Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fedor von Zobeltitz >

Besser Herr als Knecht

Fedor von Zobeltitz: Besser Herr als Knecht - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFedor von Zobeltitz
titleBesser Herr als Knecht
publisherH. Fikentscher Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070621
projectide7ee9ada
Schließen

Navigation:

XV

Über Garica erwachte der Morgen, ein Frühlingsmorgen, der auf linden Schwingen Licht und Wärme in die Lande trug.

Das große goldene Kreuz auf der Sankt Michaels-Kathedrale begann zu flammen im Purpur des jungen Tages, der den Himmel hinter dem dunklen Mauerwall der aus der Türkenzeit stammenden, späterhin Kjurça-Schanze benannten Bastion mit fröhlichen Farben schmückte. Die schlummernde Stadt weiter unten lag noch im Dämmer der langsam flüchtenden Nacht, während auf den Bergen ringsumher schon die Freudenfeuer des Morgens leuchteten und die neuen, bis zu den Zickzacklinien des Flusses vorgeschobenen Forts sich im ersten Sonnenblitzen badeten. Und nun tauchten aus dem Nebelgrau noch andere Punkte auf: Kuppeln, Türme und Zinnen, die glockenförmige Haube eines Minaretts im türkischen Viertel, der schlanke Bau des erst vor kurzem eingeweihten Parlamentsgebäudes, die große Eisenhalle am Bahnhofe, die Mittelkuppel des Residenzschlosses, das weithin leuchtende griechische Kreuz auf der russischen Kirche... Siegreicher drang die Sonne vor. Das Grau zerfloß, die Straßenreihen wurden sichtbar: schnurgerade, wie mit dem Lineal gezogen und in scharfen rechten Winkeln sich kreuzend, in dem neuen Quartier; ein Gewirr ineinanderlaufender Linien in den alten Teilen der Stadt, da wo noch der Orient in all seinem Schmutz und mit all seinen Lastern herrschte. In schlanken Bogen verloren sich die Kais im dichten Grün eines Platanenhains, durch den der Strom in hundert kleinen Kaskaden schäumte und der im Volksmunde auch »der Cascadeo« hieß: das Bois de Boulogne des illyrischen Paris, in dem an schönen Nachmittagen die elegante Welt ihren Korso hielt ... Neue Gruppen großer Gebäude stiegen aus dem sich mehr und mehr verflüchtenden Dämmer empor: die Universität mit den sie umgebenden Parkanlagen, die auf der Stelle eines ehemaligen türkischen Friedhofs angelegt wurden – das Nationalmuseum, das der so grausam ermordete Fürst Leopold durch einen prächtigen Neubau für die Bibliothek erweitern ließ – die Kriegsakademie, das alte Kloster der heiligen Barbara, ein efeuumsponnener Mauerblock inmitten modernen Prunks – das englische Konsulat, die neue Kaserne der Leibgarde-Infanterie, die Riesenrotunde des sogenannten Fürstenkonaks, in dem zu mittelalterlicher Zeit die Herrscher Illyriens residierten ... Mittelalter und Neuzeit grenzten in Garica so dicht aneinander wie Orient und Okzident. Nur ein Flußarm trennte das neue Quartier mit seinen Boulevards, Anlagen, freien Plätzen und sauberen Kais von dem Häusergewirr der alten Stadt, die man noch heute »das Türkenviertel« zu nennen pflegte, obwohl die Türken auch hier längst nicht mehr die Überzahl der Bewohner bildeten. In diesen Rattenkönig von engen Gäßchen, Lehmhütten und Holzbaracken ließ sich nicht so leicht eine Bresche legen. Auch nicht in die Seelen der Inwohner: das hatte Fürst Emich schon im ersten Jahre seiner Herrschaft spüren müssen. Der geistige Horizont war hier so eng wie Gassen und Häuser, und in dem Gewühl von Türken, Slawen, Romanen, Griechen und Juden, das sich zwischen den schwarzen Mauern eingenistet, tobten noch Leidenschaften, die kein Sonnenstrahl der neuen Zeit zu bannen vermochte.

Aber drüben, jenseits des Flußarmes, da herrschte die neue Zeit. An das Frankenviertel schloß sich nach den Bergen zu ein duftig grüner Wiesenhang an, mit Bosketts und Alleen einen weiten Platz umschließend, auf dem sich das Siegesdenkmal von Acabane erhob. Hier war, vor den Toren der Stadt, dem Halbmond jene grimme Schlacht geliefert worden, von der die Barden des Landes so herrliche Lieder sangen, und aus dem Blute, das über diesen Boden geflossen, waren für Illyrien die ersten Knospen seiner Freiheit erblüht. Acabane war ein Dörfchen, das, von Rosengärten umbuscht, dicht am Hange der Berge lag. Und von oben herab, aus Myrtengrün und dem Dunkel der Pinien und aus dem Schwarz der Korkeichen, grüßte schneeiger Marmor zu Tale: das Lustschloß Monbijou, daß sich Fürst Leopold hatte erbauen lassen und in dem er in den Armen einer schönen Frau die letzte Nacht verlebt, bevor der Mordstahl ihn getroffen. Seit dieser Zeit war die Fahne auf der Zinne des reizenden Schlosses nicht mehr entfaltet worden. Monbijou stand leer, und verödet waren seine herrlichen Gärten, von denen aus man hinauf in den Hochwald steigen konnte, auf vielverschlungenen Pfaden, fast bis zur Spitze des Safarics, der einst, in nebelferner Zeit, ein Vulkan gewesen sein sollte. Fürst Emic – das h in seinem Vornamen hatte bei der Thronbesteigung der Sprachgewohnheit Illyriens zuliebe fallen müssen – hatte die Schwelle Monbijous nie überschritten. Er residierte unten im Stadtschloß, im »Palais«.

Das Palais nahm die ganze Westseite der Esplanade, des Hauptplatzes der Stadt, ein: ein schmuckloses Gebäude mit einer ungeheuren Kuppel in der Mitte, die den Thronsaal überwölbte – geradlinig, zweistöckig, mit regelrechten Fensterfronten und grauem Anstrich – ein nüchterner und langweiliger Bau. Zwei mächtige Flügel schlossen sich an; in dem einen garnisonierten die Leibheiducken, der zweite enthielt die berühmte Münzensammlung des letzten Paschas von Garica, auf die nach der Revolution Beschlag gelegt worden war und die aus Mangel an Raum noch nicht im Nationalmuseum hatte untergebracht werden können. Zwischen beiden Schloßflügeln breitete sich das Glas- und Eisennetz des Wintergartens aus, von dem aus man in einen kleinen, hübsch gepflegten Park gelangte, der bis an das Ufer der Sareb reichte.

Vor sämtlichen Fenstern des Mittelbaues, jenes Teiles des Schlosses, den die Kuppel überwölbte, lagen weiße Rouleaus. Das ganze zweite Stockwerk nahm der Thronsaal ein; im ersten wohnte der Fürst.

Eine Hand schob hier den Vorhang zur Seite – ein etwas bleiches Männergesicht schaute hinaus auf den Platz, der sich langsam zu beleben begann. Die Schloßwache wechselte – ohne Spiel und Trommelschlag, denn des Fürsten Schlaf mußte geschont werden. Aber es gab nichts zu schonen. Fürst Emic hatte die Nacht durchgearbeitet, und nun stand er am Fenster und blickte in die Sonne hinein, die über seinem Lande emporstieg.

Er trug noch die kleine Uniform seiner Leibgarde-Infanterie, in der er gestern abend dem Ministerrat präsidiert hatte. Es war eine gewichtige Sitzung gewesen. Ein gewaltiger Umschwung im Steuerwesen sollte durchgeführt werden. Die Nationalliberalen hatten, gestützt auf die unleugbare Tatsache, daß die direkten Steuern auf dem flachen Lande nur schwer einzutreiben waren, mit starker Unterstützung der rechten Seite des Parlaments einen Antrag eingebracht, der eine erhebliche Vermehrung der indirekten, speziell der Luxussteuern bezweckte – und sie hatten gedroht, sich auf die Seite der Opposition zu schlagen, wenn sie kein Entgegenkommen bei der Regierung finden würden. In diesem Falle verteidigte auch der Fürst den Antrag der Nationalpartei; aber er hatte nicht nur den Finanzminister, sondern selbst den alten Veresco gegen sich. Bis tief in die Nacht hinein hatte die Sitzung gewährt. Mit seiner ganzen gleißenden Dialektik hatte der Finanzminister die ökonomischen Gründe dargelegt, die ihn veranlaßten, auf seinem Standpunkt zu verharren. Und dann hatte Veresco sein schweres politisches Geschütz auffahren lassen. Die Finanzgründe des ministeriellen Kollegen imponierten ihm nicht; aber gerade in diesem Augenblick der Nationalpartei nachzugeben, erschien ihm als Schwäche. Die Liberalen näherten sich immer mehr der Opposition, deren glänzend begabter Führer, Herr von Polzien, der Chefdirektor der »Volksstimme«, mit gutem Erfolge den »Einfang« betrieb. Marquis Veresco war der Ansicht, man müsse zeigen, daß man den Überlauf der Nationalen nicht fürchte. Und dabei kam der grimme Alte abermals auf vergangene Dinge zu sprechen, tadelte wiederum die allgemeine Amnestie bei Gelegenheit der Thronbesteigung und tadelte im besonderen, daß Polzien, den das Attentat gegen den Fürsten Leopold gleichfalls kompromittiert hatte, nicht für immer unschädlich gemacht worden sei ... Dennoch setzte Fürst Emic seinen Willen durch. Sein persönlicher Einfluß auf die Minister war so groß, daß selbst der intrigante Leiter der Finanzen davon Abstand nahm, seine Demission zu geben, und daß endlich auch der harte Veresco sich fügte. Dieser Alte mit rotgeäderten Augen und den eisernen, alles zermalmenden Zähnen liebte seinen jungen Fürsten, als sei Emich dem eigenen Blute entsprossen. Und auch bei Beschluß jener letzten denkwürdigen Sitzung neigte er sich, von Emich Abschied nehmend, tief über die ihm gereichte Hand und sagte mit einem milden, sein rohes Baschkirengesicht seltsam verschönenden Lächeln:

»Durchlaucht – ich fürchte, es ist nicht gut, daß wir uns allesamt so wenig dem Zauber Ihrer Persönlichkeit zu entziehen wissen ...«

Fürst Emic konnte zufrieden sein. Die Entlastung des direkten Steuersystems entsprach seinen Wünschen; es war vorauszusehen, daß die Nationalen sich infolgedessen in anderen Fragen, wie beispielsweise denen der Vermehrung der Wasserstraßen, der Regierung geneigter zeigen würden. Und doch blieb Emich nach Entlassung der Minister in Sorgen zurück – und neben ihm blieb die graue Sorge stehen, die ganze Nacht hindurch, während er am Schreibtische saß, den Kopf in die Hand gestützt, und Berge von Papieren durchflog. Auch über seine Schulter lugte die graue Sorge, lugte mit hinaus auf die Esplanade und in den hellen Sonnenschein, der den Platz überflutete.

Der Fürst zog die Vorhänge vollends zurück und löschte die Studierlampe. Dann klingelte er.

Der Kammerdiener trat ein.

»Das Bad«, befahl Emich.

Der Diener verneigte sich. Aber er ging nicht sogleich. Ein mitfühlender Blick traf das übernächtige Gesicht seines Herrn.

»Durchlaucht«, begann er leise, im Tone zaghaften Bittens.

Emich stand schon wieder am Schreibtisch, ein Papier in der Hand, und schaute nun auf.

»Was gibt's?! ...« Er lachte ... »Ah, Bob, du brauchst nicht weiter zu sprechen! Kerl du! Wenn ich von Klempin nach Berlin fuhr, hab' ich manche Nacht verbummelt. Eine durchgearbeitete schadet noch weniger. Nun pascholl, das Bad! Wer hat von den Adjutanten den Dienst?«

»Major Mac Lewleß, Durchlaucht.«

»Desto besser. Er soll mit mir frühstücken ...«

Emich pflegte sein erstes Frühstück gewöhnlich unter einer Palmengruppe im Wintergarten zu nehmen, dessen Glasfenster zur warmen Jahreszeit versenkt wurden, so daß dieser Teil des Schlosses mit dem Park in Verbindung zu stehen schien, eine Täuschung, die dadurch noch verstärkt wurde, daß man die vier Marmorstufen, die in den Park hinabführten, mit moosgrünen Teppichen überspannt und zudem mit zahlreichen, wahllos geordneten Blumenarrangements geschmückt hatte. Der Fürst frühstückte immer allein, liebte es jedoch, dabei mit einem seiner Adjutanten zu plaudern. Der Zeremoniendienst begann erst zu späterer Stunde. Das Bad hatte ihn so erfrischt, daß er die schlaflos verbrachte Nacht kaum noch spürte. Unter den Palmen hatten die Lakaien inzwischen den Frühstückstisch hergerichtet. Sie zogen sich zurück, als Bob erschien, der Leibdiener Seiner Durchlaucht, der mit seinem Herrn eine Wandlung zur Höhe durchgemacht hatte: der schlesische Bauernjunge war ein Valet de Chambre geworden, diplomatische Ruhe im glattrasierten Gesicht, gemessen in den Bewegungen und immer in tadellos sitzenden Kniehosen und mit höchst sorgfältig gefältelter weißer Binde.

Mac Lewleß trat auf die Terrasse. Auch ein andrer als in Klempin und doch noch derselbe. Brauner geworden im Gesicht und mit blondem Vollbart, ohne den Ausdruck geheimen Leidens um den Mund, frischer und wagemutiger ausschauend, aber noch mit den alten Augen. Er trug die etwas phantastische, doch sehr geschmackvolle, sich an die Nationaltracht des Landes anlehnende Uniform der Garde-Heiducken mit den Majorskandillen und den Fangschnüren der Flügeladjutanten.

Er schlug klirrend die Absätze aneinander und seine rechte Hand berührte salutierend das Käppi.

»Durchlaucht haben befohlen«, sagte er.

Emich nickte ihm freundlich zu. »Wir sind allein, Gerald«, entgegnete er. »Nicht einmal die Herzogin von Kjurça ist in der Nähe, die mich mit einem ihrer Dolchblicke maßregeln könnte. Also laß die Durchlaucht beiseite und trinke eine Tasse Tee mit mir und mache es dir bequem. Bob, nimm dem Herrn Major Säbel und Käppi ab! ...«

Mit Säbel und Käppi verschwand auch das Dienstgesicht und die untergebene Haltung Mac Lewleß'. Er reichte dem Fürsten die Hand, nahm neben ihm Platz und begann gleichfalls zu frühstücken.

Um diese Stunde war es wonnevoll hier unten. Nichts zu vernehmen vom Lärmen der Stadt; nur das gleichmäßige, im Kies der Wege knirschende Auf und Ab der beiden Palastwachen unweit der Orangerie. Nur das Zwitschern und Tirilieren der Vögel im Park und das volle Rauschen der Fontänen und hin und wieder der Schrei eines Papageien oder das helle Aufkreischen eines der Seidenäffchen in der Voliere. Dazu die quellfrische Morgenluft, die den Duft der Berge in die Stadt trug, das hundertfältig schattierte Grün und der Blütenzauber ringsum und der Ausblick über die Baumwipfel fort bis zu den dunstumschwommenen Felskuppen des Hochgebirges.

Emich schüttete dem Freunde das Herz aus. Er erzählte von seinem Siege in der Ministersitzung und von den Sorgen der Nacht.

Ah, ja, es waren schwere Sorgen, die auf ihm lasteten. Eine veränderte Aufteilung der Ämter hatte der Korruption der Beamtenwelt steuern sollen, die jeder Bestechung feil war. Und in geschlossener Kolonne waren die Entlassenen in das Lager der Opposition geeilt und hatten sich unter die Fahne Polziens geschart. Dieser Polzien war zweifellos der gefährlichste Gegner Emichs. Seine »Volksstimme« war eine Macht in Illyrien geworden. Und, was das Böseste war: es ließ sich kaum noch daran zweifeln, daß Polzien durch russisches Geld unterstützt wurde. Die Politik des Petersburger Kabinetts war leicht zu durchschauen; die innere Opposition sollte die Regierung in Schach halten und zu einer verstärkten Anlehnung an Rußland zwingen. Aber sicher floß auch aus dem Suevenreiche Geld in die Kassen der »Volksstimme«. Polzien nahm, woher er bekam, und seine gierigen Hände streckten sich nach allen Seiten aus.

»Ich hätte den Burschen hängen lassen können«, sagte Emich. »Beweise, daß er dem Attentat gegen Leopold nicht allzufern gestanden, wären leicht zu beschaffen gewesen. Und kein Hahn hätte damals nach ihm gekräht. Aber ich dachte menschlich und ließ ihn laufen. Er haßt mich persönlich grimmig, und das gibt seiner Infamie Triebkraft und Schwung! Dabei ist er zu klug, sich fassen zu lassen. Er ist wie eine Schlange, aalglatt, immer wieder entschlüpfend; könnte ich dieser Natter den Kopf zertreten, dann wäre auch die Opposition mundtot gemacht, denn er ist ihr einziger Führer. Er duldet niemanden neben sich.«

»Laß ihn ausweisen! Das kann deiner Polizei nicht schwer fallen, da er ein Ausländer ist.«

»Er hat sich naturalisieren lassen. Aber schließlich – ein Formfehler in der Naturalisationsurkunde wäre schon zu finden, wollte ich ungerecht vorgehen. Das aber will ich vermeiden. Ich habe an etwas Besseres gedacht. Ich möchte seinen Haß besiegen, will versuchen, ihn an meine Interessen zu fesseln, ihn in die Staatskarriere bringen, ihm irgendeinen diplomatischen Posten zuweisen. Er ist ein Mensch von glänzenden Fähigkeiten ...«

Bob reichte die Zigarren.

»Du rauchst immer noch nicht, Gerald?«

»Nein – ich danke, Emich. Du weißt, wem zuliebe ich es aufgab – und ich hab' nicht mehr angefangen. Aber ich finde, die Inclam sieht gut aus, vertrauenerweckender – als das dunkelfarbige Kraut unsrer Regie.«

Der Fürst lachte, während er an dem Licht, das Bob ihm leichte, seine Havanna anzündete.

»Gerald – wahrhaftig – als ich hierher kam, habe ich mich vier Wochen damit abgemüht, unsre Regiezigarren rauchen zu lernen. Schließlich hab' ich die Hoffnung aufgeben müssen. Ich liebe mein Land über alles, doch mit seinen Zigarren kann ich mich nicht befreunden. So lasse ich mir denn unter der Deckfirma eines Privatmannes meinen Tabak von meinem alten Berliner Lieferanten kommen und bezahle schweigend den hohen Zoll. Siehst du, den Zoll brauche ich nämlich auch.

In den Regierungskassen sieht es noch immer schreckhaft aus. Im vorigen Monat habe ich mit meinem Privatvermögen in die Bresche treten müssen, damit die Gehälter voll ausbezahlt werden konnten. Aber ich verliere den Mut nicht; ich sehe wenigstens, daß es langsam vorwärtsgeht. Der Kanal nach Bosnia soll die Wareneinfuhr auf den Wasserstraßen reger gestalten, damit würde sich der Zollverdienst erheblich erhöhen. Aber freilich – auch mit diesem Kanal hat es noch weite Wege. In Wien arbeitet man langsam ...«

Gerald lehnte sich nachdenklich in seinen Sessel zurück.

»Der Kanal nach Bosnia,« wiederholte er sinnend, »ist das der –«

»Derjenige welcher«, fiel der Fürst rasch ein. »Ja ja, der ist es! Veresco hat ähnliche Pläne schon mit Leopold verfolgt. Jetzt bin ich sein Versuchskaninchen. Sassenhausen sondiert seit drei Wochen das Terrain. Du lieber Gott, ich wehre mich ja gar nicht! Die Politik wird doch immer die Protektorin meiner Heirat sein.« – Er schaute den alten Regimentskameraden von der Seite an ... »Und du, Gerald? Ich warte darauf, daß du mir deine Verlobung melden wirst. Alle Welt will wissen, daß Fräulein von Kursewsky nur aus Liebe zu dir so blaß und verhärmt sei.«

»Emich – spotte nicht! Ich sage dir: alle Welt klatscht. Ich habe Fräulein von Kursewsky niemals Anlaß gegeben, sich lebhafter für mich zu interessieren, und ich vermeide geflissentlich jeden Besuch auf der russischen Gesandtschaft. Nein, Emich, mein Herz ist müde geworden. Aber sag', hast du Nachrichten aus der Heimat?«

Der Fürst nickte. »Ja – aus Seesenheim wie aus Stenzig. Tante Irmela schreibt allwöchentlich seitenlange Berichte, sie kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Und ganz nebenbei erzählt sie auch von Ruth. Es ist nicht wahr, daß Ruth den Schleier genommen hat – – du entsinnst dich, daß Saß das gehört haben wollte. Ruth ist als Oberin in ein großes schlesisches Krankenhaus eingetreten, das dem Malteserorden gehört. Das ist alles. Gelübde religiöser Natur binden sie nicht, sie ist genau so frei wie bisher.«

»Frei, sagst du. Ist sie denn wirklich noch frei? Nach Herz und Seele!?«

Emich sah sinnend den Dampfringeln seiner Zigarre nach.

»Gerald«, sagte er, »du hast Ruth einstmals besser und richtiger zu beurteilen verstanden als ich. Sie hat lange und schwer gerungen, sich aus dem Unbefriedigtsein in eine geistige Klärung zu retten. Das ging nicht so rasch. Eine Wandlung folgte der andern, und wer kann sagen, daß all diese Wandlungen nunmehr für sie abgeschlossen sind. Ich bin schon froh darüber, daß sie ein bestimmtes Gebiet für ihre Tätigkeit gefunden hat. Herrgott, sie war nun einmal keine Landpomeranze, kein Dorfkomtesse!«

»Nein – wahrhaftig nicht! Achtung vor dem Beruf, den sie sich erwählte! Aber, Emich, bot ihr das Leben nichts Besseres?! Will sie denn nie wieder in die Sonne schauen?!«

Der Fürst schüttelte den Kopf. »Ich halte auch diese neue Phase nur für eine Wandlung. Und glaube mir,« fuhr er rascher fort, »ich verstehe zwischen den Zeilen der guten Tante Irmela zu lesen. Mich dünkt, Ruth hat jene Stellung nur angenommen, um sich vor den Werbungen Rietzows zu schützen.«

Mac Lewleß schnellte plötzlich empor. Etwas Wichtiges war ihm eingefallen.

»Am Mittwoch findet die Einführung des neuen römischen Bischofs statt«, sagte er. »Weißt du, Emich, wer jener Bischof ist?«

»Ja – ich weiß es. Der ehemalige Monsignore Massimo, der Bruder Rietzows.«

»Und du sprachst mir niemals davon?«

»Absichtlich nicht. Es wäre zwecklos gewesen. Dem Bischof geht ein glänzender Ruf voran: der Ruf echter Frömmigkeit und großer Menschenliebe. Ein Handschreiben des Papstes hat ihn mir persönlich empfohlen. Gegenüber dem Vordringen des griechischen Kults – auch eine Folge der russischen Politik – habe ich ein stärkeres Gewicht auf den Schutz des Katholizismus zu legen. Und das Interesse für mein Land läßt jedes Persönliche verstummen.«

Mac Lewleß neigte den Kopf. »Du hast recht, Emich«, sagte er.

Bob meldete den Oberstleutnant im Generalstab und stellvertretenden Chef des Innern Marquis Veresco. Maffeo erschien auf der Terrasse und salutierte.

»Durchlaucht vergeben: ich bringe eine Botschaft von meinem Vater, den leider eine Erkältung zwingt, sich im Bett zu halten.«

»Tritt näher und setz' dich zu uns. Hoffentlich hast du keine Trauerpost in der Hand.«

»Gottlob, nein. Ein neuer Bericht von Sassenhausen aus Wien. Alles geht gut. Hof und Kabinett sind für die Marriage. Erzherzogin Marie wird zu Beginn des Herbstes den verwandten Hof von Rumänien besuchen, und in Bukarest soll die erste Begegnung stattfinden. Hier der Brief ...«

Der Fürst nahm die ihm gereichten Papiere und durchflog sie. Sein Gesicht war nicht freundlich dabei. Ein tiefer Ernst lag auf seinen Zügen, und ein ganz leiser Seufzer schwellte seine Brust.

»Also abgemacht«, sagte er. »Sassenhausen schreibt, man wünsche zu Wien, daß über die Affäre zuvörderst strengstes Geheimnis gewahrt werden solle. Das entspricht meiner eigenen Neigung. Auch die Erzherzogin weiß noch nichts von dem – Glück, das ihr bevorsteht. Armer Käfer! Sie ist noch sehr jung – nicht wahr?«

»Kaum siebzehn«, erwiderte Maffeo.

Ein fröstelnder Schauer überrieselte Emich. Er goß sich aus der Karaffe ein kleines Glas Sherry ein und leerte es langsam. Dann erhob er sich. Das war das Zeichen für die Entlassung der Freunde.

»Gerald, was hast du heut' auf dem Programm?« fragte der Fürst, den Rest seiner Zigarre in die silberne Aschenschale werfend.

Mac Lewleß zog eine Notiztafel aus Elfenbein aus der Brusttasche und schob sie auseinander.

»Elf Uhr Besichtigung der neuen Kaserne am Fort Ladislaus«, las er vor. »Zwölf Uhr Empfang der bosniakischen Deputation; um eins Audienz des suevischen Gesandten –«

»Wegen der Grenzregulierung am Natschali-Paß«, fiel der Fürst hastig und ärgerlich ein. »Wann wird diese unselige Geschichte enden!? Aber, man irrt sich in Suevien, sollte man glauben, ich würde nachgeben! Das Recht ist unbestreitbar auf unsrer Seite. Weiter.«

»Vier Uhr Besuch bei der Herzogin von Kjurça« –

»Brrrr!«

»Um fünf Besuch im Paulinenhospital; halb sechs Vortrag des Hausintendanten wegen des Theaterumbaus; um sechs Besichtigung der Landes-Weinausstellung in den Ruinen der alten Thermen; sieben Uhr Offizierstafel beim zweiten Artillerie-Regiment; neun Uhr Besuch der Sommeroper. Um diesen Besuch hat der Direktor nochmals untertänigst bitten lassen, da die Geschäfte schlecht gingen.«

»Das glaub' ich«, sagte der Fürst lächelnd. »Es war eine verrückte Idee. Ein hübsches Programm, Gerald. Sehr viel Zeit pflegt man mir nicht übrig zu lassen... Aber noch etwas: es ist jetzt erst acht Uhr; laß Herrn von Polzien, den Direktor der »Volksstimme«, benachrichtigen, daß ich ihn um zehn zu sprechen wünsche. In meinem Arbeitskabinett.«

Mac Lewleß fuhr zurück. Maffeo war blaß geworden.

»Emich,« sagte er halblaut und bittend, »du selbst –? Willst du nicht wenigstens –«

»Ich will nichts, Maffeo,« fiel der Fürst herbe ein, »will auch nicht erst deinen kranken Vater beunruhigen.«

»Verzeihung, Durchlaucht,« nahm Maffeo abermals das Wort, »wenn ich mir trotzdem noch eine Warnung erlaube. Polzien ist ein gefährlicher Bursche. Er ist zu allem fähig. Verstatten Durchlaucht wenigstens, daß Mac Lewleß der Audienz beiwohnt –«

»Auch ich bitte um diese Gnade, Durchlaucht«, warf Gerald ein.

Emich streckte beiden die Hände entgegen.

»Seid keine Kinder, seid keine Hasenfüße! Ich habe diesem Herrn von Polzien schon einmal gezeigt, daß ich nicht mit mir spaßen lasse. Und ich fürchte mich heute ebensowenig wie damals... Bob, bring' mir die Hunde auf ein Viertelstündchen; dann soll der Schneider mit seinen neuen Uniformen kommen... Auf Wiedersehn, meine Herren!«

Er schritt durch den Wintergarten der Schloßhalle zu.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.