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Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch

Luise Mühlbach: Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorLuise Mühlbach
titleBerlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch
publisherHermann Borsdorf Verlag
year1912
printrunZehnte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140815
projectid364bdc6b
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VI. Der Versucher

Während Prinzessin Ulrike sich sehr ernst und überlegend mit ihrer Toilette beschäftigte, war Amalie in ihre Gemächer zurückgekehrt, sinnend und gedankenvoll, und ganz damit beschäftigt, wie sie ihre Rolle recht gut und zur Täuschung aller Welt spielen könnte, vor der Tür, welche von dem Korridor in ihr Ankleidezimmer führte, blieb sie einen Augenblick stehen, denn sie hörte da drinnen ihre Kammerfrauen, welche fröhlich plauderten und lachten.

Sonst wäre sie mit einem heitern Scherz und ganz bereit, an ihrer Fröhlichkeit teilzunehmen, eingetreten. Das wäre ihrem Herzen natürlich gewesen; aber jetzt mußte sie ihr eigenes Herz und ihr Naturell verleugnen, um ihre Rolle zu spielen.

Sie legte also ihre Stirn in finstere Falten und trat mit fest zusammengepreßten Lippen in das Zimmer, in welchem die Frauen eben die Toilette zu den Festlichkeiten dieses Abends ordneten.

Ich finde, daß Sie hier einen sehr unziemlichen Lärm verursachen, sagte Amalie mit seltsam gereiztem Ton, der sogleich die heitern Gesichter der beiden Zofen in ernste Falten legte, verrichten Sie gefälligst geräuschlos Ihre Arbeiten, und versparen Sie Ihre Narrheiten, bis Sie meine Zimmer verlassen haben. Und was ist das, Mademoiselle Félicien? Was sollen diese Blumen, welche Sie da auf dem Toilettentisch ausgebreitet haben?

Königliche Hoheit, es sind die Blumen zu Ihrer Coiffüre, und diese Buketts hier sind dazu bestimmt, das Florkleid aufzunehmen.

Und mit welchem Rechte erlauben Sie sich, so über meinen Anzug zu bestimmen?

Ich erlaubte mir das nicht, sagte Mademoiselle Félicien schüchtern. Euere Königliche Hoheit selber waren es ja, welche alles anordneten. Euere Königliche Hoheit wollten Moosrosen im Haar tragen, und Buketts solcher Rosen am Busen und zu den Festons des weißen Florkleides.

Mademoiselle, es ziemt sich nicht, mir zu widersprechen, und noch dazu, indem Sie Dinge behaupten, welche falsch sind, rief Prinzessin Amalie zornig. Ich bin durchaus nicht geneigt, in dem Aufputz einer Jardinière zu erscheinen, und um Ihnen das zu beweisen, werde ich diese Blumen, welche mir hier mit ihrem starken Geruch die Luft verpesten, und von denen Sie zu behaupten wagen, daß ich sie bestellt habe, aus dem Fenster werfen.

Und mit einer grausamen Hand alle diese zarten duftigen Rosen zusammenfassend, eilte das junge Mädchen zum Fenster, welches sie öffnete, um die Blumen hinauszuwerfen.

Da, Mademoiselle, da sind die Rosen, welche Sie sich unterstehen wollten, albernerweise in mein Haar zu stecken, sagte Amalie mit gutgespieltem Zorn, indem sie die Blumen in den Garten, welcher das Schloß von Monbijou umgibt, hinabschleuderte. Da sind die Rosen, welche mein Haar –

Plötzlich stieß die Prinzessin einen leisen Schrei aus und blickte errötend hinab in den Garten. Sie hatte in ihrem Eifer die beiden Herren gar nicht bemerkt, welche in demselben Augenblick die große Allee, die zum mittleren Schloßportal hinaufführte, heraufkamen. Und diese Rosen, welche sie soeben hinausgeworfen, hatten den jungem und größern der beiden Herren gerade ins Gesicht getroffen.

Er blieb erstaunt und sichtbar überrascht stehen und blickte fragend zu dem Fenster empor, aus welchem diese seltsame Bombe ihn getroffen. Sein Begleiter aber brach in ein lautes Lachen aus, indem er sich zugleich tief vor der armen Prinzessin verneigte, welche errötend und verlegen noch immer am Fenster stand.

Von dieser Stunde an glaube ich an das Märchen von der Rosenfee, sagte der ältere der beiden Herren, welcher niemand anders als Herr von Pöllnitz war. Ja, Prinzessin, ich glaube daran und würde mich jetzt gar nicht mehr wundern, wenn Euere Königliche Hoheit eben auf einem von Tauben gezogenen Wolkenwagen zum Fenster hinausflatterten, indem Sie eine zweite, ebenso wundervoll gezielte Rosenladung in das Antlitz meines Freundes hier abfeuerten.

Prinzessin Amalie hatte indes Zeit gefunden, sich zu sammeln und sich wieder der Rolle zu erinnern, welche sie heute zu spielen hatte.

Ich hoffe, Herr Baron, sagte sie verdrießlich, daß Sie sich nicht erlauben, anzunehmen, es sei meine Absicht gewesen, mit diesen Rosen Sie oder Ihren Begleiter zu treffen. Ich wollte diese Blumen zum Fenster hinauswerfen, das ist alles!

Sie verschloß klirrend das Fenster und herrschte ihre Dienerinnen an, sich zu beeilen und ihre Toilette in Ordnung zu bringen.

Während sie mit verdrießlichem Gesicht sich vor dem Spiegel niederließ und ihrer französischen Kammerfrau befahl, möglichst viele Bandschleifen und Juwelen in ihr Haar zu stecken, standen unten in dem Garten noch immer die beiden Herren in eifrigem Gespräch miteinander.

Das ist in der Tat eine gute Vorbedeutung, mein Freund, sagte Pöllnitz zu dem jungen Offizier, der gedankenvoll auf die Rosen blickte, die er in der Hand hielt. Wahrhaftig, bei seinem ersten Erscheinen am Hofe von einer königlichen Prinzessin mit Rosen geworfen zu werden, das ist ein großes, ein unerhörtes Glück, das Sie jedenfalls nicht ungenützt dürfen vorübergehen lassen.

Der junge Offizier hatte gar nicht auf die Worte seines Begleiters geachtet. Er hatte von den Blumen den Blick erhoben zu dem Fenster, in welchem die liebliche Gestalt der Prinzessin ihm vorher erschienen war.

Oh, flüsterte er gedankenvoll und seufzend vor sich hin, sie ist so wunderschön und lieblich, und sie ist eine Prinzessin!

Pöllnitz lachte laut. Man sollte meinen, Sie bedauerten das, sagte er. Hören Sie, junger Freund, stehen Sie nicht da wie im Traum! Kommen Sie; statt sogleich ins Schloß einzutreten, um der Königin Mutter unsere Aufwartung zu machen, wollen wir noch einen Gang durch den Garten machen, damit Sie sich erst wieder von Ihrer Verzückung erholen und wieder zu Verstande kommen.

Er nahm den Arm des jungen Offiziers und zog ihn in die dichtern und belaubtern Seitenwege des Gartens. Nun, mein lieber junger Freund, hören Sie mich und beherzigen Sie wohl, was ich Ihnen zu sagen habe. Der Zufall, oder wenn Sie wollen, das Schicksal hat uns zusammengeführt, denn allerdings ist es kein bloßer Zufall, daß ich, kaum nach Berlin zurückgekehrt und im Begriff der Königin Mutter meine erste Aufwartung, zu machen, Ihnen begegne, der gleichfalls eine Audienz bei der Königin Mutter nachsuchen will, um sich ihrer Protektion zu empfehlen, und dazu durch einen Brief meines alten langjährigen Freundes, des Grafen Lottum, autorisiert wird. Das reizt, wie billig, meine Neugierde, ich erlaube mir nach Ihrem Namen zu fragen und erfahre zu meinem Erstaunen, daß Sie der junge Herr von Trenck sind, das heißt der Sohn der Frau, welche meine erste Liebe war und die mich sehr unglücklich gemacht hat, indem sie mich verschmähete. Es ist aber immerhin ein sehr eigentümliches Gefühl, so unerwartet den Sohn seiner ersten Liebe, dessen Vater wir indessen nicht sind, wieder zu finden, und ich fühle schon, daß ich imstande wäre, Sie ebenso närrisch zu lieben, wie ich Ihre Frau Mutter geliebt habe.

Nur daß ich nicht, wie meine Mutter, Ihre Liebe zurückweisen würde, sagte der junge Offizier lachend, indem er dem Oberkammerherrn die Hand reichte.

Ich hoffe das, entgegnete Pöllnitz lächelnd. Sie sollen an mir einen liebenden Vater finden, und gleich heute will ich meine Vaterschaft bei Ihnen beginnen. Zuvörderst, was wollen Sie hier am Hofe?

Karriere machen! General, Feldmarschall werden, wenn's möglich ist! lachte der junge Offizier.

Wie alt sind Sie?

Fast neunzehn Jahre.

Sie tragen die Uniform der Offiziere des Leibregiments, demzufolge hat der König Sie sehr früh befördert.

Ich war nur acht Tage Kadett, sagte Herr von Trenck stolz. Mein Stiefvater, der Graf von Lottum, hatte mich von Danzig hieher begleitet, um mich persönlich dem König vorzustellen. Seine Majestät empfingen mich sehr gnädig und erinnerten sich sehr wohl, mich in Königsberg bei der Huldigung gesehen zu haben, wo ich bei der veranstalteten Schulfeierlichkeit sogar aus den Händen des Königs die ersten Preise empfangen hatte. Mémoires de Fréderic, Baron de Trenck. I. 39.

Weiter! weiter! sagte Pöllnitz, als der junge Offizier jetzt schwieg. Sie sehen, ich bin ganz Ohr, und ich muß Ihre hiesige Stellung genau kennen, wenn ich Ihnen irgendwie nützlich sein soll.

Der König also, wie gesagt, nahm mich sehr freundlich und gnädig auf. Er machte mich sogleich zum Kadetten in seiner reitenden Garde-du-Corps, und als ich das drei Wochen gewesen, ließ er mich eines Tages zu sich rufen. Er hatte von meinem ziemlich starken Gedächtnis gehört, und er wollte eine Probe desselben haben.

Nun, und gelang diese Probe? fragte Herr von Pöllnitz.

Der König sagte mir schnell hintereinander die Namen von fünfzig Soldaten her, die unten im Hofe standen, und die er mir, mit mir am Fenster stehend, mit dem ausgestreckten Finger bezeichnete, und die ich ihm dann genau in derselben Reihenfolge, aber rückwärts, wiederholte.

Ein wundervolles Gedächtnis das! sagte Pöllnitz, indem er aus seiner goldenen, mit dem Bildnis der Prinzeß Palatine verzierten Dose eine Prise Spaniol nahm. Wirklich ein wundervolles Gedächtnis, das mich schaudern machen würde, wenn ich Ihre Geliebte wäre.

Und weshalb das? fragte der junge Offizier lachend.

Weil Sie keine ihrer Kaprizen, keinen ihrer Schwüre vergessen würden, und eines Tages, wenn sie Sie nicht mehr liebt, Abrechnung mit ihr halten könnten. – Und prüfte der König Sie noch weiter?

Er gab mir dann den Stoff zu zwei verschiedenen Briefen an, die ich sofort und beide zu gleicher Zeit, den einen in lateinischer, den andern in französischer Sprache, seinen Sekretären in die Feder diktieren mußte. Dann verlangte er, daß ich ihm sofort auf einem Papier den Plan der Hasenhaide aufzeichnete, und ich tat das! Mémoires de Trenck. I. 38.

Und der König war zufrieden?

Er ernannte mich an diesem Tage zum Kornett der Garde-du-Corps, antwortete Herr von Trenck, indem er bescheidenerweise eine direkte Antwort auf die Frage des Oberkammerherrn vermied.

Ah, Sie sind also sehr in Gnaden, da Sie in drei Wochen vom Kadetten zum Leutnant avanciert sind, sagte Pöllnitz gedankenvoll, ein Avancement, welches der König ohne Zweifel mit irgendeinem andern Gnadenakt bezeichnete.

Er hat mir gestern zwei Pferde aus seinem Marstalle gesandt, und als ich kam, ihm für diese Gnade zu danken, hat er mir eine Börse mit zweihundert Friedrichsd'or gegeben Mémoires de Trenck. I. 38..

Pöllnitz tat einen Sprung rückwärts. Wetter, Sie sind also sehr in Gunst, sagte er, denn der König macht Ihnen sogar Geschenke. Ach, mein Freund, ich wollte Sie protegieren, und jetzt scheint es fast, als könnten Sie mich protegieren. Der König hat mir noch niemals Geschenke gemacht. Und was wollten Sie heut hier bei der Königin Mutter?

Der König hat mir befohlen, der Königin Mutter aufzuwarten, weil ich von nun an, da ich Leutnant bin, auch courfähig bin und an den Hoffesten teilnehmen darf.

Ah, der König hat Ihnen das befohlen, sagte Pöllnitz. Wahrhaftig, mein Freund, es scheint mir, daß der König Sie zu großen Dingen bestimmt, da er Sie so auffallend begünstigt. Sie werden eine glänzende Karriere machen, vorausgesetzt, daß Sie klug sind und es verstehen, den Klippen und Strömungen auszuweichen, die sich auf Ihrem Wege befinden werden, oder die, wenn sie sich nicht natürlicherweise auf demselben befinden, bereitwillige und gewandte Hände darauf hinschleudern werden, denn da Sie in Gunst sind, so werden Sie auch gar bald Feinde haben!

Ich glaube, daß ich deren jetzt schon habe, sagte der junge Offizier lachend. Man hat mich dem König schon mehrmals als einen Raufbold, einen Händelmacher verdächtigen wollen, aber der König hat glücklicherweise darüber gelacht.

Er ist wirklich sehr in Gunst, und ich werde gut tun, ihn mir zum Freunde zu machen, dachte der Baron. Der König wird mit mir zufrieden sein, wenn ich es tue.

Demzufolge reichte er dem Offizier die Hand und sagte mit fast väterlicher Zärtlichkeit: von heute an sollen Ihre Feinde Sie nicht mehr allein finden, wenn es ihnen gefallen sollte, Sie anzugreifen. Sie werden mich immer als einen Freund an Ihrer Seite finden, denn, wie gesagt, Sie sind der Sohn der einzigen Frau, welche ich auf Erden jemals geliebt habe! Ich werde Sie daher in meinem Herzen immer meinen Sohn nennen!

Und ich nehme Sie von ganzem Herzen als meinen Vater an, rief Friedrich von Trenck. Seien Sie mein Vater, mein Freund und mein Ratgeber.

Der Hof ist allerdings ein sehr schlüpfriger Boden, auf welchem man sehr leicht straucheln kann, wenn sich zur rechten Zeit nicht eine befreundete Hand darbietet, welche uns aufrecht erhält. Es werden Sie sehr viele hassen, weil Sie in Gunst sind, und der Haß vieler, das ist wie die Stiche der Hornisse. Man stirbt nicht an dem einzelnen Stich, aber wenn man viele zu gleicher Zeit empfängt, so stirbt man doch. Benutzen Sie also die Zeit Ihrer Gunst, und sichern Sie sich eine so feste und unerschütterliche Position, daß nichts imstande ist, Sie wieder aus derselben zu verdrängen!

Es fragt sich nur, wie ich das anfangen muß, um zu derselben zu gelangen?

Sie fragen das, und Sie sind neunzehn Jahre alt, sechs Fuß hoch, haben ein schönes Gesicht, eine einnehmende Gestalt, einen alten angesehenen Namen und werden bei Hofe gnädig empfangen! Ach, mein Freund, ich habe viele, welche nur die Hälfte Ihrer glänzenden Besitztümer hatten, zu den höchsten Ehren und Würden gelangen sehen, und dieses dadurch, daß sie zu rechter Zeit das rechte Mittel, welches poussieren kann, angewandt hatten.

Und dieses Mittel ist?

Frauengunst, mein Lieber! Sie müssen machen, daß sich mächtige und einflußreiche Frauen in Sie verlieben, das ist alles! Oh, Sie erschrecken und Ihre Stirn verfinstert sich! Sollten Sie unglücklicherweise schon verliebt sein?

Nein, sagte Friedrich von Trenck heftig, ich habe noch niemals geliebt, ja mehr als das, ich darf sagen, daß ich noch niemals die Lippen einer Frau berührt habe.

Herr von Pöllnitz sah ihm mit einem Ausdruck des Entsetzens ins Gesicht. Wie? sagte er. Eine heilige Jungfrau und schon neunzehn Jahre? Wissen Sie, daß selbst die Jungfrau Maria jünger war, als sie Christus gebar?

Und der Baron begann auf seine eigentümliche zynische Weise zu lachen, indem er seine goldene Dose wie einen Kreisel zwischen dem Daumen und Mittelfinger umherbewegte.

Die gewöhnlichen und gemeinen Frauen haben mich stets mit Widerwillen erfüllt, sagte der junge Offizier einfach, und bis heute hatte ich keine Frau gesehen, welche dem Ideal meiner Sehnsucht geglichen hätte.

Demzufolge also würde die Frau, welche Sie lieben werden, Ihre ersten Entzückungen, Ihre ersten Liebesschwüre haben?

So würde es sein!

Und Er trägt die Uniform der Gardedukorps und ist Leutnant! rief Herr von Pöllnitz mit tragischem Pathos, die Arme gen Himmel erhebend, und dann den Offizier mit verwunderter Neugierde betrachtend. Aber wie? Sagten Sie nicht, daß Sie bis heut keine Frau gesehen haben, welche Ihrem Ideal glich?

Ich sagte das!

Und heute?

Nun, wie mich dünkt, haben wir beide heute einen Engel gesehen, einen Engel, welchen Sie beleidigten, indem Sie sie mit dem ganz gewöhnlichen Namen einer Fee benannten.

Ah, die Prinzessin Amalie! rief Pöllnitz entzückt. Sie werden dieses junge Mädchen lieben, mein Freund!

Dann würde ich sehr unglücklich sein, denn zu meinem Unglück ist sie eine Prinzessin, und meine Liebe wird unerwidert bleiben!

Und wer sagt Ihnen das? Wer sagt Ihnen, daß diese kleine Amalie, weil sie eine Prinzessin ist, nicht immer doch ein Mädchen sei, welches ein Herz hat? Versuchen Sie es nur, dieses Herz zu wecken! Der glückliche Zufall ist Ihnen schon entgegengekommen, und wenn Sie nur ein ganz klein wenig abergläubisch sind, so werden Sie gestehen müssen, wie es ein bedeutungsvolles Zeichen ist, daß Prinzeß Amalie dadurch Ihre Blicke auf sich zog, indem sie Sie mit Rosen warf, oder vielmehr schoß, sollte ich sagen, denn der lose Gott Amor hat, wie es scheint, einen seiner Pfeile in eine Rose verwandelt, und während Sie meinten, von der Prinzessin ins Angesicht getroffen zu werden, hat Amor zugleich mit dieser Rose Ihr Herz verwundet! Versuchen Sie also Ihr Glück, junger Freund. Machen Sie, daß die Lieblingsschwester des Königs Sie liebt und Sie werden allmächtig sein.

Der junge Offizier sah ihn mit staunenden, wirren Blicken an. Sie wollen doch nicht sagen, stammelte er –

Ich will sagen, unterbrach ihn Pöllnitz, daß, da Sie die Gunst des Bruders haben, ich nicht einsehe, warum Sie nicht auch die Gunst der Schwester erlangen sollten. Ich will ferner sagen, daß ich Ihnen behilflich sein werde, dieselbe zu erlangen, und daß ich immer als ratender und besonnener Freund an Ihrer Seite stehen werde.

Wissen Sie, daß Sie mir da eine Aussicht eröffnen, vor welcher mir schwindelt? sagte der junge Mann ganz verwirrt. Ich sollte es wagen, eine Prinzessin zu lieben und um ihre Gegenliebe zu werben?

Was das erste anbetrifft, so glaube ich, haben Sie es schon gewagt, und was das zweite anbetrifft, so weiß ich nicht, warum Sie mit Ihrer Jugend und Schönheit nicht berechtigt wären, dieselbe zu beanspruchen!

Weil ich niemals der Gemahl einer Prinzessin werden konnte!

Pöllnitz lachte laut. Sie haben recht, sagte er, Sie sind wirklich so unschuldig, wie ein junges Mädchen. Kaum verliebt, denken Sie schon an die Möglichkeit des Heiratens, als ob die Liebe gar keine andere Zuflucht hätte, als die Ehe! Und doch meine ich gelesen zu haben, daß Gott Amor und Gott Hymen zwei Brüder sind, welche sehr selten zusammenkommen, weil sie sich niemals miteinander vertragen können, und sich deshalb gern fliehen. Übrigens, mein junger Freund, wenn Ihre Liebe denn so tugendhaft ist, daß sie durchaus des Priestersegens bedarf, so ist ja das auch möglich. Hat ja doch vor wenigen Jahren erst die verwitwete Markgräfin von Bayreuth, die Tante unsers Königs, sich rechtskräftig mit dem Grafen Hoditz vermählt. Nun, und was die Tante des Königs vermochte, das wird auch für seine Schwester wohl nicht unmöglich sein.

Schweigen Sie! Schweigen Sie! murmelte Friedrich von Trenck. Ihre Worte umnebeln meinen Verstand wie Opiumduft, und machen mich trunken, sinnlos. Sie stehen neben mir wie der Versucher und versuchen mein Herz, aber ich gleiche nicht dem Messias, denn ich habe nicht den Mut, diese Schätze zurückzuweisen, welche Sie mir zeigen und denen meine ganze Seele entgegenjauchzt. Oh, mein Herr, was haben Sie getan. Sie haben meinen Ehrgeiz, meine Jugend, meine Leidenschaft wachgerufen, Sie haben ein verzehrendes Feuer in meine Adern gegossen, und ich fühle mich ganz trunken von diesem süßen Gift, das Sie in meine Ohren geträufelt haben!

Ich habe Ihnen gesagt, daß ich Ihr Vater sein will, ich werden Sie also leiten und Ihnen zu rechter Zeit alle die Steine zeigen, an denen Ihr Fuß sonst straucheln könnte, sagte Herr von Pöllnitz, dessen versteinertes egoistisches Herz nicht das geringste Mitleid empfand mit der Seelenqual dieses armen jungen Menschen, dem er, wie dieser bezeichnend genug gesagt, »Gift in die Ohren geträufelt hatte«. – Für ihn war Friedrich von Trenck, der Günstling des Königs, weiter nichts als eine Stufe, durch welche er sich selber erhöhen wollte; er war deshalb bemüht, diese Stufe so anzubringen, daß er selber sich mit Nutzen und Erfolg darauf emporschwingen könnte. – Er nahm jetzt den Arm des Offiziers, und mit kalten und besonnenen Worten seine Glut beschwichtigend, und ihn zur Ruhe und Vernunft ermahnend, ging er mit ihm dem Schlosse zu, um bei der Königin Mutter die Aufwartung zu machen.

Aber die Königin war schon bei ihrer Toilette und nahm keine Besuche mehr an. Die beiden Herren verließen daher das Schloß und schlenderten Arm in Arm hinaus auf die Straße.

Lassen Sie uns nach dem Schlosse zugehen, sagte Pöllnitz. Wir werden da ein köstliches Schauspiel haben, denn wir werden da eine Schar wandelnder Perücken sehen, welche sich als Menschen, nein, nicht als Menschen, sondern als Gelehrte verkleidet haben. Es ist heut auf dem Schlosse die erste Sitzung der wiedererneuerten Akademie der Wissenschaften gewesen, und der hochberühmte, neu ernannte Präsident Maupertuis hat sie im Namen des Königs eröffnet Rödenbeck, Tagebuch pag. 108.. Es wird jetzt gerade die Zeit sein, wo die ehrwürdigen Herren das Schloß verlassen. Gehen wir also, diesem interessanten Schauspiel zuzusehen.

Indessen erreichten die beiden Herren nicht das Ziel ihrer Wanderung. Eine breite Menschenwoge wälzte sich ihnen entgegen und nötigte sie still zu stehen, wie die übrigen es taten.

Jedermann schien etwas zu erwarten, irgendeinem Schauspiel entgegenzusehen, das sich da in diesem Kreise, welchen man in der Mitte dieser bewegten Masse frei gelassen hatte, begeben sollte. Man lachte und scherzte, und fragte sich untereinander, was dies alles zu bedeuten habe, und was dieser Trommler da soeben im Lustgarten abgelesen hätte?

Was er hier wiederholen wird! sagte eine Stimme aus dem Volkshaufen, der sich immer mehr vergrößerte, und in dessen Wogen Herr von Pöllnitz mit seinem jungen Begleiter wider Willen hineingezogen wurden. Gedrängt, gestoßen von mächtigen Armen, welche sich selber Bahn brechen wollten, indem sie denen, welche vor ihnen standen, eine Bahn brachen, dann vorwärts geschoben, befanden sie sich in demselben Augenblick an dem Rande dieses kleinen, in der Mitte des Volkshaufens freigelassenen Kreises, als der Trommler von der andern Seite denselben durchbrach und in den Raum eintretend, mit kräftigen und eifrigen Händen seine Trommelstöcke auf dem weißen Kalbfell der Trommel spielen ließ.

Dieses Geräusch übertönte das Geschrei, das Lachen und Schwatzen der Menge, und machte es endlich sogar verstummen, jedermann hielt den Atem an, um zu hören, was der öffentliche Ausrufer, nachdem er mit der Trommel gesprochen, jetzt mit seinem Munde zu sprechen haben würde.

Er zog aus seiner Tasche ein mit einem großen Gerichtssiegel versehenes Papier hervor, das er auf seiner Trommel entfaltete, dann begann er inmitten der allgemeinen Stille die kurze Eingangsformel zu lesen: » Wir Friedrich der Zweite, König von Preußen« – Seit der Regierung Friedrichs waren auf seinen Befehl alle diese langen Titulaturen, dieses hochtrabende Register aller Länder und Besitztümer, deren wirklicher oder nomineller Herr und Besitzer der König von Preußen war, fortgeblieben. Friedrich fand es nicht für nötig, die Namen der Länder, welche er besaß, nur als blendenden Kometenschweif hinter seinem Namen herzuziehen; er begnügte sich damit, zu seinen Ländern neue hinzu zu erobern, mit welchen er indes nicht seine Titel, sondern nur seinen Besitz vergrößerte. Ja, auch diesen höchsten Titel der Könige, dieses » von Gottes Gnaden« hatte Friedrich der Zweite aus seiner Titulatur fortgestrichen, und in allen Erlassen und Gesetzen, welche er an sein Volk richtete, nannte er sich immer nur »König von Preußen«. Damit war alles gesagt, alles ausgedrückt, und wenn sein Vater und Großvater sich »König in Preußen, von Gottes Gnaden« nannten, so war Friedrich der erste König von Preußen Büsching, Charakter Friedrichs II. S. 114. – Preuß, Friedrich der Große I. 108. und wenn er sich dabei der Gnade Gottes nicht rühmte, so geschah das vielleicht nur, weil er durch Taten, nicht durch Worte beweisen wollte, daß er derselben gewiß sei!

Nach dieser kleinen Abschweifung, welche der Leser uns verzeihen möge, kehren wir zu dem öffentlichen Ausrufer zurück, welcher eben den Erlaß des Königs vorzulesen oder zu schreien begann.

»Wir König Friedrich von Preußen verordnen und befehlen hierdurch, daß niemand in unsern Landen sich einfallen lassen soll, unserm Oberkammerherrn Baron von Pöllnitz, welchen wir wieder in unsere Dienste genommen haben, Geld zu leihen, oder ihm zum Entleihen desselben behilflich zu sein. Wer dies, trotz dieses Verbots, dennoch tut, hat die Folgen davon sich selber zuzuschreiben und darf vor keinem Gericht den Baron von Pöllnitz verklagen, wie kein Gericht diese Klage annehmen dürfte. Wer diesem Befehl zuwider handelt, und Herrn Baron von Pöllnitz Geld leihet, verfällt in eine Strafe von fünfzig Talern oder vierzehn Tagen Gefängnis.«

Ein brüllendes Gelächter der ganzen Menge war das Amen zu diesem Vortrag des Ausrufers, ein Gelächter, in welches Herr von Pöllnitz klüglicherweise mit einstimmte, während der junge Offizier, verwirrt und bestürzt, nicht den Mut hatte ihn anzublicken, sondern beschämt das Auge zu Boden richtete.

Oh, wie wird dieser vornehme Herr sich ärgern müssen! rief eine frohlockende Stimme aus der Menge.

Er ist gewiß ein unverbesserlicher Schuldenmacher! rief eine andere.

Er hat es ohne Zweifel verdient, daß der König ihn so hart straft, ihn so öffentlich beschimpft! rief ein dritter.

Und das nennt ihr eine öffentliche Beschimpfung? Das nennt ihr eine Strafe? rief Herr von Pöllnitz selbst. Wie, ihr guten Freunde, ihr wißt also nicht, daß das eine Ehre ist, welche der König seinem Oberkammerherrn erzeigt? Ihr seht also nicht, daß er ihn gewissermaßen den Prinzen von Geblüt, den Prinzen des königlichen Hauses gleichstellt?

Wie das? Erklären Sie uns das! riefen hundert Stimmen auf einmal.

Nun, das ist ganz einfach! Hat nicht der König dieses Gesetz erneuert, welches bei hoher Strafe verbietet, den Prinzen des königlichen Hauses Geld zu borgen? Ist dieses Gesetz nicht in unsern beiden Zeitungen sowohl, als in der Gesetzsammlung publiziert worden?

Ja, ja! Das ist es! riefen viele Stimmen auf einmal.

Und gewiß hat unser erhabener König, Er, welcher seine Familie so sehr liebt, mit diesem Gesetze die Prinzen nicht kränken und an ihrer Ehre beschädigen wollen!

Gewiß hat er das nicht gewollt und auch nicht getan!

Der König also hat heute, wie ihr jetzt begreifen werdet, den Baron von Pöllnitz gerade so behandelt, wie er seine Brüder behandelt!

Und das ist ohne Zweifel eine große Ehre für ihn, rief das gefällige Echo der Menge, welche indes nicht ahnte, wer der Redner sei, der die Ehre des Herrn von Pöllnitz so angelegentlich verteidigte.

Der König hat also den Herrn von Pöllnitz behandelt wie seine Brüder, und da er, wie ihr selber sagt, diese mit dem Gesetz nicht hat beleidigen wollen, so sehe ich nicht ein, warum man annehmen wollte, daß das eine Beleidigung für den Baron von Pöllnitz sein sollte, was für den Prinzen keine ist!

Ein beifälliges Gemurmel erhob sich in der Menge; selbst der öffentliche Ausrufer war still in dem um ihn und den unbekannten Redner gebildeten Kreise stehen geblieben, und aufmerksam zuhörend, vergaß er darüber weiterzugehen und an der nächsten Straßenecke sein seltsames Publikandum zu verkündigen.

Dieses Gesetz ist außerdem, wie man zu sagen pflegt, sans conséquence, fuhr Pöllnitz fort. Denn wer würde trotz desselben nicht gern bereit sein, unsern Prinzen Geld zu borgen, wenn sie dessen benötigt sind? Und wer möchte daran Anstoß nehmen, daß der Staat nicht die Schulden bezahlen will, welche die Prinzen als Privatpersonen machen? Dasselbe gilt von dem Herrn von Pöllnitz. Der König, welcher dem zurückgekehrten Baron zwei hohe Chargen gegeben, welcher ihn zum Ober-Garderobenmeister und Ober-Zeremonienmeister ernannt hat, der König will ihn davon zurückschrecken, Schulden zu machen, und er wählt dazu dasselbe Mittel, welches er bei den Prinzen anwendet, er verbietet, dem Herrn von Pöllnitz Geld zu leihen; da er aber das nicht als Gesetz in die Gesetzsammlung aufnehmen kann, so läßt er es durch den Ausrufer öffentlich bekannt machen!

Und jetzt, fuhr der Redner fort, welcher sehr wohl den günstigen Eindruck bemerkte, welchen seine Rede auf seine Zuhörer gemacht, jetzt, meine guten Freunde, bitte ich euch, mir ein wenig Platz zu machen und mich hindurch gehen zu lassen. Ich muß auf das Schloß gehen, um dem König für die große Gnade und Auszeichnung zu danken, welche er mir eben hat widerfahren lassen, denn ich selber bin der Baron von Pöllnitz.

Ein Ausruf der Überraschung tönte von hundert Lippen, und jeder, der sich in der Nähe des Herrn von Pöllnitz befand, trat ehrerbietig ein wenig beiseite, um dem vornehmen Herrn Platz zu machen, den der König so behandelte, als ob er ein Prinz des königlichen Hauses wäre.

Pöllnitz schritt mit einem recht freundlichen Lächeln durch diese enge Gasse dahin, und grüßte herablassenderweise diejenigen, welche besonders bemüht waren, ihm den Weg zu öffnen.

Ich denke, daß ich dem König da ein gutes Paroli gebogen habe, sagte er zu sich selber. Ich habe diesem auf mich gerichteten Pfeil die Spitze abgebrochen und er ist unschädlich von meiner Brust abgeprallt. Ich werde von heute an die öffentliche Meinung für mich haben, und was für mich eine Schande sein sollte, wird mir zur Ehre gereichen! Immerhin aber war es doch ein sehr hartes und grausames Verfahren, für welches ich eines Tages Abrechnung halten werde mit dem König. Ah, König Friedrich, König Friedrich, ich werde das nicht vergessen, und ich werde meine Revanche nehmen! Auch mein Spiel ist gemischt und bald werde ich einige wirksame Trümpfe ausspielen. Warten wir aber doch ein wenig auf unsern verliebten Schäfer, diesen unschuldsvollen und zärtlichen Herrn von Trenck, der auf dem besten Wege ist, sich in die kleine hübsche Prinzessin Amalie zu verlieben!

Und Herr von Pöllnitz stand still, um den jungen Offizier zu erwarten, welcher sich mühsam durch die Menge Bahn gemacht hatte, und jetzt mit großen Schritten ihm nachgeeilt kam.

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