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Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch

Luise Mühlbach: Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorLuise Mühlbach
titleBerlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch
publisherHermann Borsdorf Verlag
year1912
printrunZehnte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140815
projectid364bdc6b
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V. Wie man Königin von Schweden wird

Prinzessin Ulrike, die älteste der beiden noch unverheirateten Schwestern des Königs, ging in heftiger Erregung in ihrem Zimmer auf und ab. Der König, ihr erhabener Bruder, hatte eben der Königin Mutter einen Besuch abgestattet, und die beiden Prinzessinnen hatten auf ausdrückliches Verlangen des Königs bei diesem Besuch gegenwärtig sein müssen. – Der König war sehr aufgeräumt, sehr heiter und gesprächig gewesen. Er hatte ihnen erzählt, daß die Signora Barbarina angekommen sei und heute abend auf dem Schloßtheater zum ersten Male tanzen werde, zu welcher Vorstellung er die Königin Mutter und die beiden Prinzessinnen eingeladen hatte, mit der besonderen Weisung an seine Schwestern, heute abend eine recht geschmackvolle Toilette zu machen, und bei dem nach dem Theater stattfindenden Ball und Souper eine recht heitere und liebenswürdige Stimmung zu zeigen. Beide, hatte der König gesagt, sollten sie heiter sein, die eine, um zu beweisen, daß sie keinen Ärger, die andere, um zu beweisen, daß sie Freude empfinde. Als dann die beiden jungen Mädchen, neugierig geworden, in ihn gedrungen waren, und den König um eine Erklärung dieser mysteriösen Worte gebeten, hatte er ihnen gesagt, daß der schwedische Gesandte, Graf Tessin, heute bei den Hoffestlichkeiten zugegen sein würde, und daß derselbe nach Berlin gekommen sei, um für den schwedischen Thronfolger eine Gemahlin auszuwählen, oder vielmehr um eine Gemahlin für denselben anzuhalten. Seine Wahl sei, wie es schiene, schon getroffen, denn der Graf habe den König heute gefragt, ob er schon über die Hand der Prinzessin Amalie verfügt habe, oder ob man um dieselbe noch werben dürfe. Der König hatte ihm darauf erwidert, daß die Prinzessin Amalie noch durch kein Verlöbnis gebunden sei, und die Werbung um sie daher vollkommen frei stehe.

Sei also heute abend recht schön und recht liebenswürdig, hatte der König gesagt, indem er zärtlich die rosigen Wangen seiner Schwester streichelte. Beweise dem Herrn Grafen, daß die hohe Stirn meiner kleinen Schwester sehr geeignet dazu ist, eine Krone zu tragen.

Und Euere Majestät wollen wirklich einwilligen, die jüngste meiner Töchter zuerst zu verheiraten? hatte die Königin Mutter gefragt, indem sie nach der Fensternische hinüberblickte, in welche Prinzessin Ulrike sich zurückgezogen hatte.

Der König folgte dem Blick seiner Mutter und bemerkte sehr wohl, daß Prinzeß Ulrike ihre Stirn in finstere Falten gelegt hatte, und daß ihre Lippen zitterten.

Aber der König wollte das nicht bemerken, denn das würde geheißen haben, die Kränkung für seine Schwester noch empfindlicher machen.

Nun, ich denke, Euere Majestät waren nicht älter wie Amalie, als Sie sich meinem Vater vermählten, sagte der König, und wenn der Kronprinz von Schweden gerade Amalie zu heiraten wünscht, so weiß ich nicht, weshalb wir ihm dieselbe verweigern sollten, da wir nicht Juden sind und es bei uns kein Gesetz ist, daß die ältere der Schwestern vor der jüngern verheiratet sein muß. Die Prinzeß Amalie dem Kronprinzen von Schweden verweigern oder ihm dafür die Prinzessin Ulrike anbieten, das würde uns das Aussehen geben, als fürchteten wir diese nicht verheiraten zu können und bäten sie daher als eine überreife Frucht den Käufern an. Ich denke, meine schöne und geistreiche Schwester Ulrike hat eine solche Beleidigung nicht verdient, und es werden sich außer dem Kronprinz von Schweden noch Freier genug für sie finden.

Auch bin ich durchaus nicht begierig darnach, mich zu verheiraten, hatte Ulrike gesagt, indem sie stolz ihr Haupt zurückwarf und einen halb mitleidigen, halb zürnenden Blick auf ihre Schwester Amalie gleiten ließ. Nein, ich trage durchaus kein Verlangen, mich zu vermählen, denn ich habe in unserer Familie eben nicht so viele Beispiele einer glücklichen Ehe gesehen, um glauben zu können, daß es wirklich ein Glück in der Ehe geben könnte. Alle unsere Schwestern sind unglücklich vermählt und ich sehe nicht ein, warum ich es ihnen gleichtun soll!

Der König lächelte. Ich sehe, daß meine Ulrike ganz meine Aversion gegen die Ehe teilt, sagte er. Aber wir können nicht verlangen, meine Teure, daß alle es uns gleichtun an Weisheit. Lassen wir also immerhin die kleine törichte Amalie sich vermählen und uns abtrünnig werden. Diese Heirat wird ihr viel Mühe und Beschwerden machen, denn nicht genug, daß sie dadurch in das Land der Bären, der Renntiere und des Schnees versetzt wird, muß sie auch vorher noch sich taufen lassen und eine neue Religion annehmen. Danken wir also Gott, daß der Kronprinz von Schweden die Kaprice hat, nicht dich, sondern sie zu wählen und überlassen wir die kleine Närrin, welche durchaus heiraten will, ihrem Schicksal!

Der König in seiner gutmütigen edlen Weise, hatte nur die Absicht gehabt, seine Schwester Ulrike zu trösten und ihr Zeit zu geben, sich zu sammeln. Aber er bemerkte nicht, daß seine Worte zu gleicher Zeit seine jüngste Schwester schmerzlich getroffen hatten und daß sie erbleicht war, als der König gesagt, daß sie eine neue Religion annehmen müsse, um Kronprinzessin von Schweden zu werden.

Auch die stolze Königin Mutter hatte sich von dieser Nachricht schmerzlich getroffen gefühlt. Ich denke, Sire, sagte sie, daß man der Tochter Friedrich Wilhelms des Ersten, der Schwester des regierenden Königs von Preußen, wohl gestatten wird, ihrer Religion, dem Glauben ihrer Väter, treu zu bleiben.

Madame, erwiderte der König sich ehrfurchtsvoll verneigend, es handelt sich hier zu meinem Bedauern nicht um Amaliens Väter, sondern darum, daß sie die Mutter von Söhnen sein wird, welche nach den Gesetzen ihres Landes auch dem Glauben ihrer Väter treu bleiben müssen. Sie sehen also wohl, daß, wenn aus dieser Vermählung etwas werden soll, eine der beiden Parteien nachgeben muß, und da scheint es mir, daß es dann der Beruf und die Pflicht des Weibes ist, sich zu unterwerfen und nachzugeben.

O ja, rief die Königin bitter, mein Sohn ist aus einer zu guten Schule und zu sehr ein echter Hohenzoller, um nicht immer auf die Unterwerfung und Nachgiebigkeit der Frauen bestehen zu wollen. An diesem Hofe können die Frauen nicht herrschen, sondern nur gehorchen.

Sie können nicht herrschen, aber sie beherrschen uns doch, und indem wir zu gebieten scheinen gehorchen wir ihnen doch! sagte der König, indem er seiner Mutter ehrfurchtsvoll die Hand küßte und sich dann verabschiedete.

Auch die drei Damen hatten sich sofort schweigend jede in ihre Gemächer zurückgezogen. Jede war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt gewesen, um die Nähe der andern ertragen zu können.

Jetzt, da sie allein war, hatte Prinzessin Ulrike nicht mehr nötig dieses Lächeln festzuhalten, welches sie so lange, so mühsamer Weise auf ihrem Antlitz bewahrt hatte. Jetzt durfte sie ihrem Zorn erlauben, frei aufzuatmen und ihr ganzes Wesen wie mit glühenden Feuerströmen zu durchziehen.

Ihre jüngere Schwester, dieses kleine Mädchen von achtzehn Jahren, sollte sich verheiraten, sollte einen zukünftigen König heiraten, während sie, die Ältere, sie, das Mädchen von zweiundzwanzig Jahren, noch unvermählt blieb! Und es war nicht ihre Abneigung, nicht der Wille des Königs, welcher das bewirkte, sondern es geschah, weil niemand ihre Hand begehrte, es geschah, weil dieser schwedische Gesandte nicht kam, um ihre Hand zu werben, sondern um die ihrer Schwester. Sie war also verschmäht, beiseite geschoben, übergangen! Denn was auch der König immer sagen mochte, und wenn es auch kein Gesetz gab, welches die Verheiratung der ältern Schwester vor der jüngern bedingte, so war es doch ein Gesetz des Herkommens, der höhern Schicklichkeit, und dieses Gesetz ward hier verletzt, indem man an ihr, der ältern Schwester, vorüberging und die jüngere wählte.

Als Ulrike das jetzt überlegte erhob sie sich mit einem einzigen Sprung von dem Sessel, auf welchem sie, überwältigt von dieser Gemütsbewegung, welche ihre Knie zittern machte, niedergesunken war. Wie eine kampfbereite Tigerin hatte sie sich fest und gerade aufgerichtet, als erwarte sie den Feind, den sie entschlossen war zu töten.

Das heftige und stürmische Blut der Hohenzollern war in ihr wachgerufen, der Stolz und die Energie ihrer Mutter glühte mit fieberischen Pulsschlägen in ihrer Brust.

Sie wäre glücklich gewesen, wenn irgendein Feind ihr gegenüber gestanden hätte, denn sie würde alsdann doch ein Ableitungsmittel, eine Ausflußquelle für diese Ströme von Zorn gehabt haben, welche ihre Adern durchtobten. Aber sie war allein, ganz allein, kein anderer Feind war da als ihre eigene Person, und da sie niemand anders sah, mußte sie sich selber bekämpfen, sich selber den Krieg erklären.

Mit hastigen, wilden Schritten trat sie zum Spiegel hin und betrachtete in demselben ihr eigenes Bild.

Ihr Auge war dabei eisig kalt, forschend und strenge. Sie prüfte sich selber, sie wollte in ihrer eigenen äußern Erscheinung jetzt die Gründe erfahren, weshalb der schwedische Gesandte nicht um sie, sondern um ihre Schwester zu werben kam.

Es ist wahr, sagte sie, Amalie ist schöner im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Ihre Wangen sind rosiger, ihre Augen sind größer, ihr Lächeln ist fröhlicher und jugendlicher, und ihre kleine und zierliche Gestalt ist zugleich unschuldvoll und üppig. Sie würde die schönste Schäferin sein, aber sie ist keine Königin. Sie hat keine Majestät und keine Würde, sie hat nicht den imposanten Ernst, welchen die Überlegung nicht gibt, sondern den die Vorsehung in unsere Züge gelegt hat und ohne welchen man bei einer Königin niemals vergessen wird, daß sie eine Frau ist. Sie hat nicht diese strenge ruhige Erhabenheit, welche jede Vertraulichkeit zurückweist und mit einem leisen Lächeln und einem unmerklichen Händedruck mehr beglückt und belohnt als eine gewöhnliche Frau es mit der hingebendsten Zärtlichkeit und den heißesten Liebkosungen vermag. Amalie würde niemals eine vollendete Königin, sondern immer nur eine schöne Frau sein, während ich vielleicht eine weniger schöne Frau, aber eine vollendetere Königin sein würde. Ich habe das Antlitz und die Gestalt einer Königin, und ich habe auch die Seele einer Königin. Ich würde es verstehen, als Königin meinem Hofe zu imponieren, und nicht um einem frauenhaften Bedürfnis, sondern um dem Ehrgeiz einer Königin zu genügen, würde ich mich vor meinem Volke beliebt machen! Aber man will mich nicht, man verschmäht mich. Amalie wird Königin werden, und mir wird es vielleicht ergehen wie meinen Schwestern, ich werde irgendeinen armen Markgrafen, einen kleinen Herzog heiraten und Gott danken müssen, daß ich nicht noch am Ende eine alte apanagierte Prinzessin bleibe.

Sie stampfte wild mit dem Fuß auf den Boden und ging heftigen Schrittes auf und ab. Aber allmählich wurde ihr Schritt ruhiger, ihre vorher von so finstern Wolken beschattete Stirn begann sich aufzuklären, und ein unmerkliches Lächeln umspielte sogar auf einen Moment ihre Lippen, welche der Zorn vorher so fest aufeinander gepreßt hatte.

Am Ende, sagte sie, ist doch der formelle Antrag nicht geschehen, und man kann immer noch nicht wissen, ob es auch dazu kommen wird, oder ob der Herr Gesandte sich nicht vielleicht versprechen und meinen Namen mit dem meiner Schwester verwechselt hat. Und da er seinen Antrag noch nicht gemacht hat, so beweist das, daß er erst beobachten und dann seine Entschlüsse fassen will. Nun, wenn das Resultat seiner Beobachtungen wäre, daß Amalie keine geeignete Gemahlin für seinen Herrn wäre, und wenn Amalie selbst – ich glaube bemerkt zu haben, daß sie erbleichte, als der König ihr von einem Religionswechsel sprach, und daß sie mehr einer Unglücklichen, Kummervollen, denn einer in ihrem Stolz und in ihren Hoffnungen Befriedigten glich, als sie sich vorher in ihr Zimmer begab. Ah, ich sehe jetzt Land, sagte Ulrike hochaufatmend, indem sie mit einem behaglichen Lächeln sich auf den Diwan niedergleiten ließ. Ich bin keine Schiffbrüchige mehr, denn ich habe ein Brett gefunden, welches mich vielleicht retten wird. Überlegen wir also ein wenig!

Und als wollte das Schicksal selbst ihrer Überlegung zu Hilfe kommen, öffnete sich jetzt die Tür, und Prinzessin Amalie trat ein.

Ein Blick auf dieselbe genügte um der Prinzessin Ulrike zu beweisen, daß sie sich nicht getäuscht, sondern daß sie vollkommen recht gehabt, wenn sie annahm, Amalie sei nicht von Freuden erfüllt über das ihr bevorstehende Ereignis. – Die Augen der Prinzessin waren gerötet von Tränen, und diese Lippen, welche sich sonst so gern zu fröhlichem Geplauder und lustigem Lachen geöffnet hatten, waren fest aufeinander gepreßt.

Ulrike sah das alles und richtete danach ihr Benehmen ein. Statt daß sie ihre Schwester Amalie sonst kalt und abstoßend empfangen haben würde, ging sie ihr jetzt mit allen Zeichen herzlicher Liebe entgegen und schloß die Schwester, welche sich laut weinend an ihre Brust warf, fest in ihre Arme.

Tränen? fragte Ulrike freundlich, indem sie Amalie zu dem Sofa führte und sie neben sich in die weichen Polster niederzog. Wie, meine arme Schwester, du weinst, während dir doch heute ein so glänzendes Los verkündet worden ist?

Amalie schluchzte nur lauter und barg ihr von Tränen überflutetes Antlitz nur noch fester an dem schwesterlichen Busen.

Ulrike blickte mit einem Gemisch von Neugierde und Schadenfreude zu ihrer Schwester nieder. Sie begriff diese Tränen nicht, und es gewährte ihr doch eine Art Genugtuung, diejenige, welche sie eben noch so sehr beneidet hatte, weinen zu sehen.

Wie? fragte Ulrike weiter. Wärst du etwa nicht zufrieden damit, eine Königin zu werden?

Amalie hob ihr Antlitz heftig empor und sagte schluchzend: Nein, ich bin es nicht zufrieden, eine Abtrünnige, eine Meineidige zu werden. Ich bin es nicht zufrieden, meinen Glauben verleugnen zu müssen, um mir damit eine elende Krone und einen Thron zu erkaufen! Ich habe vor dem Altar gelobt, meinem Glauben und meinem Gotte treu zu bleiben, und jetzt will man, daß ich denselben ablegen soll, wie man ein Kleid ablegt, um es mit einem andern zu vertauschen!

Ach, das ist es! sagte Ulrike mit mühsam unterdrücktem Spott. Du fürchtest diesen Übertritt, bei welchem dein armes unschuldiges Gewissen straucheln könnte.

Ich will dem Glauben treu bleiben in welchem ich erzogen bin und den ich am Altar beschworen habe! rief Amalie, und ihre Tränen begannen wieder heftiger zu fließen.

Nun, man sieht wohl, daß es noch nicht lange her ist, seit du deinen Glauben am Altar beschworst, sagte Ulrike lächelnd. Du hast noch den ganzen Fanatismus einer kürzlich erst Geweihten. Wie würde unser Vater sich freuen wenn er dich jetzt sehen könnte.

Er würde mich nicht zwingen, meine Religion zu verleugnen, schluchzte Amalie, er würde um äußern Glanzes willen nicht mein Seelenheil in Gefahr bringen. Oh, es ist sehr hart, sehr grausam von meinem Bruder so über mich wie über eine Ware zu bestimmen und weder mein Herz noch mein Gewissen zu befragen ob es mit seinen ehrgeizigen Plänen übereinstimmt.

Ulrike heftete auf ihre Schwester einen langen, durchdringenden Blick. Sie hätte gern auf dem Grunde ihrer Seele gelesen, um zu erforschen, ob in Amaliens Herzen wie in ihrem Gewissen nur dieser eine Widerwille, nur diese Abneigung eines Religionswechsels sich dem Heiratsprojekte widersetzte.

Du also bist gar nicht ehrgeizig? fragte Ulrike. Dich reizt der Gedanke gar nicht, eine Königin zu werden, einen Namen in der Weltgeschichte zu haben?

Das junge Mädchen sah ihre Schwester erstaunt an, und ihre Tränen hörten auf zu fließen.

Was kümmert denn eine Frau die Weltgeschichte? fragte sie zurück. Was geht es denn mich an, ob sie eines Tages in ihren Geschichtstabellen mich als die Gemahlin eines Königs von Schweden anführen. Es ist ein unglückliches und trauriges Los, eine Prinzessin zu sein. Man behandelt uns als eine Ware, welche man verhandelt, verkauft an denjenigen, welcher das höchste Gebot tut und die vorteilhaftesten Bedingungen darbietet. Mag dem so sein! Es ist einmal das Los aller Prinzessinnen, wir sind dazu erzogen und gebildet und müssen uns dem in Demut unterwerfen. Aber unsere Gewissen sollte man wenigstens unberührt lassen, und wenn man unsere Leiber verkauft, sollte man uns doch mindestens die Freiheit lassen, zu denken und zu glauben, was wir wollen, mindestens den armseligen Trost, unsern Gott anzurufen in der Weise, wie es uns gefällt, und Schutz und Beistand zu suchen in den Armen einer Religion, an welche wir glauben und die wir lieben!

Man kann Gott treu sein auch wenn man seiner Religion ungetreu werden muß! sagte Prinzessin Ulrike, welche in ihrem Innern schon für sich eine Entschuldigung für ihren möglichen Religionswechsel suchte.

Ich kann das nicht! rief Amalie leidenschaftlich. Ich hänge an der Religion meiner Väter, und ich würde zittern vor dem Zorn Gottes, wenn ich sie abschwören müßte!

Dennoch ist es ein so kleiner unbedeutender Schritt von der reformierten Kirche bis zur protestantischen, sagte Ulrike gereizt, indem sie ganz vergaß, daß man sie nicht allein anklagen wollte und es sich gar nicht um sie handele. Man kann eine ebenso gute fromme Christin als Lutheranerin wie als Reformierte sein!

Ich nicht, ich nicht! rief Amalie mit dem Eigensinn eines Kindes, welches nicht gewohnt ist Widerspruch zu finden. Ich will meine Religion nicht verleugnen, ich will nicht eine Protestantin werden. Das ist gut genug für einen Pöllnitz, aber nicht für die Tochter meines Vaters. Hat uns der König nicht mit tiefer Indignation und Verachtung erzählt, daß Pöllnitz schon wieder seine Religion gewechselt hat und aus einem Reformierten ein Protestant geworden sei, und haben wir nicht alle darüber gelacht und in unserm Herzen diesen ehrlosen Mann verachtet? Ich will nicht, daß man mich mit einem Pöllnitz auf gleiche Linie stelle! Ich werde meine Religion nicht ableugnen, ich werde meinen Glauben nicht verlassen!

Dann wird es sehr harte Kämpfe, sehr harte Stürme geben, seufzte Ulrike, dann werden die Szenen früherer Tage sich wieder erneuern, denn unser Bruder ist nicht minder unbeugsam als es unser Vater war, und seine Brüder und Schwestern, fürchte ich, sind ihm weiter nichts als nützliche Stifte in seiner großen Staatsmaschine, Stifte, die sich gehorsam da einfügen müssen, wo er sie haben und verwenden will.

Das alles fühle ich und sehe ich voraus, sagte Amalie bebend, und deshalb, Schwester, mußt du mir helfen und mir beistehen, denn ich schwöre dir, ich werde meinen Glauben und meine Religion nicht aufgeben.

Ist das dein reiflich erwogener Entschluß?

Ganz gewiß!

Nun, wenn dem so ist, so will ich dir meinen Rat nicht vorenthalten!

Sprich, sprich, sagte Amalie atemlos, ihre Arme leise um die schlanke Taille ihrer Schwester schlingend und ihr Haupt auf ihre Schulter lehnend.

Zunächst also hat der schwedische Gesandte seinen Antrag noch nicht formell gemacht, das beweist, daß er dich wahrscheinlich erst beobachten und erforschen soll, ob du eine für den Kronprinzen geeignete Gemahlin bist. Wir haben also noch einen Aufschub, eine Frist, und wenn wir diese recht benutzen, können wir vielleicht das von dir gewünschte Ziel erreichen. Aber prüfe dich noch einmal, zieh noch einmal dein Herz und dein Gewissen zu Rate, ehe du dich entscheidest. Ich muß das fordern, schon um meinetwillen, damit du nicht eines Tages mich anklagen kannst, die Schuld daran zu tragen, daß dir einst der Thron von Schweden entgangen ist!

Oh, fürchte nichts, meine teure Schwester! Ich bin ganz fest entschlossen! Ich will nicht Königin von Schweden werden um den Preis meiner eigenen Seligkeit!

Du wirst mir also niemals Vorwürfe machen?

Niemals!

Höre also, von diesem Moment lege eine Maske über dein Antlitz, das heißt, nimm gegen deine ganze Umgebung, gegen deine Freunde, deine Dienerschaft, gegen die Hofgesellschaft, ja selbst gegen deine Verwandten einen rauhen, stolzen und übermütigen Ton an. Besonders zeige dich gegen diesen schwedischen Gesandten als eine kapriziöse, nervöse und hochmütige Prinzessin, welche es kaum der Mühe wert hält, mit so untergeordneten Menschen seiner Art zu sprechen und sie eines freundlichen Blickes zu würdigen. Wenn du mit ihm sprichst und er dir antworten will, schneide ihm das Wort ab und gebiete ihm zu schweigen; wenn er dir eine Artigkeit sagen will, sei ein recht verständlicher Ausdruck der Verachtung in deinem Gesicht deine einzige Antwort. Setze diese Art des Betragens einige Tage fort, und ich bin überzeugt, daß du deinen Zweck erreichen wirft. Thiébault. IV. 202 fg.

Ach, ich begreife, ich begreife! rief das junge Mädchen, vergnügt in ihre kleinen weißen Hände klatschend und mit schnell erheitertem Gesicht. Ich soll diesem Herrn Gesandten durch meine Unliebenswürdigkeit die Worte im Munde erstarren machen, damit er das entscheidende Wort nicht auszusprechen vermag. Oh, das wird eine allerliebste Komödie werben, meine Schwester, und ich verspreche dir, daß ich die Rolle einer ersten Liebhaberin sehr gut in derselben ausführen will. Oh, ich danke dir, ich danke dir! Wie glücklich bin ich doch, eine so kluge Schwester zu haben, eine so tapfere Retterin aus der Gefahr, in welcher ich mich befand.

Sie hat es nicht anders gewollt, sagte Ulrike lakonisch, als sie wieder allein war. Wenn sie keinen Ehrgeiz hat, desto schlimmer für sie, desto besser für mich! – Jetzt aber ist es die höchste Zeit an meine Toilette zu gehen! Oh, ich werde heute viel Mühe und Nachdenken auf dieselbe verwenden müssen, denn ich will, daß man mich heute schön und liebenswürdig finde. Ich will heute ein ganz bescheidenes, anspruchsloses junges Mädchen sein!

Mit einem ironischen Lächeln begab sie sich in ihr Toilettenzimmer, wo ihre Dienerinnen ihrer harrten.

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