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Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch

Luise Mühlbach: Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorLuise Mühlbach
titleBerlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch
publisherHermann Borsdorf Verlag
year1912
printrunZehnte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140815
projectid364bdc6b
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VIII. Signora Barbarina

Prinzessin Amalie sah den beiden Herren mit träumerischen Blicken nach, und einem unwiderstehlichen Verlangen des Alleinseins, des ungestörten Nachsinnens nachgebend, wollte sie sich eben entfernen, als Prinzessin Ulrike, welcher es nötig schien, daß der schwedische Gesandte noch ein wenig länger die unliebenswürdige Laune ihrer Schwester bewundern könne, sie zurückrief.

Bleib noch ein wenig, Amalie, sagte die Prinzessin. Du sollst Schiedsrichterin sein in einem Streit zwischen mir und dem Herrn Gesandten. Herr Graf, nehmen Sie diese Schiedsrichterin an?

Graf Tessin verneigte sich. Ohne Zweifel würde es für mich eine große Ehre sein, wenn die Prinzessin diese Gnade haben wollte, vielleicht würde ich diesmal glücklicher sein der Prinzessin gegenüber, als –

Es scheint mir, unterbrach ihn Amalie kühl, es scheint mir, daß Sie einer Prinzessin von Preußen gegenüber niemals weder glücklich noch unglücklich sein könnten.

Indem sie sich dann an ihre Schwester wandte, warf sie ihr einen Blick zu, welcher fragte: nun, spiele ich meine Rolle nicht meisterhaft? Beeile ich mich nicht, deinen Ratschlägen nachzukommen?

Laß jetzt hören, meine Schwester, sagte sie. Was ist es, worin der Herr Gesandte dir zu widersprechen wagt?

Oh, er hat wohl ein Recht, das zu wagen, denn er ist ein Mann und ein Gelehrter, sagte Ulrike mit einem anmutigen Lächeln. Wir streiten darüber, wer größer gewesen, die Königin Elisabeth von England, oder die Königin Christine von Schweden? Ich behaupte, daß Christine ein stärkerer, männlicherer Geist war, daß sie es mehr verstand, ihre Launen zu besiegen und ihrer weiblichen Schwächen Herr zu werden, daß sie eine tiefere wissenschaftlichere Bildung hatte, und nicht die Wissenschaft, wie Elisabeth, nur begünstigte, um damit zu glänzen, sondern aus dem innersten Bedürfnis, von ihr zu lernen. Der Herr Graf aber meint, daß Elisabeth ein besserer Staatsmann und eine liebenswürdigere Frau gewesen sei. Erkläre du dich jetzt, meine Schwester? Welcher dieser beiden Königinnen gibst du den Vorzug?

Nun, ohne Zweifel der Königin Christine von Schweden, sagte Amalie. Diese Frau besaß Verstand genug, die Krone Schwedens nicht für ein beneidenswertes Kleinod zu halten; sie zog es vor, lieber sich in Armut und Dunkelheit zurückzuziehen und als eine einfache Frau in dem schönen Italien zu leben, denn als Königin in dem kalten unwirtbaren Schweden zu bleiben. Das war in der Tat sehr weise von dieser klugen Königin, und du hast ganz recht, meine Schwester, Königin Christine war die größere der Frauen, eben weil sie aufhörte Königin von Schweden zu sein.

So sprechend neigte die Prinzessin kaum merklich den Kopf und wandte sich dann ab, um Frau von Kleist zu sich zu winken und mit ihr ein heiteres und fröhliches Gespräch zu beginnen.

Der Gesandte Schwedens sah ihr mit finstern zornigen Blicken nach und preßte die Lippen heftig aufeinander, wie um einen Ausruf des Zorns zu unterdrücken.

Ich bitte Sie, Herr Graf, sagte Ulrike leise und sanft, nehmen Sie keinen Anstoß an den unfreundlichen Worten meiner kleinen lieben Schwester. Sie ist heute ein wenig rauh und abstoßend, das ist wahr, aber Sie werden sehen, morgen schon hat sie vielleicht wieder ihren heitern und sonnenhellen Tag, und ist von einer unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit. Das wechselt immer sehr rasch bei ihr, und wir nennen die Prinzessin deshalb immer unsere kleine Aprilfee.

Ah, die Prinzessin Amalie ist also launenhaft, wie der April? fragte der Gesandte mit einem frostigen Lächeln.

Mehr noch als der April, rief Ulrike lachend. Aber, was wollen Sie, Herr Graf, wir alle, wir, ihre Brüder und Schwestern, tragen die Schuld daran. Denn Sie müssen wissen, daß wir sie verwöhnt haben, und daß sie unser aller Liebling ist. Ich rate Ihnen also, meiner teuren kleinen Schwester nicht zu zürnen, denn das würde heißen uns alle zu beschuldigen. Sie haben heute einen Regenschauer ihrer Aprillaune empfangen, aber es ist möglich, daß Sie morgen schon im vollsten Sonnenschein ihrer Gunst sich wärmen können.

Ich würde doch ängstlich sein, das zu versuchen, sagte der Graf kühl; denn Euere königliche Hoheit wissen, daß auf den Aprilsonnenschein auch sehr leicht wieder Regen und Sturm folgt, und solcher Wechsel der Temperatur erkältet sehr.

Erlauben Sie mir eine Bitte, sagte Prinzessin Ulrike halbleise. Lassen Sie den König nicht ahnen, daß Sie schon ein wenig von diesem Aprilwetter gelitten haben.

Gewiß nicht, Prinzessin, und wenn mir Euere königliche Hoheit nur gestatten wollen, mich noch ein wenig in dem heitern Sonnenschein Ihrer Nähe erquicken zu dürfen, so werde ich bald wieder von diesem kleinen Regenschauer des Aprilwetters genesen sein. –

Nun, ich denke, wir haben beide unsere Rolle gut gespielt, sagte Prinzessin Ulrike zu sich selber, als sie im Lauf des Abends während der französischen Theateraufführung Zeit fand, ein wenig über die Begebenheiten dieses Tages nachzudenken. Amalie wird ihren Zweck erreichen und nicht Königin von Schweden werden. Sie hat es so gewollt, und ich habe mir also auch keine Vorwürfe zu machen.

Und Prinzessin Ulrike lehnte sich behaglich in ihren Lehnsessel zurück und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder den Schauspielern zu, welche heute Voltaires Ödipe vor dem Hofe aufführten.

Diese Aufführung fand, wie gesagt, auf dem kleinen Theater im königlichen Schlosse statt. Denn ein Schauspielhaus gab es nicht in Berlin, und das große und weite Opernhaus war von dem König mit Recht als ungeeignet erklärt zu Aufführungen des rezitierenden Dramas.

Der König, welcher sonst diesen Darstellungen immer mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu folgen pflegte, schien indes heute unruhig und ungeduldig zu sein, und begleitete dieses pikante und geistvolle Drama seines Lieblingsschriftstellers weniger mit seinem Beifall, wie man das sonst an ihm gewohnt war.

Das kam daher, der König wartete. Er hatte in seinem königlichen Stolz seine ungeduldige Neugierde so weit beherrschen können, daß er den Anfang der Theaterdarstellung auch nicht um eine Minute früher als sonst befohlen hatte, auch war er nicht, wie sonst zuweilen, schon vor Beginn der Aufführung hinter die Szene gegangen, um einige ermunternde und freundliche Worte an die Schauspieler zu richten, oder sie zu ermahnen, diese oder jene seiner Lieblingsstellen recht gut und künstlerisch fein darzustellen. – Jetzt aber, jetzt wartete der König, jetzt fühlte er eine fieberhafte Ungeduld, endlich die gefeierte kapriziöse Schönheit, diese vielbewunderte Künstlerin zu sehen, endlich mit seinen eigenen Augen zu schauen, ob diese Signora Barbarina wirklich das bezaubernde Wesen sei, als welches alle Welt sie verherrlichte.

Endlich fiel der Vorhang des ersten Aktes. Wenige Minuten, und dieser Vorhang mußte sich wieder heben, und man sollte endlich diese Signora Barbarina in einem ihrer berühmten Soli tanzen sehen. Eine atemlose Stille herrschte in dem Saal, aller Augen waren starr nach dem Vorhange gerichtet, jeder harrte mit peinlicher Ungeduld des Moments, wie dieser sich endlich heben würde.

Endlich jetzt ertönte die Klingel. Der Vorhang flog in die Höhe; man sah auf der Bühne eine ländliche Szene, eine von Hütten umgebene Dorfkirche im Hintergrund, Rosengebüsch und belaubte Bäume an den Seitenkulissen. Die Sonne, im Untergehen begriffen, beleuchtete die Gipfel der Berge, an welche das Dorf sich lehnte; die ferne leisetönende Abendglocke schien die Hüttenbewohner zum Ave Maria zu rufen.

Es war ein allerliebstes Bild ländlichen Friedens und unschuldiger Natureinfalt, ein Bild, das seltsam kontrastierte zu dieser glänzenden, von Ordenssternen und Brillanten funkelnden Hofgesellschaft, welche ihm gegenüber sich befand und in so strahlender Weise den Gegensatz dieser Idylle darstellte.

Und jetzt ging es wie ein elektrischer Schlag durch die ganze auserlesene Gesellschaft. Da auf der Bühne war sie erschienen, da schwebte sie heran, die Signora Barbarina!

Der König, welcher sich anfangs unwillkürlich ein wenig höher in seinem Fauteuil aufgerichtet hatte, um die Signora besser sehen zu können, lehnte sich jetzt, gleichsam beschämt von seiner eigenen Ungeduld wieder in den Sessel zurück. Es lagerte sich wie eine Wolke auf seiner hohen Stirn, und er preßte die Sippen fest aufeinander, wie im Unwillen oder Zorn. – Der König fühlte sich fast beängstigt und bedrückt von dieser zauberhaften Schönheit, und er, welcher mehr als einmal schon dem Tode mutig ins Auge geschaut, und ohne nur mit der Wimper zu zucken die tödlichen Kugeln um sich her hatte fliegen sehen, er empfand jetzt einen unbestimmten Schrecken, eine bange Unbehaglichkeit!

Sie war schön, zauberhaft schön in dieser reizenden und malerischen Tracht einer Wirtin, in diesem dunkelroten Atlasgswande, mit diesem schwarzen Sammetmieder, das über ihrer schönen Büste mit goldenen Schnüren, an deren Enden Quasten von Brillanten funkelten, zusammengehalten war. Ein Kranz von purpurroten Rosen schmückte ihr Haar, das zu beiden Seiten ihrer hohen, wundervollen Stirn in langen Locken herniederrieselte, und das reine und vollendete Oval ihres Angesichtes wie mit einem dunklen Rahmen einfaßte. Ihre zarten Wangen waren von einem leisen Rosenschimmer überhaucht, gegen den das volle und dunkle Inkarnat ihrer schwellenden üppigen Lippen um so mächtiger hervortrat. Wenn sie lächelte, so war das wie eine köstliche Verheißung berauschenden Liebesglückes, und wenn diese großen, feurigen, schwarzen Augen ernsthaft blickten, so lag in ihnen eine solche Tiefe und Gewalt der Leidenschaft, eine solche machtvolle, intensive Glut, daß man wohl fühlte, diese Frau verstehe es, glühend zu hassen, oder auch glühend zu lieben.

Heute aber wollte sie mit ihren Blicken weder drohen noch anfeuern. Sie war nur das lächelnde, glückstrahlende Landmädchen, welches freudetrunken in ihre Heimat zurückkehrt, und ihr Entzücken in flatternden Tänzen und dann wieder in stillem Ruhen, Anschauen und Sinnen ausdrückt.

Wie eine Libelle flog sie umher, lächelnd, freudetrunken, wunderbar anzuschauen in ihrer Lieblichkeit und Schönheit, bewunderungswürdig in ihrer Kunstfertigkeit, welche um so größer war, je weniger sie die Schwierigkeiten ahnen ließ, welche sie mit so spielender Leichtigkeit ausführte.

Der Tanz war zu Ende. Barbarina, atemlos, glühend und lächelnd, verneigte sich. Dann, als alles still blieb, keine Hand sich rührte, kein Beifallsruf ertönte, ließ sie ihre großen brennenden Blicke wie eine drohende Frage über den Saal hinblitzen, und das Haupt stolz und trotzig zurückwerfend, trat sie zurück.

Der Vorhang fiel, und jetzt richteten sich aller Blicke auf den König, in dessen Angesicht man den Eindruck lesen wollte, welche die Signora auf ihn gemacht. Aber das Antlitz des Königs war heute unergründlich. Er war still und ruhig sinnend, nur auf seiner Stirn lagerte eine leise Wolke, und seine Lippen waren ein wenig fester als sonst zusammengepreßt.

Die Höflinge, welche das sahen, schlossen daraus auf die Unzufriedenheit des Königs und begannen demzufolge die Köpfe zu schütteln und sich tadelnde Bemerkungen und mißbilligende Ausrufe zuzuflüstern.

Der König achtete nicht darauf. Er war in diesem Moment nicht der König, nicht der Herr und Gebieter, er war nur ein Mann; ein Mann, welcher staunend und in stiller Verzückung das göttliche Wunder reiner Frauenschönheit vor ihm sich offenbaren sah. Der König, eben weil er ein Held war, erbebte vor diesem Wunder, das er nicht begriff, und das ihn deshalb mit einer Art Schrecken und Grauen erfüllte.

Der Vorhang ward wieder aufgezogen, und der zweite Akt des Dramas begann.

Niemand achtete darauf, niemand hatte jetzt Sinn für dieses gesprochene Gedicht, nachdem man eben erst ein lebendiges, liebeatmendes Gedicht vor sich gesehen.

Jedermann war daher froh, als der zweite Akt zu Ende war und der Vorhang niederrollte, um sich bald wieder zum Tanz der Barbarina zu erheben.

Aber das geschah nicht. Eine Pause trat ein, eine erwartungsvolle Pause. Die Klingel ertönte nicht, der Vorhang hob sich nicht, und jetzt näherte sich der Baron von Sweerts, welcher soeben von der Bühne kam, dem König mit bestürztem Gesicht.

Sire, sagte er leise, die Signora Barbarina erklärt, nicht mehr tanzen zu können, sie sei noch zu ermüdet von der Reise, zu angegriffen von den vielen Gemütsbewegungen.

Gehen Sie und sagen Sie ihr, daß ich befehle, weiter zu tanzen, sagte Friedrich, in welchem der König jetzt lauter sprach als der Mann, und der sich fast glücklich fühlte, dieser Zauberin, welche ihn eben so umstrickt gehalten, jetzt zürnen zu müssen.

Herr von Sweerts eilte wieder auf die Szene, bald aber kehrte er traurig und niedergeschlagen zu dem König zurück.

Majestät, die Signora erklärt, sie werde nicht tanzen, und der König habe nicht die Macht, ihre Füße tanzen zu machen, wenn sie nicht wollten.

Ah, das ist eine Drohung! sagte der König mit zürnendem Ton, und ohne ein Wort weiter zu sagen, stand er auf und begab sich eilig hinter die Bühne, gefolgt von dem Directeur des spectacles, dem Baron von Sweerts.

Wo ist die Person? fragte der König, als sie jetzt hinter der Bühne sich befanden.

Sire, sie ist in ihrer Garderobe. Wenn Euere Majestät befehlen, werde ich sie rufen.

Nicht doch, ich will selber zu ihr gehen! Zeige Er mir den Weg!

Und der König ließ den Baron vorangehen, um Zeit zu haben, sich zu sammeln und eine ruhige und ernste Haltung anzunehmen.

Sire, hier befinden wir uns vor der Garderobe der Signora.

Öffne Er!

Aber ehe der Baron noch Zeit hatte, den Befehl zu erfüllen, hatte die ungeduldige Hand des Königs schon die Tür aufgestoßen, und er trat ein.

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