Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fedor von Zobeltitz >

Besser Herr als Knecht

Fedor von Zobeltitz: Besser Herr als Knecht - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFedor von Zobeltitz
titleBesser Herr als Knecht
publisherH. Fikentscher Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070621
projectide7ee9ada
Schließen

Navigation:

VI

Regen und Sturm rasten gewaltig. Im Park tanzten und wirbelten die Blätter durch die Luft; das trockene Geäst knackte und krachte, und der kleine stille Weiher peitschte sein grünes Wasser weit über den Uferrand. Um so behaglicher war es im Schlosse. Die geladenen Regimentsdamen waren in drei großen geschlossenen Kutschen aus Klempin herübergekommen; die Jagdgäste, die ihre Koffer mit dem Krümperwagen vorangeschickt, hatten ihre Toilette gewechselt – man sah nur noch blaue Koller, Fracks und seidene Roben. Aus der lustigen Weidmannsbande war eine fröhliche Dinergesellschaft geworden. Frau von Blohme allein hatte sich zurückgezogen. Sie hatte ganz plötzlich ihr »heulendes Elend« bekommen, wie Graf Kiepert sich respektslos ausdrückte, einen ihrer hysterischen Anfälle, die gewöhnlich damit begannen, daß sie ihrem Gatten in französischer Sprache die schmählichsten Beschimpfungen in das Gesicht schleuderte, und zwar in einem Jargon, der mehr an den Montmartre als an den Faubourg St.-Germain erinnerte. Sie war in das Boudoir der Gräfin Irmela geschafft worden, hatte um eine Flasche Champagner gebeten und schlief nun deren Wirkung aus, während der Major, hochaufatmend in dem Bewußtsein, ein paar Stunden Ruhe zu haben, zur Gesellschaft zurückkehrte...

Diniert wurde im großen Saale, einer schönen, hoch gewölbten Halle, die den Hauptteil des ältesten Schloßbaus einnahm und erst vor kurzem restauriert worden war – einem mächtigen Raume, dessen Strebepfeiler Rüstzeug und Waffen schmückten, und dessen tiefe Fensternischen, in denen Tische und Bänke aus schwerem Eichenholz standen, zu traulicher Zwiesprache bei einem Glas edlen Weins förmlich einluden.

Graf Wiegel benutzte die Jagdgelegenheit, praktisch, wie er immer war, sich zugleich eines Teiles seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entledigen. So war denn das Diner vornehm und reichhaltig und erinnerte eigentlich nur in der Wahl der Suppe – Erbsenpüree mit Schweinsohren – an das sonst übliche Weidmannsmahl. Auch erschienen Jäger und Diener bei dem Servieren in großer Gala, es war wieder einmal alles außerordentlich korrekt...

Eine ganze Anzahl jüngerer Herren mußten sich ohne Damen behelfen. Auch Emich – und er war glücklich darüber. Er saß neben Veresco, der auf der anderen Seite Sassenhausen zum Nachbarn hatte. Das hatte die Gräfin so angeordnet, weil sie sich denken konnte, daß sich die drei Kadettenkorpskameraden tausend und eins zu erzählen haben würden. Und so war es auch. Von der Suppe an wurde Veresco von rechts und links mit Fragen bestürmt.

»Nur chronologisch, Kinder,« sagte er, »und erst ein Glas Portwein. Seit drei Tagen lebe ich in beständiger Hetzjagd. Also denkt euch: die Revolution ist da! Unten bei uns, meine ich – in Illyrien. Es hat diesmal länger gedauert, als wir alle geglaubt haben, aber nun ist sie da – und vor ein paar Tagen erhielt ich von meinem Papa ein Telegramm: »Abschied einreichen, herkommen, brauchen dich!'...«

»Siehst du,« fiel Sassenhausen ein, »was hab' ich dir damals gesagt – weißt du, als wir bei Hiller den Sricoccio tranken? Das Wort hab' ich nicht mehr vergessen, obwohl es mir immer noch ein klein bißchen schwer von der Zunge will.«

»War' auch eine tödliche Beleidigung, Saß; den Sricoccio vergißt man nicht – sein lebelang nicht... Ja, eine Hetzjagd war es. Ich mußte selber zu Majestät, ach, und wie lieb und gütig war der alte Herr! Er hat mir die Backen gestreichelt und mich vorläufig nur à la suite stellen lassen; wenn die Geschichte unten in Ordnung wär', meinte er, würde ich vielleicht doch wiederkommen. Aber ich glaube, diesmal wird nicht allzu leicht Ordnung zu schaffen sein; es gilt, sich mit letzter gewaltiger Kraft für immer vom türkischen Joch zu befreien. Und dazu ist die Sachlage günstig... Habt ihr die Anfangsstadien des Kriegs zwischen Rußland und der Türkei verfolgt?«

»Versteht sich«, erwiderte Emich; »schon aus Interesse für dich und Illyrien.« »Na also. Es wird einen Heidenspektakel geben, Kinder. Rumänien hat sich bereits auf die Seite Rußlands gestellt; der Fürst von Serbien ist vom Sultan abgesetzt worden, sitzt aber trotzdem noch immer auf seinem Thrönchen und hat sich für majorenn erklärt. In Thessalien, Mazedonien und Kreta gärt es gewaltig, und bei uns in Illyrien organisiert ein russischer Fürst auf -ky die Miliz... Unter uns: der allzu enge Anschluß an Rußland ist auch nicht nach meinem Geschmack. Der Zar steckt uns eines Tages in die Tasche und ist dann damit einen Schritt weiter nach Konstantinopel vorgerückt. Das Beste wäre, man gäbe uns einen preußischen Prinzen als Regenten, wie den Rumänen. Und nun schenk' mir ein Glas Rotspon ein, Emich! Gott, ist das eine Hetzjagd! ...«

Zwischen jedem Gange nahm er seine Erzählung wieder auf. Schon bei Beginn des russisch-türkischen Feldzuges hatte eine Militäremeute Midhat-Pascha, den Gouverneur von Illyrien, aus der Landeshauptstadt Garica vertrieben. Der Ministerrat hatte den alten Marquis Veresco für die Zeit des Provisoriums zum Regenten erwählt, und Veresco hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als – zum wievielten Male innerhalb der letzten fünfzig Jahre!? – Illyrien, das bisher als Wilajet der Türkei verwaltet wurde, für selbständig zu erklären. Daß er Rückhalt an Rußland suchte, war nach Lage der Dinge nur natürlich; und die Russen ließen sich auch nicht weiter nötigen – binnen kurzem waren sie die Herren im Lande. An den Grenzen und in den Bergen aber wütete trotz der russischen Besetzung noch ein erbitterter Kampf; da hatten sich die landeingesessenen Mohammedaner gegen die Christen empört, und es kam zu grausamen Metzeleien ... »Kurzum, liebste Freunde,« schloß Veresco, »der ganze Balkan steht wieder einmal in Flammen. Fragt mich nicht, was das Ende sein wird – ich weiß es nicht. Ich weiß nur das eine: auch Rußland wird uns nicht glücklich machen. Ihr könnt euch denken, mit welcher Sehnsucht es mich nach der Heimat zieht. Aber euch mußt' ich noch Lebewohl sagen. Und da setzt' ich mich denn auf die Bahn und fuhr schnurstracks nach Klempin. Natürlich wart ihr nicht zu Hause – und da ich morgen früh weiter muß, nahm ich mir einen Wagen und segelte euch nach, um hier über die Gebühr gastfreundlich aufgenommen zu werden. Prost, Emich – prost, Saß! Wer weiß, ob wir uns noch einmal wiedersehen! Auch die türkischen Kugeln sind aus Blei und bohren Löcher, wo sie hintreffen ...«

Man stieß an – auf das Wohl Verescos und auf Illyrien.

Die ritterliche, leicht exotische Erscheinung Verescos (er war in Zivil) und die Abberufung des jungen Illyriers in die sturmumdrängte südliche Heimat hatten in der Gesellschaft ein gewisses Aufsehen erregt. Besonders die Damen fanden Maffeo höchst interessant. Gräfin Irmela suchte ihrer Gewohnheit gemäß nach irgendwelchen verwandtschaftlichen Anknüpfungspunkten und war sehr bekümmert, daß sie keine solchen fand. Wo lag denn Illyrien? Gott, war das weit! Und plötzlich fiel ihr ein, daß sie Emich ja noch etwas sehr Wichtiges mitzuteilen hatte. Das ließ ihr keine Ruhe; es war schrecklich, wie lange sich heute die Tafelei hinzog!...

Ja – es währte ziemlich lange. Die Unterhaltung wurde immer angeregter. Der Graf war auch diesmal mit seinen vortrefflichen Weinen nicht sparsam gewesen. Oberst von Hildringen hatte sich hinter einem Léoville verschanzt, dessen bluttreibende Kraft ihm das gutmütige Gesicht braunrot färbte. In den Köpfen der jüngeren Herren entzündete der Mumm allerhand Funken des Übermuts. Auch Ruth war lebhaft, fast ausgelassen. Emich hörte zuweilen ihr silbern klingendes Lachen und schaute dann mit raschem Blick zu ihr hinüber. Zuweilen war es ihm immer noch, als klopfe sein Herz schneller, und als umdrängten die Blutwellen es mit erhöhter Wucht, wenn er Ruth in die Augen schaute. Es war so töricht! ... Ruth saß ziemlich weit oben am Tisch, zwischen dem unvermeidlichen Herrn von Rietzow und dem Landrat von Oest. Sie trug hellgelbe Seide mit einem Einsatz von schwefelgelbem Sammet und einer phantastischen Goldstickerei am Kragen! Wie gut stand ihr dies Kostüm! Mit ihrem schwarzen Haar, dem goldig angehauchten Teint und den dunkeln Augen sah sie fast wie eine Südländerin aus. Einmal traf sich ihr Blick mit dem Emichs. Da hob sie ihr Sektglas und grüßte zu ihm herüber. Und lächerlich – das Blut schoß ihm in die Wangen, als er zurückgrüßte und seinen Kelch leerte! Warum errötete er denn?! Es war zum Verzweifeln, daß er so gar nicht Herr seiner Empfindungen zu werden vermochte!...

Die Jagdtoaste waren vorüber; auch den Damen hatte Graf Encken ein paar zierliche Worte geweiht – zierlich, verschroben und altfränkisch, denn die Rede stammte aus einem abgegriffenen Büchlein, das der gute Encken häufig zu Rate zog und immer wieder sorgsam in seinem Schreibtische verschloß und das den Titel führte: »Der vollkommene maître de plaisir oder gründliche Anweisung zu Tafeltoasten und Tischreden aller Art, mit einem Anhang: wie man am leichtesten das Herz der Damen erobern kann.« Seine blonde dralle Gattin kannte dies Büchlein, war aber nichtsdestoweniger stolz auf die rhetorische Gabe ihres Axel und seine ewig verliebten Schwerenöteraugen ... Zwischen Käse und Dessert schlug Graf Wiegel noch einmal an sein Glas. Irmela schaute ein wenig besorgt zu ihm hinüber; August hatte doch schon geredet? Und nun noch einmal? Ruth machte neugierige Augen, aber etwas besorgt war auch sie. Wenn der Papa ins Reden kam, wurde er leicht dozierend, und das wirkte wie Bromwasser auf die Umgebung. Der Landrat, als Parlamentskollege Wiegels, murmelte sogar halblaut in sich hinein: »Nanu? Wir sitzen doch nicht im Herrenhause!«

Das Klirren der Teller, Messer und Gläser verstummte. Auf den Fußspitzen schlichen die Diener umher. Und nun erhob sich Wiegel, strich über seine wallenden Favoris, machte »hm, hm«, stützte sich mit den Handknöcheln auf den Tisch und begann:

»Nur noch ein paar Worte. Wir haben heute zum ersten Male das Vergnügen und die Ehre, einen Gast unter uns zu sehen, den wir am liebsten hier behalten würden, den uns aber die Vaterlandspflicht« – dies Wort mit starker Betonung gesprochen – »in wenigen Stunden wieder entführen wird. Was wissen wir von Illyrien? Was kümmert es uns, wenn weit unten in der Türkei die Völker miteinander hadern und streiten? Gewiß nicht viel, denn unsere Grenzen sind nicht bedroht und unsere Interessen werden durch die Kämpfe im Balkan nicht berührt. Aber der liebe Gast, den wir heute an dieser Stelle begrüßen können, bringt uns Illyrien unwillkürlich näher, weckt allerhand persönliche Empfindungen in uns und rückt gewissermaßen die weite Ferne in unsern Gesichtskreis...«

Kleine Pause; Wiegel fand diese Wendung so schön, daß er sie nachwirken lassen wollte.

»Hm – hm – ich glaube behaupten zu dürfen, daß die Vaterlandsliebe,« – wieder mit stärkerer Betonung – »wo wir sie auch aufflammen sehen, in jeder Seele etwas von dem ihr entströmenden göttlichen Fluidum entzündet – entzündet... Und deshalb werden Sie, meine Damen und Herren, hoff' ich, mir beistimmen, wenn ich Herrn von Veresco in dem Augenblicke, da er im Begriffe steht, seinem bedrängten Vaterland zu Hilfe zu eilen, von ganzem Herzen ein weithin tönendes ›Glückauf‹ zurufe. Mein lieber Marquis – auf Ihr Wohl! Herr von Veresco lebe hoch!«

Das Hoch scholl einstimmig und brausend durch den Saal. Oberst von Hildringen brüllte, als stehe er auf dem Exerzierplatz; der Landrat von Oest winkte mit beiden Händen über den Tisch, und die jüngeren Offiziere umdrängten, die Gläser in der Hand, Veresco, der die Rechte auf die Brust gelegt, glücklich und mit strahlenden Augen, sich immer wieder verneigte und dabei fortgesetzt seine Beinkleider mit Sekt begoß. Durch allen Lärm aber hörte man abermals ein helles, schrilles Klingen und dann die sonore Stimme des Herrn von Rietzow, eine Stimme, so schön und melodiös, kraftvoll und weich und eindrucksfähig, daß sie gar nicht zu der Erscheinung dieses Mannes zu passen schien:

»Noch einen Appendix, einen Nachtrag, meine Herrschaften, zu den trefflichen Worten unseres lieben Grafen Wiegel!...« Es wurde wieder still; die Leutnants schlichen auf ihre Plätze. Franz gab der Dienerschaft ein neues stummes Zeichen. Ruth hatte sich im Stuhl zurückgelehnt und ließ ihren Blick seitwärts und langsam über die Gestalt des Sprechenden schweifen. Es lag etwas eigentümlich Forschendes, Suchendes und Musterndes in diesem Blick... Herr von Rietzow fuhr fort: »Graf Wiegel hat betont, daß die Vaterlandsliebe den Marquis Veresco aus unsrer Armee, aus unserer Mitte in seine Heimat zurückrufe. Doch nicht die Sorge um das Vaterland allein. Höher noch als das Vaterland steht uns unser Kreuz! Und seit Jahrhunderten wird in Illyrien, das seine Patriarchen schon auf das Konzil zu Nizäa schickte, das Kreuz des Christentums durch Staub und Schmutz gezogen. Herr von Veresco, helfen Sie daheim auch das Kreuz wieder auf seine Höhe tragen und Gott wird mit Ihnen und mit Illyrien sein!...«

Er verneigte sich vor Veresco, leerte seinen Kelch und setzte sich nieder. Es war ein etwas peinlicher Augenblick. Der Wein spukte in allen Köpfen. Man wußte nicht recht, sollte man nochmals Hoch rufen oder vielleicht besser Bravo oder ganz still sein. Und da blieb man denn still. Herr von Hildringen murmelte »I du Donnerwetter« und machte sich wieder an seinen Léoville, und der nervöse Landrat wisperte seinem Nachbar zu: »Ich frag' Sie, paßt das hierher, bester Rittmeister? Paßt das hierher, frag' ich Sie? Ich sage nein, das paßt nicht hierher – das paßt absolut nicht hierher – das paßt sich überhaupt nicht!« – Und dann schnitt er eine Birne an und schnitt sich vor Aufregung in den Finger ...

Auch Beresco war etwas in Verlegenheit. Einen Moment zögerte er, ob er zu Herrn von Rietzow gehen und ihm die Hand drücken sollte. Aber er überlegte: die kurze Rede trug offen den Stempel römischer Tendenz zur Schau, und er war selbst griechisch-katholisch wie fast der ganze illyrische Adel. So erwiderte er denn die Verneinung Rietzows vom Platze aus, allerdings sehr höflich und mit Verbindlichkeit...

Herr von Rietzow kümmerte sich um die Wirkung seiner Worte gar nicht. Er hatte sich sofort mit der Komtesse Ruth in ein Gespräch über die Religionsverhältnisse Ilyriens vertieft und lächelte dabei wieder sein stereotypes ausdrucksloses Lächeln, hinter dem er seine Klugheit, seinen Jesuitismus und sein Herz verbarg. Allmählich lenkte auch die Unterhaltung von neuem in das alte Fahrwasser ein; aber Graf Wiegel schien es doch für an der Zeit zu halten, die Tafel aufzuheben. Er gab seiner Gattin ein Zeichen, und man stand auf...

Während in den Salons Kaffee und Liköre gereicht wurden, fand Gräfin Irmela Zeit, Emich in eine Fensternische zu nehmen.

»Dickerchen, es scheint, als sollt' ich dich heut gar nicht mal allein genießen«, sagte sie. »Aber ich freu' mich, daß du frisch und gesund bist – und braun gebrannt bist du wie ein Indianerhäuptling! ... Was hast du, erbarm' dich, zu der Predigt von Rietzow gesagt?! Frag' ich 'n Menschen, Dickerchen, war das denn grade bei einem Jagddiner notwendig, wo die meisten schon ein bissel angeräuchert sind?! Ich bin wahrhaftig auch eine gute Christin, aber ich mache kein Wesen davon, und vor allen Dingen renommiere ich nicht damit. Und auf Seelenfängerei lass' ich mich schon gar nicht ein – aber den Kottauer wurmt es lange, daß die Ruth protestantisch ist – Dickerchen, in solchen Dingen muß man sich doch nach dem Manne richten, nicht wahr? Mulier ta – na, ich weiß nicht gleich, wie es weiter geht, der Onkel hat da immer so einen altlateinischen Spruch: Weiber sollen sich nicht in geistliche Angelegenheiten mischen – und 's ist auch richtig – wir können für uns beten und haben mit dem eigenen Seelenheil genug zu tun... Dickerchen, weißt du nicht, was ich dir noch sagen wollte?«

»Ach, Tantchen, wenn ich Gedanken lesen könnte! Aber rede nur weiter, was dir gerade in den Sinn kommt – vielleicht findet sich darunter auch das, was du sagen wolltest. Wie gefällt dir denn der kleine Veresco?«

»Ausgezeichnet – so hab' ich mir immer einen Hidalgo gedacht. Siehst du – nun hab' ich es auch – Illyrien und Rußland hat mich darauf gebracht. Also denke dir: dein Vetter Leopold, Onkel Ferdinands Zweiter, tritt in russische Dienste! In russische Dienste, Dickerchen!«

Emich war sehr erstaunt.

»Aber um aller Welt willen, warum denn das, Tante?!«

Die Gräfin zog die Achseln hoch, so daß der Luisenorden und das rote Kreuz und die Medaille für öffentliche Wohltätigkeit an ihrer linken Schulter leise klirrten.

»Ja, du lieber Gott, Onkel Ferdinand muß doch immer etwas Ausgefallenes haben«, erwiderte sie. »Du weißt ja, daß der Großfürst Fedor Konstantin der Pate von Leo ist, und der hat immer ein besonderes Interesse an dem Jungen genommen. Nun denk' ich mir, daß er da in Petersburg irgendeine kleine Prinzessin haben wird, die er später mal mit dem Leo verheiraten möchte – verstehst du, und da wird er den Leo in seiner Nähe haben und ihn sich sozusagen heranziehen wollen... Warte mal – ist das nicht der Bob da draußen?...«

Sie wies aus dem Fenster, dessen Scheiben noch immer von Feuchtigkeit trieften, obwohl der Regen nachgelassen hatte, und sich auch schon die Sterne am Himmel zeigten. Draußen auf der Rampe hielt im Lichtschein der beiden Laternen vor dem Portal Bob auf dem Chargenpferde Emichs. Bob war seit kurzem der Bursche Emichs; das war ein liebenswürdiges Zugeständnis des Obersten von Hildringen, denn Bob hatte sein Rekrutenjahr noch nicht hinter sich.

Emich hatte sich mit einem Wort der Entschuldigung von der Gräfin freigemacht und war vor das Portal geeilt. Im ersten Augenblick glaubte er, Mac Lewleß sei etwas zugestoßen. Er war blaß geworden.

»Was gibt's, Bob?«

Bob stand in strammer Haltung, die rechte Hand an der Kandare, neben dem Kopfe des Pferdes; in der Linken hielt er ein Telegramm.

»Erlaucht verzeihen, es ist eine Depesche angekommen«, meldete er. »Und da glaubte ich, sie könne wichtig sein. Und da hab' ich mir den Peter gesattelt und bin hierher geritten.«

»Recht so!...« Emich riß das Telegramm auf. Gott sei Dank, daß seine Sorge um Gerald unbegründet gewesen war! Freilich, auch die Depesche brachte eine Überraschung. Sie kam aus Stubbach und lautete:

»Muß dich in dringlicher Familienangelegenheit sprechen und bitte umgehend um deinen Besuch. Die Vettern grüßen mit mir. Ferdinand.«

Emich schüttelte den Kopf. Was war nun das wieder?! Handelte es sich um den Eintritt des Prinzen Leopold in die russische Armee, von dem ihm die Tante erzählt hatte? Und was brauchte man dazu seine Stimme?... Immerhin – Fürst Ferdinand war der Chef des Hauses; Emich mußte gehorchen.

Er ließ Bob absatteln, kehrte in die Salons zurück und suchte sich den Grafen Wiegel auf, dem er das Telegramm zeigte. Wiegel lachte ein wenig mokant.

»Ferdinand scheint einen Staatsstreich vorzuhaben«, meinte er. »Er macht gern aus einer Mücke einen Elefanten. Aber sei's, wie es sei: handelt es sich in der Tat um Familiensachen, so ist es korrekt von ihm, daß er auch dich zu Rate zieht. Auf deinen Augen steht die gräfliche Linie des Hauses. Sprich gleich mit dem Obersten, Emich, und erbitte dir ein paar Tage Urlaub.«

»Ich hatte die Absicht, die Reise nach Stubbach mit einem Besuch in Seesenheim zu verbinden. Das ist ein Unterschied von einem Tage. Hältst du das nicht auch für praktisch, Onkel?«

»Aber gewiß, Emich. Du fährst nur fünf Stunden von Stubbach nach Seesenheim. Das ist kein Gegenstand. Und vielleicht ist's ganz gut, wenn du dich in Seesenheim gar nicht anmeldest. Überrumple die Leute!... Und hör' mal, Emich, bei dieser Gelegenheit noch eins – da wir gerade einmal allein sind: ich freu' mich von Herzen darüber, daß du dich beim Regiment so gut machst. Nur Blohme hat ein paar Kleinigkeiten an dir auszusetzen. Ich bin nicht ganz seiner Meinung. Aber in einer Beziehung doch. Du bist mit Mac Lewleß sehr liiert. Ich weiß nicht, ob das gut tut. Nota bene, ich unterschätze Mac Lewleß gewiß nicht. Aber es ist doch fraglich, ob ihr zusammenpaßt. Und dann – – ich muß dir noch etwas sagen. Vor zwei Jahren hat Mac Lewleß um Ruths Hand angehalten –«

Emich fuhr zurück.

»Um Ruth –?!«

»Ja – scht, nicht so laut, Emich – Blohme hält immer die Ohren gespitzt... Wir sind uns allesamt einig darüber geworden, nicht mehr über diese begrabene und vergessene Geschichte zu sprechen. Mac Lewleß hat sich damals nicht völlig korrekt benommen. Ich mußte ihm – selbstverständlich – die Hand Ruths verweigern. Ruth war noch ein halbes Kind, und die kranke Mutter deines Freundes, die unsicheren Verhältnisse, in denen er lebt – na, kurzum, es sagte mir mancherlei nicht zu. Ich dankte... Und da geriet er in einen unbeschreiblichen Zustand, stürzte in den Park und wollte sich erschießen. Die Kugel traf ihn in die rechte Schulter. Ein Unglück beim Scheibenschießen wurde vorgeschützt. Mac Lewleß genas rasch, bat uns alle um Verzeihung – er habe sich in nervöser Überreizung befunden und so weiter – und ließ sich nicht wieder sehen. Der Form wegen habe ich ihn noch verschiedentlich eingeladen – er sagte stets ab, und das erwartete ich auch... Ich muß dir das alles erzählen, Emich, obwohl wir das Geschehnis aus naheliegenden Gründen geheim gehalten wissen wollen. Ich bitte auch dich, darüber zu schweigen. Zur Beurteilung deines neuen Freundes mag es für dich immerhin von Wichtigkeit sein. Finalement: ich halte Mac Lewleß für eine reich begabte, aber au fond unglückselige Natur. Nähere Begründung schenk' mir; ich bin das Gefühl nie losgeworden, daß er einmal – daß er einmal das Schicksal seiner unglücklichen Mutter teilen könnte.«

»Gott schütz' ihn davor!« rief Emich erschrocken. Sein Starren und Staunen löste sich. Nun kannte er den Grund, der Gerald von Stenzig fernhielt. Nun glaubte er auch manche versteckte Andeutung, manche Eigentümlichkeit im Wesen des Freundes besser verstehen zu können – und ein heißes Mitgefühl strömte durch sein Herz. Er reichte Wiegel die Hand. »Sei bedankt, Onkel,« sagte er, »daß du mir reinen Wein eingeschenkt hast. So wie ich zu euch und zu Gerald stehe, wär' ein längeres Geheimhalten jener Episode zwecklos gewesen. Sie läßt mir Gerald in neuem Lichte erscheinen. Ist er wirklich die unglückselige Natur, für die du ihn hältst, so bedarf er mehr als je meiner Freundschaft. Tadle mich nicht darum, Onkel. Ich fühle mich trotz meiner Jugend stark genug, nur das von seinem Einflusse in mich aufzunehmen, was mir zum Heil gereichen kann...«

Wiegel strich über seine wallenden Barte und über die Hahnentolle. Sein Auge ruhte sehr ernst auf Emich. Dann nickte er.

»Tu nach deinem Gefallen, Emich, und handle nach deinem Herzen. Ich glaube auch, daß du Charakter genug besitzt, dein Herz in Schach zu halten – wenn es not tut. Da steht Hildringen; trag ihm deine Meldung vor!«

Der Oberst plauderte mit dem Landrat, eine riesige Upmann in der Linken und ein Glas Henessy in der Rechten. Er lachte dröhnend; Herr von Oest hatte ihm soeben eine scharmante kleine Schlüpfrigkeit erzählt. Und er lachte noch immer, als Emich bereits sein Urlaubsgesuch vorgetragen hatte.

»Das ist köstlich, Landrat!« stöhnte er mit seinem mächtigen Bierbaß; »also wahr- und wahrhaftig – im – im... was denn, Schöningh? – Nach Stubbach? – Nun natürlich, wenn Encken nichts dagegen hat! Aber es ist jetzt ja nicht viel zu tun. Wissen Sie, Herr von Oest, da habe ich einmal in Hannover, als ich zur Reitschule kommandiert war –«

Und er revanchierte sich durch eine zweite saftige Geschichte ... Auch Graf Encken gab Emich den gewünschten Urlaub. Einzelne Wagen fuhren bereits vor. Maffeo Veresco hatte sich von den Gastgebern verabschiedet; ein Landauer Wiegels sollte ihn bis Krugdorf bringen – er wollte noch am Abend nach Berlin zurück, um am nächsten Morgen die Reise nach Illyrien anzutreten.

Im Gartenzimmer umdrängten ihn die Freunde und ein paar andere, rasch mit ihm vertraut gewordene jüngere Offiziere. Die Tür zum Portal stand offen; in Stößen fuhr der Wind in das Gemach und ließ die Lichter der Diener aufflackern. Von draußen hörte man das Stampfen der Pferde auf dem Pflaster der Rampe.

Emich und Saß umarmten Veresco.

»Junge, ich möchte mit,« sagte Sassenhausen, »bei Gott, ich möchte mit! Mich lockt der Krieg. Ach, zackri, so eine kleine Garnison ist doch öde! Rufst du mich, so komm' ich. Ich habe den Sricoccio nicht vergessen. Und auch den Stratpótka! Da unten ist's sicher viel tausendmal amüsanter als hier – äh, ist das ein Leben!«

Emich war weniger redselig. Der andere ging in den Krieg, und wirklich – auch die türkischen Kugeln trafen! ... »Alles Gute, Maffeo! Und Dank für deinen Besuch! Und, so Gott will, auf ein fröhliches Wiedersehn! ...«

Als Emich in den ersten Salon zurückkehrte, um sich gleichfalls zu empfehlen, fand er auch Frau von Blohme vor. Sie hatte die Morphiumstimulanz und den Champagnerrausch ausgeschlafen und war wieder die Herzogin, tat, als ob gar nichts Verwunderliches geschehen sei und nahm die Verbeugung Emichs mit königlicher Würde entgegen, um sich dann an ihren, devot wie ein Kammerdiener neben ihr stehenden Gatten zu wenden:

»Commande la voiture, Egon. Nous voulons rentrer; je suis un peu fatiguée ...«


Emich und Max Sassenhausen fuhren gemeinsam nach Klempin zurück. Saß war anfänglich noch sehr redselig und schwatzte unaufhörlich von Ruth, Beresco, Rietzow, Frau von Blohme und hunderterlei Anderem.

»Siehst du, Emich,« meinte er, »– mit Ruth – ich' glaube, mit deiner Cousine Ruth würde ich sehr glücklich werden! Bester Beweis dafür, daß ich sie über alle Blondinen setze, und sonst ist nun einmal blond meine Farbe. Das ist ein prachtvolles Geschöpf, deine Cousine Ruth – ich möchte sagen, edelste Rasse, und auch noch etwas Ungezügeltes und Ungebändigtes in ihr, so wie bei einem schönen Vollblut, das noch keinen Martigal kennengelernt hat. Ruth würd' ich vom Fleck weg heiraten und möchte mich dann mit ihr auf eine einsame Insel zurückziehen oder in einen Urwald oder vielleicht nach Illyrien. Ach ja – nach Illyrien, denke, wie köstlich! Übrigens bin ich todmüde. Je, was hat man heute alles zusammengetrunken! Wenn du erlaubst, kuschle ich mich ein bißchen in die Ecke und strecke die Beine aus ... Regnet es denn noch immer?«

Er wartete die Antwort nicht ab, sondern schlummerte sorglos über seinen Herzens- und Börsenkummer ein.

Das kam Emich recht. Er war wenig in der Stimmung, das Geschwätz des Freundes anzuhören; im Augenblick beschäftigte ihn das, was Graf Wiegel erzählt hatte, lebhafter und zu Herzen gehender. Daß sich auch Gerald den bestrickenden Reizen Ruths nicht hatte entziehen können, weckte ein seltsames Empfinden in seiner Brust. Fast war es etwas wie Eifersucht – nach beiden Seiten hin Eifersucht, die gleich töricht war; das sagte er sich selbst. Was mußte Gerald bei der Tiefe seines Wesens und der Stärke seines Gefühls gelitten haben! Und alles, alles verschloß er mit dem Schmerz um die leidende Mutter in seiner schweigsamen, zerquälten Seele! Und dann glitt wieder bei einer raschen Bewegung, die das in die Brusttasche gesteckte Telegramm knittern ließ, die Erinnerung an die Depesche des Fürsten Ferdinand durch Emichs Kopf. Es war auffallend, daß der Fürst sich so plötzlich seines Neffen erinnerte. Emich witterte irgend etwas Unangenehmes hinter der Berufung nach Stubbach. Er hatte den Ärger noch nicht vergessen, mit dem man von dort aus jahrelang seine Eltern überschüttet hatte.

Saß begann geräuschvoll zu schnarchen. Ein leiser Regen trommelte wieder gegen das Verdeck der Kutsche und rieselte in dicken Tropfen die Fensterscheiben hinab. Ein ratterndes Geräusch und das regellose Hin- und Herschwanken des schweren Wagens waren die ersten Anzeichen dafür, daß man das Pflaster Klempins unter sich hatte.

Emich ließ ein Fenster herab. Man fuhr durch die Stenziger Straße. Durch das Dunkel der Gasse leuchteten nur die hellgelben Streifen, die aus den Fenstern der Villa Mac Lewleß über das Pflaster fielen. Zu seinem Erstaunen sah Emich, daß hier alles erleuchtet war, die ganze Front des Parterregeschosses – und an dem einen der Fenster sah man auch eine dunkle Gestalt – einen dunklen, sich gegen die Scheiben drückenden Männerkopf.

Emich rief dem Kutscher ein Halt zu. Sassenhausen fuhr in die Höhe.

»He – was?! – Emich – sind wir schon zu Hause? Sind wir schon in Klempin?«

»Ja, Saß. Du fährst noch ein paar Schritt weiter. Ich steige aus, weil ich noch Gerald adieu sagen will. Servus, Saß – und sei nicht allzu unvernünftig, bis ich wieder heimgekehrt bin! ...«

Er sprang aus dem Wagen, trat an das Fenster, hinter dem er Gerald sah und klopfte leise an. Mac Lewleß mußte ihn sofort erkannt haben, denn er nickte und verschwand sodann. Eine Minute später öffnete er selber die Haustür.

»Guten Abend, Gerald. Ich sah noch Licht – es ist doch nichts Unangenehmes passiert –?

Er hätte nicht erst zu fragen brauchen; das blasse Gesicht, die brennenden Augen und der schmerzensreiche Ausdruck in den Zügen seines Freundes gaben ihm genügende Antwort.

»Herr Gott, Gerald – ist deine Mutter –«

Er wehrte ihm mit der Hand und zog ihn auf den Hausflur.

»Still, Emich«, sagte er leise. Es ist besser geworden. Sie schläft jetzt. Eine doppelte Injektion hat ihr Ruhe verschafft. Aber auf wie lange? ... Du, Emich,« – und seine Rechte drückte fest die Hand Schöninghs – »daß ich das noch ertragen kann?! Ich – ich –« und er strich sich über die Stirn – »ich fühle, wie mich das Leid innerlich aushöhlt und zermürbt! Kämpfte ich nicht mit aller, aller Kraft dagegen an – ich bräche zusammen oder würde wie – meine Mutter ...«

Es überrieselte Emich kalt. Er dachte an die Worte des Onkel Wiegel. Sagen konnte er nichts, nur heiß erwiderte er den Händedruck Geralds.

Mac Lewleß führte ihn in sein Arbeitszimmer. Hier hinten, in dem ganzen großen Raum, dem nur die Bücherreihen den Eindruck des Öden und Frostigen nahmen, brannte allein die niedrige Studierlampe auf dem Schreibtisch. Das Dunkel durchschattete alle Winkel und Ecken und kroch finster, wie eine schleichende Krankheit, über den Boden.

Gerald berichtete kurz. Gegen Abend hatte sich bei der Mutter ein Tobsuchtsanfall eingestellt – schrecklicher als sonst. Auch gegen den Sohn hatte sich der Wahnsinn gerichtet, und immer wieder hatte sie nach Licht geschrien, das man ihr nicht geben und gönnen wolle ... Der starke Mut Geralds schien am Erlöschen zu sein. Alles in ihm war erschöpft, gebrochen und todesmatt. Und doch empörte ihn noch immer der Gedanke, seine Mutter in eine Anstalt zu bringen. Zu heilen war sie nicht – und wenn die Liebe des Sohnes nicht sie mehr mit weichen und kosenden Schwingen umgab, dann war ihr auch der letzte blasse Funke genommen, der noch ihres Lebens Dunkel erhellte.

»Aber reden wir nicht immer von ihr und mir und unserm gemeinsamen Leid«, schloß Gerald mit starkem Aufatmen; »erzähl' mir lieber von Stenzig! Hattet ihr gute Jagd? Und wie geht es den Wiegels?«

Er fragte nicht im besonderen nach Ruth, aber Emich merkte wohl, daß ihr Name auf seinen Lippen schwebte. Und unwillkürlich begann Schöningh auch von ihr zu sprechen, stockte sodann und wurde ein wenig verlegen.

Ein prüfender Blick Geralds glitt über das Gesicht des Freundes.

»Emich«, sagte Mac Lewleß leise. Und plötzlich fuhr er in seinem Sessel empor, und ein Lodern flog durch seine Züge.

»Man hat dir erzählt, Emich –? Von meiner« – und wieder sank seine Summe – »von meiner verunglückten Werbung – ?«

Schöningh nickte. »Mit aller Delikatesse, Gerald. Der Onkel selbst sprach mir davon. Er konnte es grade mir nicht verheimlichen. Wozu auch? Bin ich denn nicht dein Freund? ...«

Gerald sank wieder im Stuhle zusammen. Sein Gesicht war jetzt völlig aschfarben geworden, und schwer und keuchend hob sich die Brust. Ein unsagbar schmerzlicher Zug grub sich zwischen Nase und Mundwinkel ein. Eine große Träne stahl sich über seine Wange.

»Emich,« flüsterte er, »begreifst du, wie todunglücklich ich bin? ...«

Der herbe Gram des Freundes riß zuckend am Herzen Schöninghs. Ein Vater und ein Bruder konnten ihm nicht näher stehen. Er packte die Hände Geralds und preßte sie fest in den seinen.

»Gerald,« rief er, »wie du mit deiner armen Mutter, so leide ich mit dir! Ich kann nicht sehen, daß du unter allen deinen Schmerzen langsam verblutest!...«

Mit ruckartigem Kopfschütteln lichtete sich Mac Lewleß wieder auf; seine Hand streifte über die Wange, um die verräterische Träne fortzuwischen.

»Du bringst mich wieder zu mir selbst, Emich«, sagte er. »Ich glaube Wunder, wie stark ich bin und heule wie ein Quartaner! Der köstliche alte Hippel hat recht: vom Glück ist dem Weisen nur zu träumen erlaubt; das Unglück als das gewöhnliche Erdenlos mit Fassung zu ertragen, ist Pflicht. Und ich will wieder meine Pflicht tun. Laß uns ruhig über Ruth sprechen; ich bin wieder gefeit. War der Grund dafür, daß Graf Wiegel dich in das Vertrauen zog, vielleicht die bevorstehende Verlobung Ruths?«

»Nein, Gerald. Ruth wartet noch immer auf den Rechten. Unter dem ganzen Schwarm von Freiern, der sich bisher um sie beworben hat, war er nicht. Wer wird es sein? Ich verstehe sie nicht. Oder vielleicht doch: sie ist reich und unabhängig, denn ihr Vater erfüllt jeden ihrer Wünsche und auch die Mutter ist Wachs in ihren Händen – so wartet sie denn auf den, der ihr gefällt. Und auch in bezug auf die Neigungen des Herzens läßt sich über den Geschmack nicht streiten.«

»Gewiß nicht. Und Ruth besitzt Selbstbewußtsein genug, sich nicht nur ihr Glück zu schaffen, sondern auch ihr Glücksempfinden ausleben zu lassen. Doch auch Leute mit starker Glücksfähigkeit täuschen sich zuweilen. Täuschen sich über das, was ihnen als Ausgleich zwischen Herz und Welt am erstrebenswertesten erscheint. Vielleicht ging ich selbst mit meiner Liebe und Leidenschaft in die Irre. Vielleicht – ja, vielleicht! Aber ist dies Fragezeichen Balsam und Linderung für ein wehes Herz?... Hippel allein hat recht: Ertragen ist Pflicht! Ich habe damals sterben wollen, und die Reue über meine Feigheit war nicht minder groß als mein Leiden; denn ich mußte leben – schon um derentwillen, die mir dies Leben geschenkt hat... Du willst fort, Emich?«

Schöningh bejahte; er hatte sich erhoben. Er erzählte von dem Telegramm aus Stubbach und der bevorstehenden Reise. Mac Lewleß hatte seine Ruhe vollkommen wiedergewonnen. Sein Gesicht zeigte den alten, abgeklärten Ausdruck; er lächelte sogar, wenn auch etwas müde, und sagte ein harmloses Scherzwort über den Fürsten Ferdinand, der seinen Zweitgeborenen auf die Weide nach Rußland schickte, so wie man ehemals die jungen deutschen Prinzen auf die »Kavaliertour« nach Paris expedierte...

Als Emich mit schwerem Herzen nach Hause ging, sah er vor der Wohnung des Obersten einen Wagen halten. Auch Hildringen war nach Klempin zurückgekehrt. Trotz der späten Stunde und des schlechten Wetters empfingen ihn seine drei Krausköpfe vor der Haustür, in Capuchons, Plaids und Mäntel gewickelt, die kleine Ma sogar in dem Waterproof ihres Vaters, dessen grüner Kragen ihr weit über die Ohren reichte. Sie wollten die Jagdbeute haben; Kichern und unterdrücktes Lachen scholl über die Straße, dazwischen der gutmütig klingende Baß Hildringens.

»Kinder, nun laßt's gut sein! Ich bin hundemüde!«

»Väterchen, nicht mal einen Hasen?«

»Aber, Mi, es war ja eine Hetze auf Damwild!«

»Väterchen, Damwild hätt's auch getan; ich wollte dir deine Jagdbeute als Sonntagsbraten vorsetzen!«

»Brat mir 'n Storch, Mi, aber die Beine recht knusprig!«

»Väterchen, die Stenziger Jagd sollte das Loch in unsrer Wirtschaftskasse füllen helfen!« »Ma, ich schenk' dir einen Taler extra, wenn du mich jetzt zu Bette gehen läßt!«

»Väterchen, erst den Taler« – – und das Lachen und Kichern begann von neuem.

Emich drückte sich dicht an den Schatten der Häuser. Dies fröhliche Glück, das alle tausend Sorgen des Obersten zu seinen Füßen niederwarf, fiel wie ein Stück Sonnenschein in das Herz Schöninghs. Und es tröstete ihn auch über das Schicksal und die Zukunft Geralds; es war wie ein Heller Stern, der in der Wetternacht mit heiterem Glanze durch die Wolken trat.

Wirklich – ganz unglücklich kann niemand sein! Oder doch nur der, dem nichts mehr zu hoffen und zu – fürchten bleibt.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.