Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fedor von Zobeltitz >

Besser Herr als Knecht

Fedor von Zobeltitz: Besser Herr als Knecht - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFedor von Zobeltitz
titleBesser Herr als Knecht
publisherH. Fikentscher Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070621
projectide7ee9ada
Schließen

Navigation:

VIII

Am folgenden Tage war ein Prachtwetter. Beim Frühstück hatten die Prinzen vorgeschlagen, eine Schlittenfahrt nach der alten Burg zu unternehmen. Graf Callomeo sollte mitkommen und den Erklärer abgeben: er hatte eine Geschichte der Burg geschrieben, die gratis verteilt wurde und kannte jeden Stein auf dem »Keil«.

Vorher hatte Emich in der Hofkanzlei die Urkunde zu unterzeichnen, von der gestern abend gesprochen worden war. Major Biegeleben hielt das Papier schon bereit und reichte Emich die Feder. Dann stellte er sich in strammer Haltung neben dem Tische auf und machte sein gewöhnliches Nußknackergesicht. Der Akt vollzog sich ohne weitere Förmlichkeit und war dennoch ein historischer Augenblick. Nunmehr war die Bahn für den Prinzen Leopold frei.

Der Fürst hielt sich den ganzen Vormittag in seinem Kabinett auf. Währenddessen waren unten zwei Schlitten vorgefahren. Im ersten nahm Emich mit Leopold, im zweiten der Erbprinz mit dem Grafen Callomeo Platz. In schlankem Trabe ging es durch die Stadt und in die Berge hinein.

Es war in der Tat eine wundervolle Fahrt über den knirschenden Schnee, in klarer, kalter, sonniger Winterluft. Die Stubbach, wie man die Talmulde nannte, in der die Stadt und die Feste lagen, war ganz mit leuchtendem Weiß gefüllt, und von den sie umgebenden Bergen glitzerte der reifübersponnene Tannenwald herab. War dieser Wald herrlich in all der gleißenden Pracht, die Frost und Kälte und Sonne über ihn ausschütteten! Jede Wendung des Weges und jeder Durchblick boten neue Schönheiten. Da sah man plötzlich mitten im Tannendickicht einen Felsblock von gigantischer Form auftauchen, den Schnee und Regen genäßt hatten, und die Feuchtigkeit war gefroren und umschillerte nun wie ein Glasnetz, das in allen Farben blinkte und blitzte, den steinernen Riesen. Auch in der Stubbach-Klamm hingen überall von den zackigen Felsenstürzen große tröpfelnde Eiszapfen herab, und der geschmolzene Schnee sickerte von der Höhe tausendfältig durch silbern leuchtende Rinnen in das brausende Gewässer hinein, das tief unten das schmale Bett der Klamm füllte. Dann öffnete sich wieder der Wald und gab eine weite Lichtung frei, die ganz weiß war und so stark glänzte, daß man nur mit zwinkernden Augen über sie hinschauen konnte. In der Mitte stand der übermannshohe Rumpf einer alten, längst gebrochenen Eiche; er war ausgehöhlt, und man pflegte ihn bei der Anstandsjagd als Versteck zu benutzen. Jetzt aber saß ein riesiger Rabe auf dem Stamm und schaute stumm und sinnend ins Weite, ein schwarzer Fleck in der weißen Natur.

»Piffpaff!« rief Prinz Leo, und der Rabe erhob schwerfällig seine Flügel und flog mit widrigem Krächzen davon... »Sage mir, Emich, ist es nicht schön in unsrer Heimat? – Und ist es nicht ganz verständlich, daß ich mich schwer von ihr trenne? Vielleicht komme ich gar nicht mehr zurück. Wer weiß, was einem da unten alles passiert!... Übrigens fällt mir ein: kennst du einen Hauptmann von Döring? Er hat sich auf dich berufen – war, glaub' ich, dein Pagenoffizier im Kadettenkorps.«

»Jawohl, – ich entsinne mich seiner. Er hatte einen ähnlichen ›Hofpips‹ wie euer braver Graf Callomeo und fühlte sich eigentlich nur wohl, wenn er Parkett unter den Füßen hatte. Was ist mit ihm?«

»Ach, nichts Bedeutsames. Er hat den Abschied genommen und wollte bei Papa in Dienst treten, hat sich auch persönlich bei ihm vorgestellt. Und da er Papa gefallen hat, wird man ihn mir wahrscheinlich als Hofoberhenkersknecht mit auf den Weg geben ... Nun paß' auf, Emich: jetzt geht's über den Wirbelbach – und da liegt die Burg!...«

Da lag sie, auf der Höhe des »Keil«, der in Wahrheit keilartig in konischer Formation sich auf dem Plateau erhob und in seiner Hülle aus Schnee wie ein riesenhafter Zuckerhut ausschaute. In weit ausbauchenden Serpentinen zog sich der Weg den Hang hinauf. Man mußte langsam fahren. Die weißen, purpurrot befranzten Schneedecken der Pferde, die sich beim raschen Trabe lustig wie vollgeschwellte Segel im Winde gebläht hatten, umschlotterten jetzt in weiten Falten Rücken und Wampen der Gäule, und das helle Klingling der silbernen Schellen auf dem Geschirr wurde zu leisem, melancholischem Geläut. Die Kufen zogen tiefe Furchen in den Schnee. Er lag hier oben fußhoch und hatte dem alten Wartturm, der noch immer recht trotziglich in das Land schaute, eine Nachtmütze aufgesetzt.

Vor dem Burghofe wartete schon, die Pelzkappe in der Hand, der sogenannte Kastellan, ein früherer Diener von der Stubbachfeste, der hier ein kleines Häuschen bewohnte, das wie ein Schwalbennest in luftiger Höhe an der Umfassungsmauer klebte. Nun stieg man aus und besichtigte zu Fuß die Trümmer des alten Kastells, und Graf Callomeo zeigte wieder, wie vortrefflich er in der Geschichte des Schöninghschen Hauses und des Fürstentums Stubbach beschlagen war. Er warf mit mittelalterlichen Jahreszahlen nur so um sich und erzählte die gräßlichsten Scheußlichkeiten aus dem Bauernkriege, als ob es sich um harmlose Jagdgeschichten handle. Und immer mit unverändert ergebenem Gesicht, den Oberkörper vom ewigen Komplimentieren leicht vorgeneigt, wie allezeit höchst elegant equipiert: in enganliegendem Gehpelz, mit blankem Zylinder und blanken Lackstiefeln – ein vollendeter Hofmann.

Es gab nicht allzuviel zu sehen. Oder doch erst, als man die Plattform des Wartturmes erklommen, die der Kastellan rasch vom Schnee gesäubert hatte, der nun in Billionen glitzernder Atome durch die Luft stäubte. Ja, von hier aus gab es schon etwas zu sehen: da lag das ganze Land zu den Füßen der drei Schöninghs – tief unten, eingetrichtert im Kesseltal, Städtchen und Schloß und ringsherum Berg und Tal, Ortschaft an Ortschaft. Hie und da sah man Schornsteine rauchen, die Schlote großer Fabrikanlagen. Der kerzengrade emporsteigende und in weiter Höhe zu Kringeln und Ringen sich auflösende Rauch schien das einzig Bewegliche in der stillen und klaren Atmosphäre zu sein. Doch schon begann Graf Callomeo wieder mit seiner schier unerschöpflichen Weisheit und beschrieb, was man sah.

»Die Grenzen des Fürstentums waren ehemals bedeutend weiter gespannt«, sagte er. »Blicken Sie nach Osten, wenn ich untertänigst bitten darf, da schob sich die Stubbach erheblich über die heutigen Grenzen Frankens hinaus und umfaßte auch noch die drei Basensteine, deren weiße Köpfe Sie in der Ferne sehen. Von der ältesten Zeit will ich gar nicht sprechen. Als Heribrand der Stolze, Ihr großer Ahnherr, meine gnädigsten Prinzen, noch auf diesem Felsen hauste – ich darf mir wohl zu sagen erlauben wie ein Adler im Horst –, da mag sein Besitzreich vielleicht vier-, fünfmal so groß als das Fürstentum gewesen sein... Es waren bessere Zeiten«, fügte er halblaut hinzu und fast wie in einen leisen Seufzer ausklingend...

Prinz Leo konnte im Übermut seiner Jahre nur mühsam das Lächeln unterdrücken, das ihm auf die Lippen treten wollte. Nein, war dieser Graf ein gar zu kurioser Herr! Fühlte sich geschwellt vor feudalem Bewußtsein und lebte und webte in klirrender Ritterlichkeit und suchte seiner Seele heißestes Glück im Umgang mit Trägern altadliger Namen – und mußte doch von Ursprung schlichtweg Krause heißen. Krause aus Luckenwalde – das war die Ironie seines Lebens und blieb nun einmal das Skelett im Hause der Duca di Gamba dei Callomei, deren Herzogskrone er mutterseelenallein zu tragen verurteilt war.

Doch nun war er mit seinem Bericht glücklich zu Ende. Emich ließ noch einmal seinen Blick durch die Runde schweifen – da drüben, nach Westen zu, hinter dem langgestreckten Höhenrücken, mußte Seesenheim liegen – dann stieg auch er den Wartturm hinab ... Wieder klingelten die Schlitten über den Schnee in fröhlicher Fahrt durch den Wald zurück und durch das Städtchen, das in sabbatlicher Ruhe träumte, denn in den katholischen Landen hatte man heute einen großen Feiertag.

Das Frühstück wurde in der Familie genommen, zum Diner waren aber wieder die Hofchargen geladen und die Diplomatie des Reichs, die sich in dem Staatsminister Doktor Holdemann verkörperte, einem früheren Rechtsanwalt, der an die freisinnigen Regungen seiner Jugend nur noch mit Schaudern dachte und dabei das Unglück hatte, linkshändig zu sein. Es war behaglicher als gestern, auch der Fürst so aufgeräumt, daß er sogar zuweilen ein Scherzchen machte, belacht von den Höflingen und fein belächelt vom Grafen Callomeo...

Am folgenden Vormittag reiste Emich wieder ab. Der Fürst umarmte ihn väterlich beim Abschied und küßte ihn nach russischer Sitte auf beide Wangen; seit Großfürst Fedor Konstantin sich so liebenswürdig bezeigte, hatte er sehr viel für Rußland übrig.

Die Prinzen umarmten den Vetter stürmisch. Leopold hatte ein verborgenes Tränentröpflein im Augenwinkel; er hatte sich mit Begeisterung an Emich angeschlossen.

»Wann werden wir uns wiedersehn, Emich?! Ach Gott, wann?! Schade, daß du schon fortmußt!«

»Ich besuch' dich so gewiß einmal in Illyrien, wie zwei mal zwei vier ist, Leo, mein Junge. Masseo Veresco hab' ich es auch versprochen. Während eines Manöverurlaubs komm' ich hinunter.«

»Aber tu's auch, Emich! Hand drauf?«

»Hand drauf!«

Und doch mußte er den Handschlag brechen. Er sollte den kleinen Vetter nicht wiedersehen oder wenigstens nur den Sarkophag, der über dem armen Toten seine marmorne Pracht erhob.

Oben am Fenster standen die Prinzen und winkten und nickten herab, als Emich davonfuhr. Callomeo brachte ihn auf den Bahnhof, wo sich die Ehren des Teppichläufers und der kleinen Treppe erneuerten. Der Graf blieb am Coupéfenster mit abgezogenem Zylinder stehen, bis sich der Zug in Bewegung setzte. Und als Emich nochmals aus dem Fenster zurückschaute, sah er noch immer diesen Zylinderhut glänzen. Er glänzte sogar in den Traum hinein, in den Emich müde versank, als er sich auf den Wagenpolstern ausgestreckt hatte, um die Geschehnisse dieser kleinen Reise zu überdenken...

Von der Station, bei der Emich ausstieg, war Dorf Seesenheim in einer halben Stunde zu erreichen. Er mietete sich einen Bauernwagen und fuhr zwischen beschneiten Feldern und durch eine magere Kiefernforst seiner Geburtsstätte entgegen. Das war wiederum Heimatluft, die ihn hier umwehte. Er kannte sich gut aus. Da lag der Eibensee, auf dem er so oft Schlittschuh gelaufen war, blank wie ein großer Spiegel und dicht an seinem Ufer die Försterei. Da lag das Vorwerk Erichshöhe, das sein Vater erbaut hatte, und da Seesenheim selbst, ein winziges Dörfchen mit großer Kirche, hinter der der Park begann, in dessen Mitte das niedrige, ziemlich unscheinbare Herrenhaus sich erhob.

Emich ließ sich nicht durch den Park, sondern auf den Wirtschaftshof fahren. Er wunderte sich darüber, daß man hier nicht den Schnee zusammengefegt hatte. Es sah öde und unwirtlich auf dem großen Hofraum aus. In einer Ecke lag, tief im Schnee steckend, ein Pitzbuhler Pflug mit verrosteten Scharen. Emich sprang vom Wagen, bezahlte den Kutscher und schickte ihn nach Hause. Kopfschüttelnd schaute er sich um. Ließ sich denn kein Mensch sehen?! – Es war freilich ziemlich früh Winter geworden und die Herbstbestellung mochte längst beendigt sein – aber dieser seltsame Hof gewährte den Eindruck, als benutze man ihn überhaupt nicht mehr.

Schöningh öffnete die nächste Stalltür. Das hungrige Grunzen von Schweinen scholl ihm entgegen. Der Stall war erst vor einigen Jahren neu erbaut worden, doch böse vernachlässigt. Überall hingen dicke Spinneweben; hie und da waren die Raufeneisen ausgebrochen; der Mittelgang starrte vor Schmutz, obwohl rechts und links Abführrinnen gemauert waren. Emich ging weiter. Im Kuhstall sah es nicht viel besser aus. Der war einst die Freude und besondere Liebhaberei der Mutter gewesen. Auch ihn hatte noch der Vater von Grund aus erneuern lassen. Durch ein zerbrochenes Fenster drang die kalte Winterluft; durch ein zweites Loch im Fenster hatte man einen Strohwisch gesteckt... Emich schwoll die Zornader auf der Stirn an. Als er wieder ins Freie trat, sah er vor der Tür des Inspektorhauses, das Mauer an Mauer mit der Wagenremise lag, einen alten Mann stehen.

»Settegast!« rief er.

Der Alte stutzte und legte als Schutz gegen die Blendung der Sonne die rechte Hand über die Augen. Dann schien es, als wankte er. Und plötzlich schrie er auf und stürzte Emich entgegen.

»Gnädiger junger Herr Graf – Erlaucht – o du mein Gott, o du mein Gott!...«

Er fiel in den Schnee vor Emich nieder und fing an zu weinen.

Es währte geraume Zeit, ehe der Alte seine Aufregung bemeistern konnte. Emich ging mit ihm in das Inspektorhaus; er wollte ein paar Worte in Ruhe mit Settegast sprechen, wollte Aufklärung haben. Auch Frau Settegast eilte ihm schluchzend entgegen, eine ganze Gesellschaft Kinder umringte ihn – er wies alle hinaus: erst wollte er den Inspektor hören.

Nun saß er ihm gegenüber in dem niedrigen, sauberen Stübchen, in dem die Wanduhr unheimlich laut tickte und ein Kanarienvogel im Käfig zwitscherte.

»Also sprechen Sie, Settegast«, sagte er. »Ich bin absichtlich unangemeldet gekommen. Ich wollt' einmal sehen, wie die Wirtschaft –«

Da fuhr Settegast in die Höhe – keuchend, blutrot und mit geballten Händen.

»Sauwirtschaft!« schrie er. »Verzeihen mir Erlaucht den Ausdruck – es gibt keinen besseren für diese – – !... Lange genug hab' ich's mit ansehen müssen. Ich habe sieben lebendige Kinder, die könnt' ich nicht hungern lassen. Da mußt ich denn den Mund halten, so schwer es mir wurde. Aber dem Herrn Grafen Wiegel hab' ich mehr als einmal zu verstehen gegeben, wie es hier sein könnte, wenn ordentlich gearbeitet würde! Was nutzte es mir! Der Herr Graf kam alle Jahre einmal her – immer zur besten Zeit und wir wußten's sechs Wochen vorher. Da ließ sich ihm leicht Sand in die Augen streuen. Er fand alles in schönster Ordnung, und die Berichte und Bücher und Kassenauszüge waren es auch immer. Das macht Herr von Polzien schon so: stimmen muß es; ein Advokat kann's nicht besser. Herr von Polzien sorgte auch dafür, daß ich niemals so recht an den Herrn Grafen herankam – und über mich alten Esel lächelte der Herr Graf ja auch nur. Was versteh' ich denn von der Sache?! Herr von Polzien ist der Administrator – das ist der Herr!...«

Es dauerte lange, ehe Emich so recht klar zu sehen vermochte. Settegast war so in Aufregung, daß er erst allmählich zu ruhigerer Berichterstattung kam. Seiner Ansicht nach wäre ein besonderer Administrator für Seesenheim gar nicht notwendig gewesen; unter dem verstorbenen Herrn hatte er die Buchhalterei auch unter sich gehabt. Aber Graf Wiegel wollte die Verwaltung anders geregelt wissen. Herr von Polzien wurde engagiert, ein verkrachter junger Gutsbesitzer aus dem Posenschen, der Wiegel durch einen Freund empfohlen worden war. Der brachte nun Ordnung in Seesenheim. Er versuchte es mit Rübenbau, wo nie eine Rübe wachsen konnte, schaffte neue Saatkartoffeln an, die nicht gedeihen wollten, führte Fütterungsmethoden ein, die ganz unsinnig waren, gab die alte Schlageinteilung der Felder auf und nahm eine veränderte Fruchtfolge an, die der Boden nicht vertrug – kurzum, er wirtschaftete in so verkehrter und törichter Weise, daß an irgendwelche Ertrage natürlich gar nicht zu denken war. Das ärgerte ihn und, um wenigstens nicht mit Unterbilanz zu arbeiten, begann er vom zweiten Jahre seiner Tätigkeit ab mit einem empörenden Raubbau, entvölkerte die Ställe, ließ große Flächen brach liegen, um an Arbeitskräften zu sparen, gab die Wiesen in Afterpacht und stand mit den Getreidejuden der Umgegend in ewiger Verrechnung. In den Büchern wurden phantastische Summen eingetragen: Ausgaben für Reparaturen, die man niemals ausführte, für Inventar, das nicht beschafft wurde, für Löhne, die man nicht zahlte. Und zeigte sich Graf Wiegel einmal, so wurden ihm die Märchen Potemkins vor Augen gezaubert. Aber die ganze Herrlichkeit, die Wiegel sah – der sich übrigens nie länger als einen Tag in Seesenheim aufhielt – schwand bei seiner Abfahrt wieder. Da brach man die Dekorationen ab. Der Jude kam und holte sich das Vieh aus den Ställen zurück, belegte die Vorräte des Schüttbodens mit Beschlag und ließ das Getreide mähen; die Tagelöhner wurden entlassen, die Felder verödeten – der Zauber war aus...

»Eine Sauwirtschaft, Erlaucht!... Der Herr Graf Wiegel ist schuldlos – oder vielmehr: der glaubt, seine Schuldigkeit getan zu haben. Er ist nicht der Herr und der Administrator ist's auch nicht. Der Herr – nu' der Herr fehlt uns eben!«

Die Lippen zusammengebissen, die Stirn finster, das Gesicht blaß – so hatte Emich zugehört. Jetzt stand er rasch auf.

»Ich möchte Herrn von Polzien sprechen, Settegast. Sagen Sie mir: ist's noch ein junger Mann oder ein älterer? Ich kenn' ihn nicht.«

»Ein junger, Erlaucht. So etwa siebenundzwanzig, taxier' ich. Er wohnt drüben im Herrenhause. Aber nicht etwa im ersten Stock, wie es bestimmt worden war. Da gefiel es ihm nicht; er bewohnt die Zimmer der alten gnädigen Frau Gräfin.«

»Die Zimmer meiner Mutter – – warte, Canaille!« zischte Emich zwischen den Zähnen hervor.

Settegast warf einen halb furchtsamen, halb prüfenden Blick auf seinen jungen Herrn.

»Erlaucht vergeben: eine Canaille ist der Mann wirklich, wenn er auch von Adel ist. In erster Zeit hielt er noch an sich. Aber dann wurde es schlimm. Da hat er ein Frauenzimmer drüben – seine Haushälterin, die ihm die Wirtschaft führen soll –«

»Es ist gut, Settegast – ich will keine Einzelheiten. Ich werde ja selbst sehen. Hier – nehmen Sie meinen Pallasch und geben Sie mir eine Reitpeitsche dafür!«

Der alte Mann wurde kreidebleich.

»Erlaucht – Herr von Polzien ist ein roher Bursche... Darf ich nicht mit hinüberkommen?«

»Wenn es Ihnen Spaß macht, gewiß. Aber« – Emich sah, daß der Inspektor nach der Flinte griff, die an der Wand hing – »ohne Waffe, Settegast!«

Er ließ die Reitpeitsche durch die Luft sausen. Und just in diesem Augenblicke klopfte es mit starker Hand an die Tür. Und dann wurde die Tür jach aufgerissen.

»Settegast,« rief eine helle Stimme, »was sind das für Koffer, die auf dem Hofe –«

Herr von Polzien brach ab, auf der Schwelle stehenbleibend. Er sah Emich und wußte sofort, daß seine Stunde geschlagen hatte. Es zuckte in grimmigem Trotze um seine Mundwinkel. Er verbeugte sich leicht.

»Erlaucht Graf Schöningh, wenn ich mich nicht täusche?« sagte er. »Sie kommen unerwartet, Erlaucht.«

»Und unverhofft, vermute ich.«

Der Administrator lächelte boshaft.

»Ich sehe, daß mein alter Freund Settegast gut vorgearbeitet hat. Aber Euer Erlaucht irren. Ich bedaure, daß ich nicht Befehl erhalten habe, Erlaucht meine Bücher und Rechnungsbelege vorzulegen...«

Emich maß mit einem Blicke den vor ihm Stehenden. Polzien war eine schlanke, geschmeidige Gestalt, Sehnen und Muskeln; das Gesicht hübsch, aber glatt, roh und ohne geistigen Ausdruck, wenigstens ohne Verfeinerung.

Schöningh bebte vor Zorn; er mußte sich gewaltsam zusammennehmen.

»Herr von Polzien,« sagte er mit mühsam erzwungener Ruhe, »ich verstehe Ihre Äußerung nicht. Wer hat hier zu befehlen, wenn nicht ich?!«

Der Administrator verbeugte sich spöttisch.

»Herr Graf Wiegel – kein anderer.«

Emich zuckte empor.

»Und bin ich nicht der Herr?!« schrie er.

»Gewiß, Erlaucht. Aber Sie sind noch minorenn. Und zu gehorchen habe ich nur dem, der mich angestellt hat: Ihrem Herrn Vormund, dem Grafen Wiegel. Ihm allein bin ich auch Rechenschaft schuldig. Es steht Euer Erlaucht frei, sich Feld, Hof und Haus anzusehen – jede Tür wird sich Ihnen öffnen – mit Ausnahme der Zimmer, die ich selbst bewohne: in meinen eigenen vier Pfählen hat kein Fremder etwas zu suchen.«

»So?!... Unter wessen Dache wohnen Sie? Unter dem meinen!... Herr von Polzien, ich bin hierher gekommen, mich persönlich vom Stand der Dinge auf meinem Eigentum zu überzeugen. Mein Vormund, Graf Wiegel, weiß darum und hat es gutgeheißen. Wollen Sie mich freiwillig durch die Ställe führen und mir Ihre Kassen- und Naturalienbücher, die Lohnhefte und sonstigen Belege der Buchhalterei übergeben?«

»Ich bedaure, Erlaucht – das werde ich nicht tun!«

»Schön. So enthebe ich Sie hiermit Ihrer Stellung. Zeigen Sie mir schriftlich an, was Sie noch zu fordern haben. Sie werden noch heute Haus und Hof verlassen. Die Übergabe erfolgt an den Inspektor Settegast. Ich bleibe hier, bis Sie mein Besitztum von Ihrer Anwesenheit befreit haben.«

Herr von Polzien machte eine hastige, wohl unwillkürlich drohende Bewegung. Auch in seiner Faust zitterte eine Reitgerte. Da räusperte sich der alte Settegast und schob seine hünenhafte Figur ein klein wenig zwischen die beiden jungen Männer.

Der Administrator lächelte wieder. Er hatte aus der Westentasche eine lockere Zigarette gezogen und drehte sie zwischen den Fingern.

»Wenn Euer Erlaucht in der Tat hier bleiben wollen,« sagte er langsam, »bis ich Seesenheim verlassen habe, so werden Sie sich für längere Zeit einrichten müssen. Ich habe durchaus nicht die Absicht, den Wünschen Eurer Erlaucht nachzugeben. Ich bleibe – bis Graf Wiegel mir die formelle Kündigung zugestellt haben wird.«

»So werde ich Sie vom Hofe werfen lassen, Herr!« schrie Emich außer sich.

Das Gesicht Polziens wurde dunkelrot.

»Versuchen Sie es!« schrie er zurück. »Bin mit anderen fertig geworden und werd's auch mit Ihnen noch werden, mein Gräflein!...« Er stürmte davon und schmetterte die Tür ins Schloß, daß es krachte.

»Generalreinigung, Settegast,« sagte Emich, »das ist jetzt die Hauptsache. Polzien wird nur der Gewalt weichen; also brauchen wir Gewalt. Glauben Sie, daß ich mich auf die Hofleute, vielleicht auch auf die Bauern im Dorfe verlassen kann?«

»Gewiß, Erlaucht. Man hat unsre alte Herrschaft noch nicht vergessen – Und Herr von Polzien ist allgemein verhaßt... Aber, Erlaucht, ich weiß nicht recht, was Sie wollen – weiß nicht –«

»Ich will zeigen, daß ich der Herr bin, Settegast – nichts weiter! Trommeln Sie alles zusammen, was mir ergeben und zuverlässig ist! Und dann lassen Sie ein paar Leiterwagen anspannen, damit wir Herrn von Polzien mit seinen Siebensachen davonfahren können!...«

Der Inspektor gehorchte. Es konnte ihm so nur genehm sein. Es ging auch wirklich nicht anders. Mit Ach und Krach mußte die »Sauwirtschaft« zu Ende gehen; dann erst ließ sich neu aufbauen. Ob Graf Emich im Recht war oder nicht – danach fragte Settegast nicht. Er war kein Jurist. Der Graf war der Herr und nahm sich sein Recht. Gut so!

Innerhalb einer Stunde standen im Schnee des Wirtschaftshofes gegen zwanzig Mann, altgediente Tagelöhner und auch ein paar junge Bauern mit ihren Knechten, durchweg rüstige Kerle. Und aller Gesichter lachten. Schade, daß der Herr Graf verboten hatte, dem Administrator zum Abschied den Buckel durchzuhauen; das wäre doch ein Vergnügen gewesen, das sich gelohnt hätte. Ihn so ganz sanft mit seinen Habseligkeiten auf den Leiterwagen zu setzen und nach der Stadt zu fahren, war nicht nach der Leute Geschmack...

Emich betrat, Settegast und ein paar der Arbeiter mit sich nehmend, das Herrenhaus. Auch hier herrschte die gleiche schauderhafte Verlotterung, die sich auf dem ganzen Gehöft bemerkbar machte. Die Zimmer, die der Administrator bewohnte, waren verschlossen und wurden auch auf wiederholtes Anklopfen nicht geöffnet. Emich ließ den Schlosser holen und die Tür erbrechen.

Sie splitterte leicht aus dem Schloß.

Polzien stand in der Mitte des wüsten, nur spärlich möblierten und sehr unordentlichen Gemachs. In einer Ecke, hinter einem Kleiderrechen mit Röcken und Paletots hatte sich die Wirtschafterin verkrochen: ein großes blasses Frauenzimmer mit roten Haaren und schwarzen Augen. Sie lag auf den Knien und jammerte laut.

In dem Augenblick, da Emich eintreten wollte, hob Herr von Polzien die rechte Hand. Ein Schuß krachte – aber die Kugel pfiff an der rechten Schulter Emichs vorüber und schlug in die Wand.

»Lump du!« brüllte Settegast und unterlief Polzien. Die Arbeiter eilten ihm zu Hilfe. Im Nu war Polzien zu Boden geworfen. Die Faustschläge der ergrimmten Leute hagelten auf ihn herab. Es kostete Emich Mühe, die Wütenden auseinander zu bringen.

»Laßt ihn!« schrie er. »Stehen Sie auf, Herr von Polzien! Sind Sie endlich gewillt, das Haus zu räumen?'

Der Administrator erhob sich keuchend und wischte sich mit der Hand das Blut aus dem Gesicht.

»Ja«, sagte er zähneknirschend. »Ich will mich nicht totschlagen lassen, drum geh' ich. Aber wir sehen uns wieder, Graf Schöningh! Ich bin ein Edelmann wie Sie –«

»Schande genug, daß Sie sich Edelmann nennen!«

»Warten wir ab, wer endgültig triumphiert!«

»Machen Sie sich nicht lächerlich mit Ihren Drohungen, Herr! Unten warten zwei Wagen auf Sie. Bezeichnen Sie die Gegenstände, die Ihnen gehören, damit wir so bald als möglich von Ihrer Gegenwart befreit sind.«

Es ging rasch. Die Wirtschafterin wagte sich aus ihrem Winkel heraus, immer noch heulend und jammernd, aber sich der Notwendigkeit fügend und mit Hand anlegend. Binnen zwei Stunden waren die Zimmer geräumt. Polzien verschwand plötzlich spurlos. Er hatte sich zu Fuß aus dem Staube gemacht.

Es war inzwischen Abend geworden. Hinter den Schneefeldern ging blutrot die Sonne unter, Funkentupfen in unermeßlicher Menge über die weiten Flächen streuend.

Emich hatte den Leuten im Kruge Bier und Schnaps geben lassen. Von dem alten Mobiliar des Hauses, das auf den Bodenräumen untergebracht worden war, hatte er ein Bett und einige andere Stücke in das ehemalige Arbeitszimmer seines Vaters schaffen lassen. Hier war auch geheizt und zudem ein Kaminfeuer entzündet worden. Frau Settegast erwies sich als eine gewandte und umsichtige Hausfrau.

Der Inspektor mußte die Bücher Polziens herbeischaffen. Dann ging man an ihre Durchsicht. Aber das war ein mühevolles Stück Arbeit. Mitternacht war vorüber, als Emich endlich erklärte, er könne nicht mehr. Doch auch an Schlaf war noch nicht zu denken. Die Gedanken überstürmten ihn; unruhig wälzte er sich im Bette hin und her.

Was sollte aus Seesenheim werden?! –

Eins war klar: Emich mußte sich künftighin selbst um seinen Besitz kümmern. Wiegel hatte sich seiner vormundschaftlichen Pflichten stets mit rascher Hand zu entledigen gewußt. Seine Korrektheit schützte Emich nicht vor dem Egoismus des Oheims. Graf August nahm die Abrechnungen, die Polzien ihm zusandte, in Empfang, falzte sie sauber zusammen und legte sie in das Archiv. Das war seine Arbeit. Die alljährliche oberflächliche Revision in Seesenheim nützte ebensowenig – das hatte sich gezeigt.

Das Auge des Herrn fehlte. Das war die Hauptsache. Und Emich fühlte, daß er Herr sein konnte, fühlte sich reif und alt genug, ob er gleich gesetzlich noch unter Vormundschaft stand. Der Gedanke, Herr zu sein, erfüllte ihn auch mit einem gewissen Stolz.

Im Kamin verglommen die letzten glühenden Kohlenstücke. Ein Holzwurm pickte und sägte leise im Gebälk, und von draußen vernahm man das sachte Rieseln des fallenden Schnees.

Da überkam Emich, bei aller Unbehaglichkeit, die im Zimmer herrschte, ein Gefühl unendlich traulichen Wohlseins. Er hüllte sich dicht in die Bettdecke ein und träumte von Vater und Mutter und seiner Kinderzeit.


Er war früh auf am Morgen. Seine erste Arbeit war ein Telegramm an seinen Kommandeur, in dem er um vierzehn Tage Nachurlaub bat. Wollte er Ordnung in Seesenheim schaffen, so mußte es von Grund auf geschehen.

Aber das war schwer auf dem verwahrlosten Gute, um so schwerer, als Emich selbst nichts von der Landwirtschaft verstand und sich völlig auf Settegast verlassen mußte. Eine erneute genaue Durchsicht der Bücher zeigte die mannigfachen Fälscherkunststückchen, in denen Polzien sich geübt hatte. Der Administrator verschwand übrigens schnell genug aus der Gegend. Schon am zweiten Tage nach Emichs Ankunft erschienen ein paar Getreidehändler aus der Kreisstadt in Seesenheim mit allen möglichen Forderungen. Sie erzählten auch, daß Polzien Hals über Kopf seine Habe verkauft habe und »verreist« sei. Niemand wußte, wohin. Seine rothaarige Geliebte hatte er im Gasthof mittellos sitzen lassen.

Eine Menge weiterer, meist freilich nur kleiner Forderungen wurde angemeldet. Sie wurden zu späterer Prüfung zurückgelegt. Vorläufig handelte es sich um die Aufstellung eines völlig neuen Bebauungsplans. Settegast holte die Pläne der Feldmark hervor und machte seine Vorschläge. Dann ging es auf einem primitiven Schlitten hinaus ins Freie. Der Schnee verdeckte die Felder, aber Emich wollte sich wenigstens ungefähr über die Lage der Schläge und ihre Einteilung informieren. Das Inventar wurde geprüft. Totes und lebendes verlangte Nachbeschaffung. An Vorräten war so gut wie nichts vorhanden. Dagegen ließ sich die Reparatur der Baulichkeiten ohne erheblichen Kostenaufwand ausführen.

Immerhin stellte sich nach tagelang währender sorgfältiger Berechnung heraus, daß ein Kapital von gegen zehntausend Talern notwendig sein würde, um die Wirtschaft wieder in flotten Gang zu bringen. Aus den Grundbuchakten hatte Emich schon in Stenzig ersehen, daß das Gut nicht erheblich über die Ritterschaftsgelder hinaus belastet war. Die notwendigen zehntausend Taler ließen sich also wohl auf hypothekarischem Wege beschaffen. Aber dazu war die Zustimmung des Vormunds notwendig.

Emich hatte bereits an Wiegel geschrieben und ihm, ohne jedwede Glossierung, Bericht über das Vorgefallene erstattet. Die Antwort erfolgte umgehend. Der Onkel bedauerte die »Décadence«, in die Herr von Polzien geraten sei. Sie könne übrigens nicht lange zurückdatieren, denn er selbst, Graf Wiegel, habe auf Seesenheim noch im vorigen Jahre alles in guter Ordnung vorgefunden. Doch gebe er Emich freie Hand; er sei überzeugt, daß sein lieber Neffe in jeder Weise korrekt verfahren werde.

Emich war froh darüber, daß ihm die vormundschaftliche Fessel genommen wurde. Er glaubte, Settegast vertrauen zu können. Der Alte saß länger als ein Vierteljahrhundert in Seesenheim und kannte Grund und Boden wie seine Tasche. Es war noch ein Glück, daß man den Winter vor sich hatte. Bis zum Beginn der Frühjahrsbestellung konnten die nötigen Neubeschaffungen ausgeführt und auch die Arbeitskräfte ergänzt werden.

Was Emich bei allem Ärger und allen Sorgen freute, war der Jubel im Dorfe, daß er die Verwaltung von Seesenheim in die eigene Hand nehmen wollte. Am Sonntage besuchte Emich die Kirche. Der Sitte gemäß wurde in das Endgebet auch der Patronatsherr eingeschlossen. Das berührte Emich eigentümlich. Der Patronatsherr war er; man betete für ihn wie für den König. Und war er nicht König auf seiner Scholle? ... An den Wänden der Kirche befanden sich einige alte Gedenktafeln. Unter diesen eine für einen Herbrand Gotthold Schöningh, der als Johanniter bei der Eroberung Maltas durch Bonaparte gefallen war. Das achtspitzige Kreuz schmückte auch die Gedenktafel, und als Umschrift um dies Kreuz stand der alte Ritterschlagsspruch »Besser Herr als Knecht«. Der Spruch beschäftigte Emich lebhaft. Er war der Inbegriff feudalen Empfindens und doch auch mehr. Er pries im Herrsein die Macht des Herrschens, aber nicht allein über andere, sondern auch über sich selbst – im Gegensatz zu dem Knechtsein begehrlicher Wünsche und schlechter Leidenschaften. Und in dieser Kirchenstunde nahm Emich sich vor, dem alten Ritterspruche auch nach seines Inhalts idealer Deutung zu folgen. Wer Herr sein will, darf nichts Knechtisches in der Seele tragen.

Kurz vor seiner Abreise von Seesenheim erhielt Emich noch einen seltsamen Brief. Die Briefmarke war russisch und trug den Poststempel Wilna. Auf einen groben Bogen Papier waren die Worte geschrieben: »Ich geh' nicht für immer. Wir rechnen noch ab, Schuft! P.« Das war die letzte Drohung des Herrn von Polzien. Emich lachte ihrer, zerriß den Brief und ließ die Fetzen über den Schnee flattern. Der Wind mochte sie weitertragen...

Als Emich aus Seesenheim zurückkehrte, war seine Standeserhöhung den Klempinern bereits durch die Zeitungen bekannt geworden. Oberst von Hildringen gratulierte in seiner rauh-burschikosen Art, als Emich sich bei ihm zurückmeldete. »Schaden soll's Ihnen bei uns nichts, daß Sie nun Prinz geworden sind, Schöningh«, meinte er schmunzelnd. »Wenn mich dieser Blitzstrahl getroffen hätte, wär' mir's unangenehm – von wegen der Wäsche und der Pferdedecken, da muß doch nun überall die Krone umgestickt werden. Und was das kostet!« Und dann rief er mit gewaltiger Summe: »Mi, Mé, Ma! Kommt mal alle 'rein! Macht eure Reverenz vor unserm neuen Prinzen!« Und das Dreiblatt trat an, niedlich und häuslich anzuschauen: Mi in der Schürze und mit rotem Gesichtchen, denn sie hatte in der Küche zu tun gehabt – Mé im Kopftuch, weil sie gerade Staub wischte, und Ma im Malerkittelchen, denn sie tuschte zierliche Blumen auf Tonvasen, die sie dann an einen Dreimarkbasar nach Berlin verkaufte. Alle drei knixten und wünschten Emich Glück und schnabberten viel und nannten ihn Erlaucht, Durchlaucht, Serenissimus, Hoheit und »mon prince« durcheinander, und die kleine Mi, die man immer schon von weitem an ihrem Kichern erkennen konnte, sagte sogar »fürstliche Gnaden«

Graf Encken hielt Emich eine schöne Rede, und noch schöner sprach der Major von Blohme, der Emich darauf aufmerksam machte, daß die Pflichten, die nunmehr an ihn »als Menschen wie als Offizier« heranträten, ungleich höhere seien als vordem; mit seinem erlauchten Namen müsse Emich den Untergebenen ein doppelt leuchtendes Vorbild sein – und was des Wohlangebrachten und Guten noch mehr war. Die Begrüßung bei Mac Lewleß war herzlich wie immer. Emich freute sich aufrichtig darüber, daß Gerald seine Ruhe und die Gewalt über sich selbst wiedergefunden zu haben schien. Es gab Zeiten, in denen er daran zweifelte, völlig in die Eigenart des Wesens Geralds eindringen zu können. Er sagte sich oft genug, daß die Natur des Freundes nichts Kompliziertes bot, und doch wurde er den Gedanken nicht los, etwas, irgend etwas Verschleiertes, Mystisches und Geheimnisvolles in der Seele Geralds sollte ihm verborgen gehalten werden... Dieser dunkle Punkt mußte seiner Meinung nach in dem Verhältnis zwischen Mutter und Sohn zu suchen sein. Wäre die arme Kranke die Gattin oder Geliebte Geralds gewesen – man hätte verstehen können, daß er seine Existenz der Zusammenbrechenden zu opfern gewillt sei; denn bei der starken Leidenschaft seines Empfindens wären Frau oder Geliebte sicher ein untrennbarer Teil seiner selbst gewesen. Die Grausamkeit des Naturgesetzes aber stellt die Liebe zur Mutter unbedingt tiefer; so ist auch das Wort der Schrift »Du sollst Vater und Mutter verlassen« aus tiefgründiger Kenntnis der Menschenseele geschöpft. Doch wäre selbst Geralds Liebe zu der Kranken blinder und schrankenloser Vergötterung gleichgekommen – seine Hilflosigkeit ihrem schrecklichen Leiden gegenüber hätte die Vernunft veranlassen müssen, seiner Opferwilligkeit Schranken zu ziehen. Und gerade bei dem klaren und logischen, jeder Sentimentalität abholden, von einem gewissen gesunden Egoismus getragenen Denken und Fühlen Geralds war es unfaßlich, daß er sich nicht dem Wunsche der Ärzte fügte, die Mutter in einer Anstalt unterzubringen. Um so unfaßlicher, als man ihm zu verstehen gegeben hatte, es sei zweckmäßig, die Mutter beständiger ärztlicher Aufsicht zu unterwerfen; um so unfaßlicher, als ihm nicht verschwiegen worden war, daß die unaufhörlichen Aufregungen auch seine Nerven zugrunde richten würden...

Am Sonntag ritt er nach Stenzig hinüber. Graf Wiegel war über die Grenze nach Kottau gefahren, um mit Herrn von Rietzow eine geschäftliche Angelegenheit zu erledigen, und wurde erst am Nachmittag zurückerwartet. So fand Emich Tante und Cousine zunächst allein vor, und das war ihm nicht unlieb.

Die Tante empfing ihn selbstverständlich mit hellem Jubel.

»O du mein Dickerchen – darf ich dich denn noch so nennen? Ist das nicht eine Beleidigung, eine Blasphemie oder dergleichen? Denn du bist doch nun eine ganze Ecke höher gerutscht und kannst, denk' einmal, welche Ehre, bei Hofe den Regierungsräten erster Klasse vorangehen! Na, ich sage, da hat der Ferdinand doch mal was Gescheites gestiftet! Wenn ich nun nicht verheiratet wäre, dann könnt' ich's am Ende auch noch bis zur Prinzessin bringen! Aber es ist mir so schon lieber; die Hauptsache ist, daß ich Dickerchens Tante bleibe.«

Nun trat Ruth ein, lachte, machte eine tiefe Hofverbeugung und sagte:

»Nehmen Euer Durchlaucht auch von Hochdero unwürdiger Base in ersterbender Devotion und mit ehrfurchtsvollem Respekt untertänigste Gratulation in Gnaden entgegen. Möge die Sonne Eurer fürstlichen Durchlaucht strahlender Huld auch fürderhin zeitweilig über meinem Haupte leuchten und mir Kraft geben, in so unmittelbarer prinzlicher Verwandtschaft dies elende gräfliche Dasein noch weiter zu ertragen!«

Worauf Emich erwiderte:

»Neige dein Haupt in Demut, mein Kind, und empfang einen Kuß als Zeichen dafür, daß ich dir auch künftighin gewogen bleiben werde...«

Nun frühstückte man in heiterer Laune miteinander, und Emich erzählte dabei ausführlich von Stubbach, dem Onkel und den Vettern und von den Geschehnissen in Seesenheim.

Diese letzteren empörten die Tante ungemein.

»Weißt du, Dickerchen,« sagte sie, »die Unredlichkeit Polziens ärgert mich noch weniger als die Gemeinheit, daß man den guten Onkel so an der Nase herumgeführt hat. Der Onkel weiß sich ja sehr zu beherrschen, aber ich hab' es ihm doch angemerkt, wie ihn diese Niederträchtigkeit gewurmt hat.«

»Ich auch«, setzte Ruth hinzu. »Aber unter uns, Mama: meiner Ansicht nach hätte das alles nicht vorkommen dürfen. Hätte auch gar nicht vorkommen können, wenn der Papa seine Vormundschaft, sagen wir etwas weniger bureaukratisch gehandhabt haben würde.«

»Ruthchen, ich bitte dich, laß solche Äußerung nicht etwa einmal dem Papa gegenüber fallen! Du kennst ihn ja –«

»Gewiß kenne ich ihn und habe auch durchaus nicht die Absicht, ihn unnötig aufzuregen. Jedenfalls war es das einzig Richtige, daß Emich seine Angelegenheiten in die eigene Hand genommen hat. Das hat er schon dadurch bewiesen, daß er Herrn von Polzien nicht erst verklagt, sondern einfach hinausgefenstert hat. Vetter Emich, du wächst in meinen Augen!«

»Merci, Cousine. Wachse ich wirklich – ich spür's noch nicht recht – so verdank' ich das lediglich der Einsicht, daß man auch Herr sein muß, wenn man, dank einem gnädigen oder zweifelhaften Geschick – wie man es auffassen will – nun doch einmal Herr sein soll

»Richtig, Emich! Es ist merkwürdig: Herr von Rietzow sprach sich neulich einmal in ganz ähnlicher Weise aus.«

»Rietzow? – Wird der Weg zwischen Kottau und Stenzig jetzt mehr befahren als sonst?«

Die Tante nickte.

»Ja, Emich. Zwischen dem Onkel und dem Kottauer hat sich sogar eine Art Freundschaftsverhältnis ausgebildet. Früher konnten sie sich nicht leiden. Da haderten sie immer um das Konfessionelle miteinander.«

»Bei Leuten von Bildung«, meinte die Komtesse, »sollte das der geringste Grund zu Streitigkeiten sein. Denn schließlich ist jeder der Meister seiner eigenen Seele. Ich kann mich persönlich übrigens nur darüber freuen, daß Herr von Rietzow sich jetzt öfters einmal in Stenzig sehen läßt. Von der ganzen Nachbarschaft ist er der einzige, der Geist und Wissen besitzt; man kann mit ihm doch auch über etwas anderes sprechen als über die Jagd, den Stand der Felder und die Politik.«

»Ja – ja,« sagte die Gräfin gedehnt, »das kann man immerhin...«

Emich schwieg; seine Sympathien waren nie auf der Seite des Kottauers gewesen. –

Wiegel kehrte erst am Spätnachmittage heim. Er hatte eine längere und ernst geführte Auseinandersetzung mit Emich. Aber trotz alles Windens und Drehens und trotz aller schönen Worte merkte Emich doch, daß es dem Grafen nur lieb war, sich entlasten zu können. Er mußte die Vormundschaft allerdings noch behalten, aber es sollte sich dabei lediglich um die Erfüllung einer formalen Notwendigkeit handeln.

»Du siehst also, wie sehr ich dir vertraue, Emich«, sagte er, »Nun ja, es hat Zeiten gegeben, in denen ich mich deiner minder sicher fühlte. Und auch heute gehen deine und meine Grundsätze noch manchmal auseinander. Ich würde beispielsweise in der Angelegenheit Polziens anders verfahren haben – korrekter, Emich. Wir leben nicht mehr im Zeitalter des Faustrechts. Aber an dem Geschehenen läßt sich nichts ändern, und den Umständen nach ist es ja auch ganz gut so. Du bist also fortan dein freier Herr. Wie sich dein militärischer Beruf und die Pflichten, die er an dich stellt, mit der Notwendigkeit einer subtilen Überwachung deines Besitzes vertragen wird, weiß ich freilich nicht. Die Munifizenz deines Onkels Ferdinand – hm – ich kann mich noch gar nicht an den Gedanken gewöhnen – erleichtert dir ja manches. Aber – na, ich will dir nicht mit der ganzen Reihe ›aber‹ kommen, die ich auf der Zunge habe: jedenfalls weißt du, daß ich jederzeit bereit bin, dir mit Rat und Tat beizustehen, wenn du meiner einmal bedarfst...«

Emich bedankte sich mit einigen liebenswürdigen Worten. Das mußte er schon, obwohl er der Überzeugung war, daß bei dem Onkel zwischen Rat und Tat sich Ströme auftun würden, nicht immer leicht überbrückbar. Er hatte die Erfahrung für sich.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.