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Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch

Luise Mühlbach: Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorLuise Mühlbach
titleBerlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch
publisherHermann Borsdorf Verlag
year1912
printrunZehnte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140815
projectid364bdc6b
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VII. Das erste Begegnen

Die Soiree in den Sälen des königlichen Schlosses hatte jetzt ihren Anfang genommen. Unter dem Schmettern der Musik, welche man auf dem Chor des weißen Saales aufgestellt hatte, waren die beiden Königinnen mit den Prinzessinnen in den großen Saal eingetreten, um die Cour der Damen entgegenzunehmen, wie der König die der Herren in dem anstoßenden Saal empfing. Eine glänzende Reihe schöner, von Brillanten und Juwelen leuchtender Damen stand zu beiden Seiten des Saals, jede des Momentes harrend, wo die Königinnen an ihnen vorüber kommen würden und sie unter dem Anblicken der königlichen Augen sich tief bis zur Erde verbeugen könnten, gleichsam erdrückt von der Schwere der Gnade, die in dem Anschauen der Königinnen sich auf sie niederließ.

Der Etikette gemäß hätte Königin Elisabeth Christine, welche doch immer trotz ihrer bescheidenen, unscheinbaren Existenz die regierende Königin war, die grande tournée allein machen und zuerst die Huldigungen der Damen entgegennehmen müssen. Aber die arme schüchterne Frau hatte niemals den Mut gefunden, die Vorrechte ihrer Stellung als Gemahlin des Königs zu beanspruchen. Was kümmerten sie diese kleinlichen äußern Vorrechte, sie, welche dem höchsten und schönsten Vorrecht, den ersten Platz in dem Herzen ihres Gemahls einzunehmen, hatte entsagen müssen. Sie hatte daher auch heute mit einem sanften Lächeln der Königin Mutter den Vortritt gelassen, und diese, welche immer begierig war, mindestens in den kleinen Äußerlichkeiten und Etikettenangelegenheiten zu zeigen, daß sie immer noch die erste Stelle am Hofe ihres Sohnes einnehme, hatte bereitwillig den Vortritt angenommen. Mit stolz erhobenem Haupte und einem fast geringschätzigen Lächeln ging sie die Reihe der Damen hinauf, die sich vor ihr neigten und dem Königtum in ihrer stolzen Repräsentantin ihre Huldigung darbrachten.

Hinter ihr her ging die regierende Königin, inmitten der beiden Prinzessinnen, welche hier und da mit freundlichem Lächeln ihre in der Reihe der Damen befindlichen Freundinnen begrüßten.

Elisabeth Christine sah das und seufzte. Sie hatte niemand, welchen sie besonders zu begrüßen hätte, niemand, welcher in ihr etwas anderes sah als die geduldete Königin, die Frau sans conséquence und ohne Einfluß, die machtlose Königin, die ungeliebte Gemahlin! Sie hatte nicht einmal eine Freundin, in deren verschwiegene Brust sie ihre Klagen ergießen konnte. Sie war ein vereinsamtes und verwaistes Herz, so vereinsamt und allein, daß die Seufzer und Klagen, die in ihrer Brust wohnten, inmitten der sie umgebenden Stille desto lauter und herzzerreißender erklangen.

Sie war einsam und allein auch jetzt, als sie mit den beiden Prinzessinnen die grande tournée machte. Niemand schien sie zu sehen, niemand beachtete sie als etwas anderes, als die mit Brillanten, Spitzen und seidenen Gewändern behangene Statue einer Königin, als das Bild einer Königin, welche nicht da war. Und doch hatte dieses Bild eine Seele und ein Herz, und doch war sie ein Weib, ein Weib, welches liebte und litt!

Plötzlich jedoch flog ein Zittern durch ihre Glieder, plötzlich leuchtete es wie ein Sonnenstrahl in ihren Augen, und ein leichter Rosenschimmer überhauchte ihre bleichen Wangen. – Der König war in den Saal getreten, er war da in all seiner Schönheit, seiner Majestät und Hoheit. Und Elisabeth Christine fühlte, daß die Sonne wieder scheine, daß ihr Blut wieder glühend durch ihre Adern rieselte, daß ihr Herz wieder stürmisch klopfte, wie das eines jungen Mädchens!

Oh, es konnte ja sein, daß das Auge des Königs, dieses so glänzende, so wunderbare Auge, sich einen Moment, und sei es auch nur aus Zufall, auf sie heftete, es konnte ja sein, daß der König, gerührt von ihrer schweigenden Resignation, ihrer klagelosen Ergebenheit, ein freundliches Wort an sie richtete. Sie war jetzt vier Jahre Königin, sie trug vier Jahre die Dornenkrone ihrer Majestät, und in dieser ganzen Zeit hatte ihr Gemahl nicht ein einziges Mal den Balsam eines teilnahmvollen Wortes, eines Lächelns auf ihr todkrankes Herz gelegt! Er hatte bei den Hoffesten an der Tafel neben ihr gesessen, er hatte bei den Hofbällen und Maskeraden sogar zuweilen mit ihr den Tanz eröffnet, – niemals aber wieder, seit jenem Tage, wo er den ersten und den letzten Kuß auf ihre Lippen gedrückt, niemals wieder hatte er seitdem mit ihr gesprochen, niemals war sie auch hier für ihn etwas anderes gewesen, als das stumme aufgeschmückte Bild einer Königin, als die inhaltlose Form einer Frau Der König sprach niemals mit seiner Gemahlin, obwohl er ihr in seinem Betragen stets alle Ehrfurcht und Rücksicht bewies, und sehr darauf hielt, daß niemand an der ihr schuldigen Ehrfurcht es fehlen ließ. Nur ein einziges Mal redete der König sie an. Das war in den fieberiger Jahren, als die Königin durch einen unglücklichen Fall sich den Fuß verletzt hatte, einige Tage vor ihrem Geburtstage, an welchem Tage immer große Cour bei der Königin stattfand, bei welcher der König niemals fehlte. Auch diesmal war er gekommen, statt aber, wie sonst, die Königin mit einer stummen Verbeugung zu begrüßen, trat er dicht zu ihr heran und reichte ihr die Hand, indem er teilnahmsvoll sagte: »ich hoffe und wünsche, daß Ihre Majestät von Ihrem Unfall wieder hergestellt sind«. – Ein allgemeines Erstaunen malte sich auf den Gesichtern aller Anwesenden, und die arme Königin war so erschüttert von dem unerwarteten Glück dieser Anrede, daß sie nicht die Kraft einer Erwiderung fand. Sie verneigte sich stumm, der König runzelte die Stirn und wandte sich von ihr ab. Seit jenem Tage, dessen Glück sich die Königin mit einem gebrochenen Fuß erkaufen mußte, sprach der König nie wieder mit ihr.. Und dennoch verzagte Elisabeth Christine nicht, dennoch hoffte sie noch immer. Es konnte ja ein Tag kommen, wo er zu ihr sprach, wo er ihr vergab, daß sie ihm als Gemahlin aufgedrungen sei, ein Tag, wo ihr stummer Schmerz und ihre tränenlose Liebe ihn rührte. Jedes Zusammensein mit ihm war also für diese arme Königin immer eine glückselige Hoffnung, eine freudenvolle Erwartung, und das war es, was sie aufrecht hielt, und ihr die Kraft gab, lächelnd und schweigend den Königsmantel über ihre todeswunde Brust zu legen.

Der König näherte sich jetzt, umgeben von den königlichen Prinzen, der Königin Mutter, der er mit dem Ausdruck ehrerbietiger Sohnesliebe die Hand reichte, dann verneigte er sich stumm und gleichgültig vor seiner Gemahlin und nickte seinen beiden Schwestern einen lächelnden Gruß zu.

Meine Damen, sagte er dann mit seiner vollen klangreichen Stimme, erlauben Sie, daß ich Ihnen und dem ganzen Hofe meinen Bruder August Wilhelm in seiner neuen Würde vorstelle.

Er nahm die Hand seines Bruders und führte ihn zu der Königin Mutter. Madame, sagte er, ich stelle Ihnen da Ihren Sohn vor, welcher von heute an, wenn Sie wollen, zu gleicher Zeit Ihr Enkel sein wird.

Und wie das, mein Sohn? fragte Sophie Dorothea. Wie wollen Sie, welcher freilich schon so viel anscheinend Unmögliches möglich gemacht hat, wie wollen Sie es anfangen, daß mein Sohn zugleich mein Enkel werde?

Wenn ich ihn zu meinem Sohne mache, so wird er Ihr Enkel, Majestät! sagte der König lächelnd. Und da ich ihn zu meinem Nachfolger annehme, so heißt das wohl, ihn zu meinem Sohn zu erklären. Umarmen Sie ihn also, Majestät, und seien Sie die erste, welche ihn mit seinem neuen Titel begrüßt. Meine Mutter, umarmen Sie den Prinzen von Preußen, meinen Nachfolger!

Ich tue es, rief die Königin Mutter, ihren Sohn August Wilhelm umarmend, ich tue es, indem ich Gott bitte, daß er diesen Titel, welchen es Euere Majestät gefallen hat, meinem Sohn zu verleihen, noch lange bei demselben belassen, daß er noch lange der Prinz von Preußen bleiben möge!

Bitten Sie vielmehr Gott, Majestät, flüsterte der Prinz, indem er sich vor der Königin neigte, welche seine Stirn küßte, bitten Sie vielmehr Gott, daß er mich bald von diesem Titel erlöse.

Wie, mein Sohn? rief die Königin leise und fast drohend. Sie wünschen also sehr König zu werden? Sie sind also ehrgeizig genug, nicht zu bedenken, daß Ihnen das Königtum wünschen, so viel heißt, als dem regierenden König den Tod wünschen?

Der Prinz lächelte traurig. Wenn ich nicht mehr lange Prinz von Preußen zu sein wünsche, so geschieht das nicht, weil ich wünsche, die Stufen des Thrones hinaufzusteigen. Sondern weil ich hinuntersteigen möchte in das Grab, sagte er, indem er die Hand seiner Mutter küßte. –

Sie denken noch immer so, mein Sohn? fragte die Königin. Noch immer, und es ist heute doch Ihr Ehrentag und Sie sind heute Prinz von Preußen geworden?

Ja, Majestät, sagte er mit einem Anflug von Bitterkeit, es ist heute mein Ehrentag, denn es ist heute der Jahrestag meiner Verlobung.

Er wandte sich um und näherte sich wieder dem König, welcher seine Hand ergriff und ihn zu seiner Gemahlin und den Prinzessinnen führte, indem er mit lauter Stimme sagte: begrüßen Sie den Prinzen von Preußen, meine Damen!

Dann winkte er einigen seiner Generäle und trat mit ihnen in eine Fensternische zurück. Aber indem er an seiner Gemahlin vorüberging, ruhte sein Auge auf ihr mit dem Ausdruck neugieriger Teilnahme, betrachtete er sie mit dem forschenden Auge eines Arztes, der die Sonde in die blutende Wunde senkt, um ihre Tiefe und Gefährlichkeit zu ermessen.

Die Königin fühlte sehr wohl die Bedeutung dieses Blickes, sie begriff sehr wohl, daß der König mit diesem Blick sie ermahnen wollte zur Standhaftigkeit, zum festen Ausharren, zur stolzen Resignation. Oh, der König hatte mindestens mit seinen Augen zu ihr gesprochen. Das war immerhin ein Trost, eine schmerzlich süße Freude!

Sie vermochte es daher über sich, dem Prinzen August Wilhelm mit einem fast freudigen Lächeln die Hand zu reichen.

Seien Sie mir willkommen in Ihrer doppelten Eigenschaft, sagte die Königin laut genug, um von jedermann, auch von dem König gehört zu werden. Bis heute waren Sie für mich ein geliebter Bruder, und jetzt werden Sie auch für mich, was Sie meinem Gemahl sind, ein Sohn! Da mir denn durch die Fügung des Himmels ein Sohn versagt ist, Die eigenen Worte der Königin. so nehme ich Sie mit Freuden dazu an und begrüße Sie als meinen Sohn und Bruder! – Eine tiefe Stille folgte diesen Worten. Hier und da sah man ein leises, spöttisches Lächeln über die Gesichter gleiten, flüsterte man sich einander einige verstohlene, bedeutungsreiche Worte zu. – Die Königin, indem sie heute diesen letzten Schlag empfangen hatte, indem sie in der Fülle ihrer Jugend und ihrer Schönheit die Demütigung erleiden mußte, für unfähig erachtet zu werden, dem Thron einen Nachfolger gebären zu können, die Königin wollte mindestens den Schein retten. Sie wollte mindestens die Welt glauben machen, daß es nur »die Fügung des Himmels« gewesen, welche sie der Ehre und der Würde der Mutterschaft beraubt hatte, sie hatte den grausamen Mut, ihre Zurücksetzung unter einer Lüge zu verbergen. – Aber die lauernden Augen der Hofleute hatten lange schon das Geheimnis dieser königlichen Ehe durchschaut, sie wußten lange schon, daß die Königin nicht die Gemahlin ihres Gemahls sei, und es war deshalb, daß ihre Worte ein so allgemeines Erstaunen, eine so spöttische Verwunderung erregten.

Aber Elisabeth Christine achtete nicht darauf; sie sah hinüber nach ihrem Gemahl, welcher seine Augen auf sie gerichtet hatte und in dessen Mienen sie jetzt lesen wollte, ob er zufrieden mit ihren Worten gewesen. Ein leises Lächeln umspielte die Lippen des Königs, und unmerklich neigte er das Haupt, seine Gemahlin zu begrüßen. – Nun flog es wie heller Sonnenglanz über ihr Antlitz, und ein Ausdruck strahlenden Glückes leuchtete von ihrem Angesicht. Es war das zweite Mal heute, daß ihre Blicke denen ihres Gemahls begegnet waren, und beide Male hatten diese Blicke zu ihr gesprochen!

Die Königin fühlte sich daher heute so froh und glücklich, wie sie es lange nicht gewesen. Sie lachte und scherzte mit den Damen ihrer Umgebung und unterhielt sich mit ihnen über das heute abend noch bevorstehende Ereignis, über das erste Auftreten der Signora Barbarina.

Währenddessen empfing Prinz August Wilhelm die Glückwünsche des Hofes, die er indes nur mit einem schwermütigen Lächeln und mit kalten, gleichgültigen Worten entgegennahm. Dann, nachdem die Zeremonie vorüber war, löste sich die glänzende Hofgesellschaft in einzelne Gruppen auf, welche plaudernd, schäkernd und lachend sich hier und dort verteilten, während die beiden Königinnen sich zum Spiel niedergesetzt hatten.

Auch die Prinzessinnen unterhielten sich ungezwungen und heiter mit den Damen, welche indes bemerken wollten, daß eine Wolke auf der Stirn der jüngern Prinzessin lagere, und daß sie heute in einer ungewöhnlich gereizten Stimmung sich befand. Als jetzt der Oberzeremonienmeister von Pöllnitz sich ihr mit dem schwedischen Gesandten, dem Grafen Tessin, nahte, nahmen ihre Züge einen so finstern, zornigen Ausdruck an, daß selbst Herr von Pöllnitz kaum den Mut fand, ihr den Grafen vorzustellen.

Ah, Sie kommen aus Schweden, mein Herr! rief Amalie, als die Repräsentation erfolgt war. Schweden ist ein häßliches, finsteres Land, und gewiß haben Sie sehr wohlgetan, sich aus demselben nach unsern sonnigen und fröhlichen Deutschland zu retten.

Der Gesandte Schwedens blickte sie verwundert an. Euere königliche Hoheit nennen das eine Rettung? fragte er. Demzufolge bedauern Sie diejenigen, welche in meinem Vaterlande leben?

Ich glaube nicht, daß ich nötig habe, dem Herrn Grafen Tessin meine Ansichten darüber anzuvertrauen, sagte Amalie mit einem kurzen, rauhen Lachen.

Doch, meine Schwester, du hast das sehr nötig! rief Prinzessin Ulrike mit einem bezaubernden Lächeln. Du mußt dich rechtfertigen dem Herrn Grafen gegenüber, denn du hast sein schönes Vaterland angegriffen.

Ah, Euere königliche Hoheit geruhen mein Vaterland besser zu würdigen, sagte der Graf, sich tief verneigend. Es ist wahr, Schweden ist reich an Schönheiten, und nirgends ist die Natur romantischer und lieblicher zugleich. Deshalb wird es auch so sehr von allen Schweden geliebt, daß man von ihnen sagen kann, wie von den Schweizern: sie sterben vor Sehnsucht, wenn sie fern sind von der Heimat, sie vergehen vor Schmerz, wenn jemand grausam genug ist, ihr Vaterland gering zu schätzen.

Nun, mein Herr, ich habe diese Grausamkeit, rief Amalie, und ich denke nicht, daß Sie deshalb vor Schmerz vergehen werden!

Du bist heute sehr mißgelaunt, meine Schwester! sagte Prinzessin Ulrike sanft.

Und du sehr weise, mich darauf im echten Hofmeisterstil aufmerksam zu machen, rief Amalie. Man sollte denken, daß meine Schwester die Rolle einer Gouvernante bei mir übernommen hätte.

Ulrike zuckte die Achseln und wandte sich wieder an den Grafen Tessin, der mit einem Gemisch von Erstaunen und Ärger diese junge Prinzessin betrachtete, welche man dem schwedischen Hofe als ein Musterbild von Sanftmut, Liebenswürdigkeit und Grazie geschildert hatte, und die er jetzt so rauh und widerwillig, so launenhaft kindisch fand.

Indes verstand es Prinzessin Ulrike, den Gedanken des Grafen sehr bald eine andere Richtung zu geben, und ihn in einer geistreichen, pikanten Unterhaltung an sich zu fesseln. Sie ließ alle Funken ihres Geistes sprühen, sie war herablassend gütig, sie mäßigte ihr stolzes Naturell zu einer gewinnenden Sanftmut, und wußte dem Grafen auf eine so feine Weise zu schmeicheln, daß er nur in dem angenehmen Wohlbehagen, welches sein ganzes Wesen erfüllte, die Wirkung dieser bezaubernden Nahrung der Eitelkeit fand, ohne die Absicht gewahr zu werden.

Weder die Prinzessin noch auch der Graf schienen mehr auf diese kleine Amalie zu achten, welche mit verdrießlichem Gesicht neben ihnen stand. – Diesen Moment benutzte Herr von Pöllnitz, um sich ihr mit seinem Schützling, dem jungen Herrn von Trenck, zu nähern und ihr denselben vorzustellen.

Amaliens Gesicht nahm jetzt einen heitern, lachenden Ausdruck an. Sie wollte dem Gesandten Schwedens eine neue Probe ihres launenhaften, wetterwendischen Charakters geben, sie wollte ihn beleidigen, indem sie ihm bewies, daß sie nicht gegen jedermann so hart und verdrießlich sei.

Sie empfing daher die beiden Herren mit einem freundlichen Gruß und lachte mit ihnen über das seltsame Abenteuer dieses Morgens, indem sie ihnen in heiterer und scherzhafter Weise die Veranlassung erzählte, weshalb sie die Rosen fortgeworfen.

Sie war jetzt so schön und anmutig anzuschauen, sie war so strahlend von Jugend, Lieblichkeit und Unschuld, daß der arme junge Offizier seine Augen wie geblendet zu Boden schlug, und ganz betäubt, ganz verwirrt sich nur einsilbig und schüchtern in die Unterhaltung mischte.

Dem auflauernden Auge des Oberkammerherrn entging das nicht. Ich werde mich zurückziehen, dachte er, ich werde ihnen ein erstes Tete-a-tete bereiten, und indem ich sie aus der Ferne beobachte, werde ich ermessen können, ob mein Plan gelingen kann. – Und sich mit einer Pflicht seines Dienstes entschuldigend, zog sich Herr von Pöllnitz zurück, um dann in eine Fensternische zu schleichen und hinter der Gardine versteckt die Angesichter der beiden zu beobachten.

Er hatte ganz richtig bemerkt. Die Notwendigkeit, jetzt sich mehr an der Unterhaltung mit der Prinzessin zu beteiligen, gab dem jungen Offizier seinen Mut und seine Lebhaftigkeit wieder, und in dem Bestreben, seine Schüchternheit zu unterdrücken, nahm sein Wesen vielleicht eine zu leidenschaftliche Innigkeit, einen zu feurigen Ausdruck an.

Aber Prinzessin Amalie achtete nicht darauf. Sie dachte nur daran, daß sie sich vor dem schwedischen Gesandten so heiter und liebenswürdig als möglich andern gegenüber zeigen wolle, um ihm den Abstand ihres Betragens gegen ihn desto fühlbarer zu machen, um ihm zu zeigen, wie herablassend gütig und liebevoll sie zu sein vermöchte.

Der Graf beobachtete sie allerdings, indem er sich mit der Prinzessin Ulrike unterhielt. Er sah ihr entgegenkommendes Lächeln, ihre strahlenden Augen, ihre vielleicht ein wenig zu weit getriebene Freundlichkeit gegen diesen jungen Offizier, mit dem sie sich unterhielt.

Sie ist launenhaft und kokett, sagte er zu sich selber, während er seine Unterhaltung mit dieser geistreichen, feinen und echt mädchenhaften Prinzessin Ulrike fortsetzte.

Die große und, wie gesagt, ein wenig zu weit getriebene Freundlichkeit der Prinzessin machte indes den jungen Offizier immer leidenschaftlicher, immer verwegener.

Ich habe Euere königliche Hoheit um eine Gnade zu bitten, sagte er jetzt mit einer gedämpften Stimme.

Lassen Sie hören, mein Herr, erwiderte sie, indem ein seltsames, unerklärliches Bangen ihr Herz höher klopfen machte und ihr das Blut in die Wangen trieb.

Ich habe es gewagt, einige dieser Rosen, welche Sie in den Garten warfen, aufzuraffen. Es war ein frevelhafter Diebstahl, ich weiß es, aber ein Zauber hielt mich umstrickt, indem ich es tat, und ich würde sie in jenem Moment freudig mit meinem Blute bezahlt haben, Oh, wenn Eure königliche Hoheit wüßten, mit welchem Entzücken ich, als ich endlich allein war auf meinem Zimmer, dessen Tür ich hinter mir verschlossen hatte, diese Blumen betrachtet habe, wie ich vor ihnen gekniet habe, um sie anzubeten, kaum wagend mit meinen Lippen diese Blumen zu berühren, welche mich an ein Lieblingsmärchen meiner Kindheit erinnerten!

Wie, an ein Märchen erinnerten Sie diese Rosen? fragte Amalie. Erzählen Sie mir dieses Märchen, denn Sie müssen wissen, daß ich noch so sehr kindisch bin, die Märchen zu lieben.

Es ist das Märchen von dem armen Hirtenknaben, welcher einsam und verlassen unter einem Baume auf der Landstraße eingeschlafen war, indem er zuvor Gott gebeten hatte, sich seiner zu erbarmen, diese trostlose Öde seines Herzens auszufüllen, oder ihn durch den Tod von seiner Herzenseinsamkeit zu erlösen. Als er aber eingeschlafen war, hatte er einen wundervollen Traum. Es war ihm, als ob der Himmel sich über ihm öffne und ein Engelsbild von zauberhafter Lieblichkeit und Schönheit schwebte zu ihm hernieder und sah ihn an mit Augen, welche wie himmlische Sterne leuchteten. »Du sollst nicht mehr einsam sein,« flüsterte die Gestalt, »denn mein Bild soll in deinem Herzen wohnen und dich anfeuern und begeistern zu allem Guten und Schönen.« Und indem sie das sagte, legte sie eine wundervolle Rose über seine Augen hin, dann schwebte sie wieder empor und verschwand in dem Himmel. Der arme Hirtenknabe erwachte, noch ganz verzückt über das, was er nur geträumt zu haben vermeinte. Da fand er die Rose, und indem er sie jauchzend an sein Herz drückte, dankte er Gott für dieses Zeichen, welches ihm bewies, daß das, was ihn entzückte, kein Traum, sondern Wirklichkeit gewesen. Die Rose, das sichtbare Bild seines Engels, ward der Trost und die Freude seines Lebens, und er trug sie immer auf seinem Herzen. – An dieses Märchen, Prinzessin, dachte ich, als ich meine herrliche Rose anbetend betrachtete, aber ich fühlte zugleich, daß ich dieselbe nicht ohne Einwilligung Euerer königlichen Hoheit mir aneignen dürfe. Prinzessin, richten Sie also jetzt über mich! Darf ich diese Rosen behalten?

Prinzessin Amalie antwortete nicht. Sie hatte mit einer seltsamen, nie gefühlten Beklommenheit, mit einem süßen Schauder ihm zugehört. Sie hatte alles vergessen, alles! Sie war nicht mehr die Prinzessin, sie war nur ein junges Mädchen, welches zum ersten Male die feurige Sprache der Leidenschaft vernahm, und deren Herz davor erbebte in einem süßen Schrecken, einer seligen Beklommenheit.

Prinzessin, darf ich diese Rosen behalten? wiederholte Friedrich von Trenck mit leiser zitternder Stimme.

Sie sah zu ihm auf, ihre Blicke begegneten sich. Das junge Mädchen erbebte, und ein Schauder durchrieselte ihre ganze Gestalt, der junge Mann aber richtete sich höher auf, er fühlte sich stolz, mächtig und gewaltig. Seine Blicke waren wie die eines Adlers, der im Begriff ist, das Lamm mit sich in die Höhe zu entführen.

Er geht zu weit, wahrhaftig er geht zu weit, flüsterte Herr von Pöllnitz, welcher alles gesehen, und aus den Mienen der beiden ihre Worte und Gedanken gelesen hatte. Ich muß diesem Tete-a-tete ein Ende machen, und ich will es auf eine wirksame Weise tun!

Darf ich diese Rosen behalten? fragte Friedrich von Trenck zum drittenmal.

Amalie wandte ihr Haupt ab und flüsterte: Behalten Sie sie!

Trenck wollte antworten, als sich plötzlich eine Hand auf seinen Arm legte und Herr von Pöllnitz neben ihm stand.

Still, flüsterte er rasch und ängstlich. Sehen Sie denn nicht, daß man Sie beobachtet? Ach, Sie werden machen, daß Ihre wahnsinnige und verbrecherische Leidenschaft heute noch das Märchen des ganzen Hofes wird.

Amalie stieß einen leisen Schrei aus und blickte Pöllnitz angstvoll und entsetzt an. Sie hatte alles gehört, und der schlaue Baron wußte das sehr wohl.

Königliche Hoheit, flüsterte er, verabschieden Sie diesen Tollkopf, und überlassen Sie es mir, ihm die Vernunft wieder mit kalten Umschlägen zu erwecken.

Gehen Sie, Herr von Trenck, sagte Amalie leise.

Pöllnitz nahm den Arm des jungen Mannes und zog ihn mit sich fort, indem er frohlockend zu sich selber sagte: Der Coup war sehr geschickt angelegt, und mein Plan wird reüssieren. Ich habe ihr seine Leidenschaft verraten und mich zugleich als Vertrauten derselben deklariert. Sie wird mich bald als postillon d'amour gebrauchen, und das ist bei Prinzessinnen immer ein einträgliches Amt. Ach, König Friedrich! Sie wollten es mir unmöglich machen, Geld zu leihen! Nun, ich werde das vielleicht nicht nötig haben, ich werde mit vollen Händen aus der königlichen Kasse schöpfen, denn wenn die Kasse der Prinzessin leer ist, wird der König sie wieder füllen müssen!

Und Herr von Pöllnitz lachte so laut, wie es sich kaum für einen Oberzeremonienmeister schicken möchte.

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