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Besser Herr als Knecht

Fedor von Zobeltitz: Besser Herr als Knecht - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFedor von Zobeltitz
titleBesser Herr als Knecht
publisherH. Fikentscher Verlag
correctorreuters@abc.de
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XVIII

Das waren wonnige Tage!

Sorgenlos und frei hinaus in die Welt! Wie ein paar lustige Wanderburschen, mit leichtem Gepäck und fröhlichem Herzen, durchstreiften der Fürst und Mac Lewleß das Land. Herbstzeit stand schon im Kalender, aber es war noch ganz sommerlich in der grünen Ebene, und an den Hängen reiften die Reben, und in den Bergtälern blühte und duftete es gleichwie im Lenz.

Die Pässe der beiden waren auf die Namen der Doktoren Robertus und Egon Franz ausgestellt worden – zweier junger, reiselustiger Gelehrten aus Berlin, die Illyrien kennenlernen wollten. Die Pässe waren nur eine Vorsichtsmaßregel; die Herren wurden niemals nach ihnen befragt, da sie die großen Städte nicht berührten, sondern auf Seitenstraßen durch das Land zogen. Die Eisenbahnen wurden nicht benutzt und auch nur dann und wann die Posten; häufig mieteten sich die beiden in irgendeinem Dorfe oder einer Landschenke einen Bauernwagen, um einmal schneller vorwärtszukommen – meist aber gingen sie zu Fuß, gleich Touristen oder Handwerksburschen, mit dem Ränzel auf dem Rücken und dem Knotenstock in der Hand. Obwohl nicht anzunehmen war, daß man in diesen Gegenden die Persönlichkeit des Fürsten kannte, hatte Emich vorsichtshalber seine Frisur geändert, ließ sich den Vollbart stehen und trug eine Brille. So sah er in der Tat wie ein junger deutscher Gelehrter aus – und wo er einkehrte, da freuten und wunderten sich die Leute, wie gut die fremden Herren die Landessprache beherrschten.

Mac Lewleß war in diesen Tagen nicht Seiner Durchlaucht Adjutant, sondern lediglich der alte Freund und Duzbruder Emichs. Daß er trotzdem auf dieser Herbstfahrt eine recht verantwortungsreiche Stellung einnahm, verhehlte er sich freilich keinen Augenblick; die Abschiedsworte des alten Veresco: »Sie haften mir für den gnädigen Herrn, lieber Major!« wollten ihm nicht aus dem Kopf. Er war daher sehr froh, daß Emich sich überreden ließ, einen Führer zu nehmen, der auch für das auf das Allernotwendigste beschränkte Gepäck zu sorgen hatte. Dieser Führer hatte sich ihnen bereits auf der Grenzstation angeboten; er hieß Stenko, kannte Weg und Steg auf das beste und bewährte sich trefflich.

Es war ein prächtiges Wandern und ein lehrreiches zugleich. In der Tat – jetzt erst lernte der Fürst sein Land vollends kennen. Von Kloster Losnicz aus, dem altberühmten, dessen gigantische Kletterrose am Nordturm noch von Stephan dem Großen erzählen konnte, der hier nach der Schlacht auf den Mudirischen Feldern das Abendmahl nahm, ging es hinauf in die Berge, wo der Himmel weiter erschien, hinein in die Eichenwälder und die Olivenhaine, in dunkel verschlungenes Dickicht, in eine geheimnisvoll romantische Welt. Da rauschte der Wildbach und grub sich durch gähnende Klüfte Bahn, und lachende Seen umspülten Ufer voll Wiesengrün, und die Schluchten mit ihrer tausendfach verschlungenen und verästeten wilden Flora glichen riesigen Blumenkörben, die mit ihrem Dufte die Berge erfüllten. Aus der Erde schürfte man die Erze der Tiefe; da gab es Zink- und Schwefelminen und Lager von Blei, Kupfer, Gips, Salpeter und feuerfestem Ton. Emich sah erst, wie reich sein Land war; aber bisher hatten die Mittel gefehlt und auch die praktischen Kräfte, alle diese Schätze zu heben, und vielfach waren Minen und Gruben an ausländische Gesellschaften für ein Spottgeld verpachtet worden... Dann wieder hinab zu Tale, in das Flußgebiet des Jadak, wo mächtige Kukuruzfelder sich ausdehnten, über grüne Weiden mit allen möglichen Orchideenarten, Kuckucksblumen, Herbstzeitlosen und wildem Knoblauch, durch ganze Wälder von Pflaumenbäumen, die den Sliwowitz lieferten, durch kleine Dörfer, von Gärten umzogen, in denen zu goldenen Haufen Melonen und Kürbisse reiften ... Und abermals veränderte sich die Landschaft. In dem Winkel, wo sich der Jadak mit der Sareb vereinigte, näherte man sich der rumänischen Grenze. Der Weg stieg wieder an; Bergketten schoben sich kulissenförmig ineinander; Lorbeer und Myrte gesellten sich zu Weiß- und Schwarzdorn, dem Brombeergebüsch und dem dichten Garn von Ginster, Klematis und wildem Wein, das sich durch die Wälder spann – – und plötzlich standen die Touristen am Höhenrande eines Talkessels, der eine verzauberte Welt einzuschließen und in dem noch der Lenz wachgeblieben zu sein schien.

Das war Krotowo, das schon zu römischer Zeit als Mineralbad sich hohen Rufes erfreute, heute aber trotz der zauberischen Reize seiner Natur nur wenig besucht wurde, weil es allzuweit abseits der Eisenbahnen und der großen Heerstraße lag.

Hier wollte man ein paar Tage rasten. Emich war entzückt von diesem lauschigen Rosennest, denn hier blühten die Rosen noch und die Wiesenhänge waren bedeckt mit Vergißmeinnicht, Euphorbien, Ehrenpreis und Schlüsselblumen. Tief unten im Tale lag der kleine Badeort: ein paar freundliche rotbraune Häuser, umschattet von mächtigen Eichen, aus deren Grün eine marmorne Kuppel emporstieg.

Als die Freunde auf schmalem und mit Geröll bedecktem Pfade in das Tal hinabklimmen wollten, hörten sie plötzlich ganz in der Nähe eine frische Mädchenstimme.

»Deutsch!« rief Emich. »Deutsche Laute! Hör', Gerald – wie seltsam berührt mich das!...«

Lauschend blieben die beiden stehen. Ein Mädel sang da irgendein altes Volkslied – hell, lustig und schmetternd, wie süßes Vogelgezwitscher, so klang es durch den Wald.

»Komm, Gerald,« sagte der Fürst hastig, »ich muß sehen, wer die Sängerin ist!...« Sie hatten nicht weit zu gehen. Ein paar Schritte nur, und sie kamen an eine Lichtung. Ein Bach teilte sie; Felssplitter, mit Moos überzogen und von Farnen überwuchert, bedeckten die Ufer. Drüben schoß der Fels aus saftig grünem Untergründe graubraun empor und türmte sich gewaltig auf, und oben sah man zerbröckeltes Mauerwerk, einen zerfallenen Turm, den geborstenen Bogen eines Gewölbes: die Ruinen eines illyrischen Feudalschlosses. Diesseits des Baches aber saß die Sängerin auf einem großen Stein und angelte und sang immer weiter, was ihr gerade in den Sinn kam: Keckes und Lustiges und auch ein ganz melancholisches Liedchen.

Emich berührte den Arm seines Begleiters. Gerald sollte stehenbleiben.

Die Kleine drüben saß mitten in der Sonne. Aber die Sonne belästigte sie nicht. Sie hatte den weitkrämpigen Hut abgenommen und neben sich gelegt, und die Fülle ihres blonden Haares fiel ihr über Stirn und Nacken. Die heimlichen Lauscher konnten ihr Profil sehen: ganz unregelmäßige und doch reizende Züge; ein zierliches Näschen und blühende Lippen; eine graziöse Nippesfigur in einfachem hellen Kleide. Und unter dem Kleidersaum schauten ein paar winzige Füße in derben Schuhen hervor, die sie bei der Arbeit des Angelns gegen einen zweiten Stein stemmte.

»Allerliebst,« flüsterte der Fürst, und dann rief er laut: »Bravo, mein Fräulein! Bitte noch einmal das Lied vom verliebten Essenkehrer. – das war gar zu schön! –«

Mit einem hellen Aufschrei sprang die Kleine empor, ließ die Angelrute fallen und starrte mit ihren hübschen Schlehenaugen die beiden förmlich entsetzt an.

»O du mein Gott,« – und sie preßte die Hände auf das Herz – »was hab' ich mich erschrocken!...« Jetzt zogen die Herren die Hüte und traten näher.

»Verzeihung, gnädiges Fräulein,« sagte Emich, »erschrecken wollten wir Sie nicht. Um alles in der Welt nicht. Daß wir hier im illyrischen Walde plötzlich deutsch singen hörten, machte uns neugierig. Und da suchten wir denn die holde Sängerin auf, um ihr guten Tag zu sagen ...«

Das Fräulein nickte, die Herren noch immer verwundert musternd.

»Also guten Tag! Ich bin ebenso erfreut, deutsch angeredet zu werden. Wo kommen Sie denn auf einmal her?«

»Von der Grenze. Dieser hier, mein Freund, ist der Doktor Egon Franz, ein sehr gelehrter Herr, wenn er auch nicht so aussieht. Ich selbst bin der Doktor Robertus, minder gelehrt, aber sonst ein ganz annehmbarer Mensch. Und gnäd'ges Fräulein selbst?«

»Ich heiße – na, wie heiß' ich denn gleich?! – Hier ist es so schön – hier vergißt man Namen und alles. Also, ich heiße Hede von Hollen und komme auch von der Grenze – das heißt von darüber hinaus, nämlich aus Bukarest.«

»Ah – Sie leben in Bukarest?«

»O nein, nicht für immer – da bin ich nur zu Besuch – bei meinem Onkel – nein, bei meiner Tante, die grade so heißt wie ich und Geheimrätin ist. Wollen Sie in Krotowo bleiben?«

»Ein paar Tage vielleicht –«

»Ach, das ist herrlich! Ach, das ist prächtig – das ist ganz famos! Es ist nämlich sehr schön hier, das sehen Sie ja – aber auch grauenhaft langweilig. Es ist so langweilig, daß ich schon angefangen habe zu angeln. Das ist eigentlich auch nur eine Beschäftigung für sehr seßhafte Naturen. Ich habe den schönsten Köder am Angelhaken – aber glauben Sie, daß ein Fisch anbeißt? ...«

Emich winkte dem Führer und befahl ihm, voranzugehen und Quartier zu machen. Fräulein Hede hörte das und sagte:

»Sie sprechen brillant illyrisch, Herr Doktor. Ich lerne es jetzt auch – zu meinem Vergnügen, bloß zu meinem Vergnügen – aber es macht mir keins. Es ist furchtbar schwer.«

Sie hatte sich wieder gesetzt und ihre Angelrute ergriffen.

»Lagern wir uns auch ein bißchen, Gerald«, schlug Emich vor und streckte sich im Grase aus.

Das Fräulein erhob den Kopf.

»Wer ist Gerald? – Zu mir haben Sie Egon gesagt. Egon heißt ein guter Bekannter von mir – den Namen vergess' ich nicht so leicht.«

Emich wurde ein wenig verlegen, und Mac Lewleß rief heiter:

»Gerald ist mein Spitzname, gnädiges Fräulein. So – so hieß einmal eine Katze von mir – oder vielmehr ein Kater, ein großer, sehr fetter gelber Kater – und als er starb, habe ich den Namen geerbt. Ich weiß auch nicht, warum – aber bei solchen Scherzen darf man nie warum fragen. Kurzum, ich werde gewöhnlich Gerald gerufen.«

»Und Ihr Freund? – Herr Doktor Robertus, ich möchte wetten, Sie heißen Eduard mit Vornamen,«

»I Gott bewahre – Fritz heiße ich! Warum grade Eduard?«

»Ich dachte es mir so. Es gibt Leute, auf die nur gewisse Namen passen. Ich habe einen Vetter Eduard – der könnte gar nicht anders heißen. Außerdem sehen Sie – jesses, wem sehen Sie nur ähnlich? Irgend jemandem sehen Sie fabelhaft ähnlich!«

Die Freunde lachten lustig auf. »Ich will es nicht bestreiten, gnädiges Fräulein«, entgegnete Emich. »Wenn Sie übrigens den Angelhaken nicht in das Wasser halten, nützt Ihnen der beste Köder nichts ... Darf ich fragen, wie Sie nach Krotowo kommen?«

»Sie dürfen. In Bukarest grassiert irgendeine Krankheit, ich glaube die Diphtherie, und da wurde meine Tante ängstlich und wollte mich nach Österreich zurückschicken –«

»Das wußte ich, daß Sie eine Österreicherin sind. Sie sprechen allerdings ziemlich dialektfrei, aber ein ganz klein wenig klingt der gemütliche Anlaut Ihrer Heimatssprache doch durch. Also Sie wollten nicht wieder nach Hause?«

»Nein. Nun war ich doch schon einmal so weit und da wollte ich auch noch ein Stückchen von Illyrien kennenlernen. Alle Welt reist jetzt nach Illyrien – Sie ja doch auch! Was sind die Herren eigentlich? Hollah – jetzt habe ich einen Fisch! Jesses, ist das ein Tier! Helfen Sie mir ziehen, Herr Doktor!«

Emich und Gerald griffen in die Angelschnur. Eine Forelle mit silbriger Haut und rötlichen Tupfen darauf zappelte am Haken.

»Schnell, gnäd'ges Fräulein,« rief Mac Lewleß, »– wo ist Ihr Bottich? Haben Sie kein Gefäß für die Fische da?!«

»Nein – das habe ich nicht,« entgegnete Fräulein von Hollen verblüfft, »das hab' ich vergessen ... O je, das arme Viecherl! Lassen Sie es wieder laufen, Herr Doktor – ich bitt' Sie – das ist ja eine gräßliche Tierquälerei.«

Also geschah es auch zu allseitigem Vergnügen. Die Forelle wurde wieder befreit, glitt auf die Steine und hüpfte lustig in das Wasser zurück.

»Nun erzählen Sie mir bitte einmal, was Sie sind!«

»Ich bin Geologe,« sagte Mac Lewleß, »zu deutsch Steinmensch.«

»Und ich bin Botaniker,« fügte der Fürst hinzu, »zu deutsch Pflanzendeuter.«

»Das ist sehr hübsch«, meinte Fräulein Hede und nickte wohlgefällig. »Botanik ist eine poetische Wissenschaft, Ich denke mir, nur sanfte und sehr milde und äußerst ruhige und abgeklärte Naturen können dies Studium ergreifen. Sind Sie eine solche Natur?«

Emich wiegte den Kopf hin und her.

»Ich weiß es nicht recht. Neulich hat mir erst ein alter Freund gefügt, ich wäre zu temperamentvoll...«

Hede wühlte in einem Busche gepflückter wilder Blumen umher, der neben ihr lag, und zog eine rotblühende Pflanze hervor.

»Bitte, sagen Sie mir: was ist das?« fragte sie.

»Eine Blume.«

»Das weiß ich selbst – aber was für eine?«

»Eine rote Blume –«

»O, Herr Doktor, Sie haben mich zum besten! Ich appelliere an Ihre Wissenschaft. Wie heißt die Blume?«

»Das darf ich nicht sagen. Es geht nicht: ich darf es nicht sagen. Ich will ein Buch über die Flora Illyriens schreiben, und wenn ich schon vorher alles verrate, ist der Reiz der Neuheit hin.«

»Es ist richtig«, bemerkte Gerald; »mit meinen Steinen mache ich es genau so. Ich sage niemandem etwas.«

Fräulein Hede musterte die beiden aufmerksam.

»Meine Herren, Sie foppen mich –«

Emich hob lachend die Hände. »Tausendmal Pardon, gnäd'ges Fräulein – es soll nicht wieder vorkommen! Bleiben wir ernsthaft! Diese Blume ist – diese Blume ist eine sogenannte – rote Butterblume –« »O! – Butterblumen sind gelb!«

»Hier nicht – hier gibt es auch rote. Illyrien hat seine besondere Flora.«

»Illyrien ist sehr hübsch – was ich davon kenne. Wie ist denn der Fürst?'

»Ach – ganz nett soweit –«

»Haben Sie ihn einmal gesehen?«

»Jawohl. Wir waren in Garica und wurden auch im Palais empfangen. Der Fürst war äußerst gnädig – besonders zu mir und amüsierte sich über meine Ähnlichkeit mit ihm. Ich soll ihm so ähnlich sein, dass ich auf der Straße vielfach als Seine Durchlaucht gegrüßt wurde –«

»Selbst die Wache schlug an und trat zum Präsentieren heraus«, bemerkte Mac Lewletz. »Sehr komisch.«

»Und nun weiß ich auch, gnädiges Fräulein, welche Ähnlichkeit Sie vorhin in mir suchten! Sie haben wahrscheinlich einmal ein Bild des Fürsten gesehen –«

»Ah ja!«... Fräulein Hede schien betroffen. Ihre Augen suchten in dem Gesicht Emichs. »Ja,« fuhr sie langsam fort, »ich habe verschiedene Bilder des Fürsten gesehen – eine ganze Masse – wahrhaftig, die Ähnlichkeit ist groß ... Aber der Fürst trägt einen Scheitel wie ein preußischer Leutnant und bloß einen Schnurrbart, so etwas in die Höhe, und natürlich auch keine Brille ... Bitte, Herr Doktor, nehmen Sie doch einmal Ihre Brille ab!«

»Nein!« rief Gerald. »Dagegen protestier' ich! Verzeihung, gnädiges Fräulein, aber mein Freund darf seine Augen nicht der Sonne aussetzen. Der Arzt hat es streng verboten –«

»Ja – leider – sehr streng«, bestätigte Emich. »Ich muß äußerst vorsichtig sein. ... Ah – sehen Sie – Ihre Frau Tante, wie ich vermute – Frau von Hollen –« »Doch nicht,« sagte Hede errötend, »die ist nicht mit ... Das drüben ist meine Gesellschafterin, meine governess – Frau von Lando – übrigens eine scharmante und liebenswürdige Dame ... Auch sie wird sich freuen, Landsleute gefunden zu haben – ich stell' sie Ihnen vor! ...«

Aus dem Walde trat eine große, dunkel gekleidete Dame. Hede sprang ihr entgegen und flüsterte ihr einige Worte zu. Das Gesicht der Dame war vornehm und streng: sie begrüßte die Herren nicht ohne Freundlichkeit, wenn auch mit sichtlicher Zurückhaltung und wandte sich hierauf an Hede:

»Es ist Zeit zum Diner, gnädiges Fräulein,« sagte sie, »wir wollen aufbrechen ... Meine Herren, ich habe wohl noch das Vergnügen, Sie wiederzusehen ...«

Hede packte schweigend ihr Angelgerät zusammen, grüßte und ging.

»Keine Andromeda ohne Drachen«, bemerkte Gerald, den Damen nachschauend.

Emich nickte. »Schade – sehr schade! ... Fräulein Hede ist jedenfalls reizend. Frisch wie Quellwasser – etwas Erquickliches ... Ich habe Hunger. Sehen wir zu, wo uns Stenko da unten Unterkommen geschafft hat! ...«


Dieser brave Stenko war in der Tat ein Prachtmensch. Das kleine illyrische Nest war kein Trouville und kein Karlsbad in bezug auf Komfort. Es hatte nur einen Gasthof von zweifelhafter Sauberkeit und eine Anzahl Logierhäuser, deren obere Stockwerke an Fremde vergeben wurden. Im Gasthofe hatte Stenko noch ein paar gute Zimmer gefunden, das heißt, er hatte einen türkischen Kaufmann, der dort wohnte, einfach ausgemietet. Das Essen war fragwürdig, nur der Wein vorzüglich. Aber das alles war Emich ziemlich gleichgültig; die Natur entschädigte ihn. Er bedauerte nur, daß Fräulein von Hollen mit ihrer Gesellschaftsdame nicht auch im Gasthofe logierte. Sie wohnte in der Nähe der Quelle im Hause des Bürgermeisters, dem stattlichsten des Ortes, und speiste auch dort. Sie hatte einen Koch und zwei Jungfern mit; sie mußte reicher Leute Kind sein.

Die Quelle entsprang ein paar Minuten nordwärts des Frauenbades, dessen mächtige Fundamente zweifellos noch aus der Römerzeit stammten; die Kuppel, die man zwischen den Kronen der Eichen durchschimmern sah, mochte türkischen Ursprungs sein. Noch eine zweite Heilquelle gab es, die im Walde aus dem Felsen sprang, und von deren Wunderwirkung der Volksglaube allerlei Poetisches erzählte.

Emich und Gerald hatten im Bürgermeisterhause sofort ihre Karten abgegeben – Visitenkarten mit den Namen »Dr. Egon Franz« und »Dr. F. Robertus«, die in der Geheimdruckerei der Landesbank hergestellt worden waren. Von nun ab entspann sich ein reger Verkehr zwischen der Bürgermeisterei und dem Gasthofe. Emich und Fräulein von Hollen sahen sich an den Vor- und Nachmittagen und unternahmen gemeinsame Spaziergänge, aber immer war Frau von Lando dabei. Sie wich nicht von der Seite ihres Schützlings. Sie war zugänglicher geworden, zeigte sich als eine kluge und geistreiche Dame von Weltschliff und liebenswürdigem Entgegenkommen, lud auch Emich und Gerald verschiedentlich zu vortrefflichen Diners und Soupers ein, die der mitgefühlte Koch bereitete – aber sie ließ Fräulein Hede nicht aus den Augen. Sie folgte ihr mit den Blicken, wohin sie sich wandte; sie überwachte gewissermaßen jede ihrer Bewegungen und jedes ihrer Worte.

Das schien der kleinen Österreicherin übrigens ziemlich gleichgültig zu sein, denn sie genierte sich nicht, sondern plauderte unbefangen und lustig mit den beiden Herren, als seien es alte Bekannte. Aber Emich ärgerte sich über diese immerwährende Bevormundung.

Eines Nachts konnte er nicht schlafen. Der Mond schien hell durch die schlecht schließenden Fensterläden und legte einen breiten gelben Streifen quer durch das Zimmer und gerade über das Bett Emichs. Doch nicht der Mond allein raubte ihm die Ruhe der Nacht: auch sein Herz war allzu lebendig ... Er ließ die Gedanken rückwärts schweifen – weit zurück. Er dachte an eine andere Nacht, im Schlosse zu Stenzig, da er ein blutjunges Bürschchen gewesen und auch nicht hatte schlafen können – so stark hatte die junge Liebe in seinem Herzen gebrannt. Das war vorbei. Und heute war es ähnlich und doch so anders ... Es war keine tolle Leidenschaft, die in ihm wühlte und schrie, kein glühendes Verlangen; es keimte still in ihm auf – eine große und starke Neigung, gegen die er sich wehrte, weil sie ihn quälte und ängstigte. Er durfte nicht lieben. Das Staatswohl wollte es anders.

Er sprang aus dem Bett und stieß Fenster und Läden auf. Es schluchzte in den Rosen, ein lauer Wind rauschte im Myrtenhaine. Ganz still standen die Eichenwipfel, durch die die weiße Marmorkuppel des Frauenbades schimmerte. Dahinter lag das Haus, in dem Hede schlief. Eine dunkelbraune Ecke lugte aus schwarzem Buschwerk hervor, mit einem einzigen Fenster, das im Mondenschein blendend hell leuchtete. Da schlief Hede.

Die Nachtluft war lau. Emich ließ das Fenster offen und warf sich wieder auf das Bett. Er glaubte trotz der wenigen Tage seiner Bekanntschaft mit Hede von Hollen sich ein Urteil über sie bilden zu können. Sie war ein gut erzogenes Kind; das spürte man ohne weiteres. Er hatte sie anfänglich für geistig ziemlich unbedeutend gehalten. Das war sie durchaus nicht; doch ihre frisch zugreifende Lebenslust und ihr guter Humor ließen sie allem Grübeln abhold sein. Und das war es im besonderen, was Emich so wohlig berührte: ihre wundervolle Frische, die sich dann auch ihm selbst mitteilte und wie mit dem Tau neuer Jugend überrieselte.

Er liebte dies frohe Kind – und er durfte nicht lieben. So beschloß er denn abzureisen.

Aber es kam wiederum anders. Frau von Lando, die große, herbe und strenge, war plötzlich wie umgewandelt. Ihre etwas kühle Liebenswürdigkeit gegen Emich wurde zu fast auffallender Zuvorkommenheit. Sie geriet in Erregung, als Emich ihr von der Abreise sprach. Das war nicht hübsch von Doktor Robertus! Man hatte sich kaum kennengelernt, und nun sollte es schon wieder voneinander gehen. Nun sollte man wieder allein bleiben in diesem Talkessel, dessen Rosenduft doch nicht die graue Langeweile zu vertreiben vermochte. Hede wurde gerufen. Die beiden Damen vereinigten sich. Noch einige Tage – nur noch wenige Tage! ... Und mit Freude gab Emich nach.

Er vermied es, sich mit Mac Lewleß auszusprechen. Gerald hielt sich taktvoll zurück, aber Emich merkte wohl, daß ihm sein wachsendes Interesse für Hede eine gewisse Sorge bereitete. Das war verständlich, denn Gerald wußte Bescheid. Emich mußte ihm wenigstens ein kurzes aufklärendes Wort sagen. Er tat es an dem Tage, an dem ihn die Damen gebeten hatten, seine Abreise aufzuschieben.

»Wir wollen nicht mehr lange bleiben, Gerald. Nur noch drei, vier Tage, – dann geht es zurück nach Garica. Gönne mir diesen Labetrunk! In drei, vier Tagen bin ich wieder der Fürst, dem die von Staats wegen anbefohlene Brautschau bevorsteht ...«

Emich wollte die Damen zum Spaziergang abholen. Frau von Lando hatte Migräne und bat, daheim bleiben zu dürfen, aber sie hatte nichts dagegen, daß er Hede allein begleitete.

Das war wieder etwas Neues. Emich fragte nicht nach den Gründen, die der Gestrengen Milde predigten. Er war beglückt, als Hede in Hut und Mäntelchen, den Bergstock in der Hand, in den Schlehenaugen den Glanz übermütiger Freude, in das Zimmer trat und ihm zurief:

»Nach der Eishöhle, Doktor Robertus! Die hab' ich längst einmal sehen wollen! ...«

Der Tag war schön, nicht allzu warm; es begann allgemach auch hier herbstlich zu werden. In Serpentinen führte der Pfad, anfangs durch blumige Niederung, dann steil ansteigend, in den Hochwald hinauf. Hede schritt tapfer aus. Sie war eine wackere Touristin. Sie hatte das Kleid geschürzt und trat mit den derben Bergschuhen fest und sicher auf.

Nun hatte man die Waldquelle erreicht, von der das Volk Wunder wußte. Sie sprudelte hell und klar zwischen grün umrankten Felsblöcken hervor, sammelte ihr Wasser in einem kleinen Bassin und floß dann unterirdisch weiter, bis sie im Tale wieder zutage trat.

An der Quelle wollten die beiden ein wenig rasten. Emich warf sein Plaid über einen Steinblock, um einen Sitz für Hede zu schaffen. Sie wollte ihren Hut abnehmen, aber er war dagegen.

»Seien wir vernünftig«, sagte er. »Sie dürfen sich nicht erkälten. Wir müssen uns der Güte der Frau von Lando würdig erweisen, Fräulein Hede.« »Hede?« wiederholte sie aufschauend. »Ach ja! – Es ist ein häßlicher Name ... Sehen Sie die vielen Kupfermünzen im Wasser! Wie in der Fontana Trevi zu Rom. Kennen Sie die?«

»Ja – aber hier haben die Münzen im Bassin einen schöneren Zweck. Wer unglücklich liebt, wirft ein Geldstück in das Wasser, und er wird glücklich. Wer jedoch ein Geldstück aus dem Wasser herausnimmt, der muß ohne Erbarmen unverheiratet sterben, oder, hat er die Hochzeit schon hinter sich, so wird er in Jahresfrist Witwer oder Witwe. So versichert der Volksmund.«

»Das ist närrisch«, sagte Hede und schaute in das Wasser hinein, das um jede einzelne Münze einen Kreis kleiner Schaumperlen gebildet hatte. »Herr Doktor Robertus, holen Sie mir doch einmal ein Geldstück heraus!«

»O!« Er lachte etwas gezwungen. »Wollen Sie, daß ich ewiger Junggeselle bleibe? Ich darf es ja nicht. Es steht in den Sternen geschrieben, daß ich heiraten muß.«

»Ich auch«, sagte klagend die Kleine.

Das klang fast drollig. Aber Emich lachte nicht mehr.

»Wer zwingt Sie denn?« fragte er.

Hede war sehr rot geworden und stieß mit der Fußspitze kleine Steinchen in das Wasser, in dem sie plätschernd verschwanden.

»Ach – wer!... Meine Eltern – wer sonst?!... Na, und Sie?«

»Auch – meine Eltern!«

»Mein Gott, Sie sind aber doch ein Mann und –«

»Auch ein Mann muß gehorchen, wenn es not tut.«

»Not tut«, wiederholte sie leise, zu sich selbst sprechend, sinnend und überlegend. Plötzlich sprang sie auf und griff nach ihrem Bergstock. »Gehen wir weiter! Ich bin nicht mehr müde, und mir scheint, der Himmel überzieht sich.«

Emich schaute empor. Unter den Eichenwipfeln war es dunkler geworden, und im Laube begann der Wind zu spielen.

»Ist es nicht besser zurückzukehren? Frau von Lando wird sich ängstigen.«

»Sie ängstigt sich immer«, entgegnete Hede unwirsch. »Zieht sie aber einmal mildere Saiten auf, so will ich wenigstens mein bissel Freiheit auskosten. Wie weit ist es noch nach der Eishöhle?«

»Eine halbe Stunde –«

»Nun also! So schnell wird uns der Regen nicht überraschen! ...«

Sie schritten weiter, wieder schweigend.

Es ging tiefer hinein in die Waldeinsamkeit. Der Weg verlor sich zuweilen völlig im dichten Moos; dann wurde der Boden steiniger, und auf dem Geröll stieg es sich schlecht bergan. Hede ließ sich von Emich am Klimmstock aufwärts ziehen, den sie mit beiden Händen fest umspannte.

Nun stand man auf einem Plateau. Ein Stück Einöde inmitten der rauschenden Pracht des Eichenwaldes; eine Gigantenfaust schien hier viele Tausende von Felssplittern über die Erde gestreut zu haben. Aber schon ein paar Schritt weiter begann wieder der Wald. Man hörte ein gewaltiges Rauschen, das nicht aus dem Wipfelmeer kam. Es war der Wasserfall des Hrtaja, der über den Steinwall der Höhle schäumte und sich weiter südöstlich in ein Quertal ergoß.

Die Eishöhle gehörte zu den Berühmtheiten Krotowos und wurde in den Fremdenführern Illyriens als einzig dastehendes Phänomen erwähnt. In ihr bildete sich im Frühjahr das erste Eis, wuchs während des Sommers und begann erst im Herbst wieder zu schmelzen. In dieser merkwürdigen Höhle verkehrte sich also der Lauf der Natur. Dichtes Schlinggewächs umkleidete sie. Man mußte sich bücken, um durch die niedrige Pforte dieser lebendigen Schutzhülle in die Grotte zu treten.

Emich faßte Hede an die Hand. Sie war unvorsichtig, und er mußte sie schützen. Ein bläulicher Dämmer umfing die beiden. Sie standen auf einem schmalen Holzgelüst, das in die Höhle hineingezimmert worden und das feucht war und mit grünlichen Flechten übersponnen. Von allen Seiten umstarrte sie Eis, auch in der Tiefe, aus der ein immerwährendes, leise gurgelndes Geräusch emporstieg, während an der Decke sich von Zeit zu Zeit Tropfen lösten und klatschend niederfielen. Die Schmelze hatte bereits begonnen. Durch die Öffnung im Schlingpflanzenpanzer quoll ein Strahlenbündel von Licht und verteilte sich in der Grotte und zauberte märchenhafte Effekte auf dem Eise hervor, dessen Kristalle in tausend verschiedenen Formen die Kalksteinwände bedeckten und von oben herab in schweren Zapfen wie Stalaktiten herabhingen. Es war ein unvergleichlicher Anblick. »Wie schön – o wie schön!« flüsterte Hede.

Sie stand dicht neben Emich auf der schmalen und glatten Zimmerung. Er hatte einen Arm um ihre Schulter gelegt, um sie festzuhalten, denn es war gefährlich, sich hier zu bewegen. Ein Schmetterling war von draußen hereingeflattert und gaukelte umher, ein weißer Falter, dessen Flügel in diesem Silberlicht seltsam metallisch flimmerten. Plötzlich traf ihn von oben herab ein schwerer fallender Tropfen und der arme kleine Falter sank blitzschnell in die Tiefe.

»Oh!« rief Hede mitleidsvoll und machte eine unwillkürliche Bewegung.

Emich schlang seinen Arm fester um sie. »Um Gottes willen,« sagte er, »nicht unvorsichtig, Hede!«

»Nennen Sie mich nicht immer Hede«, gab sie zurück.

Er verstand sie nicht und schwieg. Über ihren Häuptern rauschte unsichtbar der Wasserfall. Dies Rauschen hatte sich seit einigen Minuten verstärkt. Es klang wie ein ununterbrochener ferner Donner. Und nun fauchte auch auf einmal ein gewaltiger Windstoß durch die Öffnung und peitschte die Ranken der Schlinggewächse in die Höhle hinein. Die Röcke Hedes flatterten; sie stieß einen leisen Angstruf aus.

»Kommen Sie«, sagte Emich und zog sie mit sich. »Langsam, gnädiges Fräulein, und Schritt für Schritt! ... Ich fürchte, das Unwetter ist da ...«

Ja, es war da. Durch den Wald fuhr der Sturm, knickte die trockenen Äste, riß das Laub von den Bäumen und wühlte sich in wirbelnden Drehungen in die Wipfel ein. Schwerer Regen troff hernieder, den der Wind auseinanderjagte und der eisig war, obwohl noch eine drückende Schwüle in der Luft lag.

»Eine hübsche Bescherung«, sagte Emich; »was nun?«

Hede lachte wohlgemut auf. »Wir werden uns doch vor so ein klein bissel Regen und Wind nicht fürchten«, meinte sie. »Trotzen wir den Elementen und treten wir den Heimweg an, sonst haben wir es, mit Frau von Lando verdorben! ...«

Das war leichter gesagt als getan. Aber es mußte versucht werden. Emich nahm sein Plaid, umwickelte Hede damit, zog es auch kapuzenartig über ihren Kopf und steckte es unter dem Kinn mit einer Sicherheitsnadel zusammen. Sie ließ es ruhig geschehen und nickte ihm freundlich dankend zu.

»Nun vorwärts«, sagte er ... Durch Sturm und Regen ging es bergab. Der Himmel war schiefergrau wie bei einem Gewitter. Und in diesem dichten Grau hing ein schwefelgelber Fleck – da, wo sich die Sonne hinter den Wolken versteckte. Der Regen schlug den Wandernden in das Gesicht. Auf der nassen Erde und dem Schiefergeröll marschierte es sich schlecht.

Hede hatte ihre gute Laune bald verloren. Schon dreimal war sie ausgeglitten und hingefallen. Emich unterstützte sie, so gut es anging, aber auf dem schmalen Wege mußte er sie zuweilen loslassen. Er tröstete sie und sich damit, daß man in einer halben Stunde unter Dach und Fach sein würde.

Aber das Unheil war einmal im Zuge. Abermals glitt Hede aus, diesmal mit einem leichten Schrei, und lag auf dem Boden. Als Emich ihr emporhelfen wollte, schrie sie von neuem auf.

»Mein Fuß! ... Herrgott, ich glaube, ich habe mir den Fuß gebrochen! ...«

Er erschrak heftig und kniete in Schmutz und Nässe vor ihr nieder.

»Welcher Fuß tut Ihnen weh?«

»Der rechte«, wimmerte Hede. »Herr Doktor, er ist sicher gebrochen. Allmächtiger, ich kann ihn ja gar nicht aufsetzen – ich habe rasende Schmerzen! ...«

Emich schüttelte den Kopf. »Gebrochen ist er nicht – kein Gedanke ... Aber Sie werden sich eine Sehnenzerrung geholt haben –«

»O Gott,« jammerte Hede, »das ist mir ja ganz gleich ... Ob Zerrung oder gebrochen – jedenfalls tut's weh, und jedenfalls kann ich nicht weiter ... Liebster Herr Doktor, lassen Sie mich hier ruhig sitzen und gehen Sie voran und schicken Sie mir von Krotowo Hilfe – ein paar Leute, die mich tragen können, oder eine Totenbahre oder was Sie sonst wollen ...«

Emich überlegte nur einen Augenblick. »Zunächst werden Sie verständig sein, liebes gnädiges Fräulein«, sagte er. »Ich bin nicht verrückt und werde Sie daher auch nicht im Regen sitzen lassen. Ich werde Sie einfach selber tragen!«

Trotz ihrer Schmerzen machte sie neugierige Augen.

»Aber, liebster Herr Doktor –«

»Bitte wehren Sie sich nicht und lassen Sie mich handeln! Es hilft nichts ...« Er hatte ihr das Plaid abgenommen und die beiden Enden fest zusammengeknotet. »Nun passen Sie auf«, fuhr er fort; »legen Sie sich in das Plaid hinein, während ich es im Knien über meine Schultern ziehe. Dann liegen Sie wie in einer Hängematte, und so trage ich Sie nach Hause. Aber Sie müssen still liegen.«

»Ich werde nicht mucksen ... Nein, es geht doch nicht! ...« Die Tränen schossen ihr plötzlich in die Augen und rannen über ihre Wangen. »Der Fuß tut zu weh! Ich muß mir den Schuh ausziehen.«

»Bleiben Sie sitzen! Ich werde Ihnen die Schuhe ausziehen. Alle beide – Sie brauchen sie nicht, wenn ich Sie trage ...« Er löste ihre Schuhbänder und zog zunächst den Schuh von dem schmerzenden Fuß, wobei Hede von neuem aufschrie. Dann kam auch das zweite Stiefelchen an die Reihe.

»Werfen Sie die Dinger fort«, rief Hede; »ich habe noch ein Dutzend mit – alle Sorten ...« Und die Schuhe flogen in den Regen hinein und blieben zwischen dem Felsgeröll liegen.

Nun begann das Schwierigste. Hede mußte in das Plaid gepackt werden, dessen verknotete Enden sich um Emichs Hals schlangen, und dann mußte sich Emich mit seiner lebendigen Last aufrichten und sie zu Tale tragen.

Es war ein mühseliges Stück Arbeit. Doch es ging. Endlich stand Emich fest auf den Füßen. Seine Arme umspannten die Kleine im Plaid, die ganz still lag und kaum zu atmen wagte. Dann schritt er vorwärts. Er mußte vorsichtig wandern, um nicht auch zu Falle zu kommen. Schritt um Schritt maß er ab. Der Regen schlug ihm in das Gesicht; er merkte es kaum. Der Wind riß ihm den Hut vom Kopf; er ließ ihn ruhig durch die Luft wirbeln. Er dachte an nichts weiter als an die süße Last, die er trug.

Endlich wieder im Walde! Hier wurde der Weg besser. Emich atmete auf; er konnte freier ausschreiten ... Hede lag wie eingeschnürt in dem Plaid; eine Spitze ihres hellen Strumpfes lugte auf der einen Seite hervor und auf der anderen das blasse Oval ihres Gesichtchens. Sie hatte die Augen geschlossen und ließ sich ruhig tragen. Emich sah, daß sie dunkle Wimpern hatte. Um die roten Lippen lag ein trotziger Zug. Das blonde Gelock über der Stirne zitterte.

Die Last wurde schwerer und schwerer. So ging es nicht weiter. Emich blieb stehen.

»Gnädiges Fräulein,« sagte er bittend, »legen Sie vorsichtig Ihre Arme um meinen Hals ... ich neige den Kopf ... das erleichtert mir das Tragen ... Wir sind gleich an der Quelle – da können wir haltmachen ...«

Gehorsam streckte sie die Arme aus dem Plaid heraus, legte sie um Emichs Hals und schlang fest ihre Hände ineinander. Nun ruhte ihr Kopf warm und dicht an seiner Brust, und er spürte ihr regelmäßiges Atmen. Er schritt weiter.

»Tut Ihnen der Fuß noch weh?« fragte er.

»Nein – nichts tut mir weh«, antwortete sie mit verhallender Stimme.

Er schritt weiter ... Auf das Laubdach rauschte in rhythmischem Falle der Regen herab. Der Sturm hatte an Stärke verloren. Hie und da blitzte es schon goldig auf von einem vereinzelten Sonnenstrahl.

Morgenwärts der Quelle türmte das Felsgewirr sich höher auf und bildete einen dachartigen Vorsprung, unter dem es trocken war. Auch eine Bank stand hier, ein roh behauener Steinkoloß. Auf ihr setzte Emich sich nieder. Aber seine Bürde behielt er im Arm und ließ sie nicht los. Er schaute Hede in das Gesicht, das noch blaß war von dem ausgestandenen Schrecken, aber auf den Wangen doch schon die Rückkehr der Blutwellen zeigte: ein zartes rosiges Regen. Die Augen hatte sie wieder geöffnet, und diese Augen sahen Emich mit seltsamem Ausdruck an. Was lag und lebte in ihnen? Was fragten und wollten sie denn? Ihr Blau war ganz dunkel geworden, dunkel wie die Sehnsucht, die aus ihnen sprach, und die heimliche Angst, die in ihnen zitterte ... Über das Antlitz Emichs war es wie ein Leuchten der Verzückung geflogen. So warm hielt er das geliebte Wesen an seiner Brust; ihr Haar duftete, und ihre Lippen redeten eine stumme Sprache, die nichts als Dichtung war ... Und unwillkürlich neigte sich Emich tiefer über sie.

Da schrie sie auf.

»Küsse mich nicht! ...« Und noch einmal: »Küsse mich nicht! ... Ich – bin – eine – Prinzessin ...«

Das »Küsse mich nicht« klang wie ein »Küsse mich tausendmal« – und dann folgte das letzte Bekenntnis, das in leisem Flüstern erstarb, ein Bekenntnis voll tobender heimlicher Angst: wie gräßlich, wenn der Doktor Robertus eine Prinzessin geküßt hätte!.

Vor Emichs Augen aber rollten bei diesen flüsternden Lauten alle Schleier auf. Er sah plötzlich klar. Woher kam sie? Aus Bukarest – und war eine Österreicherin – und einmal hatte er in ihrem Taschentuch über einem vielverschlungenen Monogramm eine geschlossene Krone entdeckt, über die er sich im Augenblick kaum Aufklärung gegeben – und.

Er zog sie noch dichter an sich heran. Sein Blick strahlte.

»Du hast gelogen«, sagte er; »du heißt nicht Hede – du heißt Marie-«

»Küsse mich nicht!« schrie sie wieder, zitternd und mit sich weitenden Augen.

»Doch küsse ich dich, Marie! Ich küsse dich, sooft ich will, und küsse dich immer wieder. Und auch du wirst mich küssen, denn du hast mich lieb und sollst mich lieben und du darfst es auch. Ich log wie du. Ich bin Emic von Illyrien, und du bist meine Braut ...«

Da schrie sie nicht mehr. Sie jauchzte hell auf und umschlang ihn.

Der Regen hatte aufgehört; nur noch von den Blättern troffen die Tropfen.

Emich marschierte wieder bergab, seine wonnige Last im Arm – barhäuptig, naß bis auf die Haut, unsagbar beschmutzt, gar wenig fürstlich, aber glücklich bis in das tiefste Herz. Hede-Marie hatte wie vorhin ihre Arme um seinen Hals gebettet und lachte und plauderte und nieste; denn mit dem Glück hatte sie sich auch einen Schnupfen geholt. O, war sie glücklich! Sie hatte sich immer eingebildet, über die erste Liebe hinaus zu sein; ihr Prinzessintänzer war diese erste Liebe gewesen, der Esterhazy-Kürassier mit den schönen Augen und dem langen pechschwarzen Schnurrbart. Aber es war gar nicht wahr; nun erst – ja, nun erst wußte sie, wie die Liebe tat!.

Vom Frauenbad her kam den beiden ein merkwürdiger Zug entgegen. Zwei Diener voran mit Stenko, dem Führer – eine offene Sänfte, in der eine händeringende Dame saß – ein Herr zu Fuß und ein Herr zu Pferde.

Der Reiter schwang seinen Schleierhut, als er Emich bemerkte, und setzte sein Pferd in Galopp.

»Sassenhausen!« rief Emich erstaunt. »Saß – du hier?! Was gibt es?«

Sassenhausen schaute auf seinen Herrn herab und auf das lebendige Bündel, das dieser im Arm trug. Auf seinem Gesicht spiegelte sich höchste Verwunderung wider.

»Ich – pardon, aber ich weiß nicht recht: soll ich offen sprechen? Und kann und darf ich es? – Ich –«

»Rede offen – ja – aber rasch! Ihre Kaiserliche Hoheit, die Erzherzogin Marie, meine Braut, kann sich zu Tode erkälten, wenn es lange dauert.«

Sassenhausen sprang schleunigst vom Pferde.

»Ich habe Euer Durchlaucht einen Brief des Marquis Veresco zu übergeben«, meldete er. Dann neigte er sich tief und fuhr fort: »Nehmen Euer Durchlaucht und Ihre Kaiserliche Hoheit meine ehrfurchtvollsten Glückwünsche in Gnaden entgegen ...«

Nun waren auch die anderen näher gekommen: Frau von Lando und Gerald Mac Lewleß, und auf offener Straße spielte eine seltsame Huldigungsszene sich ab. Die Prinzessin streckte ihre Rechte aus dem Plaid heraus und Frau von Lando, Gerald und Sassenhausen küßten mit vollendetster Hofverbeugung die ihnen gereichte Hand.

»Nun aber in meine Sänfte, Kaiserliche Hoheit, wenn ich untertänigst bitten darf«, sagte Frau von Lando, die eigentlich eine Gräfin Törky war; »mein Gott, was habe ich mich geängstigt! ... Kommt her, Leute, und helft!« Die Diener, die erstaunt und verständnislos – denn es wurde nur deutsch gesprochen – der Szene zugeschaut hatten, sprangen auf den gegebenen Wink eilfertig hinzu, doch die Prinzessin wehrte lachend ab.

»Es geht nicht, liebste Gräfin,« rief sie, »es geht partout nicht! Ich bin naß wie eine gebadete Katze, und hier liege ich warm. Mein Bräutigam muß mich schon bis nach Hause tragen ... Ich bin nämlich in Strümpfen! ...«

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