag fort. Ei, wie wollen wir sie ausklopfen und wenn auch die Fetzen mit davonfliegen. Die Jugend will auch einmal ihre Zeit haben. Da hocken sie im Rathe –«

»Junge!« rief der Alte drohend.

»Nun ja,« fuhr der Andere immer gleich hastig fort, »ich weiß, Ihr habt den Narren an Eurem Posten gegessen, und wenn Ihr mit Eurem Amtszeichen, dem dreizackigen Stabe bewaffnet seyd, glaubt Ihr, es gleich dem alten Neptun thun zu können, von dem uns der Pater Quirinus in der Domschule erzählte, und der nur seinen Dreizack aufzuheben brauchte, um die rebellischen Wellen alsbald zur Ruhe zu bringen, aber wartet's nur ab. Ihr wißt doch noch, vor ein Paar Jahren, wie der alte Rath mit Knitteln vom Stadthause hinuntergejagt wurde? Laßt nur die Franzosen kommen, da werdet Ihr noch ganz andere Dinge erleben.«

»Ist wirklich Gefahr?« fragte Houbben.

»Ehe acht Tage vergehen, ist's so weit. Die Oesterreicher können sich nicht mehr halten, und wenn sie nicht eilig abziehen, so bricht die Revolution hier in ihrem Rücken aus, ohne gar auf die Franzosen zu warten. Der Klub der Freiheitsfreunde ist thätig, ich komme eben heraus, wir haben unsere Nachrichten und Verbindungen, und es kostet uns nur ein Wort, so geht der Tanz auf der Stelle los.«

»Du spielst wohl eine recht große Rolle dabei?« fragte der Alte spöttisch, während der Vogtsdiener sich wieder hinsetzte und gedankenvoll Wolken vor sich hinblies. »Ist es nicht ein Jammer?« fuhr er fort, als er keine Antwort erhielt; »daß gerade mir so etwas zukommen, daß ich eine solche ungehorsame Nichte und einen solchen Obenhinaus von Pathen haben muß? Nichts als Kummer und Sorge von Beiden zu haben; statt mir für alle meine Gutthaten nur Freude zu machen und blos für mich zu sorgen, wie es einer ehrbaren Dirne zukommt, unterhält sie sich mit dem Monde und bildet sich ein, sie wäre eigentlich zu einer Gräfin oder Prinzessin bestimmt, wenn sich ein achtbarer Mann ihrer Zukunft annehmen will; und der da, statt mit seinem bischen Gelde ein rechtschaffener Kaufmann zu werden und was vor sich zu bringen, verthut es lieber mit wilden Gesellen und will dann das Altehrwürdige, durch langes Bestehen Geheiligte umstoßen helfen, um aus den Bruchstücken sich leicht und bequem etwas Neues aufzubauen. Bleibt bei Eurem Leisten und seyd das tüchtig, zu was Ihr bestimmt seyd. Kommt her, Kollege, und stoßt an: Es lebe Aachen und wenn es versänke! Und wenn die Franzosen noch so gottloses, leichtsinniges Volk sind, die alte Kaiserstadt, die Krone des heiligen Römischen Reiches, werden sie in Ehren halten.«

Der junge Mensch zuckte die Achseln und trat zu den Mädchen, während Herr Houbben sein Glas gegen das des Rathsdieners anstieß und besorgt ausrief: »Wir wollen es hoffen obwohl was Herr Corus da sagt, bedenklich genug klingt.«

»Macht Euch doch keine Sorgen und glaubt mir – er betonte das laut und scharf – daß Ihr Unrecht hättet, wenn Ihr Euch um irgendetwas, was der Fant sagt, thut oder wünscht, ein graues Haar wachsen laßt. Es bleibt bei dem, was wir ausgemacht, und so wahr Ihr, wie ich, Euer Amt über Alles schätzt und hochachtet und lieber dem Aergsten Trotz bieten, als dasselbe durch Verleugnung beschimpfen würdet, so sicher könnt Ihr auf mein Versprechen bauen und damit Basta!«

»Aber,« warf der Vogtsdiener schüchtern ein, »wenn die Franzosen wirklich bis zu uns kommen und auch uns ihre Neuerungen aufdringen, wenn mein Vorstand, der Kaiserliche Vogt, flüchtet, wenn der Eurige, der hohe Rath, sich auflöst –«

»Wenn – wenn –« rief der Alte, voll Zorn seine Pfeife auf den Tisch aufstoßend, daß sie in zwanzig Stücke zerbrach, denn die Heiligkeit seines Amtes war der einzige Punkt, der ihn aufbringen, aus der Ruhe aufstören konnte, mit der er, weniger aus Apathie, als aus Egoismus, aus ängstlicher Sorge für seine leibliche Wohlfahrt, sich angewöhnt hatte, alles Uebrige zu betrachten, »wenn – wenn – wenn der Himmel einfällt, so halte ich ruhig meinen Kopf hin, weil ich ihn doch auf Erden nirgends verbergen kann. Aber in der Höhe suchte ich mir doch, könnte ich auch, keine Zuflucht. Wenn die Feinde uns gotteslästerlich unsere Rechte nehmen und uns dafür ihre Freiheit aufzwingen, die nicht einmal für sie taugt, geschweige für uns, für die sie nicht gemacht ist, so ziehe ich mich in mein Kämmerchen zurück und hänge meinen Mantel und meinen Stab drin auf, wie gerettete Reliquien, und bete davor, bis unser Herr Gott bessere Zeiten bescheert. Aber nie und nimmermehr unterwerfe sich mich als falscher, verrätherischer Ueberläufer dem fremden Regimente und diene ihm; lieber will ich meinen Kopf hingeben zum Pfande meiner beschwornen Treue, als meinen Mund neue Eide herschwätzen lassen, die mein Herz Lügen straft.«

»Es ist immer hart, Hungers zu sterben nur einer Idee wegen.«

»Wir wollen abbrechen davon,« sagte der Alte, der in seiner Aufwallung wirklich etwas Imposantes gehabt hatte; »noch sind das bloße Hirngespinnste. Laßt uns von etwas Anderm sprechen. Ich will meine Ruhe haben. Eine andere Pfeife, Marie.«

Seine Nichte hatte sie schon in der Hand und ging wieder zu ihrer Freundin und dem Pathen ihres Oheims, Franz Corus, der bei den Mädchen eine bessere Aufnahme gefunden hatte, als bei dem Herrn Lambert. Beide Mädchen konnten als sehr hübsch gelten, doch waren beide an Karakter, wie an äußerer Bildung durchaus verschieden. Der alte Rathsdiener hatte bereits ein leichtes Bild seiner Nichte entworfen. Sie war schlank gewachsen, doch nicht eben groß, und das dunkele Haar, die großen, von langen Wimpern überschatteten Augen hoben ihren zarten, fast zu bleichen Teint noch stärker hervor und gaben ihr einen Ausdruck von leidender Hingebung, von Sehnsüchtigkeit und Schutzbedürftigkeit, daß jeder Mann, der Muth und Selbstvertrauen in sich fühlte, herbeispringen mußte, um eine so zarte und reizende Blüthe vor dem Umknicken zu bewahren und zu stützen. Auch war ihr ganzes Wesen mehr in sich gekehrt, träumend und grübelnd, und es schien, wenn sie sich zu den ihr anheimgefallenen Hausarbeiten hergab, als ob sie sich nur aus angeborner Güte einem ihr so fremdartigen Geschäfte unterziehe. Von ihren Eltern, nach deren Tode der Oheim sie zu sich genommen, ziemlich ihrem Willen überlassen, hatte sie sich Gelegenheit geschafft, mehr zu lernen, als ihrem Stande nach zu erwarten war, und, da sie später viel allein war, sich einem maßlosen Spiele der Gedanken überlassen, die durch ihre wenige Bildung aufgeregt, aber selten berichtigt wurden. Sie war weniger verständig, als gefühlvoll, und weniger gefühlvoll, als von reger Empfindung. Die Empfindung zitterte ihr mehr in den gereizten Nerven, als daß sie ihr das Herz erfüllte und wärmte. Wohl aber war das letztere bei ihrer Freundin der Fall. Agnes war die Tochter des Goldschmidts Senden, dessen Haus, in der Jakobstraße, an das des Rathsdieners, Herrn Lambert, beinahe hart angrenzte, eine Nachbarschaft, durch welche auch die Bekanntschaft der beiden Mädchen entstanden war, die von Beiden mit gleichem Eifer fortgesetzt wurde, und welche auch an der Neigung Joseph Senden's, eines weitläufigen Verwandten des Schmiedeherrn, zu Marie Schuld war. Schon der volleres Wuchs, die blühende Gesichtsfarbe, die hellen, verständigen Augen verriethen den reichen Lebensmuth, der so leicht nicht und am wenigsten durch leere Phantasien zu erschüttern war. Und doch glühte auch in ihrer Brust ein so tiefer, reicher Born wahren Gefühls, daß nicht leicht etwas Hohes, Edles und Großartiges ihr begegnen konnte, ohne daß dasselbe aufwallte und sie sogar in helle Begeisterung versetzte.

»Graues Haar wachsen!« wiederholte Franz, die Lippen trotzig aufgeworfen; »als ob der falsche Kerl nicht deren schon genug auf seinem Judaskopfe hätte.«

»Ich bitte Dich, schweig,« bat ihn Marie, leise seinen Arm berührend. »Was hast Du nur davon, daß Du unaufhörlich den alten Mann so in seinen Lieblingsideen verletztest? Du weißt, daß ihn nichts empfindlicher trifft, als was nur im entferntesten die Würde und die Existenz des Rathes betrifft, und doch –«

»Der Rath?« unterbrach sie der ungestüme Jüngling heftig. »Da sitzt ein wohlweiser Diener desselben und glaubt in seiner Wichtigkeit, wenn er nicht wäre, so ging ganz Aachen zu Grunde. Gerade so weise ist der Rath auch, nur nicht so ehrlich. Pathe Lambert meint in seiner Einfalt, er trage wirklich das Wohl der Stadt auf seinen Schultern, der Rath aber weiß besser, wer durch ihn am besten berathen ist. Er selber nämlich. Was? Eine solche Wirthschaft sollte man ruhig mitansehen und lobpreisen, und das blos, weil sie schon so und so viel Jahrhunderte bestanden hat! Die Bürgerschaft, heißt er, regiert sich selber. Ja, schön! das steht so geschrieben, aber ein Wort ist nicht die Sache, und ein Paar glatte Redensarten machen das Joch, das sie uns aufgelegt haben, nicht leichter und angenehmer. Es geht tyrannischer bei uns zu, wie in der Türkei, und doch heißt Aachen eine Freistadt. Unsere Herren Bürgermeister, die in ein Paar Familien Wurzeln gefaßt haben, sich Jahr aus Jahr ein erneuern, aber nur die Früchte eines und desselben Baumes sind, und die den Rath mit ihren Kreaturen überschwemmen, treiben es mit uns, als wenn wir eine Heerde willenloser Schaafe wären. Aber der Schrei, den man in Paris erhoben, soll hier noch so viel Echo finden, daß er ihnen in den Ohren gellen und sie erinnern soll, daß es Zeit ist, in sich zu gehen. Alle Vorrechte müssen fallen, Alle müssen auf Alles Anspruch machen dürfen, es muß ein gleiches Regiment eingeführt werden und was sich nicht beugen will, muß brechen.«

»Sprecht nicht so laut,« sagte Agnes, »Herr Houbben scheint herzuhorchen.«

»Bah, Spioniren und Angeben ist sein Handwerk. Was ich sage, kann er hören. Sie wissen es oben recht gut, was in der Stadt vorgeht. Die Versammlungen junger und alter Leute, die Vorbereitungen zur Herstellung der Freiheit können ihnen nicht entgangen seyn. Aber sie wagen es nicht, dagegen einzuschreiten, weil sie selber an ihrem Siege zweifeln und die Erbitterung nicht noch mehr gegen sich aufzuregen wagen.«

»Wenn es aber doch umschlägt!« warf Marie mit zitternder Stimme ein. »O Gott, ich sehe nirgends Erfreuliches. Wenn Euer Anschlag mißglückt, bist Du in Gefahr, gelingt er, so weiß der Himmel, wie der Alte sich benehmen wird und was mir bevorsteht. Ich Unglückliche!« Dabei strömten ihr die heißen Thränen über das noch mehr als gewöhnlich bleiche Gesicht.

»Sey ruhig!« sagte Franz, ihre Hand ergreifend. »Wir siegen, vertrau' auf mich. Laß den Alten thun und sagen, was er will, oder hast Du schon meinen Namenstag und das Wort vergessen, das ich Dir damals gegeben, als Du mich so schön anbandest?«

So dunkel es auch in dem Winkel war, in welchem die drei sich unterhielten, konnte man doch deutlich die hohe Röthe erkennen, die plötzlich Mariens Gesicht überflog. Sie schlug die Augen nieder und wandte sich verlegen etwas von Agnes ab, aus deren Blick, der immer ein klarer Spiegel ihrer Seele war, Verwunderung, aber keine unangenehme, sprach und die besorgt und doch fast lächelnd von Neuem gegen den Vogtsdiener warnte, der offenbar sein Ohr mehr nach den jungen Leuten, als nach seinem Kollegen gerichtet hatte und jetzt eben den Mund zu einem recht gehässigen Lächeln verzog und dabei die Augen zugedrückt hielt, wie einer, der über einen recht hämischen Plan sinnt. Die Warnung hätte den jungen Menschen zu noch größerer Heftigkeit und Ungebundenheit aufgeregt und die Besorgnisse Mariens wieder gesteigert, wenn nicht das Eintreten Josephs, der seine Muhme zum Abendessen abzuholen kam, einen solchen Ausbruch verhindert hätte. Der Schmied, der seinen Auftrag nur als Mittel benutzte, um die von ihm geliebte Marie zu sehen, hatte mit großer Sorgfalt alle Spuren seines Handwerks von sich entfernt und machte so keinen übeln Eindruck. Auch wurde er von Allen, selbst von dem Herrn Lambert herzlich bewillkommnet und erhielt sogar von Marien, die durch sein Eintreten von einer großen Furcht befreit worden war, einen so freundlichen Blick, daß er sich ganz beseligt fühlte.

»Ich bin fertig, kommt« sagte Agnes kurz.

»Bleibt doch noch, Nachbar,« sagte der alte Lambert, da Franz sich nicht sehr beeilte, der Aufforderung seiner Muhme Folge zu leisten.

»Ja wohl, bleibt doch noch,« fügte der Vogtsdiener spitz hinzu, »Ihr könnt hier manches, in jetzigen Zeitumständen recht Passende über Freiheit und Gleichheit lernen.«

Der Schmied sah Herrn Houbben fragend an und wandte sich zu Franz, der verächtlich lächelte und antwortete endlich ganz ruhig: »Das sind Sachen, um die ich mich nicht kümmere. Ich thue, was ich schuldig bin, handle in meinem Kreise nach bestem Gewissen und lasse für das Uebrige die Obrigkeit sorgen. Ich glaube nicht, daß etwas Gutes dabei herauskommt, wenn jeder Bürger die Karten mischen helfen will; wenn alles zugleich auf das Eisen hämmern will, so schlägt einer den andern auf die Hand.«

»Jetzt aber,« warf Franz ein, »sind wir der Ambos und die Rathsschmiede schlagen auf uns.«

»So arg,« antwortete Joseph lächelnd, »ist es wohl noch nicht, und ich sehe doch, daß wir alle noch recht behaglich leben. Der Druck, den wir zu ertragen haben, ist schon noch auszustehen. Ich bin nicht neidisch auf anderer Leute Würden, noch so ehrgeizig, mehr scheinen zu wollen, als ich mit Ehren seyn kann. Worauf mich der Beruf hingewiesen hat, das habe ich mit ganzer Kraft zu treiben, drüber hinaus mag ich nicht, weil ich nicht weiß, ob ich dann noch der tüchtige Mensch seyn werde, der ich jetzt als Schmied bin. Zuckt nicht mit den Achseln, Franz. Haltet meine Gesinnungen nicht für Trägheit, Leichtsinn oder sonst was Schlimmes. Wenn ich einmal überzeugt wäre, daß das Wohl unserer Vaterstadt, daß unsere Ehre und wahre Freiheit auf dem Spiele stände, so solltet Ihr sehen, ob ich mich ausschlösse von den Reihen ihrer Verfechter und ob ich es scheuen würde, mein Leben dafür in die Schanze zu schlagen, aber ob der oder der Rathsherr seyn soll, darum mache ich keine Revolte mit. Ich bin in Brabant gewesen um 1791, als die Hitzköpfe drüben sich's auch einfallen ließen, mit ihrem Regenten anzubinden, aber sie haben es bald satt, recht satt bekommen, und was ich dabei gesehen habe, macht mir gar keine Lust, ähnliche Auftritte zu erleben.«

Er hatte dies mit immer gleicher Gelassenheit gesprochen, und da Agnes ihn beim Arme ergriff, um fortzugehen, so schüttelte er freundlich allen, auch Franz, die Hand und verließ mit seiner Muhme, nachdem er noch einen Blick zurück auf Marien geworfen, das Zimmer.

»Ein braver Mensch!« sagte der Vogtsdiener.

»Schade, daß er Schmied ist,« fügte Herr Lambert hinzu.


Aachen war im Jahre 1792 noch nicht die freundliche, an schönen Gebäuden so reiche, lebelustige Stadt, die es seitdem geworden. Wie die sämmtlichen Hauptstraßen durch Mittelthore, welche ebenfalls wie die Hauptthore geschlossen werden konnten, aber hauptsächlich nur zur Erhebung der Accise dienten, verkürzt und beengt wurden, so war auch das ganze Leben abgeschlossener, gedrückter. Das angeerbte leichte Blut wurde durch den spießbürgerlichen Ernst der reichsstädtischen Wichtigkeit gehemmt und abgekühlt und der gesellige Verkehr in den engeren Kanäln der Zunftgenossenschaft und nachbarlichen Verhältnisse festgehalten. Jede Straße vegetirte für sich und nur die Streitigkeiten bei neuen Rathswahlen vermochten diese vielen Schranken umzustoßen und die verschiedenen Interessen in nähere Berührung zu bringen. In den Zeiten der Ruhe blieb jeder für sich, und nur der einzige Herrenkeller, wo man den billigsten, nämlich den steuerfreien Zehntenwein trank, versammelte zuweilen eine Anzahl Bürger entgegengesetzter Farben und Geschäfte. Dort sah man sie Abends, in weite blaue, die Reicheren in grüne oder rothe Mäntel gehüllt, die zierlich gekräuselte Frisur mit einem großen Französischen Hute bedeckt, unter dem der breite Haarbeutel majestätisch herabquoll, langsam hinschreiten, aber sicher immer zurückkehren, noch ehe die Wächter von den Thürmen und Thoren die zehnte Stunde abgeblasen hatten. Ach, wie haben sich die Zeiten seitdem verändert. Zehn Uhr! Außer der Polizei will kein Mensch davon wissen.

Es war aber noch kaum acht Uhr, als Herr Houbben das Haus des Rathsdieners verließ. In den dunklen, von wenig Laternen nur spärlich erleuchteten Straßen war die Ruhe ziemlich wieder hergestellt. Nur hier und da standen noch einige ausgespannte Wagen, für die sich in Höfen und Remisen kein Unterkommen mehr gefunden hatte und die von einem der flüchtigen Eigenthümer, der fröstelnd mit schnellen Schritten auf und ab ging, bewacht wurden. Je mehr sich der Vogtsdiener dem Mittelpunkte der Stadt näherte, je langsamer setzte er seinen Weg fort und oft stand er still, entweder um etwas besser mit sich selbst zu überlegen oder um den lebhaften Gesprächen zu belauschen, die aus vielen Häusern in Französischer Sprache herausschallten. An der Ecke der Klappergasse hielt er sich länger als bisher auf. »Geh ich nach Haus oder nicht,« flüsterte er endlich vor sich hin. »Wer weiß, wenn ich die Sache angebe, ob ich nicht noch schlimmer dabei fahre. So gut die Franzosen nach Lüttich gekommen sind, können sie uns auch heimsuchen und dann ist das junge Volk obenauf und meine Angeberei wird mir schlecht bezahlt. Meine Pflicht freilich! Pah, darum wagte ich den Hals nicht. Aber ich muß den Burschen los werden, wenn ich das Mädchen und das Geld des alten Narren haben will, und vielleicht kann ich mich für jeden Fall sicher stellen.«

Er hüllte sich fester in seinen Mantel und bog in die schmale Gasse ein, welche nach dem ehrwürdigen Münster führte, an dessen Kreuzgang der Herrenkeller gelegen war, wo, wie er wußte, der Schöffen-Bürgermeister jeden Abend seine Flasche guten Rheinweins zu trinken pflegte. Einen Bürger, der eben in die Weinstube treten wollte, bat er, dem Bürgermeister zu sagen, daß er ihn wegen dringender Sachen auf einen Augenblick sprechen müsse. Bald darauf kam ein großer Mann heraus, dem man es ansah, wie verdrießlich er über die Störung war, und frug den Vogtsdiener barsch, was es gebe.

»Hochverrath!« sagte Houbben leise und sich auf den Zehen erhebend, um dem Ohre des Andern näher zu kommen. Der aber schien von dem gewichtigen Worte gar nicht betroffen, sondern verzog bloß das geröthete Gesicht zu einem spöttischen Lächeln und antwortete, sich schon halb umwendend: »Laßt mich ungeschoren.«

Houbben aber erlaubte sich, den Bürgermeister bei den Kleidern festzuhalten, und wiederholte lauter und mit feierlichem Ausdrucke: »Es ist Ernst! Der Hochverrath liegt offen da! Man verschwört sich gegen den Rath, gegen die Verfassung der Stadt.«

»Wer?«

»Eine Menge. Ich kenne sie nicht.« Der Bürgermeister zuckte verächtlich die Achseln. »Ich meine, ich kenne sie nicht Alle; aber einen kann ich liefern, den Rädelsführer, durch den das ganze Nest aufgehoben ist.«

»Und wer ist das?«

»Der junge Senden.«

»Der Wildfang? der Hasenfuß? Lächerlich. Der wirft uns nicht um.«

»Gerade solche Hitzköpfe sind die gefährlichsten; wenn man die gewähren läßt, so bekommen sie immer stärkeren Anhang und die Stimmung ist ohnehin schon nicht die beste.«

»Ja, was soll man aber mit ihm anfangen? Ich will ihn morgen auf die Acht oder vor das Churgericht laden lassen.«

Jetzt war es an dem Diener, die Achseln zu zucken. »Und wenn er nicht kommt?« antwortete er beinahe spöttisch. »Wenn er sich aus dem Staube macht? Dann seyd Ihr – der Aachener Dialekt kennt noch kein Sie – ihn freilich los, aber der Rest ist noch da und wird gewarnt, und um so vorsichtiger.«

»Ja, aber was ist fast zu thun, wo keine Beweise vorliegen?«

»Nehmt es nicht so streng und laßt ihn frisch weg festsetzen, die Beweise werden schon nachkommen, ich stehe Euch dafür.«

Der Bürgermeister besann sich eine Weile, schüttelte aber mit dem Kopfe und sagte endlich: »Es geht nicht. Die Sache würde Lärm machen, unsere Gegner würden aus unserer Strenge auf unsere Furcht schließen und immer lauter werden, und unter Umständen, wie die jetzigen, muß man sich in Acht nehmen und die Leute nicht zu sehr gegen sich erbittern. Man kann nicht wissen, wie sich das Rad dreht, und wer die andere Woche regiert und wer regiert wird.«

»Aber –«

»Nichts, nichts. Ihr habt Eure Pflicht gethan und sollt für Euren Diensteifer belobt werden. Vom Uebrigen versteht Ihr nichts. Das ist unsere Sache. Bestellt mir den jungen Menschen morgen vor das Gericht. Ich will ihn selbst verhören. Gute Nacht.«

Damit ließ er den Diener stehen und eilte in die Wirthsstube zurück, deren Thür er heftig hinter sich zuwarf.

»Weinschlauch!« brummte ihm Houbben ingrimmig nach und stampfte von Aerger mit dem Fuße auf, »aber einmal geschlagen, ist noch nicht besiegt. Zu einem andern Versuche!«

Er eilte mit schnellen Schritten durch den Kreuzgang, der nach dem Katschhofe, einem von Bäumen besetzten Platze, führte, in dessen Mitte sich auf hohen Stufen der sogenannte Kaak oder steinerne Pranger befand. »Hätte ich ihn dadran!« flüsterte er. Er ging jedoch schnell vorwärts, an der Acht (der Gerichtsstube) und dem anstoßenden Schauspielhause vorüber, in dessen unteren Räumen sich die Folterbank befand, während das obere Stock freilich oft genug nur eine fortgesetzte Marterbank war, und kam sehr bald vor dem Hause des Vogt-Meyers an, der statt des Kaisers über der Gerechtigkeit zu wachen hatte. Houbben fand leicht Einlaß und erzählte dem Vogte, was er erfahren, verschwieg ihm jedoch, daß er schon Einen fruchtlosen Bericht gemacht habe. Sein jetziger fand bessere Aufnahme. Der Vogt ließ sich alles genau erzählen und ging dann sinnend einige Minuten im Zimmer auf und ab.

»An Einem,« sagte er endlich, »kann uns nichts liegen. Wir müssen alle herausbekommen. Es ist noch die Frage, ob der Senden zum Plaudern zu bringen ist. Besser, wir überraschen sie in Flagranti. Ihr schweigt über alles, was ich eben gehört habe; versteht Ihr – Houbben nickte mit dem Kopfe und sucht, sobald als möglich Stunde und Ort der Versammlung dieser Franzosenaffen zu erfahren. Wo so viel Theilnehmer sind, kann das nicht schwer fallen. Für das Weitere werde ich sorgen.«

Das Glück wollte dem Vogteidiener wohl. Als er sich, mit dem Resultate seiner Unterredung ziemlich zufrieden, endlich nach Hause begeben wollte und sich schon einen bedeutenden Schritt näher zu seinem ersehnten Ziele träumte, war er plötzlich zwei Personen näher gekommen, die, in ein eifriges Gespräch verwickelt, langsam vor ihm her gingen. Schon der erste Satz, den er vernahm, machte ihn stutzig. Er blieb einen Augenblick stehen und da er sich überzeugte, daß die Beiden ihn nicht hatten herankommen hören, so schlich er ihnen leise nach, um noch mehr von ihrer Unterhaltung zu erhorchen.

Es waren zwei Männer, aber bei der Dunkelheit ließ sich nicht erkennen, zu welchem Stande sie gehören mochten.

»Vor einer Stunde,« hatte der Eine gesagt, »sind die Französischen Prinzen abgereist.«

»Vortrefflich,« antwortete der Andere; »das beweist, das hier für sie keine Sicherheit mehr ist. Ehe wir uns versehen, werden die Kaiserlichen denselben Weg einschlagen und dann –«

»Still,« beschwichtigte der Andere, »nicht zu laut. Unsere Sachen stehen gut. Bald wird auch uns die Morgenröthe der Freiheit leuchten. Nur Alles brav vorgearbeitet.«

»Ich werde das Meinige thun. Also morgen Abend?«

»Finden wir uns bei Euch. Gute Nacht.«

Der zuletzt gesprochen, wandte sich bei diesen Worten in eine Seitenstraße, während der Andere ihm emphatisch eine: gute Nacht, Bürger! nachrief und dann flüchtigen, beinahe hüpfenden Schrittes nach dem Markte zu eilte. Houbben hatte sich, als die Beiden sich trennten, um nicht bemerkt zu werden, in einen Thorweg gedrückt und verdoppelte darauf seine Schritte, um den, bei dem am andern Tage die Versammlung Statt finden sollte, die seiner Ueberzeugung nach nur aus der Gesellschaft der Freiheitsfreunde bestehen konnte, nicht aus den Augen zu verlieren. Er hatte ihm bald erreicht und folgte ihn bis zu einer der entlegensten Gassen, wo derselbe in einem schmalen, unansehnlichen Hause verschwand. Der Vogteidiener betrachtete sich das Gebäude genau, nicht ohne eine Spur von getäuschter Erwartung zu verrathen.

»In dem Hause!« dachte er. »Das hat oben und unten nicht für zwanzig Menschen Platz. Und wenn ich Lärm machte und es käme hernach eine Albernheit zum Vorschein, und ich hätte es dann erst recht und zwar hier und dort verdorben. Aber der Schein könnte trügen. Ich will mir das Ding bei Tage betrachten.«

Aber als er am andern Morgen bei Zeiten wieder in der kleinen Straße erschien, fand er, daß das verdächtige Haus wo möglich noch erbärmlicher aussah, als es ihm den Abend vorher gedäucht hatte. Hoch und schmächtig, mit kleinen Fenstern und vorstehendem Giebel schien es jeden Augenblick vornüberstürzen zu wollen, und die zersprungenen Balken, die sich durch das an vielen Stellen durchsichtige Mauerwerk zogen, konnten die Nachbarn nur wenig gegen die Besorgniß ermuthigen, daß das morsche Gebäude sich nicht eines Tages auflösen und einen Einfall in ihre Zimmer unternehmen werde. Houbben konnte, wenn er nicht Verdacht erregen wollte, sich nicht durch den Augenschein überzeugen, ob das Innere des Hauses dem Aeußern entspreche und alle Fragen in einem nahebei gelegenen Branntweinladen verschafften ihm keine Auskunft weiter, als daß ein junger Perückenmacher mit seiner alten tauben Mutter drin wohne.

Die Sache wurde immer zweideutiger. Nichts desto weniger glaubte er, seine Nachrichten dem Vogtmeyer oder, wie ihn das Volk nannte, Vogtmajor nicht verschweigen zu dürfen. Daß seine Angaben kein Lachen erregten, war schon eine angenehme Ueberraschung für ihn, und als im Gegentheil sein Vorgesetzter ihn für den Abend zurückbestellte, da die Sache jedenfalls näher untersucht werden sollte, so hielt er sich schon um einen Zoll größer. Möglich war ja Alles, warum nicht auch, daß eine baufällige Baracke einen Trupp Verschworner in sich schließe. Jedenfalls beschloß er, seinen Nebenbuhler Senden nicht vor das Gericht zu laden, überzeugt, daß der Bürgermeister schon an seinen Befehl nicht mehr denke. Gelang es nicht, ihn mit seinen Freunden auf der That zu ertappen, so blieb zu dem Verhör des Einzelnen, zu seiner Verhaftung noch immer Zeit genug.

Die Nachrichten aus Belgien waren im Verlauf des Tages immer beunruhigender geworden. Bei Herve und Verviers waren Scharmützel vorgefallen, in denen die Oesterreicher den Kürzeren gezogen haben mußten, denn ein Theil ihrer Infanterie war bereits auf seinem Rückzuge vor den Thoren Aachens angekommen und sollte hier, wie in dem anstoßenden Städtchen Burtscheid einstweilen einquartirt werden. Mit jeder Stunde wurde der Rest des Heeres erwartet und man sagte, dasselbe werde in der Umgegend Position nehmen, die Wälle der Stadt mit Kanonen besetzen und in der Nähe Batterien aufwerfen. Alle Einwohner waren voll der lebhaftesten Besorgnisse. Eine Schlacht unter ihren Mauern, die Stadt selbst beschossen, vielleicht erstürmt – das waren Bilder, die auch den Muthigsten Schrecken einflößen konnten. Nachdem Aachen nur bisher fremde Flüchtlinge aufgenommen, sollte jetzt an seine eigenen Bürger die Reihe kommen, sich und ihre Habe zu flüchten. Ueberall herrschte Verwirrung und alle Behörden hatten den Kopf verloren. Selbst der Vogtmeyer hatte ganz vergessen, daß und warum er Houbben auf den Abend wieder zu sich beschieden hatte und er erinnerte sich der Komplottgeschichte erst, als dieser sich meldete und nach Aufträgen seines Vorgesetzten fragte. Der Letztere war jetzt fast geneigt, die Sache auf sich beruhen zu lassen, wenn nicht Houbben geschickt darauf aufmerksam gemacht hätte, welchen Vorwürfen er sich von Seiten der Kaiserlichen Feldherren aussetzen dürfte, daß er in ihrem Rücken einen Heerd des Aufruhrs geduldet habe, den er, gewarnt, hätte ersticken können. Aber der Vogt ward so unabläßig mit immer neuen, für den Augenblick wichtigeren Botschaften und Meldungen überhäuft, daß er nicht zu Athem kommen konnte und am Ende dem Diener befahl, ein Dutzend Mann von dem Stadtmilitair zu nehmen und mit einem andern untergeordneten Offizianten sich nach der Versammlung der Clubbisten zu begeben und dort nach eigenem Ermessen zu handeln.

Die Stadt war so mit Bajonnetten angefüllt, und die Leute, welche bei dem verdächtigen Friseur ihre Zusammenkunft halten sollten, schienen von einer so naiven und herzlosen Zuversichtlichkeit erfüllt, daß ihnen die zwölf Mann, mit denen Houbben und ein anderer Scherge mit ernster Haltung, wie es einer tapfern Stadtmiliz zusteht, gegen das feindliche Quartier anrückten, weder Verdacht noch Furcht einflößten. Ja als die bis an den Hals bewaffnete Schaar schon an dem Eingange des Gäßchens angelangt war, in welchem das baufällige Haus gelegen war, sah man noch einige Gestalten an ihnen vorbeischlüpfen, als ob von ihr alles eher, als ein Angriff zu besorgen gewesen wäre. Houbben aber ließ sich dadurch nicht irre führen, sondern vertheilte seine Truppen wie ein geschickter Feldherr, indem er eine Reserve in einiger Entfernung von dem Hause, eine Wache an der Thür desselben zurückließ und dann, ohne weiteren Kriegsrath zu halten, mit dem Rest der Mannschaft kühn den nicht einmal verschlossenen Eingang erstürmte. Auf so wenigen Widerstand hatte er gar nicht gerechnet, und die Stille und Oede, die rings umher zu herrschen schien, machte ihn stutzig. Er fürchtete jeden Augenblick in einen Hinterhalt zu gerathen und setzte den Fuß nicht vorwärts, ohne vor Angst zu zittern, er möchte auf irgend eine Fallthüre treten und rettungslos in einen Abgrund unter die Dolche der Verschworenen stürzen. Ein Soldat öffnete das eine Zimmer zur ebenen Erde – eine alte Frau saß drinnen und spann bei dem kärglichen Lichte einer kleinen Lampe. Man frug sie nach den Hausbewohnern, erhielt aber keine Antwort, und Houbben, der sich erinnerte, daß die Mutter des Perückenmachers stocktaub sey, bedeutete den Uebrigen, ihre Lungen zu schonen. Sein Kollege war einstweilen die Treppe hinaufgeschlichen, aber auch dort war alles still – keine Seele zu finden. Der ganze Trupp sah sich mit einem zufriedenen Lächeln an; nur Houbben machte ein verdrießliches Gesicht und hätte vielleicht seinem Unmuthe noch lauter Luft gemacht, hätte man nicht aus einiger Entfernung plötzlich einen tumultuarischen Lärm vernommen. Houbben sprang, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, in die Höhe, packte seinen Amtsgenossen fest beim Arme und hielt ihm die Finger auf den Mund. »Nicht gerührt!« flüsterte er den Soldaten zu und schlich tappend einen langen Gang hin, der schon nach wenigen Schritten ein Ende nahm und von einer Thür begrenzt war, die bei dem ersten Drucke nachgab und den Eingang zu einem schmalen Hofe bildete, auf dessen Hinterseite, so viel sich in der Dunkelheit erkennen ließ, eine Art Remise oder Stall sich erhob, aus dem offenbar der vorhin vernommene Lärm gedrungen war. Noch jetzt hörte man deutlich jemand laut drin reden. Houbben eilte zurück und achtete es nicht, daß er über eine steinerne Stufe stolperte und sich Knie und Hände dabei wund stieß. Als er wieder bei den Seinigen angelangt war, berichtete er über den Erfolg seiner Rekognoszirung, nahm der alten Frau ihre Lampe weg, sperrte sie in ihrer Stube ein und gebot seinen Leuten, ihm leise zu folgen. Bei dem Schimmern des Lichtes konnte man das Terrain besser überschauen. Ein ziemlich großer, hölzerner Schuppen, baufällig wie das ganze Gebäude, zeigte an verschiedenen Stellen so viel Löcher und Risse, daß man bequem das Innere desselben in Augenschein nehmen konnte. Nachdem Houbben für jeden möglichen Fall vor der einzigen Thüre, die zu sehen war, drei Mann mit gefälltem Bajonnette aufgestellt hatte, rückte er, ohne Geräusch zu machen, einen Holzblock heran, vermöge dessen er die erste Spalte – durch das Licht erkennbar, welches aus dem Schuppen durchschimmerte – erreichen konnte. Der Anblick, der ihm zu Theil wurde, mußte ihn sehr interessiren, denn er verweilte lange auf seinem luftigen Posten. Sein Kollege mußte sich vorläufig mit dem Hören begnügen.

Eine wunderbare Gesellschaft hatte sich in dem Stalle eingefunden. Der ziemlich große Raum war nur von einem Paar Lampen erhellt, so daß es einige Mühe und Zeit brauchte, die Gestalten, welche sich in demselben bewegten, zu erkennen. Es schienen gegen dreißig Männer zu seyn, die, in ihre Mäntel gehüllt, den Vordergrund einnahmen und stehend, in einzelne Gruppen vertheilt, einem Manne zuhörten, der weiter hinten auf einer kleinen, kunstlosen Erhöhung mit lebhaften Gebehrden zu ihnen sprach. Houbben erkannte ihn bald an der Stimme, es war der Perückenmacher, der Eigenthümer des Hauses.

»Schande den Brüdern,« rief er eben mit seiner schreienden Stimme, »die in unwürdiger Feigheit sich haben abhalten lassen, unserer Sitzung beizuwohnen. Wir zählen mehr als hundert Mitglieder und ich sehe ihrer kaum vierzig. Was, dürfen die Freunde der Freiheit sich von gemeiner Furcht zurückschrecken lassen? Schmach ihnen, sie sind unwürdige Söhne der großen Göttin und sie wird sie dereinst nicht zulassen zu ihrem himmlischen Mahle. Ihr aber, Ihr wackere, ächte Kampfgenossen, seyd willkommen, Ihr seyd die wahren Priester der gesegneten Freiheit und Gleichheit; Ihr steht nicht an, trotz der Feindesmacht, die uns umgibt, aus ihren Altären zu opfern und ihren Ruhm zu verherrlichen. Bald werden ihre Tempel sich auch am lichten Tage erschließen und die ganze Welt wird Euch verehren als ihre Retter.«

»Der Kerl thäte besser,« flüsterte ein Soldat, »er baute statt Tempel sein Haus auf.«

»Dummheit,« antwortete ein Anderer, »den Tempel hat er umsonst, aber Reparaturen kosten Geld. Und wenn er Geld hätte, würde er keine Gleichheit wollen. Der will nur so lange Gleichheit, bis er sich die Freiheit genommen, seine Tasche zu füllen.«

Houbben sah die Sprechenden streng an und gebot ihnen leise, den Mund zu halten.

»Die Welt liegt im Argen,« fuhr der Redner fort, »und läßt sich von Eigennutz regieren. Wohl dem, meine Freunde, der wie ich sich auf die Brust schlagen und rufen kann – sehet her, ich arbeite nur für das allgemeine Wohl, nicht für mich. Wer hat mehr von den Neuerungen, von dem Beispiele der Franzosen zu fürchten, als ich? Haben sie nicht mit der Tyrannei auch das Altehrwürdige zertrümmert? Sind sie nicht im Uebermaß ihres Zornes gottlos genug gewesen, selbst den Perücken, dieser Krone des Mannes, dem Sinnbilde der Würde und der Ehrfurcht, den Krieg zu erklären, und drohen sie nicht, die wüste Herrschaft der kurzgeschnittenen Haare auch über uns auszubreiten? O meine Freunde, erlaubt mir eine stille Thräne über das Schicksal meiner Kunst. Diese Thräne auf den Altar des Vaterlandes! Es sey die letzte Regung, die letzte Schwäche des uns angebornen Egoismus. Da liegt sie – jetzt bin ich Euer, ganz Euer, und jeder Blutstropfe glüht nur noch für das große Ziel, das wir uns gesteckt. Meine Freunde, die Sitzung ist eröffnet. Bruder Senden hat das Wort.«

Bei der Bewegung, die in der Versammlung entstand, gelang es Houbben mehre Gesichter zu erspähen. Es waren fast sämmtlich junge Leute, einige von verworfenem Karakter, niemand von gesellschaftlicher Bedeutung. Doch wandte er bald den Blick von der Gesellschaft ab, um dem neuen Redner zu folgen, der so eben die Tribüne bestieg und in dem er wirklich und zu seiner nicht geringen Freude den gehaßten Nebenbuhler erkannte. Der Pathe des alten Rathsdieners fing damit an, die Abwesenden zu entschuldigen und zu versichern, daß man trotzdem im Augenblicke des Handelns zuverläßig auf sie werde zählen können. Immer mehr in Feuer gerathend, fuhr er dann fort: »Ich glaube nicht, daß die Kaiserlichen es wagen werden, entmuthigt durch ihre wiederholten Niederlagen, in unserer Nähe den siegreichen Franzosen Widerstand zu leisten. Binnen wenigen Tagen werden wir sie ihre Flucht weiter fortsetzen sehen. Thun sie es nicht, so ist es an uns, den ruhmgekrönten Verkündigern der Freiheit die Hand zu bieten, dann ertöne die Sturmglocke des Aufstandes, wem noch ein heiliger Funke in der Brust glüht, der erhebe sich, daß die Flamme der Freiheit hoch aufschlage und das Joch der Sklaverei, das man uns auferlegt, verzehre. Von zwei Seiten bestürmt, muß die alte Tyrannei in Trümmer zerfallen und ein neuer Tag wird aufgehen über unsere Vaterstadt, ein neues Leben wird erwachen, Freiheit und Gleichheit das Zepter führen und die eingefleischte Sünde der Vorrechte und Mißbräuche beschämt ihr Haupt beugen. Wer von uns hat nicht gefühlt, daß der Zustand, in dem wir jetzt leben, ein unerträglicher sey? Der Despotismus, unter dem wir leben, ist der schlimmste von allen. Unter einem großen, mächtigen Tyrannen zu leben, ist schrecklich, aber nicht das Schrecklichste; man kann ihm durch Entfernung entgehen, man sieht wenigstens die Hand nicht, welche die Ketten schmiedet und den ersten Ring derselben hält; der Ruhm, in den er sich hüllt, strahlt auch auf seine Sklaven zurück. Aber der aristokratische Despotismus drückt auf alle Menschen gleich stark und seine beständige, gehässige Gegenwart erweckt Bitterkeit und reizt die Rachsucht. Und was hat er dafür zu bieten, welchen Ersatz, welchen Trost? Keinen. Aber in einem so kleinen Staate, wie dem unserigen, gesellt sich zum Haß noch die Verachtung. Wir fühlen die Erbärmlichkeit unserer Herren, weil wir sie mit ihren Schwächen stets und dicht vor unsern Augen haben und ihre Anmaßung vernichtet unsere Menschenwürde. Es muß anders werden. Der Weg ist bezeichnet, ist geebnet, wollt Ihr ihn nicht einschlagen? Wollt Ihr den Krebs, der an Eurem Marke zehrt, auf Eure Kinder und Enkel vererben? Wollt Ihr Diener bleiben, weil Eure Väter es gewesen? Regieret Euch selbst oder werft Euch Frankreich in die Arme, werdet ein Glied dieser großen Nation, und nieder mit dem verfaulten Thron unserer Machthaber. Schwört mir, wenn das Zeichen erschallt, Euch alle zu erheben, wie Ein Mann, die Ketten von Euch zu schleudern, und wenn es gilt, das Leben einzusetzen für das höchste Gut der Menschheit, der Freiheit.«

»Wir schwören es!« rief die Versammlung, die Hände erhebend.

Während dieses Tumultes hatte Houbben dem andern Beamten auf seinem Blocke Platz gemacht. »Seht Ihr,« fragte er leise, »den Menschen auf der Erhöhung, mit den schwarzen Haaren? Habt Ihr ihn? den Joseph Senden? Ja? Das ist der Rädelsführer, das Haupt der ganzen Verschwörung. Die Sache ist klar. Es ist Hochverrath und der Senden steht an der Spitze. Wir müssen das ganze Nest aufheben, aber vor allem den Lockvogel nicht entwischen lassen.«

»Wir sind unserer nur wenig.«

»Aber gut bewaffnet und werden wohl mit den Burschen fertig werden. Vorwärts, die Pflicht gebietet und der Lohn wird nicht ausbleiben.«

Das Thor des Schuppens war verriegelt. Houbben befahl, es einzustoßen. Ein Soldat schlug mit dem Kolben seines Gewehres dagegen und im Augenblicke fuhren die morschen Bretter auseinander und ließen der Miliz Raum zum Eindringen. Bei dem ersten Lärm war das Innere des Behältnisses der Schauplatz unbeschreiblicher Verwirrung geworden.

»Wir sind verrathen!« schrie der Perückenmacher, »rette sich, wer kann!«

Aber die Rettung war nicht so leicht. Nirgends ein Ausgang, die einzige Oeffnung von Soldaten verstopft, über deren Anzahl man im Ungewissen war.

»Ergebt Euch,« schrie der Gehülfe Houbben's der sich an die Spitze der Wache gestellt hatte, während Houbben selbst, dem es nicht darum zu thun war, von Senden erkannt zu werden, oder es überhaupt mit jemanden zu verderben, von dem man nicht wissen konnte, ob er nicht einmal Vergeltung üben möchte, sich hinter sein Korps zurückgezogen hielt. Joseph war der einzige, der die Besinnung nicht verlor. Mit zwei Sätzen sprang er nach den beiden Lampen, die auf jeder Seite des hölzernen Gebäudes brannten, und löschte sie aus, so daß in demselben Augenblicke Alles in tiefes Dunkel versank. Es entstand der fürchterlichste Tumult. Einer stürzte über den Andern, die Verschworenen ergriffen sich einander und schlugen sich, in der Meinung, daß sie es mit dem Feinde zu thun hätten, andere wurden über den Haufen gerannt und mit den Füßen getreten und baten jammernd um Pardon. Statt ruhig den Eingang zu sperren, drangen die Soldaten vor und wagten doch nicht, aus Furcht, selbst zu verletzen oder aus natürlicher Scheu, das Bajonett vor sich auszustrecken; in dem Lärm war kein Kommando zu vernehmen, Flüche, Gekreisch, Bitten wogten bunt durch einander, das Gebäude selbst krachte in seinen Fugen und drohte, jeden Augenblick den ganzen Trupp unter seinem Gebälk zu begraben; der Perückenmacher heulte vor Furcht oder Schmerz, nur die Stimme Senden's war nicht zu vernehmen. Er hatte sich, ohne ein unnützes Wort zu verlieren, längs der Wand hingeschlichen, bis er an der einströmenden Luft merkte, daß er in der Nähe des Eingange war. Er tappte behutsam weiter, entschlossen, wenn er denselben bewacht finde, sich mit Gewalt seinen Weg in das Freie zu bahnen. Ein Scheit Holz, das er aufgerafft, um es als Waffe zu gebrauchen, vor sich hinhaltend, drängte er immer muthig vor, stieß aber auf keinen Soldaten, sondern auf eine Gestalt, die das Holz für einen Gewehrkolben halten mochte, und im Unmuthe lauter, als sie wünschte, ausrief: »Seht Euch vor, ich bin es. Haltet alles gut besetzt, daß nur keiner entwischt.« Senden erkannte die Stimme Houbben's und schlug ihm, den er ohnedies nicht Ursache zu schonen hatte, mit seinem Scheit über Schulter und Rücken, daß er Hülfe schreiend zu Boden stürzte. Die Soldaten eilten besorgt nach der Thür zurück, aber nicht mehr in geschlossenen Gliedern, sondern vermischt mit den Freiheitsfreunden, welche, das Schwanken der Miliz und, einmal im Freien, ihre bessere Ortskenntniß benutzend, wie der Sturm nach allen Richtungen hinstoben. Senden war ihnen allen längst voran, die einzigen Opfer auf beiden Seiten waren Houbben und der zertretene Friseur. Der eine wurde von seinen Kollegen aufgehoben und unter Bedeckung nach seinem Hause, der andere auf die Wache am Stadthause abgeführt. Einige Mann blieben an dem Gebäude zurück, um bei anbrechendem Tage den Kampfplatz noch zu durchsuchen, und zogen sich einstweilen in das warme Zimmer zur ebenen Erde zurück, wo sie der Mutter des Perückenmachers Gesellschaft leisteten, die, ohne das Geschehene recht zu begreifen, still vor sich hinweinte und an keinen Schlaf dachte. Auf der Straße war alles ruhig. Niemand hatte sich um die nächtliche Exekution bekümmert.

Senden verfügte sich nicht in seine Wohnung, aus Furcht, sie schon von der Polizei besetzt zu sehen. Die Gegenwart Houbben's bei dem Ueberfall machte ihn besorgt. Er war überzeugt, daß diese aufflackernde Energie der Behörde nur durch den Haß seines Nebenbuhlers erzeugt worden sey, und daß dieser, wenn er ihn durch seinen Schlag nicht unschädlich gemacht habe, ihm, so lange er könne, keine Ruhe gönnen werde. – Da die Sache einmal so weit gediehen war, so mußte er besorgen, daß die Oesterreicher, die sie so nah anging, sich hineinmischen würden, und er hatte die mögliche Achtung für das schnelle Verfahren eines Militairgerichts. Er mußte unverzüglich fliehen. Die Stimme seines Herzens rief ihn nach der Jakobstraße, sich dort Muth und Kraft für die Gefahren zu holen, denen er entgegen zu gehen hatte. Die Brust wurde ihm weiter, als er durch die Schläge im Hause des Herrn Lambert noch Licht schimmern sah. Es war ihm, als habe ihm das Schicksal ein Pfand künftigen Glücks gegeben. Er trat in das Haus und in die Wohnstube, wo er Marien allein bei einer weiblichen Arbeit fand. Sie sprang erschrocken über sein plötzliches, zu solcher Stunde unerwartetes Erscheinen und über den verstörten Ausdruck seiner Züge von ihrem Stuhle auf, hatte aber nicht die Kraft, ihn anzusprechen.

»Wo ist der Oheim?« fragte er hastig, seinen Mantel abwerfend.

»Noch nicht zu Hause,« antwortete sie, voll ahnungsvoller Bewegung. »Der Bürgermeister hat ihn rufen lassen.«

Joseph lächelte beinahe geringschätzend. »Desto besser,« sagte er, drückte Marie auf ihren Stuhl zurück und setzte sich neben sie. »Marie,« fing er nach einer Pause wieder an, indem er ihre beiden Hände ergriff und ihr recht innig in die thränenfeuchten Augen blickte, »liebe Marie, es macht mich sehr, sehr glücklich, daß ich Dich noch gesehen habe, es wird mir Stärke geben, vieles vielleicht sehr Hartes zu ertragen – nein, zittre nicht so, es kann sich alles noch zum Besten wenden.«

Marie wollte aufspringen, vermochte es aber nicht; sie wollte sprechen, aber sie schien wie von einem Krampfe ergriffen; sie athmete schwer. Joseph fürchtete, sie würde die Besinnung verlieren.

»Ich muß fort,« sagte er leise, ihre Hand fester drückend, »aber,« fügte er schnell hinzu, »nur auf kurze Zeit, ehe Wochen, ja was sage ich, ehe wenige Tage vergangen sind, sehen wir uns wieder.«

Ein Thränenstrom erleichterte die Brust des jungen Mädchens. »Fort?« wiederholte sie. »O Gott!«

»Ich muß. Man ist mir auf der Spur. Sie haben mich eben verhaften wollen, sie werden mich hetzen wie ein wildes Thier, und wer weiß, was sie mit mir begingen, wenn sie meiner habhaft würden. Sie halten mich hier für gefährlich, eigentlich ist's aber nur ein Anschlag des Schurken Houbben, der mich los seyn möchte, um Dich desto sicherer zu gewinnen.«

»Ich, sein!« rief Marie. »Nimmer, nimmer!«

»Ich erwartete nicht weniger von Dir. Du bist mein, mein Leben, meine Seele. Uns vermag nichts mehr zu trennen, keine Entfernung, keines Dritten Wille. Mit Deiner Liebe biete ich einer Welt Trotz. Laß sie nur kommen, die Dich von mir reißen wollen und sie sollen es sehen. Dein Oheim, viele andere nennen mich leichtsinnig, tollköpfig – Du allein hast mir vertraut, und glaube mir, Du sollst Dich nicht getäuscht haben. Wenn Liebe glücklich macht, und oh! ich fühle es, welche Himmelspforte sie meinem Leben ist, so soll das Glück noch niemand reicher zugemessen worden seyn, als Dir. Es wird eine ruhigere Zeit kommen ...«

»Horch,« unterbrach ihn Marie, »ich höre Soldaten.«

»Sie gehen vorüber,« sagte Joseph, nachdem er einen Augenblick aufgehorcht hatte.

»Aber man verfolgt Dich vielleicht; wenn sie Dich nicht zu Hause finden, kommen sie gewiß hierher; die Thore sind geschlossen, aus der Stadt kannst Du nicht seyn, ich beschwöre Dich, denk' an Deine Rettung.«

»Leb' wohl, meine Marie. Die Nacht, die jetzt angebrochen, wird nur kurze Zeit dauern; ich sehe in der Ferne schon die ersten Strahlen einer neuen Sonne. Bald werden wir gesiegt haben und mit der Freiheit wird auch die Liebe ihren Triumph feiern.«

»Ewige Treue!« flüsterte Marie, ihr Haupt an seiner Brust bergend.

»Ewig,« antwortete er, seine Lippen auf ihre Stirn drückend. »Und jetzt leb' wohl! Ich werde über den Wall in das Freie zu kommen suchen, der Himmel wird das Weitere fügen.«

»Aber ich habe doch auch ein Wort darein zu sprechen,« sagte auf einmal der Rathsdiener, der so eben eingetreten war.

»Oheim,« flüsterte Marie, »haltet ihn nicht auf, er wird verfolgt, er muß fliehen.«

»Und einem solchen Menschen sollte ich meine Nichte an den Hals werfen? Der Vergnügen daran findet, mit scharfen Messern zu spielen, bis er sich in die Finger geschnitten, der das Land verbessern will, aber sein eigenes Leben nicht, der bei Andern das Unkraut ausreißen möchte und sich selber in die Nesseln setzt? Einem Menschen, der sich um alles kümmert, nur nicht um sich, der ein Paar Wochen sein Vergnügen an Dir hätte und Dich hernach sitzen ließe? Und was fingst Du hernach an? Hungern und Lungern? Ei ja doch. Oder wieder zu dem alten Oheim gehen? Ich bedanke mich.«

»Aber ich kann nicht ohne ihn leben. Ich stürbe, wenn ich ihn missen möchte.«

»Laß mir meine Ruhe.«

»Laß gut seyn, Marie,« sagte Joseph. »Verlaß Dich nur auf mich. Er nimmt mir meinen Muth, meine Zuversicht nicht. Ich bin Deiner Liebe gewiß, das Uebrige ist leicht. Sorgt nicht, Pathe, es soll Euch niemand zu Last fallen, aber das versichere ich Euch, Hindernisse werde ich zu besiegen wissen.«

»Wird sich finden,« antwortete der Alte. »Mach', daß Du auf Dein Zimmer kommst, Marie. Morgen spreche ich mit Houbben und dann wollen wir sehen, ob sich der Riegel, den ich vorschiebe, so leicht zerbrechen läßt. Und er, Monsieur Joseph, sehe er zu, daß er das Weite gewinnt, sonst thue ich meine Pflicht und verhafte ihn in meiner Stube. Ich habe schon erfahren, was es gegeben hat.«

Joseph gab ihm keine Antwort, sondern drängte ihn zurück, gab Marie noch einmal die Hand, die sie an ihre Brust drückte, tauschte ein schnelles Lebewohl mit ihr und stürzte dann mit freudigem Gesichtere aus dem Zimmer. Man hörte noch kurze Zeit seine Schritte, wie er über die verödete Straße nach dem Junkersthore zu eilte. Marie verließ weinend das Zimmer, aber Sorge für den Geliebten, Kummer über die ihr bevorstehenden Kämpfe verscheuchten jede Ruhe von ihrem Bette. Der alte Rathsdiener schlief vortrefflich.

Am folgenden Tage ließ sich Houbben nicht sehen. Marie war so angegriffen, daß sie kaum die nöthigsten Arbeiten ihrer Wirtschaft zu versehen vermochte. Sie sah ihren Oheim mehrmals fragend an, wagte aber nicht, ihn anzusprechen, und er that, als ob er nichts bemerkte. Sie hielt das bis gegen Mittag aus, die Spannung wurde ihr jedoch zuletzt unerträglich und sie faßte sich ein Herz, Herrn Lambert unbestimmt zu fragen, ob er nichts gehört habe.

»Was?« antwortete er, den Unwissenden spielend.

Marie erröthete. »Von ihm,« sagte sie leise.

»Laß mir meine Ruhe,« erwiederte er in seiner gewöhnlichen Weise.

Marie weinte still vor sich hin. Auf den Abend kam Agnes zu ihr. Die erste liebevolle Frage zerbrach den künstlichen Damm, der ihr Gefühl bis jetzt zurückgedrängt hatte, und wie ein Bergstrom brach es jetzt hervor, froh der ersehnten Erlösung. Die Angst hatte ihr den Tag über so zentnerschwer die Brust gedrückt, daß sie sich erleichtert fühlte, als sie jemand fand, dem sie sich mittheilen konnte. Sie wäre selbst schon früher zu Agnes herübergeeilt, hätte sie nicht die Nähe ihres Vetters gescheut. Sie erzählte ihrer Freundin, was Joseph begegnet sey und jedes Wort war ein Liebesgeständniß.

»Ich hatte Euer Verhältniß geahnt,« sagte Agnes wehmüthig lächelnd.

»Und Du bist mir nicht bös?« fragte Marie, ihr um den Hals fallend und sie ungestüm küssend. »Dein Franz –«

»Mein Franz?« wiederholte Agnes, indem auch ihr die Thränen in die Augen kamen und man wußte nicht, welches dieser beiden Worte sie am meisten betont hatte, und ob der Kummer um die getäuschten Hoffnungen ihres Verwandten oder ein anderer ihr Schmerz mache.

»Ich kann wahrlich nicht anders,« betheuerte Marie. »Um Deinetwillen hätte es mich gefreut, ihm Hoffnung geben zu können, aber Joseph – ach! mein Joseph. Fühltest Du nur, welche Himmelswonne darin liegt, sagen zu können: mein, mein, mein einziger Joseph. Schon der Gedanke, ihm anzugehören, ist Seligkeit.«

Agnes drückte ihr die Hand. Beide schwiegen, sich ihren Träumen überlassend. Erst nach einer Weile fragte Marie: »Und Du hast heute nichts von ihm gehört? Man hat nichts bei Euch gesprochen, von einer Verschwörung – von Verhaftungen?«

Agnes schüttelte mit dem Kopfe. Marie schöpfte freier Athem. Sie dachte, wenn Joseph eingeholt, festgenommen worden wäre, so hätte man gewiß in der Stadt davon gesprochen.

Am Tage darauf brachte Herr Lambert den Vogteidiener mit zum Essen nach Hause. Das Gesicht des Erstern war düster und verrieth große Niedergeschlagenheit. Marie blickte ihn besorgt an und wandte sich von ihm zu Houbben, aus dessen kalten Zügen nichts zu lesen war und an dem nur ein schmerzhaftes Zucken der Schulter auffiel. Ihr Oheim warf selbst des Mantel ab, ohne ihre Hülfe zu erwarten, und setzte sich schweigend an den Kamin. Draußen wurde Generalmarsch geschlagen. Truppen aller Art eilten im Sturmschritt vorüber und nicht nach dem Thore, sondern nach dem Markte zu, in einer Richtung, die der Stellung, welche die Franzosen inne haben mußten, entgegengesetzt war.

»Es ist kein Zweifel mehr, sie marschiren ab,« sagte Houbben.

»Gott sey uns gnädig!« antwortete der Rathsdiener, indem er den Kopf auf die Brust sinken ließ.

»Er ist gerettet, kommt wieder,« rief Marie laut, außer Stande, ihre Freude zurückzuhalten.

Der Alte warf ihr einen finstern Blick zu. »Was ich heute,« sagte er, »auf dem Stadthause vernommen, hat mir den Todesstoß gegeben. Es ist sonst auch Krieg geführt worden, aber wenn der Feind in ein fremdes Land kam, hat er sich doch nicht um die innere Verfassung bekümmert. Aber was die Franzosen sich jetzt herausnehmen, das ist ein Krieg gegen alles Völkerrecht und die Mächte sollen bei Zeiten ein Einsehen haben, und eine Nation, die immer überkocht und ihren Abschaum versengend über die Grenzen wirft, für vogelfrei erklären. Ich überlebe es nicht. Houbben, gebt mir die Hand, wenn ich sterbe, sorgt Ihr für das Mädchen. Ich habe es Euch versprochen. Es ist Euer.«

Der Vogteidiener wollte Marie bei der Hand nehmen und mit ihr sich dem Alten nähern, sie stieß ihn aber mit unverhohlen Abscheu zurück. – »Nimmermehr!« rief sie. »Ich mag seinen Schutz und seine Liebe nicht. Der Verräther Josephs, der ihm hinterrücks an Ehre und Leben zu kommen sucht, weil er ihm nicht wagt in's Gesicht zu blicken, kann bei mir nur Haß finden. Daß Ihr's wißt, ein- für allemal, ich liebe Joseph –«

»Er ist fort,« unterbrach sie Houbben, ohne aus seiner Ruhe zu kommen, »und wer weiß, ob er wiederkommt.«

»Was wißt Ihr davon?« fuhr ihn Marie, noch heftiger werdend, an. »Und wäre es, so zöge ich Euch noch lieber ein Kloster vor.«

»Dazu kann Rath werden,« sagte ihr Oheim, »denn mit meiner Einwilligung bekommst Du den Vagabunden nicht. Ich will meine Ruhe haben und verlange nicht darnach, wenn er Dich sitzen läßt, Dich mit vielleicht einem Paar Kindern auf dem Halse zu haben.«

Das Gespräch wurde durch Geschrei auf den Straßen unterbrochen. Eine Menge Arbeiter, die eben eine Fabrik oberhalb der Jakobskirche verlassen hatten, lief unter dem Rufe: »Die Franzosen! die Franzosen!« vorüber. Ueberall eilten die Hausbewohner an die Fenster, um die nur von Wenigen erwünschten Gäste zu sehen. Aber es kam nichts und ließ sich nichts hören. Herr Houbben wollte jedoch nicht bleiben, sondern nahm Mantel und Hut und nahm Abschied von dem Rathsdiener. »Ich muß wissen, was vorgeht,« sagte er.

Er war kaum fort, als der Goldschmied herüberkam, um, wie er versicherte, seine guten Nachbarn zu beruhigen und sie zu bitten, wenn sie in irgend einer Verlegenheit wären, über seine Kräfte zu verfügen. Aber Marie hörte kaum auf ihn. Sie wich nicht vom Fenster, voll Hoffnung, jeden Augenblick den Geliebten zurückkommen zu sehen. Der Alte aber war so niedergebeugt, daß er für keinen Trost und keine Zusprache sehr empfänglich schien.

Die Franzosen hatten sich wirklich vor der Stadt gezeigt, aber nur in sehr geringer Anzahl. Es war ein bloßes Picket, das auf Rekognoscirung ausgeschickt war, und nachdem es sich von dem wirklichen Abzuge der Oesterreicher überzeugt hatte, wieder zu seinem Korps umkehrte, dessen Ankunft man jetzt in der Stadt mit Spannung entgegensah. Niemand wagte, sich in dieser Nacht zu Bett zu legen. Wer seine Habe nicht flüchten konnte, suchte wenigstens das Kostbarste zu verbergen. Ueberall sah man düstere Gesichter und nur der immer lärmlustige Pöbel, der in Fabrikorten lauter und unruhiger ist, als anderwärts, schwärmte durch die öden Straßen, obgleich auch er nicht einmal Freude über die erwarteten Gäste zeigte. Der Bund der Freiheitsfreunde, der sich jetzt zum erstenmale an das Tageslicht wagte, lieferte die einzigen Personen, die ihre Zufriedenheit nicht länger verhehlten. Sie fühlten, daß auch jetzt endlich für sie der Augenblick erschienen sey, eine wichtige Rolle zu spielen, und aus der Anmaßung, mit der sie auftraten und sich gegen Personen benahmen, vor denen sie sich noch gestern tief verbeugt hätten, ließ sich schließen, was von ihnen zu erwarten sey, wenn sie sich erst ganz Herren fühlen würden. Am rauhsten und übermüthigsten trat der Perückenmacher auf, der sogleich nach dem Abmarsche der Kaiserlichen von seinen Freunden befreit worden war, ohne daß die Stadtmiliz der Wache den geringsten Widerstand geleistet hätte, und nun schreiend und predigend hin und her rannte und als Märtyrer der Freiheit auf nicht geringen Lohn rechnete. Da die Ereignisse sich zu schnell gedrängt hatten, als daß er nur zum Verhör hätte kommen können, so that er sich nicht wenig darauf zu gut, daß er – obwohl nicht gefragt – seine Genossen nicht angegeben habe und hätte gern, wenn es Glauben gefunden hätte, zugesetzt, daß er seiner Verschwiegenheit halber sogar die Tortur bestanden habe. Die letztere Uebertreibung behielt er sich vor bei den Franzosen geltend zu machen.

Noch ein Tag verging und kein Franzose ließ sich sehen. Schon fingen die Freiheitsfreunde an, ihre Anmaßungen etwas herabzustimmen; die Bürger begannen schon zu hoffen, der Rückzug der Oesterreicher sey nicht so ernstlich gemeint gewesen, als plötzlich – am 16. Dezember – um sieben Uhr Trommeln und Trompeten vom Jakobsthore herabschallten und die Französische Avantgarde unter den Generälen Stengel und Desforets in die Stadt zog. Nirgends war illuminirt. Fast überall waren die Schläge geschlossen, unter düsterm Fackelschimmer rückten die Republikaner in die alte Kaiserstadt. Die ganze Nacht dauerten die Durchzüge fort. Truppengattungen aller Art folgten sich, zum Theil ihre Richtung gegen Maestricht, zum Theil über Düren nach Köln nehmend.

Als Joseph nach der Auflösung der Gesellschaft der Freiheitsfreunde von Marien Abschied genommen hatte, war er, ohne von Wachen oder Patrouillen angehalten zu werden, durch Queergassen nach dem Walle geeilt, und dort, in ziemlicher Entfernung vom Thore, an einer ihm bekannten Stelle, wo ein Theil eines alten verfallenen Thurmes halb in den trockenen Graben gestürzt war und eine sichere Brücke bildete, die von Schmugglern oft genug benutzt worden, glücklich hinabgeklettert. Einmal außerhalb der Stadt, lief er auf den ihm wohlbekannten Pfaden weiter. Von den Oesterreichern mußte er überall angehalten und nach Aachen zurücktransportirt zu werden fürchten. Es blieb ihm also keine Wahl, als bei den Franzosen Hülfe zu suchen, die ihm, dem Gleichgesinnten, ihren Schutz nicht versagen konnten. Mehr als einmal gerieth er in Gefahr, den zerstreuten Detaschementen der Kaiserlichen in die Hände zu fallen, und erst nach langem Irren stieß er auf einen republikanischen Vorposten. Anfangs als Spion behandelt, wurde er zu dem Obersten eines weiter zurückstehenden Regimentes abgeführt, dem er seine Lage auseinandersetzte. Der Colonel Raynard war noch ein ziemlich junger Mann und fand Gefallen an dem lebendigen Wesen Josephs, der ihm mit feurigen Worten die Lage seiner Vaterstadt schilderte. Er versprach seinem Gefangenen Schutz, bis er sich in Aachen selbst von der Wahrheit seiner Aussage überzeugen könnte.

Dieser Zweifel verhinderte Joseph, noch am 16. Abends zu seiner armen Marie zu eilen, die über sein Ausbleiben vergehen wollte, und erst am andern Morgen erhielt er von dem Perückenmacher, der an der Spitze einer Deputation den Befehlshaber der Franzosen bewillkommt hatte, jubelnd umarmt, seine Freiheit wieder. Mit welchem Entzücken verließ er den Obersten, so lieb er ihn auch in der kurzen Bekanntschaft gewonnen hatte. Was kümmerte ihn jetzt die ganze Stadt und ihre Rechte und alle Reformen, er hatte jetzt nur Einen Gedanken, der seine ganze Seele ausfüllte. Mit einem lauten Schrei fuhr Marie von ihrem Stuhle auf und flog, ihres Kummers ledig und uneingedenk der Anwesenheit ihres Oheims, an die Brust des eintretenden Geliebten und Minuten vergingen, ehe sich Beide, die sich, fest wie für die Ewigkeit, umschlungen hielten, aus den Armen ließen. Aber länger dauerte es, ehe Beide zu Worte kommen konnten, und als der Rathsdiener seine Nichte bei der Hand nahm und sich zwischen sie und Joseph stellte, kamen Beide wieder zu ihrer Ruhe und Besinnung.

»Nun, Herr Franzos,« sagte der Alte mit bitterm Hohn, »also er hat die Jakobiner glücklich hergeleitet. Gratulieren kann jetzt wohl Bürgermeister oder Henker werden, es ist ja eine Stelle bei den lieben Republikanern so wichtig, als die andere.«

Joseph nahm dem Alten so leicht nichts übel, lächelte blos und sah zu Marien mit Blicken voll Liebe herüber. Als aber Herr Lambert dadurch nur noch heftiger wurde und hinzufügte: »Was und so ein Verräther an seinem ehrlichen Vaterlande, ein Kind, das seine Mutter in's Gesicht schlägt, weil sie ihm nicht genug Taschengeld und Spielzeug gegeben hat, der will mir mein Mädchen stehlen?«

Nun wurde auch Joseph ernst und antwortete, aber mit vieler Mühe: »Ihr übertreibt's, Pathe, Ihr thut mir Unrecht. Weiß Gott, bei allem, was ich that und wollte, dachte ich nicht gar zu sehr an mich, sondern mehr an das Recht, und die Liebe für die Freiheit und Gleichheit beseelte mich mehr, als die Liebe zu mir. Und was ich jetzt von den Franzosen gesehen habe, erschüttert mich nicht in meinen Hoffnungen. Sie kämpfen nicht um schnöden Erwerb, nicht für Eroberung und Raub, sondern nur für die heiligsten Ideen und Prinzipien. Die Herrschaft der Vernunft wollen sie gründen, das Joch der Sklaverei und den unsinnigen Aberglauben zerstören, aber nichts für sich gewinnen. Ja, es ist ein schönes Panier, für das sie kämpfen, und ruhmvoll schon ist das Streben, ruhmvoller der Sieg. Nur das Schlechte, Verwerfliche fällt in Staub vor dem Strahlenglanze ihrer unüberwindlichen Tapferkeit, aber das Gute, Edle gedeiht stark unter ihrem Schutze. Sie nehmen dem Volke seine Rechte nicht, sie geben einem jeden zurück, was die Tyrannei Einzelnen geraubt, zu eigenem Vortheile ausgebrütet hat.«

»Ja, ja,« antwortete der Alte, »das heißt, der Pöbel wird jetzt auch einmal zum Regimente kommen und sich von dem Rathe bedienen lassen. Nun, es wird eine hübsche Zeit werden. Aber mich laßt in Ruhe. Ich bin ein alter Mann und zum Lernen verdorben. Vielleicht geht's andern ehrlichen Leuten auch noch so. Mich laßt ungeschoren mit dem Krame. Ich will meinen Glauben und meine Pflicht nicht abschwören, auch meine Nichte keinem anvertrauen, dem die Eide so wohlfeil sind. Wer sie einem bricht, hält sie auch dem andern nicht. Und damit Basta. Ich will meine Ruhe haben und in der Vergangenheit leben, bis es besser wird hier oder dort, und wer mich darin stört, den weise ich, so alt ich bin, zur Thür hinaus. Habt Ihr es verstanden, Du und Du?«

Der Rathsdiener verließ brummend das Zimmer und ließ die Liebenden allein, die jetzt erst nach Herzenslust miteinander kosen konnten. Ein tumultuarisches Treiben auf der Straße weckte sie aus ihren Träumen. Joseph trat an das Fenster und wurde von einem der Freiheitsfreunde erkannt, der, von einem Paar Trompeten begleitet, mit einem Schwarm Jungen und anderm Gesindel heranzog. Die Truppe hielt still und ruhte nicht, als bis Joseph herauskam und sich, obgleich wider Willen, ihnen angeschlossen hatte. Es ging nach dem Markte, wo eine Schaar Franzosen unter dem Gewehr stand und ein Freiheitsbaum gepflanzt wurde. Nur wenige Bürger wohnten dieser Ceremonie bei, nirgends zeigte sich Sympathie für die fremden Ankömmlinge und nirgends Zutrauen in ihre Versprechungen. Joseph war nur über eins erstaunt. Als die Soldaten ihre Flinten fortgestellt hatten, mischten sie sich unter das Volk und fingen in bunter Reihe und unter dem Gesange der Carmagnole einen Rundtanz um den Freiheitsbaum an. Aber nicht dieses an und für sich so barocke Schauspiel erregte seine Verwunderung, sondern der unerwartete Anblick des Vogteidieners Houbben, der lustig unter der Menge mitherumsprang. Houbben winkte ihm zu und wollte mit freundlichen Worten eben auf ihn zugehen, aber er drehte ihm empört und voll Verachtung des Rücken zu und entfernte sich, so schnell er konnte. Aber er war noch nicht weit gekommen, als er auf den Obersten Raynard stieß, dem er nicht so leicht entgehen konnte.

»Sie kommen mir ganz erwünscht in den Wurf,« sagte der Franzose. »Sie müssen mit mir zu dem General Dampierre gehen und einige Proklamationen übersetzen.«

Der General, dem Oberst Raynard seinen jungen Schützling noch besonders empfahl, nahm Joseph sehr gut auf und dieser fand um so mehr Gefallen an der ihm zugetheilten Arbeit, da der Inhalt derselben ganz seinen Erwartungen entsprach. Die Proklamation verkündete, daß weder die Französische Republik noch die Generäle ihrer Armeen sich im Geringsten in die Berathschlagungen des Aachener Volks mischen wollten, sondern daß diesem völlig anheimgestellt bleiben sollte, sich eine Regierungsform und Verfassung nach eigenem Belieben zu wählen, sobald dasselbe seine Souverainetätsrechte begonnen habe. Denn von dem Volke gehe alles ans und unter der Herrschaft der Gleichheit dürfe zwischen den Bewohnern eines Landes, die alle an Rechten gleich seyen, kein Unterschied Statt haben. »Aachener,« hieß es am Schlusse, »wir sind Brüder, unsere Sache ist die Eurige, auch Ihr habt Unbilden zu rächen und Ihr habt das Joch zu lange gefühlt, um uns fürchten zu lassen, daß Ihr uns nicht als Freunde begrüßen werdet.«

Joseph war noch ganz jung, um den Schein für Wahrheit, Worte für Sache, Hoffnungen für Wirklichkeiten zu halten. In der Stadt herrschten jedoch andere Gesinnungen und Ansichten vor. Der Rath hatte sich zwar von selbst aufgelöst, aber die Mitglieder desselben, zu den angesehensten Familien gehörig, benutzten ihren Einfluß nicht zu Gunsten der Franzosen. Auch bot ihnen das Beispiel Belgiens, wo die Republikaner trotz ähnlicher Versprechungen sich immer ärgere Eingriffe in die alten Freiheiten des Landes und noch ärgere in dessen Güter erlaubt hatten, Stoff genug zu üblen Nachreden, so daß es ihnen bald gelang, die Ueberzeugung zu erwecken, daß hinter allen diesen Vorspiegelungen nur die Absicht stecke, Formen einzuführen, um sich hernach des Landes selbst mit desto bequemerer Leichtigkeit zu bemächtigen. Ein solches Gefühl drang sich nicht allein der zuletzt herrschenden Rathspartei auf, sondern auch der, welche bei den früheren Wahlen dieser Sieg streitig gemacht und darüber in bitterer Fehde gelebt hatte, und diese Einsicht einer gemeinschaftlichen Gefahr verband auf einmal die entschiedensten Gegner.

Der Leichtsinn, mit welchem die Franzosen ihre eigenen Zusagen vergaßen und kaum nach deren Bekanntmachung die Effekten der Klöster und Stifter versiegeln ließen, die Nichtachtung, mit welcher sie alle religiösen Gebräuche und Vorurtheile behandelten in einem Lande, wo die Frömmigkeit und die Verehrung des Cultus noch so hoch gehalten wurde, erbitterte die Bürger noch mehr, so daß schon nach einigen Tagen nur der alte Klub der Freiheitsfreunde, nur wenig durch einige verkümmerte Advokaten und ausgetretene Ordensgeistliche und andere Leute noch geringeren Schlages vermehrt, es offen und unumwunden mit den Franzosen hielt. Aber auch sie, welche zum größten Theile in der fremden Herrschaft ein Mittel zur eigenen Gewalt und Bereicherung gesehen hatten, sahen sich bald in ihren schönsten Hoffnungen betrogen.

Der General Valence, der in Aachen eingetroffen war, hatte, als Oberbefehlshaber während des auf Urlaub nach Paris abgereisten Generals Dumouriez, dem von dem Nationalkonvente vorgeschriebenen Formulare gemäß eine neue Proklamation an das Volk erlassen, in der es hieß: »Brüder und Freunde! Wir haben die Freiheit erobert und werden sie handhaben; unsere Vereinigung und unsere Stärke sind Bürge dafür. Wir erbieten uns, Euch den Genuß dieses unscheinbaren Gutes, das Euch immer zugehörte und das Eure Unterdrücker Euch nicht rauben konnten, ohne ein Verbrechen zu begehen, wieder zu verschaffen. Wir sind gekommen, Eure Tyrannen zu vertreiben; sie haben die Flucht ergriffen. Zeigt Euch als freie Menschen, dann werden wir Euch vor ihrer Rache, vor ihren Entwürfen und vor ihrer Wiederkehr sicherstellen. Von jetzt an proklamirt die Französische Republik die Abstellung aller Eurer bürgerlichen und militairischen Obern, aller Gewalten, die noch bisher regiert haben. Imgleichen hebt sie alle Korporationen, wie auch alle Vorzüge und Privilegien auf, die der Gleichheit zuwider sind. Ihr seyd von diesem Augenblicke an Brüder und Freunde, Alle Bürger, Alle gleich in Rechten und Alle gleichmäßig berufen, Euer Vaterland zu vertheidigen, zu regieren und ihm zu dienen. Bildet auf der Stelle eine Gemeindeversammlung, eilt, Eure provisorische Verwaltung niederzusetzen. Die Agenten der Französischen Republik werden sich mit Euch verstehen, um Euer Glück und jene Verbrüderung zu sichern, welche fortan zwischen uns bestehen soll.«

Eine solche Erklärung war nicht geeignet, die Mehrheit der Bürger, am wenigsten den vorherrschenden Zunftgeist zu befriedigen. Auch verrieth sich die Wirkung dieser Stimmung in den in den verschiedenen Stadthauptmannschaften vorgenommenen Wahlen der provisorischen Verwaltungsmitglieder. Niemand von der Gesellschaft der Gleichheitsfreunde ward gewählt und der Klub verhehlte seine Wuth nicht, und in seinen Sitzungen ging es fast so stürmisch zu, als in dem Jakobinerklub zu Paris, mit dem er sich in Rapport gesetzt hatte und der ihm baldige Unterstützung durch einige seiner Mitglieder versprach, die im Begriffe seyen, zur Armee abzugehen.

Bald darauf trafen wirklich die Konventsmitglieder Danton, Camus, Lacroix und Gossuin ein, gingen zwar unverzüglich zur Armee an der Ruhr ab, die einen beständigen Vorpostenkrieg mit den Oesterreichern unterhielt, welche ihr Hauptquartier in Bergheim aufgeschlagen hatten, kamen jedoch bald wieder zurück, um auch den Aachener Angelegenheiten ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Danton's Stentorstimme machte sich bald bemerkbar. Von den Freiheitsfreunden aufgewiegelt, sprach er, der ohnedies heftig genug war, in dem Verwaltungsrathe auf eine Weise, die manches Gesicht blaß machte. »Il ne faut pas faire ici,« schloß er seine donnernde Rede, »une révolution de miel et de lait, mais de sang, f.....; voyez, comment nous avant fait à Paris.« Eine solche Sprache war den Aachner Bürgern zu neu, die ganze Erscheinung hatte etwas so Furchtbares, Erschreckendes, der Gedanke an die schauderhaften Septembertage, an alle die Schrecken, die der damalige Justizminister Danton theils befohlen, theils geduldet hatte, war zu betäubend, als daß nicht alle starr und entsetzt, wie wenn ein Blitzstrahl dicht über sie hingezuckt wäre, das Haupt vor einer solchen Gewalt gebeugt hätten. Erst nach einer langen Pause wagte ein Rathsmitglied die schüchterne Bemerkung: »Aber das Klima ist hier nicht dasselbe wie in Paris.«

»Il faut le chauffer,« fuhr ihn Danton zur Antwort an. Zum Glück währte der Aufenthalt der Konventsdeputirten nur kurze Zeit. Ein wichtigeres Ereigniß rief sie nach Paris zurück. Sie hatten das Todesurtheil Ludwigs XVI. auszusprechen. Vorher hatten sie jedoch dem Kommandanten Dampierre noch Vorwürfe gemacht, daß er sich eine an aristokratische Gesinnung grenzende Mäßigung zu Schulden kommen lassen, daß er die Feinde der Republik beschütze und die wahren Kinder der Freiheit verkümmern lasse. Sie hatten ihm angewiesen, das Beispiel Custines in Mainz nachzuahmen, widrigenfalls sich im Jakobinerklub Anklagestimmen gegen ihn erheben würden. Dampierre sah das Beil der Guillotine schon über seinem Haupte drohen.

Joseph wurde durch die vielen Arbeiten, die ihm General Dampierre, bei dem er eine Art Sekretairstelle vertrat, ununterbrochen auflud, so in Anspruch genommen, daß er Marien kaum auf Augenblicke sehen konnte. Desto häufiger besuchten sie Agnes und ihr Vetter, mit welchem letztern sich der Herr Lambert recht gern unterhielt. Seit der Anwesenheit der Franzosen hatte der Alte das Haus nicht verlassen, nicht einmal durch das Fenster auf die Straße blicken wollen, am wenigsten von dem neuen provisorischen Rathe, noch den übrigen neuen Institutionen etwas wissen wollen. Jeden Morgen und jeden Abend verbrachte er still und allein in einer an die Wohnstube angrenzenden Kammer; dort hatte er, wie ein Heiligenbild über einem Altare, auf einem kleinen Tische seinen Dreizack, das Sinnbild seiner frühern Würde und Gewalt, aufgestellt, und da saß er denn davor in stummer Andacht und seufzte über die Schmach, die Aachen getroffen. Niemand im Hause wagte, gegen dieses Benehmen Einsprache zu thun, und der Magistrat hatte andere Sachen zu thun, als sich um einen alten Diener zu kümmern, und es hatten sich Leute genug zu den offenen Stellen gemeldet, als daß man nach denen, die sich freiwillig zurückhielten, hätte zu schicken brauchen. Auch Joseph suchte jeden Streitpunkt sorgfältig zu umgehen, und so hätte der kleine Kreis trotz seiner verschiedenen Ansichten und Sympathien den Schein vollkommenen Einverständnisses dargeboten, wenn nicht Herr Houbben wieder seinen grellen, störenden Schatten hineingeworfen hätte.

So empfindlich ihn auch Marie gekränkt hatte, schien die Beleidigung ihn doch gar nicht berührt zu haben, denn er stellte seine Besuche keinesweges ein, suchte sie jedoch so einzurichten, daß er nicht mit Joseph zusammentraf. Er konnte dies leicht, da er die Stunden wußte, in welchen derselbe bei dem Kommandanten zu arbeiten pflegte. Lambert nahm ihn noch immer mit gleicher Herzlichkeit auf und gab ihm dadurch einen Haltpunkt gegen die Kälte, mit der er von andern Seiten behandelt wurde. Der Rathsdiener sah in ihm den gleichgesinnten Kollegen, den von einem gemeinschaftlichen Unglücke Getroffenen, gleichsehr dadurch Gebeugten, einen Freund, gegen den er sich nach Herzenslust über die Heiligkeit ihres ehemaligen Berufes und über die Schändlichkeit der Neuerungen auslassen konnte.

»Und was haben uns denn nun,« sagte er eines Abends, »die Franzosen für Glück und Heil gebracht? Geht's jetzt ordentlicher zu in unserer Stadt, sind die Leute zufriedener, wird weniger geschimpft? Und geschieht das Letztere wirklich in geringerem Grade, ist nicht blos die Freiheit Schuld daran? Sind die Arbeiter vielleicht jetzt reich geworden oder nicht viel mehr noch elender, weil sie keine Arbeit mehr finden? Habe ich nicht Recht?«

Houbben schüttelte mit dem Kopfe, man wußte nicht, sollte es ja oder nein bedeuten.

»Aber, Oheim,« bemerkte Marie, »wie könnt Ihr nun so absprechen, da Ihr ja seitdem noch nicht herausgekommen seyd und blos nach Hörensagen urtheilt und noch dazu nach Quellen, von denen Gott weiß, ob sie rein sind?«

Herr Lambert sah sie mit seinen großen blauen Augen spöttisch an. »Meinst Du?« sagte er. »Wenn ich Herrn Joseph beistimmte, wäre die Quelle freilich viel reiner.«

»Ihr geht wirklich zu weit,« fiel Franz ein, um Marien, so wehe ihm ihr Erröthen that, zu Hülfe zu kommen. »Ihr wißt, daß ich mich immer von allen Parteien fremd gehalten habe, aber es läßt sich nicht leugnen, daß in der Verfahrungsweise der Franzosen manche Verbesserung liegt; das Drückende besteht nur darin, daß es kränkend ist, so sich von Fremden regieren zu lassen, und daß sie, ohne sich um unsern Schmerz zu kümmern, nicht darnach fragen, wenn sie beim Ausschneiden des Schadens mit dem Messer zu tief gerathen. Am traurigsten ist, daß, da sie die Machthaber, die vermögendere Klasse, verletzen müssen, sie den Beistand des Ueberrestes vom Volke, oft des schlechtesten Theiles desselben, in Anspruch nehmen müssen und dadurch zu Ungerechtigkeiten und Exzessen verleitet werden, an die sie selbst vielleicht nicht gedacht hätten.«

»Der Gedanke der Freiheit,« rief Agnes, »ist wohl schön, und ich kann mir recht gut denken, daß man sie anbeten kann wie ein göttliches Bild, aber daß die Priester Messer in der Hand haben, ist schrecklich.«

»Wenn die Tyrannei uns mit dem Schwerte droht,« bemerkte Houbben zaghaft, »so unterwerfen wir uns, weil wir das Thörichte des Widerstandes einsehen, so unglücklich uns auch der Gehorsam macht, denn nicht jeder fühlt sich geschaffen, nutzlos sein Leben hinzugeben, weil er in seinem Trotze beharren will. Wenn nun die Freiheit mit gleichem Zwange droht, sollten wir ihr nicht williger folgen, da sie doch um so viel schöner und edler ist, als der Despotismus?«

Herr Lambert sah ihn groß an.

»Ich meine,« fuhr Houbben, durch das Schweigen der Andern kühner gemacht, fort, »ob nicht jeder Bürger seine Pflichten empfindlicher verletzt, wenn er sich unthätig zurückhält, als wenn er der neuen Ordnung der Dinge sich anschließt, die er nicht ändern kann. Ich finde das ganz richtig, was Nachbar Franz bemerkt hat. Durch unser Schmollen kommen nur, zum Nachtheil des Ganzen, noch schlechtere Hände in's Spiel. Auch haben die Franzosen bis jetzt nichts an unserer eigentlichen Verfassung abgeändert. Sie haben Beamten gewechselt, aber doch die Aemter gelassen und es ist nichts geschehen, was der Stadt Karls des Großen –«

»Dessen Bild,« unterbrach ihn Lambert bitter, »sie auf offenem Markte eine rothe Mütze aufgesetzt haben, so daß die Herren auf dem Stadthause es jeden Augenblick sehen können, was für ein Regiment das der heiligen Reichskrone verdrängt hat. Was?« fuhr er, immer heftiger werdend, fort, »und Ihr fangt auch schon an, lau zu werden, Ihr, auf dessen Treue und Redlichkeit ich noch gehofft, Ihr wendet Euch zu den neuen Götzen und drängt Euch zu dem falschen Dienste?«

»Aber –«

»Was aber? Es gibt keine Entschuldigung für Euch? Oder war all Euer früheres Reden nur Trug, um mich zu gewinnen? Desto erbärmlicher. Die Lobpreisungen der alten Ordnung, die Schimpfreden auf die Neuerer und die Franzosen klingen mir noch in den Ohren, und Ihr, die Ihr sie hundert- und hundertmal mir vorgesprochen, Ihr habt sie vergessen, Ihr wanket schon und lenket ein? Um schnöden, elenden Gewinnstes willen. Denn sonst ist es doch nichts. Geht, geht mir – wir passen nicht zusammen.«

»Erst,« sagte Marie, froh des Schutzes, »führt er die Häscher an und überfällt die Freunde der Freiheit in der Nacht, um sie in's Unglück zu bringen.«

»Das war seine Pflicht,« unterbrach sie ihr Oheim.

»Und dann wie die Gewalt an sie kommt, küßt er ihnen die Hand, die er hatte in Fesseln legen wollen.«

»Das habe ich nicht gethan,« rief Houbben mit Heftigkeit.

»Was nicht?« fragte Marie, die den Zwiespalt gern zu einem entscheidenden Bruche geführt hätte.

»Weder das Eine noch das Andere,« erwiederte Houbben heftig.

»Wovon ist denn hier die Rede?« sagte Joseph, der in demselben Augenblicke eintrat. Houbben wurde noch blasser, als gewöhnlich und wollte sich entfernen, indem er Herrn Lambert versicherte, er werde morgen wiederkommen und sich zu rechtfertigen wissen. Aber Marie forderte ihn auf, zu bleiben, und da Joseph noch in der Thüre stand, als ob er ihm den Ausgang versperren wollte, so setzte er sich trotzig wieder nieder. Marie erzählte Joseph, was vorgegangen war.

»Darf man hier denn von so etwas sprechen?« fragte Joseph, seinen Pathen ansehend. »Ich glaubte, alle solche Gespräche wären verboten, welche Herrn Lambert in seiner Ruhe störten? Ich habe bis jetzt ehrlich geschwiegen, weil ich wußte, das gute Recht würde am Ende doch siegen, und weil ich den Leuten nicht gern hinter ihrem Rücken etwas Böses nachsage, wenn sie auch meine Feinde sind. Aber da einmal die Sache angeregt ist, so gestehe ich, Herr Houbben, ich begreife nicht, warum Ihr ableugnen wollt. Ich kann mir denken, daß Ihr jetzt nicht wissen wollt, daß Ihr damals unsern Klub aufhobet.«

»Das war ich nicht,« rief Houbben, »sondern mein Kollege.«

»Der fort ist mit dem Vogte? Da hat auch der den Schlag von mir bekommen? Es ist gut, daß er fort ist, nicht wahr? Aber das braucht Ihr doch jetzt nicht zu leugnen, daß Ihr ein Paar Tage darauf um den Freiheitsbaum mitgetanzt habt?«

»Um den Baum?« stammelte Lambert.

»Das geschah aus Zwang,« entschuldigte sich Herr Houbben.

»Soll ich das im Klub wiederholen?« fragte Joseph. »Oder ist es auch aus Zwang, daß Ihr gestern die Stelle eines Mairieschreibers angenommen habt?«

»Mairie?« seufzte Herr Lambert, von dem Klange des französischen Wortes tief ergriffen. »Also die ehrliche Bürgermeisterei ist in eine Mairie verwandelt worden und nicht einmal die unschuldigen Namen hat man uns gelassen! Und mit einer solchen Verleugnung des Herrn wagt Ihr es noch, meine Stube zu betreten? Geht, geht, Ihr habt mir heute den härtesten Schlag versetzt; Alles hätte ich ihrer Abtrünnigkeit verzeihen können, aber daß Ihr, den ich an meine Brust gezogen habe, mich so betrügen konntet, das ist zu schlecht. Geht, geht, von einem Bunde zwischen uns kann keine Rede seyn. Ihr habt ihn selbst zerrissen. Sucht Euch ein Mädchen, das auch einen Französischen Namen hat. Dem Vogteidiener hätte ich mein Versprechen gehalten, aber mit dem Mai ... zum Teufel mit dem fremden Worte! – habe ich nichts zu schaffen. Und damit Gott befohlen!«

Joseph trat von der Thüre zurück, um Houbben Platz zu machen, der Hut und Mantel nahm und ganz still mit seiner gewöhnlichen Ruhe allen gute Nacht sagte, aber noch auf per Schwelle sich umwendete und Herrn Lambert zurief: »Ihr werdet Euch noch besinnen, denke ich, denn ich gebe meine Ansprüche nicht auf und werde sie schon geltend zu machen wissen.« »Nehmt Euch in Acht vor ihm,« sagte Franz, als er fort war. »Ein Mensch, wie der, kann in der niedrigsten Stellung gefährlich werden.«

Der Alte antwortete blos mit einem verächtlichen Lächeln und versank, den Kopf auf die Brust gesenkt, in düsteres Schweigen. Marie allein war voll Freude, da sie von der Bewerbung eines verhaßten Menschen sich befreit glaubte, aber auch sie wurde plötzlich von Angst ergriffen, als sie in Josephs Gesicht blickte und dieses von trüben Schatten überzogen sah. »Was hast Du?« fragte sie erschrocken.

»Ist etwas Neues vorgefallen?« fügte Franz hinzu, da die Antwort auf sich warten ließ.

Joseph verbarg sein Gesicht in beiden Händen und man sah, wie er mit sich kämpfte, einen großen Schmerz nicht laut werden zu lassen. Marie ergriff zitternd seine Arme und Agnes trat besorgt zu ihrer Freundin, die sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte.

»Am 19.,« sagte Joseph leise und mit mühsam errungener Fassung, »haben sie Ludwig hingerichtet.«

»Königsmörder!« schrie der alte Mann, plötzlich auffahrend und den Stuhl mit Gewalt von sich stoßend. »Fluch ihnen und allen, die mit ihnen halten!«

Marie sank, entsetzt über die Worte ihres Oheims, der aus dem Zimmer geeilt war, ihrer Freundin in die Arme, während Joseph sich langsam und wie betäubt entfernte. Franz und Agnes gingen erst nach Hause, als sich die arme Marie ganz erholt hatte, beide mit Thränen in den Augen über das blutige Ende des unglücklichsten aller Monarchen, das sie den Kummer über das eigene Geschick eine Zeitlang vergessen ließ.

Aber auch nur kurze Zeit und doppelt heftig brach er wieder hervor. In der ganzen Stadt herrschte ein banger Trübsinn, der sich, mit wenigen Ausnahmen, aller Gemüther, selbst in der niedrigsten Klasse bemächtigt hatte, nirgends vielleicht aber hatte die Verstimmung die Höhe erreicht, wie in den beiden uns bekannt gewordenen Familien. Joseph bekam seine Geliebte nur selten, in der Kirche oder bei ihren Nachbarn zu sehen, und diese spärlich zugemessenen Momente, diese kurzen Unterredungen mit der allen Muthes beraubten Marie waren nicht hinreichend, ihn recht aufzurichten, da die äußeren Verhältnisse mit jedem Tage schwieriger wurden und sich unerfreulicher gestalteten. General Dampierre war durch die Drohungen des Konventsmitgliedes eingeschüchtert worden und lebte in steter Angst vor einer Denunziation im Jakobinerklub, eine Klage, die nur zu häufig einer Verurtheilung gleich sah und um so mehr zu befürchten war, da die Nachrichten von der Armee immer bedenklicher lauteten und jede Stunde die Nachricht erwartet wurde, daß die Oesterreicher mit überlegenen Streitkräften das an der Roer aufgestellte Korps der Republik angegriffen, vielleicht geworfen hatten. Er hielt es daher nur in der Klugheit angemessen, sich immer nachgiebiger gegen den Aachener Freiheitsklub zu zeigen, ja zuletzt ihm ganz zu Willen zu leben.

Unwissenheit und Schlechtigkeit durften jetzt das eiserne Zepter schwingen, der unseligste Herrscherverband, der über ein Land verhängt werden kann. Die Abgeschmacktheit ging mit der Niederträchtigkeit Hand in Hand, Joseph war fast der Einzige, den ehrliche Schwärmerei unter diese Rotte brachte, der aber auch schnell gegen die Beschränktheit der Einen, wie gegen die einseitigen Zwecke der Andern scheiterte. Weil die Einen aber seine Ideen nicht begriffen, wurde es den Andern um so leichter, den unbequemen Mahner zu verdächtigen, und als er zuletzt, über die ihm widerfahrene Behandlung entrüstet, ganz aus dem Klub ausblieb, kostete es nur noch einen kleinen Schritt, um ihn geradezu zum Verräther zu stempeln. Am heitersten erschien noch Franz. Er ging jetzt häufiger als je zu dem alten Rathsdiener herüber, der sich ganz abgesperrt von der übrigen Welt hielt und an dem jungen, schöneren Goldschmied am wenigsten auszusetzen fand. Die Liebe hatte ihm weise Nachgiebigkeit in die Launen des Alten gelehrt und seine Hoffnungen waren durch die entschiedene Zurückweisung Josephs nicht wenig gestiegen. Agnes schien am tiefsten zu leiden. Der Schmerz machte auf ihrem Gesichte einen erschütternderen Eindruck als bei Marie. Man war des heiteren, kräftigen Wesens so gewöhnt an ihr, daß die gänzliche Verwandlung desselben, ihr stilles, fast gleichgültiges Benehmen, das wehmüthige Zucken ihrer Lippen selbst ihrer mit ihrem eigenen Unglücke so sehr beschäftigten Freundin auffiel.

»Aber was hast Du nur?« fragte sie eines Tages verwundert. »Wenn Du so betrübt aussiehst, was soll ich erst thun bei meinem traurigen Loose?«

»Du?« antwortete Agnes lächelnd, »Du bist nicht am meisten zu beklagen. Du wirst geliebt, wie kannst Du den Gipfel des Schmerzes kennen?«

In einem solchen Zustande trauriger Abgespanntheit war man bis über die Mitte Februars gekommen. Der Klub, der, wie bereits erwähnt, mit der Zusammensetzung des provisorischen Raths unzufrieden war und sich durch diesen zu häufig gehemmt sah, betrieb die Bildung eines Konventes, welcher eine neue Verfassung für die Stadt entwerfen sollte, mit Eifer. Zugleicher Zeit ergriff er eine von Custine in Mainz ausgegangene Idee, um die Bürger zu einer bestimmteren Darlegung ihrer Gesinnungen zu zwingen. Man wollte, daß ein jeder sich kompromittirte, und war dies einmal geschehen, sich zu allen revolutionairen Ausschweifungen hinreißen ließe, oder geradezu als Feind der Republik betrachtet werden könne. Die Klubbisten wollten nicht umsonst gearbeitet haben und verlangten nach Opfern, um sie zu beerben. Sie ließen zu dem Ende in ihrem Sitzungssaale zwei Bücher auflegen, deren eines rot eingebunden und mit den drei Farben geziert, folgende Einleitung enthielt: »Im Namen des Allmächtigen. Wir Unterzeichneten huldigen dem Gesetze, welches die höchste Gewalt in die Hände des Volkes legt und dem Volke sein Recht wieder giebt, diese Gewalt durch Personen ausüben zu lassen, die es sich selbst von Zeit zu Zeit wählt. Wir erkennen Freiheit und Gleichheit als die Hauptgrundsätze an, auf denen eine gute Staatsverfassung beruhen muß. Da das edle Volk der Franken bereits den Anfang gemacht hat, auf diesen Grundsätzen eine neue Verfassung aufzurichten, so nehmen wir diese mit der Veränderung an, welche wir selbst durch unsere Stellvertreter in Gemeinschaft mit den Bevollmächtigten der Französischen Nation für gut finden werden.«

Neben diesem Buche, das des Lebens genannt, lag ein anderes, schwarz eingebunden und mit Ketten umwunden, das die Aufschrift führte: Sklaverei. Alle Bürger wurden aufgefordert, sich in einem dieser Bücher einzuschreiben; wer gar nicht erschien, sollte als ein Freund der alten Sklaverei betrachtet werden und es sich selbst zuzuschreiben haben, wenn er wie ein Sklave behandelt werde.

Diese Bekanntmachung erregte allgemeinen Tumult. Der Rath wollte sich derselben widersetzen, der Kommandant befahl jedoch, ihr Folge zu leisten. Vergebens hatte Joseph, der trotz allem, was er sah, noch immer fest an den schönen Worten hielt, die das Panier der republikanischen Krieger schmückten, einzureden gesucht. Dampierre, dem man ihn selbst als höchst verdächtig vorgestellt, hatte es für angemessen gehalten, ihn mit zunehmender Kälte zu behandeln und sein Ohr einem der Hauptklubbisten zuzuwenden, der trotz seiner scheinbaren Heftigkeit und Wildheit nur das Werkzeug Houbben's war, der sich nirgends gern zu sehr hervorstellte. Am ergrimmtesten zeigte sich Mariens Oheim, dem das neue Edikt nicht verhehlt werden konnte.

»Klub?« fuhr er auf. »Was habe ich damit zu schaffen? Was hat er zu befehlen? Und wenn es der neue Rath befohlen hätte, so gehorchte ich nicht, und einem Klub, einer Rotte Gesindel sollte ich folgen? Nimmermehr.«

»Aber –« sagte seine Nichte.

»Laß mich in Ruhe. Was geht mich so ein verrückter Perückenmacher an? Buch des Lebens! Lieber sterben, als das Leben von Schurken und Narren erbetteln? Eine schöne Figur würde ich unter dem Possenspiele machen! Wißt Ihr, was ich thäte? Zerreißen würde ich die Dummheit und sie den schlechten Leuten stückweise an den Kopf werfen. Sklaverei? wo war denn die Sklaverei? Doch wohl nicht früher unter dem Schutze des von Gott gesalbten Kaisers, doch nicht im heiligen Römischen Reiche? Oder herrscht hier jetzt etwa nicht die ärgste Sklaverei? Wo sollte ich mich in dieser Verwirrung denn einschreiben?«

»Es ist nur eine Form, eine Kinderei,« bemerkte Franz, »das keine Bedeutung hat und leicht gethan ist.«

»Leicht für Euch mag sie seyn,« fuhr der Alte aufstehend und heftig mit den Armen ausfahrend fort, »aber nicht für mich. Ihr seyd noch jung und da biegt sich vielleicht alles bequemer und richtet sich wohl auch zuweilen wieder zum Rechten auf, aber meine Glieder sind starr geworden – und wer mich biegt, der bricht mich auch. Ich bin mit geradem Rücken durch siebenzig Jahre gegangen und die Paar Haare, die meinen Schädel noch decken, lassen sich nicht mehr so oder so gewöhnen. Wie sie liegen, so bleiben sie auch oder fallen aus. Der alte Lambert bleibt der alte Lambert und damit Punktum, und dächten noch Tausend wie ich, so sollten die hungernden Schreier bald aus einem andern Tone pfeifen.«

»Aber eben, weil sie nicht so denken, so ist der Widerstand des Einzelnen zu nutzlos. Ich wünsche nichts sehnlicher, als diesem Zustande ein Ende gemacht zu sehen, da selbst dazu beizutragen, aber wenn ich Freiheit und Leben allein, ohne Kampf, sinnlos opfere, was habe ich damit gefördert?«

»Ihr hättet Recht,« antwortete der Alte etwas ruhiger, »auf Eure Weise, ich aber auch. Wer seine Pflicht so lange makellos erfüllt, der will sie bei seinem Tode auch gegen das kleinste Fleckchen verwahren. Und das Beispiel, denke ich, ist auch etwas werth, und in einer Zeit, wie die jetzige, mehr als etwas. Und werde ich auch zum Märtyrer, so will ich den Himmel und seine Heiligen preisen, wenn mein Tod noch der guten Sache hilft und die Bürger auffordert, kräftiger auf ihrem Rechte und ihrer Freiheit zu bestehen und sich nicht auf so jämmerliche Weise stehlen zu lassen.«

Vergebens war alles weitere Bitten und Dringen, Lambert blieb standhaft und gefiel sich immer mehr in dem Gedanken, daß es ihm beschieden sey, sich für das einstige Wohl des Vaterlandes zu opfern. Durch die Anwesenheit der Franzosen eingeschüchtert, hatte bereits der größte Theil der Bürger sich zur Lebensunterschrift bereitwillig gefunden; Lambert allein hatte den Muth gehabt, einen ihm, auf Veranlassung Houbben's, der auf den Trotz seines ehemaligen Kollegen rechnete und denselben sobald als möglich bekannt zu sehen wünschte, zugeschickten Boten, der ihn nach dem Saale der Klubbisten beschied, mit heftigen, verletzenden Worten abzuweisen. Die von Marie befürchtete Wirkung blieb nicht aus. Noch denselben Abend, wo dies geschehen war, erschienen Französische Soldaten in dem Hause des Herrn Lambert, um ihn in das Gefängniß zu führen. Der Alte ging ihnen mit stolzer Haltung entgegen. »Hier sind meine Hände,« sagte er, mit einem für seine Stellung etwas zu hohen Pathos, der jedoch bei dieser ehrwürdigen Gestalt nicht einmal einen Anflug des Lächerlichen hatte, »wo habt Ihr Eure Ketten?« Der Unteroffizier reichte ihm statt dessen blos ein Papier, welches den Verhaftsbefehl des Bürgers Lambert enthielt: »Bürger?« rief er mit funkelnden Augen und zerriß ihr Papier: »Hier ist nur der Rathsdiener Lambert; wenn Ihr den wollt, so führt mich fort.«

Marie zerfloß in bittern Thränen, als sie ihren Oheim, nachdem er ihr noch einen Kuß auf die Stirn gedrückt und sie aufgefordert hatte, muthig die Zukunft abzuwarten, ruhig und gelassen zwischen den Soldaten dem Gefängnisse, vielleicht noch Schlimmerem entgegengehen sah. Sie stand jetzt allein. Joseph eilte zwar, als er die traurige Nachricht von der Verhaftung seines Pathen erhielt, sogleich zu Marien, aber auch er hatte ihr keinen Trost zu bieten. Sie beschwor ihn, alles zur Rettung des alten Mannes zu versuchen, aber er hatte allen Kredit verloren und mußte für sich selber fürchten. Was konnte er thun? Er versprach das Mögliche, aber der Ton seiner Stimme verrieth, wie wenig er hoffte. Trotzdem ließ Marie nicht ab, in ihn zu dringen, und er ging noch einmal in den Klubb, wo man ihn jedoch nicht zu Worte kommen ließ. Dampierre ließ ihn gar nicht einmal vor sich. Es waren in der letzten Zeit Kuriere über Kuriere von der Armee gekommen, die seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Er berichtete der Geliebten, wie wenig er ausgerichtet habe, hielt sich aber nicht lange auf, sondern suchte noch, das Letzte zu versuchen, den Obersten Raynaud auf, der sich fortwährend freundlich und herzlich gegen ihn erwiesen hatte. Er traf ihn zum Glück allein und bat ihn auf das Beredtste um seine Verwendung. Der Oberst zuckte die Achseln. »Ich bedaure sehr,«, sagte er, »daß ich nichts für den armen Mann thun kann. Kein General wird unter den jetzigen Verhältnissen es wagen, diesen Jakobinern in den Arm zu fallen. Ich theile Ihren Schmerz, denn ich weiß ihn aus eigener Erfahrung nur zu gut zu würdigen. Wer weiß, ob nicht ein Zufall Ihnen besser zu Hülfe kommt, als ich es vermag. Wir müssen Alle zur Armee, die Oesterreicher machen Bewegungen, die einen Angriff erwarten lassen und ich rathe Ihnen, mit uns zu ziehen, denn nach dem, was ich heute bei dem Kommandanten gehört habe, ist Ihre eigene Freiheit hier gefährdet. Es gibt Menschen, die einen Groll gegen Sie haben und Sie zu verderben suchen. Die Reihen der Armee bieten jetzt die einzige Zufluchtstätte gegen solche Nachstellung und, wenn Sie meinem Regimente den Vorzug geben wollen, sollen Sie mir willkommen seyn. Ich habe Sie lieb gewonnen und werde für Sie zu sorgen suchen.«

Joseph drückte dem braven Manne dankbar die Hand und nahm den Antrag an. Er sollte als Freiwilliger eintreten und nur Adjutantendienste bei dem Obersten versehen.

»Wir brechen in der Nacht auf!« sagte der Letztere noch.

Erst auf der Straße fiel es Joseph schwer auf das Herz, wie Marie diesen neuen Schlag aufnehmen werde. Ihm selbst schien die Aufregung des kriegerischen Lebens, die Begeisterung des Kampfes etwas Erwünschtes gegen die dumpfe Schwüle, in welcher er in der letzten Zeit hatte athmen müssen. Aber Marie? Sie hörte jedoch die Mittheilung Josephs mit größerer Ruhe an, als er gedacht hatte. Sie hatte so viel gelitten, daß sie fast in Apathie versunken war. Sie machte nur Eine Bemerkung, deren Bitterkeit ihre Stimmung aufdeckte. »Also,« sagte sie, »ist es unter den Kugeln der Feinde jetzt sicherer leben, als in friedlicher Vaterstadt!«

Erst als draußen Generalmarsch geschlagen wurde und er Abschied nahm, da löste sich der Krampf, der sie zu fesseln schien: sie schlang ihre Arme um ihn und preßte ihn mit Gewalt an sich, als ob sie ihn nicht wollte ziehen lassen.

»Ich muß fort!« sagte er leise.

»Vielleicht auf Nimmerwiedersehen!« flüsterte sie zitternd.

»Wir sehen uns wieder!« rief er vertrauensvoll; »Gott kann es so schlimm nicht mit uns meinen. Er wird mich aus allen Gefahren retten und auch Deinem Oheim helfen, und wir werden noch Alle glücklich seyn.«

Noch einen langen, heißen Kuß drückte er auf ihre Lippen, entwand sich ihr mit Mühe und eilte nach dem Quartier des Obersten Raynaud, der ihm Uniform und Pferd bringen ließ und sich sodann mit ihm zum Sammelplatze des Regimentes Flandern begab. Es war Nacht, als sie aus der Stadt marschirten und die Kölner Landstraße einschlugen. Die Generale Dampierre, Stenzel, Lanoue und Miaczynski waren schon einige Stunden früher zur Armee geeilt. Maestricht, von den Franzosen hart bedrängt, war seinem Falle nahe, und die Oesterreicher waren aus ihren Positionen gerückt, um die wichtige Festung um jeden Preis zu entsetzen.

Als die Bürger Aachens am andern Morgen – es war am 1. März – erwachten, sahen sie schon eine Menge Wagen mit Verwundeten durch die Stadt hindurchfahren. Alles war in gespannter Erwartung, voll Furcht und Hoffnung. Der bei weitem größte Theil der Einwohner wünschte sehnlichst, daß die Kaiserlichen sie von dem Drucke der Republikaner befreien mögen, zitterte jedoch vor den Ausschweifungen, denen sich die Geschlagenen überlassen möchten. Die Klubbisten allein schienen eine Niederlage ihrer Beschützer für ganz unmöglich zu halten, und zeigten ihre gewöhnliche Anmaßung. Marie zitterte bei jedem Karren, den sie mit Verwundeten ankommen sah, vor Angst über das Schicksal des Geliebten, um gleich darauf wieder über die Lage ihres Oheims zu trauern. Trotz den Unruhen auf der Straße hatte sie schon am frühen Morgen Zulaß zu demselben zu erhalten gesucht, war aber unbarmherzig abgewiesen worden. Einer der Gleichheitsfreunde, den sie in der Nähe des Gefängnisses fand und an den sie sich bittend wendete, hatte ihr hönisch erwiedert, daß es jetzt an der Zeit sey, ein Beispiel aufzustellen, und daß mit dem alten Gefangenen der Anfang gemacht werden sollte. Franz, der gegen Mittag zu ihr herüberkam, brachte günstige Nachrichten von dem Erfolge der Oesterreicher und versprach, alles zu thun, um den schlechten Absichten der Klubbisten zuvorzukommen. Sie reichte ihm die Hand und beschwor ihn mit so ergreifender Wehmuth, ihren unglücklichen Oheim zu retten, daß er begeistert sein Leben dafür einzusetzen gelobte.

Kaum hatte er das Haus verlassen, als der Tumult auf den Straßen immer mehr zunahm. Eine Menge Gepäck zog längs der Jakobstraße zum Jakobsthore hinaus, Reiter sprengten hin und her, Flüchtlinge in jämmerlichem Zustande drängten sich nach. Niemand von den Einwohnern wagte den ersten Augenblick, seine Wohnung zu verlassen. Bald hieß es jedoch, nur der rechte Flügel der Franzosen sey von den Oesterreichern bis nach Eschweiler zurückgetrieben worden, es sey noch nichts verloren und dieser Unfall leicht wieder gut zu machen. Die Verständigeren erkannten jedoch die Wichtigkeit dieser Nachricht. War die Französische Armee bis Eschweiler umgangen, so mußte sie sich nothgedrungen auch ohne Angriff aus ihrem Centrum zurückziehen und eine neue Position einnehmen, und man erschrack vor dem Gedanken, daß dies in der Nähe Aachen's geschehen könne. Diese Besorgniß wenigstens wurde jedoch bald durch neue Flüchtlinge gehoben, die in immer dichtern Schaaren die Kölner Landstraße bedeckten und von einem allgemeinen Angriffe der überlegenen Oesterreicher erzählten, bei welchem die Franzosen so geworfen worden waren, daß sobald an keine Hauptschlacht zu denken sey. Die Kaiserlichen waren Tags zuvor von ihrem Hauptquartier zu Bergheim aufgebrochen, und während der Prinz von Würtemberg den Feind gegen Eschweiler zurückdrängte, hatte der Feldmarschall Prinz von Koburg mit dem Erzherzoge Karl und dem General Clairfait sich gegen das Centrum der Republikaner bei Aldenhoven gewendet, wo die Letzteren, obgleich ihre Flanke schon entblößt war, noch Miene machten, Stand halten zu wollen. Auf einem Hügel hatten sie eine Batterie errichtet, welche die Straße beherrschte, aber dennoch mit der größten Wuth von den Kaiserlichen gestürmt wurde. Das Dragoner-Regiment Latour, dessen tapferer Oberst von einem schon gefangenen Franzosen, einem Knaben, meuchlings erschossen worden war, jagte, voll Erbitterung über den Verlust des geliebten Führers, die Anhöhen hinan und hieb die Kanoniere an ihren Stücken nieder, so daß den Republikanern, denen der Donner der Geschütze von allen Seiten das Herannahen des Feindes verkündete, nur schleuniger Rückzug übrig blieb. Die Nacht verhinderte, daß er sehr gestört wurde, und die Franzosen ließen sich angelegen seyn, dies gut zu benutzen. Bei der Ungewißheit über die Stellungen, welche die verschiedenen Korps der Oesterreicher schon eingenommen haben möchten, wurde der Gedanke, sich bei Aachen noch einmal festzusetzen, aufgegeben und beschlossen, sich mit der ganzen geschlagenen Armee nach Belgien zurückzuziehen, wo man auf Verstärkung und sichere Haltpunkte rechnen konnte. Die ganze Nacht dauerten die Durchmärsche durch Aachen. Dampierre, der gegen Abend vom Kampfplatze zurückgekommen war, hatte den Bürgern verboten, sich auf der Straße blicken zu lassen, dagegen die Fenster zu erleuchten befohlen. Marie sah sich vergeblich nach dem Regimente Flandern um, dem, wie sie wußte, Joseph sich angeschlossen hatte. Es war noch nicht eingetroffen. Unter schweren Sorgen verging ihr die Nacht. Gegen Morgen sank sie, auf dem Stuhle am Fenster sitzend, von Müdigkeit überwältigt, in einem unruhigen Schlummer, aus dem sie jedoch bald durch heftiges Klopfen an die Thür geweckt wurde. Noch schlaftrunken eilte sie hinaus und öffnete, ohne zu fragen wer Einlaß begehre. Erschrocken fuhr sie zurück, als der ehemalige Vogteidiener, mit einer großen dreifarbigen Schärpe bekleidet, die ihm als Freipaß auf der Straße gedient hatte, auf die Hausflur trat. Sie hatte nicht die Kraft, die Thür vor ihm wieder zuzuwerfen, sondern ging stumm und wie maschinenmäßig in das Zimmer zurück, wohin Houbben ihr nachfolgte.

»Ihr hättet mich wohl nicht erwartet, Jungfer?« sagte er, indem er sich niedersetzte, mit seinem gewöhnlichen kalten Lächeln.

Marie schüttelte blos mit dem Kopf.

»Nun, dann seht Ihr, daß ich Beleidigungen zu vergeben und zu vergessen weiß, aber desto besseres Gedächtniß für das Gute habe. Jungfer Marie, Ihr habt mir Unrecht gethan.«

Marie gab noch keine Antwort; nur ihr Mund verzog sich du einem so bittern Ausdrucke, der deutlich genug sprach.

»Glaubt nur,« fuhr er fort, »was man auch gegen mich vorgespiegelt, ich habe es nur redlich mit Euch und den Eurigen gemeint. Wäre ich sonst hier? Ich hätte die Verläumdungen alle wiederlegen können, aber fand ich Ihr Gehör? Daß ich mich den neuen Einrichtungen unterworfen habe, kann nur Euer Oheim tadeln und seine Störrigkeit, seine Heftigkeit darin ist allein Schuld, daß ich nicht schon früher die Hand der Versöhnung angeboten habe. Jetzt vielleicht wird er sie nicht ausschlagen, da ich allein ihn von dem Schrecklichsten retten kann?«

»Und wer,« fuhr Marie auf, »wer hat ihn in das Elend gestürzt, wer hat Joseph von uns vertrieben?«

»Ich doch nicht,« antwortete er mit derselben Gelassenheit. »Ich kann doch nichts dafür, wenn Beide sich durch ihre Unbesonnenheit zu Worten und Handlungen hinreißen lassen, die zu jeder Zeit, aber besonders in einer so gefährlichen, Anstoß erregen müssen. Ich kann ja nicht mehr thun, als wieder gut zu machen suchen.«

»Eure Sachen stehen wohl sehr schlecht?« fragte Marie, ihn starr ansehend.

»Wie so?«

»Weil Ihr wieder einlenken und die Rache, die Ihr so sorgsam eingeleitet habt, aufgeben wollt. Der Klub ist wohl sehr im Preise gefallen?«

Houbben biß die Lippen zusammen. In demselben Augenblicke fiel ein Schuß, dem gleich darauf noch mehrere folgten.

»Dacht' ich's doch,« rief Marie triumphirend über die Bestürzung des ihr verhaßten Bewerbers, ohne daran zu denken, daß ihr Joseph in den Reihen der Franken fechte; »sind das nicht schon die Kugeln der Oesterreicher? Darum, darum also?«

Herr Houbben fuhr bei dem ersten Schusse zusammen, faßte sich jedoch bald wieder. »Diesmal mögt Ihr Euch doch irren, Jungfer,« sagte er spöttisch. »Das sind die Kugeln des Regiments Flandern, das Befehl hat, die Stadt bis auf den letzten Mann zu vertheidigen.« Marie erbleichte. »Bis auf den letzten Mann,« wiederholte Houbben langsam, »und der Oberst ist der Mann dazu, daß er den ersten, der von seiner Stelle weicht, selbst niederschießt und wenn es sein bester Freund wäre. Vor den Mauern dieser Stadt wird der Feind aufgehalten werden, bis frische Schaaren der Republik herbeigezogen sind, und die Freiheit und Gleichheit wird keinen Augenblick vor dem Bilde der Tyrannen sich zu verhüllen brauchen. Nun, klingt das anders? Warum bin ich nun gekommen? Lernt Ihr meine Großmuth jetzt besser würdigen? Die Zeit drängt. Ich biete noch einmal Vergessenheit des Vergangenen an. Euer Oheim hat mir Eure Hand zugesagt. Wollt Ihr sein Wort erfüllen? Joseph lebt für Euch nicht mehr. Was kann Euch der Soldat seyn? Jede Stunde dem Tode Preis gegeben, von jedem Befehle hin- und hergeworfen, ist nur die Schlacht seine Braut, nach der er sich sehnt.«

Das Schießen wurde immer heftiger. Houbben trat unruhig an das Fenster. Mehre Franzosen liefen über die Straße und schrien: »der Feind ist da!« Man hörte einen Trupp Kavallerie nach dem Markte zu sprengen, sah aber nichts davon. Doch schien es, als schalle von demselben der Ruf herüber: »Es leben die Kaiserlichen!«

Marie faltete die Hände. »Für wen betet Ihr?« fragte Houbben finster, »für den davongelaufenen Geliebten oder für den Mann, der Euch ein zweiter Vater gewesen ist. Glaubt nicht, daß alles gethan sey. Ich sage Euch das letzte Friedenswort. Noch ist Koburg nicht in der Stadt und ich versichere Euch, wenn Ihr meine Güte zurückweist, so sollt Ihr Euren Oheim nie und nimmer sehen. Er stirbt hin, so lange es noch eine Französische Kugel in Aachen gibt, den Tod des Verräthers, oder ich lasse ihn fortschaffen, damit dem Schaffot sein Recht widerfahre. Ich habe die Macht dazu und werde sie brauchen. Besinnt Euch kurz.«

Marie stand einen Augenblick wie vernichtet. Plötzlich schien sie wie durch einen Zauberschlag zum Leben zu erwachen, sprang auf ihn zu, ergriff ihn beim Arme, riß ihn an das Fenster, zeigte hinaus und stürzte nach der Thüre und in die Arme ihres Oheims. Es war das Werk eines Moments. Starr, wie sie eben, stand jetzt Houbben und betrachtete die jubelnde Volksmenge, die den ehrwürdigen Rathsdiener nach seiner Wohnung begleitet hatte. Von Marien und Franz geführt, trat er jetzt in sein Zimmer. Thränen der Rührung und der Freude benetzten sein Auge, das sich nur verdüsterte, als er auf seinen ehemaligen Kollegen traf. »Was will der hier?« fragte er.

»Nichts, nichts mehr davon,« bat Marie, die Hand des Oheims mit Küssen bedeckend, »jetzt ist ja alles gut, Ihr seyd gerettet, seyd frei.«

»Geht, Herr Houbben,« sagte Agnes, die ebenfalls herüber gekommen war, »aber ich rathe Euch, thut die Binde ab, sonst möchte es Euch nicht gut ergehen.« Houbben schlich sich ergrimmt davon und seine Stimmung wurde nicht freundlicher, als er sich draußen von dem Volke mit Geschrei und Pfeifen empfangen sah und es ihm nur mit Mühe gelang, sich noch schlimmeren Behandlungen zu entziehen.

»Dem danke ich meine Rettung,« sagte Lambert zu Marie, indem er auf Franz zeigte. Marie drückte ihm herzlich die Hand. Agnes sah ihn mit einem Blicke an, in dem Freude und Furcht gleichsam gemischt waren.

Franz mußte erzählen. Alle seine Bemühungen waren Tags vorher fruchtlos gewesen, und er selbst war mehr als einmal in Gefahr gewesen, von den Franzosen festgehalten zu werden. Erst diesen Morgen, als einige Oesterreichische Pikets in die beinahe unvertheidigte Stadt – die Geschichte mit dem Regimente Flandern war ein Mährchen – eindrangen, konnte er seinen Zweck erreichen. Einige Klubbisten waren wirklich eben im Begriffe, die politischen Gefangenen auf einige Wagen zu schaffen und mit ihnen der Französischen Armee nachzuziehen, als Franz mit Hülfe einiger Bürger, die er in Eile zusammengerafft, über die Gleichheitsfreunde herfiel, sie in die Flucht jagte und die Gefangenen befreite. Ein Paar Oesterreichische Uhlanen, die zu gleicher Zeit die Straße in vollem Galopp heransprengten, genügten, ein kleines Detaschement, das den Klubbisten zu Hülfe kommen wollte, zur schleunigen Flucht aus der Stadt zu bewegen.

Franz sprach noch, als sich Kanonendonner ganz in der Nähe vernehmen ließ. Aengstlich schlug Allen das Herz und Alles lauschte voll Erwartung. »Was wird noch geschehen?« seufzte Marie.

Ein Trupp Französischer Dragoner jagte über die Jakobstraße hinauf nach dem Markte zu und zugleicher Zeit fielen noch einige Kanonenschüsse. Sie waren gegen das Pontthor gerichtet, das von den Bürgern verschlossen worden war, aber gegen das Geschütz eines kleinen Französischen Korps, das von Herzogenrath herangekommen war, um sich der fliehenden Armee anzuschließen, keinen Widerstand leisten konnte. Es war das Regiment Flandern, das in die Stadt rückte, und während ein Theil desselben sich in ein Quarré auf dem Markte formirte und einige Pikets nach der Kölner Hauptstraße vorschob, mit einem andern die Höhen vor dem Jakobsthore besetzen ließ, um den Rückzug zu decken. Von allen Seiten hörte man schießen. Die Kaiserlichen hatten den Lousberg mit Kanonen besetzt und trieben die Franzosen von dem Kölnthore zurück. Einzelne Tyroler Schützen schlichen sich über die Wälle in die Stadt und beschossen, von Bürgern durch Queergassen geführt, hinter Steinen und Häuservorsprüngen gedeckt, die auf dem Markte aufgestellten Franzosen. Das unablässige Feuern, das Rasseln der Trommeln, das Geschrei war betäubend. Während einer augenblicklichen Pause hörte man einen Wagen vom Markte herabrollen. Es war ein leichtes Kabriolet, das vor dem Hause Lamberts still hielt. Marie eilte mit klopfender Brust an die Thür, erkannte aber kaum in den mühsam aussteigenden Offizier ihren Joseph. Sein Gesicht war noch schwarz vom Pulverdampfe, den einen Arm trug er in der Binde. Alle begrüßten ihn herzlich, selbst Lambert konnte seine Theilnahme nicht verbergen.

»Muß ich Dich so wiedersehen!« sagte er vorwurfsvoll.

»Er ist wieder unser,« frohlockte Marie.

»Aber nur auf Minuten,« antwortete Joseph, »das Regiment zieht ab und ich muß mit. Diese Wunde und ihr Verband hat mich verhindert, Euch früher zu sehen.«

»Wir lassen Dich nicht mehr fort,« rief Marie. »Oder kümmert Dich eine fremde Sache mehr, als wir? Und ist es nicht genug, daß Du schon für sie geblutet hast?«

Joseph schüttelte trübe mit dem Kopfe. »Ich bin gebunden,« sagte er, »und darf die neuen Freunde und Kampfbrüder nicht mehr verlassen. Pflicht und Ehre rufen mich. Sollte ich feige eine Fahne verlassen, das Panier der Freiheit, für die alle meine Pulse schlagen, sollte ich ihr jetzt den Rücken wenden, wo sie der Hülfe aller ihrer Söhne am meisten bedarf? Nimmermehr.«

»Aber Ihr seyd ja unfähig zu fechten,« bemerkte Agnes.

»Traurig genug. Aber wäre mein Loos, wenn ich hier bliebe, nicht noch schrecklicher? Abgeführt als Gefangener der Kaiserlichen oder eingezogen als Revolutionair – das wäre die Aussicht, die ich hätte. Ob wir uns aber je wiedersehen und ob neue Siege unsere Heere wieder zu Euch zurückführen werden? Was soll mir auch das Leben? Von meiner Heimath, von den Lieben meiner Jugend vielleicht auf immer geschieden, kann mir etwas erwünschter seyn, als ein früher, ehrlicher Tod?«

Alle waren ergriffen. Draußen nahm das Schießen an Heftigkeit immer zu.

Marie ging zu dem Rathsdiener und sagte mit feierlicher Stimme und verklärtem Blicke: »Oheim, ich verlasse Joseph nicht. Ihr habt ihn von Euch gestoßen, ich will es gut machen.«

»Wie, Du wolltest –« rief Joseph, sie mit dem freien Arme an seine Brust drückend, während die Andern erstaunt zurücktraten.

»Ja, ich folge Dir,« antwortete sie mit fester Stimme. »Du hast mein Wort und ich lasse nicht von Dir. Du kannst nicht bleiben; so ist es meine Pflicht, Dir zu folgen.«

»Bedenkt –« rief Franz erblassend.

»Lieber Oheim,« fuhr sie fort, ohne darauf zu hören, »für Euch beginnt bald wieder das alte Leben, und die Lücke, die ich darin mache, werdet Ihr ersetzen können. Zürnet mir nicht, scheltet mich nicht undankbar, aber er bedarf des Trostes, der Liebe mehr, als Ihr.«

Der Alte wendete sich ab und gab keine Antwort. Man sah ihm an, wie schwer er kämpfte.

»Gebt uns Euren Segen,« bat Joseph.

»Thut, was Ihr wollt und verantworten könnt,« antwortete der Alte bitter. »Was der alte Lambert gesagt, hat er für die Ewigkeit gesagt. Ihr bekommt meine Nichte nicht. Dem wilden Jungen hätte ich sie nicht gegeben, so gern ich ihn hatte, dem Französischen Offizier noch weniger. Wenn der sie sich aber nehmen will, der Gewalt kann ich nicht wehren.«

Marie wollte seine Hand ergreifen, er zog sie aber heftig zurück und sie flüchtete sich mit ihrem Schmerze an die Brust ihrer Freundin.

»Weine nur,« setzte der Alte hinzu. »Die Thränen werden schon noch besser kommen. Denk an meine Prophezeihung, aber dann rechne nicht auf den Oheim, den Du verlassen hast.«

»Ich werde dafür zu sorgen wissen,« antwortete Joseph an ihrer Stelle stolz, »daß sie Eurer nie bedürfen soll.«

»Soll mir lieb seyn,« erwiederte der Rathsdiener, »denn ich will endlich meine Ruhe haben.«

Er hatte es noch kaum ausgesprochen, als die Thüre aufgerissen wurde und ein Paar Französische Soldaten in das Zimmer traten, hinter denen man die Stimme Houbben's vernahm, der ihnen den alten Mann drinnen festzunehmen und aus der Stadt zu transportiren befahl. Die Republikaner machten schon Miene, sich des Rathsdieners zu bemächtigen, als Joseph, der seitwärts gestanden hatte, vortrat und sich vor seinen Pathen stellte. »Was gibt's?« frug er kurz.

Die Republikaner traten einen Schritt zurück vor dem Offizier und berichteten, ihr Lieutenant habe ihnen auf den Bericht des Bürgers Houbben befohlen, den alten Mann als Gefangenen mit fortzuführen, da er ein erwiesener Feind der Republik sey, die Stadt an die Oesterreicher verrathen und sie auf Seitenwegen in den Rücken der Franzosen geführt habe.

»Der Mann,« antwortete Joseph, »hat kaum erst das Gefängniß und seitdem das Haus nicht verlassen. Der Angeber ist ein Schurke.«

»Glaubt ihm nicht, meine Tapferen,« schrie Houbben, »er ist selbst ein Verräther. Ihr seht, er hat seine Fahne verlassen im Angesichte des Feindes. Nehmt ihn mit gefangen, als Deserteur.«

Die Soldaten waren unschlüssig. Joseph zog ein Pistol aus der Brust. »Den ersten, der Hand an diesen alten Mann legt, schieße ich nieder. Obgleich verwundet, werde ich mit Euch noch fertig werden. Auf Euren Posten, Soldaten, ich folge Euch.«

»Fest zusammengehalten!« hörte man draußen kommandiren. »Ruhigen Schritt.«

Die Soldaten eilten nach der Thüre, Joseph folgte ihnen. Vom Markte zog eine Kolonne Franzosen in gedrängter Masse heran. Sie zogen sich zurück. Die Oesterreicher, welche bei ihrer schwächeren Anzahl sich hier jetzt auf vereinzeltes Plänkeln beschränkt hatten, waren nach einigen Stunden durch die nunmehr hereinziehende Avantgarde verstärkt worden und drangen nun mit überlegenen Streitkräften in die Stadt. Während sich ein Theil derselben des Carmeliterklosters, dass zu einem Militairhospitale eingerichtet worden war, bemächtigte und sich dort festsetzte, drang der Rest von drei Seiten, über die Büchel-, die Pont- und die Kölnstraße, nach dem Markte vor und zwang durch sein Feuer, das die Franzosen fast von allen Seiten bestrich, dieselben zum Rückzug. In ziemlich guter Haltung marschirten sie die hochgelegene Jakobstraße hinan, von den nachsetzenden Kaiserlichen verfolgt. Als sie noch einige zwanzig Schritte von dem Hause Lamberts entfernt waren, erkannte der Oberst seinen Adjudanten, der nebst den Soldaten auf die Straße getreten war. Er sprengte auf ihn zu. »Was,« rief er hastig, »Sie sind noch hier? Eilen Sie, es ist kein Augenblick zu verlieren.« Zugleich befahl er seinen Truppen, Halt zu machen und den Oesterreichern die Mündungen ihrer Flinten zu zeigen. Auch ließ er zwei kleine Kanonen, die er bei sich führte, abprotzen und einige Kartätschenschüsse thun, um sich den Feind etwas vom Leibe zu halten.

»Wo ist Ihre Braut?« fragte er, sich wieder zu Joseph umwendend. »Machen Sie, machen Sie, steigen Sie ein.«

Joseph ergriff die fast bewustlose Marie mit seinem gesunden Arme und hob sie in den Wagen. Lambert verließ das Zimmer nicht, sprach kein Wort und blickte starr vor sich hin. Franz und Agnes folgten an den Wagen, beide tief ergriffen.

»Seyen Sie unbesorgt,« sagte der Oberst, auch noch in einem solchen Augenblicke galant, »mein Adjudant führt sie nach Paris, wo Sie bei meiner Frau eine passende Aufnahme finden werden und Ihr Bräutigam die Heilung seiner Wunde abwarten soll. Hier,« fügte er hinzu, indem er sich zu Joseph wendete und ihm eine Börse in die Hand drückte, »ist Reisegeld. Keine Umstände. Wir sind Kameraden und danke ich Ihnen nicht mein Leben, das Sie, vielleicht mit Verlust Ihres Armes, mir gerettet haben?«

Joseph schüttelte dem Kolonel Raynaud die Hand und stieg in den Wagen. Durch die Bewegung, die dieses machte, kam Marie wieder zu sich. Sie blickte wie verwirrt umher, bog sich heraus und rief: »Mein Oheim!« die Thränen stürzten ihr aus den Augen, als sie keine Antwort erhielt, ihn nicht mehr sah. Agnes reichte ihr die Hand. Sie bog sich noch weiter heraus aus dem Kabriolet, ergriff auch die halb ausgestreckte Hand des jungen Goldschmiedts und legte sie ineinander. – »Macht sie glücklich,« sagte sie leise zu ihm, »wie sie es verdient. Sie liebt Euch mit ganzer Seele, wie sie es auch mir ausgesprochen. Denkt an mich, es gehe Euch Allen wohl, recht wohl und nehmt Euch des alten Mannes an meiner Stelle an.«

» En avant!« schrie der Oberst und hinrollte der Wagen. Zu gleicher Zeit machten die Truppen, die durch das Feuer ihrer Geschütze die Oesterreicher in achtbarer Ferne zurückgehalten hatten, wieder Kehrt und eilten ebenfalls im Geschwindschritt dem Jakobsthore zu, indem die letzten Reihen sich von Zeit zu Zeit umwendeten und Feuer gaben. Agnes und Marie waren wieder in das Haus des Rathsdieners getreten und hatten die Thüre hinter sich zugeworfen, ohne Houbben's zu gedenken, der neben ihnen gestanden hatte und keine Lust zu haben schien, mit den Franzosen die Stadt zu verlassen. Er eilte im Gegentheile auf die schon ganz nahe herangekommenen Oesterreicher zu, indem er laut rief: »Haltet! ich führe Euch einen andern Weg, daß Ihr den Republikanern zuvorkommt und sie Alle abschneiden könnt.«

Aber sein Ruf ging in dem Krachen des Gewehrfeuers unter. Von beiden Seiten war in einem und demselben Momente eine Gewehrsalve gegeben werden, und lautlos stürzte der Verräther an beiden Seiten, von Oesterreichischen und Französischen Kugeln durchbohrt, auf das Pflaster nieder. Ueber ihn weg stürmte die Kolonne der nachsetzenden Kaiserlichen, und obgleich der Haß der Bürger gegen die Republik ihnen zu Hülfe kam und die Franzosen, je näher sie dem Thore kamen, sich selbst aus den Häusern von den Einwohnern der Stadt angegriffen sahen, vor einer Schmiede von den mit eisernen Stangen bewaffneten Arbeitern ihnen sogar die Kanoniere an ihren Geschützen erschlagen und die beiden Kanonen abgenommen wurden, so gelang es ihnen doch, glücklich in das Freie zu kommen, wo sie ihre auf den Anhöhen neben der Straße aufgestellten Kameraden an sich zogen und sodann unangefochten ihren Rückzug zu dem Hauptkorps bewerkstelligen konnten.

Aber Aachen war frei, war wieder eine Deutsche Stadt!

Alle Glocken läuteten. Alles drängte sich auf den Straßen, umarmte sich, wünschte sich Glück. Von allen Vierteln zogen die Bürger nach dem Markte, die vom Jakobsthore in Begleitung der zwei eroberten Kanonen, die der eben eingetroffene Prinz von Würtemberg der Stadt zum ewigen Angedenken geschenkt hatte. Der Freiheitsbaum wurde niedergerissen sammt der rothen Mütze, mit der man Karls des Großen Haupt verunziert, vor dem Stadthause verbrannt und dazu nach der Melodie der Marseiller Hymne ein Spottlied angestimmt, das im Munde des singlustigen niedrigen Volkes lebte und, so derb es war, in dieser Stunde freudiger Aufregung niemand sich enthalten konnte, im Chore zu begleiten. Und die ehemaligen Klubbisten schrien am lautesten mit:

Uehr Halonke, schlehte Prije,
Kanalje Pack en Schelmevieh!
Für mossen üch hei lije
En döschen ons net reppe mieh.

Wa't ühr mär, ühr franze Bieste,
Hos könt der ongersche Zaldat
Met Koborg üch an de Schwa't,
Datt ühr noh heem mot fieste.

Uehr ärm Zitojengs!
Uehr Lompe-Bataljongs!
Uehr Hong! ühr Hong!
Sed net mieh we'th, als Dreck a gen Schong.

Nur an dem Herrn Lambert, an Agnes und Franz waren die letzten Ereignisse spurlos vorübergegangen. Der Alte saß starr und stumm in seinem Lehnsessel und nur ein leises Bewegen des Kopfes verrieth, daß noch Leben in dem greisen Körper sey. Agnes und Franz standen neben einander am Fenster, die Hände noch verbunden, wie Marie sie beim Abschiede in einander gelegt hatte, aber tief in Gedanken versunken, mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt, sahen sie nichts von Allem, was vor ihren Augen vorging. Lange unterbrach niemand die heilige Stille. Agnes war durch die Offenbarung ihrer Freundin in eine bange Verlegenheit versetzt und Franz hatte noch mit dem Grame über den Verlust zu kämpfen. Die lange Stille wurde durch den Eintritt des Goldschmieds unterbrochen, der eine Tochter und seinen Vetter abholen wollte, damit sie das Haus hüteten, weil er nach dem Stadthause ginge und sich umsah, was es Neues gebe. Während er zu dem Herrn Lambert trat und ihm die Hand reichte, flüsterte Franz, der wohl fühlte, daß ein längeres Schweigen unthunlich sey: »Und Du liebst mich wirklich, Agnes?«

Sie drückte ihm die Hand.

»Und Du, die geschaffen ist, so ganz glücklich zu werden, Du wolltest Dein Leben, Dein Heil einem Manne anvertrauen, der nichts hat, als seinen ehrlichen, treuen Sinn, nichts – nicht einmal ein freies, ganzes Herz zu bieten hat.«

Agnes wendete sich zu ihm und sah ihm vertrauensvoll mit ihren hellen, leuchtenden Augen in's Gesicht. »Ich werde den Schmerz der Erinnerung zu heilen suchen,« sagte sie mit freudiger Ueberzeugung.

Franz lächelte ihr einen wehmüthigen Dank zu und folgte mit ihr dem Eile gebietenden Vater.

»Allein, ganz allein,« seufzte Lambert. Es war das erste Wort, das er seit Stunden gesprochen. Aber es war noch kaum über die Lippen, als der Nachbar Goldschmied wieder in die Stube trat und sagte: »Der alte Rath ist wieder einberufen und versammelt sich jetzt eben auf dem Stadthause. Die Herren eilen schon hin.«

Diese Meldung wirkte wie ein elektrischer Schlag. Der Alte fuhr von seinem Sessel auf. Sein Gesicht glänzte in hoher Verklärung. »Der Rath!« stammelte er und ging mit zitternden Schritten in die Nebenkammer, aus der er bald darauf, mit Mantel und Hut bekleidet und in der Hand das Amtszeichen, den Dreizack, haltend, heraustrat. Und plötzlich erschien ein neuer Geist in ihm erwacht zu seyn. Der Kopf war wieder mit der alten Würde zurückgeworfen, der Gang wieder stolz und fest wie ehedem und mit kräftiger, siegreicher Stimme rief er:

»Der Lambert geht wieder auf seinen Posten!«


 

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