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Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch

Luise Mühlbach: Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLuise Mühlbach
titleBerlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch
publisherHermann Borsdorf Verlag
year1912
printrunZehnte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140815
projectid364bdc6b
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III. Die Morgenstunde eines Königs

König Friedrich hatte sein Adagio beendet und stand, die Flöte noch immer in der herabgesenkten Hand haltend, neben dem offenen Fenster, an dessen Brüstung gelehnt er hinausschaute in den Garten. Sein sonst so feuriges großes Auge war eben wie von leiser Wehmut gesänftigt, um seinen feinen, edelgeformten Mund zuckte es wie ein schmerzliches Lächeln. Die Töne, welche er eben gespielt, klangen noch in ihm nach und hielten seine Seele noch in leiser Schwermut gefangen. Aber sei es, daß er sich seinem trüben Sinnen entreißen wollte oder daß er dem Ideengange folgte, welchen seine Gedanken in ihm angeregt, er schellte heftig und befahl dem eintretenden Lakaien, den Geheimrat und Direktor des Armenwesens Jordan zu ihm zu bescheiden.

Wenige Minuten später trat der Gerufene, welcher sich seit einigen Tagen als Gast des Königs im Schloß zu Charlottenburg befand, in das Zimmer des Königs.

Friedrich ging ihm lebhaft entgegen und reichte ihm seine beiden Hände dar.

Guten Morgen, Jordan, sagte er, ihm mit dem Ausdruck innigster Teilnahme in das bleiche kranke Antlitz schauend. Ich hoffe, du hast eine schöne und erquickliche Nacht gehabt.

Eine schöne Nacht, gewiß, denn ich träumte von Eurer Majestät! sagte Jordan mit einem sanften Lächeln.

Der König ließ seine Hände los und trat seufzend einen Schritt zurück. Eurer Majestät, wiederholte er. Warum legst du denn eine so kalte Hand auf mein Herz, welches dir eben so warm entgegenschlug. Wozu denn hier die Etikette? Wer hört uns denn? Sind wir nicht allein, und dürfen uns den Austausch zweier Seelen gestatten, welche sich verstehen und sich lieben? Vergiß also ein wenig die Majestät, mein Freund, denn du siehst wohl, ich bin noch im Morgenkleid und trage nicht, wie die Könige auf der Bühne, meine Krone und meinen Zepter selbst im Bett oder im Schlafrock mit mir herum.

Oh, sagte Jordan, indem er Friedrich mit den Blicken eines Liebenden betrachtete, der ganz selig und andächtig ist im Anschauen seiner Geliebten. Oh, es bedarf keiner Krone auf Ihrer Stirn, um Sie als einen König von Gottes Gnaden erkennen zu lassen. Die angeborne Majestät leuchtet von Ihrer Stirn.

Das macht, sagte Friedrich mit leiser Ironie, das macht, weil wir Fürsten anerkanntermaßen die wohlgelungensten Porträts des höchsten Gottes sind, Porträts, mit denen ihr übrigen Menschenkinder euch gar nicht vergleichen könnt, denn wahrscheinlich seid ihr nur die Porträts des zweiten und dritten Gottes der Dreieinigkeit, die Porträts des Sohnes und des heiligen Geistes, während wir Fürsten die Quintessenz der Gottähnlichkeit auf unsern verwitterten, langweiligen Angesichtern tragen!

Ach, ach, wenn dieser fromme Pfarrer Eberhard Sie jetzt hören könnte, Sire, welch ein Ärgernis würde er wieder daran nehmen!

Der König lachte. Weißt du, Jordan, sagte er dann sehr ernst, ich glaube, Gott tat mich recht eigentlich dazu berufen, den Priestern ein Ärgernis zu sein, und ihnen den Dummheits- oder Hochmutsteufel ein wenig auszutreiben. Ich halte das in der Tat für einen Hauptteil meiner Sendung und bin überzeugt, daß Gott mich zu einem umgekehrten Messias bestimmt hat, nämlich zu einem Messias, welcher berufen ist, die Kirche, dieses stolze und eitle Machwerk heuchlerischer Priester, umzustürzen und die reine ungetrübte Gottesverehrung an ihre Stelle zu setzen.

Ja, wenn die Menschen den klaren Geist eines Friedrich hätten! rief Jordan achselzuckend. Wenn ihr Auge wäre, wie das meines königlichen Adlers, dem es gegeben ist, gerade und fest in die Sonne zu schauen, ohne sich davon geblendet zu fühlen! Aber, Sire, die übrigen Menschen gleichen Ihnen so wenig! Sie sind alle wie die ernsten steifen Nachteulen und müssen wie diese eine zweite Hornhaut über ihre Augen ziehen, weil sie sonst erblinden könnten. Eine solche zweite Hornhaut ist für die menschlichen Nachteulen die Kirche oder vielmehr die Kirchen, denn der Ehrgeiz und die Schlauheit dieser Priester hat sich nicht mit einer Kirche begnügen lassen, sondern deren jetzt schon viere geschaffen.

Und damit Drachenzähne gesäet, welche als blutdürstige Krieger aufgegangen sind, die sich und die ganze Menschheit zerfleischen! rief der König heftig. Höre, Jordan, wir sind da gleich auf ein Thema gekommen, welches mich, wie du weißt, immer am meisten beschäftigt und am häufigsten mein Nachdenken in Anspruch nimmt. Und gerade in diesen Angelegenheiten wollte ich heute deinen Rat beanspruchen. Komm also, Freund, setzen wir uns, und höre was ich dir zu sagen habe. Du weißt, die Frommen und die Priester verlästern mich als einen Gottesleugner, weil ich nicht denke wie sie und nicht glaube wie sie. Wer aber von Ihnen hat nun den rechten Glauben? Wo ist die Wahrheit und die Weisheit? Jeder glaubt sie zu haben, und deshalb, scheint mir, hat sie keiner. In demselben Lande, ja in derselben Stadt lehrt man uns an verschiedenen Orten, unter dem Namen Religion, die entgegengesetztesten und widerstreitendsten Dogmen. Hier droht man uns mit dem ewigen Feuer, wenn wir glauben wollen, daß Gott selbst in diesen trügerischen Scheinbildern, zum Beispiel des Abendmahls, enthalten sei; dort wieder lehrt man uns mit derselben Sicherheit, daß wir dieselbe Strafe erleiden, wenn wir das nicht glauben. Welche Widersinnigkeiten! Die einfache Darlegung der verschiedenen Religionen des Weltalls würde eine ganze Reihe von Folianten anfüllen. Jede Religion fast verdammt die andere. Sie können also demzufolge nicht alle die wahrhaftigen sein, da die Wahrheit sich nicht selbst opponieren kann. Wenn es nur eine wahrhaftige Religion gäbe, würde Gott sie uns klar und ohne Zweideutigkeiten verkündet haben. Gott, welcher die Wahrheit selber ist, kann ja nicht dunkel sein. Wenn diese Verschiedenheit der Religionen nur den Kultus und die Zeremonien beträfe, so könnte man das gelten lassen, wie man die Verschiedenheit der Kleider als eine angenehme Abwechselung gelten läßt. Aber die Dogmen, welche man in England lehrt, sind unvereinbar mit denen, welche in Rom Gültigkeit haben. Die Religion der Chinesen schließt die der Perser aus; jede Religionsgesellschaft glaubt sich infaillible und schleudert ihre Blitze gegen die übrigen. Des Königs eigene Worte. Siehe: Suppléments des oeuvres posthums. II: 14. – Wem es gegeben wäre, diese Zwistigkeiten zu vermitteln, diese Gegensätze auszugleichen, der würde der Welt den Frieden geben, der würde in Wahrheit der Messias und Erlöser sein.

Der würde leisten, was Gott selber nicht vermag, wie es scheint, sagte Jordan mit einem matten Lächeln. Der würde zuerst ein großes Massacre anstiften und die Priester aller Religionen hinschlachten müssen!

Und das gerade will ich! rief der König aus. Ein Massacre will ich anrichten unter ihren Priestern, nicht ein körperliches, blutiges, sondern ein rein geistiges, denn ich sage dir, Jordan, Gott wohnt nicht in den Kirchen dieser hochmütigen Priester, welche sich doch vorzugsweise die Diener Gottes nennen, aber er war so gut bei Moses auf dem Berge Sinai, als er dem Zoroaster begegnete in der Wüste, er war an Dantes Seite, als er die Divina Comedia schrieb, wie er die Schiffe des Kolumbus lenkte, als sie auszogen, eine neue Welt zu entdecken. Gott ist überall, und daß sie ihn anbeten und verehren und an ihn glauben, das eben zeugt von der höhern Berufung der Menschen, von ihrer Gottähnlichkeit!

Ach, und sie wollen sagen, daß mein König nicht an Gott glaube! rief Jordan mit Tränen in den Augen, indem er die Hand des Königs ergriff und sie fest an seine Lippen drückte. Sie wollen Friedrich einen Ungläubigen nennen und wagen es, wider ihn von den Kanzeln zu predigen und zu schelten!

Ja wohl bin ich ihnen ein Ungläubiger, da ich nicht glaube, was sie glauben! sagte der König lächelnd. Und wenn sie wider mich predigen, Freund, so beweist das doch nur, daß sie mich fürchten und einen mächtigen Feind in mir wittern. Und der Feind der Priester will ich sein mein Lebelang, das heißt dieser stolzen und hochmütigen Priester, welche sich weise dünken und alles verachten, was nicht denkt wie sie. Alle diese verschiedenen Kirchen mit den verschiedenen Dogmen will ich zerstören und sie auflösen in eine Universalkirche, wohin jeder kommen und Gott anbeten kann auf seine Weise. Denn die Anbetung Gottes, das allein kann doch der Zweck aller Kirchen sein, aller dieser verschiedenen Dogmen, welche eine die andere befehden und ihre Türen schließen, wenn ein anders Denkender ihnen naht. Ich aber will alle ihre Kirchentüren öffnen und die reine, freie Gottesluft durch alle ihre verdumpften Häuser ziehen lassen. Einen Tempel will ich bauen, einen großen, unermeßlichen Tempel, ein zweites Pantheon, eine Kirche, welche in sich alle Kirchen umfaßt und in welcher jeder Religion ihr Altar und jedem Kultus seine Religionsübung gestattet sei. Gott anbeten wollen sie alle, mögen sie es jeder auf seine Weise tun! Siehst du, sie reden alle so viel von Brüderlichkeit und zerfleischen sich doch untereinander. Laß mich mein Pantheon bauen, dann werden die Menschen in Wahrheit Brüder werden, der Jude und der sogenannte Heide, der Mohammedaner und der Perser, der Calvinist und der Katholik, der Lutheraner und der Reformierte, sie alle werden kommen in mein Pantheon, um Gott anzubeten, und allgemach werden alle Formeln und alle Dogmen von ihnen abfallen, sie werden alle glauben an Einen Gott, und die Kirchen aller dieser verschiedenen Sekten werden leer stehen und zusammenfallen. Über den Plan des Königs, ein Pantheon für alle Religionen zu bauen, berichtet Thiébault in seinen Souvenirs de vingt ans. V, 220.

Des Königs Antlitz war von einer strahlenden Schönheit, während er so sprach, eine edle Begeisterung flammte aus seinen großen, klaren Augen, seine Wangen waren sanft gerötet wie von dem Morgenhauch eines neuen Lichtes, und ein Ausdruck erhabener Freude leuchtete von seiner hohen, wunderbaren Stirn.

Jordan blickte ihn an mit unendlicher Liebe, aber zugleich so trübe und schmerzvoll, daß der König inmitten seiner Begeisterung sich davon erkältet und gestört fühlte.

Wie, Jordan, du bist nicht meiner Meinung? fragte er verwundert. Unsere Seelen, welche sich sonst immer im tiefsten Verständnis begegnet sind, sollen sich diesmal nicht treffen? Du schüttelst dein Haupt? Du billigst also nicht die Idee meines Pantheons?

Es ist eine zu erhabene Idee, Sire, um verwirklicht werden zu können. Die Menschen bedürfen der Religion, wenn sie nicht ihren innersten sittlichen Halt verlieren sollen.

Nein, sie bedürfen dazu nur Gottes, nur der Liebe zu diesem erhabenen, höchsten Wesen, welches wir Gott nennen! Die sicherste Probe aber, an der wir erkennen können, ob wir Gott lieben, liegt darin, daß wir den unerschütterlichen und festen Willen haben, ihm zu gehorchen. Demgemäß bedürfen wir keiner andern Religion als unserer Vernunft, die uns von Gott gegeben ist. Sobald diese erkennt, daß Er gesprochen hat, soll sie schweigen und sich unterwerfen. Die innere Anbetung Gottes muß darin bestehen, daß wir sein Wesen und das, was wir ihm schulden, erkennen, die äußere Anbetung soll darin sich äußern, daß wir alle Dinge so tun, wie sie vernünftig und der Erhabenheit Gottes, wie unserer Abhängigkeit von ihm gemäß sind! Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres posthumes II.: Pensées sur la réligion. pa. 165.

Nur daß leider die Welt noch nicht aufgeklärt genug ist, um das begreifen zu können, erwiderte Jordan, nur daß Euere Majestät gerade das Gegenteil von dem bewirken möchten, was Sie beabsichtigen. Denn alle diese Religionen, welche, wie Sie sagen, so ganz unvereinbar sind, würden sich demzufolge durch diese äußere Vereinigung verletzt und verlästert fühlen; der gegenseitige Haß würde täglich aufs neue angefacht, die Antipathien täglich genährt und dieser religiöse Eifer, der immer exklusiv sein muß, mit neuer Nahrung versehen werden. Nicht bloß die Priester, sondern auch die Fürsten und Könige, würden mit Entsetzen diesen Plan Eurer Majestät sich verwirklichen sehen. Und wie sollte man in den Kabinetten der Könige nicht erschrecken über diesen so gewagten Schritt eines Monarchen, der, nachdem er eben erst die Augen aller Politiker auf sich gezogen, jetzt auch hinabsteigen wollte in die Gewissen seiner Untertanen, um sie nach seinem Gefallen zu bilden und zu beugen? Oh wie würde der Neid sich mit all seinen giftigen Schlangen an den Triumphwagen eines Königs heften, der, nachdem er schon so Großes getan, noch Größeres zu beabsichtigen schien, und welcher die Schwachen und die Guten auf den Trümmern ihrer umgestürzten Tempel zum Weinen und Jammern verdammen würde. Nein, mein König, diese Idee eines Pantheons, eines gemeinsamen Gotteshauses für alle Religionen, sie ist zu erhaben, um ausführbar zu sein. Sie ist großartig und herrlich, aber leider nicht weise, das heißt nicht weise, weil sie zu groß ist, um von der kleinen Menschheit verstanden zu werden. – Nun aber mögen mir Eure Majestät verzeihen, daß ich die Wahrheit sagte, aber ich mußte es tun, denn gleich meinem König liebe ich Gott, und Gott ist die Wahrheit!

Und du hast wohlgetan, mein Jordan, sagte der König nach einer langen Pause, in welcher er sinnend und tiefernst zum Himmel emporgeschaut hatte. Ja, du hast wohlgetan, und ich fühle wohl, daß du recht hast mit deinen Einsprüchen gegen mein Pantheon. Ich opfere dir also meine Lieblingsidee, ich lasse um deinetwillen mein Pantheon in Trümmer zerfallen. Das mag dir ein Zeugnis meiner Liebe sein, mein Jordan. Ich werde also die Priester nicht bekämpfen in meiner Kirche, aber ich werde sie verfolgen in der ihrigen, und ich sage dir, es wird ein langer und hartnäckiger Kampf sein, der dauern wird, solange mein Leben dauert. Ich will nicht, daß das Volk verdummt werde von den Muckern und Priestern. Ich will in meinem Lande keine andern Könige dulden neben mir, sondern ich allein will König sein. Mögen die Priester sich bescheiden, in Demut und Stille die Lehrer und Vorbeter ihrer Gemeinde zu sein, aber wenn es ihnen einfallen sollte, kleine Päpste zu spielen und sich für die alleinigen Besitzer der Himmelsschlüssel zu halten, so sollen sie an mir einen Widersacher finden, der ihnen beweisen wird, daß ihre Schlüssel falsche Dietriche sind, mit denen sie das Allerheiligste aufschließen und erbrechen wollen, um zu entwenden, was nicht ihr Eigentum ist! Wahrheit und Klarheit, das soll die Devise meines ganzen Lebens sein, nach ihr will ich handeln, und nach ihr auch mein Volk regieren. Ich will kein verdummtes Volk, keine in Aberglauben und Gewissensangst zitternden Priestersklaven, ich will, daß das Volk denken lerne, und also soll der Gedanke frei sein in meinen Landen, und kein Zensor und keine Polizei soll ihn beschneiden und bewachen, denn der Gedanke ist wie die allbefruchtende Sonne, allnährend, allerhaltend und erleuchtend, auch schlechte und giftige Blumen und schädliches Ungeziefer und Gewürms erzeugend und ans Dasein rufend, aber auch dieses hat ja das Recht der Existenz, und wenn man es ruhig gewähren läßt, so stirbt es an seiner eigenen Nichtswürdigkeit und Erbärmlichkeit, so geht es zugrunde an der Verachtung der Guten und Bessern!

Man muß eben Friedrich der Einzige sein, um so frei und groß und vorurteilslos denken zu können! rief Jordan begeistert aus. Glauben Sie mir nur, mein König, daß Sie in Europa der einzige lebende Herrscher sind, welcher solche Gedanken hegen, solchen Mut fassen darf, seinem Volk das freie Wort und den freien Gedanken zu bewilligen!

Ich werde und will immer so handeln, daß ich beide nicht zu fürchten habe, sagte der König einfach, dann mögen die Menschen über mich sagen und denken was sie wollen, was kümmert es mich. An ihren Verlästerungen und Verketzerungen werde ich mich amüsieren, und ihr Lob, – nun, das ist eine billige Ware, die ich mit jedem geschickten Taschenspieler und jedem Komödianten teilen muß. Der Beifall meines eigenen Gewissens, der Beifall meiner Freunde, der deine, mein Jordan, das allein hat Wert für mich; und dann, setzte er ernst, fast feierlich hinzu, dann vor allen Dingen der Nachruhm! Ich will nicht, daß mein Name verklingen soll wie ein Ton oder eine leichte Melodie, ich will ihn mit goldener Schrift in die Tafeln der Geschichte einzeichnen, ich will, daß er leuchtend wie ein Sternbild am Horizont stehe und daß mein Volk, wenn es nach Jahrhunderten meiner gedenkt, noch sagen soll: Friedrich der Zweite, das war der König, welcher Preußen groß gemacht und seine Grenzen erweitert hat, das war der Vater, welcher sein Volk mehr geliebt hat als sich selber, denn er opferte seinem Dienst die eigene Ruhe, die eigene Behaglichkeit, das war der Lehrer, welcher unsere Geister frei gemacht und uns mündig gesprochen hat! O Freund, du mußt mir helfen und beistehen, dies Ziel zu erreichen, nach welchem meine ganze Seele dürstet. Bleibe also, bleibe mit deiner Liebe, deiner Treue, deiner Wahrheit und Aufrichtigkeit immer an meiner Seite, hilf mir das Gute fördern, das Schlechte strafen, das Edle erkennen und das Unedle entlarven! O Jordan, Jordan, Gott hat mich vielleicht bestimmt, ein großer König zu sein, hilf du mir auch ein guter Mensch zu bleiben.

Er warf sich mit leidenschaftlichem Ungestüm an Jordans Brust und drückte ihn fest und innig in seine Arme.

Jordan fand nicht die Kraft zu sprechen, aber den König fest umschlingend hob er das große feuchte Auge zum Himmel empor. In diesem Auge stand ein Gebet, ein inbrünstiges, glühendes Gebet für diesen Mann, welcher da an seinem Busen ruhte, und welcher für ihn nicht der mächtige, gebietende König, sondern der edle, liebevolle Mensch, der Dichter und Gelehrte, der Freund war, zu dessen Genie er bewundernd und anbetend emporblickte. – Aber wie er jetzt andachtsvoll, tief erschüttert zum Himmel aufschaute, flog es plötzlich kalt und eisig, wie der Atem des Todes, über sein Antlitz hin, wühlte es in seiner Brust mit glühenden Eisenzangen. Ein kurzes leises Hüsteln drang aus seiner Brust hervor. Mit einer raschen heftigen Bewegung machte er sich aus den Armen des Königs frei, und hastig einige Schritte zurücktretend wandte er sich ab und drückte sein Taschentuch fest an seine Lippen.

Jordan, du leidest, du bist krank? rief der König angstvoll.

Jordan wandte sich wieder zu ihm hin, und sein Antlitz war ruhig und heiter, sein Auge strahlte wieder in dem so seltsamen, so geheimnisvoll rührenden Feuer dieser Krankheit, welche den Tod unter den hellaufglühenden Rosen der Wangen und den leuchtenden Augen verbirgt, und minder grausam als alle andern Krankheiten, der Seele ihre Frische und dem Herzen seine Liebeskraft läßt!

Nicht doch, Sire, sagte Jordan lächelnd, ich leide gar nicht, und wie könnte ich in Ihrer Nähe auch anders als glücklich, gesund und frohen Herzens sein!

Und indem er so sprach, wollte er das Taschentuch wieder in seiner Rocktasche bergen.

Aber der König blickte mit ernsten, fast strengen Augen auf dieses Tuch hin.

Jordan, sagte er, warum drücktest du das Tuch vorher so hastig an deine Lippen?

Jordan zwang sich zu lachen. Nun, sagte er, weil ich, wie Euere Majestät gehört haben, husten mußte und ich Ihnen diese unangenehme Musik nur mit einem Sordino geben wollte.

Nein, es geschah nicht deshalb, sagte der König, und hastig auf Jordan zuschreitend entriß er ihm das Tuch.

Blut, es ist mit Blut getränkt, rief der König so schmerzvoll, so klagend aus, daß man wohl fühlte, wie sehr er dieses unheilvolle Zeichen der Krankheit seines Freundes erkannte und fürchtete.

Nun ja, sagte Jordan mit erzwungener Heiterkeit, es ist Blut, welches ich vergossen habe. Euere Majestät sehen also wie blutdürstig ich bin, nur daß ich unglücklicherweise nicht Ihrer Feinde Blut vergieße, sondern mein eigenes, welches ich freilich gern tropfenweise vergießen möchte, wenn ich meinem edlen und geliebten Friedrich dadurch eine Stunde der Sorge oder des Kummers ersparen könnte!

Und du bist es doch jetzt, welcher mir Kummer macht, rief Friedrich fast zürnend. Du bist krank und verschweigst es mir, du leidest und zwingst dich zur Heiterkeit und verbirgst mir deine Leiden, statt dich an meine Ärzte zu wenden und ihren Rat und Beistand zu beanspruchen.

Friedrich der Weise sagte mir einst, die Ärzte seien Quacksalber und Scharlatane, und nur wer einen langsamen Selbstmord begehen wolle solle sich von ihnen Rezepte schreiben lassen.

Nicht doch, das sagte dir nicht Friedrich der Weise, sondern Friedrich der Tor, welcher am Tage wohl sagt, daß er keine Furcht habe vor Gespenstern, aber doch um die Mitternachtsstunde sehr gern ein Vaterunser betet, um sie abzuwehren. Wer wollte auch zu den Ärzten Vertrauen haben, solange man gesund ist; nur wenn man krank ist und ihrer bedarf, fängt man an sie hochzuschätzen. Du bist krank, deine Brust leidet! Ich bitte dich also, mein Jordan, ja ich fordere es von dir als ein Zeichen deiner Freundschaft, daß du sofort dich an meinen Arzt wendest und genau und pünktlich befolgst, was er dir sagen wird.

Ich werde das tun, und wenn Euere Majestät erlaubt, werde ich das sogar sogleich tun, sagte Jordan, der jetzt nicht mehr die Kraft fand, diese physische Schwäche, die natürliche Folge des Blutauswurfs, zu bewältigen, und sich schwankend und zitternd an den nahen Tisch lehnen mußte, um nicht umzufallen.

Der König sah es und rollte sofort seinen eigenen Lehnsessel herbei, Jordan mit liebevoller, zärtlicher Besorglichkeit in denselben niederdrückend. Dann rief er seine Kammerlakaien herbei und befahl ihnen leise flüsternd, Jordan so mit dem Lehnsessel in sein Zimmer zu tragen und dann sofort den königlichen Leibarzt Ellertt zu dem Kranken zu bescheiden.

Und es wird doch alles umsonst sein und ich werde ihn dennoch verlieren, murmelte der König, während er traurig nach der Tür hinblickte, durch welche soeben die Gestalt seines Freundes entschwunden war. Ja, ich werde ihn verlieren wie ich Suhm verloren habe und wie ich bald auch meinen Cäsarion, den guten Kaiserling, verlieren werde. Oh, oh, warum gab mir Gott ein so warmes Herz für die Freundschaft, wenn er mir doch die Freunde nicht lassen will!

Die Arme ineinanderschlagend trat er ans Fenster und blickte lange gedankenvoll und traurig in den Garten hinunter, dessen frisches Grünen und Blühen er dennoch nicht gewahrte, weil sein Blick nach innen gekehrt war und dort die Grabeshügel seiner Freunde sah.

Aber plötzlich sich aus seinem Sinnen emporraffend schüttelte er hastig sein Haupt, wie der Löwe es tun mag, wenn irgendein Gewürm sich in seine Mähne verwirrt hat, und griff dann nach seiner Flöte, dieser treuen Gefährtin aller seiner Leiden und Kämpfe.

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