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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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7

»Sette, wie spät ist's?«

»He, was gibt's denn da'?« – Emil reibt sich die vom Schlaf stets geschwollenen Augen. Er meint, im Manußhaus zu sein und sitzt auf. »Ist das Mond oder Sonne?«

Es ist das Frühlicht, gesponnen aus blassem Mond und noch blasser Sonne. Silber der Nacht und Gold des Tages mischen sich. Aber das Gold wird mit jedem Augenblick mächtiger.

Als Kind war Emil von überaus schwächlicher Gesundheit. Dann erstarkte er und seit dem siebenten Jahr hat er keinen Doktor mehr gebraucht. Aber seltsam! Jeder Tag schien eine kleine Wiederholung seines Lebens. Sowie der Manuß erwachte, fühlte er sich immer zuerst ungeheuer schwach, konnte keine Faust ballen und glich einem hilflosen Kind. Dann streckte und reckte er seine stahlgeschmeidigen Glieder, stemmte die Zehen an die Fußwand und bemühte sich minutenlang, eine Faust zu knoten. Nach und nach gelang's. Die Kraft kehrte zurück und Emil stürzte auf einmal wie ein Riese aus den Federn. Aber zu diesem Umschwung war doch ein Viertelstündchen nötig. Emil schämte sich dieser eigentümlichen Schwäche und verhehlte sie vor allen, Sette und Heinz ausgenommen. Auch im besten Spaß duldete er von Heinz keine Anspielung darauf. Der tat, als sähe er nichts davon, und so wollte es sein Herr am liebsten.

Die niedrigen Dielen und der Holzgeruch der Kammer erinnerten den Halbwachen, daß er in einem Gasthof im Gebirg übernachtet habe. Ei wohl, er besinnt sich nun auch, daß er mehrmals in der Nacht erwacht ist und die Stundenschläge vom nahen Turm gehört hat. Auch Träume hatten durch seinen Kopf gespukt, aber er wußte nicht mehr, was sie mit ihm getrieben. Eine Locke von Settens glänzend geblähtem Haar, etwas Schnee vom Absomer und die Zipfelmütze des Ueli blieb noch vom ganzen Schabernack übrig.

Dann hatte er eine Pfeife gehört. Der Milchmann! Jeden Morgen pfiff er vor dem Manußhaus.

Aber nun war es ganz etwas anderes, denn da lief ein unzählbares Getrippel und Getrappel mit schwerem Blöken und heiterem Meckern unter dem Fenster vorbei über den gepflasterten Dorfplatz. Eiskalte Bergluft lag im Zimmer. Emil sprang ans Gesimse und sah wohl zweihundert zottige und spitzbärtige Horntiere zum Dorf hinaustraben. Sie klebten wie eine einzige, vielhöckerige Masse zusammen, wo es tausendfach beinelt und schwänzelt und doch nicht voneinander kann. Bald erhob eine Geiß ihr schneidermäßig fürwitziges, bald ein Schaf sein schwarznasiges, pastorales Gesicht aus dem melodischen Rhythmus der Herde. Voraus war ein kleiner Junge mit der Holzpfeife gegangen. Aber unter der Kronentüre stand offenbar der eigentliche Herr des Zuges, ein Jüngling von rotblondem Kraushaar auf seinem runden Schädel. Er trug schwarze, zwilchene Hosen, eine rote Weste und einen kurzen, weißen Hirtenkittel. Am Rücken hatte er einen ledernen Sack hängen. Emil sah vom Fenster schräg auf den Burschen herab. Soviel er merkte, trug der Junge eine regelmäßige, schöne Stirne, breite, kurze, rotgoldige Brauen, ebenso rote, lange Wimpern und eine noch undeutliche, kurze Kindernase. Der Mund stand ihm breit offen, und zwischen den Lippen drohten eine Reihe weißer Schaufelzähne. Er hatte eine gerade, steckenhafte Haltung, war mager, langbeinig und an den Achseln sehr schmal. Das Gesicht wimmelte bis zur Nasenspitze von kleinen, feinen, braunen Märzenflecken. Es war tiefbraun von der Sonne oder dem Hirtenleben. Der ganze Bursche hatte etwas bald Rotgoldenes, bald Goldgelbes, woran besonders diese unbeschreiblich glänzenden, gelbroten Haare schuld waren. Die Augen des Jünglings sah Emil nicht, aber er hörte eine sehr sangvolle, helle Stimme, die das Hoihe! – hohoh! aus blitzenden Zähnen in die Herde rief.

»Das ist der Mang, den mir Bert anbefohlen hat, sicher.«

Unten sprach der junge Hirt mit dem Wirt im Hausgang. Dazwischen pfiff er und lockte und befahl in die Tiere hinein, alles mit einer noch ungebrochenen, hohen Stimme.

Emil zog Hosen und Weste an. Die Häuser über dem Dorfplatz, die höher lagen, hatten schon alle Scheiben voll Morgensonne. Hier war noch eine Minute Schatten und daher alles noch nacht- und felsenkalt. Aber schon berührten die goldenen Fußspitzen der Sonne die wolligen Schafrücken und die langen Ziegenbärte, und auf einmal stand sie beherzt mit der ganzen Sohle auf dem Boden. Sogleich ward der Platz weiß von Licht, die Schafe leuchteten, die Ziegenhörner funkelten, das Getrappel ward schneller. In die Höhe! In die Höhe! Emil merkte, wie es ihn zur Arbeit am Berg mitzog.

»Mach's gut!« rief die Stimme im Hausgang, »und gib mir auf den Seppli acht! Längstens morgen früh kommen wir nach, der Inschenier vielleicht vorher.«

Der Junge, ohne sich zurückzuwenden, sprang von der Türplatte und sagte: »Adi-ä-ä!«

Dann hob er das Gesicht gegen die Turmuhr und rief: »Heijo! schon halber sechs!«

Jetzt sah der Manuß in das frische, wangenrote, aber trotzdem eigentümlich düstere Knabengesicht. Stolz, finster, in sich gekehrt, aber gescheit sah er aus. Viel verschuldeten dabei die dicken, schräg von der Nase in die Stirne gebüschelten Brauen. Nicht halb überwölbten sie die Augen, sondern schossen fast gerade auf und sahen wie zwei gegeneinander gezückte, breite, bronzene Schwerter aus. Strengte er sich in etwas an, so wie er ins glitzrige Zifferblatt emporgeschaut hatte, dann zog sich die getüpfelte Stirne zusammen, es gab einen tiefen, kurzen Schnitt ob dem Näschen, und die zwei Schwerter gerieten fast zusammen. Doch das Seltsamste in diesem Gesicht waren die Augen. Emil hatte gedacht, hellbraun müßten sie in diesem Gesichte sein. Nun erglommen sie mit einem leisen Schiller ins Grüne zündend blau und schauten so naß und funkelnd wie zwei kleine, tiefe Alpenseelein aus dem unspaßigen Bubengesicht hervor.

»Grüezi!« sagte Mang unbefangen, als er den Ingenieur sah.

Emil grüßte und lachte sich heimlich aus, weil er so höflich dazu mit dem Kopfe genickt hatte. Gegen diesen Holzschuhknaben!

Mang aber schritt hinter den letzten Schafen hoch einher, ohne Hut, die Gerte schwingend und ganz wenig zum Ueli zurücklächelnd, als dieser nachrief: »Hast auch Bücher mit?«

Indessen war Emil völlig munter geworden, nur seine schmalen Augen schienen noch wie jeden Morgen vom Schlafen entzündet. Wie ein Kind rieb er darin, bis sie überflossen. Dann rannte er zur Türe von Heinzens Kammer, krachte sie rücksichtslos auf und schrie: »Auf, Alter!«

Heinz lag schon lange wach auf dem Rücken und schielte zum Fenster hinaus. Die ganze Bergkette blickte über die nächsten Hügel mit einem Dutzend Gipfel herein. Alle blitzten mit ihrem Schnee im Morgen wie weiße Kerzen.

»Guten Morgen, Emil!« sagte Heinz und streckte die Hand entgegen. Lässig nahm sie Emil. »Seht Ihr einmal das Gesimse hinab,« plauderte er weiter, »das ist die Hinterseite des Dorfes, und wir sind hoch oben auf einer Terrasse.«

»Steh du jetzt nur auf!« gebot Emil und trat ans Fenster. Wirklich, diese ganze Häuserseite fiel steil über eine Böschung in tiefe Wiesen hinunter, die sich glatt und still mit wenigen Bäumen und Höfen zu den waldigen Hügeln hinüberdehnten. Wie ein grünes Meer war's und die Gehöfte wie alte Schiffe und die paar Föhren daran wie Mastbäume. Dünne weiße Sträßchen zogen hindurch und allenthalben zerschnitt ein brauner Hag das Gefild in kurzweilige Stücke. Sennen mit blendender Sonne auf ihren blechernen Milchtausen gingen langsam dorfwärts. Schneller eilten einige Fädlerinnen oder Stickerinnen in ihre Arbeitsstuben im Dorf. Denn hier ward feine Fingerarbeit verrichtet.

Von ferne in die Landschaft nickte und regierte der Kopf des Absomer. Von hier gesehen stand er hinter den Vorbergen ziemlich zurück. Aber er mußte hochgewachsen sein, daß er hinter so starken Steinkerls noch so wuchtig erschien. Der blaueste Himmel lachte ob seinem groben Scheitel. Eine breite Binde von Firn ging ihm um den Hals.

»Das ist er!« entfuhr es Emil.

»Zuerst war er dunkelblau,« sagte Heinz, »dann violett. Das hättet Ihr sehen sollen. Violett wie das Seidenfutter Eueres Hutes. Oder wie, wie – wie ein Bischofsmäntelchen.«

»Willst du wohl aufstehen!« herrschte ihn Emil nun strenger an und zog ihm das Kissen unter dem Kopf weg. »Und dann ward er sicher rot – und dann gelb –« spottete er.

»Ich lüge nicht! – ja, dann rot wie unser Blut, ganz überspritzt davon. Manuß, ich sag' Euch –«

»Man muß dich hinauspeitschen!« lachte Emil, der eine Hundepeitsche an der Wand hängen sah. Belustigt, aber ernsthaft lies er sie über dem Bett Heinzens schwirren. Der Diener vergrub das Gesicht in die Decke. Mit jedem Hieb verhärtete sich Emils Gesicht. Er biß die langen, gelben Oberzähne in die dünne Unterlippe.

»Halt! halt! – wir sind jetzt nicht am Kongo! hört auf!« schrie der verschüchterte Faulenzer. »Frau Sette, Frau Sette, zu Hilfe!« lärmte er mit komischem Entsetzen.

Emil lachte trocken. Das Fürchtenmachen gefiel ihm.

»Sagt, habt Ihr den Brief gelesen, den von Frau Sette?« Mutig setzte sich Heinz plötzlich im Bett auf. Ein Zwick traf ihn auf die Achsel.

»Hör' auf, Miggi! ich bitt' schön,« bat nun Heinz in der alten, heimeligen Sprache, die er ehedem gegen den Knaben und Schüler Emil hatte reden dürfen. Er rieb an der Achsel, wo es schmerzte, aber blieb aufrecht und schlug kein Lid mehr nieder. »Frau Settens Brief, Miggi!«

Diese Tapferkeit gefiel Emil. Er schleuderte die Peitsche in die Ecke und warf Heinzen die Hose ins Bett.

»Sput' dich ein wenig! Welcher Brief? – ach ja, du hast ihn mir beim Einschlafen gebracht. Da war ich zu müd'. Wo ist er? wo ist er?«

Heinz schlüpfte in die Kleider. Das ging so rasch, wie bei einem, der sich daran gewöhnt hat, jeden Augenblick in der Nacht aufkommandiert zu werden. Emil aber warf sich in den Lehnstuhl am Fenster, strich ungeduldig seinen seidenweichen, kurzen Schnurrbart und befahl: »Die Stiefel! die Uhr! den Brief!«

Das barfüßige Faktotum holte alles aus Emils Kammer. Dann kniete es vor seinen Herrn hin und zog ihm die weichen, aber hartgenagelten Bergschuhe an und nestelte sie fest zu. Wie ein Sklave! Und er tat es gern und blickte zufrieden zum anscheinend gefühllosen Herrn empor. Dienen war sein Bedürfnis, seine Seligkeit. Sein Lebtag hatte er nichts anderes gekannt.

Emil fächelte sich die Wangen mit dem breiten Briefkuvert.

»Leset ihn jetzt, bitte!« bat Heinz. »Derweil' bürst' ich Euch die Schuhe besser. Sie sind schlecht gewichst.« – Und sogleich zog er ein Bürstchen aus der Tasche und trieb einen heißen Glanz aus dem matten Leder. Emil liebte glänzende Schuhe.

»Wie, Ihr schiebt den Brief in die Tasche? – dann vergeßt Ihr ihn gar noch. Sagt nicht nein! – auch schon, auch schon! – Wenn das Frau Sette wüßte! – der andere Fuß!«

Emil legte den zweiten Schuh über Heinzens Knie und sah nachdenklich ins Gebirge hinauf. Wo ging's da eigentlich hinauf? Gleich nach dem Frühstück wollte er Berts Karten nochmals durchgehen, dann um Mittag ins »End« fahren und bis Miezeler oder gar bis zur Alp hinaufsteigen. Er sehnte sich, je eher, je lieber in der gewaltigen Welt dort oben zu arbeiten.

Aber kopfschüttelnd fuhr Heinz fort: »Den ersten Brief seiner Frau! – Und nicht drauf losspringen und ihn verschlingen wie ein Verhungernder! – Jesses, seid Ihr ein Mensch! Hebt den Schuh ein wenig! so! – was für Teufelswichse haben denn die Leute hier drangestrichen, Kuhmist? – Die Briefe meiner seligen Agnes haben mir jedesmal einen Rausch angehängt. Ich wär' gestorben, hätt' ich sie nicht gleich aufreißen und essen, nein fressen können! Euch versteh' ich gar nicht. Ihr seid kalt wie ein Ofen im Sommer. Herrgott, könntet Ihr denn gar nicht lieben?« – Wie ein Beter vor einem starren Götzenbild kniete Heinz da und blickte auf diesen Gott, dessen Lippen leise spöttisch zuckten.

Emil hörte etwas, aber es war ihm reines Gefasel. Heinzens Vielrederei, bah! – Da oben unter dem Schnee des Absomerkopfes floß eine breite, schiefe Strecke Geriesel. Die wird zu schaffen geben. Nah' darunter muß die Absomalp liegen.

»Vielleicht ist ihr unwohl! – vielleicht fragt sie nach Euch – man weiß ja nie, was fern geschieht. Auf dem Stempel steht Basel.«

Wo möglich noch heut dort hinauf! Aber Decken und Proviant mit, Fleisch und Rum. Ich bin kein Milchkalb. »Heinz! schau, wie hochmütig der Absomer auf uns herabguckt, der Donnerwetterskerl!«

»Sicher hat Frau Sette schon Heimweh, Miggi! Sie leidet! Sie plagt sich mit Gedanken an dich! – Tu' ihn auf, Miggi! – Hör' auch wieder einmal auf mich! – Seht Eure Schuhe, – glänzen sie genug?«

Emil sprang auf, das alte, treue Knechtlein schier über den Haufen werfend. »Komm hinunter, Heinz, zum Kaffee! Er riecht fein herauf! – Und dann ans Werk – 's wird ein strammer Tag! Der Absomer mag sich vorsehen!«

»Der Brief, Herr!«

»Auch ihm kann man das Genick brechen, – wir kennen keine ungebrochenen Majestäten, wir Ingenieure! – Und du, alter Märchenerfinder, hör' einmal auf mit deinen Geschichten! – Das war dem Buben etwa gut! Immer vergissest du das! – Du hast, mein' ich, gesagt, Lieben, Heimweh, Herz und andern Unsinn! – Ich sag': Kaffee und Butter und Alpenkäse, und hernach – Geometrie!«

»Und zuhinterst doch die Liebe!« beharrte Heinz hartnäckig.

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