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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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8

Berts Karten waren hell und scharf und mit der göttlichen Genauigkeit des Pedanten gezeichnet. Eingeschlossen in seine Kammer, mit verriegelten grünen Läden, beugte sich Emil über das Gemengsel der Papiere und hatte bald den ganzen Weg erkannt. Die Bahnlinie war im kürzesten Strich durch die köstlichen Wiesen der Talschaft gezogen, aber schleifte sich dann, sobald das billige Bergterrain begann, in einer bequemen, schrägen Richtung durch die Wälder über Miezeler hinauf zur Alpe. Der gewöhnliche und schönere Wanderweg dagegen ging zuhinterst ins Tal zum »End«, stieg dann über krüppelig bewachsene, abgerutschte Halden zum Plättlisee und von da über eine verfluchte Schroffheit von Gefels nach Miezeler. Von da ging's noch zwei Stunden ziemlich mit der Bahnlinie zur Alpe. Könnte man vom Seelein die Wände empor, – und es war da etwas wie eine Gemsenspur hineingekritzelt, – dann gelangte man schnell und geradeswegs zu den Absomerhütten. Haarscharf war diese Alpe hingestrichelt. Man sah die drei Alphütten hinten am Felshang, vorne die furchtbaren Abstürze der Flühen gegen den See, den Bach links oben aus den ewigen Stein- und Schneeschründen in die Weide fließen und sich ein Viertelstündchen ob den Hütten durch das Gras zu den Ränften schlängeln, wo er dann in einer Kaminrinne zum See abstürzte. Halb um die Alpe herum starrte der oberste, steinerne Berg auf, zuerst in grauen Geröllhalden, immer steiler ansteigend, dann aber als knochiger Fels bis hoch zu den Firsten, an wenigen Vertiefungen mit einem alten, harten Schneepelz belegt. Von diesen Steinwüsten an wurde die Sache wichtig, da begann Emils Arbeit. Zwar zogen sich durch die untern Partien noch Zeichnungen fast bis zum Rumpf des Absomer, Gefälle und Steinsorte war genau bestimmt und sogar die Kletterei der Waghalse auf den Gipfel mit Pünktlein verraten. Aber Emil staunte. Die sichere Hand Berts fing an, je höher es ging, zu zittern; die Linie verlor ihren so bestimmt zum Ziel weisenden Finger. Es war, als habe der Mann Schwindel bekommen. Wie eine schleichende Katzenfährte machte der Strich da große Umwege, wich jeder Wand und Steilheit aus und beschrieb fast eher die Flucht als den Angriff des Berges. Das war nicht die offene, mutige, oft beinahe romantische Art Berts. Ja, links und rechts waren neben die Hauptlinie noch Nebenstriche hingetüpfelt, eine geradezu schmähliche Tat in Emils Augen. Denn für einen richtigen Pfadweiser soll es keine Seitenwege und Notgäßlein, kein Nörgeln und Pröbeln aus der sichern Richtung heraus geben. Der Manuß kannte neben dem: so! – kein: vielleicht auch so! –

Vor dem Fensterladen hörte man Kindergeschwätz. Die langsame Stimme Heinzens mischte sich reichlich darein. Er narrte mit ihnen, der Kinderaffe! Sehr vernehmlich erzählte er diesen Dorfplatzjungen, die mit rudernden oder radschlagenden Armen Eisenbähnlis und Luftschifflis spielten, daß Zeppelin über seine Stadt und das Haus des Ingenieurs geflogen sei, klirrend und brausend wie ein neues, großartiges Unwesen der Lüfte.

Das störte und ärgerte Emil ein wenig, dieses Geplapper, so hörbar durch die trockenen Holzwände des Hauses. Aber er stützte den Kopf an den kleinen, dünnen Ohren in die Hände und war nun wieder ganz im Projekt.

Daß Bert so weitläufige Gänge beschrieb, begriff sich allenfalls. Man muß das von Auge prüfen. Es wird wohl am Fels und Getrümmer liegen. Aber wie er nun bei aller Spaziererei doch zuletzt an eine Kluft von mehr als dreißig Metern gerät und gerade hier einen kostspieligen Viadukt vorsieht, – das gibt zu denken. Man merkt, der arme Bert kränkelte schon lange, entschuldigt Emil. Aber dann weiter oben in scheinbar leichten und sicheren Felsbändern immer den bequemsten Weg zu gehen, einmal mit geradezu verblüffend feiner Benützung einer Naturhöhle und eines Steinkamins, das war dann doch wieder gerechnet mit einer so schlauen, findigen Stirne, daß Emil stutzte. Und siehe, so ging's an einen jähen Absatz, wo ein Tunnel durch die größte Breite des Kegels gebohrt werden mußte, – es gab keinen Ausweg. Auf der andern Seite stand man dann noch hundert Meter unter dem Gipfel, fast senkrecht, fast unmöglich. Kein Pünktlein gab da weiter die Absichten des Zeichners kund. Unerklärlich!

Emil biß die gelben Zähne in die Lippe und kniff die Augen, daß nur noch ein Strahl, so dünn wie eine Stahlschneide, auf den aufgerollten Karton blitzte. Die Zeichnung regte ihn auf, wie ein boshaftes, aber verteufelt gescheites Abenteuer, in das man unversehens geraten ist, und das man nun wohl oder übel so klug als möglich mitmachen und überwinden muß.

Bert vergeudete da Millionen in die Felsen. So kam die Strecke unbezahlbar teuer. Das ganze Projekt war so tot.

Dem Manuß dämmerte immer klarer auf, daß Bert die Bergbahn unmöglich machen wollte. Das irre Reden des Kranken wurde ihm nun viel verständlicher. Das war weder Fieber, noch Irrsinn oder Blödigkeit Berts, das war klare Absicht gewesen. Er hatte sich in den Berg und in sein Volk verliebt. Seinem gefühlvollen, poetischen Wesen tat gerade hier eine Fremdenbahn je länger, je mehr weh. Dann wurde er krank und erst recht sentimental. So kam's, daß er mit einer umständlichen, geistreichen, geometrischen Pfiffigkeit den Absomer vor der Fremdensaison, dem Spekulantentum, dem Dividendenschacher retten wollte. Aber das geht die Ingenieure rein nichts an!

Nochmals ging Emil alle Karten und Berechnungen durch. Ja, so war es. Schlau und naiv zugleich. Fast rühren konnte diese ausgedachte, erbarmungsvolle List des Armen. Er hoffte wohl durch geniale Zeichnung und romantische Nebensachen zu täuschen, und sicher, ein Phantast wäre überlistet worden. Aber so ein kalter Mann wie Emil Manuß, oho! – was denkst du eigentlich, guter Bert? Wirklich, du bist schwerkrank!

Draußen wogte der Lärm immer ärger ans Haus. Lachen, Heinzens Rufe, Hetzereien, kecke Antworten, Holzschuhe, Hüst und Hott! – Doch Emil weilte jetzt droben in der Einsamkeit des Absomer und hörte nichts mehr. Er begann mit scharfer Stiftspitze in den Entwurf hineinzukorrigieren, kürzte Wege, löcherte Felsen, wagte Steilheiten von dreißig Grad, verband mit einem festen Strich zwei Wände, zwischen denen ein grausiger Schlund gähnte, überwölbte hier einen Gießbach, schuf dort eine Wuhre gegen das Wasser und einen Damm gegen faules Steingeriesel und operierte so beflissen am Berge, daß ihm die Stunden nicht minder schnell verflogen, wie den Kindern draußen ihre Papierdrachen. Kein Uhrenschlag, keine Zeit, keine andere Welt mehr!

Gerade legte er das Brücklein über den schwarzen Spalt zwischen dem Kräjoch und dem Absomsattel. Fein hatte er es angestellt, wenn jetzt nicht mitten im Werk ein Sturmwind dreinfährt. Da, wahrhaft, rüttelt und poltert es wie besessen an seinen Fensterladen. Ein Toter wäre erwacht. Wütend schoß der Geometer auf, sprengte die Läden und blitzte dunkelgrün in den verdichten Haufen von Mädchen und Knaben hinunter. Die Mädchen mit ihren langen Zöpfen rutschten beängstigt rückwärts, dann auf und davon. Aber einige Knaben mit gespreizten Hosensäcken faßten sich ein Herz, zwinkerten kühn mit den wasserhellen Augen, und einer rief: »Inschenier, gebt uns den Zeppelin herab!«

Am Haken des Ladens hatte sich so ein Papierschiff verfangen, ein noch unmündiger Zeppelin, aber schon waghalsig und halbwegs flügge. Er baumelte am Riegel mit zerrissenen Gondeln und war auf einer Seite platt gequetscht. Es mußte sich ein schauerliches Manöver abgespielt haben. Die kleinen Burschen faßten es auch so auf. Sie fühlten mit, was das Schiff und seine Fahrer jetzt leiden mußten! Wie sie die Arme gegen die Erde streckten und brüllten: Um Hilfe, zu Hilfe! – Es war furchtbar, in diese Tragödie der Lüfte hinaufblicken zu müssen und nicht retten zu können! Die Knaben standen auf den Zehen und reckten sich fast die Arme aus und schrien: »Gebt herab! gebt herab!«

»Den Zeppelin herab!« bat die ganze Gasse.

Heinz stand unter den Kindern, wagte jedoch nicht zu fürbitten. Ihn traf der erste zornige Blitz von da oben, und er senkte den Kopf wie ein armer Sünder. Er wußte, was kam.

»Den Zeppelin herunter!« rief nun schon mehr befehlend das wachsende Völklein.

Emil überwand seine Heftigkeit. Mit äußerlicher Kälte nahm er das Schiff vom Haken. Fünfzig Kinder hielten jetzt ihre auffangenden Hände hoch. Der Mann am Gesimse aber betrachtete das Schiff genau und riß ihm dann langsam den Bauch auf.

Ein hochstimmiger Schrei von unten begleitete diese Grausamkeit.

»Er ist kaputt,« sagte Emil kühl und warf die Fetzen über die Köpfe. Dennoch hatte ihm das Spielzeug mit dem einfachen, federleichten Triebwerk in der Hülle gefallen. Mit einer Miene von Eisen fuhr er dann leise und jedes Wort zwischen den langen Zähnen wir zu Kieseln meißelnd zu den Kleinen fort: »Ich muß studieren. Wer mir nochmals ans Fenster gerät, dem klopf' ich verschiedenes aus den Hosen! – Heinz!«

Er schloß die Läden wieder. Häßlich hatte sein rötlichbleiches, langes Gesicht mit den nagenden, gelben Zähnen ausgesehen. Wild und erschüttert blickten die Rangen noch lange zum Fenster und hielten Heinz fest, damit er nicht zu diesem Cheiben Inschenier verdammten Kerl von einen Ingenieur hineingehe, wo er gewiß Prügel bekäme. Ein kleiner, feuerbäckiger Ernstli aber stand vor ihn hin und sagte speiend und wortsuchend, wie Fünfjährige tun: »Wenn der Walter dagewesen wäre, – wißt, unser Walter, – er kann Skifahren und Velofahren und Reiten auch und – und – und mir springt er ohne Anlauf über den Kopf – und ist flink, gelt, Maxli und Hansli, geltet, – im hujum ist er mir über den Kopf, – ja, der Walter, wißt, – und hat mir kein Härchen getroffen, nicht eins, – wißt ihr, wenn der Walter dagewesen wäre, der hätte es dem In – In – schienier schon gezeigt – wie –«

Und Maxli und Hansli und selbst der immer zweiflerische Wernerli nickten voll tiefer Beistimmung. Ja, ja, der Walter, hoch wie eine junge Tanne, der hätte es dem Inschenier schon gezeigt. –

Dann zerstreute man sich. Aber jedes lebendige Bein im Oberdorf wußte, ehe eine Stunde um war, wie der neue Inschenier einen bösen, grünen Blick und einen Haß auf die Kinder habe. »Wir können ihn am Sonntag kaum einladen,« sagte der Pfarrer Daniel zur Frau. »Er liebt die Kinder nicht und wir haben das ganze Haus voll von Ferienkindern.« Die Pastorin stimmte bedauernd bei. Es tat ihr leid, einen so wichtigen Stadtherrn nicht ein bißchen nach den Stadtfrauen ausforschen und ihm dann zeigen zu können, wie sie trotz aller Küchenchefs in den großen Stadthotels eine Fleischplatte doch auch recht orginell zu garnieren verstehe.

Bis zum Mittagessen verlor Emil an Heinz kein gutes Wort. Nur Befehle gab er, was einzupacken sei, daß man um halb zwei Uhr aufbreche, daß er vorher ein kleines Schläfchen tun und punkt fünf Minuten vor der Abfahrt geweckt sein wolle.

Heinz hatte diesmal die Gnade, zu schweigen, sogar freundlich zu schweigen, ohne ein mürrisches Gesicht zu machen. Das war das Gescheiteste, aber auch Seltenste, was der empfindliche Bursche in solchen Lagen tat. Emil wurde dadurch beruhigt, und gerade, als er zum Nachtisch die ihm lieben Schokoladewaffeln zu einem Spitzglas Bordeaux naschte, durfte Heinz es schon wieder wagen, Karton, Schnüre und eine Federspule auf den Tisch zu legen und um den Grundriß für einen neuen Zeppelin zu bitten.

Emil wischte den Plunder mit einem Ruck des Ellbogens vom Tische.

Aber jeder Mensch bleibt irgendwo noch naives Kind. Und Heinz wußte, wo diese Tugend bei Emil saß. Ruhig hob er das Zeug auf. Am Nebentisch versuchte er nun selber den Plan zu zeichnen und auszuschneiden. Dazu klirrte er mit der Schere entsetzlich wichtig. Dann füllte er Emils Gläschen wieder und fuhr messend fort: »Ungefähr so – ja! – diesen Winkel hat er etwa! – Aber da – das ist schwer. – Herr Manuß, das könnt Ihr auch nicht! – na wart mal – vielleicht –«

Bei solch schlauem Getue war Emil neugierig nahegerückt und hatte, als ihm die Ungeschicklichkeit zu bunt wurde, ohne weiteres die Schere genommen und die Teile zugeschnitten. Scheinbar widerwillig und doch gern ließ er sich erbitten, auch die Spule einzurichten und das Gerippe zu bauen.

Wieder füllte Heinz das Glas und trug es ihm mitsamt den braunsten Waffeln herüber.

»Du willst mich bestechen!« sagte der Manuß, ohne zu lächeln.

»Wenn ich nur einmal das auseinanderhalten könnte,« entgegnete Heinz, »Ellipse und Parabel. Aber wer kann das? Nur der Miggi!«

»Hast du mich verstanden?« fragte Emil scharf und flimmerte den Narren sonderbar und mit einem verächtlichen Zucken des Mundes an.

Doch der unverwüstliche Heinz sagte, als hätte er Emil gar nicht verstanden: »Das ist doch eine Erfindung! Herrgott, wie groß! dieser Zeppelin!«

Als Emil schlief, kleisterte Heinz das Schiff fertig, hing die Drehflügel ein und verband sie mit der Federspule und dem Faden. Dann ließ er Zeppelin II. lustig vom Gaststubenfenster in die Kinder treiben. Die waren schon wieder alle da. Die höheren Klassen hatten am Morgen eine Schulreise in die Berge angetreten, und da hatten nun auch die Buchstabenhelden der ersten Kurse zwei freie Tage bekommen. »Wenn der Herr Ingenieur aus dem Hause geht, so verbergt das Schiff!« warnte Heinz.

»Jawohl!« versprachen alle dankbar.

»Wie heißest du?« fragte Ernstli und stand mit glänzend braunen Augen vor Heinz.

»Heinz!«

Alle lachten, am meisten der knopfnäsige Frager.

»So heißt ja euer Fuchs, auf dem Walter reitet,« sagte man zu Ernstli.

Dieser fand vor Lachen immer noch keine Worte. »So –so –« sammelte er sich endlich, »da hat also der Walter einen Heinz und ich einen. Nimm mich auf den Buckel!«

Heinz hob das Bürschchen ohne Kragen, Hut und Strümpfe auf die Achsel und lief mit ihm behend durch den Kinderknäuel dem Luftschiff nach. Beinahe konnte der Kleine es mit seinen Tätzchen abfangen. Aber dann riß der Wernerli an der Schnur, und weit weg war der Zeppelin II. Heinz keuchte und schwitzte, die Zipfel seines Bergkittels flogen, und die Jungen zerrten in unbändiger Lust ihn bald da-, bald dorthin, um seinem kleinen Reiter das Haschen nach dem Segler zu erschweren.

In diesem Augenblick trat der Pfarrer aus der Kirche, dahinter die Hebamme, die dickgezopfte Sopransängerin von gestern, der Sigrist und ein rundliches, feistes, kahlköpfiges Männlein von sechzig Jahren, mit grauen Stoppeln im Gesicht, aber dem genußsüchtigen, roten Schleckmaul eines Achtjährigen. Er trug einen ungeschickten, überlangen Festfrack. Das war der Armenhausvater vom Absom. Bei ihm lag die von schwerem Kindbettfieber ergriffene Cecilie Astli. Denn eine Abteilung des Hauses diente solchen Kranken, die von der Gemeinde erhalten werden mußten.

Die würdige Taufgesellschaft blieb einen Augenblick kopfschüttelnd vor so einem Auflauf stehen. Die Absomer sind bei Taufen, Beerdigungen und Hochzeiten von einer sehr ernsthaften, steifhölzernen Feierlichkeit.

Zuletzt faßte der Pate die Jungfer an der Hand, drückte und rieb seinen fetten Handballen mit schmutzigem Augenzwinkern um ihre Finger und sagte mit öliger Stimme: »Ihr bringt's Magdaleni mit in die Krone!«

Die junge Patin lachte und nahm der Hebamme sorgfältig die weißgebettete neueste Dorfbürgerin vom Arm. Dann ging der Zug mitten durch die stillgewordenen Kinder. Buben und Mädchen sahen totenschweigsam auf das kleine Wesen, das da, man weiß nicht wie, sich in die Mitte kugelt, nun auch eine Kinderstimme im Dorf haben will, und das doch einstweilen nicht mehr als ihr Spielzeug sein könnte. Eigen! –

Heinz hatte den Ernstli auf der Schulter behalten, obwohl jeder vorbeigehende Absomer ihm einen Blick schenkt, der soviel heißt, wie: »Du bist ein lebensgroßer Narr!« – Dem Pfarrer sagt er im Begegnen keck: »Meinen Reitknab sollte man gerade auch noch einmal taufen!« – Denn Ernstli hat alle Farben der Straße im Gesicht.

Daniel Munder nickt lächelnd und blickt dann vergnügt über alle die struppigen Köpfe. Alle hat er mit dem Taufwasser übergossen, auch die älteren alle, die Realschüler, die heut in die Berge gingen, die Konfirmanden und noch viel ältere. Und heut hat er zum ersten Male eine Patin in der Kirche gehabt, die auch noch von ihm getauft worden ist, die Dore Astli. Damals war er mager, sechsundzwanzig Jahre alt, bleich und blutlos von den Stipendienjahren in Erlangen, Tübingen und Berlin in diese stolze Gemeinde gekommen, und der Amtsrock, den der Vorgänger ihm belassen, hätte dreimal soviel Theologie verschluckt. Er zitterte bei der ersten Taufe und kam in der Predigt ganz aus dem Konzept, wenn sich ein rotes Nastuch entfaltete und eine Ratsherrnnase darin umständlich schneuzte. Dann verwechselte er Paulus im Korinther- mit Paulus im Epheserbrief und sagte: »Er erhub seinen Mund« – statt, wie der reformerische Professor in Berlin verlangte: »Er erhob seine Stimme«. – Vorbei, vorbei. Ruhig war er in diesen ruhigen Bergen geworden, behäbig in diesem behäbigen Volke. Statt Zwinglis Briefe zu übersetzen, wie er in den ersten Jahren vorhatte, und sich einen literarischen Namen zu erobern, gab er sich jetzt am Feierabend lieber mit einem Königsjaß Kartenspiel oder einem gemütlichen Geplauder und Blindekuhspiel bei seinen kindlichen Pensionären ab.

Mit eigenen, fast erschrockenen Gefühlen hat er jüngst die erste Trauung einer von ihm getauften Jungfer vollzogen. Nun werden schon die Patinnen und dann die Mütter kommen, die seine schüttende Hand erfahren haben. Wie er alt wird, wie er alt wird! Er schüttelt sich, als müßte das ergraute Haar von ihm fliegen.

Ernstli reitet indessen weiter und schreit seinem Roß unablässig in die langen Ohren: »Ich bin schon getauft! Was meinst du eigentlich? Da hast du's!« – Und er haut ihm eins.

Auf dem Steinsöller der Krone blickt der Pfarrer auf den Platz zurück und sagt sich leise: »Ich muß diesen Ingenieur am Sonntag doch einladen, – aber diesen Narren dabei. Und vielleicht ist es doch auch der Mühe wert, einige Aktien der Absomerbahn zu kaufen. Wir wollen sehen, wir wollen sehen. – Bitte, bitte, – Sie voraus, hübsche Jungfer Gotte Patin

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