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Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch

Luise Mühlbach: Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorLuise Mühlbach
titleBerlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch
publisherHermann Borsdorf Verlag
year1912
printrunZehnte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140815
projectid364bdc6b
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X. Eckhof

Der Leser hat in den vorhergehenden Kapiteln gesehen, welche glänzende Rolle das französische Schauspiel und das Ballett am Hofe zu Berlin spielten. Der italienischen Oper und dem Ballett war ein prachtvolles Haus erbaut worden, dem französischen Drama hatte man im Königsschlosse selber eine Bühne errichtet, und wenn die Italiener sangen und die Franzosen tanzten oder Komödie spielten, so geschah das immer im Beisein des Königs und der ganzen königlichen Familie, so geschah das in Gegenwart der höchsten Würdenträger des Staats und vor seinen auserlesensten Adelsgeschlechtern. Man hatte zu der Oper die berühmtesten Sänger und Sängerinnen Italiens kommen lassen, zu dem Ballett die berühmtesten Tänzer und Tänzerinnen aus Paris, und eine so wichtige und bedeutende Sache war dieses Ballett, daß der König selber es nicht verschmähte, gegen den übermütigen Ballettmeister Potier als öffentlicher Rezensent und Kritiker in der Haude- und Spenerschen Zeitung aufzutreten und »Artikel« zu schreiben, die freilich in ihrer Schärfe und in ihrem beißenden Spott sehr wenig den lobseligen, allzeit zufriedenen schönblumigen Artikeln unserer heutigen Kritiker glichen. Dem König war es so sehr ernst mit der Niederschmetterung des armen kleinen Ballettmeisters, daß er sogar seinen Gesandten an den auswärtigen Höfen den Befehl erteilte, diesen seinen Artikel übersetzen und in den ausländischen Zeitungen abdrucken zu lassen. vergl. die Haude- und Spenersche (damals Rödersche) Zeitung. Jahrgang 1743. Nr. 102. – Ferner Lettres de Fr. à Mr. Jordan.

Während der König so die fremden Künstler mit seiner Gnade, ja sogar mit seinem Zorn beehrte, und um ihretwillen sich zuweilen dazu herabließ, ein Zeitungsschreiber und Tageskritiker zu werden, war das deutsche Theater wie ein verstoßenes Stiefkind zum Elend und zur Dürftigkeit verdammt, mußte es sich in dunkeln Sälen und niedrigen Scheunen ein Asyl suchen und froh sein, wenn es nur geduldet ward, wenn man ihm erlaubte, um seine Existenz zu ringen, und wenigstens Apollo und die Musen um die Gunst und den Beistand anzuflehen, den der König und sein Hof, sowie die ganze sogenannte »gute Gesellschaft« ihm versagte.

Aber dieses Stiefkind, das deutsche Theater, trug unter seinen Lumpen und seinem Aschenmäntelchen doch schon die glänzenden Gewänder seiner zukünftigen Größe. Die klügeren Stiefschwestern hatten wohl das arme Aschenbrödel in Armut und Dunkelheit zurückgestoßen, aber sie hatten es nicht töten, sie hatten ihm seine Zukunft nicht rauben können. Unter den Lumpen trug es goldene Kleider, und es bedurfte nur eines glücklichen Zufalls, um den Staub von seinem Haupte wegzuwirbeln und die darunter verborgene Königskrone sehen zu lassen.

Ein solcher glücklicher Zufall war es, daß der König der Schönemannschen Gesellschaft erlaubt hatte, nach Berlin zu kommen und dort Theatervorstellungen zu geben; ein solcher glücklicher Zufall war es wiederum, daß diese Schönemannsche Gesellschaft sich aus Lüneburg den jungen Schauspieler Eckhof mitgebracht hatte, Eckhof, dem es gelingen sollte, auch das deutsche Theater zu Ehren zu bringen, und den man mit Recht den ersten und größten Schauspieler Deutschlands nennen kann.

Aber wie viel Misere, wie viel Demütigung, wie viel verschluckte Tränen, wie viel Kummer, Elend und Sorge, wie viel Hunger und Durst lag damals noch in dem Wort: » ein deutscher Schauspieler

Wahrlich, man mußte entweder ein verlorener Mensch oder ein Genie, ein Verzweifelter oder ein Enthusiast sein, um deutscher Schauspieler werden zu wollen. Es hieß, seine Schiffe hinter sich abbrennen und alles zu gewinnen haben, weil man nichts mehr zu verlieren hatte.

Nicht bloß die Religion, auch die Kunst hat von jeher ihre Märtyrer gehabt, und solche Märtyrer der Kunst waren zur Zeit Friedrichs des Großen die deutschen Schauspieler.

Segen über diejenigen, welche dennoch nicht verzagten, sondern mutig das Kreuz auf sich nahmen und duldeten und litten um der Kunst willen.

In königlichen Sälen spreizte sich das französische Theater und die italienische Oper, in dem gemieteten Saale des Rathauses von Berlin mußte das deutsche Theater eine Zuflucht suchen. Wie in einem Meer von Licht strahlte bei den Darstellungen der fremden Künstler das königliche Opernhaus, dessen Erleuchtung an jedem Abend 2771 Taler kostete Schneider, Geschichte der Oper, S. 21., dunkel und trübe brannten die schweligen Öllampen des deutschen Theaters im gemieteten Rathaussaal. Dorthin fuhr man in glänzenden Karossen, geschmückt mit Brillanten und Ordenssternen, hierher ging man bescheidenerweise zu Fuße, im einfachen Gewande, keine fackeltragenden Lakaien nahmen die Vorhallen ein, keine stolzen Rosse stampften das Pflaster dieser engen und düstern Straße, keine vergoldeten Wagen warteten ihrer Herren; dieses Publikum, welches in das deutsche Theater ging, war weder reich noch vornehm genug, um Fackelträger und Equipagen bezahlen zu können, es bediente sich höchstens auf dem Rückwege einer Stangenlaterne, mit welcher die Magd ihrer Herrin vorleuchtete, wenn diese, in den unwirtbaren Steppen der neuangelegten Dorotheen- oder Mittelstraße wohnend, vielleicht fürchtete, dort in den Untiefen und Pfützen der ungepflasterten Straßen und Plätze zu versinken.

Das Publikum des deutschen Theaters, das waren die Bürgerlichen, die Gelehrten und Dichter, die Beamten und Bankiers, das waren diese Leute des Mittelstandes, welche auf ihren Hüten keine weißen Federn tragen durften, und die wohl zu den königlichen Maskeraden im Opernhaussaale Zutritt hatten, aber mittels eines durch den Saal gezogenen Stricks von der Hofgesellschaft abgetrennt waren König, Schilderung von Berlin. Vol. V. Bd. II. S. 330..

Diese Leute des Mittelstandes, dieses gebildete Bürgertum, welches noch so machtlos und unbedeutend erschien, es bildete in gewisser Hinsicht doch schon damals eine Macht, denn damals wie heute war die öffentliche Meinung seine Tochter, eine stolze unabhängige Tochter, welche sich von keinem Schmeicheln und keiner Scheinheiligkeit der Großen bestechen ließ, sondern den König wie den Bettler, den Künchler wie den Feldherrn richtete.

Und diese öffentliche Meinung hatte gesagt, daß Eckhof ein großer Schauspieler, daß er ein Künstler sei, welcher es wohl wagen dürfe, mit den Schauspielern der französischen Truppe zu rivalisieren, daß er den Oedipe und Tartüffe, den Cid und den Geizigen ebenso künstlerisch vollendet zur Darstellung brächte, wie nur Monsieur Denis von der französischen Truppe es vermöchte. – Und da die öffentliche Meinung, obwohl die Tochter des Bürgertums und des Volkes, doch überall Zutritt hat, und selbst in den Sälen der Großen und den Kabinetten der Fürsten gehört wird, so sprach man überall in Berlin von dem deutschen Schauspieler, der es wagen wollte, mit den Franzosen zu rivalisieren, und von dem kühnen Direktor Schönemann, der sich unterfing, jedesmal wenn auf dem königlichen Schlosse von der französischen Truppe irgendeines der Dramen von Corneille oder Racine, von Voltaire oder Molière gegeben worden, den nächstfolgenden Abend dasselbe Stück in einer deutschen Übersetzung auf dem Rathaussaale zur Darstellung zu bringen. Das war indessen eine gute Spekulation, eine sehr richtig auf die Neugierde der Menschen angelegte Idee. Diejenigen, welche so glücklich gewesen, die großen Dichterwerke auf dem königlichen Schlosse zu sehen, wollten ihrer Schadenfreude das Fest bereiten, jene gelungenen und glänzenden Darstellungen der Franzosen mit diesen, wie sie meinten, ärmlichen und karrikaturartigen Darstellungen der Deutschen zu vergleichen. Diejenigen, welche vermöge ihrer niedrigen Stellung nicht den Theatervorstellungen im Königsschlosse beiwohnen konnten, wollten wenigstens auch diese Dramen gesehen haben, welche den König und den Hof entzückten, und da sie das Original nicht haben konnten, mußten sie mit der Kopie zufrieden sein; gleich jenem hungrigen Bettler, welcher sich vor der Tür der Küche aufstellte, mußten sie mit dem Geruch des Bratens, den sie nicht genießen konnten, sich begnügen.

Aber es gab noch eine dritte Klasse von Leuten, eine Klasse, welche nicht aus Schadenfreude und nicht aus Neugierde und eitler Nachahmungssucht das deutsche Theater besuchte, sondern aus dem patriotischen Gefühl des Deutschtums, in der damals freilich noch ziemlich utopisch scheinenden Hoffnung, ein deutsches Drama, eine deutsche Schauspielkunst sich heranbilden zu sehen. Da waren die Gelehrten, welche das französische Drama von Grund ihres Herzens verachteten, und denen eines dieser auf Stelzen einherschreitenden Dramen von Gottsched ein weit höheres Poem dünkte, als eine Tragödie von Corneille oder Racine, da waren die deutschen Patrioten, welche bei einer Darstellung des Malade imaginaire von Molière keine Miene würden verzogen haben, aber den Hypochondristen von Quistorp für ein außerordentlich drastisches und witziges Drama erklärten, kurz alle diese Leute, welche dem Franzosentum abgeneigt waren und ihre Sympathien für das Vaterland, ihre Opposition gegen das französische Wesen, an den Tag legen wollten.

Das waren also die Elemente, aus welchen das Publikum des deutschen Theaters zusammengesetzt war, und die das Theater im Rathaussaal zu einem Opponenten des Theaters im Königsschlosse gemacht hatten.

Es war an einem dieser Theaterabende der deutschen Schauspieler, als zwei junge Männer Arm in Arm über den Schloßplatz gingen und der Kurfürstenbrücke zuschritten.

Der eine dieser beiden Jünglinge ist uns schon bekannt, es war Josef Fredersdorf, der lustige Hallesche Student, der übermütige Bruder des Geheimkämmerers, den dieser damit beauftragt hatte, zur Teufelsbeschwörung einen schwarzen Ziegenbock herbeizuschaffen. Diesem Befehl seines Bruders gemäß war er ausgezogen, dieses Wunder zu suchen, wie gleich ihm noch zehn andere Mitglieder des geheimen Bundes sich auf die Wanderschaft begeben hatten nach demselben Ziel. Joseph Fredersdorf, den das Glück oder seine eigene Geschicklichkeit begünstigt zu haben schien, war der erste gewesen, welcher heimkehrte, und er hatte wirklich einen Ziegenbock mitgebracht, an dessen zottigem Felle auch das schärfste Auge nicht ein weißes Haar hätte entdecken können.

Alles an diesem Teufelsbeschwörer war schwarz, ja selbst die Pupille seines Auges war von einer dunklen Tiefe und so groß, daß selbst bei seinem Seitwärtsblicken auch nicht der kleinste Rand der weißen Hornhaut sichtbar ward. Fredersdorf sowohl als Herr von Kleist, der Gemahl der schönen Luise von Schwerin, waren glücklich über diesen Fund, den sie indessen mit einigen hundert Talern bezahlt hatten Thiébault. III. 330., was freilich nur sehr geringe Zinsen waren von dem Kapital, welches dieser Ziegenbock ihnen eintragen sollte. Fredersdorf und Kleist das waren die beiden Vorsteher dieses geheimen Goldmacherbundes, der indessen unter seinen Mitgliedern viele Herren vom höchsten Adel, viele Generale, Offiziere und Beamte zählte.

Fredersdorf wollte Gold machen, aus Stolz, um sich loskaufen zu können von seinem Dienst beim König und die Frau zu heiraten, welche er liebte; Herr von Kleist wollte Gold machen aus Verschwendungslust, in der Überzeugung, daß die Welt ein sehr fades langweiliges und widerstrebendes Ding sei, wenn man ihr nicht mit Gold einiges Lächeln und einige Entzückungen abkaufen konnte. Und Herr von Kleist bedurfte dazu sehr vielen Geldes, ebensoviel wie seine schöne Gemahlin, welche wenigstens darin ihm eine treue Gefährtin gewesen, daß sie ihm redlich beigestanden, ihr Vermögen zu vergeuden und sich jetzt mit ihm auf das nicht allzuglänzende Einkommen eines Hauptmanns der königlichen Garde beschränkt sah.

Joseph Fredersdorf war also, wie gesagt, seit einigen Tagen erst von seiner Reise nach Berlin zurückgekehrt und ging jetzt mit einem jungen Manne über den Schloßplatz nach der Kurfürstenbrücke hin. Er lachte, plauderte und scherzte ganz laut, während sein junger Begleiter nur schüchtern und mit niedergeschlagenen Augen an seiner Seite ging, und jedesmal errötend in sich zusammenschrak, wenn Joseph irgendeinem ihnen begegnenden hübschen Dienstmädchen im Vorübergehen die Hand über das Kinn legte, oder einem feingekleideten Bürgermädchen neugierig unter die große seidene Kapuze schaute.

Joseph sah das und diese Schüchternheit seines jungen Begleiters belustigte ihn ungemein.

Wahrhaftig, sagte er lachend, hätte ich da nicht in meiner Tasche diesen Brief meines Halleschen Stubenburschen, welcher Sie mir als einen tüchtigen und braven Burschen empfiehlt, und Sie ein sehr gelehrtes Haus, eine zukünftige Leuchte der Wissenschaft nennt, hätte ich diesen Brief, diese Bürgschaft Ihrer Männlichkeit und Gelehrsamkeit nicht, so würde ich glauben, Sie seien ein verkleidetes Mädchen. Sie erröten wie eine Jungfer, und sind so schüchtern wie ein Lämmlein, das noch niemals von seiner Mutter Brüsten gekommen.

Ich bin ein Kleinstädter, ein armer Provinziale, sagte der junge Mann lächelnd und mit einer Stimme, welche allerdings ein wenig zu zart und mädchenhaft klang. Ihre großstädtischen Manieren überraschen mich, indem sie mir zugleich Respekt einflößen. Ich bewundere Sie, aber ich kann Ihnen nicht nacheifern, denn ich bin allerdings ein Stubenhocker, ein ungeselliger bücherbestaubter Student.

Ein gelehrtes Ungeheuer! rief Joseph lachend. Ein junger Mensch, der alles weiß und alles kennt, nur nicht die Kunst das Leben zu genießen. Sehen Sie, darin kann ich, dem Sie so vielfach überlegen sind, Ihnen doch Unterricht erteilen, und wahrhaftig, da mein Freund Sie mir so warm empfohlen hat, so will ich Sie jetzt unterrichten in meiner Wissenschaft, in der Wissenschaft des Lebensgenusses.

Ich fürchte, sagte der junge Mann traurig, ich fürchte, daß das eine Wissenschaft ist, welche ich nicht begreifen kann, weil man mir niemals die Organe zu derselben erschlossen hat. Mein Vater, ein gelehrter Arzt zu Quedlinburg, würde es sehr übel deuten, wenn ich mich mit andern Dingen beschäftigen wollte als mit der Wissenschaft, und ich selber habe dazu so wenig Neigung und Geschick, daß ich schon vor dem Gedanken erschrecke, mich aus dieser Welt der Bücher herauszuwagen, um sie mit einer Welt von Menschen zu vertauschen, deren Sprache ich kaum verstehe und deren Manieren mir fremd sind.

Aber ohne Zweifel sind Sie doch nach Berlin gekommen, um das alles ein wenig zu lernen?

Nein, ich bin hierher gekommen, um die medizinischen Anstalten zu mustern und den gelehrten und berühmten Herrn Euler zu sprechen.

Unsinn! rief Joseph lachend. Bewahren Sie sich Ihre Studien für Halle auf und studieren Sie hier ein wenig das, was man in Halle durchaus nicht lernen kann, nämlich das Vergnügen. Ich verspreche Ihnen, daß ich darin Ihr treuer Gefährte und Ratgeber sein will. Gleich jetzt wollen wir mit unsern Studien beginnen. Sehen Sie diesen kleinen Theaterzettel, welcher da an der Mauer angeklebt ist? Eckhof wird heute den Cato spielen! Lassen Sie uns ins deutsche Theater gehen!

Ins Theater! rief der andere ganz entsetzt. Wie? Ich sollte ins Theater gehen?

Und weshalb nicht, mein lieber Herr Lupinus? fragte Joseph verwundert. Gehören Sie vielleicht zu den Frommen, welche das Theater ein Haus des Lasters und der Sünde nennen, und unsern edlen König verlästern, weil er diese Häuser nicht schließt, sondern deren noch mehrere vielleicht eröffnen will?

Nein, ich gehöre nicht zu den Frommen, sagte der junge Lupinus mit einem matten Lächeln. Ich diene Gott, indem ich mich bemühe, seine Werke zu erkennen und ihn in seinem Meisterwerke, dem Menschen, zu begreifen. Das ist meine ganze Religion.

Und diese scheint mir, verbietet Ihnen nicht, ins Theater zu gehen, und da es Ihnen gefällt, die Menschen ein Meisterwerk Gottes zu nennen, so verspreche ich Ihnen, daß Sie da eines der schönsten Exemplare sehen sollen! Eckhof spielt heute abend!

Eckhof! Wer ist Eckhof?

Joseph sah den jungen Mann verwundert an, dann zuckte er mit einem verächtlichen Lächeln die Achseln. Man hat Sie wirklich verwahrlost, sagte er, und es war die höchste Zeit, daß Sie zu mir kamen! Sie wissen also nicht, daß Eckhof der erste deutsche Schauspieler ist, welcher es gewagt hat, den Kothurn des Herrn Gottsched zu verlassen, und Menschen auf der Bühne sprechen und sich bewegen zu lassen? Kommen Sie, Freund, jetzt gehen wir ganz gewiß ins Theater, und sehen Sie nur, wie sich alles dort nach der dunklen, niedrigen Pforte dieses Hauses drängt. Nehmen wir ehrfurchtsvoll unsere Hüte ab, mein Herr, denn hier stehen wir vor dem Tempel der Kunst, vor dem deutschen Theater. Treten wir ein und beten wir an!

Er zog den jungen Mann, der nicht mehr den Mut hatte, zu widerstreben, in das Haus und zu der Kasse hin, an welcher Leute jeden Standes und jeden Alters sich drängten, um Billetts zu lösen.

Es ist heute eine Vorstellung zugunsten Eckhofs, sagte Joseph, als sie dann durch den langen dunklen Korridor gingen, welcher zu dem Zuschauerraum führte. Sie sehen, wie viele Verehrer der große Schauspieler hat, denn wie mir scheint, ist halb Berlin heute gekommen, um ihm den Tribut eines gezahlten Billetts und eines Bravos darzubringen.

Der junge Lupinus antwortete ihm nicht. Er nahm schweigend neben Joseph auf einer dieser hölzernen Bänke Platz, welche eine hinter der andern aufgestellt waren, und den Besuchern des Parterres wenigstens die Bequemlichkeit des Sitzens, wenn, auch ohne Rücklehne, gewährten. Eine kleine Erhöhung lief rings um den Saal, von rohen Bretterwänden in viereckige, nach oben offene Kasten abgeteilt, welche man vornehmerweise »Logen« nannte. Der Bühne gegenüber bezeichnete eine mit kunstlosen Draperien behangene, und oben mit einem vergoldeten Adler geschmückte Tribüne die Loge des Königs, welche indes noch niemals weder von dem König noch von einem Mitglied der königlichen Familie besucht worden war. Zu beiden Seiten dieser königlichen Logen befanden sich zwei kleine dunkle, mit grünen schmucklosen Vorhängen versehene Logen, welche dazu bestimmt waren, das Gefolge der königlichen Familie, oder diejenigen Herren oder Damen vom hohen Adel aufzunehmen, welche die sonderbare Laune haben möchten, einmal auch das deutsche Theater besuchen zu wollen, eine Laune, die indes nur sehr seltene Beispiele aufzuweisen hatte.

Aber während diese königlichen Logen da oben leerstanden, drängte sich unten im Parkett und Parterre die Menge, und manches oh! und ah! und mancher Angst- und Weheschrei ertönte aus dieser dichten Menschenmasse, welche vor den beiden schmalen Eingangstüren des Zuschauerraums auf- und niederwogte.

Es trifft sich für Sie sehr glücklich, mein Herr, sagte Joseph lachend zu seinem Begleiter, sehr glücklich in der Tat, daß Eckhof heute gerade den Cato spielt, denn abgesehen davon, daß es seine beste Rolle ist, muß es doch ein wenig Ihr gelehrtes Herz versöhnen, ihn in einem Drama des gelehrten Gottsched und in einem Charakter aus dem gelehrten Altertum zu sehen.

Aber was wird dieser Histrione aus dem weisen und edlen Cato für ein Zerrbild gemacht haben! seufzte der junge Lupinus mit mitleidigem Achselzucken.

Sie sind ein Pedant, an dem sich hoffentlich die Musen noch heute rächen werden, rief Joseph halb ärgerlich, halb belustigt. Sie werden sehen, daß Sie noch heute abend sich in einen wahren Enragé für Eckhof verwandeln werden, denn das ist gemeinhin die Strafe für große Abneigungen, daß sie sich in große Zuneigungen umgestalten müssen. Wären Sie ein Mädchen, so würde ich sagen: Sie werden Eckhof leidenschaftlich lieben, denn Sie haben schon beinahe damit angefangen, ihn zu hassen!

Joseph hatte das so harmlos und achtlos gesagt, daß er gar nicht bemerkte, welchen tiefen und seltsamen Eindruck diese Worte auf seinen Begleiter hervorgebracht hatten. Er war, wie von jähem Schreck ergriffen, zusammengeschaudert und hatte sein errötetes Angesicht tief auf seine Brust gesenkt, ohne, wie es schien, die Kraft zu einer Erwiderung finden zu können.

Joseph, wie gesagt, merkte das nicht; er sah nur, daß der Vorhang da trüben soeben emporgezogen ward und das Stück begann.

Eine lautlose Stille herrschte in dem Saal, aller Augen waren auf die Bühne gerichtet, wo jetzt eben mit gravitätischem Schritt, die römische Toga in malerischem Faltenwurf um seine Schultern geschlungen, Eckhof als Cato erschienen war. In der Tat, man konnte kein vollendeteres Bild eines alten Römers sehen, als Eckhof es darstellte. Alles an ihm war antik, die edle und zugleich stolze Gattung, der würdige, gemessene Schritt, die langsamen und doch ungezwungenen Bewegungen, ja selbst die Form seines Kopfes, der Ausdruck seines edlen, scharf geschnittenen Angesichts. Dazu dieser streng nach der Antike gewählte Anzug, diese roten geschnürten Sandalen über dem kräftigen Bein, das von dem ledernen Gürtel zusammengehaltene weiße Untergewand, über welches die blaue Toga geschlungen war, der Schnitt seines Haares, alles vergegenwärtigte den edlen Römer des Altertums, den Sohn der Freiheit, voll von Adel und Größe.

Eckhof war der Erste gewesen, welcher den Mut gehabt, die Gestalten der Dichtung in den Kostümen ihrer Zeit darzustellen, der erste, welcher es gewagt, diese Gestalten von dem Kothurn der Unnatur herabzuziehen, und sie auf ihre eigenen Füße zu stellen, um wie Menschen sich zu gebärden, wie Menschen zu sprechen, einfach und in dem jeder Situation angemessenen Affekt. Eckhof tat das um die deutsche Bühne, was einige Jahre später Talma für die französische Bühne tat, und wenn man nichtsdestoweniger Talma nicht einen Nachahmer Eckhofs nennen konnte, so kam das daher, daß Eckhof nur ein Deutscher war, und daß das deutsche Drama niemals, und am allerwenigsten in jener Zeit, die Teilnahme und Beachtung der andern Nationen sich erwerben konnte.

Eckhof spielte den Cato. In atemlosem Schweigen lauschte ihm die in Entzückung und Bewunderung versenkte Menge, und nur zuweilen machte sich dies Entzücken in irgend einem lauten Ausruf Luft, brach sich die Bewunderung in einem kurzen, donnernden Applaus Bahn. Dann aber wieder ward alles still, jedermann lauschte wieder mit offenem Auge und offenem Ohr dem wundervollen, ebenso edlen als naturgetreuen Spiel des großen Künstlers, der selber durchglüht von Begeisterung, ganz aufgehend in seiner Rolle, kaum in sich selbst noch die Imagination von der Wirklichkeit zu unterscheiden wußte, der in sich selber aufgehört hatte, Eckhof zu sein, weil er sich ganz als Cato fühlte und dachte.

Finden Sie nicht, daß Eckhof heute zum Entzücken spielt? fragte Joseph ganz glückselig seinen Begleiter, als er eben nach einem Aktschluß durch stürmisches Rufen und Applaudieren es dahin gebracht, daß Eckhof sich dem Publikum gezeigt und noch einmal eine donnernde Salve des Beifalls empfangen hatte.

Der junge Lupinus antwortete ihm nicht, er blickte nur unverwandt nach der Bühne hin, er hatte nur Seele, Atem und Gehör für das, was dort sich begab. Die ganze Welt, die ganze Gegenwart war für ihn verklungen und wie in einen Traumnebel zurückgesunken. Eine neue Welt umrauschte ihn mit heiligen Fittichen, das Altertum, dieses angebetete Altertum, dem er lange Jahre des Studiums, des Nachdenkens und der Mühe geweiht, dem er den Schlaf seiner Nächte, die der Jugend zustehenden Genüsse seiner Tage geopfert hatte, es war jetzt für ihn in das Leben, in die Wirklichkeit getreten. Der, welcher dort auf der Bühne stand, war nicht Eckhof, es war Cato; das war nicht ein von Brettern aufgeschlagener Thespiskasten, es war das römische Forum, es war die Vorhalle des Tempels oder das von den Laren geheiligte Wohnhaus. Mit seligem Blick und staunendem Entzücken betrachtete dieser aus der Studierstube plötzlich in das Leben getretene Jüngling alles dies Neue, Unerhörte, was um ihn her vorging, und wunderbare Gedanken und nie geahnte Entzückungen schwellten seine Brust.

Es gab also außer dieser Welt der Bücher und der Gelehrsamkeit noch eine andere Welt, eine Welt der Kunst, der Heiterkeit, der Freude und des Lebensgenusses. Wie glättete sich diese unter dem Studium und den Nachtwachen früh gealterte Stirn. Welch ein glücklicher, begeisterungsvoller Ausdruck war plötzlich durch den Staub der Büchergelehrsamkeit auf dem Antlitz dieses jungen Greises hindurchgedrungen, und was war es, was plötzlich dieses Herz, welches bis jetzt in träger, sein Selbst nicht ahnender Ruhe erstarrt gelegen, in mächtigen Schlägen sich heben machte, und das Blut rascher durch seine Adern jagte?

Es war wie ein Nebel von seinem Antlitz gefallen, alles um ihn war jetzt Leben, Licht, Wonne und Entzücken, und mit zitternder Lippe und mit heimlichen Tränen sagte er zu sich selbst: Ich will leben! Ich will jung sein! Jener Weise dort soll mir helfen und beistehen! An ihn will ich mich wenden, er soll mir raten und ich werde seinem Rat folgen wie einem heiligen Gesetz.

Sagten Sie nicht, daß Sie den weisen Cato kennen? fragte der Jüngling, aus seinen Träumen erwachend, plötzlich seinen heitern Nachbar.

Cato? fragte dieser zurück. Meinen Sie damit dieses Drama von Gottsched, oder den langweiligen Cato des Altertums, oder den Eckhof, der heute den Cato spielt?

Ah, Eckhof also heißt er! murmelte der junge Mann still in sich hinein. Er heißt Eckhof!

Dann versank er wieder in sein voriges Schweigen, nur atmend, nur lebend für das, Was sich da auf der Bühne begab.

Das Schauspiel war zu Ende, der Vorhang senkte sich zum letztenmal. Jetzt machte die so lange zurückgehaltene Begeisterung, das so lange zum Schweigen verurteilte Entzücken sich in einem rauschenden und donnernden Sturm des Entzückens Luft. Alles jauchzte, alles schrie, alles klatschte in die Hände, jedermann war voll lachender Befriedigung, voll freudestrahlenden Vergnügens.

Der junge gelehrte Lupinus allein schwieg und seine Augen allein standen voll Tränen.

Doch war er vielleicht der Glücklichste von allen, und seine Träne war dem Künstler ein höherer Tribut, wie das Beifallsgeschrei der Menge.

Jene hatten nur einen Kunstgenuß, eine Zerstreuung oder ein Vergnügen gehabt. Er war in seinem eigenen Herzen auferstanden von den Toten, er hatte sich aus einem Greis in einen Jüngling verwandelt, er, welcher in den langen durchwachten Nächten des Studiums und Forschens nur von dem Ruhm der Gelehrsamkeit, von der Herrlichkeit des Wissens geträumt, er hatte jetzt plötzlich in sich ein neues, nie geahntes Etwas, er hatte ein Herz in sich entdeckt.

Jetzt ist es entschieden und ganz bestimmt, sagte Joseph, als sie, von der Masse gedrängt und geschoben, nach Beendigung der Vorstellung wieder auf die Straße hinaustraten. Ja, jetzt hat aller Zweifel in mir aufgehört. Ich entsage der Gelehrsamkeit und dem trocknen Studium. Ich überlasse Ihnen den Bücherstaub und den gelehrten Zopf. Ich werde ein Schauspieler!

Ah, ein Schauspieler! rief der junge Lupinus, wie aus einem Traum erwachend, und sein Arm, welcher in dem seines Begleiters ruhte, erzitterte so heftig, daß Joseph mit ihm erzitterte.

Wie? Sie erschrecken über meine Worte? sagte Joseph lächelnd, und nicht wahr, Sie verachten mich um meines Entschlusses willen? Aber was kümmert das alles mich! Ich will ein Künstler werden, und das Naserümpfen der Gelehrten und das hochmütige Achselzucken der klugen Leute kümmert mich nicht mehr. Ich will ein Schauspieler, ein Schüler Eckhofs werden! Lachen Sie also jetzt, verachten Sie mich also jetzt, mein sehr gelehrter Lupinus, ich gebe Ihnen die Erlaubnis dazu.

Ich lache gar nicht? sagte Lupinus leise und schüchtern. Jeder muß die Wege wandeln, an deren Endpunkt er sein Ideal zu finden vermeint, und wohin die Seele uns drängt, dahin müssen wir gehen!

Richtig, und also werde ich zu Eckhof gehen! rief Joseph, indem er den Federhut hoch in die Luft schwenkte.

Sie werden zu ihm gehen? Sie wissen also, wo er wohnt? fragte Lupinus.

Gewiß weiß ich das, sehen Sie nur, wie sich das trifft. Da stehen wir eben vor seiner Tür. Da oben in dem dritten Stock diese zwei erleuchteten Fenster, das sind die Fenster von Eckhofs Wohnung!

Wie heißt diese Straße? fragte Lupinus hastig.

Wie? Was kümmert Sie das? Oder ist meine Prophezeiung vielleicht wahr geworden und Sie haben sich in meinen großen Meister Eckhof verliebt? Nein, lassen Sie meinen Arm nicht los, gehen Sie nicht erzürnt von mir fort. Es ist ein weiter Weg von der Poststraße bis zu Ihrer Wohnung. Sie werden sich verirren. Gehen wir also zusammen, ich werde keine so unziemlichen Scherze mehr mit meinem gelehrten Herrn riskieren! Kommen Sie!

Er wohnt in der Poststraße und heißt Eckhof! sagte Lupinus zu sich selber, als er schweigend an Josephs Arm durch die dunklen Straßen nach seiner Wohnung ging. Er wohnt in der Poststraße und heißt Eckhof! Ich werde ihn also zu finden wissen, und er soll über mein Schicksal entscheiden!

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