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Besser Herr als Knecht

Fedor von Zobeltitz: Besser Herr als Knecht - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFedor von Zobeltitz
titleBesser Herr als Knecht
publisherH. Fikentscher Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIV

Der Telegraph trug die Kunde von dem neuerwählten Fürsten von Illyrien blitzschnell in alle Lande. Ein findiger Reporter wußte sich noch am Abend Zutritt bei Emich zu verschaffen; selbst einen zweiten Interviewer war Emich gutmütig genug vorzulassen – als aber auch noch andere Berichterstatter erfahren wollten, wie er über Rußland und die Türkei denke, da erklärte er bedauernd, niemand mehr annehmen zu können.

Und dann las er am nächsten Morgen in den Zeitungen, wie die Welt über ihn dachte. Maffeo hatte sich zu Sekretärsdiensten erboten, durchflog die Blätter und strich mit Bleistift an, was ihm wichtig erschien. Im allgemeinen war das Urteil über Emich insofern kein ungünstiges, als kein Mensch ihn kannte. Die meisten Blätter begnügten sich mit der Ausschlachtung des Hofkalenders, Artikel Schöningh-Stubbach. Ein paar erwähnten auch die kentuckysche Erbschaft und wußten Märchenhaftes von ihr zu erzählen, und diejenigen, die etwas aufmerksamer die illyrische Presse verfolgt hatten, sprachen von der »Affäre Polzien«. Der Name Polzien wurde zum Köder. In den Abendzeitungen kehrte er häufiger wieder. Jetzt zeigte man sich schon versierter. Die »Affäre Polzien« warf ein entschieden ungünstiges Licht auf den jungen Fürsten. Dieser Herr von Polzien war einst Güteradministrator der Emich Schöninghschen Besitzungen gewesen: ein braver, ehrlicher Mann, eine gerade Natur. Aber eben diese Geradheit behagte dem Fürsten Emich nicht; Herr von Polzien wurde in brutaler Weise gemaßregelt und, seines Weges gewiesen. Kein Wunder, daß auch Fürst Leopold ihn mit grimmigem Hasse verfolgt hatte, als Polzien in Illyrien auftauchte, um sich an die Spitze der liberalen Bewegung zu setzen. Mit der ganzen Zähigkeit eines kleinen Tyrannen hatte Fürst Leopold die Opposition zu unterdrücken versucht, aber es war ihm nimmer gelungen. Da hatte ein Wahnsinniger die Pistole auf Leopold abgedrückt; das war auch die Todeswunde der illyrischen Freiheit geworden. Denn nun kam der grimme alte Veresco und steckte die ganze Opposition hinter Schloß und Riegel. In einem der furchtbaren Kellerlöcher von Kragusa saß Polzien gefangen. Man hatte ihn foltern lassen – so berichtete ein Wiener Blatt. Er sei bereits gehängt worden, wurde aus Pest gemeldet. Beim Einzuge des Fürsten Emich in Garica wolle man in der alten Bergfeste Hekatomben opfern. Ströme von Blut sollten die Tat eines Verrückten sühnen. Und dann wurde Entsetzliches aus dem Leben des Marquis Veresco erzählt. Man feiere ihn als Heros des Landes, und doch war er der Henker Illyriens. Er wußte den Feind von den Grenzen des Reichs fernzuhalten, um im Innern um so unumschränkter schalten und walten zu können... Die Zeitungen hielten mit guten Ratschlägen nicht zurück; so müsse Fürst Emich es machen – und so und so...

Endlich galt es, Abschied zu nehmen. Maffeo blieb in Berlin zurück, die letzten Reisevorbereitungen zu treffen, während Emich in Klempin seine Zelte abbrach. Sein Einzug in Garica war auf den dreißigsten Juni festgesetzt worden; er behielt also gerade noch Zeit übrig, seine Angelegenheiten in Deutschland zu ordnen.

An einem sonnenwarmen Nachmittage ritt er auf dem Troilos nach Stenzig hinüber. Er nahm denselben Weg durch den Wald, den er damals eingeschlagen hatte, als er für Mac Lewleß Freiwerber sein sollte. Fast auch war es ein Tag wie damals. Wieder schillerte die Sonne durch das grüne Blätterdach zu seinen Häupten, und auf der grünen Decke unter ihm tanzten und zitterten goldige Flecken... Vor ein paar Tagen war Rietzow wieder heimgekehrt; so hatte man in der Garnison erzählt. Er war begnadigt worden, ehe er noch die Hälfte seiner Strafzeit abgebüßt hatte. Der alte Wiegel war tot, der Weg von Kottau nach Stenzig wieder frei...

Rechts unten lag die Strebnitzer Furt. Wie bronziert schimmerte die Wasserdecke zwischen den Stämmen. Der Frühling hatte aus dem Morast ein toll blühendes Leben gelockt; in tausendfältiger Umschlingung und Umstrickung kroch das Rankengewirr über den elastischen Boden, und aus diesem Pflanzenteppich drängten sich Orchideen und wilde Mispeln, Glockenblumen und Riesennesseln zum Licht empor. Mitten im Schilf lag ein mächtiger Baumstamm, und auch um seine wie drohend aus dem Wasser herausragenden Wurzeln spann sich das grüne Schlingkaut.

Emich gab seinem Pferde die Schenkel. Durch die rechtwinklig auf den Berg stoßenden Schneisen sah er in schnellem Trabe wechselnde Bilder vorüberhuschen: ein kleines, efeuumflochtenes Forsthaus mit blanken Fenstern, einen schillernden Seespiegel, Bruchland und Wiesengrün mit äsenden Rehen – und dann hinein in die Tannenschonung mit ihrem Harzduft und den lichten Trieben auf den fast schwarz erscheinenden Nadeln des Vorjahres! Und da lag auch das Kleefeld – da stand die Königseiche, eine alte Riesin mit weithin sich reckenden Gliedern, vielleicht das letzte Überbleibsel aus jenen Tagen, da sich hier ein mächtiger Urwald ausgedehnt, bis zu den Ufern des Sees, der unten das Muldental der Strebnitzer Furt mit seinen schäumenden Wassern gefüllt hatte...

Und wie an jenem anderen Frühlingstage, so zuckte auch heute Emichs Hand in den Zügeln, als der Troilos über den Klee trabte, denn wieder sah er ein Weib unter der Eiche zu Rosse im Schatten des Laubdaches halten... War das nicht Ruth?

Unwillkürlich hatte er ihren Namen gerufen. Sie stutzte, und dann jagte sie davon. Es flatterte ihr schwarzer Schleier im Winde, und ihr langes schwarzes Kleid schlug um die Flanken des Pferdes. In toller Eile jagte sie dem Walde zu, als fliehe sie – als müsse sie flüchten...

Hastig und mit einem Fluchwort riß Emich den Troilos zurück... Torheit, ihr nachzugaloppieren! – Vielleicht fürchtete sie ihn, weil sie einen anderen an der Königseiche erwartet hatte. Vielleicht ritt Herr von Rietzow in diesem Augenblick bereits die Halde hinab, zum verabredeten Rendezvous...

Emich blieb in gemächlicher Gangart, bis er Stenzig erreicht hatte. Vor dem Schlosse sagte man ihm, die Frau Gräfin sei im Pferdestall – die Kassiopeia sei an der Kolik erkrankt.

In dem weiten und luftigen Stall hing die arme Kassiopeia bereits in den Gurten, und der Tierarzt machte sich mit ihr zu schaffen, während die Gräfin mit aufgeschürztem Kleide im Gange stand und auf einen der Reitknechte schimpfte, der dem Tiere wahrscheinlich zu frisches Heu gegeben hatte. Aber als sie Emich sah, ließ sie den Reitknecht stehen, gab einem leeren Tränkeimer, der ihr den Weg versperrte, einen kräftigen Stoß mit dem Fuße und stürzte ihrem geliebten Dickerchen entgegen.

»Emich – Jüngelchen – o Gott! ...«, und sie schloß ihn an ihre Brust und streichelte ihm Wangen und Stirn. Das Wasser trat ihr in die Augen, aber die Leute im Stall sollten das nicht sehen. »Meldet mir nachher, wie es um die Kassiopeia steht!« rief sie zurück; dann faßte sie Emich um die Taille und ging mit ihm über den Wirtschaftshof.

»Also so ganz vergessen hast du mich doch nicht, mein Liebling«, sagte sie. »Alles, was dich angeht, hab' ich durch Fremde erfahren müssen: die Erbschaftsgeschichte aus Mexiko oder wo es gleich war – siehst du, Dickerchen, das hätte ich wohl gewünscht, daß dies der selige Onkel noch erlebt hätte, denn der Hans-Carl war für ihn immer der schwarze Mann in unsrer Familie – und nun ist er so gräßlich reich gewesen, und kein Mensch hat etwas davon gewußt! Ist es denn wahr, daß es dreißig Millionen sind und ungeheuer viel Sklaven extra? Aber die Sklaverei ist doch aufgehoben, soviel ich weiß – die Leute haben mir den Kopf dumm geredet, Dickerchen, und der Landrat am meisten. Er kommt alle Freitag zum Tee und bringt immer einen Koffer voll Neuigkeiten mit. Ja – und – geliebtes Dickerchen – das ist doch wohl nicht wahr, was die Zeitungen schreiben: daß du den Mörderthron von Illyrien besteigen wirst? Gott, was haben die Zeitungen nicht alles von dir geschrieben, und der Kladderadatsch hat sogar dein Bild gebracht – als kleinen Jungen, hinten mit einem Hosenlatz, wie gemein, und auf einem Steckenpferde über das Balkangebirge reitend. Hast du das gesehen? Ich habe das Blatt gleich verbrannt, damit es nicht den Domestiken in die Hände fällt!...«

Emich kam erst zu Wort, als er der Tante gegenüber im kühlen Zimmer auf einem Sessel saß und zwei Glas Himbeerwasser getrunken und drei kleine Teekuchen gegessen hatte. Er hatte viel zu berichten, und die Tante schlug alle Augenblicke die Hände vor Erstaunen, Schrecken und Freude zusammen. Es schmeichelte ihrer Eitelkeit, daß ihr Dickerchen mit Bismarck gesprochen hatte und regierender Fürst werden sollte – aber andererseits war ihr der Gedanke wieder schrecklich, daß Illyrien so weit, so weit entfernt und eine so gefährliche Gegend war. Sie vermochte sich gar keinen rechten Begriff von den Balkanstaaten zu machen und sah dort unten in ihrer naiven Phantasie hinter jedem Baumstamm einen Banditen lauern.

»Denke doch nur an das Schicksal des armen Leopold, Emich«, jammerte sie. »Ich bitte dich, was hatte der denn den Leuten Böses getan und mußte doch daran glauben! Bismarck hat gut zureden – er verliert nichts dabei! ... Aber ich – wen habe ich denn noch auf der Welt außer dir und der Ruth – und ach, die Ruth ist kaum noch meine Tochter! Glaubst du, daß ich sie oft ganze Tage lang nicht zu Gesicht bekomme?!...«

Nun endlich wurde von Ruth gesprochen, Emich hatte nicht nach ihr fragen wollen, wartete aber mit Ungeduld auf den Augenblick, da die Gräfin von ihr anfangen würde. Sie klagte Emich ihr Herz aus. Ruth sei wie verwandelt, speise gewöhnlich auf ihrem Zimmer und verlasse es nur, um stundenlang auf ihrem Pferde durch den Wald zu jagen. »Sie sieht auch elend aus, Emich. Blaß und hat so etwas Merkwürdiges im Blick. Ihre Augen sind viel größer geworden. Sie hat sich jetzt auch einen Betschemel kommen lassen. Fromm ist sie ja – sehr fromm – o Gott, ich meine, zu fromm: der Herr vergebe mir die Sünde, wenn es eine ist, was ich sage! Aber man kann auch fromm sein, ohne sich aus der Welt zurückziehen zu brauchen! Im Dorf hat sie für die Kinder, die daheim bleiben müssen, während die Eltern auf dem Felde sind, so eine Art Beschäftigungsunterricht eingerichtet. Da wird in einemfort gebetet, und dann erzählt die Ruth Heiligengeschichten. Und nun frag' ich dich, Dickerchen: wie soll ich Ärmste mich zu all dem verhalten? Ich bin doch auch eine treue katholische Seele und – und seh' es schließlich gern, wenn etwas für unsern Glauben und unsre Kirche getan wird ... Aber da kommt der Landrat mit seinen Drohungen und der Pastor mit seiner Salbaderei, und neulich haben sie mir auch einmal den Superintendenten ins Haus geschickt. Ich hab' ihn gar nicht angenommen. Was soll ich denn mit dem Superintendenten!?«

Emich zuckte mit der linken Schulter.

»Ich meine, Tante, du kannst gut katholisch bleiben«, antwortete er, »und brauchst dich trotzdem nicht auf Proselytenmacherei einzulassen. Wasch auch der Ruth einmal gehörig den Kopf und verbitte dir ihre Narrenspossen. Steht ihr denn, zum Donnerwetter, allsamt unter dem Einfluß des Kottauers?!«

»Ach was, des Kottauers! Den hab' ich seit dem Unglück mit Wiegel nicht zu sehen gekriegt!«

»Und auch Ruth nicht?«

Gräfin Irmela schaute empor.

»Glaubst du vielleicht, daß Ruth –« »Ich halte nichts mehr für unmöglich. Rietzow hat Wolfszähne. Ihm ist's nicht nur um die Seele zu tun, sondern auch um den sterblichen Leib deiner Tochter – und um mehr. Stenzig und Kottau grenzen dicht aneinander.«

»Gerechter Gott, Emich –«

»Ach, Tante, laß den lieben Gott aus dem Spiel! Seiner Ehre dient der ganze Schacher nicht. Du kennst jetzt meine Ansicht. Und nun lebe wohl! Ich hab' noch zum Umfallen viel zu tun und muß jede Stunde ausnützen. Leb' wohl, mein liebes, liebes Tantchen, mein zweites Mütterchen! Es kann lange währen, eh' wir uns einmal wiedersehen, aber du bleibst in meinem Heizen, allezeit – allezeit! Will mir einbilden, ich fühle deine Hände auf meinem Haar, wenn ich mich schlafen lege, und spüre dein zärtliches Streicheln, wie in der Kinderzeit. Sollst immer in meiner Erinnerung sein, Tantchen – behüt' dich Gott! ...«

Sie wollte ihn gar nicht loslassen, drückte ihn an sich und weinte still. Sie hatte noch tausend Fragen an ihn und alle vergessen. Es war viel schlimmer denn damals, als er in das Kadettenkorps kam. Das Herz wollte ihr brechen.

Und auch dem künftigen Herrscher Illyriens war weich und rührend zumute. Er mußte die Zähne sehr fest aufeinanderbeißen, um nicht Tränen zu zeigen.

Plötzlich wischte die Gräfin mit rascher Gebärde das Naß aus ihren Augen.

»Soll ich die Ruth nicht rufen lassen, Emich?« fragte sie. »Sie ist im Hause, soviel ich weiß.«

Einen Augenblick schwankte er. Dann schüttelte er rasch den Kopf.

»Nein, Tante. Es ist schon besser so. Bestelle ihr herzliche Grüße ...« Die Gräfin hatte oben das Fenster aufgerissen, um ihm noch einmal zuwinken zu können, während er schon den Troilos bestieg. Sie hatte ihr Taschentuch gezogen und ließ es in der Hand flattern und nickte und winkte und rief unter Schluchzen: »Mein Liebling – mein Dickerchen – schreib auch recht oft!«

Das klang Emich noch lange im Ohre, dies rührende und bittende »Schreib auch recht oft«. Es war von jeher das Abschiedswort der Tante Irmela gewesen; wenn die Ferien vorüber waren und er wieder nach Berlin mußte, kam mit dem letzten Kuß die Mahnung »Schreib auch recht oft«. Und fast in jedem Brief wiederholte sie sich – und auch jetzt wieder, da er, Mann geworden, ausziehen wollte, ein Reich zu gewinnen! Was kümmerte es dies treue mütterliche Herz, ob Krone und Hermelin ihn schmückten und ein Reich zu seinen Füßen lag. Blieb er doch immer für sie das Kind, das nun abermals von ihr Abschied nahm und dem aus heißem Drange des Herzens heraus sie zurufen mußte – ja, mußte: »Schreib auch recht oft!«.

Am folgenden Tage reiste Emich nach Stubbach und Seesenheim. In Stubbach stand wieder der Bahnhofsinspektor militärisch grüßend auf dem Perron, und mit abgezogenem, spiegelblankem Zylinderhute trat Graf Callomeo an Emichs Coupé – unvergleichlich vornehm, ganz Kavalier, in nichts mehr erinnernd an jenen plebejischen Krause aus Luckenwalde, der einst als Kind auf dem väterlichen Holzplatze mit Fritze Müller und Lehmanns Gustav Verstecken und Huschekätzchen gespielt hatte. Auf der Stubbachfeste waren der Erbprinz und Prinz Waldegg zu Besuch, die sich ein paar Tage von den Strapazen Berlins erholen wollten und in Kniehosen und schottischen Mützen die Berge zu durchstreifen pflegten. Der alte Fürst war noch steifer und zeremoniöser geworden, berechnete vorsichtig jede seiner Bewegungen und sprach in Perioden, die kein Ende nehmen wollten. In einer längeren Unterredung mit Emich wurde er auch politisch und beschwor den Nachfolger Leopolds des Ersten, niemals den Rückhalt an Rußland zu verlieren; denn alles Heil für Illyrien sei nur in der Freundschaft des Kabinetts von St. Petersburg zu suchen.

Emich hielt sich nicht lange auf. Aber die alte Burg besuchte er doch noch einmal – allein und an einem schönen Abend, an dem das Leuchtfeuer des Sonnenuntergangs über den schwarzen Kronen der Tannenwälder brannte und über die junggrünen Saaten kobaltblaue Reflexe glitten. Da stand er sinnend auf der Plattform des Wartturms, und im Efeu raschelten die Lazerten, und im Holundergebüsch und dem wilden Flieder zwitscherten die Schwalben. Er dachte daran zurück, wie stark ihm das Herrenbewußtsein die Seele geschwellt hatte, als er zum ersten Male auf dieser Höhe gestanden, weit unter sich das alte Land der Schöninghs, das ehemals bis über die drei Basenköpfe hinaus gereicht hatte, deren dunkle Kuppen in der Ferne verschwammen. Aber heute, da doch eine Krone ihm winkte, wollte dies Gefühl schönen Stolzes nicht Besitz von ihm nehmen. Vielleicht war es nur die Abendstimmung, die sich mit weicher Melancholie in seine Seele schlich, der holde Friedensodem der Natur, der einen Widerklang in ihm weckte und ihn fast demütig werden ließ.

Bei Sturm und Wetterschlag und dem ersten Frühlingsdonner des Jahres traf er in Seesenheim ein. Er konnte zufrieden wieder abreisen. Die Felder standen gut; war der Himmel gnädig, so ließ sich eine vortreffliche Ernte erhoffen. Selbst der alte Settegast, als Prophet allezeit ein arger Pessimist, schaute vergnüglich in die Zukunft und versicherte Durchlaucht händereibend, er hätte nimmer gedacht, daß sich alles noch einmal so günstig entwickeln würde. Auch mit den Arbeiterbeglückungsplänen Emichs hatte er sich ausgesöhnt; er hemmte allerdings noch hie und da in der Praxis, was Emich ihm an theoretisch erörterten Wünschen vortrug, und vertrat sehr energisch das Prinzip des juste milieu; aber er wetterte wenigstens nicht mehr über »nutzlose Verschwendung« und murrte nur noch zuweilen ganz leise in sich hinein.

Emich war unvermutet in Seesenheim eingetroffen, aber eine Abschiedsfeier hatten die Leute ihrem Herrn dennoch darbringen wollen.

Auch in Klempin gab es glänzende Abschiedsfeste. Zuerst im Kasino, dann in der Ressource. Kommandeur und Bürgermeister suchten bei diesen Gelegenheiten das Schönste aus ihrem Wortschatz zusammen und priesen Illyrien in um so lebhafteren Farben, als sie es nicht kannten. Die Auszeichnungen für Emich überstürzten sich. Er wurde in einer Magistratssitzung einstimmig zum Ehrenbürger von Klempin erwählt; selbst der Buchhändler Gericke, der immer liberal wählte und auch sonst kein Fürstenknecht war, sprach nicht dawider. Die Schützengilde schenkte Emich einen Ehrenbecher, und da die freiwillige Feuerwehr nicht zurückstehen wollte, so ernannte sie Emich zu ihrem Ehrenhauptmann. Im Literarischen Verein hielt der Redakteur des Kreis- und Wochenblattes vor zahlreicher Zuhörerschaft einen Vortrag über Illyrien; da er sich aber in der Hauptsache auf das Brockhaussche Konversationslexikon von 1843 stützte, das er besaß, so entbehrte sein Vortrag ein wenig der Aktualität. Doch hinderte dies die meisten nicht, den Redner mit Beifall zu überschütten.

Bob sollte mit nach Illyrien. Die Offiziersburschen redeten ihn nur noch Durchlaucht an. Dafür log er das Blaue vom Himmel herunter, wenn er sie auf der Straße traf oder mit ihnen kneipte. Er kannte Illyrien genau. Das war eine wundersame Gegend. Da wuchsen wahrhaftig die Johannisbeeren auf Bäumen, und jede Beere war so groß wie ein Kürbis. Auch gab es dort Essig- und Ölbäume, und pflanzte man Salat unter ihnen, so hatte man das Gericht schon fertig und brauchte es nicht erst anzusetzen. Und herrlich schön waren die Weiber in Illyrien, nur hatten sie keine Zähne, weil sie nie Fleisch aßen; daran mußte man sich gewöhnen ... Die Phantasie Bobs feierte Orgien.

Nun hatte Emich auch die letzten Besuche hinter sich. Der alte Hildringen war beim Abschied so gerührt, daß er Emich umarmte und küßte. Er erwartete jetzt täglich den blauen Brief. »Wär' ich noch jünger, ich ließ mich bei Ihnen anwerben, Durchlaucht«, sagte er. »Aber nu' hab' ich die Gicht in der rechten Hinterflosse und links vorne das Rheuma. Eine Brigade bekomm' ich nicht mehr. Was soll ich machen? Ich zieh nach Nauheim mit meinen drei Göhren und versaure.« Mé, Mi und Ma wischten sich die Augen. Viele Mädchenherzen in Klempin waren um diese Zeit äußerst weich gestimmt.

In der Dämmerstunde hielt ein Jagdwagen vor dem Koelleschen Hause. Emich, noch mit Packen und Aufräumen beschäftigt, war an das Fenster getreten und spähte auf die Straße hinab. Er sah eine schlanke, verschleierte Frauengestalt im Hause verschwinden. Sein Herz schlug schneller. Das war Ruth! Ruth suchte ihn auf – allein!.

Er sprang mit der Lampe an die Tür und leuchtete hinaus. Ruth stand vor ihm. Sie hatte den Schleier über den Mund zurückgeschoben und lächelte und sagte mit gleichgültiger Freundlichkeit:

»Du trafst mich nicht in Stenzig, und da bin ich selbst gekommen, dir adjö zu sagen. Ich – hatte sowieso noch in der Stadt zu tun...«

»Du bist sehr liebenswürdig, Cousine«, antwortete er und führte sie in das Zimmer. »Ich bin glücklich, daß ich dich noch einmal sprechen kann, ehe ich scheide. Lieber Gott, wer kann wissen, ob und wann wir uns wiedersehen! Illyrien ist ein vergessener Winkel –«

»Du wirst ihn seiner Vergessenheit entreißen«, sagte Ruth. Sie hatte nicht abgelegt, sondern sich in Hut und Mantel in müder Haltung auf einem Sessel niedergelassen. »Ich muß dir gestehen, Emich, daß mich deine Kühnheit überrascht hat. Du hättest mit deinen Millionen daheim ein bequemeres Leben führen können. Ich habe nicht geglaubt, daß du Ehrgeiz besitzest.«

Er war hinter dem Stuhl ihr gegenüber stehengeblieben. Es war so lange her, seit er sie zum letzten Male gesehen hatte. Und nun fiel ihm auf, wie sehr sie sich verändert hatte. Immer noch war sie das schöne, große, stolze Mädchen. Aber das Gesicht war schmaler und das wundervolle Profil schärfer geworden. Das ganze Antlitz hatte sich vergeistigt. Es erschien Emich noch reiner und edler – trotz der zitternden Unruhe im Blick, des Mangels an Klärung und innerer Abgeschlossenheit, der ihm wohl auffiel.

Nun setzte auch er sich.

»Ich weiß wirklich nicht, ob ich in der Tat ehrgeizig bin, Ruth«, sagte er. »Aber es ist möglich. Ich bin nicht frei von Affekten. Vielleicht spricht auch der Ehrgeiz bei mir mit.« Ein Lächeln flog um seinen Mund. »Bismarck hat recht: einem simplen kleinen Leutnant bietet sich so etwas nicht alle Tage. Es ist immerhin etwas wert, seinen Wirkungskreis vergrößern zu können ...«

Ruth antwortete nicht sogleich. Ihre Augen schienen in weite Ferne zu blicken; ihre Gedanken wanderten.

»Wie geht es Mac Lewleß?« fragte sie plötzlich.

»Gut, Ruth. Freilich gefällt er sich drüben wenig. Er ist nur noch auf meine Bitte geblieben, um den Verkauf meiner Liegenschaften in Kentucky zu beschleunigen. Dann kommt er nach Garica. Ich bin gewiß, daß er mir eine kraftvolle Stütze sein wird – und solcher Freunde bedarf ich für die Zukunft.«

Abermals eine Pause, Im Zimmer Emichs sah es unwohnlich aus. Kisten und Reisekörbe standen umher; an den Fenstern fehlten die Portieren. Durch die Scheiben erblickte man den schwarzen Krauskopf der Mohrenfigur über der Apotheke. Die Schirmlampe auf dem alten Zylinderbureau erleuchtete die Stube nicht völlig. Ruth hatte sich so gesetzt, daß ihr Gesicht halb im Dunkeln lag. Nur der Glanz ihrer Augen war nicht zu verdecken.

Sie spielte nervös mit den Quasten des Fauteuils. Ihre schmalen, in Wildleder steckenden Hände zitterten.

»Höre, Emich«, begann sie von Neuem, zuerst zögernd, dann rascher sprechend, und ein feines Rot stieg in ihren Wangen auf. »Ich möchte nicht in Unfrieden von dir scheiden. Es ist vielerlei zwischen uns getreten. Sage nicht, daß ich schuldig bin an diesen ewigen Reibereien und Zerwürfnissen. Genau so, wie ich gehandelt habe, würde ich abermals handeln. Ich steckte in geistiger Not und wollte mich emportasten. Ich mußte rücksichtslos sein, um mir Frieden und Freiheit zu holen –«

Sie stockte und Emich warf ein: »Hast du beides gefunden, Ruth?«

Die Röte auf ihren Wangen verstärkte sich, aber ihr scheu umherirrender Blick wurde ruhiger. Sie schaute Emich jetzt fest in das Auge.

»Eine kranke Seele kann nicht von heute zu morgen gesunden«, erwiderte sie. »Und ich war krank. Doch ich bin im Genesen und kenne die Arzneien, die mir nützen werden. Wenn ich dich zuweilen gekränkt und verletzt habe – denke, daß ich im Fieber handelte. Gib mir die Hand zum Lebewohl. Schütze dich Gott!«

Sie hatte sich erhoben. Wie ein Wanken ging es durch ihre Gestalt. Kein Blut färbte mehr ihre Wangen. Im weißen Gesicht brannten die Augen.

»O Emich – wie beneide ich dich!« stieß sie hervor.

Emich fühlte es: ein Wort von ihm zu dieser Stunde, und sie lag an seiner Brust. Nicht, weil sie ihn liebte, sondern weil sie der Herrschaft entgegengehen wollte. Ganz oben auf den Höhen der Menschheit suchte sie ihre Freiheit, und ihren Frieden suchte sie in der Macht über die Seelen.

Emich hielt ihre Hand. Die seine zuckte nicht. Er war ruhig und kühl. Aber es war nicht die Überlegung, die ihn so kühl bleiben ließ. Sein Herz war stumm geworden. Neben dem Weibe stand das Volk, dem nunmehr sein Herz gehörte. Die Größe der neuen Aufgabe schien jede Regung der Leidenschaft unterdrückt zu haben.

»Ich danke dir, Ruth,« sagte er, »und gebe dir deinen Wunsch tausendmal zurück. Leb' wohl!«

Mit rascher Bewegung wandte sie sich um, zog wieder ihren Schleier vor das Gesicht und ging. Bob erschien mit einem Licht in der Hand. Emich winkte ihm ab, nahm selbst das Licht und leuchtete Ruth hinaus.

Sie schaute sich nicht mehr um. Aber mitten auf der Treppe war es, als käme sie abermals ins Wanken. Ein leiser schluchzender Laut schlug an das Ohr Emichs. Da strömte ein heißer, glutvoller Strom, ein feuriger Quell durch sein Herz. Sie weinte. Sie weinte um die verlorene Liebe – und alles das, was er tot gewähnt, schlug wieder hellodernd in ihm auf. Es war Lüge – er liebte sie ja, liebte sie – und er hörte wieder den alten Nußbaum über sich rauschen, und der Sommerduft des Kleefelds umwogte ihn. Ein Ruf nur – ein Wort! Ein einziges Wort!

Kein Ruf, kein Wort ... Ein letztes Rauschen von Frauenkleidern, ein sachtes Huschen ... Über das Straßenpflaster draußen ratterte ein rasch davonfahrender Wagen.

Emich kehrte in sein Zimmer zurück, mit blassem Gesicht und fest geschlossener Lippe, einen harten Ausdruck im Auge.

Nun war er ganz frei. Er hatte sich nicht unterwerfen lassen – er war Herr geblieben.

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