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Besser Herr als Knecht

Fedor von Zobeltitz: Besser Herr als Knecht - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFedor von Zobeltitz
titleBesser Herr als Knecht
publisherH. Fikentscher Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070621
projectide7ee9ada
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XI

Über Nacht hatte sich der Himmel aufgeklärt, und dem Regentag war prachtvolles Wetter gefolgt. Emich freute sich darüber; nun brauchte er nicht nach Stenzig zu fahren, sondern konnte sich den Troilos satteln lassen und durch den Wald zu den Wiegels reiten.

Der Troilos wieherte lustig in die Morgenluft hinein. Emich trug den blauen Koller mit Achselstücken und lange Beinkleider; er ritt ohne Pallasch und hatte nur eine Reitgerte in der Hand.

Auf dem Wege über das flache Land brannte die Sonne heiß. Auf dem goldbraunen Fell des Pferdes zeigten sich bald feuchte Tupfen und Streifen weißen Schaums. Aber es hielt wacker aus und ermüdete nicht, bis der Waldsaum erreicht war. Nun ließ Emich den Zügel lang hängen und den Fuchs in Schritt fallen.

Es war etwas Wohliges, im Schatten des Waldes zu reiten. Emich blieb nicht auf der staubigen Landstraße, sondern schlug allerhand Seitenwege ein. An der Stiebnitzer Furt und der Königseiche vorüber war eine Zeitersparnis von fast dreiviertel Stunden.

Das Sonnenlicht sickerte durch das Waldgrün in goldigen Tropfen, die überall unten im Moose, an Rispen und Blumen hängen blieben. Mit tief geneigtem Kopfe schritt der Gaul die schmalen Pfade hinab, Buschwerk und Baumstämme geschickt umgehend, im Grase schnuppernd und von Zeit zu Zeit mit geblähten Nüstern behaglich prustend. Er fühlte sich augenscheinlich wohl in diesem kühlenden Dämmer, aber er paßte dennoch scharf auf und hütete sich vor Wurzeln und Schlinggestrüpp und träumte nicht so in die Weite hinein wie der Reiter auf seinem Rücken. Einmal blieb er sogar stehen; ein gefällter Baumstamm lag quer über dem Wege, und über den wollte er nicht. Da zog Emich die Zügel an, setzte sich fester in den Sattel zurück und ließ den Troilos springen...

Nun führte der Pfad langsam bergab, und da der Moosboden glatt und schlüpfrig war vom Regen des gestrigen Tages, so mußte Emich Obacht geben auf sein goldbraunes Roß und konnte nicht weiterträumen. Eine anmutige Schlucht, breit gebettet und mit saftigem Grün gefüllt, dehnte sich vor ihm aus. Er wußte Bescheid. Jenseit der Erdsenkung zog sich eine Reihe kleiner runder Erdhügel durch die Waldlichtung. Das war die Grenze des Stenziger Reviers und zugleich die der Provinz. Nicht nur eine geographische Scheidelinie, sondern auch eine geistige, denn hier stießen zwei starke Strömungen hart aneinander: Protestantismus und Katholizismus.

Die Schlucht stieg allgemach an und verflachte sich. Der Stenziger Plenterwald nahm sie auf, ein mächtiges Terrain, auf dem Buchen, Eichen, Birken und Tannen wechselten. Troilos hatte sich wieder in Trab gesetzt. Er wieherte froh, und die feinflügligen Nüstern blähten sich auf und sogen die Waldluft ein. Auf einer weiten Lichtung hatte man Zirbeln angeschont. Die zarten Nadelsprossen umglühte das Sonnenlicht. Der Himmel war in ein lichtes und durchsichtiges Wasserblau getaucht, auf dem nur ein einzelnes weißes Wölkchen schwamm, helleuchtend wie das Segel eines einsam in weite Ferne steuernden Bootes. Und nun senkte sich wieder das Terrain. Das Unterholz wucherte stärker und verstrickte sich zu dichtem Gewirr ineinandergreifender grüner Linien, so daß Emich den Troilos wieder in Schritt fallen lassen mußte, um einen Sturz auf dem schmalen Pfade zu vermeiden. Hie und da zeigte sich Gerinnsel, und durch den Walddämmer glänzte der perlmuttfarbene Streifen eines kleinen Kanals. Emich umritt den morastigen Grund der Strebnitzer Furt. Ein Dickicht von Erlen schoß aus dem feuchten Moose auf, und aus dem mannshohen Schilfe scholl das Geschrei der Wasservögel, scholl Tirilieren und Trommelruf und Surren und Zwitschern und das einförmige Quaken der Frösche. Eine Trappe strich durch die Luft. Der Wald öffnete sich plötzlich zu einer schmalen Schneise, durch die man tief hinab in den Grund schauen konnte, als wechsle die Dekoration. Unten quoll aus sumpfiger Erde braungelbes Wasser hervor; über dem Röhricht taumelten große, farbenschimmernde Libellen; schroff stieg als Abschluß des Ausblicks jenseit des Grundes der Hang empor, den oben hohe Kiefern mit mächtigen Kronen begrenzten, die fast Pinien glichen, wie sie da so bewegungslos und schwarz in der Helle des Sommertages standen... Eine ganze Reihe ähnlicher Schneisen folgte, die für Schlepp- und Hetzjagd durch das Holz gehauen, und jede einzelne bot neue Durchblicke: einen stillen Seewinkel mit einem halb im Schilf versteckten Boot – eine blendend grüne Wiesenlichtung, auf der Rehe ästen – ein in Efeu gepacktes Forsthaus mit blitzenden Fenstern... Das zog schnell vorüber wie wechselnde Guckkastenbilder. Und dann wurde es heller ringsum. Der Walddämmer wich. Troilos trabte durch eine Tannenschonung, in der es harzig duftete, und die an ein geschorenes Kleefeld stieß, den Weidegarten des jungen Damwilds. In der Mitte des Geländes stand eine uralte, riesenhafte Eiche, auf die eine Treppe wipfelan führte. Die Königseiche hieß sie; Friedrich Wilhelm I. hatte hier einmal gerastet, als er bei seinem ›lieben und getreuen Staatsrat von Wiegel‹ zur Jagd geladen war...

Der Troilos warf den Kopf zurück und wieherte auf. Ein schmetterndes Wiehern antwortete – ein zweites gedämpftes in weiterer Ferne... Die Hand Emichs zuckte unwillkürlich in den Zügeln. Er sah einen Reiter im Walde verschwinden. Einen braunen Kastor, ein braunes Jackett und bauschige weiße Pantalons – das war alles, was Emich erkennen konnte. Aber unter der Eiche stand noch jemand. Ein Weib stand unter der Königseiche, groß und schlank, in schwarzem Reitkleid; daneben ein Pferd, dessen Zügel um einen der knorrigen Baumäste geschlungen war. Der Braune hatte lauschend den Kopf erhoben, und abermals wieherte er dem Troilos entgegen...

Nun legte Emich die Schenkel an; zu schlankem Galopp griff der Troilos aus.

»Ruth – grüß' Gott!«

Schöningh schwang sich aus dem Sattel. »Grüß' Gott, Ruth«, wiederholte er. »Ich war auf dem Wege zu euch. Freu' mich, daß ich dich hier finde. Wer war denn – der, der da so eilig verschwand –?«

Sie hatte genickt und ihm lässig die Hand gereicht.

»Rietzow war's«, sagte sie; »er wollte zum Oberförster. Das Schwarzwild hat wieder einmal seine Schonung verwüstet.«

»So,« entgegnete Emich gedehnt, »das Schwarzwild ... Merkwürdig, wie eilig er es hatte!«

»Ich finde nichts Merkwürdiges dabei.«

»Bist du wieder einmal in schlechter Stimmung, Cousine?«

»Nein – in recht guter Die Sonne scheint ja so wunderbar.«

»In deinen Augen nicht, Ruth. Aber das ist mir nichts Neues. Den Frohsinn hast du schon lange verloren.«

Sie lachte spöttisch auf. »Mein guter Emich, hast du vielleicht wieder eine Warnung in petto? So eine, wie sie deinem Alter, deiner Würde und Weisheit gut zu Gesicht steht? Willst du mir wieder erzählen, wie ich mich nicht zu benehmen habe – und wie es einem tadellosen Grafenkinde geziemt? ...«

Der spöttische Ton regte Emich auf. Es schoß ihm heiß in das Gesicht. Bittend schaute er Ruth an. Unter ihrem kleinen Rundhute quollen schwarze Löckchen hervor; das Antlitz war echauffiert, vermutlich vom raschen Ritt; ein rosiger Schimmer lag auf dem Flaum der Wangen. In den Händen hielt sie die Reitpeitsche, bog spielend Griff und Spitze zusammen und ließ sie dann pfeifend wieder auseinanderschnellen.

»Laß uns nicht streiten, Ruth«, sagte Emich. »Ich komme in ernster Sache zu dir. Willst du mich anhören?«

»Bitte ...« Sie setzte sich auf die unterste Stufe der Eichentreppe. »Also in ›ernster Sache‹. Da bin ich neugierig.«

»Ich habe – habe einen Auftrag an dich, Ruth. –«

»Ah! ... Und von wem? ...« Sie schaute ihn von untenauf fragend an. Ihre Nasenflügel zitterten leicht wie in heftiger Neugier. Vielleicht ahnte sie, was kommen würde.

»Von Mac Lewleß.«

»So – von Mac Lewleß«, wiederholte sie, anscheinend gleichgültig. Aber ein fiebriger Ausdruck trat in ihren Blick. Sie faßte wieder ihre Reitgerte mit beiden Händen und spannte sie über die Knie. »Was will Mac Lewleß von mir? Ich hörte, seine Mutter sei gestorben, und hätte ihm gern kondoliert, wollte das aber persönlich tun ... Also, was läßt er mir sagen?...«

Emich hatte auch den Troilos angebunden und ließ sich nun neben Ruth im duftenden Kleegrün nieder. Er sprach rasch und fast ohne abzusetzen, als dränge es ihn, seine Mission zu beenden.

»Er läßt dir sagen, daß er dich immer noch liebe – so wie damals, als er das erstemal um dich angehalten hat. Daß er von neuem um dich werbe... Er will den Abschied nehmen und sich ankaufen – nach deiner Wahl, wenn du ihm folgen und sein Geschick teilen willst... Gerald ist mein bester Freund; das ist alles, was ich zur Unterstützung seiner Werbung sagen kann. Welche Antwort soll ich ihm bringen?...«

Ruth hatte den Kopf tief geneigt. Sie war blaß geworden. Man sah, wie die Linien ihrer Büste unter dem eng sich anschmiegenden Kleide leise bebten.

»Warum kommt er nicht selbst?« fragte sie leise.

»Er fürchtet für sein Temperament, Ruth. Und ich steh' ihm so nahe, daß du annehmen kannst, er spreche, da du mich hörst...«

Ein klagender Ton, ein Aufstöhnen kam von den Lippen Ruths. Sie sprang jäh empor und ließ ihre Peitsche durch die Luft sausen. »Er ist feig!« rief sie. »Aus Feigheit kam er nicht! Er fürchtete sich, weil er fühlt, daß es ihm an Selbstbeherrschung fehlt! Und dich schickt er als Remplaçant! Das ist weise gehandelt, denn du wirst sicher nicht aus der Rolle fallen! O, sicher nicht! Du bist ein eisig korrekter Gentleman geworden – fast so korrekt wie mein Vater... Sag' deinem Freunde, ich hätte keine Antwort für ihn!«

Sie trat an ihr Pferd heran und wollte die Zügel lösen. Aber Emich ließ sie nicht dazu kommen. Er faßte sie am Arm und hielt sie zurück.

»Ruth – warum so heftig?« sagte er. »Fast scheint es mir –«

»Nun? – was scheint dir?!«

»Als ob dir Gerald – – aber laß mich denken, was mir behagt! Antwort mußt du mir geben! Ein Ja oder ein Nein!«

»Bring' ihm ein Nein!«

»Ruth – ich bitte dich, überlege! Sprich nicht im Ungestüm! Ist Gerald nicht ein ganzer Mann?!«

»Und wenn er das Ideal meines Herzens wäre, ich würde doch nicht die Seine werden!«

Emich fuhr zurück, als hätte ihn ein Schlag getroffen. Wie klang das seltsam! War dieses Mädchen auszukennen?! Was ging in ihrer Seele vor?! –

»Du mußt deine Gründe haben, ihn abermals abzuweisen«, sagte er tonlos.

»Gewichtigere als damals! Damals – sprach mein Vater für mich. Ich hätte vielleicht... genug, es ist heute anders geworden!...« Sie ergriff plötzlich die Hände Emichs und hielt sie fest. Eine Flamme schlug in ihren Augen auf. Ihre Stimme klang heiser, als sie hastig hervorstieß: »Ich glaub' es – ich würde glücklich werden mit Gerald. O – ich würde so glücklich werden mit ihm! Und dennoch sage ich nein! Wenn auch die Herzen zusammengehören – die Seelen werden sich ewig fremd bleiben ... Ich steh' im Begriff, den Glauben meiner Mutter anzunehmen, dessen Feind – er ist! ...«

Wie entgeistert starrte Emich sie an. Das war das letzte, was er erwartet hatte. Den Glauben ihrer Mutter! Die gute, duldsame Tante Irmela sollte – – und nun riß auf einmal der Schleier vor Emichs Auge.

»Rietzows Werk«, sagte er mit schneidendem Hohn. »Ich gratuliere, schöne Cousine. Das Opfer war der Mühe wert. Und dein Vater? Riß er nicht die Augen auf, wie ich, als er das Erstaunliche hörte?«

Sie schüttelte langsam den Kopf.

»Er weiß es noch nicht und wird sich fügen müssen, denn ich bin fest ... Dein Spott kränkt mich nicht, Emich. Lebe wohl!«

»Halt – bleib noch!« ... Zum zweitenmal vertrat ihr Emich den Weg. »Du bist wahnsinnig, Ruth! Du weißt nicht, was du tust! Belügst dich selbst, wenn du dir einredest, Unirdisches risse dich auf die neue Bahn! Du hast dich einfach überrumpeln lassen. Kannst du noch zögern? Willst du dein Herz opfern einer – Marotte zuliebe?!«

Sie stampfte mit dem Fuße auf.

»Mäßige deine Ausdrücke, Emich!« rief sie. »Großer Gott, eine Marotte – und wie hab' ich kämpfen müssen!... Aber jedes Wort ist zu viel. Schmach, daß du so sprichst, der du selbst Katholik bist!«

»Gewiß bin ich es, und mit voller Ehrlichkeit. Und weil ich ehrlich bin, verabscheue ich die Heuchelei.«

Ein böser Blick traf ihn. »Geh!« lief sie. »Ich hasse dich!«

Emich machte eine rasche Bewegung – und blieb dann wie angewurzelt stehen. Alles Blut drängte sich ihm zum Hirn. Eine rote Lohe umflammte ihn. Sie haßte ihn! Hatte er recht gehört?! Und wieder lachte er bitter auf.

»Haßt mich?! Gut so! Ich hasse dich wieder! Aber nur, weil Haß und Liebe Geschwister sind. Wehre dich nicht! Meine Lippen sollen dir sagen, wie sehr ich dich hasse! Sie haben es dir schon einmal gesagt – weißt du noch, Ruth – unter dem alten Nußbaum im Parke von Stenzig...«

Sie wehrte sich wie rasend in seiner Umschlingung, keuchend, ohne einen Schrei auszustoßen, mit bebenden Gliedern und fliegenden Pulsen. Aber er hielt sie fest, beugte ihren Kopf zurück, so daß er ihr flammendes Gesicht vor sich hatte, und küßte sie lange auf den Mund.

»So hasse ich dich!« rief er wild und ließ sie los. Noch zitternd reckte sie sich; es war wie das Emporschnellen einer Wildkatze zum Sprung. Dann hob sie die Peitsche.

Aber im Nu hatte er sie ihr entwunden.

»Steig zu Pferde, Cousine«, sagte er lächelnd; »ich werde dir dann die Gerte reichen...«

Schweigend schwang sie sich in den Sattel und griff in die Zügel. Er gab ihr die Peitsche und trat einen Schritt zurück.

»Fürchte nichts, Emich! Feigling – ich wiederhole es dir! Feigling, der ein Weib zwingt und dann angstvoll zurückweicht! ... Aber nicht du triumphierst – ich triumphiere! Ich weiß jetzt, daß du mich liebst – und ich lache darüber! Lache, wie damals – ich lache dich aus! Prinzlein, was bietest du mir?! Ein Krönchen – kein Reich! Ich aber –« und sie wiegte sich aus dem Sattel herab und ihre Stimme wurde zischend – »will Herrin sein – oder nichts!« Sie sprengte davon. Kleegrün und Sand stoben durch die Luft. Der Troilos wieherte dem Gefährten nach.

»Herrin sein –« das klang noch im Ohre Emichs wider. Seltsam, wie ihre Neigungen ineinanderflossen mit den seinen! Herrin und Herr sein ... Er schaute Ruth nach, sah noch einmal ihren Kleidsaum flattern und sah, wie sie im Walde verschwand. Und nun lächelte er nicht mehr. Er war sehr ernst geworden. In der Erinnerung dünkte ihm das letzte Geschehnis wie ein verrückter Bubenstreich. Aber er spürte noch immer die duftige Frische ihrer Lippen auf den seinen und den Nachhall jenes unnennbar süßen Gefühls, als er die geschmeidige Gestalt des Mädchens in seinem Arm gehalten hatte ... »Ich hasse dich!« hatte sie ihm zugerufen. Ein Zug von Trotz und Eigenwillen grub sich um seinen Mund ein. »Hasse mich,« sprach er zu sich selbst, »ich werde fertig werden mit deinem Haß wie mit meiner Liebe. Nun ist ja doch alles aus. Und es ist recht so. Herrin und Herr gehören nicht zueinander. Es würde ein ewiger Kampf sein ...«

War das ein Trost? – Nein, denn das Herz tat ihm weh. Er stieg zu Pferde und trug sein Leid zurück durch Sonnenglanz und Waldesdämmer. Er ritt langsam, Schritt für Schritt, und daß sich sein Weg stundenlang ausdehnte, merkte er gar nicht. Er träumte wieder, und erst, als der Kirchturm von Klempin vor ihm auftauchte, wachte er auf. Und nun erst fiel ihm ein und fiel ihm schwer auf die Seele, welche Hiobspost er Mac Lewleß zu bringen hatte. Es war merkwürdig: an den Freund hatte er gar nicht mehr gedacht. Nur mit sich selbst hatte er sich beschäftigt. Und doch hatte er für den Freund geworben, und daß Ruth diesen Freund liebte, nicht ihn, hatte sie ihm zugestanden – und alles das hatte er vergessen beim lauten Klopfen des eigenen Herzens.

Als Emich in später Nachmittagsstunde bei Gerald vorsprach, fand er diesen in eifriger Arbeit. Mac Lewleß packte seine Bücher zusammen, überall standen gewaltige Kisten umher; zu Haufen schichteten sich am Boden die Bücher auf.

Beim Eintritt Emichs erhob sich Gerald, der am Boden kniete, und schaute ihn an. An dem Gesichtsausdruck seines Freundes erkannte er sofort, was jener brachte. Er wurde sehr blaß, schloß die Augen, und es schien, als taumelte er. Aber das war nur ein Moment der Schwäche. Er schob Emich einen Stuhl zu und setzte sich selbst.

»Also nichts«, sagte er.

Emich schüttelte den Kopf. »Nichts!...« Er berichtete kurz das, was er für nötig hielt. Gerald blieb unbeweglich sitzen. Es wurde auch ihm schwer, das Erstaunliche zu begreifen.

»Und Rietzow, meinst du, war der Seelenfänger?«

»War es bestimmt. Aber ich weiß nicht, ob ihn nicht auch noch Motive persönlicher Art leiteten, als er seine Netze auswarf. Und Ruth selbst... ja, Gerald verstehst du sie denn?!«

Er nickte.

»O ja,« antwortete er, »ich glaube es wenigstens. Ruth ist für mich kein Einzelfall, sondern ein Typus. Jedes Weib von heute fordert ihr Stückchen individuelle Freiheit, einen Sonnenblick im Grau der Alltäglichkeit – und findet sie das nicht in der Erstarrung der sie umgebenden Verhältnisse, so sucht sie Rettung in der Flucht nach innen: im Glauben, in der Mystik, im heimlichen Grübeln über die Lösung sozialer Probleme. Was mit ihr werden wird dereinst – ich weiß es nicht. Vielleicht führt ihr Weg sie noch einmal von den Heiligen zu den Gespenstern, vom Glauben zum Spiritismus. Vielleicht auch – – aber ich bin kein Deuter. Mir ist sie für immer verloren!« Er strich langsam mit der Rechten über sein Gesicht. Dann stand er auf und gab Emich die Hand.

»Und nun«, sagte er, »kein Wort mehr darüber! ...«

Er sprach nur noch von seinen Zukunftsplänen. Er war ganz plötzlich europamüde geworden. Er wollte in durchaus veränderte Verhältnisse kommen, wollte alle Schiffe hinter sich verbrennen, sich ein völlig neues Dasein schaffen. So hatte er denn beschlossen, nach Amerika zu gehen. In Tenessee wohnte ein Freund und weitläufiger Verwandter von ihm als Besitzer einer großen Pflanzung. Den wollte er zunächst aufsuchen und sich vielleicht in seiner Nähe ankaufen. Vorläufiger Urlaub war ihm bewilligt worden, sein Abschiedsgesuch eingereicht.

Es war hohe Zeit, daß er Klempin verließ, wollte er nicht in eine langwierige und peinliche Untersuchung hineingezogen werden. Es war ersichtlich, daß man sie ihm gegen den Willen Blohmes zu ersparen wünschte, denn der bereits benachrichtigte Staatsanwalt zögerte mit seinem Eingreifen. Dafür erschien Oberstabsarzt Doktor Rösicke abermals bei Emich, um ihn im Interesse seines Freundes zu warnen.

Emich bat Mac Lewleß, noch am Abend dieses Tages abzureisen, und erbot sich, für den Verkauf seiner Mobilien und die Nachsendung seiner Bücherschätze Sorge tragen zu wollen. Aber nun ergriff Gerald plötzlich ein wilder Trotz. Er wollte bleiben und die Untersuchung abwarten; flüchten wollte er nicht. Emich begriff das; trotzdem bot er seine ganze Überredungskunst auf, Gerald zu beschleunigter Abreise zu bewegen. Es war klar, daß diese schreckliche Untersuchung, wie sie auch ausfallen mochte, Mac Lewleß auf das tiefste erschüttern mußte. Und das sollte ihm erspart bleiben.

An einem stürmischen Abend Anfang September besuchte Gerald in Begleitung Emichs zum letzten Male das Grab seiner Mutter. Von dort aus sollte es auf den Bahnhof gehen.

Über den Kirchhof strich der Wind. Schon begannen sich hie und da die Blätter zu färben und tanzten, die ersten Vorboten des nahenden Herbstes, durch die Luft. Aber über dem Grabe der armen Erlösten duftete noch der Frühling. Die ganze Blumenpracht, die daheim die einzige Freude der kranken Mutter gewesen war, hatte Gerald auf den Friedhof schaffen lassen; ein blühender Hügel wölbte sich zwischen den Gittern und Kreuzen. Und darüber hin strich die Windsbraut und nahm den Duft der Blumen mit. In den Zypressen und Trauereschen rauschte es wie ein großer Klagegesang. Es war dämmerig, aber die Sonne noch nicht untergegangen. Aus schwarzen langen Wolkenstreifen lugte ihr roter Ball hervor.

Emich hatte sich zurückgezogen, als er sah, daß Gerald vor dem Grabe seiner Mutter, den Hut in der Hand, in stummem Versenken stehengeblieben war. Emich stand einige Schritte hinter ihm, an einem verrosteten Gitter, das einen efeuumsponnenen Hügel umschloß. Sinnend und trübe ruhte sein Blick auf dem Freunde, der sich nicht loszureißen vermochte von dem Blumenbeet, das seiner Mutter Sterbliches deckte. Und fürwahr – wie mußten in dieser Abschiedsstunde die Erinnerungen über ihn kommen, dem Sturm gleich, der über den Friedhof pfiff – alle Tiefen aufwühlend, an allen Saiten seiner Seele rührend! Dachte er seiner Kindheit zwischen den grünen Bergen Schottlands, seiner frohen Jugend auf Edinburgs hoher Schule und im heiteren Heidelberg, der Tage, die er auf der meerumspülten Felsenklippe in der Nordsee verlebt hatte? Oder dachte er zurück an jenes Erlebnis in Rom, das den Grund gelegt hatte zu dem schweren Leiden der Mutter – sah er die schlanke, schmächtige schwarze Gestalt des Verführers mit dem Feuerbrand im Auge neben sich am Grabe stehen?...

Die Hand Emichs legte sich mahnend auf seine Schulter.

»Vergib, Gerald – aber es ist Zeit!...«

Es war Zeit... Vom Bahnhof herüber tönte ein lang ausgezogener, gellender Pfiff, das Schnaufen der Lokomotive und das polternde Geräusch eines einrollenden Zuges. Emich wußte: das war der Güterzug, der auf dem Nebengeleise stehenblieb, bis der Berliner Courier den Bahnhof verlassen hatte; und der Courier war in zehn Minuten zu erwarten.

Gerald ging. Aber an der Kirchhofstür wandte er sich noch einmal um, und noch einmal suchte sein Blick den Blütenhügel. Seine Lippen bewegten sich lautlos.

Dann schob er rasch und mit energischer Gebärde seinen Arm unter den des Freundes.

»Nun komm!... Emich, noch eine Bitte. Schau' manchmal nach dem Grab! Ich habe ein Monument bestellt und schon bezahlt – auch den Küster verständigt. Sieh, daß alles in Ordnung bleibt! Viel Blumen im Sommer...«

Emich versprach alles. Das Sprechen fiel ihm schwer. Für seine geistige Entwicklung hatte Gerald viel bedeutet, und auch der beste Freund war er ihm immer gewesen. Nun kam die Trennung – vielleicht eine Trennung für ewige Zeiten...

»Auf Wiedersehn, my boy, sagte Gerald und streckte seine Hand zum letzten Male aus dem Coupéfenster, während der Zug schon im Rollen war.

»Auf Wiedersehen, Gerald!« rief Emich. Er hatte in diesem Augenblick das Empfinden, als sei ihm das Wiedersehen sicher, als handle es sich nur um ein Scheiden auf Jahr und Tag. Und wie rasch reihte sich Tag an Tag und wurden die Tage zu Jahren! – Dann ging er heim, während über dem ganzen Himmel sich das Schwarzgrau der Wolken zusammenzog, den Sonnenuntergang verhüllend, und mit verdoppelter Macht der Sturm über die Felder brauste.

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