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Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch

Luise Mühlbach: Berlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorLuise Mühlbach
titleBerlin und Sanssouci oder Friedrich der Große und seine Freunde. Erstes Buch
publisherHermann Borsdorf Verlag
year1912
printrunZehnte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140815
projectid364bdc6b
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IX. Der König und die Tänzerin

Die Barbarina ruhte halbausgestreckt, ganz in sich zusammengesunken, auf dem kleinen dunkelroten Diwan. Die Arme über der Brust gekreuzt, wie eine Odaliske, die flammenden, glutsprühenden Augen auf den Eintretenden gerichtet, verharrte sie in ihrer trotzigen Bewegungslosigkeit, ihrer geschlossenen Ruhe. Sie hatte den Blick einer Pantherin, welche eben zu einem Sprunge sich bereitet und ihren Feind entweder töten oder von ihm getötet werden will.

Der König stand einen Augenblick still und wartete. Aber die Barbarina rührte sich nicht.

Der Baron Sweerts, entsetzt über dieses ungebührliche und respektwidrige Betragen der Tänzerin, näherte sich ihr, um ihr zu sagen, daß es der König sei, welcher ihr die Gnade eines Besuches erzeige.

Aber Friedrich winkte ihm, sich zurückzuziehen, und um nicht von der Signora verstanden zu werden, sagte er deutsch: Geh Er, und erwarte Er mich im Korridor. Es ist nicht nötig, daß die Signora weiß, mit wem sie es zu tun hat.

Baron Sweerts entfernte sich mit einer Verbeugung, als er aber die Tür des kleinen Zimmers hinter sich zudrücken wollte, sagte der König gebieterisch: Die Tür bleibt offen!

Die Barbarina lag noch immer unbeweglich da; ihre großen dunklen Augen waren forschend von einem der beiden Herren zu dem andern geflattert, sie hatte versucht, in ihren Mienen die Bedeutung dieser Worte zu lesen, welche sie nicht verstand, aber sie tat das ganz ohne Ängstlichkeit und Beklommenheit; sie fühlte sich durchaus nicht wie eine Schuldige, eine Rebellin, sondern sie hatte die Miene einer strengen Königin, welche eine von ihr erflehte Gnade nicht gewähren will.

Der König trat jetzt dicht zu ihr heran; ihr Auge heftete sich mit unaussprechlicher ernster Ruhe auf sein Angesicht, und dieses einem König sehr ungewohnte Anblicken machte Friedrich fast verwirrt, indem es ihn zugleich ergötzte.

Sie sind also fest entschlossen, heute abend nicht mehr zu tanzen? fragte der König.

Fest entschlossen! sagte sie mit ihrer wundervollen, sonoren Stimme.

Hüten Sie sich! Hüten Sie sich! rief der König, und wider seinen Willen konnte seine Stimme nicht den drohenden Ausdruck annehmen, den er ihr zu geben wünschte. Der König wird Sie zu zwingen wissen!

Mich zwingen! Mich, die Barbarina! sagte sie mit einem spöttischen Lächeln, das indessen zwei Reihen wundervoller Zähne sehen ließ. Und wie wird es der König anfangen, mich zum Tanz zu zwingen?

Nun! Sie sollten doch überzeugt sein, daß der König ein wenig Gewalt über Sie hat, da er Sie gezwungen hat, hieher zu kommen!

Ja, das ist wahr! rief die Signora, indem sie sich mit dem Oberkörper aus ihrer ruhenden Stellung aufrichtete. Er hat mich gezwungen, hieher zu kommen! Er hat an mir gehandelt wie ein Barbar, wie ein gefühlloser Tyrann!

Signora, rief der König drohend, man spricht nicht so von einem König.

Und weshalb nicht? fragte sie heftig. Was ist mir Ihr König? Wodurch hat er meine Liebe, meine Achtung, ja, auch nur meinen Gehorsam verdient? Was hat er für mich getan, daß ich ihn anders als einen rohen Tyrannen betrachten kann? Was kann für mich, welche selber eine Königin ist, und eine stolze und eine trotzige, glauben Sie es mir nur, – was kann für mich dieser König sein, den ich nicht kenne, den ich nie gesehen, und der mir gegenüber vergessen hat, daß ich ein Weib und er ein Mann sei, wie sehr er immerhin auch ein König sein mag? Ein echter König darf aber einer Dame gegenüber immer nur der Kavalier sein, wenn er nicht will, daß ihn das Weib verachtet.

Ah, Sie verachten also den König? fragte Friedrich, den diese ungewohnte Szene wirklich belustigte.

Ich verachte ihn, ja! Ich hasse ihn, ja! rief die Tänzerin mit einem wilden energischen Ausbruch ihres südlichen Naturells. Ich bete zu Gott nicht mehr um mein Glück, denn das hat dieser grausame König zerstört, ich bete zu Gott nur noch um Rache, um Vergeltung an diesem Mann, welcher die Herzen anderer Menschen unter seine Füße tritt, weil er selber kein Herz hat. Und Gott wird mir beistehen, daß ich mein Ziel erreiche, daß ich mich räche an diesem Mann. Ich habe es mir geschworen, und ich werde Wort halten! Gehen Sie hin und sagen Sie das Ihrem König! Sagen Sie ihm, er soll sich hüten vor der Barbarina. Großmütiger und aufrichtiger wie er, warne ich ihn, während er mich hinterlistig bei Nacht, ungewarnt, von Häschern hat überfallen und wie eine Verbrecherin hieher schleppen lassen.

Der König fand diese Szene zu pikant, um sie schon enden zu lassen. Es war für ihn, den König, der nur gewohnt war, um sich her Stimmen des Beifalls, der Bewunderung und des Lobes zu hören, ein ganz neues Gefühl, sich so energisch getadelt und gescholten zu hören.

Und fürchten Sie nicht, daß der König zürnen wird, wenn ich ihm Ihre Worte wiederhole? fragte er.

Fürchten? Was kann mir der König nun noch tun, daß ich mich fürchten sollte? Er ist ein König, aber ich, bin ich nicht eine Königin? Er besitzt nur ein kleines Stück Land von dieser Welt, welche mein ist, welche mir gehört, wie sie dem Adler gehört, der in stolzem Fluge durch die Lüfte dahinrauscht. Er hat über Millionen zu gebieten, aber er muß sie aus den Taschen seiner Untertanen nehmen, und er bedarf dazu vieler Beamter, die von dem Volk das Geld nehmen, was es doch nur mürrisch gibt, während mein Volk es mir jauchzend und frohlockend darbringt. Sehen Sie da, diese zwei kleinen Füße, das sind meine Beamten, und ich habe genug an ihnen, um die Steuern meines Volkes, und das sind alle Menschen, welche in Europa wohnen, einzuziehen. Ja, diese zwei kleinen Füße, das sind meine Beamten, welche mir Millionen eintreiben, das sind meine Rächer, welche mir Genugtuung schaffen sollen an Ihrem barbarischen König!

Sie lehnte sich erschöpft, nicht so sehr vom Sprechen, als von ihrer inneren Leidenschaftlichkeit, an die Kissen zurück und atmete hoch auf. Der König betrachtete sie mit staunenden Blicken; sie war für ihn wie ein neu entdecktes, nie gesehenes Kunstwerk, dessen Anschauen man mit einer Art Verwunderung genießt, und dem gegenüber man stumm wird vor andachtsvollem Staunen. Ihre außergewöhnliche Schönheit, ihr pikantes Wesen, ihre rückhaltlose Leidenschaftlichkeit, ihre trotzige Aufrichtigkeit, das alles machte auf ihn einen ungewöhnlichen, einen zauberhaften Eindruck. Sie konnte immerhin auf den König schelten und ihm Rache schwören, der König hörte es nicht! Der König war nicht da, sondern nur der Mann, und zwar ein Mann, welcher dem König fast zürnte, daß die Barbarina recht hatte, ihm zu grollen, daß der König wirklich ihr gegenüber vergessen hatte, daß sie ein Weib und er ein Kavalier sei.

Ja, ja, wiederholte jetzt die Barbarina, und ein köstlicher Ausdruck des Triumphes malte sich in ihren Zügen, ja, meine kleinen Füße werden meine Rächer sein. Der König wird sie niemals mehr tanzen sehen, er, welcher es sich Tausende hat kosten lassen, welcher mit der edlen Republik Venedig um meinetwillen Zwistigkeiten angezettelt, er wird mich nie wieder tanzen sehen! Oh, es ist sehr leicht, eine Provinz zu unterjochen, aber es ist unmöglich, eine Frau, eine Künstlerin, zu unterjochen, wenn sie nicht unterjocht sein will!

Der König lächelte. Sie wollen nicht vor dem König tanzen, sagte er, und doch haben Sie es ja schon heute getan.

Gewiß habe ich das, sagte sie, ihr Haupt stolz emporrichtend. Ich habe dem König gezeigt, daß ich eine Künstlerin bin, denn nur erst, wenn er das erkannt hatte, konnte es ihn schmerzen, mich nie wieder tanzen zu sehen.

Ah, in der Tat, das ist eine raffinierte Berechnung! rief der König mit leuchtenden Augen. Sie tanzten, um den König durstig zu machen nach einem neuen Genuß, und ihm dann denselben zu versagen? Ah, man muß eine Italienerin sein, um das zu ersinnen!

Ja, ich bin eine Italienerin, und wehe mir, daß ich es bin! rief sie, und ein Strom von Tränen stürzte plötzlich aus ihren Augen. Aber das dauerte nur einen Moment. Sie schüttelte, zornig über ihre eigene Schwäche, die Tränen aus ihren Augen fort oder ließ sie zurückfließen in ihr Herz. Arme Italienerin, sagte sie dann sanft und leise, armes Kind des Südens, was willst du hier in diesem kalten Norden, bei diesen frostigen Herzen, welche mit ihrem Eiseslächeln die Schönheit und Kunst erstarren machen. Ah, zu denken, daß die Barbarina nicht vermochte, die Eisrinde von ihrem Herzen zu schmelzen, zu denken, daß sie ihre Kunst vor ihnen entfaltete und sie ihr zusahen mit stummer Lippe und regungsloser Hand! Ah, das ist eine Schmach, welche mich in Italien getötet haben würde, weil ich mein Volk liebe und weil es die Kunst versteht; welche mich aber in Deutschland nur mit tiefster Verachtung und zürnendem Spott erfüllt!

Ah, deshalb ist es, daß Sie zürnen! rief der König fast freudig. Man hat Ihnen nicht applaudiert, man hat Ihnen keine Bravi hören lassen?

Sie lächeln darüber? sagte sie, ihm einen Blitz ihrer Augen zuschleudernd. Sie wissen also nicht, daß dieses Applaudieren und diese Bravi für den Künstler das sind, was für das feurige Schlachtroß der Schall der Trompete ist? Das berauscht, das entzückt, das schwellt das Herz mit Mut und Kraft. Wenn der Künstler auf der Bühne steht, so ist der Saal, welchen er da vor sich hat, sein Himmel, in welchem seine Richter sitzen, um ihm entweder die ewige Seligkeit oder die ewige Verdammnis zu geben, um ihm entweder die Unsterblichkeit des Ruhms oder die Schmach und Verachtung einer Niederlage zuzuerkennen. Nun denn, mein Herr, wenn ich Ihnen sage, daß uns Künstler der Bühne dieser mit Zuschauern angefüllte Saal der Himmel mit seinen Richtern ist, so werden Sie begreifen, daß das Applaudieren und Bravorufen für uns die Musik der Sphären ist!

Ich begreife das, sagte der König lächelnd. Aber diesmal müssen Sie Nachsicht üben, denn die Etikette verbietet hier das Applaudieren. Sie haben hier vor einem invitierten Publikum getanzt, und nicht vor einem, welches bezahlt, und dadurch sich das Recht, Beifall oder Tadel zu äußern, erworben hat. Niemand darf hier applaudieren, niemand als der König!

Oh, und dieser Mann hat nicht applaudiert! rief sie, indem sie ihre Zähne fest aufeinanderpreßte und ihre kleinen geballten Fäuste drohend zum Himmel emporstreckte.

Vielleicht war es nur das Entzücken, Signora, welches ihn stumm gemacht, sagte der König mit einem anmutigen Neigen des Kopfes, wenn er Sie wieder tanzen sieht und mehr Ruhe gewonnen hat, wird er Ihnen vielleicht applaudieren.

Vielleicht! wiederholte sie achselzuckend. Ich werde mich diesem Vielleicht nicht mehr aussetzen. Ich werde nie wieder tanzen. Mein Fuß ist krank! Der König kann mich nicht zum Tanzen zwingen.

Nein, er kann Sie nicht zum Tanzen zwingen, aber Sie werden es freiwillig tun, Sie werden freiwillig noch heute vor ihm tanzen!

Die Barbarina lachte, aber mit einem so wilden dämonischen Ausdruck, daß ihr Lachen mehr der Ausdruck der Verwünschung als der Heiterkeit war.

Sie werden noch heute vor dem König tanzen, wiederholte Friedrich, und sein kühner flammender Blick bohrte sich tief in das Auge Barbarinas, welche ihn trotzig anblickte und heftig verneinend mit dem Kopf schüttelte.

Sie werden tanzen, weil Sie sonst verloren sind. Ich meine nicht verloren, weil der König Sie vielleicht strafen könnte wegen Ihres Widerstandes. Der König ist kein Blaubart, er tötet keine Frauen, er steckt sie in keine unterirdischen Gefängnisse und hat keine Folterkammern für sie in Bereitschaft, denn der König von Preußen, welchen Sie so sehr hassen, er hat die Folter in seinen Landen aufgehoben, die Folter, welche neben den Orangen und Myrten in Ihrem schönen Italien in üppigster Blüte steht. Nein, Signora, der König wird Sie, wenn Sie in Ihrem Trotz beharren, nicht strafen, sondern er wird Sie fortschicken, das ist alles!

Und das ist alles, was ich wünsche und mir vom Schicksal erflehe!

Wer weiß, Signora! Denn Sie, welche eine Künstlerin, Sie, welche eine schöne Frau sind, Sie, welche Ehrgeiz besitzen und den Ruhm für ein begehrenswertes Etwas halten, Sie werden nicht Ihren Ruhm verlieren, Ihren Ehrgeiz schmählich enttäuscht, Ihre Schönheit gelästert und Ihre Künstlerschaft verdächtigt sehen wollen.

Und ich sehe nicht ein, wie alle diese fürchterlichen Dinge geschehen könnten, weil ich in Berlin und vor dem König nicht mehr tanzen will!

Sie werden das sogleich einsehen, Signora, hören Sie nur. Der König ist, was man auch immer von ihm sagen und denken möge, doch immer ein Mann, auf welchen Europa blickt, wenn es, setzte der König mit einem anmutigen Lächeln und einer leichten Verneigung hinzu, wenn es nicht gerade seine Augen auf Sie gerichtet hat, Signora. Die Stimme des Königs hat ein wenig Gewicht in der Welt erhalten, wenn er auch bis jetzt nur Provinzen und keine Frauen erobert hat. Man hat wohl darauf geachtet, daß der König ein so unwiderstehliches Verlangen hatte, Sie zu sehen und zu bewundern, daß er sogar deshalb die ritterliche Galanterie ein wenig beiseite setzte und auf seinem Rechte, auf der Erfüllung Ihres von Ihrer eigenen schönen Hand unterschriebenen Kontraktes, bestand! Das war vielleicht nicht, wie Sie sagen, kavaliermäßig, aber es war wenigstens nicht ungerecht! Sie haben ihm gehorchen müssen, Sie sind hierher nach Berlin gekommen, nicht freiwillig, das gebe ich zu, aber Sie haben heut abend vor dem König getanzt, und das das haben Sie freiwillig getan. Das war, von Ihrem Standpunkt betrachtet, ein großer Fehler. Denn nun können Sie nicht mehr sagen, »ich will nicht vor dem König tanzen, weil ich mich rächen will,« denn Sie haben getanzt, und wie fein und raffiniert Sie auch dieses Tanzen entschuldigen wollen, man wird Ihnen keinen Glauben schenken, wenn der König seine Stimme gegen Sie erhebt. Und er wird das tun, glauben Sie es mir! Er wird sagen, ich habe die Barbarina kommen lassen, um zu sehen, ob die ganze Welt wahnsinnig und kindisch ist, oder ob die Barbarina wirklich diese Begeisterung, dieses Entzücken verdient, das die ganze Welt für sie hegt. Nun denn, ich habe sie tanzen sehen, und ich finde, daß die Welt närrisch ist, und ich gebe ihr ihr Götzenbild zurück, weil ich es nicht mag, weil es für mich nur eine hölzerne Nachbildung, nicht die Göttin selber ist, weil ich Terpsichore anbeten wollte und dafür nur ihre kleine Kammerzofe bekam. Ich lasse die Barbarina wieder gehen, weil ich sie einmal habe tanzen sehen, und weil ich nicht Lust hatte, mich zum zweitenmal von ihren Kapriolen und Minauderien langweilen zu lassen!

Mein Herr! rief Barbarina drohend, indem sie mit fliegendem Atem und flammenden Augen sich aus ihrer ruhenden Stellung emporrichtete.

Das würde der König sagen, fuhr der König ruhig und lächelnd fort, und da, wie Sie wissen, der König eine ziemlich volle Stimme hat, so würde man diese Worte des Königs in ganz Europa widerhallen hören. Man würde es Ihnen also nicht glauben, daß Sie nicht haben tanzen wollen, sondern man wird denken, daß Sie nicht haben tanzen sollen, man wird sagen, daß Sie dem König nicht gefallen haben, und zum Beweis dafür wird man anführen, daß der König, als Sie vor ihm tanzten, nicht applaudiert, daß er Ihnen nicht ein einziges Bravo zugerufen hat, man wird mit einem Worte sagen: daß Sie Fiasko gemacht haben!

Die Barbarina war aufgesprungen und legte jetzt mit einer Bewegung von unnachahmlicher Grazie und Leidenschaftlichkeit zugleich ihre Hand auf den Arm des Königs.

Führen Sie mich auf die Bühne, sagte sie in wunderbarer Erregung, ich will tanzen. Ah, dieser König soll mich nicht besiegen, mich nicht zugrunde richten! Er hat mir mein Lebensglück gemordet, aber er soll mir meinen Ruhm nicht töten. Nein, nein, ich will ihn zwingen, der Barbarina zu applaudieren, ich will ihn zwingen, mich eine Künstlerin zu nennen. Sagen Sie es dem Direktor, daß er alles bereiten läßt, ich werde sogleich auf die Bühne kommen! Ich will tanzen!

Sie hatte wohl recht gehabt, den Künstler vorher mit einem Streitroß zu vergleichen. Sie glich in diesem Augenblicke einem solchen, sie hatte die Trompete, welche zum Kampf, zum Ruhme ruft, vernommen, ihre Wangen glühten, ihre Nüstern flogen, ein fieberhaftes Keuchen kam aus ihrer Brust hervor, ein konvulsivisches nervöses Zittern, das Zittern der tatendurstigen Ungeduld, der kampfbereiten Erwartung, durchrieselte ihre Glieder.

Der König betrachtete sie mit leuchtenden Augen. Er begriff den Ausdruck ihres Angesichts, er verstand ihr Zittern und ihre Hast, er verstand diese nach Ruhm dürstende Seele, diesen von der Möglichkeit des Mißlingens empörten Ehrgeiz. Ihre Tapferkeit entzückte ihn, die Wahrheit und Fülle, mit der sie jede ihrer Empfindungen äußerte, flößte ihm Achtung ein. Und indem der König diesen innern, diesen geistigen Eigenschaften den Tribut seiner Anerkennung zollte, sahen die Augen des Mannes zugleich, daß dieses Weib auch äußerlich wohl den Tribut der Anerkennung verdiene, daß sie schön sei, und zwar in der reizenden, weichen, üppigen und zugleich sittsamen und keuschen Schönheit der Venus Anadyomene, der meerentstiegenen Göttin, keusch in der Üppigkeit, unschuldig in der Nacktheit.

Kommen Sie, sagte der König, geben Sie mir Ihre Hand. Ich werde Sie auf die Bühne führen, und ich verspreche Ihnen, daß der König applaudieren wird!

Die Barbarina sagte kein Wort, in dem Feuer ihrer Ungeduld drängte sie den König nur vorwärts, der Tür zu. Aber dann blieb sie stehen, und den König mit einem bezaubernden Lächeln anblickend, sagte sie: Mein Herr, ich bin Ihnen ohne Zweifel vielen Dank schuldig, denn Sie haben mich gewarnt vor einer Gefahr und mich vor einem Fehltritt behütet. Freilich taten Sie das nicht um meinetwillen, sondern weil Ihr König befohlen hatte, daß ich tanzen sollte und Sie mich überreden wollten. Aber Ihre Überredungsgründe waren gut und haben mich von einem Abgrund zurückgerufen. Ich danke Ihnen und bitte Sie, mir Ihren Namen zu sagen, damit ich ihn als die einzige gute Erinnerung an dieses Berlin in mein Gedächtnis zeichnen kann.

Der König lächelte. Signora, sagte er, von heute an werden Sie mir ein wenig Verdienst und Ruhm zugestehen müssen. Sie sagten, daß es leicht sei, Provinzen zu erobern, aber riesenschwer, eine Frau wider ihren Willen zu erobern. Nun denn, jetzt werde ich in Ihren Augen vielleicht ein Held sein, denn ich habe nun nicht bloß Provinzen, sondern auch sogar eine Tänzerin erobert und besiegt!

Die Barbarina erschrak weder noch äußerte sie Staunen oder Entsetzen bei diesen Worten des Königs. Sie hatte schon zu viele Fürsten und Könige zu ihren Füßen gesehen, um noch von dem Glanz der Majestät geblendet zu sein.

Sie ließ nur den Arm des Königs los, und indem Sie sich tief verneigte, sagte sie ruhig und fest: Sire, ich bitte nicht um Verzeihung und Gnade, denn Sie sehen wohl, der Besitzer einer Krone muß diese Krone auf dem Haupt tragen, wenn man sie erblicken und respektieren soll, und die Majestät ist ein Etwas, welches nicht leuchtet, wenn man es unter Schleiern verbirgt. Auch würde ich nicht anders gesprochen haben, wenn ich den hohen Rang dessen gekannt hätte, der mir die Gnade seiner Gegenwart schenkte!

Ich bin davon überzeugt! rief der König lachend. Sie sind eine Königin, welche den kleinen König von Preußen sehr gering achtet, weil er so sehr vieler Steuerbeamter bedarf, um das Geld, dessen er nötig hat, von seinen Untertanen zu erpressen. Darin haben Sie recht, meine Beamten kosten mich viel Geld und bringen wenig ein, während die Ihrigen Ihnen gar nichts kosten und sehr viel einbringen. Kommen Sie, Signora, Ihre beiden Steuerbeamten wollen ihr Amt antreten!

Er winkte dem Baron von Sweerts, welcher draußen im Korridor stand und sagte deutsch: Die Signora wird tanzen! Man soll ihr mit Respekt begegnen und einige Egards für sie haben!

Dann nickte er der Tänzerin einen leichten Gruß zu und kehrte in den Zuschauersaal zurück, wo man indessen den dritten Akt des Ödip zu Ende gebracht hatte.

Aller Blicke richteten sich bei seinem Eintritt auf den König. Man erwartete ihn mit diesem flammenden, zerschmetternden Blitz in den Augen zu sehen, wie er dem König im Zorn eigen war, aber das Antlitz Friedrichs war strahlend hell, und ein unbeschreiblicher Ausdruck von Frieden und Glück sprach aus seinen Zügen.

Er nahm seinen Platz wieder zwischen den beiden Königinnen ein, indem er an Sophie Dorothea einige Worte der Entschuldigung richtete und seine Gemahlin mit einem Lächeln begrüßte.

Arme Königin, arme Elisabeth Christine! Sie hatte den scharfen Blick einer Liebenden, und sie allein las auf dem Antlitz des Königs, was niemand, was selbst Friedrich noch nicht wußte.

Während aller Augen auf die Bühne gerichtet waren, während jeder mit atemlosem Entzücken, mit einer nur von der Anwesenheit des Königs zum Schweigen gebrachten Begeisterung dem wundervollen Tanz der Barbarina zuschaute, hatte die Königin ihre verstohlenen, schüchternen Blicke nur auf das Antlitz ihres Gemahls gerichtet.

Sie sah nicht, daß Barbarina in der Glut ihres Ehrgeizes und ihrer leidenschaftlichen Energie jetzt noch vollendeter, noch meisterhafter tanzte wie zuvor, daß sie die größten Schwierigkeiten mit spielender Leichtigkeit, mit unnachahmlicher Grazie überwand.

Die Königin sah das nicht, aber sie sah das Antlitz ihres Gemahls, welches leuchtete vor innerer Befriedigung und Lust, sie sah sein Lächeln, und sie fühlte es wie ein schneidendes Schwert durch ihre Seele gehen.

Die Barbarina hatte geendet! Wieder trat sie vor und neigte sich tief und grüßte ihre erhabenen Zuschauer. Aber jetzt ereignete sich etwas Unerhörtes, etwas, welches durchaus der Etikette widersprach und den Oberzeremonienmeister mit Grauen und Entsetzen erfüllte, – der König applaudierte, nicht wie ein gnädiger König, indem er nur leise die Hände zusammenlegte, der König applaudierte wie ein Enthusiast, welcher entzückt ist, und welcher dieses Entzücken laut und stürmisch aller Welt zu erkennen geben will. Und indem Friedrich so applaudierte, erhob er sich einen Moment von seinem Fauteuil und wandte sich nach den hinter ihm befindlichen Prinzen, Generalen und Kavalieren um.

Applaudieren Sie, Messieurs, sagte er, und als ob diese Worte die Zauberformel gewesen, welche die gefesselten Hände frei gemacht und den schon auf den Lippen zitternden Ausruf des Entzückens, welcher erstarrt war, wieder lebendig gemacht, hallte der Saal wieder von dem Sturm des Beifalls, den Bravorufen der enthusiasmierten Zuschauer.

Barbarina neigte sich wieder und immer wieder, und ein Ausdruck seligen Triumphes stand auf ihrem schönen, von der Macht ihrer Aufregung glühenden Angesicht.

Ich sah nie ein schöneres Weib! murmelte der König, indem er sich ganz erschöpft in seinem Fauteuil zurücklehnte.

Die Königin Elisabeth Christine preßte die Lippen fest aufeinander, um den Schmerzensschrei zurückzuhalten, der sich aus ihrer Brust emporrang. Sie hatte mit dem scharfen Ohr einer Liebenden die Worte des Königs gehört und ihren tieferen Sinn begriffen.

Er wird sie lieben, ich weiß das, ich fühle das! sagte sie zu sich selber, als sie nach diesem ereignisreichen Abend wieder nach ihrem einsamen Schlosse Schönhausen zurückgekehrt war. Oh, oh, warum hat mir Gott denn diese neue Qual, diese neue Demütigung auferlegt. Bis heute konnte man mich beklagen, von dem König nicht geliebt zu werden, indem man sagte: »Der König liebt keine Frau! Der König hat kein Herz für die Liebe!« – Von heute an wird man mich verachten, denn der König wird wieder ein Herz haben, er wird sich wieder bewußt werden, daß er kein Greis ist, sondern ein Mann von zweiunddreißig Jahren, er wird wieder jung werden, jung von Herzen, jung in Liebe! Oh, mein Gott, und ich werde mein Herz einsargen müssen in den Schleiern der Eifersucht und der Resignation.

Während die Königin Gott ihre Schmerzen und ihre Qualen anvertraute, war Graf Tessin, der schwedische Gesandte, damit beschäftigt, seinem König seinen Zorn und seine Empfindlichkeit anzuvertrauen. Er schrieb an seinen Souverän, und erzählte ihm von den beleidigenden Worten der kleinen Prinzessin Amalie, welche man am Hofe allgemein die kleine Aprilfee nenne, obwohl sie noch launenhafter sei wie der April, und stürmischer und rückhaltloser in ihrem Zorn wie König Friedrich selber. Dann schilderte er das sanfte und herzgewinnende Betragen der Prinzessin Ulrike und machte seinem Hofe den Vorschlag, lieber die edle und anmutige Prinzessin Ulrike statt der wilden und störrischen Amalie zur Gemahlin des Thronerben Adolph Friedrich zu wählen, und ihn zu ermächtigen, um dieselbe zu werben.

Und nachdem der Herr Gesandte diese Depesche vollendet und sofort durch einen Kurier an das in Stralsund bereitliegende schwedische Schiff abgesandt hatte, sagte er mit einem triumphierenden Lächeln: Ah, meine kleine Prinzessin Amalie! Das ist wenigstens eine königliche Strafe für Ihre königliche Launenhaftigkeit. Es beliebte Ihnen heute, mich zu beleidigen, und Sie ahnten nicht, daß ich mich für diese Beleidigung rächen würde, indem ich Sie um eine Königskrone bringe! Ach, hätten Sie das ahnen können, wie freundlich würde mich diese schöne Aprilfee angelächelt haben!

Man sieht, selbst die Herren Diplomaten können zuweilen überlistet werden!

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