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Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch

Luise Mühlbach: Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorLuise Mühlbach
titleBerlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch
publisherHermann Borsdorf Verlag
year1912
printrunZehnte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140815
projectid364bdc6b
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IV. Der begnadigte Kavalier

Wieder begann er zu spielen, aber diesmal war es kein Adagio, sondern ein heiteres übermütiges Allegro, mit dem der König sich seine Traurigkeit übertäuben und die Tränen aus seinem Herzen hinwegjubeln wollte. So, die Flöte blasend, ging er im Zimmer auf und ab, dann und wann vor dem Sofa stehen bleibend, auf welchem zierlich zusammengerollt das Windspiel Biche lag. Jedesmal, wenn der König vor ihr stehen blieb, hob sie das Haupt empor, mit ihren klugen freundlichen Augen zu ihm aufblickend und mit einem sanften Wedeln ihres Schwanzes ihren königlichen Freund begrüßend, welche Begrüßung der König jedesmal mit einem freundlichen Kopfnicken erwiderte, bevor er wieder weiterging. Dann immer noch Flöte blasend, ging der König zu dem silbernen Knopf, der dort in der Ecke des Zimmers auf dem Fußboden sich befand, und drückte ihn mit dem Fuß nieder.

Dieser Knopf machte eine Klingel ertönen, welche in dem unmittelbar unter dem Kabinett des Königs sich befindenden Zimmer Fredersdorfs ausmündete und ihn zu seinem Herrn hinaufrief.

Wenige Minuten später trat der Gerufene in das Zimmer, ruhig an der Tür stehen bleibend, bis der König sein Musikstück geendet und die Flöte beiseite gelegt hatte.

Guten Morgen, Fredersdorf, sagte der König dann, während er seinen Günstling mit einem scharfen, durchdringenden Blick ansah, welcher diesen unwillkürlich erbeben und das Auge niederschlagen machte. Du bist wohl schon lange munter, da du so schnell auf mein Klingeln gekommen bist.

Ja, Majestät, ich bin schon lange wach und, wie Euere Majestät sagen, auch munter, denn ich habe Euerer Majestät eine frohe Nachricht zu bringen.

Nun, so laß hören, sagte der König lächelnd. Hat etwa meine Muhme, die Kaiserin Maria Theresia, freiwillig sich ihrem Gegenkaiser Karl dem Siebenten unterworfen, oder hat sich Frankreich mit England versöhnt, oder auch, und das scheint mir das Wahrscheinlichere, hat mein Geheimkämmerer Fredersdorf das Geheimnis entdeckt, Gold zu machen, wonach er so lange, so vergeblich trachtete, und das er so gerne mit den höchsten, den feierlichsten Opfern erkaufen möchte!

Der König legte einen so eigentümlichen Nachdruck auf das Wort »Opfer«, daß Fredersdorf sich ängstlich fragte, ob am Ende der König heute seine Unterhaltung mit Joseph belauscht und erfahren habe, welches Opfer er nächstens dem Teufel darzubringen habe.

Nun, so sage schnell deine Neuigkeit, fuhr der König nach einer kleinen Pause fort, denn du siehst wohl, daß ich mich mit den fabelhaftesten Dingen herumquäle, um sie zu erraten.

Sire, die Barbarina ist gestern in Berlin eingetroffen.

Wirklich! sagte der König gelassen. Wir haben sie also endlich der Republik Venedig und dem Lord Stuart Mackenzie abgewonnen?

Nicht doch, Sire, denn der Lord ist gleichfalls heute morgen in Berlin angelangt.

Der König runzelte die Stirn. Dies ist also, wie es scheint, eine sehr ernsthafte Liebe, sagte er, welche am Ende mit einer albernen Heirat schließen möchte. Ich liebe es nicht, wenn Leute, welche in meinen Diensten stehen, mit solchen Liebes- und Heiratsprojekten umhergehen, das leitet ihre Gedanken von ihrem Dienst ab.

Euere Majestät urteilen sehr hart, murmelte Fredersdorf, welcher sehr wohl verstand, daß der König ihm selber auch einen Verweis geben wollte.

Nun, ich urteile nicht bloß so, sondern ich handele selber nach dieser Ansicht. Erlaube ich mir jemals eine solche Zerstreuung? Habe ich jemals eine Liebschaft? Oder meinst du wirklich, Fredersdorf, daß mein Blut wie Eis in meinen Adern erstarrt und mein Herz versteinert ist, und daß ich aufgehört habe ein Mann zu sein, seit ich König geworden bin?

Ich glaube, daß Euere Majestät viel zu groß, zu erhaben ist, um jemanden finden zu können, der Ihrer Liebe würdig wäre!

Torheit, Fredersdorf, wenn man liebt, legt man nicht erst sich selber auf die Wagschale und berechnet, wieviel Pfund Würdigkeit man schwer ist, sondern man liebt und vergißt darüber alles andere. Nun aber darf ich nicht vergessen, daß ich König bin und meine Zeit und meine Kräfte meinem Lande weihen muß. Siehst du, deshalb fliehe ich die Liebe, weil mein Herz allzu zärtlich ist. Und so sollst auch du sie fliehen, und so darfst auch du nicht vergessen, daß du deinem Könige deine Kräfte weihen mußt, und so soll auch diese Signora Barbarina nicht vergessen, daß sie in meinen Diensten steht, und tanzen, nicht aber lieben soll. Mag sie Liebeleien und Amouren haben soviel sie will, aber eine ernsthafte Liebe, das verbitte ich mir, denn wie kann eine Tänzerin heiter und übermütig ihre Ballottements und Entrechats schlagen, wenn ihr ernsthafte Liebe im Herzen sitzt. Zudem habe ich es dem englischen Gesandten, dem Vetter dieses Lord Stuart, versprochen, daß ich dieses Verhältnis zerreißen will, und da mir an Englands Freundschaft im Augenblicke viel gelegen ist, so werde ich mein Versprechen erfüllen. Schreibe also sogleich an meinen Polizeidirektor Kircheisen und melde ihm meinen Befehl, den Lord Mackenzie sofort aus Berlin zu entfernen und ihn unter sicherer Bedeckung nach Hamburg und von dort auf ein nach London gehendes Schiff zu befördern. Man soll sogleich dem Lord eine Ausweisung aus meinen Landen bringen. Er muß in zwölf Stunden Berlin verlassen haben! So geschah es in der Tat. Lord Mackenzie, der zärtliche Geliebte der Tänzerin Barbarina, welcher ihr von Venedig nach Berlin gefolgt war, ward sofort nach seiner Ankunft auf speziellen Befehl des Königs aus Berlin und Preußen ausgewiesen, und erhielt einen Zwangspaß nach Hamburg, wohin ihm einige königliche Polizeibeamte das Geleite gaben. Von dort aus richtete er einige sehr zärtliche Briefe an seine schöne Geliebte, welche diese indeß niemals erhielt, und die sich noch heute im königlichen Archiv zu Berlin befinden. Siehe Schneider's Geschichte der Oper und des Opernhauses von Berlin, pag. 25.

Sind das alle deine Neuigkeiten, Fredersdorf?

Nicht doch, Sire, sagte Fredersdorf, verstohlen nach der Tür hinblickend, welche sich eben leise ein wenig geöffnet hatte. Ich habe noch eine Neuigkeit, aber ich weiß nicht, ob sie Euerer Majestät willkommen sein wird. Der Herr Baron von Pöllnitz –

Hat uns die Annonce seiner Verheiratung geschickt?

Nein, Sire, er hat sich nicht verheiratet.

In diesem Augenblick begann Biche ein wenig zu knurren und richtete sich aus ihrer behaglichen Stellung von dem Diwan empor. Der König achtete nicht darauf, denn die Worte Fredersdorfs beschäftigten ihn noch.

Wie, er hat sich nicht verheiratet, sagst du?

Nein, er hat sich nicht verheiratet und bittet Euere Majestät um die Gnade, ihm zu gestatten, daß er sein ganzes Leben nur seinem König, und keinem andern menschlichen Wesen, weihen dürfe, sagte eine klägliche Stimme hinter ihm, und als der König sich umwandte sah er seinen frühern Oberzeremonienmeister Baron von Pöllnitz, welcher neben der Tür niedergekniet war und seine gefalteten Hände flehend nach dem König ausstreckte.

Der König brach in ein lautes Gelächter aus, während Biche ein kurzes freudiges Geheul ausstieß und in raschen Sätzen zu dem Knienden hinsprang, den sie schmeichelnd und wedelnd umhüpfte, und dessen Hände sie zu lecken schien, welche der büßende Baron allerdings nicht so fest gefaltet hielt, daß das Windspiel nicht mit seiner zierlichen, schlangenartigen Schnauze das zwischen den gefalteten Händen verborgene Stück Schokolade hätte beriechen und belecken können.

Der König, wie gesagt, lachte anfangs, dann aber, als er sah, wie die Biche zärtlich die Hände des Barons zu lecken schien, sagte er kopfschüttelnd: Ich werde in der Tat irre an dem richtigen Instinkt meiner kleinen Biche. Sie scheint den Pöllnitz da wahrhaftig mit Freuden zu begrüßen, während sie ihm, wie es sein böses und treuloses Herz verdient, mit ihrem scharfen Gebiß in die Waden fahren sollte.

Sire, glücklicherweise ist mir mein Herz noch nicht in die Waden versackt, sagte Pöllnitz, und die Biche würde also dort nichts finden. Nein, diese kluge Biche weiß, daß der Pöllnitz sein Herz immer noch auf demselben richtigen Fleck hat, und daß es allein die Liebe zu meinem König und Herrn ist, welche mich wieder nach Berlin zurückzieht!

Narrheit! sagte der König. Ein Pöllnitz kennt keine andere Liebe als die zu seiner eigenen werten Person und zu den Geldbeuteln anderer. Sage Er also, wenn Er will, daß ich Ihm verzeihen soll, schnell und ohne Umschweife, was Ihn wieder hierher zurückgeführt, während Er doch auszog, sich einen Geldsack mit einer Million zu heiraten?

Sire, ohne Umschweife also, der Geldsack wollte sich mir nicht öffnen und sich von mir nicht nach meinem Belieben ausschütten lassen.

Ah, ich verstehe, sagte der König lachend, die schöne Nürnbergerin hatte von Seinem Talent, Geld auszuschütten, Nachricht erhalten, und hielt es für geratener, lieber den Reichsbaron als ihre Million zu verlieren.

So ungefähr ist es, Sire.

Ich fange an vor der Klugheit dieser Nürnbergerin Respekt zu haben, sagte Friedrich lächelnd. Sie scheint einen bessern Instinkt zu haben als meine Biche, welche immer Seine Hände beleckt.

Oh, Biche kennt mich besser als irgendein Mensch, sagte Pöllnitz, das Windspiel zärtlich streichelnd. Biche weiß, daß mein Herz nur Eine Liebe kennt, die Liebe zu meinem König und Herrn, und daß ich hierher zurückgekehrt bin, um gleich der Biche mich zu den Füßen meines königlichen Herrn niederzulegen und mit gleicher Demut und Ergebenheit Seinen Fußtritt wie Seine Freundlichkeit hinzunehmen, gleich dankbarlich den Knochen anzunehmen, den mir Sein Erbarmen hinwirft oder die köstliche, leckere Speise, die mir Seine Großmut gewähren will!

Er ist ein ausgemachter Narr, sagte der König lächelnd, und wenn es nicht nach meinen Begriffen die menschliche Natur entwürdigen hieße, einen Menschen zum Kapriolenmacher und perpetuierlichen Narrentum zu engagieren, so würde ich aus Ihm meinen Hofnarren machen, der allen meinen übrigen Kavalieren als Beispiel dienen sollte, wie sie nicht sein sollen.

Ich habe diese schmerzliche Strafe, diese grausame Zurechtweisung meines königlichen Herrn verschuldet, sagte Herr von Pöllnitz, noch immer auf den Knien liegend. Ich unterwerfe mich also schweigend, und versuche es nicht einmal mich zu rechtfertigen.

Daran tut Er auch sehr wohl, denn es würde Ihm nicht gelingen. Er hat treulos und herzlos meinen Dienst verlassen, weil Er hoffte eine Million zu heiraten. Jetzt, da die Heirat failliert hat, kommt er zurück mit der großen Lüge von Seiner Liebe zu meinem Königshause im Munde und schämt sich nicht, sich mit einem Hunde zu vergleichen und ganz demütig zu hundewedeln, bloß damit ich Ihn wieder in Gnaden aufnehmen soll. Aber denke Er nicht, daß ich mich von seinen albernen Liebeskapriolen täuschen lasse. Hätte Er anderswo ein glänzenderes Unterkommen gefunden, so wäre Er nicht zu mir zurückgekommen, da das aber nicht der Fall ist, so kommt Er und lügt, daß Er aus Liebe komme. Sieht Er, ich kenne Ihn, und ich weiß, wer Er ist, Er kann mich also nicht mehr täuschen, und sicherlich würde ich Ihn nicht wieder in meine Dienste nehmen, wäre Er nicht ein altes Inventarium meines Hauses, ein Erbstück meines Großvaters Friedrich. Ich behalte Ihn aus Rücksicht für die beiden verstorbenen Könige, denen Er gedient, und die Ihn gern gehabt; um derentwillen darf und will ich Ihn nicht verhungern und zugrunde gehen lassen. Aber denke Er nicht, daß ich Ihm hier ein Lotterbette bereiten will und Er mein Geld verzehren soll, ohne etwas dafür zu tun. Er muß sich Sein Leben und Seinen Unterhalt erarbeiten und verdienen, sogut wie wir es alle tun. Ich bewillige Ihm also eine Pension, aber Er soll dabei bleiben, was Er war, mein Oberzeremonienmeister. Auf solche Albernheiten versteht Er sich besser als Wir, denn Er ist in einer guten Schule gebildet und hat das Zeremonienwesen unter Preußens erstem König gründlich studieren können. Und damit Er sich nicht beschweren kann, daß Wir es Ihm an Ämtern und Würben fehlen lassen, wollen wir noch ein anderes Amt auf Seine Schultern legen und Ihn zu unserem Obergarderobenmeister ernennen, auf daß man nicht sagen könne, Wir huldigten nicht auch der Narrheit dieser Welt und brächten ihr nicht unsern Tribut dar! Möge Er also auch Obergarderobenmeister genannt werden, nur rate ich Ihm, daß Er sich niemals untersteht es auch wirklich sein zu wollen und sich etwa um meine Röcke und Chemisen zu bekümmern. Oh, Er würde Uns zu einem köstlichen gestickten Affen herausstaffieren, wenn Wir Ihn gewähren ließen! Wir müssen einen Obergarderobenmeister haben, weil es die Etikette so mit sich bringt, aber Er hat sich um alles in der Welt eher zu bekümmern als um meine Garderobe. Versteht Er mich?

Es ist alles, was Euere Majestät zu sagen geruhten, mit Flammenschrift in mein Herz eingezeichnet!

In Seine Knie, will Er sagen, denn ich meine, sie müssen Ihn gewaltig brennen vom langen Knien. Das war eine Lektion, die ich Ihm da erteilte à la façon der Dorfschulmeister, welche den unartigen Buben einen Esel umhängen und sie dann eine Stunde auf Erbsen knien lassen. Jetzt kann Er aufstehen, die Lektion ist zu Ende; ich nehme Ihm den Esel ab und hänge Ihm den Oberzeremonienmeister und Obergarderobenmeister um.

Herr von Pöllnitz erhob sich von seinen Knien, und sich aufrichtend machte er dann vor dem König eine jener tiefen kunstgerechten Verbeugungen, in deren Ausführung er anerkannter Meister war.

Wann befehlen Euere Majestät, daß ich mein Amt antreten soll? fragte er.

Heute, gleich in dieser Stunde. Es ist da ein schwedischer außerordentlicher Gesandter, der Graf Tessin, eingetroffen! Wir werden ihn in feierlicher Audienz zu empfangen haben. Er wird dazu die nötigen Anordnungen treffen. Er tritt also gleich in Funktion.

Demzufolge, Euere Majestät, tritt auch wohl mein Gehalt sofort in Funktion? fragte Pöllnitz in seiner gewohnten unverschämten Weise.

Ich habe nicht von einem Gehalt, sondern nur von einer Pension gesprochen. Ich gebe Ihm eine Pension, und damit Er mein Geld nicht nutzlos verzehrt, gebe ich Ihm diese nutzlosen Ämter.

Erhalte ich nicht mindestens dann für die zwei Ämter auch zwei Pensionen? fragte Pöllnitz kleinlaut.

Er ist ein Fripon durch und durch! sagte der König lachend. Aber ich kenne Ihn, und werde es nicht machen wie mein Vater, welcher Ihn einst fragte, wieviel er bedürfen würde, um das Leben eines anständigen Kavaliers zu führen, und dem Er auseinandersetzte, daß ein Jahrgehalt von hunderttausend Talern nicht dazu ausreichen würde. Ich gebe Ihm eine Pension von zweitausend Talern, und ich sage Ihm, daß das ausreichen muß, um Seines Ranges würdig zu leben. Wehe Ihm aber, wenn Er sich untersteht, sein früheres liederliches Leben aufs neue zu beginnen, und wiederum Sein Geld und das anderer Leute zu vergeuden. Ich verspreche Ihm, daß ich niemals wieder für Ihn Schulden bezahlen werde, und damit nicht andere leichtgläubige Menschen so töricht sind, Ihm Geld zu leihen, werde ich ein öffentliches Verbot ergehen und es ausdrücklich verbieten lassen, Ihm bei fünfzig Talern Strafe Geld zu borgen. Ist Er damit einverstanden, und will Er um diesen Preis wieder in meine Dienste treten?

Um jeden Preis, den es der Gnade Euerer Majestät gefallen mag, mir aufzuerlegen. Aber wenn, trotz dieser öffentlichen Bekanntmachung, dennoch sich Leute finden, welche mir Geld borgen, so werden Euere Majestät einsehen, daß es nicht meine Schuld ist, und also auch nicht als meine Schuld, die ich wieder bezahlen muß, betrachtet werden kann.

Nun, ich werde Vorkehrungen treffen, sagte der König lachend, daß niemand so töricht sein wird, Ihm Geld zu borgen, oder wenn es jemand tut, dies in der sichern Voraussetzung geschieht, dasselbe nicht wieder zu erhalten, so daß Ihm Geld leihen, so viel bedeuten wird, als Ihm Geld schenken, indem man Ihm zugleich die Mühe des Danksagens erspart. Ich werde durch alle Straßen austrommeln lassen, daß niemand Ihm Geld leihen soll, und wenn es doch jemand tut, derselbe kein Recht hat, es von Ihm wieder zu fordern. Ist Er damit auch noch zufrieden?

Oh, Euere Majestät werden mir damit eine große Wohltat erzeigen, denn Sie werden mich unverantwortlich machen. Wehe dann den Dummköpfen und den Toren, welche so närrisch sein werden, mir Geld zu leihen! Oh, es wird nun für mich keinen Moment der Langeweile mehr geben, denn ich werde immer die belustigende Arbeit haben, Dummköpfe mir geneigt und Toren in mich verliebt zu machen und als glücklicher und gewandter Taschenspieler ihnen das Geld aus ihrer Tasche in die meine zu locken.

Er ist inkorrigible! sagte der König. Wenn ich Ihn sehe, glaube ich nicht, daß die Menschen allein nach dem Ebenbilde Gottes, sondern ich denke, daß sie auch ein wenig nach dem Ebenbilde des Teufels geschaffen sind, und ich halte Ihn für ein ziemlich gelungenes Porträt des letztern, was Ihn wohl nicht weiter ärgern wird, denn ich vermute, daß für Ihn Gott und Teufel so ziemlich einerlei ist.

Oh, nicht doch, Majestät, erwiderte Pöllnitz mit einem schlauen Lächeln, ich habe zu viel Religion, um nicht Gott und Teufel unterscheiden zu können.

Ja, wahrlich zu viel Religion hat Er, oder wenigstens zu viel Religionen, rief der König. Bei welcher Religion zum Beispiel steht Er denn jetzt?

Sire, ich bin protestantisch geworden.

Aus Überzeugung?

So lange ich an den Besitz einer zu heiratenden Million glaubte, aus Überzeugung, ja! Denn diese Million würde mich glücklich gemacht haben, und man darf sich wohl erlauben, ein Protestant zu werden, um glücklich zu sein.

Sage Er einmal, wie oft hat Er jetzt schon Seine Religion gewechselt? fragte der König sinnend.

Oh, nicht sehr häufig, Sire. Ich suche immer noch nach der rechten Religion, und weil ich noch nicht gefunden, was ich suchte, nämlich die Religion, die mich befriedigt und mir Genüge tut, deshalb habe ich so oft gewechselt. Man hat mich in meiner Kindheit als Lutheraner erzogen und getauft und ich hatte nichts dagegen, sondern blieb dabei, bis ich in Rom in der St. Peterskirche den heiligen Vater die Messe abhalten sah. Der feierliche Akt ergriff mich so sehr, daß ich sofort katholisch ward. Dies war indessen eigentlich kein Religionswechsel, denn ich hatte bis dahin freiwillig keine Religion angenommen. 's war also eigentlich meine erste Religion.

Ja, ja! Das war damals, als Er in Frankreich Seiner sterbenden Braut ihre Diamanten gestohlen hatte und damit entflohen war.

Oh, Sire, das ist ein boshaftes Märchen, welches meine Feinde erzählten, welches aber unbegründet ist. Denn wenn ich wirklich diese wundervollen Brillanten, welche eine halbe Million wert waren, von meiner sterbenden Braut angenommen und sie verkauft hätte, so würde das genügt haben, mir ein komfortables Leben zu sichern, und ich würde dann nicht nötig gehabt haben, katholisch zu werden.

Ah, Er gesteht also ein, daß Er katholisch ward, nicht aus Überzeugung, sondern weil der Papst und die Kardinäle in Rom Ihm dadurch gewogen wurden?

Dem Scharfblick Eurer Majestät entgeht nichts, ich wage daher auch nicht weiter zu streiten. Als Katholik kam ich nach Berlin zurück, wo der hochselige König mich gnädig aufnahm. Er war ein so edler und frommer Mann, daß ich bald von dem glühendsten Verlangen beseelt ward, ihm nachzueifern, und einsah, wie wenig ich meinem Seelenheil genützt hatte, als ich katholisch ward. Ich faßte also einen kühnen Entschluß und trat zur reformierten Kirche über.

Und Er erreichte dadurch Seinen Zweck, Er ward der Liebling des Königs, meines Herrn Vaters. Da dieser aber jetzt leider Ihm keine Gnaden mehr erzeigen kann, so war es auch für Ihn nicht mehr nötig, ein Reformierter zu sein, und so ist Er jetzt lutherisch geworden!

Oh, man kennt den hohen, über alle Vorurteile erhabenen Sinn unsers jungen Königs, rief Pöllnitz. Man weiß, daß es unserm edlen König ganz gleichgültig ist, welcher Religion man angehören und zu welchem Glauben man sich bekennen möge, vorausgesetzt, daß man nur die eine Religion hat, ein tüchtiger, brauchbarer und treuer Diener seines Königs und seines Vaterlandes sein zu wollen.

Der König schleuderte auf ihn einen finstern verächtlichen Blick. Ihr seid ein miserabler Religionsspötter, sagte er, und nicht die Vernunft ist es gewesen, welche Euch zu einem Verächter der christlichen Religion gemacht hat. Es gibt viele Personen, welche aus Gottlosigkeit und Lasterhaftigkeit nicht an die christliche Religion glauben; diese aber können keine ehrlichen Menschen sein. Man hat ihnen vielleicht seit ihrer Kindheit gepredigt, das Böse nicht zu tun aus Furcht vor dem Fegefeuer, sobald sie dann nicht mehr an das Fegefeuer glauben, scheuen sie sich auch nicht mehr, das Böse zu tun Des Königs eigene Worts. Siehe: Oeuvres posthumes. II. Pensées sur la réligion. pag. 166.. Solch ein Mensch ist Er, und ich sage Ihm, Er wird doch dafür noch zuletzt im Fegefeuer braten. Denn allerdings gibt es ein Fegefeuer. Man muß es aber nur nicht anderswo, als in seinem eigenen Gewissen suchen wollen. – Geh' Er jetzt, und trete Er nun Seinen Dienst an. In zwei Stunden will ich den Grafen Tessin im Schloß zu Berlin empfangen! Adieu!

Pöllnitz machte die drei üblichen, ehrfurchtsvollen Verbeugungen und verließ das Zimmer.

Der König sah ihm mit einem zugleich ernsten und spöttischen Ausdruck nach. Er ist ein ausgemachter Fripon, sagte er dann, sich an Fredersdorf wendend, welcher eben eintrat. Ich glaube, er wäre imstande, seine Mutter zu verkaufen, wenn es ihm gerade an Geld gebricht. Du hast mir da einen schönen Gesellen zugeführt, Fredersdorf, es ist ein wahres Glück, daß es nicht mehrere von dieser Rasse gibt. Der Pöllnitz hat wenigstens den Ruhm, einzig in seiner Art zu sein! Sind noch mehr Menschen da, welchen ich Audienz zu erteilen habe?

Sire, das Vorzimmer ist gedrängt voll und jedermann behauptet, seine Beschwerden nur Euerer Majestät allein vortragen zu können. Euere Majestät würden aber, um alle diese Leute anzuhören, sehr vieler Zeit bedürfen, und zudem wäre das ein sehr verderbliches Beispiel, denn wenn Sie heute fünfzig Menschen anhören, werden morgen hundert kommen und gerechterweise dieselbe Gnade beanspruchen. Man muß also dem beizeiten vorbeugen, und ich habe allen diesen Leuten die Weisung gegeben, ihre Beschwerden schriftlich aufzusetzen und an Euere Majestät einzuschicken.

Nun ich denke, jedermann weiß, daß dies die Art ist, wie man sich gewöhnlich an mich wendet, und wenn also diese Leute es doch nicht getan haben, so ist das ein Beweis, daß ihnen dieser gewöhnliche Weg nicht genügte und sie meinten, mich persönlich sprechen zu müssen. Es gibt sehr viele Dinge, welche man wohl sagen, aber nicht aufschreiben kann, und ich denke nicht, daß ein König das Recht hat, sein Ohr diesen Worten, welche sich nur sagen, aber nicht schreiben lassen, zu verschließen. Ein Fürst ist nicht dazu da, sich wie ein Götzenbild in einen Schrank zu stellen, und nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten sich anstarren und bewundern zu lassen, sondern er muß seinem Volke das sein, was der Hausaltar und der Hausgott den alten Römern war, der geheiligte Mittelpunkt ihres Daseins, die Stätte, welcher sie nur mit gesammelten Herzen und frommer Andacht sich nahten, und an der sie alle ihre Sorgen, ihre Kümmernisse und Freuden mit freimütigem Herzen bekannten, und durch das Bekenntnis sich erleichtert fühlten. Diese Stätte aber war ihnen immer offen, und zu jeder Zeit konnten sie dahin sich flüchten. So will auch ich meinen Untertanen niemals verschlossen sein. Nein, nein, ich will der Hausgott meines Volkes sein und alle ihre Sorgen und Kümmernisse sollen vor mir ein williges Ohr finden. Weise mir also niemand mehr ab, Fredersdorf; ich werde es auch öffentlich bekannt machen lassen, daß jedermann das Recht haben soll, mir seine Beschwerden, Anträge oder Bitten persönlich vorzutragen Das geschah auch am 25. Juni 1744. Siehe Rödenbeck: Tagebuch aus Friedrichs des Großen Regentenleben. pag. 104..

Oh, wie ist doch das Herz meines Königs so großmütig und voller Güte, sagte Fredersdorf traurig, jedermann soll seine Beschwerden vortragen und für dieselbe Abhilfe erwarten können, nur ich nicht! Nur mir verschließt der König sein Ohr, und meine Beschwerde und meine Bitte will er nicht hören.

Du beschwerst dich, daß ich dir nicht meinen Konsens geben will, dich zu verheiraten. Aber was willst du, ich habe dich zu lieb, um dich aufgeben zu wollen, und du wärst doch für mich ein verlorener Mann, wenn du dir eine Frau nähmest. Man kann nicht zweien Herren dienen, auch will ich dein Herz nicht mit dieser Mamsell Daum teilen, sondern du sollst es mir ganz ungeteilt lassen! Nenne mich also nicht grausam, Fredersdorf, sondern sage nur, daß ich dich liebe und dich nicht verlieren will.

Oh, Sire, ich würde erst recht in Liebe und Dankbarkeit Ihnen angehören, wenn Sie mir gestatten wollten, glücklich zu sein und dieses Mädchen, welches ich liebe, zu heiraten.

Ich kann keinen verheirateten Kämmerer gebrauchen, ebensowenig wie einen verheirateten Staatssekretär, sagte der König mit einem finstern Stirnrunzeln. Sprich also nicht weiter davon, Fredersdorf, sondern schlage Dir diese Gedanken aus dem Sinn. Mein Gott, es gibt ja so viele andere Dinge, an welche du dein Herz hängen kannst, warum muß es denn gerade eine Frau sein!

Weil ich sie liebe, Majestät.

Ah bah, liebst du nicht andere Dinge, die dich trösten können? Bist du nicht ein Gelehrter und ein Alchimist? Nun denn, lies deinen Horaz, mein Freund, übe dich in der Kunst Gold zu machen, und vergiß darüber die Mamsell Daum, welche doch, unter uns gesagt, keinen andern Vorzug aufzuweisen hat, als daß sie reich ist. Und was ihren Reichtum anbetrifft, so kann doch der keinen Wert haben für jemanden, der ohne Zweifel sehr bald über die Schätze der ganzen Welt zu kommandieren hat, und mit Hilfe Gottes oder des Teufels doch bald das Geheimnis kennen wird, Gold zu machen!

Er hat mein Gespräch mit Josef belauscht, sagte Fredersdorf zu sich selber, und beschämt und verwirrt schlug er vor den forschenden und lächelnden Blicken des Königs die Augen zu Boden.

Lies nur deinen Horaz recht fleißig, sagte der König, du weißt, er ist auch mein Lieblingsschriftsteller, und besonders liebe ich seine Lieder, diese schönen Lieder an den Quell Bandusia, und die an die schöne Psidyle. Entsinnst du dich ihrer wohl? Eins dieser Lieder sollst du dir auswendig lernen, damit du es mir zuweilen vorlesen kannst!

Welches, Euere Majestät?

Der König nahm das Buch, welches aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch lag und das eine französische Uebersetzung der Horazischen Oden war. Indem er einen vielsagenden Blick auf Fredersdorf warf, las er ihm folgende Stelle vor, die wir hier nicht in französischer, sondern in deutscher Übersetzung wiederholen wollen.

»– Du nur quäle das Herz Dir nicht
Mit reicher Opfrung blutender Lämmer ab;
Aus Rosmarin und zarten Myrthen
winde den Göttern des Hauses Kränze.

Die Hand, die gabenbaar den Altar berührt,
Umschmeichelt lind, wie köstlicher Opfer Pracht,
Die zürnend abgewandten Götter,
Spendet sie knisterndes Salz und Speltmehl.«

Der König warf das Buch nachlässig auf den Tisch und ging langsam einigemale im Zimmer auf und ab, dann stellte er sich gerade vor Fredersdorf hin und ihn mit seinen großen leuchtenden Augen fest und durchdringend ansehend, wiederholte er bedeutungsvoll:

»Du nur quäle das Herz Dir nicht
Mit reicher Opfrung blutender Lämmer ab.« –

Ich sehe wohl, sagte Fredersdorf ganz verwirrt und beschämt, ich sehe wohl, Euere Majestät wissen –

Daß es die höchste Zeit ist, unterbrach ihn der König, nach Berlin zu fahren, ja, das weiß ich und du tust ganz recht, mich daran zu erinnern. Man soll meinen Wagen vorfahren lassen! Ich will sogleich nach Berlin!

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