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Berge und Menschen

Heinrich Federer: Berge und Menschen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHeinrich Federer
titleBerge und Menschen
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrun183. - 193. Tausend
year1941
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderhosch.lauta (ät) web.de, Holger Schmidt
created20150716
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6

Der Pfarrer aber fuhr immer lauter und immer mehr Zuhörer sammelnd, in seiner Erzählung aus dem Jahre 1551 weiter: »– Und da zogen die Katholischen von da drüben, die ihre Messe und den Papst nicht verleugnen wollten, und die Evangelischen hierseits mit dem Prädikanten und Luthers schwerer deutscher Bibel voraus, zogen mit geschwungenen Schwertern und unter grimmigem Psalmensingen sich entgegen, um einander zur gleichen Seligkeit zu zwingen und zu quälen.« – Der Bergknöpfel begleitete das Wort mit schmerzlich hohen Tönen. O, er kannte, wie alle diese Alten da, die Chronik!

»Wahrscheinlich bin ich einmal hier gewesen, wie der Bert auch sagte, Anno – ei was, das ist ja gleichgültig,« sann Emil widerwillig nach. Im vierten Semester war's, glaub' ich! Das ist wohl ein Ton daher. Meinetwegen! – Um die vielen Dorf- und Bergnamen hab' ich mich gar nicht gekümmert. Ja, der Bert hat alles aufnotiert. Der war immer so.« – Emil mußte lächeln. »Ich tat's zur Erholung meiner abstrapazierten Examennerven. 's ist aber doch alles Wildheit und Hetze gewesen. Am Tag auf so und so viele schöne Gipfel und abends gespaßt mit so und so vielen hübschen, kräftigen Bergtöchtern. Mich hat's wieder stramm gemacht. Da hab' ich ja wohl meine Schlingelkraft ausgetobt. Aber, –« sann er, sein Lächeln rasch begrabend, weiter, »aber solches Schwätzen und Singen und so eine Stimme gibt es wohl nur hier, daß es einem so nachgeht.«

»– Am Bach standen sie einander vor die Stirne, Schwert und Kreuz dort, Schwert und Bibel hie. Und jeder sah mit seinem Aug' nur Feindschaft und Tod im andern. Da waren Bruderskinder und Verschwägerte vom dünnen Wasser geschieden. Weiter hinten standen beidseits eine Reihe Gewehrtragender und eine alte Kanone geladen und zundbereit. Wenn der Prädikant das Buch über die Köpfe hob oder der Pfarrer drüben die violette Stola schwenkte, dann sollten sie schießen.« –

»Die violette Stola, – der Pastor kennt die Chronik auswendig,« dachte der katholische Ratsherr.

Die meisten hörten jetzt das ihnen wohlbekannte Ereignis an. Schöner als der Pfarrer mit seinem Bariton kann's kein Mensch erzählen. Der Bergknöpfel freilich musizierte leise dazu, und etliche summten ebenso leise mit, auf und ab, wie über helle, runde Hügel und Täler.

»– So schauten sie sich an,« fuhr der Pfarrer gewaltig fort, »und wollten einander bekehren, aber fanden vor den vielen harten Gesichtern des Gegners kein Wort, das mächtiger als aller Zorn und Angriff wäre. Schweigen herrschte. Das Knirschen der Waffen, die man aus dem Leder zog, ging durch die Massen –«

»Das Knirschen der Waffen, – akkurat so steht's!« lobte leise der Mattler.

»Die Katholischen dachten: das sind sie, die unsere Altäre zerschlagen und die goldenen Meßkelche zu Geld geschmolzen haben. – Und die Evangelischen: das sind sie, die uns in alte, rostige Ketten zurückwerfen wollen, – die unseres edeln Huldreich Zwingli Gebeinasche in alle Winde verstreut haben. Und der Grimm würgte sie. Laßt uns stürmen, hier hilft kein Reden mehr! – Es war unter den Evangelischen abgemacht, vor dem Kampf zu singen: ›Alles Leben strömt aus dir‹, – wisset, mein Herr,« wandte sich der Pfarrer an Heinz, »das ist unser uraltes Lied, mit dem das Volk der zwanzig Dörfer seine Landsgemeinde heut noch eröffnet. Ein Magister hat's an der Kirchenorgel ersonnen.«

»Aber auch die Katholischen hatten sich auf dieses Lied geeinigt. Auch sie sangen es ja an der offenen Tagung des Landes mit. Und so hörte man jetzt von beiden Seiten zugleich die wunderherrliche Strophe:

Alles Leben strömt aus dir
Und durchwallt in tausend Bächen
Alle Welten, – alle sprechen:
Deiner Hände Werk sind wir –«

»Deiner Hände Werk sind wir!« wiederholten alle Zuhörer lauter, nachdem sie die Verse in ihrer choralhaften Melodie leise dem Pfarrer nachgesungen hatten. Emil wußte sicher, daß er diese Weise schon einmal gehört habe. Neben der Bahn im Tobel wogte und tobte der Bach und rauschte schwer, als rege ihn das Furchtbare, was er damals erlebte, heut noch auf.

»– Die singen ein Lutherlied! – Die singen ein Papstlied! – dachte man hüben und drüben. Denn man konnte vor dem eigenen Sang die andern nicht verstehen. –

»Aber als der letzte Vers ›Deiner Hände Werk sind wir‹ nach und nach verklang, merkte jede Partei, daß die andere das gleiche Lied gesungen habe. Und ein Staunen faßte sie. Das gleiche Lied! Das gleiche Lied! – Sind wir denn nicht fortan ungleich durchs ganze Leben und alle Ewigkeit? Wieso das gleiche Lied?

»Und sie erinnerten sich, wie sie vor der großen Spaltung in den gleichen Kirchen und auf dem gleichen Landsgemeindeplatz zusammengekommen waren, jahrhundertelang, und die Obrigkeit gewählt, die Satzungen festgelegt, den Vogt ins Untertanenland bestellt, die Alpsömmerungen ausgemacht, und wie sie, die große Bergfamilie des Gaues, sich hier für Freud' und Leid eines Jahres fest vereidigt hatte. Und nun mußten sie einander ans Blut geraten wie Raubtiere.«

»Wie Wölfe,« verbesserte leise der Ratsherr von Mattli. »So steht's!«

»Ihre Hände hielten die Säbel lockerer, und sie blickten einander minder grimmig an. Ja, sie erröteten. Kains Scham griff sie an. Nur der Prädikant und der Pfarrer behielten sich mit tapferem Zorn im Auge. Die Evangelischen begannen die zweite Strophe, und gleich fielen die Katholischen, die doch jetzt kein neues Lied mehr singen konnten, mit in die Verse ein:

Daß ich fühle, – daß ich bin,
Daß ich dich, du Großer, kenne,
Daß ich froh dich Vater nenne, –
O ich sinke vor dir hin!
O ich sinke vor dir hin.« –

Wieder begleitete der Orgeler, wieder sangen die Leute mit, diesmal schon laut. Es war wie halber Kirchengesang. Heinz wußte sich vor Entzücken über diese Poesie ringsum nicht zu fassen. Zusammenhang von Seele und Natur, da sieht man!

»Jetzt,« deklamierte der Pfarrer fort, »wußten alle, daß sie mitsammen gesungen. Das rauschte mächtig in die Lüfte und packte gewaltig die Herzen. Es war, als ob die gleichen Worte und die gleiche Melodie diese erzürnten und entzweiten Menschen wieder zusammenbinde. Einige Bekannte lächelten einander herüber, hinüber an. Zwar die Geistlichen trotzten noch immer hart gegeneinander. Aber die Bibel ward nicht gehoben und die Stola nicht geschwungen. – Was sollen wir? – morden? – wenn wir den gleichen Vater kennen und den gleichen Vater nennen? – Sünde ist's, was wir tun.«

»Es war gegen zehn Uhr vormittags, genau die Stunde, da unsere Landsgemeinde anfängt. Ein heller Apriltag! Dann glänzt der Schnee auf den Bergen wie schmelzendes Silber. Der Föhn geht. Alle Gipfel rücken groß und nah heran. Man merkt den Lenz. Und es ist, als ob der Herrgott neben einen stehe, so feierlich und voll großen Lebens.« –

»Woher hast du das?« rief leis der Mattler; »in der Chronik steht es nicht.«

»Und zum dritten Male und mitsammen begannen die Bauernheere mit ihren rauhen Kehlen:

Deiner Gegenwart Gefühl
Sei mein Engel, der mich leite,
Daß mein schwacher Fuß nicht gleite,
Nicht sich irre von dem Ziel,
Nicht sich irre von dem Ziel!

»Da hielt sie nichts mehr. Man schrie laut auf und sprang übers Bächlein zueinander, weinte, umarmte sich und bat unendlich um Verzeihung. Man tauschte die Säbel zum Andenken, lud sich auf Sonntag zu Gast und trug sich zu Gevatter an. Es war wieder ein Volk. Die Kanonen fuhr man heimlich und beschämt hinter die Haselstauden und riß den Feuerstein von den Büchsen. Ein großes, heiliges Volkslachen und Volksweinen schlug wie zwei Wellen ineinander, und nur die zwei Pfarrer standen noch wie zwei Eisberge darin. Ihre harte Buchweisheit sträubte sich vor solcher Kapitulation. Vor den Herz kapitulieren, dem unsinnigen, schwankenden – diese Schriftgewaltigen, Alleinwissenden – nein, niemals! –

»Aber da rief es: ›Wo sind die Pfarrer? Sie müssen sich die Hände geben, sie hätten's zuerst tun sollen. Vorwärts, die Hände geben! Wir wollen Frieden, Frieden, Frieden.‹

Man drängte und stieß die Herren nicht gar sanft gegeneinander. ›Ob ihr wollt oder nicht, ihr müßt!‹ Drohend umringte man sie, schlug an die Gürtel und klopfte auf die Säbelköpfe. ›Sofort, auf der Stelle!‹

Und da gaben sie sich die Hände, der beweihte Prädikant und der jungfräuliche Pfarrer und verzogen den Mund vor innerem Weh.

›Und küssen sollen sie sich!‹ stürmte und begehrte es brausend.

Da sah der eine dem andern nah ins Auge. Immer hatten sie sich nur von weitem gesehen, wie Feinde. Zum ersten Male sahen sie sich nun menschlich nah an. Und jeder sah neben etwas Tapferem auch etwas Warmes und Freundliches, neben einer harten Bibel- und Schulgerechtigkeit auch etwas wie Herz glänzen und dachte: Mein Bruder irrt zwar, aber er ist gut. Er hat auch Liebe. Ich will ihn gern küssen.

Und sie reichten sich den Mund.

›Der Herr mit dir!‹ sprach der Absomer.

›Pax tibi!‹ der katholische von Mattli, zu Deutsch: Wir wollen Frieden haben.

Und alles, was zusah, weinte oder lachte vor grenzenloser Freude.

Dann ward entschieden, daß die Evangelischen auf diesem linken Ufer, die Römischen auf dem rechten bleiben und ihres Glaubens froh werden sollen, daß der Bach da die Bekenntnisse scheide und daher Scheidbach heißen solle. Aber nur die Bekenntnisse, nicht die Liebe soll er scheiden.«

»Und hat's doch getan,« brummelte der Ratsherr.

Aber das Wort ging unter im Spiel Bergknöpfels, der allen zunickte, den Choral nochmals zu singen. Während das Bähnlein durch einen gesprengten Felsklamm gen Absom holperte, ward der Chor wiederholt. Aber ohne Worte, schon weltlicher, im Dreivierteltakt. Am Ende ging's ohne viel Federlesens aus dem heiligen Lied in einen tüchtigen, fast tanzhaften Jodel über, und zuletzt ward's ein wahrhafter Walzer. Der Wagen jubelte mit. Und hoch über alle Stimmen hinaus, wie das höchste Glöcklein im Turm, das kleine, zu oberst, gerade am Schalloch unter dem Helm, so klingelte die Stimme der Sopranjungfer. Ihre Töne leuchteten förmlich. Auch Heinz sang mit, so gut es ging.

Aber wie das Bähnchen nun aus dem Felsschnitt rutschte und urplötzlich in ein ganz grünes Hochtal geriet, wo hinten das Dorf Absom stolz und sauber im blauen, überhängenden Waldschatten lag, zuerst Hügel, dann Alpweiden, dann graue Felsen mit weißen Schneeschärpen, und endlich das letzte und beste von allem, den urblauen Gebirgshimmel über sich, und als Emil alle diese Gesichter sah, die beim Singen etwas Liebes dachten und etwas Inniges bei sich trugen, darunter die Hebamme mit unaufhörlichem Kindchengeküß, den Bergknöpfel mit dem unsterblichen Holz im Mund, den Tubäkler und Ueli, die mit einer wahren Wonne aufs Dorf und seine Berge schauten, und vor allem auch die vorsingende Jungfer, deren Augen lachten und sicher auch ein liebes Geheimnis bargen: da fühlte sich Emil wie noch gar nie in seinem Leben in seiner kühlen Verstandesart mit dem fast eingeschläferten Herzen wie von allen Seiten fremd und abgestoßen, und packte Heinzen, der sich nun gar auch noch mit Singen und Wundern an diese gefühlvollen Leute festkleben wollte, unwillig am Arm: »Du gerührte Seele! He, nimm das Zeug zusammen, wir sind ja im Dorf!«

Ueli half zutunlich mit. »Dort ist die Wirtschaft, Inschenier!«

Er zeigte auf ein stattliches Haus mit geschweiftem Dach und einer vielzackigen, vergoldeten Krone über dem niedrigen Tor. Man fuhr durch die Dorfstraße hinauf, an der Kirche, am Pfarrhaus vorbei. Daniel Munder nickte seiner Frau zum Fenster hinauf und dachte wie immer an dieser Stelle: Wie schade, daß das Bahnhöflein nicht hier, sondern noch hundert Schritte weiter liegt! Man könnte unterweilen fast zwei Kapitel Matthäi lesen oder eine Eröffnungsrede für den Großen Rat studieren. – Übrigens wollen wir den Ingenieur Sonntags zu Tische laden. Er scheint ein sehr distinguierter Mensch zu sein. –

Müd und verschlagen von diesem holperigsten aller Bähnchen ließ sich Emil sogleich die zwei grün tapezierten, hübschen Kammern Berts einrichten. Er sah auf den großen, nur von einigen Kinderstimmen und wenigen Schritten belebten Dorfplatz hinaus. Die Fenster der jenseitigen, herrischen Häuser brannten in der Abendsonne. Wie still! Und doch war das also das Dorf dieses Broller, dieses Brandstifters Bastian, dieser wilden, kindergebärenden Jungfer. Hier hatte Bert gehaust und dort hinten ging's gegen den Absomer hinauf. Und da, da geht ja die Vorsängerin über den Platz die so seltsam: Sonne! rufen kann. »Diese Jungfer, diese Jungfer!« lispelte er.

»Was sagt Ihr?« wunderte sich Heinz allmächtig. Er hatte genau verstanden.

Emil sah ihn barsch an, aber meinte dann gegen alle Erwartung milde: »Man jodelt hier sehr schön! Es hat mir gefallen!«

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